Mia Raben – Unter Dojczen – Tiefgang – das Kulturfeuilleton https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Sat, 21 Feb 2026 12:54:31 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0.1 Die Überlebensstrategie von Gewaltopfern https://www.tiefgang.net/die-ueberlebensstrategie-von-gewaltopfern/ Fri, 06 Mar 2026 23:47:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13400 [...]]]> Trotz aller politischer Bekundungen, ist das Verhältnis zwischen Polen und Deutschen nicht so nachbarschaftlich wie man glauben mag. Besonders deutlich wird dies meist in Dingen, die eben nicht so offensichtlich sind. Mia Raben hat es literarisch aufgearbeitet und wir mal nachgehakt …

Tiefgang (TG): Frau Raben, Sie sind selbst ein Kind polnisch-deutscher Eltern und haben als Korrespondentin in Warschau gearbeitet. War „Unter Dojczen“ ein Buch, das schon lange in Ihnen gereift ist, um den oft „unsichtbaren“ Pendel-Migrant*innen in der Pflege eine Stimme und ein Gesicht zu geben?

Mia Raben: Der Roman, an den ich lange gedacht habe, hat mit den Jahren seine Form immer wieder verändert, bis am Ende dieser Text stand. Ich habe ziemlich lange gebraucht, um zu wissen, welche von den vielen möglichen Geschichten ich als Roman aufschreiben will. Als Korrespondentin in Polen hatte ich das Gefühl, dass die Themen auf der Straße lagen. Ich fand einfach alles spannend. Natürlich auch aus dem Grund, weil ich meine Herkunft erforscht habe. Für den Roman musste ich mich aber für eine Figur und ihre Geschichte entscheiden, und da meine Mutter viele Freundinnen hatte, die so gearbeitet haben wie Jola, habe ich mich irgendwann für sie entschieden.

TG: Zu Beginn des Romans wird Jola fast wie ein Paket in Deutschland „abgeliefert“. Das ist ein hartes Bild für die Entmenschlichung im Pflegesystem. Wie wichtig war es Ihnen, diesen Kampf um Würde und Geld zu beschreiben, ohne dabei den Humor und den spöttischen Blick auf die „Dojczen“ zu verlieren?

Mia Raben: Der Humor und der spöttische Blick, wie Sie es nennen, war mir immer sehr wichtig. Er ist schon immer eine Überlebensstrategie von Gewaltopfern gewesen. Ich habe diesen Humor und diesen Spott gegenüber den Deutschen in meiner polnischen Familie von klein auf erlebt. Mein Problem war damals: Ich war ja auch ein deutsches Kind. Also galt dieser Spott gewissermaßen auch mir. Das tat weh. Ich brauchte viel Zeit und viele Erfahrungen in beiden Ländern, um zu begreifen, dass das alles von außen kommt. Ich muss weder deutsch noch polnisch sein. Beide Länder haben mich geprägt. Es ist ja so, dass die Deutschen historisch betrachtet die Polen einfach sehr mies behandelt haben. Und heute sind die älteren Menschen in Deutschland von den Polinnen abhängig. Was für ein Spannungsfeld sich da auftut, habe ich erst durch Jola und Uschi erfahren. Die haben sich da verselbstständigt und für humorvolle Begegnungen gesorgt, aber eben auch für schmerzhafte. Denn zwischen Deutschen und Polen kann man dem Schmerz nur mit aufrichtigem Interesse und am besten mit Humor begegnen. Wenn man das nicht kann, herrscht Eiseskälte. Es ist einfach zu viel passiert.

TG: Das Herzstück Ihres Buches ist die ungewöhnliche Freundschaft zwischen Jola und der Matriarchin Uschi. Ist diese Beziehung auf Augenhöhe ein bewusst gesetzter optimistischer Gegenentwurf zur meist einseitigen Abhängigkeit in der häuslichen Pflege?

Mia Raben: Dass Jola sich emanzipiert, hat sie sich ja hart erarbeitet. Sie kämpft sich heraus aus der Abhängigkeit und das gelingt heute immer mehr Polinnen, weil sie verstehen, dass auch sie in einer Machtposition sind, nicht nur die wohlhabenden Alten. Ich wollte, dass die oft schreckliche Situation der Pendlerinnen deutlich wird, dass die Ausbeutung gezeigt wird, aber ich wollte nicht, dass man den Roman zu Ende liest und denkt: Oh Gott, wie schrecklich das alles ist, das wird nie besser! Ich vertrage das Grauen besser, wenn ich weiß, es blitzt auch noch etwas Hoffnung auf. Und Jola verkörpert diese Hoffnung doch ganz gut.

TG: Sie haben am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig (DLL) studiert. Wie hat diese Ausbildung Ihren Blick auf das Handwerk verändert? Gab es Momente, in denen die journalistische Präzision mit der literarischen Freiheit Ihres Debüts in Konflikt geraten ist?

Mia Raben: Was ich am DLL vor allem gelernt habe, ist, wie viele Sichtweisen es auf einen Text gibt. Natürlich gibt es handwerkliche Mittel, die man einsetzen kann. Es war auch gut, das zu lernen und zu begreifen, sehr wichtig für mich. Aber am Ende ist ein handwerklich guter Text eben auch Geschmackssache. Grässlich fand ich einen Text und jemand anderes fand ihn großartig. So ist das. Auch bei der eigenen Master-Arbeit. Was die eine Bewerterin toll fand, hat die andere gerade gestört. Leider ist das alles top secret. Aber das Learning ist: Mach einfach dein Ding. Es werden nicht alle gut finden. Niemals. Die Beobachtungsgabe und das Notizenmachen in der Livesituation sind Sachen, die ich aus der Reportage ins Literarische übertrage. Wenn ich losziehe, mache ich ständig Notizen, besonders wenn ich an Orten recherchiere, die für meine literarische Arbeit wichtig sind. Notizen sind sehr wichtig. Sich dann aber bewusst auch von den Notizen zu lösen, war sehr befreiend. Die Phantasie ist ja im Journalismus nur begrenzt willkommen. Eine gute Überschrift, eine spezielle Frage an die Interviewpartnerin …

„Weibliche Geschichten der Selbstbehauptung passen an jeden Ort“

TG: Die SuedLese Literaturtage bringen Sie nach Moorburg in den Elbdeich e.V. – ein „pulsierender Kraftort“ zwischen A7-Rauschen und Dorfgarten. Passt diese Atmosphäre des Widerstands und der Eigenwilligkeit in Moorburg gut zu Jolas Geschichte der Selbstbehauptung?

Mia Raben: Weibliche Geschichten der Selbstbehauptung passen an jeden Ort – aber vielleicht spiegelt diese, wie Sie sagen, „Atmosphäre des Widerstands“ diesen Kampf besonders gut wider. Denn natürlich bedeutet Selbstbehauptung auch: Stress, Anstrengung, an die eigenen Grenzen gehen. Um in Ihrem Bild zu bleiben, kann man sagen, wenn der Kampf um die Selbstbehauptung gelingt, ist die Belohnung dafür vielleicht ein Gefühl, das dem Verweilen in einem idyllischen Dorfgarten nahekommt.

TG: Kristine Bilkau nennt Ihr Buch eine Geschichte über Fürsorge und Ausbeutung. Wenn die Besucher*innen am 21. März nach der Lesung den Moorburger Elbdeich entlanggehen: Welchen Gedanken über das Miteinander unserer Kulturen möchten Sie ihnen mit auf den Weg geben?

Mia Raben: Ich finde es wichtig, die interkulturelle Begegnung, etwa zwischen Deutschen und Pol*innen, zu hinterfragen. Es besteht immer die Gefahr, einerseits zu idealisieren, zu bagatellisieren, und andererseits wiegt das historische Erbe schwer. Für viele Menschen, gerade aus Deutschland, ist es nicht leicht, auf diesem schmalen Grat zu gehen. Polinnen und Polen arbeiten in Deutschland, oft gut bezahlt, aber zu oft eben in ausbeuterischen Verhältnissen. Das ist vor dem Hintergrund der Geschichte, in der Polinnen und Polen von der deutschen Propaganda als „Sklavenvolk“ gebrandmarkt und benutzt wurden, schwer erträglich. Ich denke, für Polinnen und Polen in Deutschland ist es besonders wichtig, dass die schmerzhafte gemeinsame Geschichte anerkannt wird. Es gibt noch zu viele Themen, die nicht im allgemeinen Bewusstsein der deutschen Bevölkerung angekommen sind: Etwa was deutsche Soldaten während der Okkupation der polnischen Zivilbevölkerung angetan haben.

Begegnen wir uns mit Offenheit und aufrichtigem Interesse, können wir als nachfolgende Generationen vieles überwinden. Ein übertriebener Schuldkomplex hilft da ebenso wenig wie Kitsch und Zuckerguss im Versöhnungstheater. Man darf nicht vergessen, dass es immer noch viel zu viele Familien in Deutschland gibt, wo es scheinheilig heißt: Opa war kein Nazi. Ich habe den Eindruck, dass sich das gerade verändert und dass immer mehr Menschen wirklich wissen wollen, was genau Opa oder Oma während des Krieges für eine Rolle gespielt haben. Nur durch diese tatsächliche individuelle Aufarbeitung wird es möglich, die Opfer gemeinsam zu betrauern und so die deutsch-polnische Freundschaft in tieferen Ebenen auszubauen.

TG: Es ist und bleibt ein komplexes aber zum Reflektieren lohnenswertes Thema. Und gut, dass Sie diesem Thema auf ihre besondere literarische Art und Weise angenommen haben. Und so wünsche ich auch viel Resonanz zur Lesung!

(Das Interview für „Tiefgang“ führte Heiko Langanke)

Termin:

Sa., 21. Mrz., 20 Uhr: Mia Raben – Unter Dojczen | Eintritt frei – Spende erwünscht

elbdeich e.V., Moorburger Elbdeich 249, 21079 Hamburg, www.elbdeich.org

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Hamburgs Süden wird wieder Hotspot der Literatur! https://www.tiefgang.net/hamburgs-sueden-wird-wieder-zum-hotspot-der-literatur/ Wed, 04 Feb 2026 23:20:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13219 [...]]]> Es ist eine bemerkenswerte Beständigkeit, die sich im Hamburger Süden manifestiert, wenn am ersten März der Startschuss für die elfte Ausgabe der SuedLese Literaturtage fällt. Was einst aus einer schlichten Beobachtung über die mangelnde Wahrnehmung literarischer Orte in Harburg erwuchs, hat sich über ein Jahrzehnt hinweg zu einem etablierten Fest mit jährlich über vierzig Veranstaltungen entwickelt.

Der aufmerksame Leser und Leserin erkennen hier ein Prinzip, das man als Dezentralität bezeichnen könnte, will heißen: die bewusste Verteilung kultureller Ereignisse auf viele kleine, oft private Orte, statt sich in großen, anonymen Hallen zu verlieren.

Der Reiz dieses Festivals liegt in seiner organischen Entstehung. Der Begründer Heiko Langanke betont, dass die SuedLese nicht künstlich aufgesetzt wird, sondern dass sich die Autoren und Autorinnen sowie die jeweiligen Orte selbst suchen und finden müssen. Es entsteht eine Symbiose, will heißen: ein tiefes, wechselseitiges Abhängigkeitsverhältnis zwischen dem geschriebenen Wort und dem Raum, in dem es erklingt, sodass beide am Abend der Lesung eine untrennbare Einheit bilden. Rund einhundert engagierte Menschen wirken im Hintergrund oft ehrenamtlich mit, um diese Verbindung zwischen Institutionen wie dem Club Stellwerk oder der Fischhalle oder lokalen Buchhandlungen und der Literatur zu ermöglichen.

In diesem Jahr liegt ein besonderer Schwerpunkt auf den Stimmen von morgen in Form von Debüts, unterstützt durch eine dreijährige Förderung der ZEIT Stiftung Bucerius. Langanke bezeichnet das Festival treffend als „Kinderzimmer“ der kommenden Autoren und Autorinnen. Es ist eine Form der literarischen Inkubation, will heißen: ein geschützter Raum, in dem junge Talente wie Kea von Garnier mit ihrem Roman Restsommer oder Rina Schmeller mit ihrem Debüt Co ihre ersten Schritte vor einem breiten Publikum wagen können. Diese Bühne bietet eine weitaus stärkere Motivation als eine bloße Lesung im privaten Kreis, da sie den Mut zum öffentlichen Präsentieren fördert.

Dabei scheut das Festival auch nicht vor dem zurück, was Langanke den „Punk“ in der Literatur nennt. Es geht um eine geerdete Szene, die sich mit harten gesellschaftlichen Themen, Subkultur oder gar Trash beschäftigt, bevor diese Strömungen irgendwann in der etablierten Hochkultur gewürdigt werden. Ob die bewegenden Schilderungen von Dominik Bloh über die Obdachlosigkeit oder die provokante Kritik eines Kristjan Knall – die SuedLese bietet jenen Themen Raum, die oft wie ein Stachel im Fleisch der Gegenwart wirken. Von der Ladies Crime Night in Buxtehude bis zu Workshops des szenisch-kreativen Schreibens zeigt sich so ein Panorama, das weit über die Grenzen des herkömmlichen Literaturbetriebs hinausreicht. So wird der März wieder zum Monat, an dem es sich lohnt hinauszugehen und die Kultur zu genießen!

SuedLese – Literaturtage im Hamburger Süden

Über 40 Veranstaltungen an 26 Orten, Eintritt: Teilweise frei / variierend. Veranstaltungsorte von Harburg, Neugraben, Wilhelmsburg, Buxtehude u.a., 01. – 31. März 2026

Programm: www.suedlese.de Hintergründe: www.tiefgang.net

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