Kürzungen Kultur – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Fri, 16 Aug 2024 15:44:52 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 „An der freien Kunst zu sparen, kostet zu viel!“ https://www.tiefgang.net/an-der-freien-kunst-zu-sparen-kostet-zu-viel/ Fri, 16 Aug 2024 22:24:22 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=11093 [...]]]> Sechs Bundeskulturfonds hatten auf die geplanten, massiven Kürzungen im Entwurf des Bundeshaushalts 2025 hingewiesen. Jetzt gibt es auch eine Petition.

Am 31. Juli lancierte Heinrich Horwitz, Kind des Schauspielers Dominique Horwitz, eine öffentliche Petition, die eine Korrektur dieser kulturpolitischen Fehlentscheidung fordert und bereits weit mehr als 27.000 mal unterschrieben wurde. Viele international bekannte Musiker*innen und Komponist*innen unterstützen die Petition: Helmut Lachenmann, Tabea Zimmermann, Jan St. Werner, Brigitta Muntendorf, Enno Poppe, Lucas Fels, Igor Levit, Alexander von Schlippenbach, Andreas Dorau, Rebecca Saunders, Johannes Kreidler und viele, viele mehr – eine überwältigende Bestätigung der Wirkung der Fördertätigkeit des Musikfonds in der freien Musikszene.

Auch das Medienecho ist groß: Zuletzt besprachen Deutschlandfunk Kultur und das VAN Magazin detailliert die Folgen der Kürzungen. Über die Stellungnahmen der Bundeskulturfonds und des Bündnisses internationaler Produktionshäuser wurde breit berichtet (u.a. Spiegel Online, Frankfurter Rundschau oder Süddeutsche Zeitung).

Heinrich Horwitz begründet seine Petition:

„Freie Kunstszene ausgebremst! Bundeskulturfonds fast halbiert, Aus für das Bündnis Internationaler Produktionshäuser!” – Dieses Motto könnte die Presseerklärung zum Haushaltsentwurf der Staatsministerin für Kultur und Medien haben. Stattdessen lautet die Headline der Pressemitteilung Claudia Roths: „Bundesregierung bleibt verlässlicher Förderer unserer Kultur- und Medienlandschaft“

Dem Bündnis internationaler Produktionshäuser, ein seit Jahren äußerst erfolgreiches Kulturmodell und Zusammenschluss der größten freien internationalen Produktionshäuser, sollen im 10. Jahr seines Bestehens sämtliche Bundesmittel gestrichen werden. Den sechs Bundeskulturfonds, die freischaffende Künstler*innen in den Bereichen Bildende Kunst, Literatur, Übersetzung, Darstellende Kunst, Soziokultur und Musik fördern, wird der ohnehin nicht ausreichende Förderansatz von 2024 halbiert. Besonders trifft es hierbei die Darstellenden Künste, da mit dem Wegfall des Bündnis internationaler Produktionshäuser und der Kürzung beim Fonds Darstellende Künste insgesamt 10 Mio. weniger für die Szene zur Verfügung stehen.

Kleinere Förderungen, wie beispielsweise für das freie Tanzprojekt DanceOn, fallen ebenfalls komplett aus der Haushaltsaufstellung der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM). Das mehrfach ausgezeichnete Netzwerk Tanz für junges Publikum – explore dance wird ebenfalls nicht weiter berücksichtigt.

Dabei ist der Haushalt des Kulturbereichs im Kanzleramt um gut 50 Mio. auf 2,2 Mrd. erhöht worden. Dass trotz des beachtlichen Aufwuchses nun ausgerechnet massive Etatkürzungen oder gar Streichungen bei Produktionshäusern und der Fördereinrichtung der Freien Darstellenden Künste vorgenommen werden, die für die bundesweit bedeutende Freie Performance-, Tanz- und Theaterlandschaft stehen, ist in keiner Weise nachvollziehbar. Genau der Fonds Darstellende Künste und die international vernetzten Produktionshäuser sind für viele freischaffende Künstler*innen lebensnotwendig – als Veranstalter*innen, Produzent*innen und Fördermittelgeber*innen.

Zugleich erreichen sie mit ihren herausragenden Arbeiten ein millionenstarkes und vielfältiges Publikum. Es sind dieselben Strukturen, die erst jüngst als äußerst verlässliche und innovationstreibende Partner*innen in den herausfordernden Zeiten der Pandemie gelobt wurden und deren Stärkung im Koalitionsvertrag ausdrücklich vereinbart ist. Gemeinsam stehen sie für eine demokratische, unabhängige Kulturförderung.

In Zeiten zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung und anwachsenden antidemokratischen Kräften braucht es gestärkte Freie Künste, die ästhetisch und kulturell für die Freiheit der Künste und gegen jede Form von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit stehen.

Als Künstler*innen, Akteur*innen und Unterstützer*innen der Kunst- und Kulturszene, die von regional wirkenden, soziokulturellen bis international vernetzten Kunstorten reicht, wenden wir uns an die verantwortliche Staatsministerin für Kultur und Medien: Wir fordern Claudia Roth auf, diese kulturpolitische Fehlentscheidung zu korrigieren. Die Haushaltsansätze für den Fonds Darstellende Künste und das Bündnis internationaler Produktionshäuser müssen den längst bekannten Bedarfen gerecht werden, mindestens aber den Zuwendungen von 2024 entsprechen. Keine Halbierung der Bundeskulturfonds! Ausbau der Förderungen für das Bündnis Internationaler Produktionshäuser und des Fonds Darstellende Künste!

Investieren Sie in die Zukunft! Fördern Sie den Ausbau der freien Kulturlandschaft, als Innovationstreiberin und als Garant für einen lebendigen gesellschaftlichen Zusammenhalt in herausfordernden Zeiten.

Erstunterzeichner*innen:

Heinrich Horwitz (Regisseur*in, Choreograf*in), Anna Mülter (künstlerische Leitung Festival Theaterformen, Hannover / Braunschweig), Simone Dede Ayivi (Performance, Regie), Rolf C. Hemke (Kunstfest Weimar), Julius Feldmeier (Schauspieler), Tina Pfurr (Schauspielerin, Kulturproduzentin, Regisseurin), Luisa-Céline Gaffron (Schauspielerin), Marie Bues (Regisseurin, Intendantin), She She Pop (feministisches Performance-Kollektiv), Klaus Lederer (MdA Bürgermeister von Berlin und Senator a.D.), Helgard Haug, Stefan Kaegi, Daniel Wetzel (Rimini Protokoll), Amelie Deuflhard (Intendanz Kampnagel), Swoosh Lieu (Rosa Wernecke, Johanna Castell, Katharina Pelosi), Gob Squad Arts Collective, Eva Meyer-Keller (Regisseurin), Annemie Vanackere (HAU Hebbel am Ufer Intendanz und Geschäftsführung), Kathrin Röggla (Autorin), Kathrin Tiedemann (Forum Freies Theater Düsseldorf Künstlerische Leitung, Geschäftsführung), Milo Rau (Intendanz Wiener Festwochen), Constanza Macras (Choreografin), Holger Bergmann (Geschäftsführung Fonds Darstellende Künste, Mentor), Gregor Hotz (Geschäftsführer Musikfonds), Eva Meckbach (Schauspielerin), Sophie Becker (Künstlerische Leitung SPIELART), Ingrida Gerbutavičiūtė (tanzhaus nrw Intendanz), Anna Wagner, Marcus Droß (Künstler*innenhaus Mousonturm Intendanz und Geschäftsführung), Alexander Weise (Schauspieler), Alison Schuhmacher (Schauspieler*in), Oska Borcherding (Schauspieler), Philipp Leinenbach (Schauspieler, Comedian), Jill Weller (Schauspielerin), Henri Maximilian Jakobs (Musiker, Schauspieler), Eloain Lovis Hübner (Komposition, Musiktheater, Kuration), Lucien Lambertz (Dramaturgie, Kuration Kampnagel), Silvia Fehrmann (Kulturmanagerin), Stefan Hilterhaus (PACT Zollverein Künstlerische Leitung, Geschäftsführung), Claudia Schmitz (Direktorin Deutscher Bühnenverein), Nina Tecklenburg (Interrobang), Andreas Dorau (Musiker), Jan Werner (Mouse on Mars), Carena Schlewitt (HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste Intendanz und Künstlerische Leitung), Tucké Royale (Regisseur, Professor für Creative Writing), Dr. Joy Kristin Kalu (Dramaturgin, Professorin UdK Berlin), Brigitta Muntendorf (Komponistin), Dominique Horwitz (Schauspieler), Tabea Zimmermann (Musikerin), Gordon Kampe (Komponist, Präsident der Gesellschaft für Neue Musik), Lucas Fels (Arditti Quartet), Decoder Ensemble (Band für aktuelle Musik Hamburg), andcompany&Co (Alexander Karschnia, Nicola Nord, Sascha Sulimma, Caroline Farke), Manos Tsangaris (Komponist, Präsident der Akademie der Künste Berlin), Igor Levit (Pianist), Nadin Deventer (Künstlerische Leiterin Jazzfest Berlin), Sebastian Rudolph (Schauspieler), Helmut Lachenmann (Komponist), Ariel Efraim Ashbel (Künstler*in), Andrea Niederbuchner, Jens Hilje (sophiensaele), Mateusz Szymanówka (Dramaturgie Tanz Sophiensaele, Künstlerische Leitung Tanztage Berlin), Dietmar Schwarz (lntendant Deutsche Oper Berlin), Ersan Mondtag (Regisseur), Lisa Jopt (Präsidentin GDBA), Phillipp Ruch (Zentrum für politische Schönheit), Nikolaus Müller – Schöll (Professor für Theaterwissenschaft, Goethe-Universität Frankfurt/M.), Godehard Giese (Schauspieler), Sivan Ben Yshai (Autorin)“

Zur Petion geht es hier: Petition

 

 

 

 

 

 

 

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„Mittelkürzungen sind alarmierend!“ https://www.tiefgang.net/11082-2/ Fri, 09 Aug 2024 22:24:21 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=11082 [...]]]> Jetzt wird gekürzt! Haushaltsentwurf 2025 der Bundesregierung sieht nur rund die Hälfte der Mittel für den Fonds Soziokultur vor.

Der Bundesfonds Soziokultur e.V. schlägt Alarm:Soziokultur fördert Teilhabe, Zusammenhalt in Vielfalt und belebt unsere Demokratie. Die große Bedeutung der Soziokultur für die Gesellschaft hatte die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien mit einer deutlichen Stärkung des Fonds Soziokultur und aller anderen Bundeskulturfonds im Jahr 2024 unterstrichen. Damit wurde mit der Umsetzung eines wichtigen kulturpolitischen Vorhabens der Koalition begonnen. Dies steht in deutlichem Widerspruch zu den nun geplanten Kürzungen um etwa die Hälfte im Vergleich zu 2024. Konkret sollen die Mittel des Fonds Soziokultur von 5,25 Mio. Euro in diesem auf 2,9 Mio. Euro im kommenden Jahr gekürzt werden.

Die Mittelkürzungen aller sechs Bundeskulturfonds sind vor dem Hintergrund der wachsenden Herausforderungen für die Demokratie und den gesellschaftlichen Zusammenhalt alarmierend. Der Fonds Soziokultur setzt mit der Förderung „Kultureller Teilhabe“ in ganz Deutschland ein zentrales Ziel der Bundeskulturpolitik um. Als wichtiger Innovationstreiber steht der Fonds für innovative Ideen einer zugänglichen Kultur und offenen Gesellschaft, für neue Kooperationen und sozialen Zusammenhalt. Entscheidend ist hierfür eine finanziell verlässliche und starke Impulsförderung, die auch ein wichtiger Hebel für Landes- und kommunale Förderung ist. Dies erreicht insbesondere Kulturschaffende in freien Einrichtungen und jungen Initiativen der Soziokultur, der Kulturellen Bildung, der Medienkultur und der Kulturarbeit. Sie entwickeln die Kultur inmitten einer besonders herausgeforderten Gesellschaft weiter und stellen sich ihren Fragen, Ideen und Sorgen vor Ort. Eine Kürzung der Mittel des Fonds Soziokultur berührt diese wichtige Arbeit an der Demokratie direkt.

Die Folgen

Verstärkung gesellschaftlicher Spaltung: Gesellschaftliche Ausgrenzung und kulturelle Benachteiligung verstärkt sich gerade dort, wo es ohnehin kaum Angebote gibt. Insbesondere junge und ältere, nicht mobile oder ohnehin marginalisierte Menschen können noch schlechter an Kultur und Gesellschaft teilhaben und mitwirken. Sie fühlen sich noch mehr abgehängt.

Rückbau von Innovationspotenzial: Experimentelle und innovative Programme zu großen Herausforderungen wie Technologie, Künstliche Intelligenz, Data Literacy und Diversität in der Kultur können nicht weitergeführt bzw. vertieft werden. Insbesondere junge Kulturschaffende und innovative Organisationen sind davon betroffen. Ihre Arbeit verändert jedoch nachhaltig die Breitenwirkung von Kultur in der Gesellschaft.

Abwärtsspirale: Allein im Jahr 2024 haben den Fonds Soziokultur Förderanträge im Volumen von rund 32 Mio. Euro erreicht. Bei einer annähernden Halbierung des Fonds-Budgets würde die Förderquote auf ein dramatisches Niveau sinken. Mit einem verschärfenden Dominoeffekt: Die Bundesmittel haben eine Hebelwirkung für weitere Drittmittel für die Kulturschaffenden. Entfällt dieser Hebel, entfallen auch weitere Finanzmittel z.B. von Ländern und Kommunen.“

Und auch alle sechs Bundeskulturfonds haben ein gemeinsame Stellungnahme abgegeben:

„Massive Kürzungen bei den Bundeskulturfonds zeugen von keiner konsistenten und nachhaltigen Förderung der freien Kunst- und Kulturszene 

Erst mit dem Bundeshaushalt 2024 hatten die Regierungsparteien das Ziel des Koalitionsvertrags, die Bundeskulturfonds als Innovationstreiber nachhaltig zu stärken, eingelöst. Die deutlichen Erhöhungen der Fördermittel sollten in der Folge des auslaufenden NEUSTART KULTUR-Programms durch verstetigte Regelförderungen sowie neue Fördermodule die freie Kunst- und Kulturszene weiter substanziell unterstützen.

Mit dem neuen Haushaltsentwurf 2025 gefährdet die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien mit drastischen Kürzungen die perspektivische Fortführung dieser Arbeit: den sechs Bundeskulturfonds soll für das Jahr 2025 insgesamt nur rund die Hälfte an Mitteln – im Verhältnis zum Haushalt 2024 – zugestanden werden.

Dies irritiert umso mehr, als gerade erst neue Förderlinien und Programme, teils auch im Zusammenspiel mit Ländern und Kommunen oder Akteuren des kulturellen Lebens, entwickelt und erstmalig ausgeschrieben wurden oder sogar aktuell noch erarbeitet werden. Auch helfen die Bundeskulturfonds aktiv und konstruktiv bei der Einführung und Durchsetzung in der Freien Szene von Honoraruntergrenzen, den Nachhaltigkeits- und Awareness-Empfehlungen der Kulturförderung der BKM bzw. haben daran mitgewirkt, diese zu entwickeln und auszugestalten.

Als unabhängige Einrichtungen zur Förderung der zeitgenössischen Kunst und Kultur leisten die Bundeskulturfonds ihrem Auftrag nach und in ihrer intermediären Rolle zwischen Bund und den Freien Künsten einen wichtigen Beitrag für Innovation und Diskurs in den Künsten, für vielfältige ästhetisch-künstlerische Positionen und für den gesellschaftspolitischen Austausch in Zeiten von multiplen Krisen.

Da der Etat der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien in Summe im Haushalt 2025 erfreulicherweise mit einem Aufwuchs rechnen darf und von Kürzungen verschont bleibt, scheint die Budgetierung der Bundeskulturfonds vor allem eine Frage der Priorisierung zu sein.

Die Vorstände und Geschäftsführenden der Bundeskulturfonds fordern daher die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien und die Koalitionsparteien auf, diesen gemeinsam begonnenen Weg durch eine dringend notwendige Korrektur des Haushalts 2025 weiter zum Erfolg zu führen.“

Deutscher Literaturfonds – Deutscher Übersetzerfonds – Fonds Darstellende Künste – Fonds Soziokultur – Musikfonds – Stiftung Kunstfonds 

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