Kühne-Stiftung https://www.tiefgang.net Fri, 27 Jun 2025 08:46:42 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0.2 Wieder nichts gelernt? https://www.tiefgang.net/wieder-nichts-gelernt/ Fri, 27 Jun 2025 22:24:57 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12028 [...]]]>

Die neue Oper: Hamburgs Kulturlandschaft ist einmal mehr im Umbruch begriffen, und das mit einem Paukenschlag, der weitaus mehr erhält erzeugt als nur Applaus.

Die Kühne-Stiftung als treibende Kraft hinter dem Vorhaben eines neuen Opernhauses für die Hamburgische Staatsoper verkündete bereits auf ihrem eigenen Nachrichtenportal (kuehne-stiftung.org) den Startschuss für das architektonische Qualifizierungsverfahren. Nun bestätigt auch die Kulturbehörde Hamburgs in ihrem Newsletter diese Weichenstellung, was dem Vorhaben einen weiteren Stempel der amtlichen Legitimation verleiht.

Fünf „international renommierte Architekturbüros“ – darunter Bjarke Ingels Group (BIG) aus Kopenhagen, Snøhetta aus Oslo und Sou Fujimoto aus Tokio/Paris – wurden eingeladen, Entwürfe für das Opernhaus am Baakenhöft zu entwickeln. Eine Entscheidung über den Siegerentwurf wird Ende 2025 erwartet. Kultursenator Carsten Brosda betont auch hier die Vision eines „einladenden und öffentlichen Ortes für alle mit einer Architektur von Weltrang“, der der Hamburgischen Staatsoper „optimale Bedingungen“ bieten und einen „herausragenden Platz an der Elbe“ schaffen soll. Er dankt allen Beteiligten dafür, dass diese „Chance für die Kulturstadt Hamburg mit großer Leidenschaft gemeinsam“ angegangen wird. Bestätigt wird auch, dass das Projekt gemeinsam von der Kühne-Stiftung und der Stadt Hamburg realisiert wird, aber die Stiftung nach Abschluss der Planungen und einer Kostenschätzung die endgültige Entscheidung über die Umsetzung trifft. Der Senat redet zwar mit, entschieden tut aber Kühne. Dafür bereitet der Hamburger Senat eine Drucksache vor, um die Zustimmung der Bürgerschaft zum Vertrag einzuholen. Ist das Partizipation?

Ein solch euphorisches Bild, wie es von den Akteur*innen selbst gezeichnet und nun auch von offizieller Seite der Stadt bestätigt wird, klingt verlockend und verspricht eine glänzende Zukunft für die Kulturstadt Hamburg. Doch gerade die Einseitigkeit dieser Darstellung, die auf dem Newsroom der Kühne-Stiftung und in den Verlautbarungen der Kulturbehörde präsentiert wird, lässt die Skepsis wachsen. Denn was in diesen frohen Botschaften gänzlich unerwähnt bleibt, sind die Schattenseiten einer Diskussion, die Hamburg seit Monaten bewegt – detailreich beleuchtet unter anderem vom kritischen Portal Ballett-Journal.de.

„Offene Bühne“ für die Debatte?

Das vorherrschende Narrativ der Kühne-Stiftung und der Kulturbehörde umschifft geschickt jede Klippe der Kontroverse, die sich um dieses ambitionierte Projekt rankt. Die Kritik, die sich vielerorts formierte und die das Ballett-Journal.de präzise aufgreift, wird ausgeblendet: Die fehlende öffentliche Debatte über die Notwendigkeit und den Standort eines Neubaus, die historischen Bedenken bezüglich des Baakenhöfts – einst ein Ort des kolonialen Erbes –, oder die nicht unerheblichen Kosten, die trotz Mäzenatentum auf die Stadt zukommen könnten. Die Bestätigung der „Abstimmung mit der Freien und Hansestadt Hamburg“ und des gemeinsamen Vorgehens der Stiftung und der Stadt durch die Kulturbehörde vermag zwar eine Einigkeit zu suggerieren, doch die Stimmen der Hamburger Bürger*innen, die sich eine solche „Abstimmung“ auch im Vorfeld und in breiterer Form gewünscht hätten, finden hier keine Erwähnung.

Gisela Sonnenburg vom Ballett-Journal.de hebt hervor, dass die altehrwürdige Hamburgische Staatsoper, seit 1678 ein Herzstück der Stadtkultur, durch ihre zentrale Lage, ihre Zugänglichkeit zwischen Binnenalster, Dammtor-Bahnhof und Gänsemarkt, und ihre über Jahre gewachsene Seele, besticht. Sie sei ein Ort, der für viele Hamburger*innen mehr ist als nur eine Spielstätte – sie ist ein Stück Identität. Die Sorge, dass ein Neubau in der HafenCity primär touristischen Interessen dienen und das besondere Flair sowie die etablierte Anbindung an das städtische Leben verlieren könnte, wird von den Befürworter*innen bewusst ignoriert. Stattdessen wird die Vision eines „spektakulären Ortes“ in den Vordergrund gerückt, dessen „einmalige Aufgabe“ von „prominenten Planer*innen“ gelöst werden soll.

Sonnenburg äußert zurecht Bedenken hinsichtlich einer möglichen Einflussnahme, die mit solch großzügigem Mäzenatentum einhergehen könnten – etwa die Befürchtung, dass eine Neuausrichtung hin zu „populistischeren und massentauglicheren Produktionen“ stattfinde. Auch die internen Unruhen beim Hamburg Ballett unter dem nun geschassten Intendanten Demis Volpi, finden in den offiziellen Verlautbarungen der Stiftung und der Kulturbehörde keinerlei Erwähnung, sind aber ein wichtiger Aspekt, der von kritischen Stimmen aufgegriffen wird.

Ob auf diesen Grundlagen ein nachhaltiges und später erfolgreiches Fundament eines neuen Opernhauses zu bauen ist?

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Volpis letzter Tanz https://www.tiefgang.net/volpis-letzter-tanz/ Fri, 13 Jun 2025 22:46:08 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=11981 [...]]]> Es war ein Beben, das durch die ehrwürdigen Gänge der Hamburgischen Staatsoper ging – und doch, für jene, die den Herzschlag dieser kulturellen Institution seit Jahren verfolgen, kam es nicht ganz unerwartet.

Demis Volpi, der als großer Hoffnungsträger nach der Ära John Neumeier angetreten war, verlässt das Hamburg Ballett mit sofortiger Wirkung. Ein jähes Ende nach nur einem halben Jahr im Amt, das Fragen aufwirft, Wunden freilegt und die Debatte um die Zukunft einer der renommiertesten Ballettcompagnien der Welt neu entfacht.

Die Bürde eines großen Erbes

Die Erwartungen an John Neumeiers Nachfolge waren von Anfang an gigantisch. Ein halbes Jahrhundert lang hatte der amerikanische Choreograf das Hamburg Ballett geprägt, es zu Weltruhm geführt und zu einer unverwechselbaren Marke gemacht. Sein Abschied, um einen reibungslosen Übergang zu gewährleisten, wurde sogar um ein Jahr bis Sommer 2024 verlängert. Die Findungskommission, besetzt mit hochrangigen internationalen Expert*innen wie Ted Brandsen oder Brigitte Lefèvre, hatte im Oktober 2022 Demis Volpi als die ideale Wahl präsentiert. Kultursenator Dr. Carsten Brosda äußerte sich damals euphorisch: „Mit Demis Volpi kann die herausragende Geschichte des Hamburg Ballett weitergeschrieben und mit neuen Impulsen in die Zukunft geführt werden.“ Man sprach von einer Verbindung von Tradition und Innovation – Worte, die heute einen bitteren Beigeschmack hinterlassen.

Volpi, der 1985 geboren und in Buenos Aires sowie Stuttgart ausgebildet wurde, kam mit dem Ruf eines international gefeierten Choreografen. Seit August 2020 war er Ballettdirektor und Chefchoreograf des Ballett am Rhein Düsseldorf/Duisburg. Dort hatte er für seine Arbeiten eine große Zahl internationaler Auszeichnungen erhalten, darunter den Konex Award, die Auszeichnung zum „Nachwuchskünstler des Jahres“ der Zeitschrift Opernwelt und den Deutschen Tanzpreis Zukunft. Choreografien wie „Salome“ für das Stuttgarter Ballett oder „Chacona“ zeugten von seinem künstlerischen Talent. Doch die Realität in Hamburg sollte sich als weitaus stürmischer erweisen.

Ein toxisches Klima und der rasche Fall

Schon seit Wochen brodelte es hinter den Kulissen. Gerüchte machten die Runde, Solist*innen kündigten, und es verdichteten sich die Anzeichen für ein „toxisches Arbeitsklima“. Was im Februar 2025 mit einem offenen Brief von 36 der 63 Staatsopern-Tänzer*innen an Kultursenator Brosda begann, mündete nun im Showdown. Die Vorwürfe waren massiv: ein „unfreundlicher, manipulativer und herabsetzender Stil Volpis“, häufige Abwesenheiten und sogar „künstlerische Mängel“. Der Frust saß tief, so tief, dass fünf der elf Ersten Solist*innen, die sonst das Herzstück der Compagnie bilden, zu den Unterzeichner*innen gehörten.

Der Aufsichtsrat der Hamburgischen Staatsoper und Demis Volpi einigten sich auf einen Auflösungsvertrag zum Ende der Spielzeit und eine sofortige Freistellung. Die Kulturbehörde sprach von „einvernehmlich“, doch die scharfen Worte aus der F.A.Z. – „Das Schiff verlässt den sinkenden Kapitän“ – spiegeln die Dramatik der Situation wider. So-Yeon Kim, eine ehemalige Düsseldorfer Ballerina und Mitverfasserin eines Düsseldorfer Solidaritätsschreibens, äußerte sich gegenüber der F.A.Z. erleichtert: „Manche waren der Ansicht, da Volpi nicht körperlich gewalttätig war, müsste man ihn nicht entlassen. Die Wahrheit ist aber, dass viele Tänzerinnen und Theatermitarbeiterinnen unter Volpis Charaktermängeln und Inkompetenz nicht nur gelitten haben, sondern in der Konsequenz ihr Engagement und manche ihre Karriere verloren haben. Sein Verhalten hat das Leben von Tänzer*innen ruiniert.“ Dies zeigt, dass die Probleme nicht neu waren und die Entscheidung in Hamburg in der Ballettwelt genau beobachtet wurde.

Demis Volpis eigene Stellungnahme klingt fast resignativ: „Meine Vision – sowohl in künstlerischer Hinsicht als auch im Hinblick auf eine zeitgemäße Struktur, die offene und verantwortungsvolle Zusammenarbeit innerhalb einer Ballettcompagnie ermöglicht – ließ sich trotz intensiver Bemühungen unter den aktuellen Rahmenbedingungen am Hamburg Ballett nicht weiter verwirklichen.“ Eine diplomatische Umschreibung für eine tiefe Zerrüttung, die offenbar Vision und Realität in dieser etablierten Compagnie kollidieren ließ.

Senator Brosdas Dilemma und die Zukunft

Kultursenator Dr. Carsten Brosda, der einst Volpi so hoffnungsvoll begrüßte, fand sich in einer prekären Lage wieder. Er bedauert, „dass es nicht gelungen ist, eine gemeinsame Grundlage für eine weitere Zusammenarbeit im Hamburg Ballett zu schaffen.“ Eine gemeinsame Interimsleitung mit Lloyd Riggins, Nicolas Hartmann und Gigi Hyatt soll nun bis Ende der Spielzeit 2025/2026 die Lücke füllen. Die Verantwortung wird auf mehrere Schultern verteilt, um die Weiterentwicklung „zwischen Tradition und Moderne“ fortzuführen. John Neumeier selbst, der die Vorgänge von außen verfolgte, äußerte gegenüber dem NDR die Hoffnung, dass „Ruhe eintritt im Ballett“ und die Tänzer*innen „jetzt gut arbeiten können“.

Doch die dringlichste Frage bleibt: Wie geht es weiter? Die Krise um Volpis Abgang offenbart strukturelle Herausforderungen, vielleicht auch eine verpasste Chance, frühzeitig auf die kritischen Stimmen aus dem Ensemble zu hören. Für Volpi gibt’s nach BILD-Informationen als Schmerzensgeld rund 1,1 Millionen Euro – das gesamte Salär für seinen Fünfjahresvertrag. Der Aufsichtsrat hat einen extern moderierten Prozess angekündigt, um „unter anderem Maßgaben für die künftige Zusammenarbeit in der Compagnie sowie die Anforderungen der Compagnie an eine künftige Ballettdirektion“ zu erarbeiten. Dies ist ein wichtiger Schritt, denn das Wohl und die Zufriedenheit der Tänzer*innen sind das Herzstück jeder Compagnie.

Der Elefant im Raum

Und dann ist da noch der ständige Elefant im Raum: der seit Jahren diskutierte und heiß umstrittene geplante Neubau der Staatsoper auf dem Baakenhöft in der HafenCity. Bürgermeister Peter Tschentscher und Kultursenator Carsten Brosda verkündeten im Februar 2025 die Vertragsunterzeichnung mit der Kühne-Stiftung euphorisch als „Glücksfall für die Kultur und die Steuerzahler*innen“, da der Bau angeblich komplett finanziert werde. Doch die Hamburgische Architektenkammer (HAK) übte scharfe Kritik an diesem Vorgehen. In einem „Brandbrief“ unter dem Titel „Mehr Öffentlichkeit wagen“ forderte die HAK Transparenz, Wettbewerb und eine Stärkung der Innenstadt. Es wurde bemängelt, dass das Projekt „hinter verschlossenen Türen“ entwickelt wurde, ohne vorherige fachliche Expertise, öffentliche Information oder Diskussion. Die Grundfrage, ob Hamburg überhaupt ein neues Opernhaus in dieser Form und an diesem Standort benötigt, sei nie öffentlich diskutiert worden.

Die Architektenkammer wies zudem darauf hin, dass der Neubau keineswegs allein ein Mäzenatengeschenk sei. Die Stadt steuere ein „überaus wertvolles Grundstück in bester Lage“ bei, dazu 147 Millionen Euro für Gründung und Flutschutz sowie die Kosten für die Planung und Herstellung der öffentlichen Freiflächen. Massive Kritik wurde auch an der fehlenden Diskussion über die Nutzung dieses „letzten freien Grundstücks der HafenCity“ sowie die multifunktionale Ausrichtung des Neubaus geübt. Der Vertrag sehe vor, dass das Gebäude ausschließlich für den Betrieb der Staatsoper genutzt werden dürfe, wobei die Kühne-Stiftung jeder Nutzungsänderung zustimmen müsse – was als Einschränkung für breitere Bevölkerungsgruppen und die gesellschaftliche Einflussnahme auf ein solches Großprojekt verstanden wird. Das geplante „Qualifizierungsverfahren“ mit nur „mindestens fünf Planungsbüros“ und einem „deutlichen Missverhältnis von Nicht-Fachleuten und Fachleuten“ in der Jury entspreche zudem in keiner Weise den etablierten Regeln für Planungswettbewerbe. Auch das Vetorecht des Stifter-Ehepaars und die unklare Kostenkalkulation für den späteren Betrieb, der allein von der Stadt zu tragen ist, geben Anlass zur Besorgnis. Die HAK befürchtet kein „volles“, sondern ein „abgespecktes ,Opernhaus light‘“, dessen Funktionalität lediglich „mindestens dem Standard der Bestandsoper entspricht“.

Die Kulturbehörde reagierte auf die Kritik zurückhaltend und verwies auf eine mehrjährige Planungs- und Umsetzungsphase sowie die bevorstehende Befassung der Bürgerschaft. Gleichwohl trägt diese hochkomplexe und kontrovers geführte Bauprojektdebatte zu einem Umfeld bei, in dem die Führung der Staatsoper ohnehin schon unter immensem Druck steht. Auch wenn konkrete Details zu einem kürzlichen Interims-Leiter im kaufmännischen Bereich in den vorliegenden Dokumenten nicht explizit genannt werden, zeugen solche Veränderungen an verschiedenen Führungspositionen von einer Periode der Neuorientierung und Sensibilität innerhalb der Staatsoper insgesamt.

Hamburgs Ballett steht am Scheideweg

Der abrupte Abgang von Demis Volpi ist eine Zäsur, aber auch eine Chance. Die Findung einer neuen Leitung muss diesmal nicht nur künstlerische Vision, sondern auch soziale Kompetenz und die Fähigkeit zur Menschenführung in den Vordergrund stellen. Es gilt, die Wunden zu heilen, das Vertrauen wieder aufzubauen und eine Zukunft zu gestalten, die die herausragende Geschichte des Hamburg Ballett nicht nur weiterschreibt, sondern auch in ein modernes, gesundes Arbeitsumfeld überführt. Diese Episode wird zweifellos als eine kritische Zeit in die Annalen der Hamburger Kulturgeschichte eingehen und die Haltung des Kultursenators auf die Probe stellen, die notwenige Stabilität für die Zukunft dieses Leuchtturms zu gewährleisten – gerade auch angesichts der schwelenden Opernneubau-Debatte, die weit über das Ballett hinausreicht.

 

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