Nachruf – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Thu, 03 Sep 2020 08:20:13 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 „Kunst kommt von Müssen!“ https://www.tiefgang.net/kunst-kommt-von-muessen/ Fri, 28 Aug 2020 22:20:53 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=7190 [...]]]> Anfang der Woche ereilte uns die Nachricht, dass die Harburger Künstlerin Anke de Vries (Jahrgang 1942) nach kurzem Krankenhausaufenthalt verstarb. Sie war für viele Harburger Künstler*innen Antreiberin und Urgestein zugleich. Wir trauern.

Foto: Archiv

Anke de Vries und ihr Ende 2018 verstorbener Mann und Kunstfotograf Theo Stenzel (siehe auch ´Tiefgang` „Ciao, Kellerdrucker!“) lebten und arbeiteten in Harburg-Eissendorf und luden bis 2017 regelmäßig ins Offene Atelier in der Dempwolffstraße. De Vries war Gründerin und bis zur Vereinsauflösung Anfang 2018 auch Mitglied der Künstlergruppe „kobalt – Kunst international e.V.“. Anfang der 1960 lebte und arbeitet sie in Paris auch an der Kunstzeitschrift ABC mit. Nach einer Mutterpause betrieb sie in Nizza eine Kunstschule und kehrte Anfang der 1970er Jahre nach Hamburg zurück. Sie engagierte sich emanzipatorisch bei der Gründung des 4. Hamburger Frauenhauses, der Künstlerinnengruppe „femok“ oder auch Anfang der 1980er Jahre bei der Gründung der Harburger Frauenkulturhauses in der Neuen Straße.  Neben unzähligen Ausstellungen in Hamburg aber auch bundesweit führte sie ihre Arbeit auch nach Georgien, Panama und Ecuador, Kenia, Russland, Vietnam, Armenien oder in den Kaukasus. Zuletzt unternahm sie nochmal eine Reise nach Tunesien.

Im Netzwerk SuedKultur der Harburger Kulturschaffenden brachte sie sich ebenso ein, wie sie sich bei der Gründung der 1. nicht-kommerziellen Artothek Hamburgs, der Harburger Kunstleihe einbrachte. Für ihre direkte und fordernde Art war sie ebenso bekannt und beliebt wie sie viele Künstlerinnen in ihrer Arbeit und ihrem Werdegang unterstützte. In ihrer künstlerischen Arbeit bevorzugte sie Techniken der Malerei, Grafik, Performance, Design aber auch  Illustration. Ein für sie typischer Satz lautete: „Kunst kommt nicht von Können. Kunst kommt von Müssen!“

Die Initiative SuedKultur und das Team der Kunstleihe Harburg werden ihrem Schaffen und ihrer Art stets verbunden bleiben und vermissen sie schon jetzt.

Für alles Danke, Anke!

 

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Ciao, Kellerdrucker! https://www.tiefgang.net/ciao-kellerdrucker/ Fri, 14 Dec 2018 23:10:29 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=4629 [...]]]> Mit Trauer vernahmen wir, dass der Harburger Künstler und Fotograf Theo Stenzel  am vergangen Wochenende nach langer Krankheit verstarb.

Theo Stenzel wurde 1946 geboren, lebte in Hamburg und war Mitbegründer und Mitglied der in Harburg ansässigen Gruppe „Kobalt – Kunst international“ und der Fotogruppe in der Kulturwerkstatt Harburg. Er arbeitete mit Heliogravuren, Siebdruck, Radierungen und Zeichnungen.

Seit 1972 hatte er zahlreiche Ausstellungen, Beteiligungen und Mitwirkungen bei Performances im In- und Ausland, beschäftigte sich mit Schwarzweiß -Fotografie und Dunkelkammerarbeit, die er jährlich beim Tag des offenen Ateliers in der Dempwolffstraße einem breiten Publikum erklärte.

Er hatte bis 1973 Mathematik, Physik, Philosophie und Pädagogik an der Universität Hamburg studiert und war von 1975 bis 2008 als Lehrer am Lessing–Gymnasium in Harburg tätig. Seit 1985 war er Koordinator für das Studium und Staatsexamen im Fach Informatik an der Universität Hamburg.

1976 begründete er die Künstlergruppe „Kellerdrucker“ mit. In den 90er Jahren hatte er mehrere Studienaufenthalte im Kaukasus.

Als Künstler hatte er eine Vielzahl nationaler und internationaler Ausstellungen – teils mit seiner Frau Anke de Vries, ebenfalls Künstlerin.

Noch 2018 brachte er die Ausstellung „30 Jahre Fotografie“ in der Kulturwerkstatt Harburg fertig: Schwarz-weisse Analogfotografien auf edlem Barytpapier – ein Querschnitt durch die letzten Projekte.

Die Initiative SuedKultur verliert damit nicht nur einen großartigen und inspirierenden Künstler, sondern auch humorvollen, engagierten und stets sehr reflektierten und bereichernden Mitstreiter.

Theo, wir vermissen Dich!

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Macher und Entdecker https://www.tiefgang.net/macher-und-entdecker/ Fri, 22 Jun 2018 22:14:41 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=3784 [...]]]> Der Vorhang ist gefallen: der Gründer und langjähriger Leiter des Allee Theaters und Theater für Kinder, Uwe Deeken, ist am vergangengen Dienstag, 19. Juni 2018, im Alter von 76 Jahren gestorben.  

In einer Pressemitteilung der Behörde für Kultur und Medien Hamburg heißt es:

„Uwe Deeken hat 1968 das Theater für Kinder gegründet und 1996 zusammen mit seiner Frau Barbara Hass die Hamburger Kammeroper, die sich schwerpunktmäßig dem Musiktheater des 18. und 19. Jahrhundert widmet und erwachsenes Publikum adressiert. Er war nicht nur der jüngste Theaterdirektor Deutschlands – er leitete zudem das erste private Kindertheater in der Bunderepublik. Sein Theater nahm sich unterschiedlicher Stoffe an, spielte ganzjährig und setzte international Maßstäbe. Damit hat er das Kindertheater maßgeblich mitgeprägt und war über Jahrzehnte einer der profiliertesten Theatermenschen der Stadt. Das Theater für Kinder sowie die Hamburger Kammeroper wurden national wie international ausgezeichnet: Darunter mehrfach mit dem Rolf-Mares-Preis und dem Pegasus Preis. 2009 verlieh der Hamburger Senat dem Ehepaar Uwe Deeken und Barbara Hass die Senator-Biermann-Ratjen-Medaille.

Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien: „Uwe Deeken war mit seinem Mut und seiner großen Leidenschaft ein Pionier des Kindertheaters. Mit dem Theater für Kinder sprach er ein in den 1960er Jahren bis dahin weitgehend unbeachtetes junges Theaterpublikum an. Er öffnete den Kindern die Welt des Theaters. Seither war Uwe Deeken mit seinem Theater für Kinder und der Hamburger Kammeroper bis aufs Äußerste verbunden. Zusammen mit seiner Frau Barbara Hass gelang es ihm, Schauspiel mit Oper sowie mit klassischem Ballett zu verbinden und eine eigene Theatersprache zu prägen. Der Senat trauert um eine Schlüsselfigur der Hamburger Theaterlandschaft, die in der Stadt große Spuren hinterlässt. Mein Mitgefühl gilt seiner Familie sowie dem gesamten Team des Allee-Theaters.“

In einem Interview beschrieb Deeken indirekt seine Haltung sehr überzeugend: „Man darf gar nicht erst versuchen, sich dem Geschmack der Leute anzupassen. Deswegen wird ja überall das Gleiche gespielt, weltweit. Die Inszenierungen sind austauschbar. Das ist doch furchtbar! Ich finde, man muss in einem kleinen Haus, wie wir es haben, Leute heranziehen, Spaß an Entdeckungen zu haben. Unsere Zuschauer müssen sich auch auf uns einlassen. Danach können sie urteilen, ist das gut oder schlecht.“ (KulturPort vom 21. Jan. 2013)

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Abschied von Dagmar Lieblová https://www.tiefgang.net/abschied-von-dagmar-lieblova/ Thu, 29 Mar 2018 22:34:21 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=3367 [...]]]> Im April letzten Jahres war sie noch zu Gast in Harburg zum Gedenken an die Opfer des Holocaust. Nun starb sie im Alter von 88 Jahren in ihrer Heimat Prag: Dagmar Lieblová.

Auch die Initiative „Gedenken in Harburg“ wie auch das Team der KZ-Gedenkstätte Neuengamme waren mit ihr eng verbunden. Im Nachruf der Gedenkstätte heißt es nun:

„Wir trauern um Dagmar Lieblová

Unsere Freundin Dr. Dagmar Lieblová ist tot. Sie starb am 22. März 2018 in Prag im Alter von 88 Jahren.

Wir schätzten Dagmar als kluge, warmherzige, tolerante und weltgewandte Gesprächspartnerin und große Stütze unserer Arbeit. Vor einigen Jahren veröffentlichte sie die Geschichte ihrer Familie und ihrer Verfolgung in dem kleinen Bändchen „Jemand hat sich verschrieben und so habe ich überlebt“, das in mehrere Sprachen übersetzt wurde.

1929 in Kutna Hora geboren, wuchs Dagmar mit ihrer jüngeren Schwester Rita in der tschechisch-jüdischen Familie Fantl auf, die nach dem „Anschluss“ an das nationalsozialistische Deutschland Repressionen und Verfolgung ausgesetzt war. Über das Getto Theresienstadt wurde die Familie in das KZ Auschwitz deportiert, wo die Eltern und Rita ermordet wurden. Da in Dagmars Unterlagen fälschlicherweise das Geburtsjahr 1925 angegeben, sie also laut Papieren bereits über 16 war, wurde sie als einzige ihrer Familie als arbeitsfähig selektiert und zur Zwangsarbeit nach Deutschland gebracht. Das rettete ihr das Leben. Über die Neuengammer Außenlager Dessauer Ufer, Neugraben und Tiefstack kam sie ins KZ Bergen-Belsen, wo sie am 15. April 1945 befreit wurde. Sie ging zurück in die Tschechoslowakei und  brauchte Jahre, um gesund zu werden.

Sie studierte Germanistik, heiratete und gründete eine Familie. Ihre älteste Tochter nannte sie nach ihrer ermordeten Schwester Rita. Gemeinsam mit ihrem Mann Petr lebte Dagmar Lieblová in verschiedenen Ländern auf unterschiedlichen Kontinenten. Jeder der sie kannte, schwärmte von ihrer Weltoffenheit und Toleranz. In Prag arbeitete sie als Lehrerin zunächst an Schulen und dann an der Philosophischen Fakultät der Prager Universität. Sie gründete 1990 die Theresienstädter Initiative, deren Vorsitzende sie lange war und reiste bis zum Schluss unermüdlich durch Europa, um als Zeitzeugin aufzutreten.

Wann immer sie konnte, kam Dagmar Lieblová nach Hamburg, eingeladen von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme oder der Initiative Gedenken in Harburg (die sich u.a. um die Gedenkstätte am Ort des ehem. Außenlagers Neugraben kümmert. Sie nahm an Gedenkveranstaltungen teil, gab Zeitzeugengespräche und trat gemeinsam mit ihrer Tochter Rita 2010 auf der Konferenz „Überlebende und ihre Kinder im Gespräch“ in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme auf. Stets war sie bereit, mit jungen Leuten zu sprechen und so gegen das Vergessen zu arbeiten.

Wir trauern gemeinsam mit Dagmars Familie. Wir haben eine Freundin verloren, deren Tod eine große Lücke reißt.“

Quelle: kz-gedenkstaette-neuengamme.de

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