Kulturstaatsminister Wolfram Weimer – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Wed, 19 Nov 2025 12:21:13 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.5 Der Preis der „Inneren Größe“ https://www.tiefgang.net/der-preis-der-inneren-groesse/ Fri, 21 Nov 2025 23:17:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12870 [...]]]> Der Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat in den letzten Wochen ein vielschichtiges, wenn auch zynisch geschlossenes Weltbild der Kulturnation präsentiert. Er regiert mit der Wucht der Zahlen und der Perfektion der politischen Inszenierung.

Es waren gleich drei bemerkenswerte Meldungen, die zum Kulturstattsminister dieser Tage über den Ticker liefen. „Bund investiert 21,8 Millionen Euro in Dachau und Flossenbürg“ war die eine Pressemitteilung aus dem Amt der Bundesregierung, „Bundeskulturetat 2026 mit 2,57 Milliarden Euro beschlossen“, die andere. Und dann berichtete die Frankfurter Allgmeine (18.11.2025) noch über den jährlichen „von der Weimer Media Group ausgerichteten Ludwig-Erhard-Gipfel, bei dem Entscheidungsträger aus Politik, Medien, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft und Medien miteinander ins Gespräch kommen.“

Betrachtet man die Summe seiner Entscheidungen – von Rekord-Etats über symbolische Ein-Euro-Männer bis hin zu 80.000-Euro-Netzwerk-Partys (die Summe ist der Netto-Preis für die Teilnahme, nicht für die Ausrichtung des Treffens!) – wird klar: Weimer betreibt eine Zwei-Klassen-Kulturpolitik, die Prestige und politische Selbstversicherung über die unglamouröse Basis stellt.

Die eigentliche Frage lautet: Welche Art von Gesellschaft will man uns hier vermitteln?

Der Moralschild aus Millionen

An der Spitze seiner Agenda steht die Verkündung des Bundeskulturetats für 2026: 2,57 Milliarden Euro – eine Summe, die die „innere Größe unserer Kulturnation“ zementieren soll. Diese Grandezza wird sofort mit einem rhetorischen Schutzschild untermauert: Parallel sichert Weimer 21,8 Millionen Euro für die Gedenkstätten Dachau und Flossenbürg und liefert den Slogan: „Erinnerung ist unsere stärkste Antwort auf Extremismus.“

Das ist kein Zufall, sondern politisches Kalkül. Man investiert in Projekte, deren moralischer Wert unantastbar ist. Die Geschichte wird zur idealen politischen Waffe instrumentalisiert; die Investition in das historisch Notwendige macht jede Kritik am Rest des Budgets beinahe unmöglich. Wer so großzügig die Erinnerung pflegt, kann sich moralische Immunität erkaufen.

Auch die vertiefte Kulturkooperation mit der Ukraine wird in diese geopolitische Geste eingebettet. Sie ist nicht nur militärischer oder politischer, sondern eben auch „kultureller Natur“ und erhebt das ganze Handeln auf eine Ebene, die keinen Zweifel zulässt: Weimer ist der Verteidiger der Freiheit und des „Bollwerks gegen autoritäre Ideologie“. Die Kultur wird so zur Folie für die Außenpolitik und zur glänzendsten PR-Fassade.

Der Ein-Euro-Mann und die Sparopfer

Die wahre politische Kultur zeigt sich jedoch in den Kontrasten. Auf der einen Seite steht Kanzler Merz, der den früheren Commerzbank-Chef Martin Blessing zum Persönlichen Beauftragten für Investitionen ernennt. Sein Gehalt: symbolisch ein „one dollar man“ oder „Ein-Euro-Mann“, der dem Land „ein bisschen zurückgeben“ will. Der Investment-Profi wird zum Ehrenamtler erklärt, während Millionen von Bürger*innen für 12,82 Euro die Stunde – den Mindestlohn – arbeiten. Die Botschaft: Die Eliten arbeiten aus reiner Verbundenheit, die Wichtigen sind unbezahlbar, die Basis muss ihre Existenz mit harter Arbeit verteidigen. Blessing soll nebenbei die Germany Trade and Invest (GTAI), die „ein Schattendasein führt“, auf Kurs bringen.

Auf der anderen Seite, in der unglamourösen Basis der Kulturnation, wird das Ehrenamt aktiv bestraft: Der Allgemeine Cäcilienverband (ACV) verliert 50.000 Euro an jährlicher Förderung, was 40 Prozent seiner Einnahmen ausmacht. Die Folge: Der Verband, der 274.000 Musiker*innen und Sänger*innen organisiert, steht vor dem Ende seiner hauptamtlichen Strukturen. Man ist bereit, das Fundament der historisch gewachsenen Musikkultur verhungern zu lassen, weil 50.000 Euro angeblich das Haushaltsdefizit der Bischofskonferenz retten müssen.

Der zynische Kern: Die „Leistungsträger“ der Wirtschaft arbeiten für einen Euro und erhalten dafür Macht und Prestige; die Leistungsträger der Kultur an der Basis verlieren ihre einzige professionelle Koordinationsstelle wegen einer Summe, die – pro Kopf der Engagierten – bei 0,18 Euro liegt.

Die Kultivierung der Exklusivität am Tegernsee

Die tatsächliche Weltordnung des Ministers kulminiert im Ludwig-Erhard-Gipfel, den Weimer und seine Frau mitorganisier(t)en. Bei diesem „Gipfel“ trifft sich das „Who’s who der deutschen Topentscheider“. Man ist gerne „unter sich“. Es ist kein Forum der Vielfalt, sondern ein Club der Eingeweihten.

Und dieser Club ist nicht kostenlos. Die Verkaufsunterlagen der Weimer Media Group versprechen „Einfluss auf die politischen Entscheidungsträger“. Der Preis dafür ist stolz: Das Paket „Mont Blanc“ kostet eben 80.000 Euro netto für die Teilnahme an der „exklusiven Executive Night“.

Man darf vermuten: 80.000 Euro für Einfluss sind dem Minister offenbar wichtiger als 50.000 Euro für die Sicherung von 274.000 Laienchören.

Hinzu kommt die Staatsknete, die diese private Party mitfinanziert. Die staatliche Agentur Bayern Innovativ unterstützte den Gipfel mit 165.000 Euro. Obwohl Weimer die Geschäftsführung vor Amtsantritt niedergelegt hat, ist er weiterhin zu 50 Prozent beteiligt. Es ist eine juristische Finesse, bei der der Minister im Kabinett sitzt, während seine Veranstaltung mit staatlicher Förderung das Netzwerk der Mächtigen für teures Geld verkauft.

Die Wahrnehmung, die Weimer damit in der Gesellschaft verfestigt, ist die einer Kultur als Statussymbol und politischem Manövrierraum. Die „innere Größe“ wird zur Hülle eines Systems, in dem der politische Zugang monetarisiert wird und die Basis aus eigener Kraft singen oder eben verstummen soll. Das ist die eigentliche Botschaft, die hinter den Milliarden und den 80.000 Euro steckt.

Und natürlich muss man den Kontext größer fassen: Merz` Kabinett, zu dem auch Weimer zählt, ist ein Kabinett, das ganz unverhohlen Lobbyist*innen in Minister*innenämtern kleidet. Das macht die Rolle Weimers aber nicht besser. Eher anders herum.

Die Wahrnehmung von Kultur in Deutschland wird gerade nachhaltig verändert. Der AfD wird´s gefallen. Alle anderen werden sich wehren müssen.

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Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat anlässlich seines Besuchs der Architektur-Biennale in Venedig eine Kulturbauten-Offensive gefordert.

Die Ankündigung, in den kommenden Jahren „herausragende Objekte“ in Deutschland zu realisieren, kommt zu einer Zeit, in der die Debatte um den Stellenwert von Kultur im öffentlichen Raum ohnehin bereits hitzig geführt wird.

Weimer argumentiert, dass die Kultur-Infrastruktur gestärkt werden müsse und die Förderung von Bauprojekten im Kulturbereich nicht nur die Kultur- und Kreativwirtschaft als „Innovationstreiber“ unterstütze, sondern auch Wachstum und Beschäftigung in Bauwirtschaft und Handwerk fördere. „Wir werden deutschlandweit in Kulturbauten investieren. Die Kultur-Infrastruktur braucht Stärkung. Deshalb fördern und beschleunigen wir zahlreiche Bau-Projekte im Kulturbereich. Damit unterstützen wir die Kultur- und Kreativwirtschaft als Innovationstreiber. Und fördern zugleich Wachstum, Beschäftigung in Bauwirtschaft und Handwerk.“, so Weimer.

Sicher, es gibt bereits laufende Projekte: Die Sanierung der historischen Anlagen der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten auf der Pfaueninsel wurde kürzlich abgeschlossen, das Lutherhaus in Wittenberg wird energetisch saniert, die Sanierung der Synagoge in Augsburg läuft und der Neubau des Museums berlin modern ist auf gutem Weg. Doch Weimers Vision reicht weiter.

Er fordert langfristige Investitionen in eine beeindruckende Liste von Projekten: von der Sanierung der Paulskirche und dem geplanten Haus der Demokratie in Frankfurt über das Festspielhaus von Richard Wagner in Bayreuth und Schloss Friedenstein Gotha bis hin zum Deutschen Hafenmuseum in Hamburg und dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach. Auch das geplante Deutsche Fotoinstitut Düsseldorf, die Stadthalle in Görlitz, die Erweiterung der Deutschen Nationalbibliothek und Vorhaben im Bereich der Erinnerungskultur wie das geplante Deutsch-Polnische Haus und die Neugestaltung von NS-Gedenkstätten in Dachau, Ravensbrück und Sachsenhausen stehen auf seiner Agenda.

Die Argumentation des Kulturstaatsministers ist klar: „Wegen ihrer großen Sichtbarkeit tragen Kulturbauten unmittelbar zur Strahlkraft und Stärkung des Standortes Deutschland bei“, so Weimer. „Kulturbauten gehören zu unserer Identität als Kulturnation. Sie fördern den gesellschaftlichen Zusammenhalt, da sie Anregung und Begegnung möglich machen. Gerade im internationalen Kontext sollten wir unsere kulturellen Leuchttürme noch heller strahlen lassen.“

Doch bei all der Euphorie für architektonische Meisterleistungen und kulturelle Leuchttürme drängt sich die Frage auf: Werden hier nicht Prioritäten verschoben? In Zeiten knapper Kassen und drängender sozialer Probleme erscheint der Ruf nach immer neuen Prestigebauten fast schon anachronistisch.

Sicher, Kulturbauten können identitätsstiftend sein und den gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern. Doch wie steht es um die kulturelle Teilhabe derjenigen, die sich den Besuch eines Museums oder einer Oper kaum leisten können? Wird hier nicht eine elitäre Kulturpolitik betrieben, die die Bedürfnisse breiterer Bevölkerungsschichten außer Acht lässt?

Die Bundesbauministerin Verena Hubertz betont zwar die Bedeutung einer „lebenswerten, nachhaltigen und gesunden gebauten Umwelt“ und verweist auf die Baukulturellen Leitlinien des Bundes, die den Ausbau grün-blauer Infrastrukturen vorsehen. „Die Ausstellungen im Deutschen Pavillon auf der Architektur Biennale Venedig sind ein bedeutender Beitrag sowohl zum nationalen als auch zum internationalen Baukultur-Dialog. Mit ihren praxisnahen Vorschlägen zur klimagerechten Anpassung unserer Städte und Gemeinden gelingt es den Kuratoren des Teams Stresstest in diesem Jahr ein zentrales Anliegen der Stadtentwicklungspolitik des Bundes zu adressieren. Die Qualität unserer gebauten Umwelt für lebenswerte, nachhaltige und gesunde Gebäude, Infrastrukturen und öffentliche Räume sind mir besonders wichtig. Daher haben wir den notwendigen Ausbau grün-blauer Infrastrukturen auch in der deutschen Baukulturpolitik, den Baukulturellen Leitlinien des Bundes ‚Gemeinsam Räume für gutes Zusammenleben gestalten‘, zentral verankert.“, so Hubertz.

Doch auch hier bleibt ein fader Beigeschmack. Sind „grün-blaue Infrastrukturen“ wirklich ein Ausgleich für fehlende soziale Gerechtigkeit im Kulturbereich?

Weimers Besuch in Venedig, wo er unter anderem mit dem Biennale-Präsidenten Pietrangelo Buttafuoco zusammentraf und den Deutschen Pavillon „Stresstest“ besichtigte, unterstreicht zwar die internationale Relevanz deutscher Baukultur. „Am deutschen Beitrag beeindruckt mich vor allem der eindringliche und zeitgemäße Umgang mit den Bedrohungen des Klimawandels“, so Weimer. „Zugleich wird hier bei der Biennale deutlich, wie innovativ und zukunftsweisend unsere Auseinandersetzung mit Architektur und Baukultur auch im internationalen Vergleich ist. Diesen Weg wollen wir fortsetzen und unterstützen.“, so Weimer. Und auch der Besuch des vom BKM finanzierten Deutschen Studienzentrums in Venedig, das sich ebenfalls für das Thema Baukultur engagiert, zeugt von einem umfassenden Ansatz.

Dennoch: Die Kulturbauten-Offensive muss sich der kritischen Frage stellen, ob sie wirklich einen Beitrag zu einer gerechteren und inklusiveren Gesellschaft leistet oder ob sie nicht vielmehr ein Ausdruck von Macht und Repräsentation ist.

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