Kultursenator Reinhard Stuth https://www.tiefgang.net Thu, 27 Feb 2020 09:04:26 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1.3 Advokat der Veränderungen https://www.tiefgang.net/advokat-der-veraenderungen/ Fri, 28 Feb 2020 23:59:37 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=6446 [...]]]> Die Wahlen zur Bürgerschaft sind gelaufen und das Personalkarussel um Senatsposten dreht sich aufs Neue. Doch bevor es richtig Fahrt aufnimmt, haben relevante Kulturakteure bereits ihr Votum ausgesprochen. Ein ungewöhnlicher Akt.

Dass nach Wahlen die Wählerschaft weiterhin wählerisch ist, ist zumindest in der bundesrepublikanischen Geschichte mehr als ungewöhnlich. Und dann noch einem Posten, den Politik als eher unbedeutend empfindet. Zumal – so lange die Elbphilharmonie nicht fertig gestellt war und nicht als Garant für Glanzlicht galt – es lange keine regierende Partei zum Posten des Kultursenats zog. Eher haten Kulturschaffende lange das mulmige Gefühl, die Position könne gar ganz „eingespart“ werden. Dann kam von Welck und war parteilos, dann ihr kurzer Nachfolger Stuth – wer war das noch?! –  und auch Kisseler war es. Unter ihr aber schon als Staatsrat tätig: Brosda.

Brosda ist ein guter Zuhörer, ein brillanter Rhetoriker aber eben auch Denker.  Denn was nützt die ganze Rhetorik, hat man nichts zu sagen?

Und da sich nun die Kräfteverhältnisse in der Bürgerschaft – wenn auch vielleicht nur leicht – verschieben und der Posten auf einmal neben guten Einkünften Glanz und Glammer verspricht, sind es ausgerechnet die Kulturschaffenden, die plädieren: „es soll so bleiben, wie es ist!“  Diese Wahl hat Brosda ganz alleine für sich entschieden. Respekt!

Hier die Öffentliche Stellungnahme zur Besetzung der Leitung der Behörde für Kultur und Medien in der Freien und Hansestadt Hamburg vom 25. Feb. 2020:

„Sehr geehrter Herr Erster Bürgermeister Tschentscher,

Sehr geehrte Frau Senatorin Fegebank,

 zum Ergebnis der gerade hinter uns liegenden Wahlen gratulieren wir Ihnen herzlich. In Anbetracht dessen möchten wir uns an dieser Stelle deutlich für eine weitere Zusammenarbeit mit unserem derzeitigen Senator für Kultur und Medien, Carsten Brosda, aussprechen.

Uns ist bewusst, dass Wahlen und neue politische Zusammensetzungen das Personalkarussell in Bewegung setzen und vieles gehörig durcheinanderwürfeln. Wir möchten mit diesem offenen Brief unsere Hoffnung zum Ausdruck bringen, dass in den anstehenden Koalitionsverhandlungen das Ressort Kultur und Medien mit der derzeit fachlich qualifiziertesten Person, also mit dem amtierenden Senator Carsten Brosda, besetzt wird.

Carsten Brosda ist in seiner bisherigen Amtszeit mit großer Expertise alle offenen Baustellen in der Kulturpolitik offensiv angegangen. Die Kulturpolitik der Stadt Hamburg hat mit dieser Personalie einen großen Schritt nach vorn gemacht. Carsten Brosda hat dabei sämtliche kulturelle und kulturwirtschaftliche Bereiche, für die er verantwortlich ist, im Blick: die Musik- und die Musikwirtschaft, die Popkultur, die Oper, die beiden Staatstheater Schauspielhaus und Thalia, Kampnagel, die Museen und die freie Szene. So etwas ist in der Kulturpolitik außerordentlich selten. Die Entwicklung der Kulturstadt Hamburg ist derzeit dynamisch. Wir lernen gerade alle, dass die sogenannten „weichen“ Themen zu den neuen „harten“ werden: Klima, Ökologie, die Gestaltung urbaner Lebensräume, Mobilität etc. In diesem Konzert bekommt Kultur einen immer zentraleren Stellenwert. Carsten Brosda ist ein Advokat dieser Veränderungen, der sich zukunftsweisend in die Debatte einbringt, und dies nicht nur in Hamburg, sondern im gesamten Bundesgebiet, was auch national nicht unbemerkt geblieben ist. Wir hoffen darauf weiter aufbauen zu können, um gemeinsam die Zukunft in dieser Stadt und darüber hinaus zu gestalten.

Es wäre schade, wenn es hier aufgrund von Machtarithmetik einen abrupten Führungswechsel gäbe. Wenn wir unsere Demokratie verteidigen wollen, gehören dazu auch eine vernünftige Personalpolitik und ein klares Bekenntnis für die Belange der Kultur, die gerade in unruhigen Zeiten eine wichtige Stütze der Zivilgesellschaft darstellt. Dies sollte nicht parteipolitischen Interessen geopfert werden. Wir bauen auf einen überparteilichen Konsens und hoffen darauf, dass Sie die Kulturpolitik in der Stadt ernst nehmen.

Die unterzeichnenden AkteurInnen und Institutionen aus der Kultur, der Kulturwirtschaft und den Medien in Hamburg haben in der jüngeren Vergangenheit vertrauensvoll und zielorientiert mit dem amtierenden Senator zusammengearbeitet. Die erneute Ernennung von Carsten Brosda zum Senator für Kultur und Medien begrüßen wir sehr.

 Mit freundlichen Grüßen,

  • Helge Albers, Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein
  • Norbert Aust, Hamburger Theater e.V.
  • Tulga Bayerle, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
  • Karin Beier, Deutsches SchauSpielHaus Hamburg
  • Amelie Deuflhard, Kampnagel internationale Kulturfabrik GmbH
  • Georges Delnon, Staatsoper Hamburg
  • Bernd Dopp, Warner Music Central Europe
  • Christine Ebeling, Gängeviertel e.V.
  • Pascal Funke, funke media GmbH
  • Burkhard Glashoff, Konzertdirektion Dr. Rudolf Goette GmbH
  • Jonas Haentjes, Edel SE & Co. KGaA
  • Andreas Hoffmann, Bucerius Kunst Forum gGmbH
  • Karsten Jahnke, Karsten Jahnke Konzertdirektion GmbH
  • Alexander Klar, Hamburger Kunsthalle
  • Thomas Kraupe, Planetarium Hamburg
  • Daniel Kühnel, Symphoniker Hamburg e.V.
  • Christoph Lieben-Seutter, Elbphilharmonie und Laeiszhalle Betriebsgesellschaft mbH
  • Stephan Thanscheidt, FKP Scorpio Konzertproduktionen GmbH
  • Dirk Luckow, Deichtorhallen Hamburg GmbH
  • Joachim Lux, Thalia Theater
  • Barbara Plankensteiner, Museum am Rothenbaum – Kulturen und Künste der Welt
  • Alexander Schulz, Reeperbahn Festival GbR
  • Andràs Siebold, Internationales Sommerfestival
  • Bettina Steinbrügge, Kunstverein in Hamburg
  • Albert Wiederspiel, Filmfest Hamburg gGmbH
  • Timotheus Wiesmann, Interessengemeinschaft Hamburger Musikwirtschaft e.V“

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Der Anspruch auf bleibende Bedeutung https://www.tiefgang.net/der-anspruch-auf-bleibende-bedeutung/ Fri, 16 Mar 2018 23:01:46 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=3298 [...]]]> Kürzlich berichteten wir über eine Studienarbeit zum Harburger Kunstsammler Harald Falckenberg. Jetzt sprachen wir die Autorin und hakten nach, wie es der Hamburger Kunstszene damit so ergeht.

Die Kunstwissenschaftlerin Norah Limberg schrieb ihre Bachelor-Arbeit zum Thema „Die Sammlung Falckenberg im kulturpolitischen Raum“ (´Tiefgang` am 10.2.2018: „Das System Falckenberg“)

Die Arbeit (als PDF hier abrufbar: download) beschäftigt sich vor allem kunstsoziologisch mit der gesellschaftlichen Rolle des Sammlers und seiner Relevanz. Und so wie Harald Falckenberg in Hamburg gibt es derweil einige Promis unter den Kunstsammlern: Christian Boros mit seinem Kunst-Bunker in Berlin, Frieder Burda, die Julia Stoschek collection in Düsseldorf, der „me collectors room“ von Thomas Olbricht. Insbesondere im Falle Falckenbergs aber kommt Norah Limberg zu dem Schluss, dass „die Pluralität der kulturellen Landschaft Hamburgs nicht gefördert, wenn sogar noch geschwächt“ wurde und die Stadt Hamburg gar seine Prinzipien der staatlichen Kulturförderung gebrochen hätte, denn „Neutralität“ sei definitiv nicht geben gewesen. Grund genug, mal nachzufragen.

Tiefgang (TG): Frau Limberg, Sie haben Kunst- und Sozialwissenschaften studiert. Wie kamen Sie auf ausgerechnet diese Konstellation?

Norah Limberg: Als ich mich nach meinem Abitur für die zwei Fächer an der Universität Oldenburg beworben habe, war mir noch nicht ganz klar, wie sehr sich das Studium in den doch sehr unterschiedlichen Fachdisziplinen wechselseitig befruchten würde. Erst zum Ende des Bachelorstudiums zeichnete sich für mich ab, dass sich mit den Wissenschafts-Bereichen der Kunstsoziologie und der Kulturpolitikforschung – die sich natürlich noch einmal signifikant voneinander unterscheiden – eine Schnittstelle ergibt, für die ich mich besonders interessiere.

TG: Sie haben sich in Ihrer Bachelor-Arbeit insbesondere mit der Person Harald Falckenberg als Kunstsammler beschäftigt? Wie kamen Sie auf ihn?

Norah Limberg: Vor einiger Zeit habe ich ein halbjähriges Praktikum im Kunstverein Bremerhaven absolviert, in dessen Rahmen ich erstmalig in die „Deichtorhallen Hamburg – Sammlung Falckenberg“ gefahren bin. Nach einem Treffen mit Harald Falckenberg habe ich angefangen, mich über ihn, den Sammlungsaufbau und letztendlich die Angliederung zu informieren, woraus mein Interesse an diesem doch sehr komplexen Thema erwachsen ist.

TG: Ist Harald Falckenberg denn eher Kunst-Sammler oder Kunst-Händler?

Norah Limberg: Meines Erachtens nach changiert Harald Falckenberg gekonnt zwischen den Rollen des Kunstsammlers und Kunsthändlers, positioniert sich zwar deutlich als Kunstsammler und profitiert zugleich durch seine An- und Verkäufe. Als Kunstsammler lässt es sich besser unter dem Deckmantel der „Liebe zur Kunst“ agieren, als als Kunsthändler, der offensichtlicher nach Handlungsmaximen wie der Gewinnmaximierung handelt. Durch die vermeintliche Leidenschaft zur Kunst und dem kulturellen Engagement, das der öffentlichen Zurschaustellung der eigenen Sammlung zugesprochen wird, lässt sich die Kapitalanhäufung und die eigene ökonomische Machtbasis – dem Bourdieu’schen Verständnis zufolge – besser verschleiern.

TG: Hat er ihre Arbeit schon gelesen? Hatten Sie schon einmal persönlich dazu Kontakt mit ihm?

Norah Limberg: Ob er meine Arbeit bereits gelesen hat, kann ich nicht sagen. Da aber verschiedenste Akteur*innen aus dem Kunstfeld, die durch ihre beruflichen Tätigkeitsfelder Verbindungen zu Falckenberg haben, die Arbeit angefragt hatten, kann ich mir vorstellen, dass sie zu ihm durchgedrungen ist. Persönlichen Kontakt hatten wir bezüglich meiner Forschungsarbeit noch nicht, da es mir insbesondere darum ging, nach den gesellschaftlichen Strukturen zu fragen, die meines Erachtens nach durch die Sammlungsangliederung zum Vorschein kamen. Ich habe mich also dem Phänomen mit dem soziologischen Verständnis heraus genähert, einen gesellschaftlichen Prozess zu beschreiben und zu verstehen, und zugleich das Verhalten von Akteur*innen und Gruppen zu beleuchten, die in Abhängigkeit von der sie umgebenen sozialen Netzwerken (inter)agieren. Da spielen individuelle Beweggründe keine allzu große Rolle.

Der Hamburger Kunstverein: 1. Vorsitzender Harald Falckenberg (Foto: Hamb. Kunstverein)

TG: Gibt es in der deutschen Kunstszene vergleichbare Personen, die ein ähnliches Muster aufweisen? Wenn, wer und inwiefern?

Norah Limberg: Ja, in der Deutschen und auch Internationalen Kunstszene gibt es vermehrt Sammler*innen, die mit einer „neuen Sichtbarkeit“ in den öffentlichen Kunstraum stoßen. Ich verweise hier mal konkret auf Niklas Maak: Zwischen Pinault und Pinchuk. Netzwerk und Rituale eines neuen transnationalen Sammlersystems. (In: Texte zur Kunst. Heft 83). Seit circa Mitte der 1990er Jahre investiert die ökonomische Elite immer mehr in den Ankauf von Kunstwerken und präsentiert ihre Sammlungen im öffentlichen Raum durch die Gründung von Privatmuseen, wie im Deutschen Raum beispielsweise der Medienunternehmer Christian Boros mit seinem Kunst-Bunker in Berlin (2003), Frieder Burda (2004), die Julia Stoschek collection (2007) in Düsseldorf, der „me collectors room“ von Thomas Olbricht, ebenfalls in Berlin (2010).

 Celebritysierung von Kunstbesitz

Das Kunstsammeln und auch das Ausstellen jener Werke von Privatsammlern folgt natürlich einer langen Tradition. In den letzten Jahrzehnten konnte aber beobachtet werden, dass die gegenwärtige Generation von Kunstsammler*innen durch den Aufbau von eigenen Ausstellungshäusern den Anspruch auf bleibende Bedeutung erheben und damit ein verstärkter Personenkult einhergeht – Steffen Zillig, Kunstkritiker und freier Künstler, spricht von einer „zunehmenden Celebritysierung von Kunstbesitzer/-innen“.

Nun lässt sich natürlich sagen: Harald Falckenberg hat ja seine Sammlung als Dauerleihgabe eines großen Ausstellungshauses zur Verfügung gestellt. Das bedeutet aber nicht, dass er dadurch automatisch weniger sichtbar im öffentlichen Raum ist, sondern eher das Gegenteil ist der Fall: Er kann durch die Sammlungsangliederung noch mehr Renommee für sich und seine Sammlung generieren, nimmt die Rolle als Mäzens ein und stellt sein ökonomisches und objektiviertes Kulturkapital – also seine Werke – scheinbar selbstlos, aber zur Schau gestellt einem städtischen Haus im Sinne der kulturellen Verantwortung zur Verfügung. Sein Ansehen in der Gesellschaft und sein Einfluss auf institutionelle und informelle Strukturen im Kulturfeld steigen umso mehr.

Im „Freundeskreis“ der Hamburger HfBK: H. Falckenberg (Foto: HfBK)

TG: Sie beziehen sich in Ihrer Analyse auf den Kunstsoziologen Bordieu, der zwischen ökonomischen, kulturellen, sozialen und symbolischen Vermögen unterscheidet. Eine zentrale Rolle kommt bei ihm dem sogenannten Habitus zu. Bourdieu verstand darunter Gewohnheiten, Güter und auch Lebensstil, die jemanden als Angehörigen einer bestimmten sozialen Gruppe kennzeichnen. Meinen Sie, Harald Falckenberg hat sich dies zum Vorbild oder als Schablone genommen oder trifft die Theorie hier einfach ein weiteres Mal auf seine Evidenz?

Norah Limberg: Ich gehe nicht davon aus, dass sich Harald Falckenberg in seiner Rolle als kapitalkräftiger Akteur im Kunstfeld an Bourdieus Theorie zum sozialen Raum orientiert. Erstens, weil diese Prozesse der Kapitalaneignung und -umwandlung – insbesondere wenn es sich nicht offensichtlich um ökonomisches Kapital in „unverschleierter Form“ handelt – gar nicht so unmittelbar sichtbar sind beispielsweise die Transformation von ökonomischem in kulturelles und soziales Kapital sukzessive und im Falle Falckenbergs über Jahre passiert ist.

Zweitens ist beispielsweise der Habitus im Verständnis Bourdieus nichts, das sich mithilfe eines zielorientierten Kalküls formen ließe, sondern viele gesellschaftliche Faktoren zu seiner Herausbildung beitragen, die ein Individuum allein nicht steuern kann. Bourdieus Studien und daraus resultierende Theorien zum sozialen Raum bieten keine „Handlungsanleitung zur Kapitalaneignung“, sondern vielmehr ein sehr fruchtbares Instrumentarium an, um Strukturen in einem gesellschaftlichen Feld – wie das Hamburger Kunstfeld – und die Positionen einzelner Akteur*innen darin zu analysieren.

TG: Bestimmen Charaktere wie Falckenberg künftig unser allgemeines Kunstverständnis oder tun sie es gar bereits?

Norah Limberg: Charaktere wie Falckenberg haben auf jeden Fall Wirkungen auf unser Kunstverständnis, da sie mit enormer Kraft in das Kunstfeld hineinwirken und das Kunstfeld in die Gesellschaft. In Hamburg hat sich einer Studie zufolge das Kräfteverhältnis innerhalb des Kunstfelds stark zugunsten von Privatsammlern verschoben – sie gelten mittlerweile als „höchste Konsekrationsinstanz“, vorher waren es die Museen. Das heißt, Sammler entscheiden, sie können durch ihre soziale Position im Feld entscheiden, welche Kunst gut ist und welche nicht, sie können legitime Wahrnehmungs- und Bewertungskategorien durchsetzen. Das Monopol über die  kulturelle Legitimität liegt vermehrt in deren Händen. Und was als legitim gilt, prägt automatisch das Kunstverständnis der Rezipierenden.

TG: Wurde die Stadt Hamburg geblendet oder eiferte sie dem Ruf Falckenbergs nach?

Norah Limberg: Meines Erachtens nach haben Akteur*innen der Stadt Hamburg sich bei der Entscheidungsfindung, ob es sinnvoll ist in die Angliederung der Sammlung Falckenberg an die Deichtorhallen Hamburg zu investieren, von bestimmten Faktoren, die mit der Angliederung einhergehen, beeinflussen lassen. Diese Faktoren hingen sicherlich auch mit dem international wirkenden Renommee zusammen, das Falckenberg als Kunstsammler und damit auch seine Sammlung mit internationaler Reichweite genießen dürfen. Der damalige Kultursenator Stuth bezeichnete die Angliederung als einen „wichtigen Erfolg für die Kulturmetropole Hamburg„.

Kultursenator und Kuhhändler 2011: Reinhard Stuth (Foto: Johannes Berg/hamburg.de)

Walter Grasskamp, Kunstkritiker und – soziologe spricht von solchen Kooperationen zwischen Kulturbehörde und Privatpersonen als „Kuhhandel, der auf dieser Weise zwischen dem Sammler und der Kulturbürokratie zustande kommt. Die Rolle der Kulturbürokratie wird dabei aufgewertet, denn sie kassiert mit der Sammlung des Prestige kulturellen Engagement; den Sammler wertet sie im Gegenzug auf und tauft ihn zum Mäzen“.  In meiner Arbeit habe ich anhand der Markenanalyse vom Hamburger Marketing und den „Erfolgsmuster(n) der Marke Hamburg“ aufgezeigt, dass sich die Sammlungsangliederung optimal in die marketingstrategischen Pläne der Stadt einbinden ließen – hier entstand also eine win-win-Situation für die Stadt, Harald Falckenberg und die Deichtorhallen Hamburg.

TG: Sie bemängeln, dass durch die Kooperation mit Harald Falckenberg die Kunstszene in Hamburg im Grunde geschwächt wurde. Woran machen Sie das fest?

Norah Limberg: Ich mache dies daran fest, dass die Kooperation mit Harald Falckenberg auch durch sein enorm hohes Sozialkapital zustande kam – Falckenberg hat  bereits vor der Angliederung ein beachtliches Netzwerk innerhalb des Kunstfelds gegründet und sukzessive ausgebaut, saß schon in diversen Vorständen und Aufsichtsräten und pflegte Kontakt zu wichtigen Funktionär*innen der Kulturbehörde. Diese Institutionalisierungsarbeit ist nach Bourdieu notwendig für die Produktion und Reproduktion von nützlichen Verbindungen, die Zugang zu symbolischen und materiellen Profiten verschaffen.

Solche kunsttheoretischen Werke finden sich im hauseigenen Verlag von Falckenberg, Sitz: Hamburg-Harburg.

Die meisten Kulturschaffenden, die auf eine Förderung seitens der Stadt hoffen, weisen diese Verbindungen in so ausgeprägter Form nicht auf. Somit besteht schon einmal eine Benachteiligung gegenüber Akteur*innen wie Falckenberg, die einen wesentlich leichteren Zugang zu beispielsweise der Kulturbehörde haben.
Und wenn Fördergelder nach solchen Kriterien wie einem institutionalisierten Sozialkapital vergeben werden, dann geht damit automatisch eine Schwächung derjenigen einher, die kein hohes Sozialkapital aufweisen können. Förderung muss meines Erachtens nach bestimmten Handlungsmaximen wie Objektivität und nach Qualität vergeben werden und nicht nach Richtlinien wie Ansehen, Vernetzung und Gewinnmaximierung für die Stadt.
 

Frustrierte Kulturakteure

Desweiteren habe ich in meiner Arbeit aufgezeigt, dass viele Kulturakteur*innen durch die schwindende Förderung seitens der Stadt frustriert sind und die immer stärker werdende finanzielle Unterstützung sogenannter „Leuchtturm-Projekte“ negativ beurteilen. Es ist also eine Unzufriedenheit und eine Spaltung innerhalb des Kulturfelds zu beobachten, die sicherlich negative Wirkungen auf die gesamte Produktivität des gesamten Felds generiert – wobei dies erst noch gründlich untersucht werden müsste.

TG: Gibt es Anzeichen, dass die Stadt Hamburg das „Abkommen“, also den bestehenden  Kooperationsvertrag nach 2023 verlängern oder einstellen wird?

Norah Limberg: Ich sehe es als absolut notwendig an zu erfragen, inwiefern bereits Pläne für die Fortsetzung oder Einstellung des Kooperationsvertrags geschmiedet werden. An die Öffentlichkeit sind bislang keine Anzeichen durchgedrungen. Hier besteht also meiner Ansicht nach Handlungsbedarf – es sollte eine Forderung nach mehr Transparenz in kulturpolitischen Entscheidungsprozessen ausgesprochen werden.

TG: Sollte eine Stadt wie Hamburg aber auch anderswo Mechanismen erschaffen, um solche oder ähnlich geartete Fälle zu unterbinden? Und wenn, welche?

Norah Limberg: Die Stadt Hamburg – in dem Falle die Kulturbehörde und angegliederte Gremien, die über die Vergabe von Fördermitteln entscheiden – sollte meiner Meinung nach im ersten Schritt an ihre eigene Objektivität appellieren und Mechanismen installieren, die überprüfen inwiefern die „Prinzipien der Kulturförderung“ in diesem und vergleichbaren Fällen eingehalten werden. Als Grundprinzip wird hier die Neutralität genannt; Offenheit und Kontrollierbarkeit von Entscheidungsfindungen sollten für mehr Transparenz in kulturpolitischen Prozessen sorgen. Ein wichtiger Schritt wäre auch, Gremien mit Vertreter*innen aus dem pluralen Lebensbereich der Gesellschaft zu besetzen – also mit Akteur*innen aus der Kunstfeld und der -szene ebenso wie mit interessierten Bürger*innen der Stadtbevölkerung. Nur so kann eine Legitimation von Kulturpolitik erreicht werden.

TG: Frau Limberg, vielen Dank für das Gespräch und die kunstreichen Erkenntnisse, die Sie uns haben mitgeben können.

(Das Interview für ´Tiefgang` führte Heiko Langanke)

Weiterführend: Radiobeitrag in „SWR2 Zeitgenossen“ vom 11. Apr. 2015 – Der Sammler Harald Falckenberg im Gespräch mit Susanne Kaufmann

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Das System Falckenberg https://www.tiefgang.net/das-system-falckenberg/ Fri, 09 Feb 2018 23:33:05 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=2950 [...]]]> Seit 2011 zählt die Kunstsammlung Falckenberg in Harburg zu den Deichtorhallen und es fließen zudem jährlich 570.000 € seitens der Stadt Hamburg. Eine Studie zeigt nun, durch welches Beziehungsgeflecht dies möglich wurde und auf was die Stadt sich da wirklich eingelassen hat.

Sie gilt als Stolz der Harburger Kulturpolitik und ihr Renommée reiche bis New York. Aber geht es hier wirklich um Kunst oder um geschickte Schachzüge eines vermeintlichen „Kunstverrückten“? Seit 2011 ist die einstige Privatsammlung des Unternehmers Harald Falckenberg als Dauerleihgabe an die Deichtorhallen Hamburg GmbH angegliedert, womit eine Förderung in Höhe von jährlich 570.000 € seitens der Stadt verbunden ist. In der Studienarbeit der Kunstwissenschaftlerin Norah Limberg „Die Sammlung Falckenberg im kulturpolitischen Raum“ wird die Sammlungsangliederung nun aus soziologischer und kulturpolitischer Perspektive beleuchtet. Und dabei wird aufgezeigt, welche Faktoren diese Angliederung befördert haben und vor allem, inwiefern in diesem Prozess die Prinzipien staatlicher Kunstförderung überhaupt eingehalten wurden. Es geht also um die Frage, ob die Macht von vermeintlichen Kunstmäzeen kulturpolitische Prozesse nicht nur beeinflusst, sondern vor allem ob dadurch ein Verlust des demokratischen Werts von Kulturförderung statt findet. Kurzum: Ist Harburgs Kunst-Leuchtturm ein Grund zum Stolz oder war es eher ein systematischer Schritt zu höherem Status? Ist es letztlich nicht gar ein Bärendienst, der der gesamten Kunstszene damit erwiesen wird?

Doch eins nach dem andern. Denn um zu verstehen, was hier passiert ist, lohnt sich zunächst ein Blick auf den Kunstmäzen Falckenberg selbst.

Er studierte Jura in Freiburg, Hamburg und Berlin, promovierte und war als wissenschaftlicher Assistent an der Universität Hamburg und der Freien Universität Berlin tätig. Seine juristische Laufbahn setzte er dann als Mitglied des Hamburger Verfassungsgerichts fort. Im Jahr 1979 trat Harald Falckenberg in die Gummi Ehlers GmbH Hamburg, heute ELAFLEX HIBY Tanktechnik GmbH & Co. KG, wo er bis zu seinem Ruhestand 2008 Geschäftsführer war. ELAFLEX ist eines der marktführenden Unternehmen in der Betankungsbranche und handelt mit Tankstellenzubehör, Zapfpistolen und Schläuchen. Kunstwerke zu kaufen beginnt er erst 1994, mit 50 Jahren. Fortan gefällt ihm offenbar der Habitus des Kunstkenners.

Posten und Positionen

Limberg: „Bereits ein Jahr nach dem der Unternehmer seine ersten Werke gekauft hatte, standen ihm mit dem alten Fachwerkgebäude „Pump Haus“ am Flughafen Hamburg größere Ausstellungsräume zur Verfügung, in denen regelmäßig öffentliche Veranstaltungen stattfanden. Nachdem die „Kulturstiftung Phoenix Art“ von Unternehmer Harald Falckenberg und der Phoenix-AG gegründet wurde, zog die Sammlung 2001 in die Phoenix-Hallen in Hamburg-Harburg. 2007 erwarb Harald Falckenberg einen Teil des Gebäudekomplexes und ließ es zu einem Ausstellungshaus umbauen. Seit der Eröffnung im Mai 2008 werden die Phoenix-Hallen für Einzelausstellungen sowie Themenausstellungen und Sammlungspräsentationen, aber auch als Depot für Exponate der Sammlung genutzt. Mit insgesamt 6200qm Ausstellungsfläche war er Besitzer des größten Privatmuseums in Deutschland.“ Und jetzt bricht der Hype los, der Status als Kunstmäzen beginnt seine gesellschaftliche Wirkung zu entfachen.

Im August 2010 wird zwischen Harald Falckenberg, der Deichtorhallen Hamburg GmbH und der Behörde für Kultur und Medien ein Kooperationsvertrag geschlossen, der die Sammlung von Harald Falckenberg als Dauerleihgabe an die Deichtorhallen Hamburg angliedert. Organisatorisch wird die Sammlung in den Phoenix-Hallen in Harburg laut Vertrag bis mindestens 2023 unter dem Namen Deichtorhallen Hamburg – Sammlung Falckenberg geführt. Unter der Leitung des Intendanten Dr. Dirk Luckow soll das Ausstellungskonzept rund um die Sammlung Falckenberg fortgesetzt und um neue Aspekte ergänzt werden, sowie Einzel- und Sammlungsausstellungen durchgeführt werden. Die erste Ausstellung unter der neuen Leitung wurde im Februar 2011 eröffnet.

Harald Falckenberg selbst wiederum ist neben den Tätigkeiten, die in direktem Zusammenhang zu seiner Sammlung stehen, öffentlichkeitswirksam durch die Annahme verschiedener Ämter im kulturellen Raum sichtbar. Er ist Mitgründer und im Vorstand der Kulturstiftung Phoenix art, die eben die Unterhaltung der Sammlung verfolgt. Zudem ist er Mitbegründer der W&F-Stiftung (W&F = Waitz & Falckenberg), die er gemeinsam mit Hans Jochen Waitz gegründet hat und führt. Die Stiftung dient der Förderung zeitgenössischer Kunst in der Hamburger Kunsthalle. Außerdem ist Harald Falckenberg im Aufsichtsrat der Hamburger Kunsthalle, Vorsitzender des Hamburger Kunstvereins und Mitglied im Freundeskreis der Hochschule für bildende Künste (HfBK), an der er zudem seit 2008 eine Ehrenprofessur im Studienschwerpunkt „Theorie und Geschichte“ innehat. Mittlerweile hat er zudem einen Sitz im Aufsichtsrat der Deichtorhallen Hamburg GmbH, deren Vorsitz die oder der Kultursenator inne hat.

Danach kaufte Falckenberg zudem noch die „Fundus“-Reihe der Europäischen Verlagsanstalt, ein auf Kunsttheorie spezialisierter Verlag. Und der Gründer des im Kunstbereich renommierten „Merve“-Verlags hat seine Anteile an Harald Falckenberg übertragen. Also auch die Medien in der Sparte Kunst kann Falckenberg seither „bespielen“.

So weit so gut. Irgendwie ja auch Privatsache, könnte man meinen. Was aber auch auf der politischen Seite passierte, zeigt die Studie ebenso akribisch auf. Denn 2011 – zum Zeitpunkt der Angliederung der Privatsammlung an die in öffentlicher Hand befindlichen Deichtorhallen – bezeichnete der damalige Kultursenator Reinhard Stuth dies als „wichtigen Erfolg für die Kulturmetropole Hamburg“. Nach jahrelangen Verhandlungen wurde der Kooperationsvertrag mit Harald Falckenberg geschlossen, der besagt, dass die Stadt Hamburg jährlich 570.000,- € – und zwar zunächst bis 2023 – berappt, um die Falckenberg-Sammlung im Rahmen der Deichtorhallen-Ausstellungen – quasi als Filiale – unterhalten. 70.000,- € davon für das Kuratorium. Und hier kommt der Aspekt der Politik zum Tragen. Ist es legitim, dass (Kultur-)Politik den Kunstdiskurs unweigerlich aus der Hand gibt? Also nicht nur dass die Privatsammlung mit öffentlichem Geld gefördert wird, sondern der Einfluss einer Einzelperson auf die Strukturen des städtischen Kunstlebens maßgeblich befördert wird? Das meint Limberg letztlich, wenn sie fragt, inwieweit Prinzipien staatlicher Kunstförderung überhaupt eingehalten wurden.

Attraktive kulturelle Teilhabe

Dabei stützt sich die Autorin Limberg auf die kunstsoziologische Theorie des französischen Soziologen Pierre Bourdieu (1930 – 2002). Dieser ging davon aus, dass gesellschaftliche Unterschiede recht feiner Natur sind. So sei nicht nur die Herkunft einer Person ausschlaggebend, sondern auch der sogenannte Habitus bestimme ihren Rang. Der traditionellen Aufteilung in Klassen stellte er ein hochdifferenziertes Modell entgegen, das vier Kapitalarten unterscheidet: das ökonomische, das kulturelle, das soziale und das symbolische Vermögen. Eine zentrale Rolle komme dabei dem sogenannten Habitus zu. Bourdieu verstand darunter Gewohnheiten, Güter und auch Lebensstil, die jemanden als Angehörigen einer bestimmten sozialen Gruppe kennzeichnen.

Auf den „Fall Falckenberg“ angewandt ist sein hohes Kapitalvolumen, insbesondere sein ausgeprägtes soziales Kapital. Ein Faktor, der im Wesentlichen zur Angliederung geführt hat. Zudem passte es gut, dass sich die Sammlung Falckenberg in die marketingstrategischen Pläne der Stadt Hamburg einbinden ließ und die Sammlungsangliederung somit auch als Instrument strategischer Kommunalpolitik war und ist. Drittens führt Limberg an, dass es zum Zeitpunkt der Angliederungsvereinbarung man von politischer Seite wohl auch den Hamburger*innen „eine attraktive Möglichkeit der kulturellen Teilhabe“ präsentieren wollte, um dadurch die kulturpolitische Entscheidungsmacht der Kulturbehörde zu legitimieren.

Neutralität gab es nicht

Das Fazit fällt hart aber völlig nachvollziehbar aus:  Die Prinzipien der staatlichen Kulturförderung wurden gebrochen, denn „Neutralität“ sei definitiv nicht gegeben gewesen. Vielmehr sei es Falckenbergs Netzwerk gewesen, von dem die Kulturpolitik sich habe treiben lassen. Letztlich eine Folge davon, dass „die Pluralität der kulturellen Landschaft Hamburgs nicht gefördert, wenn sogar noch geschwächt“ wurde. Falckenberg habe danach noch mehr Ämter und in durchaus entscheidenden Gremien auch hinsichtlich seiner eigenen Sammlung erlangt. Und so sei auch seine eigene Selbstdarstellung gefördert worden was wiederum gegen staatliche Kunstförderprinzipien verstoße. Limberg: „Was Harald Falckenberg vor Jahren selbst als „Skandal“ bezeichnete, vollzieht sich durch die Angliederung selbst: Durch die Aufwendung öffentlicher Mittel wird Falckenberg bereichert.“

Norah Limberg studierte ‚Kunst und Medien‘ und ‚Sozialwissenschaften‘ (B.A.) an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Seit 2015 ist sie in der Kultureinrichtung Werkschule – Werkstatt für Kunst und Kulturarbeit e.V. in Oldenburg tätig und studiert seit September 2016 ‚Kunst- und Medienwissenschaft‘ (M.A.), ebenfalls an der CvO Universität Oldenburg.

Die Studie „Die Sammlung Falckenberg im kulturpolitischen Raum. Von Wirkungen der Sammlungsangliederung  an eine städtische Institution auf die freie Kunstszene Hamburg“ ist als download verfügbar unter archiv.ask23.de

P.S.: das Hamburger Abendblatt (3. Feb. 2018) portraitierte vor einigen Tagen die Tocher Jenny Falckenberg, die als „Kunstexpertin“ und „Kunstagentin“ künftig eine eigene Sendung im „Hamburg Fernsehen“ moderiere.

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