Schwarzbuch der Denkmalpflege 2023/24 – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Wed, 20 Aug 2025 07:53:32 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.3 Geschichte in Trümmern https://www.tiefgang.net/geschichte-in-truemmern/ Fri, 22 Aug 2025 22:50:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12309 [...]]]> Was, wenn die Abrissbirne bald zur Hamburger Folklore gehört? Ein neues Buch der Deutschen Stiftung Denkmalschutz zeigt jetzt, was in nur einem Jahr an kulturellem Erbe unwiederbringlich verloren gegangen ist – auch vor unserer Haustür.

Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz legt mit ihrem „Schwarzbuch der Denkmalpflege“ ein Dokument vor, das aufrüttelt und zugleich schmerzt. Es ist ein Verzeichnis der Verluste, der bewusst herbeigeführten Ruinen und der stillen, rechtlichen Aushöhlung von Schutzstatus. Ziel des Buches ist es, künftig jährlich aufzuzeigen, was an Geschichte und Einzigartigkeit in nur einem Jahr verloren ging, um so Bewusstsein zu schaffen und Wege aufzuweisen, wie Denkmalverluste zukünftig verhindert werden können.

Und es gibt gute Argumente: Denkmalschutz ist weit mehr als nur der Erhalt von Steinen. Es ist der Schutz von Erinnerung, Identität und Kultur. Die Autoren beleuchten verschiedene Ursachen für die Zerstörung, von „Abriss ohne Genehmigung“ über „Abriss trotz Einsatz vor Ort“ bis hin zur „Spekulation auf Abriss“. Das Buch zeigt auf, wie Denkmalschutzgesetze ausgehöhlt und Denkmalbehörden systematisch geschwächt werden.

Auch für Hamburg wird der traurige Befund des Schwarzbuchs nachvollzogen. Der geplante Abriss der Köhlbrandbrücke etwa: Ein architektonisches Wahrzeichen der Hafenstadt soll einem Neubau weichen, ohne dass eine ernsthafte Diskussion über den Erhalt geführt wird. Noch dramatischer ist die Situation der Sternbrücke, ein ikonisches Bauwerk, dessen Schicksal zwischen Denkmalschutz und dem Drang nach moderner Infrastruktur verhandelt wird. Das geplante Ersatzbauwerk, so die Kritik der Denkmalschützer, werde die Identität des Ortes unwiderruflich zerstören.

Ein weiteres unsägliches Kapitel in der Hamburger Denkmalpflege: die Schilleroper. Das Opernhaus, das einst als Theater mit 1400 Sitzplätzen diente, ist durch jahrelange Vernachlässigung dem Verfall preisgegeben. Ein bezeichnender Fall von „Spekulation auf Abriss“, bei dem private Interessen über das kulturelle Erbe gestellt werden.

Ein eigenes, brisantes Kapitel widmet sich den Bahnhöfen in Deutschland – einst mal die Visitenkarten der Städte und Orte. Die Deutsche Bahn baut nun vielerorts ihre Bahnhöfe um, was häufig aber auch mit einer Missachtung ihrer historischen Bedeutung einhergeht. Auch hier wird kritisiert, dass bei der Modernisierung zu oft historische Substanz geopfert wird, um „Funktionalität“ zu erzielen. So verschwinden unter dem Deckmantel der „Entwicklung“ kunstvolle Dächer, ornamentierte Hallen und historisch wertvolle Fassaden. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz fordert auch hier einen bewussteren Umgang mit der denkmalgeschützten Bausubstanz, denn Bahnhöfe seien nicht nur Verkehrsknotenpunkte, sondern auch Zeugnisse der Industrialisierung und der Mobilitätsgeschichte.

Das „Schwarzbuch der Denkmalpflege“ ist ein leidenschaftlicher Appell an alle Bürgerinnen und Bürger, die Verantwortung für unser gemeinsames Erbe zu erkennen und aktiv für den Erhalt einzutreten. Es zeigt, dass auch kleine Schritte und individuelles Engagement wichtig sind, um die Verluste zu stoppen und die Schönheit unserer gebauten Geschichte zu bewahren. Das Schwarzbuch macht deutlich: Es ist fünf nach zwölf, wenn es um unser kulturelles Erbe geht. Das Bewusstsein für die Bedeutung von Geschichte in unseren Städten muss dringend wieder gestärkt werden, damit das, was uns ausmacht, nicht einfach verschwindet.


Deutsche Stiftung Denkmalschutz (Hg.): Das Schwarzbuch der Denkmalpflege. Ein Verzeichnis verlorener Geschichte 2023/24

284 Seiten

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