Phoenix – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Fri, 21 Feb 2025 09:51:36 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.3 Von Portugiesen in Hamburg https://www.tiefgang.net/von-portugiesen-in-hamburg/ Fri, 21 Feb 2025 23:42:45 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=11525 [...]]]> 2024 jährte sich der Beginn der portugiesischen Arbeitsmigration nach Deutschland zum 60. Mal, Grund genug, dieses Jubiläum mit eienm Buch zu würdigen.

Mit seiner neuen Publikation „Von Portugiesen in Hamburg – 60 Jahre, 60 Geschichten“ schlägt das Stadtmuseum Harburg gemeinsam mit den Autoren Wulf Köpke und Jorge Pinto ein spannendes Kapitel der jüngsten Hamburger Geschichte auf und nimmt das Leben der portugiesischen Arbeitsmigrantinnen und -migranten, die seit den 1960er-Jahren nach Hamburg kamen, in den Blick. 60 spannende Biografien von Personen und Institutionen stellen die Besonderheiten der portugiesischen Migration nach Hamburg und insbesondere auch der nach Harburg vor.

Fisch essen, Galao trinken, draußen in der Sonne sitzen: Im Hamburger Portugiesenviertel wähnt man sich eher am Mittelmeer als in der Hansestadt. Das ist kein Zufall, denn in Hamburg leben etwa 9.000 Menschen mit portugiesischen Wurzeln, mehr als in jeder anderen deutschen Stadt. Eine neue Publikation geht dem auf den Grund und zeichnet das Leben der portugiesischen Arbeitsmigrantinnen und -migranten und ihrer Kinder und Enkel nach, die seit Ende der 1950er-Jahre und vor allem nach dem „Anwerbeabkommen“ zwischen Portugal und Deutschland ab 1964 nach Hamburg kamen.

Es mag überraschen, dass das Stadtmuseum Harburg ein Buch über Portugiesen in Hamburg herausgibt, ist doch das sogenannte Portugiesenviertel nördlich der Elbe bei den Landungsbrücken zu verorten, und auch der historische jüdische Portugiesen-Friedhof liegt in Altona. Tatsächlich aber ist auch Harburg eine Portugiesen-Hochburg: Der akute Mangel an Arbeitskräften im späten Wirtschaftswunder-Deutschland führte vor 60 Jahren auch viele portugiesische Arbeitsmigrantinnen und -migranten in den Hamburger Süden. Das Harburger Phoenix-Viertel zeugt mit seiner kulturellen Vielfalt noch heute davon. Hier war sogar von den 1960er- bis in die 1980er-Jahre die Hauptverkehrssprache Portugiesisch. Das portugiesische Zentrum im Harburger Gottschalckring, 1980 gegründet, ist zudem ein Lehrbeispiel dafür, wie Integration gelingen kann.

Waren die ersten Arbeiter zu Beginn der portugiesischen Migration überwiegend im Hafen und in der Altonaer Fischwirtschaft tätig, so sprachen sich sehr bald die Beschäftigungsmöglichkeiten bei den großen Harburger Betrieben Phönix, Beiersdorf, Hanomag/Mercedes, Balatros oder der New-York Hamburger Gummi-Waaren Compagnie herum. Viele Menschen mit portugiesischen Wurzeln zogen deshalb nach Harburg und wurden damit gleichzeitig zu einem Teil der Geschichte Harburgs. Daher ist die Harburger Marien-Kirche neben dem Mariendom in Sankt Georg das zweite religiöse Zentrum der katholischen Portugiesen in Hamburg. Die portugiesischen Migranten waren sehr innovativ. So war der portugiesische Verein in Hamburg, unmittelbar nach der ersten Immigration 1964 von Migranten gegründet, der erste eingetragene gemeinnützige Verein von „Gastarbeitern“ in Deutschland überhaupt. Dort gab es auch die erste „Gastarbeiter“-Zeitung in Deutschland und den ersten bilingualen Kindergarten.

Seit zehn Jahren führt Wulf Köpke, bis 2016 Direktor des Hamburger Museum für Völkerkunde“ (heute MARKK) und ausgewiesener Portugalkenner, Gespräche mit Zeitzeugen der ersten Generation und deren Familien, die über die letzten 60 Jahre authentisch berichten können. Zusammen mit Autor Jorge Pinto hat er nun 60 Geschichten aufgeschrieben, eingebettet in einen historischen Überblick über das Zeitgeschehen. Die Autoren zeigen auf, dass die portugiesische Migrationsgeschichte gerade in Hamburg besonders ist und sich die Migrationsbiografien in manchen Aspekten von anderen in Deutschland deutlich unterscheiden – ein Thema, das aktueller nicht sein könnte. Die Publikation bietet überraschende Einblicke und spannende Entdeckungen, die durch etwa 1000 Fotografien, weitgehend aus privaten Archiven, ergänzt werden. Die beigefügte CD enthält zusätzlich zahlreiche einzigartige Dokumente zur portugiesischen Vereinsgeschichte in Hamburg und etliche Fotos. In der Zusammenschau ergibt sich so ein ganz neues umfassendes Bild der portugiesischen Gemeinde in Hamburg.

Das Buch kann zum Preis von 24,90 Euro im Museumsshop sowie im Webshop des Museums unter amh.de/shop erworben werden.

Informationen:

Veröffentlichung des Archäologischen Museums Hamburg und Stadtmuseums Harburg | Nr. 120, ISBN 978-3-931429-45-4 | Herausgeber: Rainer-Maria Weiss

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Auf Kautschuk gebaut https://www.tiefgang.net/auf-kautschuk-gebaut/ Fri, 24 Jul 2020 22:57:54 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=7108 [...]]]> In der Reihe „Schaufenster der Geschichte“ geht es um Harburgs Industrialisierung und enge Bindung ans Kautschuk.

Ende August referiert der ehemalige Leiter der Abteilung Stadtgeschichte am Stadtmuseum Harburg, Dr. Jürgen Ellermeyer, über „Hartes aus Harburg“. Ein Beitrag zur Kunststoff- und Sozialgeschichte.

Das Stadtmuseum Harburg präsentiert am Dienstag, dem 25. August um 18 Uhr einen neuen Vortrag in der Reihe „Schaufenster der Geschichte“. Diesmal dreht sich alles um Kunststoff: Vor über 150 Jahren begann in Harburg die Verarbeitung von Kautschuk zu Hart- und Weichgummiprodukten – dies war der Ausgangspunkt für einschneidende Veränderungen im gesamten Stadtbild. Mit den ersten Gummifabriken wurde Harburg zum Industriestandort und veränderte sein Gesicht in wenigen Jahrzehnten vollständig. Dr. Jürgen Ellermeyer hat die Regionalgeschichte des revolutionären Werkstoffs Gummi und seiner Verarbeitung jahrelang praxisnah erforscht. In seinem Vortrag wird er über die faszinierend vielfältige Welt des Gummis und den engen Zusammenhang von industrieller, sozialer und städtebaulicher Entwicklung in Harburg berichten.

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts erlebte Harburg einen kompletten Strukturwandel von einer ländlichen Kleinstadt zur Industrie-, Hafen- und Arbeiterstadt. Der Hafenausbau, die Ansiedlung von Industriebetrieben und das Entstehen der dazu gehörigen Arbeitersiedlungen ließen Harburg in kurzer Zeit zu einer Großstadt werden und gaben der ehemals von kleinteiliger Fachwerkarchitektur geprägten Stadt ein völlig neues Gesicht. Mit dem Beginn der Industrialisierung kam es zu einer Ansiedlung von Industriebetrieben, von denen einige noch heute bestehen. So etwa die New York-Hamburger Gummiwaren Fabrik, die Phoenix, die Ölfabrik Noblee & Thörl oder die Maschinenfabrik Harburg-Freudenberger. Im Zentrum des Interesses stand damals die industrielle Kautschukverarbeitung, die zur Produktion von hartem und weichem Gummi und schließlich auch zu moderneren Kunststoffen führte.

Im historischen Fabrikgebäude der alten Kammfabrik der Firma Hercules Sägemann entstanden zum Beispiel unter dem Dach der New-York Hamburger Gummi-Waaren Compagnie AG seit 1856 aus dem Rohstoff Kautschuk wahre Meisterstücke der Frisierkunst: Kämme aus Ebonit. Die Fabrikationspalette Harburger Betriebe reichte von Schuhen über Reifen bis hin zum weltweiten Export von Maschinen. Die sich ansiedelnden Industriebetriebe zogen Heerscharen von Arbeitern und Arbeiterinnen an und die Einwohnerzahl Harburgs wuchs zwischen 1850 und 1910 um das zehnfache von rund 6.000 Einwohnern auf über 60.000.

Von der Mitte des 19. bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts erlebte Harburg mit der Ansiedlung von Industriebetrieben aber nicht nur ein rasantes Wachstum, sondern auch gravierende Veränderungen in der städtischen Struktur. Nur wenig im heutigen Stadtbild erinnert noch an dieses Harburg – manche Gebäude sind schon verschwunden, anderen droht der Abriss. Aktuell befindet sich Harburg in einer neuen Phase der Umstrukturierung. Nach der jahrzehntelangen klassischen, industriellen Nutzung größerer Areale im Zentrum Harburgs wird seit einigen Jahren daran gearbeitet, diese Gebiete für neue Nutzungen zu erschließen. Nicht nur um ihnen neues Leben einzuhauchen, sondern auch um Harburg fit für die Zukunft zu machen. Mit großen Anstrengungen befreit sich der südlich der Elbe liegende größte Bezirk Hamburgs von seinem Image als „schmuddelige Industriestadt“ und entwickelt sich zu einem Vorzeigebezirk mit hoher Lebensqualität.

Der Vortrag bietet einen Überblick über die Eckpunkte der Entwicklung Harburgs im „Zeichen des Gummis“ vom Beginn der Industrialisierung bis heute und zeigt die Veränderungen im Stadtbild der letzten 150 Jahre und ihre Hintergründe auf.

Termin: Dienstag, 25. August 2020 um 18.00 Uhr

Ort: Theatersaal des Archäologischen Museums Hamburg, Museumsplatz 2,21073 Hamburg www.amh.de

Eintritt: 4 Euro, ermäßigt 3 Euro

 

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Seinen Widerstand brach nur er selbst https://www.tiefgang.net/seinen-widerstand-brach-nur-er-selbst/ Sat, 22 Jul 2017 06:03:40 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=1398 [...]]]> 10 Jahre Schutz- und Untersuchungshaft, Verhöre und Repressalien. Irgendwann reichte wohl die Kraft nicht mehr.

Berthold Bormann wurde am 25. Nov. 1904 in Straßfurt geboren und trat 1931 der KPD bei, 1932 wurde er Hauptkassierer der Partei in Harburg. Er war wegen Landfriedensbruchs und Widerstandes gegen die Staatsgewalt vorbestraft. Seit 1932 wohnte er am Reeseberg 90.

Die Adresse davor lautete Friedrich-List-Straße 18. Laut Adressbuch von 1942 lebte er später noch in der Bonusstraße 24a. Vermutlich war seine Wohnung am Reeseberg ausgebombt. Verheiratet war er mit Anna Reuter, geb. am 02. Jun. 1905 in Harburg.

Hintergrund:
Als Hitler am 30. Januar 1933 Reichskanzler wurde, bereitete sich alsbald die KPD auf die Illegalität vor. Aus den Wohnzellen wurden Dreier- und Fünfergruppen gebildet. Am 27. Februar brannte in Berlin der Reichstag. Als Brandstifter wurde Marinus van der Lubbe festgenommen. Ob er Hintermänner hatte, wird wohl nie mehr festgestellt werden können. Die Reichsregierung belastete die Kommunisten mit dem Brandanschlag. Am 28. Februar wurden mit der Verordnung des Reichspräsidenten zum „Schutz von Volk und Staat“ die meisten Grundrechte der Weimarer Verfassung außer Kraft gesetzt. Massenverhaftungen gegen Kommu­nisten und auch Sozialdemokraten setzten ein. Selbst Abgeordnete blieben ungeachtet ihrer Immunität nicht verschont. Die sozialdemokratische und kommunistische Presse wurde verboten, die KPD faktisch zerschlagen, jedoch anders als die SPD nie offiziell verboten.

Kontakte im ganzen Süderelbe-Raum

Berthold Bormann beteiligte sich von Anfang an am kommunistischen Widerstand. Zum KPD-Unterbezirk Harburg-Wilhelmsburg gehörten damals auch Teile Nordniedersachsens von Buxtehude über Lüneburg und Uelzen bis Bleckede und Neuhaus. Bormann knüpfte Kontakte zur illegalen Organisation in Winsen, Lüneburg und dem rechtselbischen Neuhaus, brachte Zeitungen (die in Harburg hergestellte „Norddeutsche Zeitung“) und Schriften dorthin und nahm Geld für die Partei und die „Rote Hilfe“ in Empfang.

Auch per Post wurden Materialien über Deckadressen an bei der Polizei unbekannte Kommunisten verschickt, die diese dann weiterzugeben hatten. Für schriftliche Mitteilungen entwickelte Bormann einen eigenen Code, den er seinen Kontaktleuten in Winsen und Lüneburg erläuterte.

Gefängnis an der Buxtehuder Straße

Am 24. Juli 1933 wurde er festgenommen, vom 1. August bis 19. September befand er sich in „Schutzhaft“ im Gefängnis an der Buxtehuder Straße. Am 18. Oktober kam er nach einer erneuten Verhaftung ins gleiche Gefängnis, am 22. Januar 1934 ins Gerichtsgefängnis Lüneburg. Im so genannten Lüneburger Hochverratsprozess beim Kammergericht Berlin wurde er am 24. Januar 1934 wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu zwei Jahren und sechs Monaten Zuchthaus verurteilt. Am 24. Februar 1936 wurde er aus dem Emslandlager Börgermoor mit 28,80 RM „Arbeitslohn“ entlassen. Börgermoor war damals offiziell kein KZ mehr, sondern als Strafgefangenenlager der Justizverwaltung unterstellt. An der Behandlung der Gefangenen hatte sich aber dadurch nichts geändert.

Widerstand bei der Phoenix

Trotz seiner Erlebnisse in der Haft und im Lager beteiligte sich Berthold Bormann erneut am Widerstand. Während des Kriegs gehörte er zur Organisation um Bästlein, Jacob und Abshagen (siehe unter Karl Kock).

Sie hatte Zellen in mehreren Hamburger Betrieben gebildet, auch auf den Werften. Bormann war der Verbindungsmann der Leitung der Widerstandsgruppe (über Oskar Reincke) zu den Harburger Betriebszellen. Anfang Mai 1942 nahm er Kontakt zu Karl Kock mit dem Ziel auf, auf der Phoenix, wo dieser arbeitete, eine Zelle der Widerstandsgruppe aufzubauen. Er half zusammen mit der Leitung der Widerstandsgruppe mit, den mit dem Fallschirm über Ostpreußen abgesprungenen und von der Gestapo gesuchten Wilhelm Fellendorf zu verstecken und außer Landes zu bringen (siehe unter Herbert Bittcher).

In der Verhaftungswelle ab 15. Oktober 1942 wurden Fellendorf und viele Mitstreiter der Bästlein-Organisation aufgespürt und festgenommen, darunter auch Berthold Bormann. Karl Kock konnte sich der Verhaftung zunächst entziehen und tauchte bei verschiedenen Freun­den und Verwandten unter.

Berthold Bormann war in „Schutzhaft“ im Gestapogefängnis Fuhlsbüttel vom 21. Oktober 1942 bis zum 14. März 1943. Er wurde von der Gestapo auf freien Fuß gesetzt mit der Auflage, Karl Kock ausfindig zu machen. Er ging wohl zum Schein darauf ein, besuchte Karl Kocks Ehefrau Elfriede in Wilstorf (Am Mühlenfeld 107) und zeigte ihr seine von der Folter zerquetschten Finger. Er verriet aber nichts, vermutlich kannte nicht einmal Elfriede Kock das Versteck ihres Mannes. Am 25. März 1943 kam er in Untersuchungshaft am Holstenglacis, wurde aber schon einen Tag später wieder entlassen, weil man ihm nichts nachweisen konnte und seine Mitstreiter den unmittelbaren Kontakt Bormanns zur Leitung der Widerstandsorganisation nicht preisgegeben hatten. Am 22. November 1943 erhielt er erneut eine Vorladung zur Gestapo. Am Tag darauf erhängte er sich in seiner Wohnung.

© Hans-Joachim Meyer

(Überarbeitung für ´Tiefgang` v. Heiko Langanke)

stolpersteine-hamburg.de

Quellen: Hochmuth/Meyer, Streiflichter; VVN-BdA Harburg (Hrsg.), Die anderen; VVN-BdA Harburg (Hrsg.), Stumme Zeugen; Geschichtswerkstatt Lüneburg (Hrsg.): Heimat, S. 194ff.; StaH, 242-1-II, Gefängnisverwaltung II, Abl. 1998/1; StaH, 331-1-II, Polizeibehörde II; StaH, 332-8 Meldewesen, A46; StaH, 430-64 Amtsgericht Harburg II B 25; StaH,, Adressbücher Harburg-Wilhelmsburg und Hamburg; Mitteilung Männergefängnis Hamburg-Harburg vom 21.4.1949; Prozessakten Berthold Bormann und Karl Kock, Privatbesitz; Heyl/Maronde-Heyl, Abschlussbericht; Totenliste VAN.

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