Namibia https://www.tiefgang.net Fri, 15 Dec 2023 10:29:16 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1.3 Menschliche Überreste im MARKK https://www.tiefgang.net/menschliche-ueberreste-im-markk/ Fri, 15 Dec 2023 23:18:10 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=10499 [...]]]> Die Universität Göttingen und das MARKK untersuchen künftig zusammen die Provenienzen menschlicher Überreste aus ehemalig kolonisierten Gebieten.

Ein zunächst zweijähriges Forschungsprojekt widmet sich Gebeinen, die zwischen Ende des 19. und Anfang des 20. Jh. als sogenannte „Anthropologische Sammlung“ im damaligen Museum für Völkerkunde in Hamburg (heute MARKK) verwahrt und nach Auflösung der Abteilung Anfang der 1950er Jahre in mehreren Schritten an die Universität Göttingen abgegeben wurden. Nach jetzigem Wissensstand verblieben 57 menschliche Überreste im MARKK, die nun gemeinsam mit Beständen in Göttingen untersucht werden, um dann Gespräche über ihre Repatriierung beginnen zu können. Das Projekt wird vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste gefördert.

Barbara Plankensteiner, Direktorin MARKK: „Mit der lange überfälligen Aufarbeitung dieser Provenienzen stellt sich das MARKK seiner historischen Verantwortung. Als ab 2020 im Zuge einer umfassenden Inventur 57 Gebeine aufgefunden wurden, die zur ehemaligen „Anthropologischen Sammlung“ gehörten, haben wir zuerst den Sammlungskontext geprüft und dann mit der Universität Göttingen die Forschungsmittel beantragt. Ich freue mich sehr, dass wir die Förderung des Zentrums erhalten haben und mit Dr. Stoecker einen ausgewiesenen Experten für das Projekt gewinnen konnten, der auch mit Vertreter:innen der Nachfolgegesellschaften zusammenarbeiten wird. Sobald wir die ancestral remains zuordnen können, werden wir Gespräche bezüglich ihrer Rückführung aufnehmen.“

„Die Aufarbeitung unserer Göttinger Bestände leistet einen wesentlichen Beitrag zur aktuellen Diskussion über das koloniale Erbe universitärer Sammlungen“, so der Präsident der Universität Göttingen Prof. Dr. Metin Tolan. „Dass dies in diesem Fall in enger Kooperation mit dem MARKK Hamburg sowie mit Unterstützung von Gastwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern aus dem globalen Süden geschieht, ist immens wichtig und freut mich sehr.“

Ziel des Projekts ist die Rekonstruktion der Erwerbskontexte und Transferwege der Bestände sowie die Umstände ihrer Übertragung vom damaligen Museum für Völkerkunde Hamburg an die Universität Göttingen. Die so gewonnenen Erkenntnisse versetzen das MARKK und die Hochschule in die Lage, die Herkunftsländer proaktiv und detailliert zu informieren und eine Verständigung über den weiteren Umgang mit den menschlichen Überresten und ihre Repatriierung zu erzielen. Ein Workshop mit Expert:innen aus den Herkunftsländern soll einen Wissenstransfer in beide Richtungen ermöglichen.

Holger Stoecker, Historiker: „Aus der Geschichte der Anthropologischen Sammlung in Hamburg und Göttingen resultiert eine gemeinsame Verantwortung beider Einrichtungen für die Provenienzforschung und gegenüber den Herkunftsgesellschaften, von denen die ancestral human remains stammen. Dem entspricht die Verbundstruktur des Projekts.“ Da Rückgabegesuche aus Australien, Palau und Namibia an die Universität Göttingen herangetragen wurden, wird die Untersuchung dieser Konvolute vorranging behandelt. Zugleich ist die Zusammenführung der bislang in Hamburg und Göttingen getrennt verwahrten Skelettelemente primäres Ziel. Hierfür ist die Identifizierung der im MARKK vorhandenen Gebeine notwendig, die nach einer ersten Sichtung verschiedenen Herkunftsländern in Ozeanien und Afrika zugeordnet wurden: Papua-Neuguinea, Federal States of Micronesia, Solomon Islands, Samoa, Tansania und Kamerun.

Die „Anthropologische Sammlung“

Die „Anthropologische Sammlung“ des damaligen Museums für Völkerkunde wurde in der Zeit zwischen 1880 und 1930 aufgebaut. Unter anderem unter der Direktion des Mediziners und Ethnologen Georg Thilenius (Amtszeit: 1904-1935) wurde der Bestand durch Ankäufe von Händlern, Kontakte zu Reisenden, Missionaren, kolonialen Behörden und Beamten sowie eigenen Forschungs- und Sammelreisen, wie der Hamburger Südsee-Expedition (1908-1910), vergrößert. Die Südsee-Expedition brachte mehr als 12.000 Objekte nach Hamburg, darunter ca. 800 menschliche Überreste. Schätzungsweise umfasste die „Anthropologische Sammlung“ Gebeine von 1.200 Menschen aus Palau, Mikronesien, Samoa, Nauru, Papua-Neuguinea, Tansania, Australien, Namibia und Kamerun sowie aus Hamburger Friedhofauflassungen. Zwischen 1953 und 1969 wurden die menschlichen Überreste der Sammlung in mehreren Schritten an das Anatomische Institut der Universität Göttingen abgegeben.

Nach Auffinden der menschlichen Überreste während der Inventur lag die Vermutung nahe, dass dieser Bestand bei der Übertragung nach Göttingen übersehen wurde. Erst ein vor Kurzem entdecktes Schriftstück aus den 1960er Jahren gab Aufschluss darüber, dass das damalige Museum für Völkerkunde einige menschliche Gebeine zu Forschungszwecken in seinem Bestand behalten hatte.

Die Ergebnisse der Forschung werden in Form eines Forschungsberichts auf den Websites des MARKK und der Universität Göttingen publiziert.

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Kolonialkunst next step https://www.tiefgang.net/kolonialkunst-next-step/ Fri, 27 Sep 2019 22:20:06 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=5880 [...]]]> Die Herkunft und Eigentumsverhältnisse viele Kunstwerke im Berliner Ethnologischen Museum ist nach wie vor unklar. Nun werden einige nach Namibia gebracht, um weitere Erkenntnisse zu sammeln.

In der Mitteilung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz heißt es:

„Im Rahmen einer Partnerschaft zwischen der Museums Association of Namibia (MAN) und der SPK waren seit Frühjahr 2019 mehrere Forscher aus Namibia zu Gast im Ethnologischen Museum der Staatlichen Museen zu Berlin. Gemeinsam mit dem Wissenschaftlerteam des Museums untersuchten sie die rund 1400 Objekte der Namibia-Sammlung des Hauses im Hinblick auf ihre Geschichte, Bedeutung und ihre künstlerischen Potenziale. In dem nun folgenden Projekt „Confronting Colonial Pasts, Envisioning Creative Futures“, das die Gerda Henkel Stiftung ermöglicht hat, werden 23 dieser Objekte nach Namibia reisen, darunter Schmuck, Prestigeobjekte und historisch wichtige Artefakte. Dort sollen sie in den kommenden drei Jahren weiter erforscht werden und zeitgenössischen Künstlern für die kreative Auseinandersetzung zur Verfügung stehen. Erstmals in Deutschland wurde ein solcher ergebnisoffener Prozess der Zusammenarbeit angestoßen, der maßgeblich von den namibischen Partnern bestimmt wird.

Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, betont: „In unserer Arbeit möchten wir nachhaltige Beziehungen aufbauen, die von gegenseitigem Respekt und von Transparenz im Umgang miteinander geprägt sind. Das haben wir schon in einigen anderen größeren Projekten praktiziert, etwa mit Partnern in Tansania, Ruanda oder im Amazonasgebiet. Was dieses Projekt jedoch einzigartig und wegweisend macht, sind das Ausmaß und die Intensität, in der die Partner mit den Objekten arbeiten können, da wir nicht nur Gastwissenschaftler zur Arbeit in Berlin einladen, sondern durch die Reise der Objekte nach Namibia zudem zahlreiche Beteiligte vor Ort langfristig mit ihnen arbeiten können. Dass die Gerda Henkel Stiftung diese Zusammenarbeit so großzügig finanziert, ist für uns unglaublich wertvoll und beispielhaft.“

Golda Ha-Eiros, Vorstandsvorsitzende der Museums Association of Namibia, Kuratorin für Liberation Heritage am Ministry of Veterans Affairs und Gastwissenschaftlerin am Ethnologischen Museum, sieht großes Potenzial in der Reise der Objekte nach Namibia: „Aufgrund der Geschichte und des Wissens in namibischen Gemeinschaften können die Objekte in Namibia ihre vollen kulturellen, sozialen und historischen Bedeutungen entfalten.“

Michael Hanssler, Vorsitzender des Vorstands der Gerda Henkel Stiftung, ergänzt: „Ich hoffe, dass von diesem Pilotprojekt ein doppelter Impuls ausgehen kann: Zum einen in Richtung einer wirklichen Zusammenarbeit auf Augenhöhe mit unseren namibischen Partnern in der Bewältigung unserer kolonialen Vergangenheit. Und zum zweiten in Richtung des Bundes und der Länder, sich verstärkt – und das heißt eben auch mit wesentlich mehr finanziellen Mitteln – für die dauerhafte Rückgabe von Objekten aus kolonialem Kontext an die Herkunftsgesellschaften einzusetzen. Leihgaben aus deutschen Museen an namibische Institutionen können dabei nur ein erster Schritt sein. Ziel muss letztlich bleiben, diejenigen Objekte, die geraubt oder unter zweifelhaften Umständen erworben worden sind, zeitnah und dauerhaft zu restituieren.“

Die Namibia-Sammlungen des Ethnologischen Museums

Die historischen Sammlungen aus Namibia im Ethnologischen Museum wurden größtenteils während der deutschen Kolonialzeit (1884-1919) erworben. Ihre Provenienzen werden seit Anfang 2018 erforscht, in den letzten Monaten gemeinsam mit den namibischen Gastwissenschaftlern. Die Sammlungen spiegeln koloniale, teils äußerst gewaltvolle Aneignungsprozesse wider. Darüber hinaus zeigen sie die Kreativität und den Einfallsreichtum der Menschen in Namibia. Sie sind damit eine wichtige Quelle für die historische Forschung und Inspirationsquelle für zeitgenössische Künstler und Designer. Aufgrund der deutschen Kolonialisierung Namibias befindet sich die überwiegende Mehrheit solcher Objekte in deutschen und nicht namibischen Institutionen und ist daher für die meisten Namibier nicht zugänglich. Mit dem von der Gerda Henkel Stiftung finanzierten Projekt wird, beginnend mit der Reise der Objekte nach Namibia, ein erster Schritt unternommen, um dieses Ungleichgewicht zu beheben. Der größte Teil der Fördermittel in Höhe von insgesamt rd. 400.000 Euro fließt in die Arbeit in Namibia.

Projekt „Confronting Colonial Pasts, Envisioning Creative Futures“

In den vergangenen Wochen wählten die namibischen Partner 23 Objekte der kolonialen Namibia-Sammlung im Ethnologischen Museum aus, die an das National Museum of Namibia geliehen werden. Dies geschah in enger Absprache mit Community-Vertretern in Namibia. Neben MAN sind auch das National Museum of Namibia und die University of Namibia Projektpartner in „Confronting Colonial Pasts, Envisioning Creative Futures“. In Deutschland und in Namibia wird die kooperative Forschung zu den Sammlungen fortgesetzt und der Öffentlichkeit und Stakeholdern zur Verfügung gestellt.

Im weiteren Projektverlauf in Namibia sind vier mehrtägige Workshops am National Museum of Namibia und in Kulturerbe-Gemeinschaften geplant, die das mit den Objekten verbundene Wissen und andere Formen des immateriellen Kulturerbes, wie zum Beispiel historische Techniken und Materialien, reaktivieren und dokumentieren sollen. Zusätzlich finanziert die Gerda Henkel Stiftung einen Restaurator sowie einen Museologen am National Museum of Namibia und unterstützt das Museum mit Capacity Building-Workshops und Materialien zur präventiven Konservierung der Sammlung. Darüber hinaus ermöglicht sie die Einrichtung zweier Stipendien an der University of Namibia, die es Postgraduierten erlauben, die Forschung aus dem Museum in die Kulturerbe-Gemeinschaften zu tragen.

Die Inspirationen, die die Objekte aus Berlin bieten, werden zudem in das von MAN geplante Museum of Namibian Fashion einfließen. In diesem Kontext sind weitere wesentliche Elemente des Projekts die Produktion von Kunstwerken, die sich mit den historischen Sammlungen auseinandersetzen, die Stelle eines Kurators zur Gestaltung der Eröffnungsausstellung des Museum of Namibian Fashion sowie das Museum selbst. Ziel ist der Aufbau von Kapazitäten zum Erhalt und zur Weiterentwicklung von Sammlungen in Namibia.
Hertha Bukassa, Kulturreferentin des namibischen Ministry of Education, Arts and Culture und Gastwissenschaftlerin am Ethnologischen Museum in Berlin: „Die Objekte zeigen, dass wir unsere Kulturen trotz der Bedrohung durch Kolonialisierung bewahrt haben.“
Nehoa Kautodonkwa, Museum Development Manager, Museums Association of Namibia, betont das Potential, das die Auseinandersetzung mit historischen Objekten bietet: „Ich glaube, dass Objekte eine Form von einzigartigen Archiven sind, die uns helfen können, alternative Erzählungen zu kreieren. Wir sind gespannt auf die Geschichten, die uns diese Objekte offenbaren werden.“
Für Jonathan Fine, Kurator der Sammlungen aus Westafrika und Namibia am Ethnologischen Museum, zeichnet sich das Projekt durch seinen kooperativen Prozess aus: „Die Zukunft der ethnologischen Museen liegt darin, Menschen zusammenzubringen, um schlummerndes Wissen zu reaktivieren und neue Wege zu schaffen, sich gegenseitig zu verstehen.“
Julia Binter, Provenienzforscherin am Ethnologischen Museum, ergänzt: „Dieses Projekt vereint zwei Perspektiven, den Blick zurück und den Blick nach vorne, die Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit und die Vision einer kreativen Zukunft.“
Larissa Förster, wissenschaftliche Beraterin des Projektes, betont den Austausch von Wissen und Kompetenz: „Die Geschichte namibischer Objekte in deutschen Museen ist lange nicht behandelt worden. In diesem Kooperationsprojekt wird die Deutungshoheit geteilt, wenn nicht sogar auf namibische Stakeholder verlagert.“

Museums Association of Namibia

Die Museums Association of Namibia (MAN) ist eine Nichtregierungsorganisation, die Museen und Kulturerbeeinrichtungen in ganz Namibia vertritt.  Sie erhält einen jährlichen Zuschuss der namibischen Regierung und wurde beauftragt, die Etablierung von Kulturerbe-Einrichtungen als Räume für das Selbsterstarken von Communities und ihre Bildung auf regionaler und lokaler Ebene zu erleichtern und diese Einrichtungen durch Beratung und Fachwissen zu unterstützen.“

Quelle: preussischer-kulturbesitz.de

 

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Mit Graffitis zu Geld kommen https://www.tiefgang.net/mit-graffitis-zu-geld/ Fri, 20 Apr 2018 22:44:57 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=3488 [...]]]> In Harburg kennt man seine Spraykunst aus der Haake. In Namibia lernte man ihn und das Sprayen nun auch kennen. Und das nachhaltig.

Graffitis auf Häuserwänden und Zügen sind aus den weltweiten Metropolregionen kaum mehr weg zu denken. Überhaupt  gibt es nur noch wenige weiße  Flecken auf den Landkarten dieser Erde.

Namibia ist ein solch weißer Fleck. Trotz der unmittelbaren Nähe zu Südafrika und den gewachsenen Graffitiszenen in Kapstadt und Johannesburg und obwohl der  regen Tourismus seit Jahrzehnten boomt, ist der Bevölkerung “Graffiti“ ein Fremdwort.

„Ich konnte das zunächst gar nicht glauben, dass sich die Einheimischen unter dem Begriff gar nichts vorstellen konnten. Selbst im lokalen Baumarkt wurde ich mit neugierigen Blicken beäugt und von der  Kassiererin gefragt wofür ich denn so viele Sprühdosen bräuchte! Das wäre in Hamburg oder Berlin wohl eher nicht der Fall“ grinst Gerrit Fischer alias Brozilla.

50% Arbeitslosigkeit

Bildung international: Studenten von Brozilla.

Der 38 Jährige Urban Art-Künstler begann vor etwa vier Monaten mit der Planung seines Vorhabens.

Unterstützt durch den Norderstädter Bernhard Luther, der seit Jahren mit dem  „San Solar school project“ bedürftige Schulen in Namibia mit Solarenergie ausstattet, sowie dem ASB Ortsverband Hamburg Mitte und der namibischen NSDO, einer Organisation, die von Einheimischen initiiert, soziale Projekte fördert und jungen Menschen eine Perspektive bietet. Denn obwohl Namibia als eines der aufstrebenden Afrikanischen Staaten zählt, liegt die Arbeitslosigkeit bei rund 50% der Bevölkerung und die Armut ist groß.

„In der Vorbereitung wurde deutlich, dass in den Townships von Windhoek viele junge Menschen leben, die mit den unterschiedlichsten Begabungen schlichtweg keine Beschäftigung haben. So entstand die Idee, einen kostenlosen Graffiti-Workshop in den Räumen der NSDO anzubieten“, erklärt  Brozilla und ergänzt: „Wir mussten die Teilnehmerzahl dann auf 20 begrenzen, da es unmöglich gewesen wäre 100 Schüler in den Raum zu bekommen, geschweige denn alle mit Stift und Papier auszustatten.“

Erster besprühter Zug

Im Laufe des Workshops sind die Jugendlichen zu einer Gruppe zusammen gewachsen und haben sich vom ersten Zeichnen bis zu Wandgestaltungen mit dem Thema Graffiti theoretisch und praktisch auseinander gesetzt.

Trash-Art rollt künftig quer durch Namibia.

„Das hat riesig viel Spaß gemacht! Es ist aber auch belastend zu sehen, dass die Jugendlichen Graffiti lernen wollen um Geld zu verdienen. In Deutschland sprühen Jugendliche in erster Linie als Hobby, aber wer mit seiner Familie in einer Wellblechhütte am Stadtrand lebt, hat andere Sorgen als sich in der Freizeit zu beschäftigen“, so Brozilla nachdenklich.

Für seine eigene künstlerische Arbeit war dann allerdings auch noch Zeit. Krönender Abschluss der dreiwöchigen Reise war die von der namibianischen Eisenbahngesellschaft ´transnamib` genehmigte Umgestaltung eines Bahnwagons. Des ersten besprühten Zuges in Namibia überhaupt.

„Diese rollende Leinwand wird sich ab jetzt auf den Gleisen zwischen Namibia und Südafrika bewegen und den Leuten zeigen was für eine großartige Kultur das Graffitisprühen ist, bisher gab es auch nur beifallklatschende Reaktionen.“

Eins ist für den sprühenden Hamburger auf jeden Fall klar: „Graffiti ist in Namibia angekommen! Meine Schüler werden weitere Schüler in den Techniken unterrichten und das wird mit Sicherheit nicht das letzte Mal sein, das ich dieses großartige Land besuche!“

Schon für nächstes Jahr plant er einen durch Spenden finanzierten Container  mit Sprühdosen zu bestücken und das Projekt weiter wachsen zu lassen. Wer das Projekt unterstützen möchte, kann sich mit einem Geld-Betrag seiner Wahl auf folgendes Spendenkonto beteiligen:

ASB Ortsverband Hamburg-Mitte e.V.

IBAN DE9620080000 0054545400 / BIC DRESDEFF200

Stichwort: Brozilla + San solar school projekt

Auch Sachspenden werden gerne entgegen genommen, aber: „bitte nicht die rostigen Sprühdosen aus dem Keller…“, so Brozilla. Dann bitte per Mail an brozilla@gmx.de.

Namibia war in Hamburg zuletzt Thema beim transnationalen Kongress (´Tiefgang` berichtete). Vor allem weil Hamburgs Kultursenator um Vergebung bat für die kolonialen Greueltaten unter Beteiligung der Hansestadt: „Wir bitten Sie um Vergebung. Wir können nicht rückgängig machen, was passiert ist. Aber wir können nach Versöhnung streben.“

Denkmäler für deutsche Soldaten

Brozilla hat dies in Namibia aus einer anderen Perspektive miterlebt: „Die Vergebungsgeste war überhaupt kein Thema. Über die geforderten Entschädigungszahlungen der Hereros wird dagegen kontrovers diskutiert!“ Und weiter: „Es ist nicht ganz einfach sich diesbezüglich als weißer Europäer eine eigene Meinung zu bilden.“ Wohl aber habe er feststellen müssen, dass ein Großteil der  Ländereien und der Unternehmen Weißen gehörten, die dieses an ihre Nachkommen weiter geben und dafür sorgten, dass die Schwarzen günstige und ungebildete Arbeitskräfte bleiben. „Aussagen von Schwarzen, die mir sagen dass Weiße nicht gerne mit Schwarzen zusammen arbeiten weil sie ihnen misstrauen, klingt auf jeden Fall zynisch vor dem Hintergrund, dass die Weißen mal kamen und Länder besetzten in denen nun mal Schwarze leben. Ätzend sind dann noch diese merkwürdigen ´Traditionsdeutschen` die Denkmäler für die ´gefallenen deutschen Soldaten` dort aufstellen – mit denen hatte ich zum Glück keine Berührungspunkte!“

In Namibia läuft eben manches anders. Nur eines könnte bald auch dort häufiger zu sehen sein: Graffiti als Urban Art.

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Kai Teschner setzt Harburg unter Strom https://www.tiefgang.net/kai-teschner-setzt-harburg-unter-strom/ Fri, 15 Sep 2017 22:51:42 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=2149 [...]]]> Harburg hat in letzter Zeit einiges an Kunst gewonnen. Jetzt sogar einen Kai Teschner. Kai wer?

Kai Teschner. Er erhielt vom Bezirk, Harburg den Auftrag, einige schmucklose Stromkästen am Rathausplatz in neuem, Glanz erstrahlen zu lassen. Teschner: „Die Zuständigen vom Bezirksamt hatten Vorstellungen zu der Gestaltung der Kästen und ich hatte ein paar Ideen. Wir haben uns getroffen und ich habe die Vorschläge zu Entwürfen weiterentwickelt.“

Kai Teschner ist so unbekannt nicht, denn vielen sind seine riesigen Wandbilder in Erinnerung. Zum Beispiel in der Hafenstraße. Das waren auch seine ersten öffentlichen Wandbilder. Noch zur Zeit der  besetzten Häuser. Es folgten viele Projekte und Aktionen im öffentlichen Raum wie z.B. „Bitte berühren“ mit Jan Braren, Projekt Stadt als Bühne (2006).

Kai Teschner (Foto: Annette Prüfer)

 

1963 in München geboren, studierte Teschner Freie Kunst in Montpellier, Düsseldorf und Hamburg. Und schloss übrigens mit Erfolg ab … Seit seiner Kindheit beschäftigt er sich mit Malerei, Tanz und Akrobatik. Während seines Studiums arbeitete er im Bereich Bühnenbild an den Münchner Kammerspielen, im Bereich Bühnenmalerei und Theaterplastik am Schauspielhaus, an der Staatsoper und am Ohnsorg Theater Hamburg.

„Anbetung und Prostitution“ (Jahr 2000)

Ein Höhepunkt war das interkulturelle Wandbildprojekt mit Windhoek/Namibia im Rahmen der weltweiten Wandmalkampagne MURAL GLOBAL (www.mural-global.org). Gemeinsam mit dem 2002 gestorbenen afrikanischen Künstler Samuel Mbingilo malte er neben der Davidwache in St.Pauli das Bild: „Anbetung und Prostitution“ (2000) sowie in Windhoek das Wandbild: „Black Amanda – the other story of Sisyphos“ (2001).

„Black Amanda – the other story of Sisyphos“ (Jahr 2001)

Seine Wandbilder entstehen an konfliktträchtigen Orten, die von den Problemen der dort lebenden Menschen geprägt sind. Er beteiligt die Betroffenen und fördert den interkulturellen Dialog an sozialen Brennpunkten. So entstand z.B. zusammen mit der deutsch-iranischen Künstlerin Nushin Morid das 320m² große Wandbild „Wir alle – eine Welt?“ an den Hochhäusern der Lenzsiedlung im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel. Die Siedlung bekam für ihr Engagement den Preis „Soziale Stadt 2004“(www.land-der-ideen.de).
Teschner: „Bei meinen Wandbildern gehe ich auf den Ort und die Menschen ein, die sich dort aufhalten.“

Als Akrobat wirkt er bei der Hamburger Staatsoper („Rheingold“, „Fledermaus“, „Die Liebe zu den drei Orangen“ …), dem Thalia Theater, dem Schmidt Theater, bei freien Produktionen sowie in Varietés und bei Veranstaltungen mit.(www.schoenstark.de)

Als Choreograph für Bewegung und Akrobatik war er z.B. bei der Produktion „Tintenblut“ (2006) am Schauspiel Hannover tätig. Kai Teschner unterrichtet an der Hochschule für Musik und Theater Hannover, an der Schauspielschule Hamburg sowie bei Kindercircusschulen und Vereinen.

Weiterführender Link: kaiteschner-wandbilder.de

 

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