Kriegskinder – die Schatten der Vergangenheit – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Fri, 29 Oct 2021 14:37:32 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.5 Trauma braucht Großzügigkeit – Die Kunst hilft heilen https://www.tiefgang.net/trauma-braucht-grosszuegigkeit-die-kunst-hilft-heilen/ Fri, 29 Oct 2021 22:31:16 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=8544 [...]]]> Trauma braucht Großzügigkeit, dem anderen zuhören, da sein, den Schmerz bezeugen. Bei kollektiven wie individuellen Traumata passiert aber oft das Gegenteil, es wird eng.

von Ulrike Hinrichs

Ein Thema, das vor allem in Deutschland noch unter der Oberfläche brodelt, sind kollektiv unverarbeitete Kriegserlebnisse, die auch durch transgenerartionale Weitergabe auf die Nachfolgegenerationen wirken. Wir allen sind betroffen! Hinzu kommen Geflüchtete, die aktuell von Gewalt und Krieg traumatisiert sind.

Das hat mich veranlasst, im letzten Jahr ein Kunstprojekt „Kriegskinder – Die Schatten der Vergangenheit“ zu initiieren. (vgl. Kriegskinder). Die Idee war, dass wir aktuell von Krieg und Flucht betroffene Menschen mit Kriegskindern und Kriegsenkeln zusammenbringen und uns künstlerisch zum Thema ausdrücken.

Corona-bedingt  mussten wir die Ausstellung im letzten Jahr absagen. Nun präsentiert die Gruppe ihre Werke auf dem Harburger Kulturtag.

Kollektive Traumata funktionieren wie ein individuelles Trauma. Ein auslösendes Ereignis stellt eine Verbindung zum traumatischen Ereignis her. Das geschieht unbewusst. Dabei erwachen Emotionen, die in der traumatischen Situation gefühlt wurden. Für so einen Auslöser reicht es, dass einzelne Fragmente des Traumas wie etwa Gerüche, Klänge, Bilder oder Gefühle in der aktuellen Situation anklingen.

„Du fühlst dich wie ein Astronaut im eigenen Körper“

Traumata bedingen einen schwerwiegenden Kontrollverlust bis hin zur Ohnmacht. Das führt zur Dissoziation, der Abtrennung vom kollektiven und individuellen Fühlen. Durch Kontrolle des Lebens und der Umstände, versuchen Betroffenen und auch Gesellschaften die Wiederholung traumatischer Ereignisse zu vermeiden. Die Hamsterkäufe von Toilettenpapier im ersten Lockdown der Corona Pandemie 2020 in Deutschland sind symptomatisch für einen solchen irrationalen Kontrollversuch.

Auch die Flüchtlingszuwanderung in 2015 hat bei vielen alte, ins Unbewusste verdrängte Ängste erweckt. Wenn ein kollektives Trauma aktiviert wird, dann wird es eng, indifferent und überreaktiv. Es gibt eine Mangel-Reaktion. Im Gemeinschaftskunstprojekte „Kriegskinder – Die Schatten der Vergangenheit“ haben wir unterschiedlichste Menschen, von jung bis alt, von alteingesessen bis zugewandert, zusammengebracht. Über den Ausdruck der Kunst können wir Erfahrungen der Betroffenen und ganzer Kollektive wahrnehmen und nachfühlen. Der Schmerz, die Widersprüche, das Unaussprechliche dürfen sichtbar werden. Über die Kunst kommen wir in einen fühlenden Dialog, was bei diesem Thema besonders wichtig ist. Trauma braucht Großzügigkeit, dem anderen zuhören, da sein.

Die Werke werden am 7.11.2021, 12 bis 18 Uhr, in der St. Johanneskirche (Bremer Straße 9, 321073 Hamburg) präsentiert. Um 17 Uhr gibt es einen Gottesdienst unter Einbeziehung der Ausstellung.

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Die Unvollkommenheit Hinrichs´ https://www.tiefgang.net/die-unvollkommenheit-hinrichs/ Fri, 03 Jan 2020 23:49:42 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=6101 [...]]]> Im Oktober 2019 lud die Künstlerin Petra Hagedorn erstmals zu einem Harburger Kunstsalon ein. In Harburg?!? Ja, und es war ein voller Erfolg. Nun folgt der nächste Kunstklönschnack.

Nach einem erfolgreichen 1. Harburger Kunstsalon im Oktober 2019 ist nun die Kunsttherapeutin und Künstlerin Ulrike Hinrichs am Sonntag, 9. Februar 2020 zwischen 14 und 16 Uhr in die Kunstleihe Harburg (neue Adresse: Meyerstraße 26, 21075 Hamburg!!!) eingeladen. Die Moderation übernimmt wieder Petra Hagedorn.

Ulrike Hinrichs lebt in Harburg, ihr künstlerischer Schwerpunkt liegt im skulpturalen Arbeiten, mit Pappmaché, Holz und jüngst auch mit Bronze (siehe auch „Mehr über den Tod nachdenken“, ´Tiefgang`). Ihr Thema in der Kunst ist die Unvollkommenheit. Für ihre Pappmaché-Skulpturen und Köpfe verwendet sie leere Haushaltsflaschen und Kanister. Die vorgegebene Form der Flaschen schafft eine ungewöhnliche und gerade nicht perfekte Körperform der Wesen und Geschöpfe. Diese Verformungen machen die Figuren besonders.

Ulrike Hinrichs versteht die Kunst als eine Sprache der Intuition, die sich in allen Lebensbereichen – so auch im gesellschaftspolitischen Bereich – als Sprachroh einsetzen lässt. „Der künstlerische Ausdruck kann Unsagbares zeigen, Widersprüche vereinen und Themen verdichten“, sagt Hinrichs. In Harburg initiierte Ulrike Hinrichs in den letzten Jahren zahlreiche künstlerisch-kulturelle Integrationsprojekte, wie das Kunstprojekt „Gemalte Freiheit“ (Idee des gelebten Grundgesetzes „Idee des gelebten Grundgesetzes“, Tiefgang), oder das Projekt „Wohnst du noch oder lebst du schon auf der Straße“ (siehe „Wohnen als Kunst“, ´Tiefgang`).

Für 2020 möchte sie Menschen zum Thema „Kriegskinder – die Schatten der Vergangenheit“ zusammenbringen. „Noch immer sind Menschen weltweit auf der Flucht. Die Folgen von Krieg, Folter und Terror sind traumatisch, das erlebe ich immer wieder in meiner Flüchtlingsarbeit. Aber auch unser Land hat durch den zweiten Weltkrieg transgenerative traumatische Erfahrungen mitgenommen. Der Schatten der Vergangenheit liegt bis heute wie eine dunkle Wolke über unserer Gesellschaft. Viele Nachkriegskinder kennen das Phänomen, dass die Großeltern oder die Eltern nicht über den Krieg gesprochen haben. Kinder spüren die unausgesprochenen Ängste. Sie nehmen die Lähmung, die Sprachlosigkeit der Eltern wahr, die sie nicht einordnenden können. Kriegskinder kennen daraus resultierende unerklärliche Gefühle wie innere Leere, Ängste und Schuldgefühle“, erklärt sie.

Als Kunsttherapeutin arbeitet sie mit verschiedenen Gruppen, wie zum Beispiel Geflüchteten, Senioren, Kindern und Frauen in Krisensituationen. Der künstlerische Ausdruck diene dabei als eine integrative und allverständliche Sprache der Intuition, so Hinrichs. Jüngst erschienen ist zu diesem Thema auch ihr Fachbuch Kunst als Sprache der Intuition. Der Der holografische Ansatz in der Kunsttherapie und kunstanlogen Transformationsprozessen (siehe „Mit der Kunst die Intuition einfangen“, ´Tiefgang`).

Ulrike Hinrichs

Die intensive persönliche und berufliche Beschäftigung mit der Kunst als Ausdrucksform war aber nicht immer so. Eigentlich wollte Ulrike Hinrichs zwar nach dem Abitur Kunst studieren, aber ihr familiäres Umfeld machte ihr die „brotlosen Kunst“ madig und riet ihr, etwas „Vernünftiges“ zu lernen. Da sie schon immer eine Verfechterin für Gerechtigkeit gewesen war, startete Hinrichs in Hamburg ihr Studium der Rechtswissenschaften. Am Recht fasziniert sie auch noch heute die differenzierte Meinungsbildung und das übergeordnete Wertesystem. Nach einem langen Studium machte ihr die Praxis im Referendariat zunächst viel Spaß und sie ließ sich in Berlin als Rechtsanwältin nieder. Im Alltagsgeschäft spürte Hinrichs aber schnell eine innere Unzufriedenheit bei der Unterstützung von Menschen allein mit rechtlichen Mitteln, da die menschliche Seite des Konfliktes im Recht oft zu kurz kommt. Sie ließ sich daher zur Mediatorin ausbilden und absolvierte viele psycho-soziale Aus- und Weiterbildungen. Zu dieser Zeit wiedererwachten auch ihre künstlerischen Ambitionen und die Sehnsucht nach der Heimat. 2012 zog sie zurück nach Hamburg und machte an der Medical School Hamburg den Masterabschluss als Kunsttherapeutin. Ihren Beruf als Anwältin gab sie auf. Und so kam Ulrike Hinrichs nach einer langen inneren Reise endlich zurück zu ihrem Ursprung und ihrer Berufung, nämlich der Kunst. In ihre Projektarbeit im Bereich Gesellschaft, Kultur und Integration setzt sie den künstlerischkreativen Sprachausdruck für eine verbindende und sprachenübergreifende Ressource ein, um Menschen und Kulturen zusammenzubringen. Mit ihrer Kollegin Gabrielle Hennecke hat sie das weltumspannende Kunstprojekt unlimited hearts mit Sitz in Hamburg und Istanbul gegründet. Mit dem Projekt wollen die beiden ein Zeichen gegen Hass und Schwarz-weiß Parolen setzen und Menschen mit ihren Kunstwerken in einer Online Galerie über den Globus verbinden (www.unlimitedhearts).

Termin: So., 09. Februar, 14-16 Uhr, 2. Harburger Kunstsalon mit Petra Hagedorn, Gast: Ulrike Hinrichs; Ort: Kunstleihe Harburg, Meyerstraße 26, 21075 Hamburg; sued-kultur.de/kunstleihe; Tel.: 040 – 300 969-48; Eintritt frei

Weiterführend: Ulrike Hinrichs – www.lösungskunst.com

Eindrücke vom 1. Harburger Kunstsalon im Oktober 2019 mit Ulrich Lubda:

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