Kea von Garnier – Restsommer – Tiefgang – das Kulturfeuilleton https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Sat, 21 Feb 2026 14:13:25 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0.1 „Fühlen und Wollen kann Rebellion sein“ https://www.tiefgang.net/fuehlen-und-wollen-kann-rebellion-sein/ Tue, 10 Mar 2026 23:44:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13406 [...]]]> Kea von Ganier arbeitete in einem Job, den sie nicht liebte, versuchte sich als Grafikerin und spürte dann, das Worte ihr Ding sind. Sie begann in Hildesheim Literarisches Schreiben zu studieren und publizierte 2020 ihr erstes (Sach-)Buch „Die Vögel singen auch bei Regen“.

Jetzt bietet sie Schreibwerkstätten und -coachings an und debütiert bei den SuedLese Literaturtagen sie mit ihrem ersten Roman „Restsommer“. Wir haben mit ihr gesprochen.

Tiefgang (TG): Kea, nach deinem Sachbuch „Die Vögel singen auch bei Regen“ ist „Restsommer“ nun dein Romandebüt. War der Wechsel von der Sachbuchebene zur Fiktion ein lang gehegter Wunsch, oder hat Dominiks Geschichte diese Form einfach eingefordert?

Kea von Garnier: Fiktion war immer das Ziel. Das Sachbuch war quasi mein Vehikel, um mich dem literarischen Schreiben zuwenden zu können – der Vorschuss für mein erstes Buch hat das erste Semester meines Studiums am Literaturinstitut Hildesheim finanziert.

Fiktionale Prosa ist und bleibt mein Fokus, deshalb arbeite ich auch schon am nächsten Romanprojekt. Für mich hat Fiktion eine ganz eigene Magie: Der Moment, in dem die Figuren ein Eigenleben entwickeln, in dem sie sich meinen Ideen widersetzen und anfangen, mir ihre Version der Dinge zu erzählen. Das ist für mich, auch wenn es vielleicht etwas pathetisch klingt, einer der erfüllendsten Erfahrungen, die das Leben bietet.

TG: Dein Protagonist Dominik steht kurz vor dem Ende seiner Schulzeit und soll das Bestattungsinstitut seines Vaters übernehmen. Dieser Kontrast zwischen der Welt des Abschieds und dem Aufbruch der ersten großen Liebe ist der Rote Faden. Wie kam die Idee zustande, eine Geschichte ausgerechnet in diesem Umfeld anzusiedeln?

Kea von Garnier: Ich bin grundsätzlich davon fasziniert, dass wir Menschen uns unserer eigenen Vergänglichkeit so bewusst sind. Weil das allem, was wir tun, eine gewisse Dringlichkeit gibt. Und für mich lag genau da ein interessantes Spannungsfeld: Eine Figur wie Domi, mitten in dieser Sturm-und-Drang-Phase, in der emotional alles mit dreifacher Intensität auf einen einprasselt, der so eine große Lust aufs Leben hat – und in diesem Streben, in dieser Wachstumsphase, ist er mit etwas konfrontiert, das ihn massiv hemmt und ihm den glatten Weg in die Welt verwehrt.

Dieses „Ich will, aber ich kann nicht“ – das ist ein Gefühl, das in meiner eigenen Biografie aufgrund meiner chronischen Erkrankungen eine große Rolle gespielt hat und der Punkt, in dem ich Domi von Anfang an sehr nahe war.

Außerdem bin ich starke Hypochonderin – mich mit dem Bestattungswesen zu beschäftigen, war also auch eine persönliche Konfrontationstherapie. (lacht)

TG: Das Buch handelt ja aber auch vom Mut, den vertrauten Boden zu verlassen und für die eigenen Träume zu springen. Als Schreibmentorin hilfst du anderen dabei, ihre eigene Stimme zu finden. Wie viel von diesem Mentor*innen-Geist steckt in der Geschichte?

Kea von Garnier: Es steckt ganz sicher etwas von diesem Geist in Restsommer – ich mag es, Figuren zu schaffen, die viel fühlen, die wirklich etwas wollen. In der Gegenwartsliteratur haben wir es ja oft auch mit Figuren zu tun, die in einer depressiv angestrichenen Passivität auf die Welt reagieren und wenn man sich den Zustand der Welt anschaut, dann kann ich das komplett verstehen. Mein Schreiben ist aber immer der Versuch, dieser nachvollziehbaren Resignation oder Ohnmacht etwas entgegenzusetzen. Ich will nicht aufhören, zu träumen, zu wünschen, zu drängen. Außerdem glaube ich, dass in der Emotionalität, in der Verletzlichkeit, die immer mit in den Ring steigt, wenn wir etwas wagen (ob im realen Leben oder in der Fiktion) ein Gegengewicht liegt. Dass das Fühlen und Wollen eine Rebellion sein kann gegen die von Kapitalismus und Patriarchat geprägte Gesellschaft, in der wir geräuschlos funktionieren sollen. Ich will von Figuren lesen und schreiben, die etwas wollen – egal, ob sie damit scheitern oder nicht.

TG: Du studierst Literarisches Schreiben in Hildesheim. Inwiefern hat die akademische Auseinandersetzung mit Texten deine eigene Art des Erzählens geprägt? Wird man durch das Studium strenger oder gar kritischer mit den eigenen „Erstlingen“?

Kea von Garnier: Definitiv wird man kritischer! Aber gleichzeitig habe ich das Schreiben noch mal auf einem viel tieferen Level lieben gelernt. Und die Auseinandersetzung damit. In Werkstätten über Texte zu sprechen, sich intensiv mit ihnen auseinanderzusetzen, hat mir viele Werkzeuge an die Hand gegeben, mit denen ich bewusstere Entscheidungen beim Schreiben treffen kann. Ich wehre mich auch entschieden gegen diesen „Genie“-Gedanken, der oft auch eine klassistische Komponente hat. Dieses „Wunderkind“-Narrativ verursacht in mir ein Störgefühl – Schreiben kann man lernen. Man muss es auch nicht gleich studieren, aber es ist eben auch ein Handwerk und wenn wir Zugang zu diesem Wissen schaffen, können uns mehr Menschen ihre Ideen und Lebensrealitäten erzählen. Das kann uns als Gesellschaft nur voranbringen, unsere Empathiefähigkeit schulen und gesellschaftliche Missstände ins Licht der Aufmerksamkeit rücken.

TG: Deine Lesung findet im Stellwerk statt – ein Club und Ort direkt im Harburger Bahnhof über den Fernzuggleisen, an dem buchstäblich Weichen aller Art gestellt werden. Das passt metaphorisch perfekt zu Dominiks Situation, oder? Passt dieser Ort des Transits für Ihre Geschichte?

Kea von Garnier: Ja, das ist wirklich ein perfect match! Und es gibt ja diese Transitzonen immer wieder im Leben, die Pubertät ist oft nur die erste. Wir werden im Leben immer wieder an Punkte kommen, in denen wir uns fragen: Weiter wie bisher oder ganz anders? Sowohl auf individueller Ebene als auch als Gesellschaft.

TG: Auf den Social Medias bist du sehr aktiv zu Themen wie Feminismus und mentaler Gesundheit. Schwingen diese Perspektiven auch zwischen den Zeilen von „Restsommer“ mit, etwa wenn es um männliche Rollenbilder oder den gesellschaftlichen Erwartungsdruck geht?

Kea von Garnier: Unbedingt. Das ist für mich eine große Motivation gewesen, diese Geschichte zu schreiben – zu zeigen, was passiert eigentlich, wenn zwei junge Männer in einem Umfeld aufwachsen, in dem die vom Patriarchat erwartete emotionale Fürsorge durch die Mütter ausbleibt? Domis Mutter ist physisch abwesend, Biffs Mutter ist durch ihre psychische Versehrtheit nicht in der Lage, Care-Arbeit zu übernehmen.

Auf ihre Väter angewiesen, wird klar, dass Männer dieser Generation wenig gute Strategien zur Emotionsregulation zur Verfügung hatten: Domis Vater, der in seiner Trauer nach Innen immigriert, statt sich Hilfe zu holen und Biffs Vater, der in destruktive Gewalt- und Suchtmuster abrutscht.

TG: Wenn die Besucher*innen nach der Lesung aus dem Stellwerk wieder auf den Bahnsteig treten: Welches Gefühl von diesem „Restsommer“ sollen sie unbedingt mit in ihren Alltag nehmen? 

Kea von Garnier: Dass es in Ordnung ist, die eigenen Gefühle zu fühlen und zum Ausdruck zu bringen. Dass es das ist, was uns am Ende lebendig fühlen lässt. Natürlich wird deshalb nicht „alles gut“ und die Welt in ihrer Komplexität darf und wird uns weiterhin beschäftigen. Aber wenn ich versucht habe, wahrzunehmen, was in mir ist und das mit mir wichtigen Menschen geteilt habe, ist schon viel gewonnen.

Termin:

Mi., 25. Mrz., 19 Uhr: Kea von Garnier – Restsommer | Eintritt frei / Spende erwünscht

Stellwerk (im Harburger Bahnhof, über Fernzuggleis 3) | Hannoversche Str. 85 | 21079 Hamburg www.stellwerk-hamburg.de

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Hamburgs Süden wird wieder Hotspot der Literatur! https://www.tiefgang.net/hamburgs-sueden-wird-wieder-zum-hotspot-der-literatur/ Wed, 04 Feb 2026 23:20:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13219 [...]]]> Es ist eine bemerkenswerte Beständigkeit, die sich im Hamburger Süden manifestiert, wenn am ersten März der Startschuss für die elfte Ausgabe der SuedLese Literaturtage fällt. Was einst aus einer schlichten Beobachtung über die mangelnde Wahrnehmung literarischer Orte in Harburg erwuchs, hat sich über ein Jahrzehnt hinweg zu einem etablierten Fest mit jährlich über vierzig Veranstaltungen entwickelt.

Der aufmerksame Leser und Leserin erkennen hier ein Prinzip, das man als Dezentralität bezeichnen könnte, will heißen: die bewusste Verteilung kultureller Ereignisse auf viele kleine, oft private Orte, statt sich in großen, anonymen Hallen zu verlieren.

Der Reiz dieses Festivals liegt in seiner organischen Entstehung. Der Begründer Heiko Langanke betont, dass die SuedLese nicht künstlich aufgesetzt wird, sondern dass sich die Autoren und Autorinnen sowie die jeweiligen Orte selbst suchen und finden müssen. Es entsteht eine Symbiose, will heißen: ein tiefes, wechselseitiges Abhängigkeitsverhältnis zwischen dem geschriebenen Wort und dem Raum, in dem es erklingt, sodass beide am Abend der Lesung eine untrennbare Einheit bilden. Rund einhundert engagierte Menschen wirken im Hintergrund oft ehrenamtlich mit, um diese Verbindung zwischen Institutionen wie dem Club Stellwerk oder der Fischhalle oder lokalen Buchhandlungen und der Literatur zu ermöglichen.

In diesem Jahr liegt ein besonderer Schwerpunkt auf den Stimmen von morgen in Form von Debüts, unterstützt durch eine dreijährige Förderung der ZEIT Stiftung Bucerius. Langanke bezeichnet das Festival treffend als „Kinderzimmer“ der kommenden Autoren und Autorinnen. Es ist eine Form der literarischen Inkubation, will heißen: ein geschützter Raum, in dem junge Talente wie Kea von Garnier mit ihrem Roman Restsommer oder Rina Schmeller mit ihrem Debüt Co ihre ersten Schritte vor einem breiten Publikum wagen können. Diese Bühne bietet eine weitaus stärkere Motivation als eine bloße Lesung im privaten Kreis, da sie den Mut zum öffentlichen Präsentieren fördert.

Dabei scheut das Festival auch nicht vor dem zurück, was Langanke den „Punk“ in der Literatur nennt. Es geht um eine geerdete Szene, die sich mit harten gesellschaftlichen Themen, Subkultur oder gar Trash beschäftigt, bevor diese Strömungen irgendwann in der etablierten Hochkultur gewürdigt werden. Ob die bewegenden Schilderungen von Dominik Bloh über die Obdachlosigkeit oder die provokante Kritik eines Kristjan Knall – die SuedLese bietet jenen Themen Raum, die oft wie ein Stachel im Fleisch der Gegenwart wirken. Von der Ladies Crime Night in Buxtehude bis zu Workshops des szenisch-kreativen Schreibens zeigt sich so ein Panorama, das weit über die Grenzen des herkömmlichen Literaturbetriebs hinausreicht. So wird der März wieder zum Monat, an dem es sich lohnt hinauszugehen und die Kultur zu genießen!

SuedLese – Literaturtage im Hamburger Süden

Über 40 Veranstaltungen an 26 Orten, Eintritt: Teilweise frei / variierend. Veranstaltungsorte von Harburg, Neugraben, Wilhelmsburg, Buxtehude u.a., 01. – 31. März 2026

Programm: www.suedlese.de Hintergründe: www.tiefgang.net

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