Kunsttherapie – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Tue, 28 Oct 2025 11:22:35 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.5 Kunst als Weg zur Erinnerung https://www.tiefgang.net/kunst-als-weg-zur-erinnerung/ Fri, 31 Oct 2025 23:11:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12779 [...]]]> Jeder Mensch trägt sichtbare und unsichtbare Spuren seiner Herkunft in sich. Es ist, als trügen wir eine innere Landkarte in uns, auf der sich Erfahrungen, Geschichten und Erinnerungen eingeschrieben haben. Dieses unsichtbare Gewebe kannst du künstlerisch einfangen.

von Ulrike Hinrichs

Die künstlerische Biografiearbeit lädt dazu ein, den Spuren deiner Familiengeschichte mit schöpferischen Mitteln zu folgen. Sie verbindet Selbstreflexion und künstlerischen Ausdruck und macht sichtbar, was oft nur gefühlt oder geahnt wird. Beim Malen, Schreiben oder Gestalten entsteht ein Raum, in dem innere Bilder zu sprechen beginnen. Es geht nicht darum, ein perfektes Kunstwerk zu schaffen, sondern die eigene Geschichte in Farbe, Form und Symbol zu übersetzen.

Wenn wir unsere Herkunft auf künstlerische Weise erkunden, öffnen sich verborgene Türen. Erinnerungen, die im Alltag leise bleiben, treten hervor. Gefühle, die schwer in Worte zu fassen sind, finden ihren Ausdruck. Tabus und Geheimnisse werden sichtbar. So wird Biografiearbeit zu einer Art Landvermessung der Seele, zu einer poetischen Kartografie unseres Seins.

Mehr zur künstlerischen Biografiearbeit auf Tiefgang: Der eigenen Biografie kreativ begegnen

In meiner vom Bezirksamt Harburg geförderten Gruppe Heimat und Biografie – Begegnungen mit Pinsel und Farbe widmen wir uns biografischen Themen.

Die Werke aus der Gruppe werden am 2.11.2025 von 12.00 bis 18.00 Uhr auf dem Harburger Kulturtag in der Biff Frauenberatung (Neue Straße 59, 21073 Hamburg) präsentiert.

Ein Beispiel einer solchen biografischen Arbeit findest du im Beitrag. Es ist eine Landkarte der Herkunft. Das Werk, eine 1,20 m x 1 m große Collage, wird ebenfalls Teil der Gemeinschaftsausstellung sein.

Künstlerische Biografiearbeit kann helfen, sich selbst in einem größeren Zusammenhang zu sehen und zu verstehen. Sie schafft Verbindung zu den eigenen Wurzeln und öffnet den Blick dafür, wie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ineinanderfließen. Wer sich auf diese Reise einlässt, der erkennt: Wir sind nicht nur das, was uns widerfahren ist, sondern auch das, was wir daraus gestalten.

Mit den kollektiven Zusammenhängen in meiner Biografie habe ich mich im Buch Lebendig begraben: Guillain-Barré-Syndrom auseinandergesetzt. Emotionale Kälte, Härte und Disziplin waren Erziehungsmethoden einer traumatisierten Nachkriegsgeneration. Die transgenerationale Weitergabe von Traumata auf die nächste Generation ist ein Erbe, das viele nicht oder erst sehr spät erkennen. Der künstlerische Ausdruck kann helfen, undefinierbare Ängste und Gefühle zu verstehen.

Mehr dazu auf Tiefgang:

Welche Geschichte hast du zu erzählen?

Lebendig begraben: Guillain-Barré-Syndrom

Krankheit, Trauma und die Narben der Geschichte

ISBN Softcover: 978-3-99139-739-7

 EUR 18,00 EUR

Überall im Buchhandel

Auch als ebook erhältlich

Ulrike Hinrichs ist Gesprächstherapeutin, Kunsttherapeutin (M.A), Traumatherapeutin, Anwenderin Positive Psychologie und Autorin www.ulrikehinrichs.com

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Samhain und die Kraft der Dunkelheit https://www.tiefgang.net/samhain-und-die-kraft-der-dunkelheit/ Fri, 24 Oct 2025 22:01:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12728 [...]]]> Im Oktober beginnt die Winterzeit. Bei den Kelten galt Samhain als Schwelle zur dunklen Jahreszeit, als die Nacht, in der die Toten nah sind. Wenn das Licht sich zurückzieht, beginnt die Zeit des Rückzugs, des inneren Sehens und Fühlens. Mit der Kunst können wir Licht in die Schatten tragen.

von Ulrike Hinrichs

Samhain ist ein altes keltisches Fest. Ursprünglich wurde Samhain in der Nacht des elften Dunkelmondes gefeiert, jener Neumondnacht, die den Übergang vom hellen in den dunklen Teil des Jahres markiert. Mit der Ausbreitung des Christentums wurden viele dieser alten Feste in den kirchlichen Kalender aufgenommen. So verlagerte sich auch Samhain auf die Nacht vom 31. Oktober zum 1. November, eingebettet in die christlichen Feiertage Allerheiligen und Allerseelen.

Doch unter der christlichen Hülle blieb die alte Bedeutung spürbar: die Feier der Schwelle, das Gedenken an die Toten, das achtsame Willkommenheißen der Dunkelheit als Teil des Lebens und des Wachsens.

Auch in anderen Kulturen finden sich Feste für diese Übergangszeit. In Mexiko verwandelt sich das Gedenken in ein farbenprächtiges Totenfest, den Día de los Muertos, während in den USA aus alten Bräuchen das heutige Halloween entstand und sich bis zu uns ausbreitete.


Überall auf der Welt wird in diesen Tagen, offen oder verborgen, der gleiche Tanz zwischen Dunkel und Licht gefeiert: das Hinabsteigen ins Dunkel, das Erinnern, das Loslassen, das erneute Aufblühen des Lichts. Die Dunkelheit wird hier nicht als Bedrohung verstanden, sondern als Quelle von Intuition, innerer Tiefe und schöpferischer Kraft. In ihr ruht das Wissen, dass Leben immer wieder aus dem Dunkel geboren wird.

Die Kraft der Dunkelheit

Du kannst diese Zeit nicht nur für eine innere Einkehr nutzen, sondern dich auch mit deinen Vorfahren verbinden. Vielleicht trägst auch du die Spuren und Traumata deiner Vorfahren in dir. Gerade dann lohnt es sich, Licht in die Dunkelheit zu bringen, um die Geschichte besser zu verstehen.

Mehr dazu auf Tiefgang:

Großmutters Erbe – transgenerationale Traumaweitergabe

Die Narben der Geschichte – vererbte Traumata

Künstlerischer Impuls:

Die Kunst als Ausdrucksform hilft dir dabei. Dazu habe ich einen künstlerischen Impuls für dich. Wenn du Lust hast, dann gestalte einen Ahnenaltar. Im Header siehst du die Umsetzung eines solchen Ahnenaltars in einem Schuhkarton, den ich für meine Großmutter gemacht habe. Es ist eine dreidimensionale Collage.

Dein Ahnenaltar kann zu einem Ort werden, an dem du der Verbindung behutsam Raum gibst. In ihm verschränken sich Geschichten mit den Masken der Erinnerung, das Schweigen der Vergangenheit mit dem Aufbegehren der Gegenwart.

Du öffnest dich mit dieser Art des Ausdrucks für Unterstützung und lässt Heilendes in die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft fließen, mit Herz, Händen und Intuition.

Ausstellung auf dem Harburger Kulturtag

Du kannst dir den Altar und andere Werke auch live anschauen.

Am So., 2. Nov. 2025, 12 bis 18 Uhr stellt meine Gruppe „Frauenbilder“ und „Heimat und Biografie – Begegnungen mit Pinsel und Farbe“ ihre Werke auf dem Harburger Kulturtag aus.

Wo? Frauenberatungsstelle Biff Harburg, Neue Straße 59, 21073 Hamburg

Mehr zur Kraft der Dunkelheit findest du auch in meinem Buch.

Ulrike Hinrichs: Lebendig begraben: Guillain Barré Syndrom

Krankheit, Trauma und die Narben der Geschichte

ISBN Softcover: 978-3-99139-739-7

 EUR 18,00 EUR

Überall im Buchhandel

Auch als ebook erhältlich

Ulrike Hinrichs ist Gesprächstherapeutin, Kunsttherapeutin (M.A), Traumatherapeutin, Anwenderin Positive Psychologie und Autorin www.ulrikehinrichs.com

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Zaubern leicht gemacht https://www.tiefgang.net/zaubern-leicht-gemacht/ Fri, 26 Jul 2024 22:20:22 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=11039 [...]]]> Zauberer wie Harry Potter oder Gandalf faszinieren nicht nur Kinder. Zaubern würden wir alle gern können. Ist es möglich, dass wir uns unsere Wünsche herbeizaubern? Wenn wir unser Gehirn auf Zaubern ausrichten, dann könnte es klappen.

von Ulrike Hinrichs

Wir können unser Gehirn auf unsere Wünsche und Ziele trainieren. Der Professor für Neurochirurgie James R. Doty erklärt in seinem Buch Wie du ein besseres Leben manifestierst – neurowissenschaftlich erklärt, wie wir unser Gehirn durch Veränderung unseres Aufmerksamkeitsfokus mithilfe einer konkreten Absicht neu ausrichten können. Denn das Gehirn, so Doty, sei biologisch auf Gefahren eingestellt. Wir müssen ihm deshalb beibringen, die Chancen und Ziele mehr in den Fokus zu nehmen. „Je besser unsere Hirne Wünsche bereits bis ins kleinste Detail hinein kennen, desto weniger Energie werden sie aufbringen müssen, um diese in unser Leben zu integrieren“, beschreibt es der Neurowissenschaftler Doty (S. 22).

Abrakadabra

Abrakadabra. Der Zauberspruch kommt aus dem Aramäischen und heißt „Ich erschaffe was ich spreche“. Zaubern und verzaubert werden, bedeutet in eine andere Welt einzutauchen, wo das scheinbar Unmögliche möglich wird. Zaubern ist eine perfekte Metapher für eine Veränderung. Zaubern im Sinne von „mehr für möglich halten“ hilft uns bei unserem Wunsch:

  • innere Blockaden und Glaubenssätze zu überwinden,
  • an das vermeintlich Unmögliche zu glauben,
  • das Unmögliche für möglich zu halten,
  • Probleme zu lösen,
  • Kraft und Mut zu aktivieren,
  • Selbstwahrnehmung zu steigern,
  • Angst zu überwinden.

Abrakadabra. Worte sind wirkmächtig. Formuliere deshalb dein Ziel, schreib es dir am besten in einem Satz auf. Erschaffe dir dazu innere Bilder, mit denen du deinem Gehirn dein in Worte gefasstes Wunschziel schmackhaft machst. Gehe dazu mit allen Sinnen in das erstrebte Zielbild hinein. Stelle es dir so vor, als sei es schon Realität. Diese Praxis kennen wir aus dem Mentaltraining. Du holst dir die Zukunft in die Gegenwart, indem du in deiner Vorstellung so tust, als sei der Wunsch bereits erfüllt. Wie fühlt es sich an? Wie sieht es aus? Wie hört es sich an? Gibt es vielleicht sogar einen Geruch oder Geschmack dazu? Male es dir so konkret wie möglich aus. Solche Visualisierungen sind Doping für deine Worte. „Ist das Ziel erst einmal in unserem Unterbewusstsein verankert, lauert unser Hirn wie ein Spürhund auf Gelegenheiten, um dieses in der Realität herbeizuführen, wobei es die ganze Kraft unseres unbewussten Geistes auf die Suche verwendet“, so Doty (S. 17).

Fotos (2): Catrin Meier

Ich möchte dir dazu noch eine kreative Praxisübung vorschlagen: Gestalte dir einen Zauberstab, der dir dabei hilft, das Erwünschte gehirngerecht zu verankern. Mit einem Zauberstab erschaffst du dir eine Erinnerung für dein Ziel. Während du dich mit der Gestaltung des Stabs beschäftigst, bist du spielerisch und kreativ mit deinem Ziel in Kontakt. Den Stab kannst du anschließend für ein Zauberritual nutzen, mit dem du die Aufmerksamkeit erneut auf die positive Veränderung lenkst. In meiner Ausbildungsgruppe für „Kreative Therapien“ am campus naturalis, in der angehende Musik-, Tanz- und Kunsttherapeut:innen vertreten sind, haben wir uns zu einem gewählten Ziel Zauberstäbe erschaffen. Dazu haben die Teilnehmenden einen Ast aus der Natur mitgebracht, der als Gerüst diente. Der Ast wurde anschließend individuell gestaltet. Der beispielhaft abgebildete Zauberstab einer Teilnehmerin ist mit Acrylfarbe bemalt, mit Federn geschmückt, mit Bändern umwickelt und trägt ein kleines Duftsäckchen. Nachdem alle zwölf Zauberstäbe fertig waren, haben wir eine Zauberzeremonie durchgeführt. Von Trommeln und Tänzen begleitet haben wir mit unseren Zauberstäben unseren persönlichen Wunschzauber entfaltet.

Ein Ritual ist eines der wirkmächtigsten Methoden, um unser Bewusstsein und unser Unbewusstes aufeinander abzustimmen. Veränderungen beinhalten Unsicherheiten, die mit Ängsten verbunden sind. Das gilt erst recht bei einem Veränderungsdruck, der von außen auf uns zukommt. Vor allem unsere ältesten Gehirnteile, der Hirnstamm und das limbisches System, lieben Rituale und Zeremonien. Der Mandelkern (Amygdala) und der Hippocampus als Teil des limbischen Systems regeln vor allem unsere emotionalen Reaktionen. Insbesondere die Entstehung von Angst ist im Mandelkern verankert. Zeremonien und Rituale helfen, Angst zu bewältigen und Veränderungsprozesse zu begleiten. Sie durchbrechen die Alltagsroutine, ziehen damit Aufmerksamkeit, verankern Erfahrungen und unterstützen den Transformationsprozess. Wir kennen solche zeremoniellen Bräuche für Übergangs- und Veränderungsprozesse in vielen Lebensbereichen: Taufe, Konfirmation oder Jugendweihe, Trauerfeiern, Hochzeiten, Geburtstage, sind einige davon.

Hast du Lust bekommen, zu zaubern?

Wie könnte dein Zauberstab aussehen?

Mehr Magie findest du auch in meinem Buch „Gymnastik für die Seele: Mit Pinsel und Farbe zu mehr Selbstmitgefühl“.

 

Weitere Literatur

James R. Doty (2024). Wie du ein besseres Leben manifestierst – neurowissenschaftlich erklärt. Verlag O.W. Barth

Ulrike Hinrichs

Gymnastik für die Seele

Mit Pinsel und Farbe zu mehr Selbstmitgefühl

ISBN 978-3-99165-010-2

Buschmiede – Happy Balance

20,00 EUR

Mit 50 Praxisübungen und 73 farbigen Abbildungen

 

Das Cover-Bild stammt von der Harburger Künstlerin Yvonne Lautenschlägers

Ulrike Hinrichs ist Gesprächstherapeutin, Kunsttherapeutin (M.A), Anwenderin Positive Psychologie und Autorin www.lösungskunst.com

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Am Anfang war das Ei – Künstlerische Biografiearbeit https://www.tiefgang.net/am-anfang-war-das-ei-kuenstlerische-biografiearbeit/ Fri, 25 Aug 2023 22:07:08 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=10216 [...]]]> Unserer biografischen Vergangenheit zu begegnen, ist nicht immer ganz einfach. Die Erinnerungen sind verschwunden, vernebelt oder mit Anekdoten und Geschichten aus der Familie übermalt. Mit Pinsel, Farbe, Stift und Papier können wir unsere Biografie beleuchten.

Von Ulrike Hinrichs

Stephen King schreibt in seiner Autobiografie: „Meine Jugend ähnelt eher einer vernebelten Landschaft, in der gelegentlich Erinnerungen wie vereinzelte Bäume auftauchen, diese Art von Bäumen, die aussehen, als wollten sie einen packen und fressen.“ (Stephen King (2000, S. 19/20). Vielleicht kennst du das auch. Es gibt Schmerzhaftes, an das wir uns gar nicht erinnern wollen, oder auch Familiengeheimnisse und Tabus, an die wir uns nicht erinnern sollen. Gerade die Generation der Kriegskinder und Kriegsenkel kennen das kollektive Schweigen, das sich in der Nachkriegszeit wie eine dunkle Giftwolke ausbreitete und bis heute nachwirkt.

Bei traumatischen Erfahrungen sorgt sogar unser Nervensystem dafür, dass wir schlimme Erlebnisse abspalten und nicht erinnern, um zu überleben. Mittlerweile ist in der Forschung nachgewiesen, dass Traumata sogar vererbt werden können. Die Weitergabe von Traumata erfolgt auf drei Ebenen, der Epigenetik (Vererbung der Stressregulation), der Weitergabe von Stress von der Mutter (bzw. anderer Bezugspersonen) auf das Kind sowie über Glaubenssätze. Traumatische Erfahrungen müssen psychotherapeutisch aufgearbeitet werden. Ich erwähne sie im Zusammenhang mit der Biografiearbeit, um ein Verständnis dafür zu schaffen, warum es bei solchen Erfahrungen gar nicht möglich ist, sie wirklich zu erinnern. Trauma-Erinnerungen sind fragmentiert, zeitlos und nicht integriert. Es ist ein verwirrendes Sammelsurium von unabgeschlossenen neurobiologischen Reaktionen und Rohdaten, wie etwa überwältigende Gefühle, autonome Erregungen, Muskel- und Körpererinnerungen oder intrusive Bilder und Geräusche.

Der innere Drang zu verstehen und unsere Wurzeln zu ergründen

Gleichzeitig können wir auch eine positive Kehrseite erkennen, das posttraumatische Wachstum und den inneren Drang, unsere Geschichte und auch unsere Wunden zu verstehen und unsere Wurzeln zu ergründen. In uns gibt es einen Impuls, dunkle Löcher und Leerstellen zu erhellen. Hinter unserer Angst steckt ein enormes Wachstumspotential. Bis hinunter auf die Zellebene sind wir entweder im Abwehr- oder im Wachstumsmodus. Wenn wir versuchen unverletzlich zu werden, hören wir auf, das Leben als unendliche Möglichkeiten, uns selbst als grenzenloses Potential und die Welt als einladende Arena für unsere Selbstentfaltung zu begreifen, so sinngemäß Dr. Gabor Maté in seinem Buch „Der Mythos des Normalen“ (2023, S. 224).

Der künstlerische Ausdruck kann uns unterstützend helfen. Das Wortlose und Unausgesprochene will gesehen werden und ans Licht kommen. Gerade für den Blick zurück in die Kindheit hilft uns der künstlerische Ausdruck, um an die sprachlose Zeit anzuknüpfen. Wenn ich von Kunst spreche, dann meine ich den authentischen Ausdruck jenseits der Bewertung von Kunst. Ich möchte dir dazu ein praktisches Beispiel geben: Ich nenne die Übung „Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit“. Für Menschen, die schlimme Erfahrungen in ihre Kindheit gemacht haben, mag das erst einmal zynisch klingen. Hier geht es aber nicht darum, die Kindheitserfahrungen zu relativieren, sondern heute im Hier und Jetzt für dein verletztes inneres Kind bzw. die inneren Kindern (denn meistens gibt es mehrere verletzte Anteile) zu sorgen. Dein inneres Kind hat einige Krisen bewältigt. Das verletzte innere Kind trägt deine negativen Erfahrungen und Glaubenssätze mit sich herum. Auch belastende Gefühle wie unverarbeitete Trauer oder Wut zeigen sich durch das innere Kind. Das verletzte Kind sucht zeitlebens nach Heilung, Nestwärme und Liebe. Du kannst für das innere Kind heute selbst eine liebevolle Mutter oder ein liebender Vater sein. Das kann man auch etwas weniger pathetisch Selbstfürsorge und Selbstmitgefühl nennen, woran es vielen Menschen fehlt. Wir haben die alten Muster und Glaubenssätze unserer Eltern übernommen und beschimpfen und kritisieren uns selbst.

Kreative Umsetzung, so geht es!

Beschäftige dich mit deinem inneren Kind. Such dir dazu ein Thema, welches dich im Zusammenhang mit deiner Kindheit belastet. Das kann etwa ein wiederkehrendes Gefühl sein, wie etwa Wut oder Angst oder auch ein konkretes Familienthema wie der Tod eines Elternteils oder eine besondere Familiengeschichte. Bei den hier abgebildeten Werken aus meiner Reihe Künstlerbücher war mein Thema „transgenerationale Traumaweitergabe in meiner Familie“. Die Kunst besteht nun darin, dass du diese thematische Überschrift innerlich gleich wieder loslässt, damit deine kreative Seite in dir genug Freiraum hat. Du musst dich beim schöpferischen Prozess nicht sklavisch an das Thema halten. Hast du es nämlich erst einmal benannt, dann ist es sowieso da und es wird das entstehen was gesehen werden will.

Anschließend suchst du dir intuitiv ein Kinderfoto von dir, um es für deine kreative Arbeit zu nutzen. Wenn du das Original nicht verwerten möchtest, dann kopiere dir das Bild oder drucke es aus, wie ich es in den hier dargestellten Collagen gemacht habe. Gestalte nun ein Bild, in das du dein Kindheitsfoto integrierst. Du kannst eine Collage gestalten, in die du neben deinem Foto auch Bild- und Textelemente aus alten Zeitungen einarbeitest. Und dann lass dich überraschen, was entsteht. Wenn du magst, dann schreibe anschließend einen Brief an das Kind, dein jüngeres Selbst, das du in dein Kunstwerk eingearbeitet hast. Hast es eine Botschaft für dich? Es könnte ein Satz oder ein Wort sein.

Wenn du neugierig geworden bist, dann schau in mein Workshop-Angebot Atelier für Biografiearbeit. Für Kunst- und Psychotherapeut:innen weise ich auch auf meine Weiterbildung für am Campus Naturalis in Hamburg und online hin.

Ulrike Hinrichs ist Gesprächstherapeutin, Kunsttherapeutin (M.A) und Autorin zahlreicher Sachbücher. www.lösungskunst.com

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Trauma und Kunst https://www.tiefgang.net/trauma-und-kunst/ Fri, 30 Jun 2023 22:38:57 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=10094 [...]]]> Geflüchtete sind nach ihren Erlebnissen oft traumatisiert und entwurzelt. Sie sind sprachlos im doppelten Sinne des Wortes. Zum einen sprechen sie unsere Sprache nicht, zum anderen haben sie keine Worte für das Erlebte. Die Kunst hilft, um traumatische Erlebnisse zu verarbeiten.

von Ulrike Hinrichs

„Hirnscan-Studien mit Menschen, die sich traumatische Geschehnisse ins Gedächtnis rufen, belegen eindeutig, dass traumatische Erinnerungen ›sprachlosen Schrecken‹ und ›Erleben jenseits der Worte‹ evozieren, nicht aber ein klar umrissenes Narrativ, das verbalisiert werden kann“, so die US-amerikanische Psychologin Fisher (S. 73). Jeder, der selbst ein Trauma erlebt hat, weiß wie schwer es ist, die Geschehnisse in Worte zu fassen. Bei traumatischen Erlebnissen schalten wir automatisch auf unsern ältesten Gehirnteil um, der bei außergewöhnlichen Bedrohungen mit Flucht, Angriff oder Erstarrung reagiert. Die Erschütterung ist im Körpergedächtnis gespeichert. Traumatische Erlebnisse hinterlassen sogar Spuren im Erbgut, die auf die nachfolgenden Generationen weitergegeben werden, wie die Epigenetik herausgefunden hat. „Mittlerweile kann die Genforschung detailliert belegen, dass sich stark biografische Eindrücke tatsächlich auf der genetischen Matrix einprägen und als Information in jeder Zelle vorhanden sind. Besonders Stress und schicksalshafte Erlebnisse verändern das Erbgut. Solch epigenetische Prozesse werden körperlich spürbar als funktionelle, dann als organische sowie psychische Funktionsstörungen“ (Baring, S. 70). Die „narrative Vergegenwärtigung“ führe zur Hemmung des kortikalen Bereich des Großhirns und damit auch des Sprachzentrums, was die Betroffenen im wahrsten Sinne des Wortes „sprachlos“ mache, so Fisher (S. 73).

Sprachloses sichtbar machen

Ich leite seit vielen Jahren eine Künstlergruppe für Geflüchtete, in der mir die Sprachlosigkeit und Hilflosigkeit der Betroffenen immer wieder begegnet. Gleichzeitig erlebe ich, wie der künstlerische Ausdruck unterstützend und stabilisierend auf die Menschen wirkt. Mit der Kunst als Ausdrucksform können wir Sprachloses sichtbar machen, Stress abbauen und die Selbstwirksamkeit stärken. Die Kunst hilft, das auszudrücken, was wir jenseits der Wortsprache wahrnehmen können.

Kunst macht stark

Zu unserer Selbstwahrnehmung gehört, dass wir uns zutrauen, schwierige Situationen zu meistern und uns nicht ohnmächtig ausgeliefert fühlen. Selbstwirksamkeit bedeutet, dass man daran glaubt, gezielt Einfluss auf die Dinge und die Welt nehmen zu können. Man ist nicht Opfer der Umstände, sondern kann aktiv werden und handeln. Genau daran fehlt es den Geflüchteten, wenn sie in ein fremdes Land mit einer fremden Sprache, Kultur und Regeln kommen. Zudem sind sie im Überlebensmodus, nachdem sie oft eine monatelange Flucht hinter sich haben. Selbst wenn sie schon eine Weile im Land ansässig sind, hält dieser Schockzustand an. Traumata verschwinden nicht so einfach wieder.

Niedrigschwellige künstlerische Angebote helfen, das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu stärken. Ich erlebe immer wieder in meiner Gruppe für Geflüchtete, dass Betroffene an den eigenen künstlerischen Fähigkeiten zunächst zweifeln. Wenn am Ende der Stunde ein wunderbares Kunstwerk entstanden ist, zeigen sie mit ihrem leisen Lächeln einen kleinen Moment des Glücks.

Kunst als Zeichen von Gesundheit

Donald Winnicott, ein Kinderarzt und Psychoanalytiker, konstatiert, dass Kunst als ein Zeichen von Gesundheit, im Sinne von Autonomie und Selbstbestimmung, verstanden werden kann. Nur durch ein gesundes Maß an Kreativität kann man eigene Entscheidungen treffen und Autonomie erlangen. Fehlende Kreativität führe zu einer gewissen Übergefügigkeit, die oftmals eine „krankhafte Basis für das Leben darstellt“, so Winnicott (S. 73). Jedes gemalte Bild schenkt Kraft. Auch die Gemeinschaft von Betroffenen, die das Schicksal von Flucht und Heimatverlust teilen, gibt ein Gefühl von Stabilität.

Siehe zum Thema auch: Kunst gibt mir Freiheit

 

Ulrike Hinrichs ist Gesprächstherapeutin, Kunsttherapeutin (M.A und Autorin zahlreicher Sachbücher. Sie leitet die Künstlergruppe für Geflüchtete, die vom Bezirksamt Harburg unterstützt wird. www.lösungskunst.com

 

Literatur

Baring, Gabriele (2011). Die geheimen Ängste der Deutschen. Berlin, München: Scorpio.

Fisher, Janina (2019). Die Arbeit mit Selbstanteilen in der Traumatherapie. Paderborn: Junfermann.

Winnicott, Donald, Erdmann, Michael.  (2018). Vom Spiel zur Kreativität. Stuttgart: Klett-Cotta Verlag.

 

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Pinsel statt Pille https://www.tiefgang.net/pinsel-statt-pille/ Fri, 13 Jan 2023 23:52:43 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=9620 [...]]]> Unser innerer Arzt operiert lieber mit Pinsel und Farbe, als mit Skalpell und Kanüle. Mit der Kunst als Sprache können wir die metaphorische Ausdrucksform unseres Körpers besser verstehen.  

 von Ulrike Hinrichs

Hinter Krankheiten verstecken sich oft ungelebte oder unterdrückte Gefühle. Vor allem chronische oder lang andauernde, gar lebensbedrohliche Krankheiten lassen uns hilflos zurück. Wir versuchen das Leid zu verdrängen, fühlen uns taub und emotionslos, spüren nur noch den Schmerz und die Belastungen durch die Krankheit. Daher ist es spannend, den Spieß umzudrehen: von der inneren Leere ins Gefühl. Wenn deine Krankheit ein Gefühl wäre, welches wäre es?

Die Grundemotionen sind Wut, Angst, Ekel, Freude, Liebe, Scham, Traurigkeit, Überraschung. Diese Aufgabe darfst du aber gern viel weiter fassen. Es können positive, neutrale oder auch negative Gefühle oder Gefühlszustände sein. Gehässigkeit, Dankbarkeit, Aufrichtigkeit, Unruhe, Eifersucht, Feindseligkeit, Neid, Staunen, Faszination, Großzügigkeit, Lebendigkeit, Wachheit, Taubheit, sind nur einige Beispiele. Vielleicht ist dein Symptom auch mit einer depressiven Stimmung zu vergleichen oder es spiegelt ein Gefühl des Blockiertseins oder der Lebensfreude und Energie. Alles ist möglich.

Ich möchte dir dazu ein Beispiel vorstellen, dass in meiner Gruppe Krankheit als Bild im Kulturhaus Süderelbe entstanden ist. Wir waren an diesem Termin in kleiner Runde nur zu dritt. Mit sehr unterschiedlichen Symptomen (Multiple Sklerose, Rosacea und Bandscheibenvorfall) hatten wir erstaunlicherweise alle die gleiche Antwort auf die Frage, welches Gefühl uns in den Sinn kommt, nämlich Druck.

Dazu entstanden ganz unterschiedliche Werke, eines kannst du hier im Artikel wiederfinden. Allein das Malen des Bildes verschaffte Erleichterung. Mit Fingerfarben tupfen und schmierten wir auf dem Papier. Der Kopf in der Schraubzwinge des hier gezeigten Bildes entstand zu der Autoimmunerkrankung Rosacea, eine entzündliche, chronisch verlaufende Hauterkrankung. Rosacea als körpersprachlicher Ausdruck von unterdrückter Wut, die im Gesicht unter der Haut feststeckt, war der Klientin als mögliche seelische Ursache bekannt.

Die Medizin spricht bei Rosacea von neurogenen Entzündungen als Reaktion des zentralen Nervensystems auf Stress. Der Klientin war auch bewusst, dass es sich bei dem Wutthema um eine alte, tiefsitzende Problematik handelte, die nicht auf die Schnelle zu beseitigen ist. Wut birgt viel Energie in sich. Mehr über die positive Kraft der Wut erfährst du ich in meinem neuen Buch Krankheit als Bild. Wirklich beängstigend und neu war der Klientin allerdings das Ausmaß des Drucks. Schraubzwingen pressen den in einem viereckigen Holzrahmen gefangenen Kopf zusammen. Das sieht nach Folter aus, ein entkommen scheint unmöglich. Die Figur auf dem Bild könnte mit den Armen nach den Schraubzwingen greifen und sie lösen, aber die Arme hängen kraftlos am Körper. Es scheint so, als seinen Kopf und Rumpf gar nicht miteinander in Kontakt.

In meinem Buch „Krankheit als Bild“ lernst du mehr solcher Beispiele kennen. Anhand einfacher Beispiele und Praxisfällen kannst du die mythische Ausdrucksform von Krankheiten kennen und verstehen lernen. Die Übungsanleitungen unterstützen dich, die Kunst als Dolmetscherin für deine Symptome zu nutzen.

Siehe auch: Die grüne Couch: Die Natur als Psychotherapeutin?

www.krankheit-als-bild.de

Kankheit als Bild

Mit Pinsel und Farbe die Botschaft deiner Krankheit entschlüssel

 254 Seiten, 88 farbige Abbildungen; ISBN 9783756890156 ; Preis: EUR 26,90; ebook: 16,99

bestellen: hier entlang

Ulrike Hinrichs ist Gesprächstherapeutin, Kunsttherapeutin (M.A.), Heilpraktikerin für Psychotherapie, Traumazentrierte Fachberaterin und Anwenderin Positive Psychologie. Sie ist auch Ausbilderin für Kunsttherapie und Autorin zahlreicher Sachbücher. www.lösungskunst.com

 

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Schmerzbilder als Wegweiser https://www.tiefgang.net/schmerzbilder-als-wegweiser/ Fri, 20 Nov 2020 23:51:39 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=7405 [...]]]> Chronischen Schmerzen machen mürbe, müde und rauben Energie. Es fehlen Worte und Hoffnung gebende Perspektiven. Mit der Kunst können wir dem Schmerz einen Ausdruck geben.

von Ulrike Hinrichs

Der Schmerz ist ein quälendes aber auch spannendes Phänomen. Er zieht alle Aufmerksamkeit auf sich, damit wir gefährliche Situationen sofort erkennen und handeln können. Biologisch gesehen ist Schmerz daher eigentlich positiv. Schmerzen  signalisieren dem Gehirn, dass etwas im Körper nicht stimmt.

Bei chronischen Schmerzen dagegen hat sich das schmerzverarbeitende System des Körpers verändert, so dass der Körper Schmerzsignale gibt, auch wenn keine akute Gefahr besteht. Aus wiederkehrenden Schmerzerfahrungen finden Veränderungen im zentralen Nervensystem statt, die als Schmerzgedächtnis bezeichnet werden. Das Warnsystem des Körpers reagiert auch dann mit Schmerz, wenn eigentlich gar keine Gefahrenquelle vorliegt. Das bedeutet aber nicht, dass der chronische Schmerz eingebildet ist. Das Nervensystem unterliegt einem erlernten Fehlalarm. Bei chronischen Schmerzen leiden Betroffene oft so sehr, dass sie keinen Ausweg mehr sehen. Denn der Schmerz hört einfach nicht auf und webt sich in das gesamte Leben ein. Chronischer Schmerz raubt den Schlaf, mindert die Leistungsfähigkeit, belastet Beziehungen, übermalt alle anderen Gefühle und mindert die Lebensqualität enorm. Folgen der Belastung sind all zu oft sozialer Rückzug und Einsamkeit. Auf der anderen Seite kann der Schmerz immer auch als Wegweiser dienen und uns zum Fühlen zwingen. Mich beeindrucken die Ähnlichkeiten zwischen künstlerischem und körperlichem Ausdruck. Oft spricht der Schmerz eine Sprache, die wir nicht auf Anhieb verstehen, da sie – wie auch der künstlerische Ausdruck – eher bildhaft symbolisch ist. Schmerzen kommen aus dem sprachlosen Raum, Worte können sie kaum erfassen. Im künstlerischen Ausdruck können wir den Schmerz übersetzen. Das Kunstwerk als Bote wandelt den Schmerz in eine andere Form, vermittelt dabei neue Einsichten und zeigt Kräfte und Ressourcen auf. Kunst ist eine Sprache der fühlenden intuitiven Seite in uns. Der künstlerische Ausdruck macht unbewusste Themen sichtbar, die einen Weg in die Zukunft weisen können. Mit dem Kunstwerk bekommen wir einen erweiterten Blick auf unsere Symptome und Schmerzen. Ab Februar 2021 startet im Kulturhaus Süderelbe eine neue Gruppe für Menschen mit (chronischen) Schmerzen. Künstlerische Vorkenntnisse sind nicht erforderlich.  Leitung: Ulrike Hinrichs, Kunsttherapeutin, Künstlerin, www.lösungskunst.com

Infos zum Kurs: Kulturhaus Süderelbe 

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Mit Farbe gegen Gewalt https://www.tiefgang.net/mit-farbe-gegen-gewalt/ Fri, 03 Jul 2020 22:49:02 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=7076 [...]]]> Viele Frauen erfahren im Laufe ihres Lebens Gewalt. Eine neue Gruppe im Kulturhaus Süderelbe will destruktiver Gewalt gegen Frauen mit Kreativität begegnen.

 von Ulrike Hinrichs

Gewalt gegen Frauen ist ein weit verbreitetes Thema. Das hat auch die weltweite Metoo Debatte gezeigt. Sie kann Ausdruck eines Machtungleichgewichtes zwischen den Geschlechtern sein. Frauen erleiden körperliche, sexualisierte und psychische Gewalt.

Ebenso strukturelle Gewalt, mit der persönliche Freiheiten, Entwicklungen und Chancen beschränkt werden, ist gesellschaftlich verbreitet. Aber auch in der Familie oder im sozialen Umfeld können insbesondere Kinder und Jugendliche von weiblichen Bezugspersonen seelische wie körperliche Gewalt erfahren. Die Wunden der verletzten Frauen bleiben oft ein Leben lang. Betroffene Frauen fühlen sich ohnmächtig und sprachlos. Sie schweigen aus Angst und Scham. Auch ich habe als junge Frau Gewalt erlebt und konnte erst Jahrzehnte später darüber sprechen.

Das Thema braucht eine sensible Annäherung. Gewalt ist tabu- und schambesetzt. Gerade in der aktuellen Corona Krise mit häuslicher Isolation nimmt auch das Thema Gewalt gegen Frauen und Kinder zu.

In der Gruppe, die im September im Kulturhaus Süderelbe startet, tauschen sich die Frauen über den künstlerischen Ausdruck in einem geschützten Rahmen zu diesem schambesetzten Thema kreativ aus. Der künstlerische Ausdruck kommt ohne Worte aus. Die Kunst ist eine Sprache der Intuition (siehe auch ´Tiefgang`: Mit der Kunst die Intuition einfangen). Sie kann Unaussprechliches sichtbar machen und Ambivalenzen vereinen. Das Kunstwerk ist wie eine Art Bote, der unbewusste und unentdeckte Wünsche aufzeigt und neue Lösungsansätze präsentiert. Die Frauen finden in der Gruppe Unterstützung und entwickeln Perspektiven, wie sie mit den Erfahrungen umgehen. Die Gruppe als Ressource trägt diesen Prozess. Selbstfürsorge und Selbstakzeptanz ist der erste Schritt aus der Gewaltspirale. Die eigenen Ressourcen aktivieren, Tabus sichtbar machen und Perspektiven entwickelten, werden wichtige Themen sein.

Die Gruppe ersetzt keine Therapie, kann aber den Klärungs- und Heilungsprozess unterstützen.

Jüngst hat auch die Weltgesundheitsorganisation nach einer umfangreichen Studie die unterstützende Wirkung von Kunst bestätigt (siehe auch ´Tiefgang`: Kunst, Natur und Gesundheit).

Die offene Gruppe mit max. 6 Frauen trifft sich im Kulturhaus Süderelbe im Atelier. Leitung: Ulrike Hinrichs, Kunsttherapeutin www.lösungskunst.com Ort: Kulturhaus Süderelbe, Atelier www.kulturhaus-suederelbe.de

10 Termine, 1 x monatlich am Sonntag 12:00 bis 14:00 Uhr. Start 6.9.2020

Das Angebot richtet sich an von Gewalt betroffene Frauen unabhängig von Alter, Einkommen, Herkunft oder sexueller Orientierung.

Das Projekt wird gefördert durch die Freie und Hansestadt Hamburg, Bezirksamt Harburg / in Kooperation mit dem Kulturhaus Süderelbe

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Kunst als Reiseführer für die Seele https://www.tiefgang.net/kunst-als-reisefuehrer-fuer-die-seele/ Thu, 30 Apr 2020 22:10:01 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=6825 [...]]]> Kunst hilft heilen. Oft sitzen unsere Probleme in einer verletzten Kinderseele. Wenn wir die belastenden Gefühle in uns wirklich fühlen und die inneren Bilder kreativ nach außen bringen, werden sie zu Reiseführern der Seele.

von Ulrike Hinrichs

Psychische Wunden gehen oft zurück in die frühe Kindheit. Gerade in der aktuellen Corona Pandemie mit ihren weitreichenden Einschränkungen kommen „alte Themen“ hoch. Das erlebe ich aktuell in meiner (jetzt virtuellen) Gruppe für Frauen in Krisensituationen. So wecken die Isolation und Kontaktbeschränkungen durch die Corona Krise beispielsweise  Einsamkeits- und Verlassenheitsgefühle aus der Kindheit. Gut wenn man die Zusammenhänge erkennen kann, oft wirken die Themen eher unbewusst und man weiß gar nicht so richtig, was gerade mit einem los ist.

Unsere Erinnerungen an Kindertage sind nicht immer ganz klar, manchmal sogar hinter einem grauen Nebel verschwunden. Stephen King schreibt das anschaulich in seiner Autobiografie: „Meine Jugend ähnelt eher einer vernebelten Landschaft, in der gelegentlich Erinnerungen wie vereinzelte Bäume auftauchen, diese Art von Bäumen, die aussehen, als wollten sie einen packen und fressen.“[1]  Wir haben Erinnerungsfetzen im Kopf, die sich eher wie Puzzlestücke zusammenfügen, geschmückt mit Geschichten aus der Familie oder von Freunden. Erinnern sei nichts Statisches, sondern ein aktiver Prozess, so erklärt es die Hirnforscherin Daniela Schiller, es erfolge jedes Mal ein erneuter  Speicherprozess.[2] Unser Erinnern ist einerseits kein Abbild der Realität, andererseits sind die Erinnerungen, vor allem Gefühle und Themen dennoch wahr.

Sich dieser Vergangenheit zu nähern, kann uns gelingen, indem wir uns unserer Kindheit künstlerisch nähern. In die Kindheit einzutauchen, kann emotional herausfordernd sein. Sich auf einem Foto aus der Kindheit zu betrachten, das einen Moment eingefangen hat, der uns berührt, reaktiviert oft die problembelastete Situation. Das ist aber gerade auch der Weg, der „Reiseführer“ zur Heilung. Für die Aufgabe sucht man intuitiv Kinderbilder aus alten Fotoalben heraus.

Welches Foto zieht mich magisch an, wenn ich die Alben durchgehe? Lassen Sie sich intuitiv führen. Fragen Sie nicht „warum dieses Foto?“, nehmen Sie es einfach, es wird das richtige sein. Bei der anschließenden künstlerischen Umsetzung geht es nicht um ein reales Abbild. Vielmehr versuchen wir in Resonanz zu gehen mit dem jüngeren Selbst, das auf dem Foto durchschimmert. Im Header sehen Sie ein Beispiel von einer heute 88-jährigen, die drei Bilder aus unterschiedlichen Jahren und damit auch Lebenszeiten herausgesucht hat.

Oft sind alte Fotos noch schwarz-weiß abgelichtet. Bei der künstlerischen Gestaltung, kann man mit den Farben spielen oder auch im schwarz-weiß bleiben. Für die Umsetzung ist im Prinzip jedes Material geeignet. Die „perfekte“ Fotovorgabe schränkt unseren Blick häufig ein, wie soll ich die Hand malen, den Mund formen, wie schaffe ich eine Ähnlichkeit herzustellen? Diesen Perfektionismus können wir mit einigen Tricks überwinden (siehe auch  ´Tiefgang`: Perfektionismus ist der Todfeind der Intuition).

Es geht nicht um eine Kopie des Fotos, es geht um die Kontaktaufnahme zu einem Gefühl, wie man an den oben abgebildeten Beispielbildern erkennt. Fotos zeigen einen  eingefrorenen Moment des Lebendigen. Dieses Festhalten ist aber mehr ein Stillstellen. Erst der Kontakt über den (unperfekten, ganz individuellen) künstlerischen Ausdruck erweckt das Bild mit Gefühlen wieder zum Leben.

Aquarellfarben etwa schaffen dafür eine gute Möglichkeit. Denn die Wasserfarben verlaufen leicht ineinander, so dass wir uns auf Überraschendes und Ungewolltes einlassen müssen. Man kann sogar bewusst Flecken und Fehler in das Werk einbauen, indem man mit dem in Farbe getränkten Pinsel auf das Papier spritzt. Die „künstliche Würdigung“ gerade dieser Flecken hat oft eine faszinierende Wirkung. Denn es ist auch eine Würdigung unserer Unvollkommenheit als Mensch.

Das hier abgebildete Kunstwerk zeigt ein von mir gemaltes Kindheitsbild. Auch hier kann man sehen, dass es von den Proportionen nicht „richtig“ gemalt ist. Ich habe die entstandenen Aquarellflecken mit farbigen Markern und mit Gold und Silber umrandet, gestaltet und damit hervorgehoben und geehrt. Für mich war das eine Befreiung, bin ich doch mit dem Anspruch von Perfektion groß geworden. Das Bild berührt mich auch deshalb, weil es einen Moment des Innehaltens ausdrückt. Das Kind auf dem Bild, mein jüngeres Selbst, schält eine Mandarine, ist dabei über die Flecken und Fraktale verbunden mit dem Raum. Das Bild drückt etwas Meditatives, Verbundenes aus, so empfinde ich es. Solche Momente waren in meiner Kindheit aber gerade nicht vorhanden, es ging um Tun und Leistung, nicht um Sein und Ruhen. Ich stand unter Kontrolle und war fremdbestimmt.

Um die Restbestände des eigenen Perfektionismus zu überwinden, kann man sich das Zeichnen etwas erschweren. Eine Möglichkeit besteht im „Blind Zeichnen“. Dabei schaut man beim Zeichnen nur auf das Kinderfoto und gestaltet „blind“ auf dem Papier. Man kann zusätzlich auch ein Blatt oder Tuch auf die Zeichenhand legen, um das Blickfeld zu verdecken. Auch kann seine Schreibhand wechseln, der Rechtshänder zeichnet mit links, der Linkshänder mit rechts. Oder man dreht die Fotovorlage über Kopf, auch das hilft den Blick zu weitern. Zudem besteht die Möglichkeit mit dicken Pinseln zu arbeiten, die uns daran hindern zu genau zu sein. Akzente kann man später mit einem schwarzen Feinliner setzen. Dadurch können bestimmte Bereiche betont und herausgestellt werden. Weiße oder farbige Fineliner unterstützen diesen Prozess.

Und dann lassen Sie sich überraschen, was ist entstanden? Welche Assoziationen, Gedanken, Erinnerungen kommen Ihnen, wenn Sie ihr Kunstwerk betrachten? Das bin ich. Was verbindet mich mit dieser jüngeren Version von mir? Was kommt mir in den Sinn? Was ist überraschend, interessant? Was kann ich von der jungen Version von mir vielleicht für heute lernen?

Siehe dazu auch: „Narzistische Mütter“

Zur Biografiearbeit siehe auch mein Kursangebot unter www.lebenswegschreiben.de

[1] Stephen King (2000, S. 19/20). Das Leben und das Schreiben, Heyne

[2] https://www.heise.de/tr/artikel/Das-Gedaechtnis-ist-nicht-statisch-2038305.html 16.05.2019

 

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Narzisstische Mütter https://www.tiefgang.net/narzisstische-muetter/ Fri, 31 Jan 2020 23:01:46 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=6261 [...]]]> Wie wirkt sich Narzissmus in der Erziehung aus und können die (selbst-)zerstörerischen Folgen überwunden werden? Ein Gastbeitrag von Ulrike Hinrichs

Menschen mit einer narzisstischen Störung haben oft eine belastende Kindheit erlebt und ihren Verletzungen abgespalten. Narzissmus ist eine so genannte Spektrumsstörung, die graduellen Ausprägungen sind unterschiedlich. Mit diesem Beitrag möchte ich den Einfluss narzisstischer Mütter auf ihre Töchter erläutern und kreative Impulse aus dem zerstörerischen Erbe geben. Dabei geht es nicht um eine Anklage der Mütter, sondern um unterstützende Hilfe für Töchter.

Narzisstischer Mütter haben auf ihre Töchter einen stark schädigenden Einfluss, worunter die Kinder oft Zeit ihres Lebens leiden. Narzisstische Mütter kompensieren ihr geringes Selbstwertgefühl mit Selbstüberschätzung und Allmachtsphantasien. Sie werten Menschen ab und sich damit auf. Sie bewerten, kontrollieren, manipulieren, sind neidisch und gehen in Konkurrenz mit ihren Töchtern. Narzissten beachten keine Grenzen. Und vor allem sind sie kaum zur Empathie fähig. Narzissten können sich nicht in Menschen einfühlen, weil sie tief im inneren einen Mangel verspüren, einen unstillbaren Hunger, wie es die amerikanische Psychotherapeutin Susan Forward beschreibt. Diese Leere kann nicht gefüllt werden.

Forward findet eine beeindruckende Metapher zu den „Hungergeistern“ aus der asiatischen Mythologie, „Geschöpfe mit übermäßigen Bäuchen, die sich danach sehnen, ihren Hunger zu stillen, aber mit den winzigen Mündern und dünnen Hälsen, niemals satt werden.“ [1] Daher greifen Narzissten zu rabiaten Mitteln, um den Selbstwert aufzuwerten. Sie werten andere ab, beleidigen und zerstören. Töchter erfahren als Spiegel der Mutter eine besondere Behandlung. Oft werden die eigenen unreflektierten Schatten der Mutter auf die Tochter projiziert. Die Wunden des mütterlich-narzisstischen Verhaltens führen zu vergifteten Wurzeln. Sie stecken wie ein hartnäckiges Unkraut tief im Inneren fest.

Als Kunsttherapeutin glaube ich an die unterstützende Kraft des künstlerischen Ausdrucks, der Unaussprechliches zeigen und neue Impulse in alte Muster bringen kann. Der künstlerisch-kreative Prozess kann Frauen intuitiv unterstützen, die toxischen Botschaften und Verletzungen an die Luft zu bringen, damit die Wunden überhaupt erst einmal offen gelegt werden und vernarben können. Denn eines der schwersten Folgen einer narzisstischen Erziehung ist, dass man sich selbst nicht mehr fühlt und seinen Wahrnehmungen nicht vertraut.

Ein Dilemma für narzisstische Töchter besteht darin, dass die Familie nach außen oft stabil erscheint, zwischen Mutter und Tochter aber keine kongruente Kommunikation stattfindet. Es besteht keine Resonanzbeziehung, kein authentisches in Kontakt sein, kein Aufeinanderbezogensein.[2] Resonanz impliziert Verletzlichkeit, die Fähigkeit sich verletzlich zu machen.[3] Dies ist für Narzissten aber gerade nicht möglich. Es bedarf für narzisstische Persönlichkeiten eines hohen Maßes an Kontrolle ihrer eigenen Gefühle und der Gefühle ihrer Kinder, um ihr kreiertes Selbst- und Familienbild aufrechtzuerhalten. Alles muss perfekt sein, Fehler sind unbedingt zu vermeiden. Es bestehe zudem die stillschweigende Übereinkunft, dass über diese narzisstische Familiendynamik nicht diskutiert, geschweigen denn etwas nach außen getragen wird, so die Psychotherapeutin Mc Bride, die den Vergleich zum wunderschönen Apfel findet, der äußerlich perfekt, aber innerlich verwurmt ist.[4]

Ausschnitt Hungergeist -Ulrike Hinrichs

Töchter narzisstischer Mütter lernen sehr schnell, ihre eigenen Gefühle zu unterdrücken und richten sich stattdessen nach den Befindlichkeiten der Mutter. Es gibt für narzisstische Töchter keine Möglichkeit der freien Entfaltung ihrer Persönlichkeit, sie agieren wie ein ferngesteuertes Spielzeug, wie eine Marionette. Sie funktionieren so gut wie möglich, in der Hoffnung auf diese Weise der Ablehnung der Mutter zu entgehen. Aber sie werden die Anerkennung der Mutter niemals erreichen können. Die Tochter lernt, ihren eigenen Gefühlen und Fähigkeiten nicht mehr zu vertrauen. Das ist ein schleichender, toxischer Prozess.

Nazistische Mütter agieren lieblos, teilweise sogar brutal. Wenn ich als kleines Mädchen geweint und Trost gesucht habe, dann hörte ich von meiner Mutter regelmäßig scharftonige Sätze wie „stell dich nicht so an“ oder „reiß dich mal zusammen“. Es gab keinen Trost und keine Umarmungen. Statt „ich hab dich lieb“ sagte sie „mit dir hält es sowieso niemand aus“. Das Verhalten der Mütter ist empathielos. Fehlendes Mitgefühl ist eine der Hauptmerkmale von Narzissmus. Denn narzisstische Mütter müssten dafür in Resonanz mit den eigenen Gefühlen gehen, was sie aufgrund ihrer eigenen Verletzungen nicht können.

Ich erinnere mich an mein Haustier, meine Schildkröte, die ich sehr geliebt habe. Sie war meine Verbündete, mein Trostspender. Meine Mutter hat das Tier nach dem Tod in der Mülltonne entsorgt und mir das lachend erzählt. Viele Betroffene berichten ähnliche Geschichten. Diese emotionale Brutalität in Wort und Tat ist für Kinder kaum auszuhalten. Sie fühlen sich schuldig und ohnmächtig. Wegen ihrer Abhängigkeit von der Mutter kommt es zu Unsicherheits- und Ohnmachtsgefühlen bis hin zu Todesängsten, da die Kinder fürchten wegen ihres vermeintlichen Fehlverhaltens verlassen zu werden. Die narzisstische Mutter betrachtet und gestaltet ihre Tochter als gleichgeschlechtliches Abbild, als ihr erweitertes Selbst.

Solange die Tochter sich dem Wunschbild der Mutter entsprechend verhält, kann es durchaus auch wohlwollende Botschaften geben. Abweichungen der Tochter vom erwünschten Verhalten werden dagegen bestraft, wie etwa mit Zuwendungsentzug. Diese unkalkulierbaren Ambivalenzen führen zu einer großen Unsicherheit bei den Töchtern.

Als Kind einer narzisstischen Mutter fühlen sich die Betroffenen dressiert und abgerichtet. Sie verspüren große Angst und Unsicherheit. Es gibt auch Mütter, die körperlich gewalttätig werden. So lernt das Kind die eigenen Bedürfnisse zu unterdrücken und sich mit ganz feinen Antennen auf die Stimmung der Mutter auszurichten. Denn oft reicht schon ein Augenschlag, um zu erkennen, dass Mutters Stimmung sich ungünstig verändert hat. Die Botschaften werden subtil gesendet, sie wirken wie ein geheimer Code. Die Dynamik von Manipulation, Abwertung und Bewertung ist von außen oft nicht sichtbar. Das Verhalten der Mutter ist passiv-aggressiv, so dass sie jederzeit abstreiten kann, so etwas gesagt bzw. so gemeint zu haben. Konstruktiver Streit, Kritik und Diskussionen sind ein Tabu. Tauchen sie auf, werden die Impulse im Keim erstickt. Denn die Mutter hat immer Recht. Für Narzissten ist es kaum auszuhalten, kritisiert zu werden. Ein Kind stellt sich sensibel auf die oft verdeckten Forderungen der Mutter ein, spürt, was sie will und braucht. Zu diesen subtilen Botschaften gehören auch Bewertungen durch Vergleiche zu anderen. Kinder koppeln sich von ihren Gefühlen ab und lernen, die sehr feinen Stimmungen und Subtöne wahrzunehmen.

Ein weiteres Anzeichen für eine narzisstische Behandlung besteht in der Umkehr der Beziehung. Narzisstische Mütter lassen sich oft von ihren Töchtern versorgen, während die Versorgung der Kinder vernachlässigt wird. Zur Aufrechterhaltung ihres überzogenen Selbstbildes konkurrieren narzisstische Mütter sogar mit ihren Töchtern, eines der schwierigsten Themen für Töchter, die sich in ihrer Weiblichkeit entwickeln wollen. Narzisstische Mütter werten entweder einen Partner der Tochter ab oder flirten selbst mit ihm. Als Teenager, eine Zeit der Annäherung an das Abenteuer der Liebe, kann man dieses Verhalten der Mutter überhaupt nicht einordnen. Etwas stimmt nicht, aber man weiß nicht was es ist. Als erwachsene Tochter erkennt man diese Mechanismen besser, sie wirken aber weiter verstörend. Auch Neid als Schwester der Konkurrenz ist ein stark ausgeprägtes Symptom von Narzissten. Wenn die Tochter zu Lasten der Mutter im Mittelpunkt steht, dann wird es passieren, dass die narzisstische Mutter sich die Aufmerksamkeit durch Zerstörung der Situation zurückholt.

Die Folgen solcher Kindheitserfahrungen sind vielfältig und können wie folgt zusammengefasst werden:

  • Abkoppelung von den eigenen Gefühlen, Taubheit,
  • Innere Leere,
  • Fehlendes (Ur-) Vertrauen, fehlendes Sicherheitsgefühl, große existenzielle Ängste,
  • Probleme mit dem eigenen Raum (Grenzen setzen),
  • Verlust des eigenen Zeitgefühls (Folgen der Fremdbestimmung),
  • Schuldgefühle, wenn eigenen Interessen nachgegangen wird,
  • Beziehungsprobleme, destruktive Beziehungsmuster,
  • Helfersyndrom,
  • fehlender Selbstwert/Selbstliebe,
  • Leistungsorientierung versus Selbstsabotage,
  • Selbstschädigendes Verhalten,
  • Kontrolle und Perfektionismus,
  • Gefahr eigener narzisstischer Züge.

Eine große Stärke von Töchtern, die unter narzisstische Mütter aufgewachsen sind, liegt darin, dass sie sehr genau wahrnehmen können, Schwingungen, Stimmungen, Tabus, das Unausgesprochene. Darauf wurden die Töchter trainiert, um der Mutter „keinen Kummer zu bereiten“, um ihren Zorn nicht zu entfachen. Und diese Gabe, hat die Tochter sie erkannt, kann sie auch für sich selbst, für die Selbstheilung nutzen. Dazu gehört zunächst allerdings die große Herausforderung, erst einmal wieder zu fühlen und zu lernen, den eigenen Gefühlen zu vertrauen. Wenn wir die belastenden Gefühle in uns wirklich fühlen, werden sie zu Reiseführern der Seele. Fühlen bedeutet, dass man zunächst den Schmerz der Vergangenheit zulassen und wahrnehmen muss. Es ist hilfreich, dies unter professionellen Begleitung einer Psychotherapie zu machen.

Künstlerische Prozesse können diesen Weg unterstützen (siehe auch mein Beitrag Kunst, Natur und Gesundheit). Brown vergleicht die Kunst unter all den Kategorien, die sich der Mensch schafft, als diejenige, die dem Menschsein am meisten ähnelt. „Es entspricht unserem Wesen, unvollkommen zu sein. Nicht kategorisierbare Gefühle und Emotionen zu haben. Dinge herzustellen oder zu tun, die manchmal nicht unbedingt einen Sinn ergeben. Kunst ist einfach etwas vollkommen Unvollkommenes“, so Brown.[5]

Als Tochter einer narzisstischen Mutter hat man aber gerade gelernt, perfekt sein zu müssen. Zunächst gilt es daher seine Unperfektheit anzuerkennen und lieben zu lernen. Daher geht es gerade auch nicht um „perfektes“ Malen, sondern um den künstlerischen Ausdruck jenseits einer Bewertung. Kreatives Schaffen ist Selbstausdruck und hilft bei der Selbstheilung, wie ich in meinem Buch „Kunst als Sprache der Intuition“ ausführlich dargestellt habe.[6] Diese universelle Sprache wirkt jenseits der Ratio. Künstlerisches Schaffen wirkt zum einen – und das erscheint vielleicht zunächst einmal banal, ist es aber nicht – auf der Körperebene. Das Halten des Stiftes, das Schwingen des Pinsels, die Bewegung der Hand, des ganzen Körpers führt uns zurück zum Fühlen. Beim künstlerischen Schaffen gehen wir zudem in Resonanz mit Farben, Formen und oft ganz unbemerkt auch mit den vergrabenen Themen und dem Schmerz. Der kreative Ausdruck wiederbelebt die eingefrorenen Gefühle. Intuition ausgedrückt in Kunst ermöglichen sensible Ahnungen für das, was gesehen werden will. Als Praxisbeispiel möchte ich die Idee aufzeigen, eigene Kinderfotos künstlerisch umzusetzen.

Sich der schwierigen Vergangenheit zu nähern, kann gelingen, indem wir uns unserer Kindheit künstlerisch nähern. In die Kindheit einzutauchen, kann emotional herausfordernd sein. Sich auf einem Foto aus der Kindheit zu betrachten, das einen Moment eingefangen hat, der uns berührt, reaktiviert oft die problembelastete Situation. Für die Aufgabe sucht man intuitiv Kinderbilder aus alten Fotoalben heraus. Welches Foto zieht mich magisch an, wenn ich die Alben durchgehe? Dabei kann man sich intuitiv führen lassen und einfach das Foto nehmen, das einen gerade berührt. Es wird das richtige sein (Vertrauen!). Bei der anschließenden künstlerischen Umsetzung geht es nicht um ein reales Abbild des Fotos. Vielmehr versuchen wir in Resonanz zu gehen mit dem jüngeren Selbst, das auf dem Foto durchschimmert. Die Fotovorgabe schränkt unseren Blick häufig ein. Wie soll ich die Hand malen, den Mund formen, wie schaffe ich eine Ähnlichkeit herzustellen?

Diesen Perfektionismus können wir mit einigen Tricks überwinden, denn es geht nicht um eine Kopie des Fotos, es geht um die Kontaktaufnahme zu einem Gefühl. Fotos zeigen einen eingefrorenen Moment des Lebendigen. Dieses Festhalten ist aber mehr ein Stillstellen.[7] Erst der Kontakt über den (unperfekten, ganz individuellen) künstlerischen Ausdruck erweckt das Bild mit Gefühlen wieder zum Leben.

Für die Umsetzung ist im Prinzip jedes Material geeignet. Aquarellfarben etwa schaffen dafür eine gute Möglichkeit. Denn die Wasserfarben verlaufen leicht ineinander, so dass wir uns auf Überraschendes und Ungewolltes einlassen müssen. Man kann sogar bewusst Flecken und Fehler in das Werk einbauen, indem man mit dem in Farbe getränkten Pinsel auf das Papier spritzt. Die „künstlerische Würdigung“ gerade dieser Flecken hat oft eine faszinierende Wirkung. Man kann sie Gold umranden oder anders hervorheben. Denn es ist auch eine Würdigung unserer Unvollkommenheit als Mensch. Akzente kann man auch mit einem schwarzen Feinliner setzen. Dadurch können bestimmte Bereiche betont und herausgestellt werden. Weiße oder farbige Fineliner unterstützen diesen Prozess.

Und dann lassen wir uns überraschen, was ist entstanden? Welche Assoziationen, Gedanken, Erinnerungen kommen, wenn ich mein Kunstwerk betrachte? Das bin ich. Was verbindet mich mit dieser jüngeren Version von mir? Was kommt mir in den Sinn? Was ist überraschend, interessant?

Mich hat beispielsweise an dem von mir gemalten und im Header abgebildeten Kindheitsbild sehr überrascht und erschrocken, wie brutal die Szenerie daherkommt. Der Teddy scheint wie abgeschlachtet, Blut läuft aus seinem Körper, die Hand des Kindes sieht abgehackt aus. Nun sagen mir viele Menschen nach solchen Malaktionen, dass der Ausdruck so nicht beabsichtigt war, sondern den schlechten Malfähigkeiten geschuldet sei. Und das könnte ich jetzt auch sagen. Denn ich habe die Hand beim Malen nicht „richtig“ hinbekommen, auch der Unterkörper des Teddys war mir misslungen. Ich habe die Szenerie nicht bewusst so brutal gemalt. Es hat sich entsprechend im Laufe des intuitiven Malens entwickelt. Ich glaube aber fest daran, dass diese vermeintlichen Unfähigkeiten keine Zufälle sind, sondern intuitiv etwas genauso ausgedrückt werden soll. Solche Bilder wirken auf einer ganz anderen Ebene, der fühlenden, unbewussten Seite in uns. Sie haben nichts mit dem rationalen Erklären und Denken zu tun. Sie nehmen Kontakt auf zur Bilderwelt der Seele.

Lassen Sie sich überraschen und leiten von der Kraft der Kunst. Und so schließe ich den Beitrag mit einem Zitat von George Addair: „Alles, was du jemals wolltest, ist auf der anderen Seite der Angst!“

 Termine

Ulrike Hinrichs leitet mehrere kunsttherapeutisch orientierte Gruppen, u.a. zum Thema Scham in der Frauenberatungsstelle Biff Harburg und das Projekt Frauenbilder 

Literaturnachweise

[1] Forward, Suzan (2015), Wenn Mütter nicht lieben, Goldmann

[2] Zum Begriff der Resonanz ausführlich Rosa, Hartmut (2016, S. 55). Resonanz. Berlin: Suhrkamp Verlag.

[3] Rosa (2016, S. 62)

[4] Mc Bride, Karyl (2017), Werde ich jemals genug sein?“ Töchter narzisstischer Mütter, Probst Verlag

[5] 01(2017, S. 164). Verletzlichkeit macht Stark. Wie wir unsere Schutzmechanismen aufgeben und innerlich reich werden. München: Goldmann.

[6] Siehe dazu mein gleichnamiges Buch: Hinrichs Ulrike (2019). Kunst als Sprache der Intuition. Der holografische Ansatz in der Kunsttherapie und kunstanalogen Transformationsprozessen. Schweiz: Synergia.

[7] Dazu auch Rosa (2016, S. 59)

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