Kulturpolitik https://www.tiefgang.net Fri, 03 Dec 2021 10:50:09 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1 Kultur in der Ampel https://www.tiefgang.net/kultur-in-der-ampel/ Fri, 03 Dec 2021 23:36:59 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=8615 [...]]]> Kurz nachdem die Ampel-Parteien von SPD, FDP und den Grünen ihren Koalitionsvertrag präsentiert haben, geht es an die Analyse des Werks. So streichen GVL und GEMA in ersten Einschätzungen unter anderem das frisch verankerte Staatsziel Kultur heraus, die Musikverleger signalisieren derweil Bereitschaft zur konstruktiven Zusammenarbeit.

Kurz nachdem die Ampel-Parteien von SPD, FDP und den Grünen am 24. November 2021 ihren Koalitionsvertrag präsentiert haben, geht es an die Analyse des Werks. So streichen GVL und GEMA in ersten Einschätzungen unter anderem das frisch verankerte Staatsziel Kultur heraus, die Musikverleger signalisieren derweil Bereitschaft zur konstruktiven Zusammenarbeit.

„Immerhin 78 Treffer finden sich in dem 177-seitigen Dokument unter dem Schlagwort Kultur“, haben die beiden Geschäftsführer der Gesellschaft zur Wahrnehmung von Leistungsschutzrechten (GVL), Tilo Gerlach und Guido Evers, nachgezählt. Dabei sei ein Punkt besonders wichtig: „Mit Blick auf unsere Berechtigten freuen wir uns sehr darüber, dass Kultur als Staatsziel ins Grundgesetz aufgenommen werden soll. Auch wir haben uns schon lange dafür stark gemacht“, betonen Gerlach und Evers: „Gerade in diesen Zeiten braucht es ein solches Signal für eine lebendige und nachhaltige Kulturlandschaft. Damit wird anerkannt, dass die Kultur in all ihrer Vielfalt ein fester und prägender Bestandteil unserer gesellschaftlichen DNA ist.“

Die Musikverleger haben den Koalitionsvertrag „mit großem Interesse zur Kenntnis genommen“, wie der kürzlich frisch zum Präsidenten des Deutschen Musikverleger-Verbands (DMV) gewählte Götz von Einem berichtet: „Wenn die neue Regierung sich danach für einen fairen Interessenausgleich einsetzen und die Vergütungssituation für kreative Inhalte verbessern will, begrüßen wir das selbstverständlich.“ Zunächst aber bleibe noch abzuwarten, „wie die personelle Besetzung der zuständigen Stellen sein wird und welche Taten den Worten folgen werden“, wie von Einem, noch kurz vor der jüngsten Bestätigung der Grünen-Politikerin Claudia Roth als Kandidatin für den Posten der Kulturstaatsministerin. Götz von Einem verspricht bereits für den DMV: „Wir bleiben wach- und aufmerksam und sind zu einer konstruktiven Zusammenarbeit bereit.“

Bei der GEMA begrüßt derweil Michael Duderstädt als Direktor Politische Kommunikation der Verwertungsgesellschaft, „dass Kultur als Staatsziel aufgenommen werden soll, und dass die neue Regierung die Vergütungssituation der Kreativen verbessern“ wolle. Duderstädt hat aber auch Lücken im Vertragswerk erkannt: „Die Passagen zum Urheberrecht im Koalitionsvertrag sind allerdings überschaubar. Hier gibt es noch viel zu tun, gerade vor dem Hintergrund der sich erneut zuspitzenden COVID19-Pandemie.“ Gerade im Onlinebereich mangele es „vor allem beim Streaming“ an Fairness und Transparenz für die Urheberinnen und Urheber, betont Duderstädt: „Darüber hinaus müssen endlich auch virtuelle Speichermedien wie Cloud-Dienste in das System der Privatkopie-Vergütung eingebunden werden. Der digitale Markt für kreative Inhalte muss insgesamt besser auf die Bedürfnisse der Kreativen zugeschnitten werden und ihnen ein wirtschaftliches Auskommen ermöglichen.“

Quelle: beta.musikwoche.de

Beinahe parallel hatte sich auch die in der k3d zusammengekommene Koalition Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland zu Wort gemeldet. Zufrieden seien lediglich die Kulturveranstalter. „Weitgehend enttäuscht“ sind hingegen die Veranstaltungsunternehmen des B2B-Bereichs.

In einer ersten Reaktion auf den Koalitionsvertrag beurteilt das Forum Veranstaltungswirtschaft das Papier ambivalent. Zufrieden seien lediglich die Kulturveranstalter, heißt es aus Hamburg. „Wir begrüßen es sehr, dass die Kultur- und Kreativwirtschaft einen eigenen Ansprechpartner in der Regierung erhalten soll“, sagt Jens Michow, Präsident BDKV. „Auch die angekündigte Fortführung der Neustart Kultur-Programme – hoffentlich bis in das Jahr 2023 hinein – wird den Kulturveranstaltern die Rückkehr in die Normalität erleichtern.“

Sehr erfreulich für den gesamten Kulturbetrieb sei es auch, dass Musikclubs zukünftig als Kulturorte behandelt würden und die internationale Kulturpolitik gestärkt werden soll. Veranstaltungsunternehmen des B2B-Bereichs seien allerdings von dem Vertrag „weitgehend enttäuscht. Obwohl wir von den Eindämmungsmaßnahmen der Corona-Pandemie am härtesteten betroffen sind, wird unser Wirtschaftszweig in dem Regierungskonzept mit keinem Wort erwähnt“, betont Randell Greenlee, Bereichsleiter Politik und International des VPLT.

Zum B2B-Bereich der Branche zählen etwa Kongresse, Tagungen, Ausstellungen und Firmenevents sowie der gesamte Dienstleistungssektor der Veranstaltungswirtschaft. Auch der wirtschaftlich besonders bedeutende Messebereich finde keine Erwähnung. Ebenso bedauerlich sei es, dass die für die Branche existenzielle Verlängerung der Überbrückungshilfe 3 bis Ende Juni 2022 nicht geplant zu sein scheint. Ebenso vermisst werde die Ankündigung der dringend erforderlichen Verlängerung der Neustarthilfe Plus sowie die Aufstockung des Kurzarbeitergeldes.

Der Wirtschaftszweig könne dem Vertrag allerdings auch positive Elemente entnehmen. Dazu zählten zum Beispiel die vorgesehene Ermöglichung flexiblerer Arbeitszeitmodelle und die finanzielle und strukturelle Unterstützung der Kommunen. „Auch die zukünftige Unterstützung von Sportgroßveranstaltungen begrüßen wir außerordentlich und sehen darin ein klares Bekenntnis der neuen Regierung zum Veranstaltungsstandort Deutschland“, ergänzt Timo Feuerbach, Geschäftsführer EVVC.

Die Veranstaltungswirtschaft in ihrer Gesamtheit finde aber zu wenig Beachtung, mahnt das Forum an. Veranstaltungsstätten leisteten wichtige Beiträge für zukunftsfähige Innenstädte und die Lebensqualität in Stadt und Land und müssten besser gefördert werden.

„Alle Verbandsvertreter:innen hoffen, dass die oder der vorgesehene Beauftragte für Kultur- und Kreativwirtschaft nicht nur die Interessen der Kulturveranstalter, sondern auch der übrigen Veranstaltungsmärkte hinreichend im Fokus haben wird. Schließlich sei die Branche der entscheidende Motor, ohne dessen Antriebskraft auch der Kulturbetrieb nach den vielen Monaten des Stillstands nicht wieder auf die Beine kommen werde“, heißt es abschließend in der Mitteilung.

Quelle: beta.musikwoche.de

 

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Kultur politisch https://www.tiefgang.net/kultur-politisch/ Fri, 27 Jul 2018 22:54:05 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=3924 [...]]]> Ohne Kulturpolitik kein Kulturbetrieb: Oft sehen sich Kulturschaffende vor allem als Abhängige der Kulturpolitik. Die Juli-Ausgabe des „Kultur Management Network“-Magazins will den Knoten der kulturpolitischen Prozesse entwirren und zeigen, wie Kulturschaffende ihre eigenen Kulturpolitiker werden können.

Kulturpolitik tickt auf jeder Ebene anders, wird von verschiedenen Faktoren und Personengruppen beeinflusst. Dem gegenüber fühlen sich viele Kulturbetriebe hilflos. Doch Kulturpolitik ist stärker auf Ihren Input angewiesen als es auf den ersten Blick vielleicht scheint. „Also nur Mut!“ rufen die Magazin-Macher*innen einem zu, um selbst aktiv und kreativen Einfluss auf die politische Seite von Kultur zu nehmen – und damit auch auf den eigenen Arbeitsalltag.

Das Magazin führt einige Interviews um beispielhaft verschiedenen Genres und Strukturprobleme aufzuzeigen. Auch unser Elphi-Leiter Lieben-Seutter berichtet aus seinen Erfahrungen noch ohne Prunkbau. Daraus für die alltägliche Kulturarbeit abzuleiten, dürfte jedoch abwegig sein.

Ein Interview macht aber auf jeden Fall Spaß: Dr. Wolfgang Bordel, studierter Physiker und promovierter Philosoph, ist heute Intendant des Theaters Anklam. 1993 trieb er die Privatisierung des Theaters An­klam voran und wurde Intendant und Geschäfts­führer der Vorpommerschen Landesbühne GmbH. Er empört sich, warum Kultur im Diskurs immer als „freiwillige Aufgabe“ begriffen werde – also nach dem Motto „es zwingt Sie ja niemand dazu“. Dem hält er entgegen: „Der Mensch lebt nicht, um zu arbeiten – das mag uns Luther eingeredet haben wollen. Aber er geht nur arbeiten, dass er sich ein Leben mit Kultur und Freizeit ermöglichen kann; dass er ins Kino, ins Schwimmbad, in die Kirche gehen kann. Der Mensch möchte dort sein, wo man sich mit anderen Menschen trifft, wo Leben und Spaß existiert. Wir zahlen Steuern, dass wir ein gutes Leben führen können und nicht dafür, dass wir noch drei Panzer mehr kaufen. Also warum wird Kultur zu einer freiwilligen Aufgabe erklärt?“ Deshalb sei Kulturpolitik in einem Land so schwierig, in dem nicht einmal ein Prozent des Haushaltes der Städte, Gemeinden, Kommunen, Landkreise für Kultur ausgegeben würde. Da könne „man nicht Kulturpolitik betreiben, denn was soll denn da politisch diskutiert werden? Eigentlich ist Kultur von der Finanzpolitik abhängig, in der Konsequenz sollten wir mit Finanzministern sprechen, die haben das Geld – nicht die Kulturminister.“

Und weil es so schön ist: „Es wird allerorts darüber gesprochen, dass wir eine „Kulturnation“ sind. Demgemäß müssten eigentlich alle Politiker eine Kulturverpflich­tung unterzeichnen, die vorschreibt, dass sie ihr Gehalt erst bekommen, wenn sie auch Kultur wahrnehmen, sie also regelmäßig ein Schwimmbad, ein Kino, eine Bibliothek besuchen. Denn sie müssen doch wissen, was die Menschen berührt.“

Fazit: Lesenswert ist die Magazin-Ausgabe allemal, wenngleich es an Praxis doch etwas fehlt. Denn ein Problem wird zwar thematisiert: nämlich dass Politik das Sujet Kultur nach wie vor als „Spielwiese“ und nicht grundlegende Infrastruktur begreift. Zumal die meisten Politiker*innen selbst kaum Kultur wahrnehmen – also im Grunde Laien, Dilettanten sind. Aber ob und wie man es ohne sie bewerkstelligen kann, bleibt weitestgehend unerschlossen. Und auch wenn man Politik versucht einzubeziehen: muss man sich dann hinunterbeugen oder können sich Politiker*innen aufrichten? Vermutlich fehlt es an praktischen positiven Erfahrungen. Aber das kann sich ja ändern. Wenn man eben Mut hat.

online lesen (PDF)

Quelle: www.kulturmanagement.net

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Harburg braucht einen (Kultur-)Plan! https://www.tiefgang.net/harburg-braucht-einen-kultur-plan/ Fri, 13 Oct 2017 22:26:30 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=2315 [...]]]> Harburg hat alle Voraussetzungen für florierende Kultur und mehr. Aber man muss sie eben auch nutzen. Und das ist nicht mal schwer.

In Harburg wird von allen Seiten und immer wieder der Wunsch geäußert, hier müsste mehr passieren – auch in Sachen Kultur. Passiert ist aber bisher nur Stückwerk. Was fehlt, ist eine Strategie und konkrete Arbeit an vorhandenen aber auch veränderbaren Strukturen. Und das ist wichtig. Denn Harburg ist ein Bezirk der Stadt Hamburg. Zugleich aber ist Harburg auch ein Oberzentrum in der Metropolregion Hamburg und historisch ohnehin urbanes Zentrum im nördlichen Niedersachsen.

Es lohnt sich daher, diese Besonderheiten genauer zu betrachten. Denn viele strategische Antworten liegen quasi wie ein offenes Lehrbuch vor uns. Harburg ist keine Insel im luftleeren Raum, sondern eingebunden in verschiedene Wechselwirkungen. Diese können sich gegenseitig befruchten und es wäre dumm, sie nicht zu nutzen.

Urbanität zieht an

Da ist zum einen das Beziehungsgeflecht Hamburg und Harburg als Außenbezirk. Schon der Begriff ´Außenbezirk` signalisiert: Hamburg ist das Zentrum – Harburg die Peripherie. Eindrucksvoll und bildhaft obendrein liegt dazwischen ein Fluss, der nicht mal eben zu überbrücken ist.

Urbane Live-Kultur: Marias Ballroom

Im Bezug auf Kultur bietet Urbanität grundsätzlich eine Vielfalt kultureller Möglichkeiten. Erst recht in der zweitgrößten Stadt der Republik. Seinen Bürger*innen bietet Hamburg eine Vielzahl an kulturellen Angeboten. Zahlreiche Theater, Staatsoper, Ballett, Museen, Kunst, Literaturhaus und Literaturwochen, Elbphilharmonie, Filmfest, Kunsthalle oder Fotografie und ja, auch die Musicals. Nichts, was es nicht gibt, um die verschiedenen Kulturgenres abzudecken. Manches gilt vorrangig den Bürger*innen der Stadt. Manches aber auch vor allem den Stadtbesucher*innen. So die Musicals und auch die Elbphilharmonie. Ist so.

Dabei ist auch hier nicht allein an klassischen Tourismus zu denken, sondern an das Einzugsgebiet der Metropole. Interessiert man sich etwa für die teils avantgardistischen Darbietungen der Kampnagel-Fabrik, werden Menschen aus dem Umland – etwa Pinneberg, Trittau, Stade oder Lüneburg – den Weg auf sich nehmen. Denn weder finanziell vor allem aber nicht soziokulturell sind derartige Kulturorte und –inhalte in den peripheren Regionen denkbar. Denn Großstadt zieht vor allem eben urbane Geister an. Urbanität ist nicht nur eine stadtplanerische sondern auch eine soziokulturelle Komponente.

Wege in Kauf nehmen

Und hier sei noch mal betont, dass das ´Wege in Kauf nehmen` nicht nur bildhaft ist. Das ruhige Einfamilienhaus mit Garten im stillen Vorort mag verlockend und in der Anschaffung günstig(er) sein. Im Gegenzug aber heißt es abseits urbanen Lebens. Ruhe und Idyll auf der einen versus Unruhe und (kulturelle) Aufregung auf der anderen Seite.

Das Kulturhaus Süderelbe in Neugraben

Aber so wie die Stadt dieses vielfältige Angebot eben auch in die Peripherie (bei uns ´Metropolregion Hamburg`) streut, so wenig Interesse hat sie, dieses (auch kulturelle) Zentrum einem Zerfaserungsprozess herzugeben. Will heißen: diese Urbanität ist ein Pfund, mit dem eine Stadt um eben urbane Neubürger*innen buhlen kann und dies auch tut. Jede Zerfaserung sieht sie da als kontraproduktiv an. Dass man es dennoch machen kann, zeigt u.a. Walter Rohn imposant in seinem Metropolenvergleich von Wien und Paris. (Vgl. KM Magazin Nr. 126, Sept. 2017, „Peripherie“, Beitrag „Kunst und Kultur am Stadtrand“, S. 14ff) Er kommt generell zu dem Schluss, dass eine stärkere Kooperation aller Gebietskörperschaften einer Stadtregion anzustreben sei. Daran mangelt es aber nicht nur in Wien, sondern auch in Hamburg.

Dies umzusetzen setzt aber auch einen realen Diskurs und eine langfristige (Kultur-)Planung voraus. Davon ist in Hamburg nichts oder nur sehr wenig zu verspüren. Weder politisch, noch bei einer relevanten Gruppe Kulturinteressierter.

Illusion urbaner Leuchttürme

Was aber konkret bedeutet die Auseinandersetzung darüber? Zum einen, dass das urbane Zentrum von kulturpolitischen Entscheidungsträgern nicht als das A und O betrachtet werden sollte. Geschweige denn muss. Im Gegenzug aber auch, dass die Peripherien sich einiger Illusionen gar nicht erst hingeben sollten. Etwa urbane Leuchttürme in peripheren Gegenden zu erstellen. Eine vergleichsweise avantgardistische Ausstellungshalle wie die Falckenberg-Sammlung in Harburg ist nach den logischen Beziehungsgeflechten von Zentrum zu Peripherien zum Beispiel und im Grunde unsinnig. Ich sage bewusst im Grunde, denn dass es immer auch mal anders geht, zeigen Ausnahmen eben auch. Und dass Harburg eben durch das Vorhandensein der alten und bis dahin frei stehenden Fabrik-Halle zum einen sowie des Zugriffs darauf durch eben den Namensgeber Falckenberg zum anderen einen Glücksfall erlebte, ist eben so ein Einzelfall. Falckenberg schaffte es, durch seine Privatinitiative gar nicht erst stadtplanerische Bedenken aufkommen zu lassen.

Städtisch: Museum und Theater.

Das alleine wird aber nicht gereicht haben. Denn vermutlich ebenso wichtig für seine kulturelle Relevanz ist, dass Harburg eben auch nicht das Ende der Welt ist. Denn im Beziehungsgeflecht zum Landkreis Harburg wiederum, konnte sich Harburg als kulturelles Oberzentrum diese Ausstellungsfläche durchaus „leisten“. Weiterer Pluspunkt: sie liegt innerhalb Harburgs zentral. In Rönneburg wäre sie eventuell dann doch gescheitert. Ein weiterer Teil der Wirklichkeit ist aber auch : Falckenberg wurde und wird nicht an Besucherzahlen gemessen. Und seit die Ausstellung als Außenstelle der Deichtorhallen fungiert, darf sie so oder so als etabliert gelten.

Harburg ist Oberzentrum

Was aber, wenn ein Außenbezirk wie Harburg keine Sogwirkung auf ein Zentrum wie Hamburg entfalten kann. Heißt das dann automatisch kulturelle Provinz?

Eben nicht. Denn als Oberzentrum für den Landkreis Harburg etwa hat es eine Sonderstellung. Die kommt wahrlich nicht jedem Hamburger Bezirk oder Vorort zugute. Ein Blick auf das Umland zeigt dies deutlich. Lüneburg (fast 75.000 Einw.), Stade (46.000 Einw.), Buxtehude (40.000 Einw.) verfügen nicht über die jeweiligen Größen für urbane Kultur. Dazu kommen Winsen (fast 34.000 Einw.), Buchholz (38.000 Einw.) oder Neu Wulmstorf (20.000 Einw.).

Tiefer gelegt: Irish Pub in der Lämmertwiete.

Urbane Kultur heißt dabei nicht etwa, dass eine „abgefahrene“ oder mutige Kunstausstellung oder ein experimentelles Konzert nicht mal sein Publikum fände. Aber als Treffpunkte dieser Kulturgenres Orte dauerhaft zu etablieren, dafür fehlt es einzeln betrachtet an Größe. Der Bezirk Harburg selbst mit seinen fast 165.000 Einwohnern kann da schon durchaus aus sich selbst heraus was auf die Beine stellen. Und tut dies auch. Die Liste an Kulturorten ist ebenso beeindruckend wie der Kulturzusammenschlüsse (Vereine etc.) Kulturschaffender selbst. (Vgl. Kulturorte sued-kultur.de/locations und kulturelle Zusammenschlüsse sued-kultur.de/vereine).

Und hier liegt eben die Chance und Herausforderung für Harburg. Wie in den fast allen großen Metropolen finden auch in Hamburg Verdrängungsprozesse statt und suburbane Kreative werden immer weiter in die Peripherie gedrängt. Dort finden sich dann hoffnungsweise noch bezahlbare Räume und Möglichkeiten der kreativen Arbeit. Und eben auch das Publikum.

Dabei sollte nicht der Blick auf bereits etablierte Gruppen gerichtet sein. Sie haben meist einen langen Atem, um ihre seinerzeit erkämpften Orte zu verteidigen. Aber es gibt durchaus ausreichend Potenzial von erprobten und gestandenen Kreativgruppen, die sich Harburg vorstellen könnten – so denn der Bezirk auch seinerseits Interesse signalisierte. Die Ansiedlung der Medical School Hamburg mit seinen künstlerisch ausgerichteten Studiengängen ist so ein Beispiel. Aber auch der Speicher am Kaufhauskanal oder die neue Fischhalle. Die Kulturtage des Kulturhauses Süderelbe wären ohne die Sogwirkung als südliches urbanes Zentrum ebenso wenig denkbar wie der Harburger Kulturtag, die SuedKultur Music-Night oder die Literaturtage SuedLese. Denn die mediale Wahrnehmung wie die des Publikumszustroms reicht vom Zentrum Harburg bis in den Landkreis. Die Inhalte sind in weiten Teilen durchaus großstädtisch. Hier ist schon eine Grundlage geschaffen, um weitere kulturelle Orte und Ideenschmieden anzuziehen. Voraussetzung aber wäre, dass es überhaupt ein Bewusstsein über diese Zusammenhänge gibt. Dann müsste eine Bestandsaufnahme folgen: Was wird im Zentrum Hamburg mit Wirkung zur Peripherie Harburg geboten? Was wird wiederum im Zentrum Harburg zur Peripherie Landkreis geboten? Wo entstehen künftige Verdrängungsprozesse, die man aktiv ausgleichen oder auch nutzen kann? Was ist dafür nötig, was ist vorhanden? Und ja, was kostet es? Es ist anzunehmen, dass die Kosten – wie so oft im Kulturbereich – völlig überschätzt werden. Denn Kultur und Urbanität setzen vor allem erst einmal eines voraus: Haltung.

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„10% der Wohnungsbauprämie für Kultur!“ https://www.tiefgang.net/10-der-wohnungsbaupraemie-fuer-kultur/ Sat, 29 Jul 2017 06:34:50 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=1692 [...]]]> Der Bezirk bekommt vom Senat der Stadt Hamburg frisches Geld für neue Wohnungen. Suedkultur wünscht davon einen Anteil für die Kultur.

In einem offenen Brief vom 24. Juli 2017 an alle Fraktionen im Bezirk heißt es dazu nun:

SuedKultur wünscht sich aus Wohnungsbauprämie 10% für die Kultur in Harburg

offener Brief an alle Faktionen der Bezirksversammlung Harburg –

Die Initiative SuedKultur wünscht sich fraktionsübergreifend, dass von der Wohnungsbauprämie des Senats der Freien und Hansestadt Hamburg 10% in den Etat für Kultur im Bezirk übergeht.

Hintergrund: der Senat hatte im Rahmen des angestrebten gesteigerten Wohnungsneubaus jedem Bezirk eine Prämie für neu zugelassene Wohnungsbauten versprochen. Im Jahr 2016 wurden im Bezirk Harburg allein 1.135 neue Wohnungseinheiten genehmigt, für die eine Prämie von mind. 250 Euro an den Bezirk und zur freien Verwendung fließt.

1.135 neue  Wohnungen allein 2016 heißt auch jede Menge neue Bürger*innen im Bezirk, denen stadteilorientierte Kulturangebote offen stehen sollten. Zwar wurde der Kulturetat 2017 und 2018 bereits erhöht, konnte aber lediglich die jahrelang gestiegenen Kosten der einzelnen geförderten Kulturschaffenden im Bezirk kompensieren. Gelder für neue und zahlreichere Angebote sind noch immer schwerlich und erst recht nicht auskömmlich zu finanzieren.

Daher sieht die Initiative Suedkultur nun einen guten Zeitpunkt, zumindest einen kleinen Teil der zusätzlichen Bezirksgelder der Kultur zuzusprechen.

Wir wünschen uns dies in fraktionsübergreifender Übereinstimmung, allein als Zeichen der Wertschätzung kultureller Arbeit im südlichen Bezirk Hamburgs.“

 

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Kultur und Politik – passt das überhaupt? https://www.tiefgang.net/kultur-und-politik-passt-das-ueberhaupt/ Sat, 24 Jun 2017 06:37:58 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=1449 [...]]]> 2017 ist Bundestagswahlkampf und das heißt: alle Parteien schießen aus allen Rohren und zu so ziemlich allen Themen. „Die Linken“ sogar zur Kultur. Wir schauen mal hin.

Kultur ist eines der Themen, für die fast jede*r Politiker*in nur Gutes über hat. An den Taten gemessen merkt man aber: der Ausspruch unseres Ex-Kanzlers Schröder, Kultur- und Familienpolitik sei „Gedöns“, ist real. Lippenbekenntnisse auf der einen, aber wenig Kulturetat geschweige denn –konzept auf der anderen Seite verweisen darauf, dass offenbar der Glaube herrscht, mit Kulturpolitik sei eben kein Blumentopf zu gewinnen.  So stellte die Frankfurter Allgemeine erst im NRW-Wahlkampf wieder fest: Im Wahlkampf sind sich alle Parteien in Nordrhein-Westfalen in einem einig: Kulturpolitik ist Nebensache.“

„Mit Kultur kann man Politiker jagen“

Und FAZ-Redakteur Andreas Rossmann resümierte vorausschauend: „Mit Kultur kann man die Politiker in NRW jagen: Vor der Wahl liegt das ganze Elend offen zutage. Dass die Kulturpolitik an Rhein und Ruhr marginalisiert wird, verheißt für das Land nichts Gutes.“ (FAZ vom 12. Mai 2017)

Und so wie in NRW ist es auch beim Bundestagswahlkampf kein Thema und in Hamburg mag die Elbphil-harmonie ein zeitungsfüllendes Thema sein. Im Kulturausschuss hingegen finden sich nicht mehr ganz so viele Ambitionen. Und selbst im Kulturausschuss im Bezirk Harburg fand sich bei einem letzten Workshop-Treffen von Kulturschaffenden, Verwaltung und Politik ein einziger Vertreter einer politischen Fraktion. Von den Grünen. Kultur ist schön und gut, aber andere Dinge eben wichtiger.

Eigentlich erstaunlich, da ja mit wenig Mitteln schnell Begeisterung und Elan erreicht werden könnte und kann. Eine Veranstaltung sticht daher gerade etwas heraus aus dem Nichts all der zur Zeit uns anschreienden Wahlplakate. (Wahlplakate sind es natürlich nicht. Die dürfen ja erst wenige Wochen vor der Wahl hängen. Aber viel mehr Plakate werden es wohl zumindest in der Anzahl auch nicht mehr werden können.) Denn die Bürgerschaftsfraktion der Linken lädt genau zum Thema Kulturpolitik am Donnerstag, 13. Juli 2017 um 19.30h in den Medienbunker ins „Übel & Gefährlich“ in die  Feldstraße 66 ein. Thema „Die Rahmenbedingungen der Kulturpolitik“. Und interessant ist dabei vor allem, dass in der illustren Diskussionsrunde Klaus Lederer,  Kultursenator von Berlin und eben in der rot-rot-grünen Regierung für die Linken sitzen wird.

Berlins Kultursenator am Tisch

Reine Oppositionspolemik dürfte hier also nicht möglich sein und seine bisherigen Aktionen (Ablehnung des bereits vom Bund durchfinanzierten Konzeptes eines ´House of Jazz` mit Trompeter Till Brönner oder der ´Kreuz`-Streit um das Berliner Stadtschloss) lassen ja eine gewisse „neue Linie“ erkennen. Ebenso am Tisch: Amelie Deuflhard, künstlerische Leiterin von Kampnagel sowie Norbert Hackbusch, kulturpolitischer Sprecher für die Hamburger Linken-Fraktion. Er fiel zuletzt durch Forderungen nach freiem Eintritt zu Dauerausstellungen in Hamburger Museen auf wie auch zur Forderung einer Kulturtaxe bei nachts im Hafen liegenden Kreuzfahrtschiffen.

Smart stehend für Kultur: Berlins Senator Klaus Lederer

 

Und worum soll es gehen? Der Titel jedenfalls lautet „Kultur | Politik – Was geht?“

Aus der Vorankündigung:

„ ´In der Kulturpolitik (geht es) darum, gute Rahmenbedingungen für die künstlerische Arbeit herzustellen.`

Klingt nach einem guten alten Deal? Geht so Kulturpolitik? Geht so! Wie steht‘s mit dem Zutrauen zwischen Kulturpolitik und Kulturszene? Was erwarten Kulturschaffende von der Kulturpolitik? Was erwarten Kulturpolitiker*innen von Kulturschaffenden? Wer ist wofür zuständig und wofür nicht? Gibt es für alle Beteiligten jenseits der ausgetretenen Pfade noch Ansätze für wahrnehmbare, konkrete Veränderungsprozesse?

In Punkto auskömmliche Förderung kommen Kulturpolitiker*innen und Kulturschaffende traditionell selten auf einen Nenner. Diskussionen über kulturpolitische Visionen hinterlassen bei allen Beteiligten gerne einen staubigen Beigeschmack: Am Ende geht’s immer um‘s Geld und davon gibt‘s eh nie genug.

Aber wie steht es eigentlich um den kulturpolitischen Status Quo? Diverse Bücher, Blogs und Podien haben das gängige kulturpolitische Setting ausführlich in Frage gestellt: Es galt neue Finanzierungsmodelle zu finden, mehr Markt zuzulassen, weniger Kanon festzuschreiben und verstärkt von den Nutzer*innen her zu denken. Kulturinstitutionen haben derweil ihren Betriebscharakter geschärft, Behörden ihre Controlling-Abteilungen ausgebaut und Künstler*innen sich nebenbei zu Betriebswirt*innen ausgebildet.

Alle haben sich irgendwie weiterentwickelt aber wohin?

Gerungen wird nach wie vor um die wettbewerbsfreien Zonen. Gestritten wird immer noch, und erfreulicherweise wieder mehr, für faire Arbeitsbedingungen, über den Zugang zu den Institutionen oder über den gesellschaftspolitischen Wert einer öffentlich gewollten (bspw. (post-)kolonialen) Erinnerungskultur.

Vieles davon findet sich durchaus in den großen zyklischen Verlautbarungen der Kulturpolitik wieder: In Kulturhaushaltsdebatten, Wahlprogrammen oder Koalitionsverträgen. Aber die skeptisch gerunzelte Stirn vieler Kulturakteure bleibt. Was nützen die aufrichtigsten Versprechen, wenn gar kein Verfahren zur Hand ist, mit dem man etwas ausrichten kann? Wenn der Ausbau der Projekt- und Fondsförderung an der Arbeits- und Bewältigungsrealität von Kulturschaffenden vorbeigeht?

Oder wenn eine Schuldenbremse die Logik von Tarifausgleich und Bedarfsanmeldungen aushebelt? Sobald Kulturpolitik kraftlos in ein deklaratorisches Stadium zurücksinkt, ist das Zutrauen fix dahin. Ist das so? Und wenn ja, was tun und wie geht das?“

(Quelle: linksfraktion-hamburg.de)

Termin: Do., 13. Juli 2017 um 19.30h im „Übel & Gefährlich“, Feldstraße 66, 20 359 Hamburg

(21. Jun. 2017, HL)

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