Regisseur Fernando Zietek – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Mon, 07 Jan 2019 14:24:49 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.5 KUNST zum Lachen https://www.tiefgang.net/kunst-zum-lachen/ Fri, 11 Jan 2019 23:17:55 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=4734 [...]]]> Die Französin Yasmina Renz landete in den 90er mit dem Theaterstück ´KUNST` einen Welterfolg. Nun kommt es in Harburg auf die Bühne und verspricht geistreiche Einsichten.

»Kunst« ( im franszösischen Originaltitel: « Art ») ist ein Theaterstück der französischen Autorin Yasmina Reza. Es wurde 1994 in Paris erstmals aufgeführt und wurde alsbald zu einem Welterfolg, erhielt mehrere Preise und wurde derweil in über 40 Sprachen übersetzt. Die Theatergruppe „Gutes Theater“ führt es nun am Freitag, den 18. Januar um 20h in der „3falt – Kunst, Kultur, Kreativität“ auf und besser könnte es kaum passen.

Denn die ehemalige Dreifaltigkeitskirche in der Neuen Straße 44 wird gerade auf eine mögliche kulturelle Umnutzung hin erprobt und eine Theateraufführung war bisher noch nicht Bestandteil des Programms. Aber auch das Stück „Kunst“ passt inhaltlich kaum besser ins Konzept der „3falt“, da hier alle Kulturgenres ein Zuhause finden sollen und für die Bildende Kunst gar bald eine Kunstleihe an den Start geht. Die Diskussion um den Umgang mit Kunst kommt da also im Grunde gerade recht.

Aber worum geht es bei „KUNST“? Um eine langjährige Freundschaft dreier Männer, die durch ein Bild auf die Probe gestellt wird. Denn einer hat ein „weißes Bild mit weißen Streifen“ für sage und schreibe 200.000 Francs gekauft und verteidigt sich und seine Entscheidung zum Kauf. Ein Zweiter attackiert ihn und der Dritte versucht letztlich zu vermitteln. Die langjährige Freundschaft des Trios gerät ins Wanken.

Eine brillante Komödie  zum Lachen; die auch das Lachen zum Thema hat. Die Autorin: „Das Drama von „Kunst“ ist ja nicht, dass Serge das weiße Bild kauft, sondern dass man mit ihm nicht mehr lachen kann.“ Und ergänzt: „Die Geschichte ist mir passiert mit einem Freund, der ein weißes Bild gekauft hat. Er ist Dermatologe, und ich habe ihn gefragt: ‚Wieviel hast du dafür bezahlt?‘ Und er hat geantwortet: ‚Zweihunderttausend Francs.‘ Und ich brüllte vor Lachen. Er allerdings auch. Wir sind Freunde geblieben, weil wir lachten. Als er das Stück las, lachte er auch. Es hinderte ihn nicht daran, sein Bild weiterhin zu lieben.“

Hätten Sie gewusst, wie viele Werke des zeitgenössischen Künstlers Antrios derzeit im Pariser

Centre Pompidou ausgestellt werden? Vier. Die jetzige Gruppe „Gutes Theater“ (ehem. „Kurz vorm Durchbruch“) erzählt nun in seiner aktuellen Produktion nach Yasmina Rezas Stück „Kunst“ von diesen drei Freunden, die sich entzweien über die Einzigartigkeit des Bildes „Weiße Linien auf weißem Grund“. Und als Arbeitsmotto titulieren sie es mit „Vorsicht! Schauspiel-Kunst in der 3falt.“

Aber zur Entwarnung: es ist eine Komödie! Mit bissigem Tiefgang über mangelnden Humor und das mögliche Ende einer wunderbaren Freundschaft. Denn Kunstkenner wussten es natürlich schon: den Maler Antrios gibt es im echten Leben natürlich gar nicht.

»Kunst« („Art“) ist nach „Gespräche nach einer Beerdigung“ (1988) und „Reise in den Winter“ (1990) das dritte Bühnenwerk von Yasmina Reza. KUNST das weltweit meistgespielte, neuzeitliche Theaterstück.

Yasmina Reza (Jahrgang 1959, geboren in Paris) begann ihre künstlerische Laufbahn als Schauspielerin, wurde aber vor allem als Autorin von Theaterstücken, Romanen und Drehbüchern bekannt. Ein weltweites Publikum erreichte sie auch mit ihrem Stück „Der Gott des Gemetzels“, das 2011 von Roman Polanski mit Jodi Foster, Christoph Waltz, Kate Winslet und John C. Reilly verfilmt wurde.

Die Jeanne wird von Ute Olk gespielt. Ute lebt und arbeitet in Harburg. „Die Inspiration lauert überall“ ist ihr Credo. Ute schreibt Gedichte, die sie auch veröffentlicht. Aktuell ist ihr Lyrikband „WortMetz“ im Engelsdorfer Verlag erschienen. Bereits das morgendliche Staubkörnchen kann sie in lyrische Hochstimmung versetzen. Ihre Gedichte rezitiert Ute facettenreich und mit musikalischer Begleitung vor wachsender Fangemeinde immer wieder an stimmungsvollen Abenden in der Harburger Kulturszene.

Bernd Janeke spielt den Yvan. Bernd lebt in Heimfeld und arbeitet in Hamburg. Er hat erfolgreich ein Studium der Religionswissenschaften abgebrochen, singt aber noch im Gospelchor und zieht Inspiration aus Fakten, deren unterhaltsamer Chronist er im Alltag und in den Produktionstagebüchern der Theatergruppe ist. Musikalische Eigenkompositionen schlummern haufenweise in seinen Schubladen. Zum Veröffentlichen hat er sich aber noch nicht hinreißen lassen.

Regisseur Fernando Zietek gibt den Serge. Fernando ist Heilpraktiker, lebte früher in Argentinien, wurde aber in Brasilien zum Schauspieler geboren. Und inspiriert seither alle Menschen um ihn herum zum Spielen in der Öffentlichkeit. Auf allen möglichen Bühnen in und um Hamburg, zuletzt am Kellertheater und der Kulturwerkstatt Harburg. Das ist eine sehr schöne Arbeit. Und Erfüllung genug.

Der Eintritt zum KUNST-Erlebnis am 18. Januar in der 3falt; Neue Straße 44, 21073 HH, beträgt 10,- € pro Kennernase betragen.

Weiterführend siehe auch das Interview auf ´Tiefgang` mit Fernando Zietek.

 

 

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„Nicht vom aber für´s Theater leben!“ https://www.tiefgang.net/nicht-vom-aber-fuers-theater-leben/ Fri, 11 Jan 2019 23:13:16 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=4729 [...]]]> Theatermacher haben bisher in Harburg wenig Aufmerksamkeit erhalten. Dabei ist hier einiges los. Wie aber steht es um die Theaterszene in Harburg und Hamburg abseits der bekanten Bühnen? Wir haben mal Regisseur und Mitglied der Gruppe „Gutes Theater“ Fernando Zietek gefragt. Und manches erstaunt …

Tiefgang (TG): Wie bist Du selbst zum Theater gekommen?

Fernando Zietek: Durch Geburtsrecht. Ich bin Einzelkind, in Brasilien der frühen 60er geboren. Meine Eltern sind damals klassische Auswanderer gewesen, immer damit beschäftigt, sich zu finden und zu behaupten. Ich war ein Kollateralschaden ihrer Selbstverwirklichung. Um Aufmerksamkeit musste ich schreien – und hab früh damit angefangen. Das macht eine kräftige Stimme, ab Grundschule stand ich damit auf der Bühne. Papa wollte, dass ich „was Kaufmännisches“ mache oder ins Hotelfach gehe. Schon aus Trotz bin ich auf der Bühne geblieben. Und irgendwann dann lieber dahinter.

TG: Du bist Theaterregisseur? Was macht man da so?

Fernando Zietek: Von der Geburtsvorbereitung bis zur Rente betreust Du als freier Theatermacher Dein „Baby“. Du suchst das Stück aus oder schreibst es selbst. Und dann bringst Du es bis zur Premiere zum Laufen. Ich hab in New York gelernt und dann das ganze Hamburger Umfeld beackert. Von der Markthalle in die Ammersbeker Provinz, zurück nach Hamburg ans Kellertheater und irgendwann über die Elbe rüber nach Harburg.

TG: Die Gruppe „Gutes Theater“ gibt es seit sechs  Jahren. Wie und wo habt ihr euch zusammen gefunden?

Fernando Zietek: Meine Tochter ist Musikerin. Bei einem Auftritt hier in einem Pub um die Ecke von der 3falt lungerten in der Pause heimatlose Schauspieler vor der Tür rum. Wir fanden uns gut und haben eine gemeinsame Spielstätte gesucht. Die hat uns Marita Schillerwein in der Kulturwerkstatt geschaffen. Damals spielten wir noch unter dem Namen „Kurz vor’m Durchbruch“…

TG: Zusammen mit der Gruppe „Rampenrudel“ arbeitet ihr zur Zeit an einem größeren Stück „der kleine Horrorladen“. Was hat es damit auf sich?

Fernando Zietek: Das Rampenrudel macht komplett anderes Theater als wir vom „Guten“. Puppentheater mit Tanz und Musik im Gegensatz zu unserem klassischen Ansatz. Wir haben fusioniert und das beste beider Welten sollte ins erste gemeinsame Projekt einfließen. Für diese Symbiose hat sich der „Horrorladen“ förmlich aufgedrängt. Schwarzhumoriges Theater mit tollen Songs. Ein Grusical.

TG: Hamburg gilt gemeinhin als Theaterstadt mit gut 60 öffentlich-geförderten und Privattheatern wie dem Harburger Theater. Aber wie steht es um die freie Szene?

Fernando Zietek: Die Freien sind lebendig und wohlauf. Sie müssen oft mit Guerilla-Methoden arbeiten, aber die Fangemeinde ist zigfach anhänglicher und neugierige rals die Abonnenten im Frack. Als freie Bühne bist Du meistens wirklich frei. Vorausgesetzt, Du kriegst es irgendwie finanziert…

TG: Und was ist nun gut und was ist schlecht?

Fernando Zietek: Wir haben alle noch unsere normalen Jobs auf Lohnsteuer im Callcenter, als Sozialarbeiter oder hinter der Theke. Heißt: wir leben nicht vom Theater, aber für’s Theater. Das ist gut, weil es pure Leidenschaft ist. Und keiner quatscht uns rein. Wenn Filmemachen, Malen, Tanzen, Musik oder eben Theater machen nicht profitorientiert sein muss, ist das gut! Manchmal auch frustrierend, aber Profis erleben den gleichen Frust. Jetzt nicht die Handvoll Ensemble-Schauspieler oder Grimme-Preisträger. Sondern die Abertausenden, die sich von Engagement zu Engagement hangeln. Das sind auch alles Freiberufler ohne Netz und doppelten Boden. Artisten unter der Zirkuskuppel. Blöd nur, dass freie Gruppen oftmals nicht mal ne Kuppel überm Kopf haben. Wenn die Kirche hier in der Neuen Strasse tatsächlich ab März eine feste Einrichtung als Kulturzentrum wird, ist das Hauptproblem vieler freier Künstler in Harburg gelöst: eine faszinierende Spielstätte zu finden, die man sich leisten kann.

TG: Gibt es denn Vergleichsmöglichkeiten mit anderen Städten oder Metropolen?

Fernando Zietek: Die Theatergemeinde in Hamburg ist unschlagbar, vergleichbar nur noch mit Berlin, was die Spannung und die Vielfältigleit angeht. Aber je besser Du eine Stadt kennst, umso mehr wirst Du entdecken. Bremen zum Beispiel hat ordentlich was zu bieten. Und es gibt jede Menge tolle Amateurbühnen außerhalb, die einfach saugutes Theater zeigen. Weiss nur meistens keiner, außer die Nachbarn.

TG: Und Harburg?

Fernando Zietek: Noch ziemlich ruhig hier. Wir müssen uns erst behaupten, ehe man uns für voll nimmt. Aber wir arbeiten ja dran… (lacht)

TG: Auf wie viele Theatermacher würdest Du denn die Harburger Szene schätzen?

Fernando Zietek: Ne Handvoll? Ne Kinderhand?

TG: Was kann Harburg gebrauchen – auch zur weiteren Entwicklung der Theaterszene?

Fernando Zietek: Ein aufregendes Zentrum für Kreative. Kreative, die nicht nur vor sich herpuzzeln wollen, sondern ihr Publikum richtig packen können. Ein Publikum, das gutes Entertainment annimmt. Entertainer, die Aufmerksamkeit schaffen und Harburg zu guten Schlagzeilen im Abendblatt verhelfen.

TG: Und was wünscht man sich dann als freier Theatermensch – außer Geld?

Fernando Zietek: Eine Politik im Stadtteil, die unbürokratisch, interessiert und aufgeschlossen mutige Entscheidungen zu treffen vermag. Und Publikum. Die Leute müssen halt kommen, sonst nützt das beste Schauspiel nix. Ich persönlich wünsche mir Mäzen*innen, die uns, ab vom Geld, einflussreich unterstützen.

TG: Was erwartet uns beim Auftritt mit dem Stück „KUNST“ in der 3falt?

Fernando Zietek: Gutes Theater, knackige Dialoge. Ein Stück, dass auf einem Bierdeckel stattfinden könnte, das Du aber am 18. Januar in einer Kirche vorgespielt kriegst!

TG: Klingt mehr als verführerisch! Dann also: viel Erfolg und Glück zum Auftritt und vielen Dank für das Interview.

(Das Interview für ´Tiefgang` führte Heiko Langanke)

Termin: Fr., 18. Jan. um 20h: „Gutes Theater“ – „KUNST“ von Yasmina Reza, in der „3falt“, Neue Straße 44, 21073 Hamburg, Eintritt 10,- €

Zusammen mit der Gruppe „Rampenrudel“ übt die Gruppe „Gutes Theater“ seit geraumer Zeit  in der „3falt“ in der Neuen Straße an dem Musical „Der kleine Horrorladen“. „Wir wollen den Kirchenraum in der Neuen Straße mit Chorklängen, Partituren und Texten füllen“, so Zietek zu den Arbeiten. „Wir wollen Teil des neuen werden, das dort am Entstehen ist. Mit einer Handlung, die die Gier nach Geld, Gentrifizierung und der wahren Liebe thematisiert. Und genau dort statt finden MUSS!“

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