Stolpersteine – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Mon, 26 Oct 2020 16:10:00 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.3 Johanne, Frieda und Klara https://www.tiefgang.net/johanne-frieda-und-klara/ Fri, 30 Oct 2020 23:00:18 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=7310 [...]]]> Lange haben sie gekämpft, dass drei NS-verfolgte Frauen nicht in Vergessenheit geraten. Nun werden drei neue Wege nach ihnen benannt. Ein gutes Zeichen.  

Die `Initiative Gedenken in Harburg´ und viele andere setzten sich seit langem dafür ein, dass die Harburgerinnen Frieda Cordes, Johanne Günther und Klara Laser, die in der NS-Zeit Verfolgten geholfen haben, nicht vergessen werden. Nun ist es für sie ein ermutigendes Zeichen, dass der Senat der Freien und Hansestadt Hamburg beschlossen hat, drei neue Wege im Stadtteil Neugraben-Fischbek nach ihnen – und eine weitere Straße nach Sophie Scholl – zu benennen. Darüber hinaus werden 14 weitere Wege nach jüdischen Frauen benannt, die die Shoa nicht überlebten. An ihr Schicksal erinnern im Hamburger Süden inzwischen auch `Stolpersteine´, die in den letzten Jahren von Gunter Demnig zumeist persönlich an zahlreichen Orten verlegt wurden (www.stolpersteine-hamburg.de). Mit diesem Beschluss unterstützt der Senat der Freien und Hansestadt Hamburg die ernsthaften Bemühungen zahlreicher Personen und Gruppen, den beträchtlichen Unterschied in der Gesamtzahl der nach Männern und der nach Frauen benannten Straßen im Bereich der Stadt nachhaltig zu verringern.

Johanne Günther – `Der Engel von Harburg´

Johanne Wassul wurde am 28.6.1876 in Tilsit in der damaligen Provinz Ostpreußen des Deutschen Reiches geboren, wo sie die ersten Jahre ihrer Kindheit verbrachte. Nachdem ihr Vater von seinem Dienstherrn, einem preußischen Adligen, entlassen worden war, weil er ihm nicht den nötigen Respekt erwiesen hatte, verließ die Familie ihre ostpreußische Heimat. Die Industriestadt Harburg an der Elbe war für sie offenbar der richtige Ort für einen hoffnungsvollen Neubeginn. Hier engagierte Johanne Wassul sich schon in jungen Jahren ehrenamtlich in der Heilsarmee, und hier heiratete sie später den Badewärter Paul Günther (8.3.1877 – 12.5.1945). Die jungen Eheleute fanden eine Wohnung in der Lassallestraße 24 im Phoenixviertel der Stadt, in der drei Kinder ihnen bald Gesellschaft leisteten. Ein Sohn starb allerdings schon bald nach seiner Geburt.

Im Zweiten Weltkrieg arbeitete Johanne Günther in der nahe gelegenen Harburger Jutespinnerei und -weberei, in der auch viele vor allem aus Osteuropa verschleppte Frauen Zwangsarbeit leisten mussten. Ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen waren menschenunwürdig, was die meisten Deutschen unberührt ließ. Nicht jedoch die 66jährige Johanne Günther. Sie blickte diese armseligen Geschöpfe nicht mürrisch oder gar feindselig an, wenn sie ihren Weg kreuzten, sondern schenkte ihnen ein freundliches Lächeln. Sie half ihnen, wann immer sie konnte, wenn es darum ging, einen Fehler auszubügeln, bevor der Werkmeister ihnen Sabotage unterstellte. Hier und wieder steckte sie ihnen unauffällig auch einen Apfel oder eine Scheibe Brot zu.

Ein besonders großes Herz hatte sie für die Russin Tamara Marková aus Taganrog am Asowschen Meer. Mit ihrer Herzensgüte war sie für die junge Russin eine `Babuschka´, ein Großmütterchen. Zweimal lud sie die mit ihrem Schicksal hadernde Kollegin sogar zu sich nach Hause ein, indem sie ihr half, sich bei den gelegentlichen Sonntagnachmittagsausflügen heimlich für eine Stunde von der beaufsichtigten Gruppe zu entfernen. Nach dem Zweiten Weltkrieg verloren die beiden Frauen sich aus den Augen, aber die Erinnerung an Johanne Günther verblasste bei Tamara Marková in all den Jahren danach nie. Als sie in hohem Alter im Mai 2003 als freier Mensch auf Einladung des Hamburger Senats noch einmal nach Harburg zurückkehrte, war es ihr größter Wunsch, das Grab ihrer Wohltäterin aufzusuchen und ihr aus ganzem Herzen für ihre einzigartige Menschlichkeit zu danken. Ein Grabstein mit der Inschrift `Johanne Günther, geb. Wassull, 28.6.1876 – 26.11.1949. Unvergessen in den Herzen vieler Zwangsarbeiterinnen 1942 – 1945´ erinnert heute an diese couragierte Harburgerin.

Klara Laser

Klara Laser, geb. Runkwitz, (*11.3.1877 – 26.3.1969) war mit dem erfolgreichen Harburger Kaufmann Salomon (Sally) Laser verheiratet, der in jungen Jahren das renommierte Geschäft `J. Weinthal´ für Herren-, Knaben- und Berufsbekleidung an der Ecke Lüneburger Straße/ Sand in der Harburger Altstadt übernommen hatte. Privat bewohnten die beiden Eheleute mit ihren drei Kindern Margarete (*19.6.1908), Kurt (*9.12.1912) und Ilse (*10.9.1916) ein kleines Haus im Langenberg 12 in Appelbüttel vor den Toren der Stadt. Alle drei Kinder erhielten kurz nach ihrer Geburt in der Ev.-Luth. Dreifaltigkeitskirche in der Neuen Straße wie ihre Mutter das Sakrament der Taufe.

Nach 1933 blieb die Familie nicht von schwerwiegenden Veränderungen verschont. Sally Laser war Jude, und der Boykott-Aufruf des Harburger Magistrats und der Harburger NSDAP betraf auch sein Geschäft. Der Druck verschärfte sich in den folgenden Jahren vor allem nach der Verkündung der `Nürnberger Gesetze´, durch die Ehen zwischen `Nichtariern´ und `Ariern´ zu `Mischehen´ und die Kinder dieser Eheleute zu `Mischlingen´ erklärt wurden. Angesichts dieser Zuspitzung der Lage entschieden Kurt und Ilse Laser sich zur Emigration in die USA und nach Spanien. Kurz vor dem Auswanderungsverbot für Juden im Oktober 1941 gelang auch ihrem Vater noch die Flucht nach Kuba, nachdem er sich vorher von seinem Geschäft hatte trennen müssen.

Seine Frau und seine Tochter Margarete blieben in Harburg zurück. Heute lässt sich nicht mehr klären, welche Beweggründe für Klara Laser im Herbst 1942 ausschlaggebend dafür waren, in dieser sowieso schon nicht ganz ungefährlichen privaten Situation noch ein zusätzliches Risiko einzugehen und ein jüdisches Waisenkind bei sich aufzunehmen. Helmut Wolff war damals sechs Jahre alt. Seine Mutter Anna Maria Kugelmann, geb. Wolff, und ihr Mann Robert Donald Kugelmann sowie seine Großeltern Gottfried und Lydia Wolff hatten sich am 18. und 19. Juli 1942 kurz vor ihrer angeordneten Deportation nach Theresienstadt das Leben genommen, was der Junge damals noch nicht wusste. Seine Mutter hatte ihn vor ihrem Freitod in den Sommerferien guten Freunden in Potsdam anvertraut, und von dort führte seine Odyssee über zwei weitere Familien zu Klara Laser in Hamburg-Appelbüttel. Sie war für Helmut Wolff eine Ersatz-Großmutter. Sie schottete den Jungen nicht hermetisch von der Außenwelt ab, sondern meldete ihn unerschrocken beim Einwohneramt und in der Schule als uneheliches Kind ihrer Tochter Margarete an.

Mit seinem zunehmenden Alter und seinem regelmäßigen Kontakt zu Gleichaltrigen wuchsen auch die Probleme, die Helmut Wolff in Appelbüttel auslöste. Doch Klara Laser stellte sich der Herausforderung auch in höchst brenzligen Situationen. Das Ende des Zweiten Weltkriegs war für beide – für Klara Laser und für Helmut Wolff – eine Erlösung. Für Klara Laser ging es nach der glücklichen Rückkehr ihres Mannes aus dem Exil in erster Linie darum, ihm zur Seite zu stehen und seinen beruflichen Neubeginn nach Kräften zu fördern, während Helmut Wolff den weiteren Teil seiner Kindheit und Jugend in der Familie Margarete Lasers verbrachte, die nach dem Ende des NS-Zeit frei in der Wahl ihres Ehepartners war.

Frieda Cordes

Friederike (Frieda) Kistner (3.8.1895 – 27.7.1978) verbrachte ihre Kindheit und Jugend in der Industriestadt Harburg a. d. Elbe. 1922 heiratete sie den Schlosser Georg Cordes und zog mit ihm in eine Wohnung im II. Stock eines Miethauses in der Kurzen Straße 1 (heute: Konsul-Renck-Straße) im so genannten Phoenixviertel. Dieses dicht besiedelte Wohnquartier war in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts im Zuge der rasanten Industrialisierung und der explodierenden Entwicklung der Einwohnerzahlen der Stadt praktisch aus dem Boden gestampft worden. Zu den Mitbewohnern des Hauses zählten die jüdischen Eheleute Hermann (*13. 11.1878) und Elisabeth Goldberg, geb. Simon, (*16.5.1882) mit ihren drei Töchtern Erna (*13.1.1909), Reta (24.3. 1910) und Henny (26.7.1915), die vorher einige Jahre in Wilhelmshaven gelebt hatten. Hermann Goldberg war in Cieszkowice im damals österreichischen Galizien (heute: Ukraine) zur Welt bekommen und hatte dort auch seine Kindheit verbracht. Frieda Cordes und Elisabeth Goldberg waren nicht nur einfache Nachbarinnen, sondern auch gute Freundinnen. Diese Freundschaft war für beide Familien in den Jahren der Weltwirtschaftskrise von unschätzbarem Wert und erwies sich in den Jahren nach 1933 als noch segensreicher. Am 28. Oktober 1938 gehörten Hermann und Elisabeth Goldberg mit ihren drei Töchtern zu den ca. 17.000 Juden polnischer Herkunft, die in einer Nacht-und-Nebel-Aktion in das östliche Nachbarland abgeschoben wurden. Während Reta und Henny Goldberg kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs noch nach England ausreisen konnten, mussten ihre Eltern und ihre Schwester Erna zwei Jahre später nach der Besetzung Polens durch deutsche Truppen in das völlig überfüllte Getto der Stadt Tarnow übersiedeln. Die Pakete und Briefe, die Frieda Cordes den Leidgeprüften in diesen Tagen schrieb und schickte, waren die einzigen Zeichen von Menschlichkeit in einer unmenschlichen Zeit. Als die `Aktion Reinhardt´, die Ermordung der polnischen Juden, im Frühjahr 1942 begann, brach der Kontakt ab. Frieda Cordes hat die Briefe mit den verzweifelten Hilferufen und den nie ausbleibenden Dankesworten der vertriebenen Freunde aufbewahrt und nach dem Zweiten Weltkrieg den beiden Töchtern Reta und Henny Goldberg als private Zeugnisse der Erinnerung an ihre ermordeten Eltern übergeben.

Weiterführender Link: www.gedenken-in-harburg.de

 

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20 Jahre Gedenken, 15 Jahre Stolpern https://www.tiefgang.net/20-jahre-gedenken-15-jahre-stolpern/ Fri, 17 Aug 2018 22:42:33 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=4016 [...]]]> Die „Initiative Gedenken in Harburg“ feiert in Kürze gleich zwei Jubiläen. Eigentlich ein Grund zum Feiern, wären die Anlässe nicht so tragisch …

Die `Initiative Gedenken in Harburg´ wurde im Herbst 1998 gegründet und stellt sich seitdem der Aufgabe, die Geschichte des Nationalsozialismus in Harburg zu beleuchten, das nationalsozialistische Unrecht vorbehaltlos aufzuzeigen und der Harburger Opfer des NS-Regimes zu gedenken. Dieses Engagement ist mit der Hoffnung verbunden, aus der Vergangenheit für die Zukunft zu lernen.

Die Erinnerungsarbeit der `Initiative Gedenken in Harburg´ umfasst u.a.:

  • die Koordination der jährlichen Harburger Gedenktage,
  • die Unterstützung des Stolperstein-Projekts vor Ort,
  • die Erforschung der Lebenswege von Harburgerinnen und Harburgern, die widerständig waren oder nicht dem nationalsozialistischen Weltbild entsprachen,
  • die Aufarbeitung der Geschichte der jüdischen Frauen, die im Winter 1944/1945 grauenvolle Tage im KZ-Außenlager Neugraben erlebten,
  • die intensive Pflege von Kontakten und die Begegnung mit Menschen, die in der NS-Zeit in Harburg verfolgt wurden und noch heute darunter leiden,
  • die Betreuung von Schulprojekten zur NS-Vergangenheit vor Ort.

Die `Initiative Gedenken in Harburg´ ist dem Ev.-Luth. Kirchenkreis Hamburg-Ost angegliedert und wird von der Harburger Bezirksversammlung unterstützt. Für ihr gesellschaftspolitisches Engagement wurden die Mitglieder 2009 mit dem Harburger Bürgerpreis, 2015 mit dem Sonderpreis der Harburger Bezirksversammlung und der Harburger Bezirksverwaltung für ehrenamtliches Engagement und 2016 mit dem Hans-Frankenthal-Preis der Stiftung Auschwitz-Komitee ausgezeichnet.

`Stolpersteine – Spuren und Wege´ mit Gunter Demnig, Freitag, d. 21. September 2018, 19.30 Uhr, St. Trinitatis-Kirchengemeinde, Bremer Str. 9, 21073 Hamburg, Eintritt frei

Gedenkveranstaltung

anlässlich der Einweihung von 24 weiteren STOLPERSTEINEN für Harburger Opfer Nationalsozialismus, Mittwoch, d. 26. 9. 2018, 11.00 Uhr, Kulturzentrum Riekhof, Rieckhoffstraße 12, 21073 Hamburg.

Die `Initiative Gedenken in Harburg´ und die Oberschule Neu Wulmstorf laden zu einer weiteren Gedenkveranstaltung für Harburger Opfer des Nationalsozialismus ein. Sie findet am Mittwoch, 26. September, um 11.00 Uhr im Kulturzentrum Rieckhof, Rieckhofstraße 12, 21073 Hamburg, statt. Eintritt frei.

24 neue STOLPERSTEINE erinnern an das Schicksal von Menschen, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Ihre Geschichte haben auch diesmal wieder Mitglieder der `Initiative Gedenken in Harburg´ erforscht und aufgezeichnet. Dass die Ermordeten nicht in Vergessenheit geraten, ist erneut dem Engagement vieler Freunde dieses Erinnerungsprojekts zu verdanken, die abermals die Herstellung und Verlegung weiterer STOLPERSTEINE im Süden Hamburgs finanziell ermöglichten. Zu diesen engagierten Menschen gehören in diesem Jahr erneut viele Jugendliche. Allein 14 dieser neuen STOLPERSTEINE (à 120,- €) wurden von Schülerinnen und Schülern der Oberschule Neu Wulmstorf und des regionalen Bildungs- und Beratungszentrums Harburg in Auftrag gegeben.

Diese jungen STOLPERSTEIN-Freunde werden den Künstler im Samstagvormittag, 22. September 2018, bei der Verlegung dieser Mini-Denkmale mit den Namen der Ermordeten und Hinweisen zu ihrem Verfolgungsschicksal begleiten und sie dann vier Tage später im Rahmen der oben genannten Gedenkveranstaltung im Kulturzentrum Rieckhof offiziell einweihen und der Öffentlichkeit übergeben.

Im Rahmen dieser öffentlichen Veranstaltung, die von Klaus Barnick, Sprecher der `Initiative Gedenken in Harburg´ moderiert wird, werden sie die Namen aller 24 Harburger Opfer, für die neue STOLPERSTEINE verlegt wurden, mit Hinweisen zu ihrem Verfolgungsschicksal verlesen. Darüber hinaus werden sie die musikalische Umrahmung der Gedenkstunde gestalten. Auf ihren Wunsch hin wird Pastor Dr. Florian Schneider, Ev.-Luth. Lutherkirche Neu Wulmstorf, zu den Anwesenden – darunter auch den Angehörigen zweier Harburger, die zu den Opfern des Nationalsozialismus zählen, – sprechen. Die Veranstaltung endet mit der Enthüllung des STOLPERSTEINS für Bernhard Schreiber in der Wilstorfer Straße 45 – stellvertretend für die Einweihung aller anderen 23 STOLPERSTEINE – durch einen Schüler der Oberschule Neu Wulmstorf.

Gedenkveranstaltung anlässlich der Einweihung von 24 Stolpersteinen für Harburger Opfer des Nationalsozialismus Mittwoch, d. 26. September 2018, 11.00 Uhr, Kulturzentrum Rieckhof, Rieckhoffstraße 12, 21073 Hamburg, Eintritt frei

Weiterführender Link: www.gedenken-in-harburg.de

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15 Jahre des Stolperns https://www.tiefgang.net/15-jahre-des-stolperns/ Fri, 26 Jan 2018 23:32:18 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=2890 [...]]]> Seit 15 Jahren und Stein um Stein hält ein Künstler auch in Hamburg auf eine ganz eigene Art das Gedenken an Opfer des Nationalsozialismus wach. Ein Film würdigt diese Arbeit.

Am 3. Februar 2003 wurden die ersten Stolpersteine in Harburg und Wilhelmsburg verlegt. In den 15 Jahren sind viele weitere dazu gekommen. Unsere Serie hier in ´Tiefgang` dokumentiert einige wenige davon. Traurig genug. Aus Anlass des 15jährigen Jubiläums lädt nun die Initiative ´Gedenken in Harburg` der Ev.-Luth. Reiherstiegkirchengemeinde und der Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg & Hafen zu einem Filmabend am Mittwoch, d. 31.1.2018, 19.00 Uhr, im Gemeindehaus der Paul-Gerhardt-Kirche, Georg-Wilhelm-Straße 121, 21107 Hamburg, ein. Gezeigt wird der Dokumentarfilm ´Stolperstein` von Dörte Franke, der in 76 Minuten den Stolperstein-Künstler Gunter Demnig porträtiert, der Initiator dieses Erinnerungsprojekts. Damit skizziert der Film zugleich die Entwicklung dieses speziellen Beitrags zur europäischen Denkmalskultur.

Die ersten Wilhelmsburger Stolpersteine erinnern an Hermine Baron, die am 23.1.1943 im Getto Theresienstadt umkam, an ihre Tochter Katharina Leipelt, die am 9.12.1943 im Polizeigefängnis Fuhlsbüttel tot aufgefunden wurde, und an ihren Enkel Hans Leipelt, dessen Leben am 29.1.1945 im Gefängnis München-Stadelheim unter dem Fallbeil endete.

Mitglieder der `Initiative Gedenken in Harburg´ und der `Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg & Hafen´ gehören seit vielen Jahren zu den mehr als 300 ehrenamtlich tätigen Forscherinnen und Forschern der Hamburger Projektgruppe `Biografische Spurensuche´, die im Herbst 2006 von der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg (Dr. Rita Bake) und dem Institut für die Geschichte der deutschen Juden (Dr. Beate Meyer) ins Leben gerufen wurde. Unter wissenschaftlicher Anleitung haben sie in den letzten zehn Jahren rd. 3.000 Biografien von Menschen erarbeitet, für die in Hamburg Stolpersteine gesetzt worden sind oder gesetzt werden sollen.

Die Ergebnisse dieser Recherchen wurden in den bisher erschienenen 17 Bänden der Buchreihe `Stolpersteine in Hamburg – Biografische Spurensuche´, Landeszentrale für politische Bildung Hamburg, Institut für die Geschichte der deutschen Juden (Hrsg.) und auf der Website www . stolpersteine-hamburg.de veröffentlicht. Die Bücher sind zum Preis von 3,- € in der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg, Dammtorwall 1, 20354 Hamburg, erhältlich.

Über 61.000 Namen

Besondere Beachtung verdient die Tatsache, dass es den Mitgliedern der `Initiative Gedenken in Harburg´ und der `Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg & Hafen´ in den letzten Jahren gelungen ist, auf der Grundlage ihrer Recherchen Kontakte zu zahlreichen Angehörigen der Ermordeten zu knüpfen und mehrere denkwürdige Schülerprojekte zu initiieren.

Im Zentrum des Dokumentarfilms der Regisseurin Dörte Franke steht Gunter Demnig, Konzeptkünstler mit Cowboyhut, der mittlerweile über 61.000 Namen von NS-Opfern in die Bürgersteige Deutschlands und Europas einbetoniert hat. Dörte Franke begleitet ihn auf seiner Fahrt. Sie begegnet dabei Menschen, bei denen diese Minidenkmale auf ganz unterschiedliche Weise einen Nerv treffen.

In Hamburg polieren drei Frauen mühevoll Stolpersteine, um das schwierige Erbe ihrer SS-Väter zu verarbeiten. In Großbritannien kämpft ein Mann um Stolpersteine vor dem Haus seiner ermordeten Eltern in München und scheitert am Münchner Bürgermeister Christian Ude und Charlotte Knobloch vom Zentralrat der Juden in Deutschland. In Österreich sehen zwei Sinti in den Stolpersteinen in Hochburg-Ach einen Grabsteinersatz für ihren Großvater. In Ungarn will eine junge Frau durch das Kunstprojekt ihre Landsleute zum Reden über eine verdrängte Vergangenheit bringen. Der Film ist sowohl Künstlerporträt als auch Roadmovie und dokumentiert zugleich die Geschichte des größten, dezentralen Denkmals der Welt. Dörte Franke porträtiert einen rastlosen Künstler, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, ausgelöschte Biografien zurück in den Alltag zu bringen. Er legt dabei großen Wert darauf, dass jeder Stein in mühsamer Handarbeit gefertigt und verlegt wird, da er davon überzeugt ist, dass nur so ein individuelles Schicksal nach Hause gebracht werden kann.

Hinter jedem Stolperstein stehen engagierte Helfer und private Spenden. In den letzten Jahren hat sich vielerorts eine Bürgerbewegung formiert, die täglich weiter wächst. Und immer mehr Menschen werden durch diese kleinen Messingplatten zugleich zu einer verstärkten Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit angestoßen, der sie lange ausgewichen sind.

Stolpersteine für Hans und Katharina Leipelt sowie für Hermine Baron

Die ersten Wilhelmsburger Stolpersteine wurden am Montag, d. 3. Februar 2003, von Gunter Demnig, dem Initiator des Erinnerungsprojekts, in der Mannesallee 20 verlegt. Sie erinnern an Hans (18.7.1921 – 29.1.1945) und Katharina Leipelt, geb. Baron, (28.5.1892 – 9.12.1943) sowie an Hermine Baron, (15.9.1866 – 22.1.1943), die einst dort wohnten und von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Katharina Baron wuchs als evangelisch getauftes Mädchen in einem ursprünglich jüdischen Elternhaus in Wien auf. Nach ihrer Promotion heiratete sie den katholischen Dipl. Ing. Conrad Leipelt, den späteren Direktor der Wilhelmsburger Zinnwerke am Veringkanal.

Die Nürnberger Rassengesetze der Nationalsozialisten von 1935, die alle Menschen, die jüdische Eltern bzw. zwei jüdische Großeltern hatten, zu Nichtariern erklärten, griffen tief in das Leben Katharina Leipelts und ihrer Familie ein. Ihr Sohn Hans wurde 1940 unehrenhaft aus der Wehrmacht entlassen und 1941 von der Hamburger Universität vom Studium ausgeschlossen. Ihre evangelisch getaufte Mutter wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert und dort ermordet.

Noch bedrohlicher wurde die Lage, als Katharinas Leipelts Ehemann 1942 starb und ihr Sohn 1943 verhaftet wurde, nachdem er Flugblätter der `Weißen Rose´, einer Münchner Widerstandsgruppe, verteilt und Geld für die Angehörigen der Familie eines ihrer ermordeten Mitglieder gesammelt hatte. Auch Katharina Leipelt wurde festgenommen und kurz danach tot in ihrer Zelle im Polizeigefängnis Fuhlsbüttel aufgefunden. 13 Monate später endete Hans Leipelts Lebensweg auf dem Schafott. Er war der letzte Todeskandidat, der vor dem Ende der NS-Herrschaft mit dem Fallbeil in der Haftanstalt München-Stadelheim hingerichtet wurde.

Weiteführende Links: www.gedenken-in-harburg.de, www.stolpersteine-hamburg.de

Termin: 31. Jan. 2018, Gemeindehaus der Paul-Gerhardt-Kirche, Georg-Wilhelm-Straße 121, 21107 Hamburg, 19h

Siehe auch: sued-kultur.de

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Im Arbeitslager erschlagen https://www.tiefgang.net/im-arbeitslager-erschlagen/ Fri, 24 Nov 2017 23:20:14 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=2545 [...]]]> Beruflich selbständig, charakterlich lieb. Auch das konnten die Nationalsozialisten nicht ändern: Wilhelm Buchholz.

Der Tischlermeister Wilhelm Buchholz wurde am 16. Sept. 1888 in Hasselwerder (Kreis Jork) geboren, und zwar im Haus mit der heutigen Adresse Tiefenstraße 10 im Stadtteil Neuenfelde, wo er bis zu seiner Festnahme im Winter 1944/45 lebte. Die Gemeinden Hasselwerder und Nincop wurden 1929 zu Neuenfelde vereinigt. 1935 wurde Neuenfelde an den Landkreis Harburg abgetreten, und nach dem Groß-Hamburg-Gesetz von 1937 wurde es hamburgisch.

Tier- und kinderlieb

Aus alten Fotoalben ist ersichtlich, dass Wilhelm Buchholz ein sehr kinder- und tierlieber Mensch gewesen sein muss. Er musizierte gern, gehörte einer Neuenfelder Musikkapelle an und spielte auf Schützenfesten und anderen Feiern. Seine Tochter schildert ihn als humorvoll und zu Streichen aufgelegt.

Hobbyfotograf

Wilhelm Buchholz besaß als einer der ersten in Neuenfelde einen Fotoapparat. Es existieren viele Passfotos, die er von Neuenfeldern gemacht hat. Fotografie war sein Hobby, er entwickelte die Filme selbst. Er war aber auch ein politischer Mensch und Gegner der Nationalsozialisten. Deswegen stritt er oft mit seinem Sohn, der Hitler-Anhänger war. Außerdem wird erzählt, dass er bei Festumzügen und anderen feierlichen Anlässen nicht die Hakenkreuzfahne herausgehängt hatte.

„Bummelant“

Im Winter 1944/45 nahm die Gestapo ihn fest und lieferte ihn ins „Arbeitserziehungslager“ (AEL) der Gestapo in Wilhelmsburg am Langen Morgen ein. Die Gestapo unterhielt etwa 200 solcher Lager. Das Wilhelmsburger AEL war das einzige auf hamburgischem Gebiet. Die Insassen waren dort wegen angeblichen „Bummelantentums“ (besonders in Betrieben, die als kriegswichtig erklärt waren), aber auch wegen unliebsamer politischer Äußerungen, Abhörens von „Feindsendern“ oder nach Verbüßung von Strafhaft eingeliefert worden. Im Unterschied zum KZ war die Haft auf 56 Tage befristet, sie konnte aber verlängert worden. Besonders betroffen waren Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter. Das Lager am Langen Morgen war für 800 Gefangene eingerichtet, aber ständig überbelegt. Eine Frauenbaracke sollte 250 Frauen aufnehmen, zeitweise mussten hier bis zu 600 zusammengepfercht leben. Die Straße Langer Morgen war eine Parallelstraße des Eversween. Reste sind heute noch zwischen Bahngleisen sichtbar.

Selbständiger Tischler

Warum Wilhelm Buchholz in dieses Lager kam, wissen wir nicht mit Sicherheit. Entweder hat ihn ein Nachbar bei der Gestapo angeschwärzt oder er hatte sich geweigert, in der Kriegsproduktion zu arbeiten. Nachdem Joseph Goebbels im Berliner Sportpalast am 18. Februar 1943 den „totalen Krieg“ ausgerufen hatte, sollte nur noch das produziert werden, was nach Meinung der Nationalsozialisten kriegswichtig war. Wilhelm Buchholz betrieb als selbstständiger Tischler eine eigene Werkstatt. Es wird erzählt, dass er es ablehnte, diese zu schließen und in der Kriegsproduktion auf der Deutschen Werft zu arbeiten.

Die Häftlinge vom Lager Langer Morgen wurden nach dem Morgenappell nach Wilhelmsburg oder in das Hafengebiet geführt, wo sie unter steter Gefahr durch Luftangriffe arbeiten mussten. Wie in allen Lagern wurden sie völlig unzureichend ernährt. Die hygienischen Verhältnisse spotteten jeder Beschreibung. Es gab nicht einmal Seife zum Waschen, der „Gestank des Lagers Langer Morgen“ ist sprichwörtlich geworden.

Von Wachleuten erschlagen

Am 12. Februar 1945 kam Wilhelm Buchholz im Lager ums Leben. Es heißt, er wurde von den Wachmannschaften erschlagen. Er wurde 58 Jahre alt. Der Leichnam wurde nach Neuenfelde überführt. Seine Tochter, die den Sarg in Augenschein nehmen wollte, fand jedoch eine Frauenleiche vor. Dennoch hoffen seine Angehörigen, dass Wilhelm Buchholz auf dem Neuenfelder Friedhof bestattet wurde.
© Hans-Joachim Meyer

(leichte Überarbeitung für ´Tiefgang` v. Heiko Langanke)

Quellen: Lotfi, Gabriele: KZ der Gestapo. Arbeitserziehungslager im Dritten Reich, Stuttgart/München 2000; VVN-BdA Harburg (Hrsg.), Die anderen, S. 271ff.; Literatur über die Arbeitserziehungslager; alle Angaben zu Wilhelm Buchholz verdanken wir der Kirchengemeinde Neuenfelde, Verwandten oder Nachbarn, besonders seinen Enkelinnen Anna Köster und Gunda Neumann-Henneberg.

Weiterführende Links: stolpersteine-hamburg.de, www.gedenken-in-harburg.de

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Die Todesfabrik https://www.tiefgang.net/die-todesfabrik/ Fri, 17 Nov 2017 23:28:36 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=2540 [...]]]> Von Harburg zog sie in die Niederlande, doch auch dort wüteten die Nationalsozialisten: Bertha Themans.

Bertha Seckel kam am 31. Jan. 1859 in Harburg und als Tochter des jüdischen Rohlederhändlers Joseph Seckel und seiner Ehefrau zur Welt. Kurz nach dem Beitritt des Königreiches Hannover zum Deutschen Zollverein, der die Industrialisierung ihrer Geburtsstadt explosionsartig beschleunigte. Die Neue Straße, in der die junge Familie in dieser Zeit wohnte, verlief auch damals schon parallel zur Schlossstraße (heute: Harburger Schlossstraße), die das alte Zentrum Harburgs um die ehemalige Zitadelle und den Hafen mit den neuen Ansiedlungen um den Sand verband und die Richtung der weiteren Stadtentwicklung aufzeigte. Hier ragte der Kirchturm der Dreifaltigkeitskirche, der Hauptkirche der Stadt, in den Himmel, und hier reihte sich ein Geschäft an das andere. Auch das Leben auf der Straße spiegelte die zentrale Bedeutung dieser wichtigen Zufahrt zum Kaufhaus im Harburger Hafen wider.

Umzug in die Niederlande

Bertha Seckel verzog nach ihrer Heirat 1890 in die Niederlande, wo sie mit ihrem Ehemann Salomon Themans in Amelo eine Familie gründete. Ihr Ehemann starb 30 Jahre später. Über Bertha Themans Leben nach seinem Tod wissen wir ebenso wenig wie über die Jahre davor. Dass die Besetzung der neutralen Niederlande durch deutsche Truppen im Mai 1940 mit tiefgreifenden Veränderungen ihres Lebens verbunden war, ist nicht weiter verwunderlich.

Nach der Entlassung aller jüdischen Beamten und Angestellten aus dem öffentlichen Dienst mussten alle Juden, die in den Niederlanden lebten, sich registrieren lassen. Schlag auf Schlag folgten weitere antijüdische Anordnungen. Im April 1942 wurden alle Juden in den Niederlanden dazu aufgefordert, ihre Kleidung mit dem Gelben Stern zu kennzeichnen, und bald darauf verließen die ersten Deportationszüge das Land in Richtung Osten.

Sammellager Westerbork

Bertha Themans musste sich am 18. Mai 1943 von ihrer Enkelin Bertha Rika de Vries-Suskind, die sie aufgenommen hatte, verabschieden, und im Sammellager Westerbork melden. Eine Woche später wurde sie von dort nach Sobibor im „Generalgouvernement“ deportiert.

An dieser entlegenen Gegend hatten die nationalsozialistischen Besatzer Anfang 1942 ein riesiges Vernichtungslager errichtet, das im Sommer 1942 seiner Bestimmung übergeben wurde. Gleich nach der Ankunft der Züge wurden die Neuankömmlinge in die Gepäckbaracken geführt, wo ihnen ihre Koffer und Rucksäcke abgenommen wurden; dann mussten sie sich entkleiden und den Gang in die als Duschräume getarnten Gaskammern antreten.

Todesfabrik Sobibor

In 15 Monaten wurden mehr als 150.000 jüdische Kinder, Frauen und Männer in dieser „Todesfabrik“ von ca. 30 SS-Leuten und 120 – zumeist ukrainischen – Hilfskräften ermordet. Die Gebeine der Ermordeten wurden anschließend in Gruben verscharrt, auf denen bald Kiefern den Boden bedeckten, um alle Spuren dieses Verbrechens zu verwischen. Bertha Themans war 83 Jahre alt, als ihr Leben in Sobibor ausgelöscht wurde.

(Stand: November 2016)

© Klaus Möller

(leichte Überarbeitung für ´Tiefgang` v. Heiko Langanke)

Quellen: Hamburger jüdische Opfer des Nationalsozialismus. Gedenkbuch, Jürgen Sielemann, Paul Flamme (Hrsg.), Hamburg 1995; Gedenkbuch. Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933–1945, Bundesarchiv (Hrsg.), Koblenz 2006; Yad Vashem. The Central Database of Shoa Victims´ Names: www.yadvashem.org; Harburger Opfer des Nationalsozialismus, Bezirksamt Harburg (Hrsg.), Hamburg 2003; Herinnerungscentrum Kamp Westerbork; Helms-Museum, Harburger Adressbücher; Jules Schelvis, Vernichtungslager Sobibor, Münster/Hamburg 2003

Weiterführende Links: stolpersteine-hamburg.de, www.gedenken-in-harburg.de

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„Schluss mit diesem Leben“ https://www.tiefgang.net/schluss-mit-diesem-leben/ Fri, 10 Nov 2017 23:57:40 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=2515 [...]]]> Er war Arbeiter, Sozialdemokrat und Familienvater. Behandelt wurde er wie ein Hund.  

Otto Noack wurde am 10. August 1880 in Szaken im Kreis Insterburg im damaligen Ostpreußen geboren. Von dort zog er nach Harburg, wo er am 6. April 1919 die drei Jahre jüngere Hamburgerin Auguste Schiemann heiratete. Noch im gleichen Jahr bekamen sie eine Tochter: Mary Noack, geb. am 15.12.1919 in Harburg. Außerdem lebten bei ihnen noch zwei Kinder aus der ersten Ehe Augustes: der Lehrling Heinrich Tödter, geb. am 28.12.1911 in Harburg, und Hildegard Tödter, geboren am 26. September 1913 in Harburg. Otto Noack gehörte der SPD an. Wie sein Parteifreund Johannes Bremer wohnte die Familie im Haus Grumbrechtstraße 62.

Gelernter Heizer

Am 13. März 1920 brach der Kapp-Putsch aus. In der Nacht zum 15. März marschierte ein Trupp „Baltikumer“, der den Putsch gegen die Republik unterstützte, unter dem Kommando des Fliegerhauptmanns Rudolf Berthold in Harburg ein. Die Freikorpsler quartierten sich in der Heimfelder Schule an der Woellmerstraße ein. Das Gebäude wurde von teils bewaffneten Arbeitern belagert. Nach einem heftigen Schusswechsel mussten sich die „Baltikumer“ ergeben. Die wütende Menge lynchte Hauptmann Berthold (siehe Johannes Bremer). Unter den Belagerern befanden sich Otto Noack und Johannes Bremer. Sie wurden später beschuldigt, an der Tötung Bertholds beteiligt gewesen zu sein, was sie abstritten. Es kam zu mehreren Prozessen, aber man konnte ihnen nichts nachweisen.
Am 24. November 1927 zog Noack mit seiner Familie in die Stader Straße 320. Heute existiert das Haus nicht mehr, es muss etwa unter der heutigen Autobahnbrücke gestanden haben.

Gebrochener Mensch

Otto Noack, eigentlich Heizer, arbeitete von 1931 bis zu seiner Verhaftung als Kontrolleur bei den Mauser-Werken in Harburg am Seehafen 1. Nach Hitlers Machtantritt wurden Johannes Bremer und Otto Noack in Haft genommen und zunächst am 10. Mai ins Polizeigefängnis Wetternstraße eingeliefert. Am 10. September 1933 kam Otto Noack ins Gerichtsgefängnis an der Buxtehuder Straße. Ein neuer Prozess in Sachen Hauptmann Berthold wurde jedoch nicht angestrengt, sondern Noack in Konzentrationslagern festgehalten: ab 9. Oktober 1933 im KZ Börgermoor im Emsland, ab April 1934 im KZ Esterwegen. Von hier schrieb er am 18. Dezember 1934 an seine Frau: Sein Leben habe keinen Wert mehr. „Mach Schluss mit diesem Leben“, habe er zu sich selbst gesagt, „denn du hast ja doch nichts davon.“ 1936 gelangte er ins KZ Sachsenhausen. Dort traf ihn der Harburger Kommunist Gustav Bergmann. Er berichtet, dass Otto Noack so gebrochen gewesen sei, dass er kaum noch menschliche Züge gehabt habe. Die SS-Bewacher legten ihn an eine Eisenkette und zwangen ihn, wie ein Hund zu laufen und zu bellen.

Haftnummer 2539

Otto Noacks Frau Auguste, inzwischen völlig mittellos, zog 1938 nach Hausbruch. Die Nationalsozialisten zwangen sie, sich scheiden zu lassen, um im öffentlichen Dienst Arbeit zu bekommen. Das tat sie 1939 und wurde Posthilfsarbeiterin in Fischbek. Am 6. April 1940 wurde Otto Noack ins KZ Flossenbürg in Bayern eingeliefert und unter der Haftnummer 2539 registriert. Dort starb er am 25. Juni 1941 mit 60 Jahren, angeblich an doppelseitiger Lungenentzündung. Die Toten wurden im lagereigenen Krematorium verbrannt. Die im Umfeld verstreute Asche wurde nach dem Krieg in der Gedenkstätte zu einer Aschepyramide aufgeschichtet.

Seit 1988 gibt es den nach ihm benannten Noackstieg (Langenbeker Feld).

© Hans-Joachim Meyer

(leichte Überarbeitung für ´Tiefgang` v. Heiko Langanke)

Quellen: VVN-BdA Harburg (Hrsg.), Die anderen, s. Personenverzeichnis; StaH 351-11 AfW, Otto Noack; StaH 332-8 Meldewesen A 46; StaH 430-64 Amtsgericht Harburg II B 25; Sta Stade; Heyl/Maronde-Heyl, Abschlussbericht; Totenliste VAN; Auskunft der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg vom 11.4.2011.

Weiterführende Links:

stolpersteine-hamburg.de –  www.gedenken-in-harburg.de

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Der liebevolle Plünnhöker https://www.tiefgang.net/der-liebevolle-pluennhoeker/ Fri, 03 Nov 2017 23:48:01 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=2426 [...]]]> Er war fließig, hilfsbereit und hatte sich um seine Familie gut gesorgt. Kurz vor dem verdienten Ruhestand machen ihm die Nazis einen Strich durch die Rechnung.

Der ehemalige Nachbar Leo Kunkolewski erinnerte sich in einem Interview der Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg Anfang der 1990er Jahre an die Siegmund Libis und seine Familie: „Die Liebis [sic!] hatten zwei Kinder, Edith und Harry. Er war Rohproduktenhändler, wir haben immer Plünnhöker gesagt, plattdeutsch. Er sammelte Altwaren, aber er stand sich sehr gut. Er besaß mehrere Häuser in der Kanalstraße zum Ernst-August-Kanal hinunter. In einem dieser Häuser wohnte die Familie. Er hatte kein Geschäft, nur einen Lagerplatz und einen Schuppen. Dort hat er die Sachen gesammelt und sortiert und von anderen Großhändlern abholen lassen. Ich habe ihn immer mit der Karre rumfahren gesehen, früher hatte man ja die Schottsche Karre mit den beiden großen Rädern, die schob er immer und zog damit durch die Gegend. Seine Frau hatte ein Konfitürengeschäft. Die Tochter ging erst zum Gymnasium, später arbeitete sie mit im Geschäft. Soweit mir bekannt ist, war der Liebis ein religiöser Jude.“

„Wir haben ihm Essen gebracht“

 Weiter heißt es: „Er war auch ein hilfsbereiter Mensch. Andere Nachbarn können sich daran erinnern, wie er sie mit seinen kaufmännischen Fähigkeiten beim Schriftverkehr mit Behörden unterstützte. Er schrieb für die Leute. Als Liebis seinen Beruf nicht mehr ausüben durfte, gab es Nachbarn, die ihn und seine Familie mit versorgten: Wir haben ihm immer Essen gebracht. Eines Tages sind wir dafür angeschwärzt worden. Dann kam die Gestapo und drohte meinem Vater mit der Erschießung. Kurz danach haben sie den Liebis abgeholt und er ist nicht wiedergekommen.“

„Im freiern Sinn zu erziehen“

Siegmund Libis wurde als zweites Kind des Kaufmanns Moses Libis und seiner Ehefrau Johanne, geborene Meyer, am 11. April 1878 in Hamburg geboren. Er hatte fünf Geschwister. Später ging er auf die Stiftungsschule von 1815. Diese war 1815 als Israelitische Freischule in Hamburg gegründet worden, „um jüdische arme Knaben in einem freiern Sinne zu erziehen“. Die Schülerzahl stieg rasch an. Unter ihrem Direktor Anton Rée (Amtszeit von 1848–1891) wurden ab 1852 auch christliche Schüler aufgenommen. Anton Rée vertrat die Auffassung, dass vor allem die jiddische Sprache die Juden in der Stadt isolierte und sie im Erwerbs- und gesellschaftlichen Leben benachteiligte. Die Schule richtete somit auf den Deutschunterricht ihr besonderes Augenmerk und bereitete die Jungen auf einen (Handwerks-)Beruf vor. Am 12. April 1882 gingen auf die „höhere Bürgerschule ohne Latein mit neun Jahres-Cursen“ insgesamt 709 Schüler, davon 253 jüdische, 450 christliche und sechs konfessionslose. Vermutlich zwei oder drei Jahre später, wurde Siegmund Libis in die Schule am Zeughausmarkt Nr. 32 eingeschult.

Aus alt mach neu

Danach begann er eine Ausbildung bei dem Produktenhändler Kupferstein in Lüneburg, die er abbrach, weil „sein Chef ihn mit seiner Tochter verheiraten wollte„. Ein Rohproduktenhändler sammelte Abfall- und Altstoffe, z. B. Altpapier, Lumpen, Metalle, Leder, tierische Abfälle, aus Haushalt und Gewerbe und verkaufte diese weiter. Siegmund Libis ließ sich im Januar 1904 in Harburg als Produktenhändler nieder.

Hier lernte er Frida Bluman kennen, sie war als Tochter des Viehhändlers Siegmund Bluman und seiner Ehefrau Karoline, geborene Grünewald, in Harburg zur Welt gekommen. Siegmund Libis und Frida heirateten am 31. Juli 1904. Sie hatte vor ihrer Ehe als Verkäuferin gearbeitet. Das Paar lebte zunächst in der Bremerstraße 129 in Harburg.

Am 28.8.1904 wurde in Harburg der gemeinsame Sohn Harry geboren. Die Familie zog am 1. November 1904 in die Wilstorfer Straße 10 und im März 1908 in die Fährstraße 34 nach Wilhelmsburg, wo 1908 ihre Tochter Edith geboren wurde.

Fürs Reich gekämpft

In Wilhelmsburg betrieb Frida Libis 1909/10 einen Handel mit Partiewaren von der Veringstraße 24 aus und Siegmund Libis 1913/14 seine (Roh-)Produktenhandlung Am kleinen Kanal 21. Im Mai 1912 zog die Familie des Lumpenhändlers Siegmund Libis von Wilhelmsburg in die Schlachterstraße 7 nach Hamburg. Bereits kurz nach Beginn des Ersten Weltkrieges wurde Siegmund Libis als Landsturmmann zum Küstenschutz nach Westerland (Sylt) eingezogen und später als Infanterist an die Front in Frankreich abkommandiert. Im Verlauf des Krieges wurde er verletzt. Nach seiner Entlassung im November 1918 kehrte er nach Hamburg zurück. Frida Libis hatte in der Zwischenzeit eine amtliche Knochenankaufstelle in der Nähe der „grossen Michaeliskirche“ eröffnet und mit ihren Einnahmen die Familie ernährt. Sie und die beiden Kinder lebten in Hamburg.

Nach der Rückkehr des Vaters zog die Familie nach Ahrensburg. Dort hatte Siegmund Libis ein „Gewese“ (Anwesen) gekauft und Land gepachtet. Die folgenden Jahre waren für die Familie von vielen Umzügen geprägt. Bereits 1919/20 lebte die Familie wieder in Hamburg im Haus Rappstraße 3 im Grindelviertel und wenige Jahre später Beim Schlump 23.

Der Arbeitgeber

1929 zog sie nach Kaltenkirchen, dort hatte Siegmund Libis ein Grundstück in der Friedenstraße 13 erworben, welches er bereits im darauffolgenden Jahr wieder verkaufte. Schließlich ließ sich die Familie am 3. August 1931 in Wilhelmsburg im Haus Kanalstraße 160 nieder. Seine Geschäfte führte Siegmund Libis schon seit einigen Jahren von seinem Kontor in Wilhelmsburg in der Kanalstraße 160 (heute: Karl-Kunert-Straße) aus. Mittlerweile besaß er dort mehrere Häuser in der Schulstraße (später: Kanalstraße, heute: Karl-Kunert-Straße). In diesen, mit vermutlich den damals üblichen Wohnungsgrößen von ein bis zwei Zimmern, lebten 1926 zum Großteil Arbeiter, aber auch Handwerker, mit ihren Familien.

Ab 1. April 1933 betrieb Siegmund Libis gemeinsam mit seinem Sohn Harry eine Putzlappenfabrik und -wäscherei, die ihren Sitz ebenfalls in der Kanalstraße 160 hatte. Hier arbeiteten vier bis sieben Arbeiterinnen an drei großen Waschmaschinen und einem Dampfkessel.

Arisierung als Enteignung

Siegmund Libis wurde im Rahmen der so genannten Juni-Aktion 1938 festgenommen. Die Kriminalpolizei verhaftete über 10.000 Menschen und verschleppte sie in Konzentrationslager. Neben Landstreichern, Prostituierten und Bettlern verhaftete sie „auch alle männlichen Juden, die mit Bagatelldelikten, d. h. die mit einer [oftmals schon lange zurück liegenden] Gefängnisstrafe von mehr als einem Monat bestraft“ worden waren. Die Hamburger Verhafteten kamen ins KZ Sachsenhausen. Siegmund Libis war seit den 1910er Jahren wegen Hehlerei vorbestraft und wurde vermutlich deshalb festgenommen. Zwischen fünf und sechs Uhr verhaftete die Kriminalpolizei ihn am Morgen des 16. Juni 1938 und lieferte ihn in das Kola-Fu ein. Aus der so genannten Schutzhaft wurde er am 23. Juni 1938 in das KZ Sachsenhausen überstellt und dort am 6. September 1938 entlassen. Libis wurde gezwungen, seine Firma zu verkaufen, die nachfolgend „arisiert“ wurde. Am 15. Oktober 1938 meldete er „sein Gewerbe als Waschen von Lumpen und Putzlappenherstellung“ ab.

Am 28. Oktober 1938, wanderte der Sohn Harry nach Paraguay aus.

Im Zuge des Novemberpogroms am 9. November 1938 wurde Siegmund Libis erneut im KZ Sachsenhausen inhaftiert. Nach Wilhelmsburg kam er am 23. November 1938 zurück und musste jetzt Zwangsarbeit im Straßenbau leisten. Der Amtsarzt befreite ihn aufgrund seiner Herzkrankheit schließlich von dieser schweren Arbeit. Das Ehepaar Libis bereitete weiter die Auswanderung nach Südamerika vor, diese scheiterte jedoch wegen des schlechten Gesundheitszustandes von Siegmund Libis.

„Pflichtarbeit“

Frida und Siegmund Libis zogen am 20. April 1939 nach Hamburg in die Fehlandtstraße 35 und von dort schon bald, am 26. Mai 1939, wieder nach Wilhelmsburg zurück, ins Haus Kanalstraße 160. Dieses Haus hatten sie 1935 ihrer Tochter Edith überschrieben, dort konnten sie mietfrei wohnen. Anfang des Jahres 1940 leisteten Frida und Siegmund Libis „Pflichtarbeit“ in der Wilhelmsburger Wollkämmerei. Das Ehepaar erhielt einen Wochenlohn von 50 RM.

„Sicherungsanordnung“

Die Grundstücke Kanalstraße 159/161 und 163/165 verkaufte Siegmund Libis schließlich im April 1940. Siegmund Libis schätzte den Verkaufswert der Grundstücke auf 100000 RM, sie waren mit einer Hypothek von 90000 RM belastet. Nach Abschluss des Verkaufes gab Siegmund Libis am 7. Mai 1940 an, dass seine Hypothek 3050 RM betragen würde und er keinen Grundbesitz mehr habe, wohl aber aus seinem Altenteil (dem Grundstück seiner Tochter Edith Eggers) 60 RM sowie eine freie Wohnung erhielte. Die Summe seines Barvermögens betrug 50 RM. Am 30. Oktober 1940 verhängte die Devisenstelle die „Sicherungsanordnung“ über das Konto von Siegmund Libis. Als monatlichen Unterhalt durfte das Ehepaar über 150 RM verfügen.

Das Paar musste am 14. Januar 1941 endgültig Wilhelmsburg verlassen und zog an den Grindelberg 7a. Im Oktober 1941 war das Vermögen der Familie aufgebraucht. Frida und der fast erblindete Siegmund Libis lebten zu­sammen mit ihrer Tochter Edith von einer monatlichen Unterstützung von 39 RM. Im Alter von 63 Jahren wurden Frida und Siegmund Libis gemeinsam mit ihrer Tochter Edith am 8. November 1941 nach Minsk deportiert.

Die Stolpersteine für Edith Eggers und ihre Eltern Frida und Siegmund Libis liegen an der Ecke Karl-Kunert-Straße, Ecke Kunertweg in der Parkanlage. Dort hat vermutlich das ehemalige Haus Kanalstraße 160 gestanden.

© Barbara Günther

Quellen: 1; 5; 2 (Fvg7498,R 1940/455); StaH, 332-8 Meldewesen, K 7565; StaH,,430-61 Amt und Landratsamt Harburg, II 10-142; Recherche und Auskunft des Archivs der Stadt Kaltenkirchen vom 4.11.2011; Recherche und Auskunft des Archivs der Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen vom 18.11.2011; Adressbuch 1883; StaH, Adressbuch Harburg 1908; StaH, Wilhelmsburger Adressbücher; Stein, Baudenkmäler, S. 63–65; Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg (Hrsg.), Zerbrochene Zeit, S. 130; Berth, Kindertransporte, S. 7; Baumbach, Freischule; Lohalm, Judenverfolgung, S. 28.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link „Recherche und Quellen.“

Quelle: stolpersteine-hamburg.de

weiterführend: www.gedenken-in-harburg.de

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„Erinnern für die Zukunft“ https://www.tiefgang.net/erinnern-fuer-die-zukunft/ Fri, 13 Oct 2017 22:16:57 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=2144 [...]]]> Das menschliche Zusammenleben ist zuweilen schwer zu verstehen. Denn vieles ist im Gestern begründet. Im November wird in Harburg an vieles erinnert. Und die Termine zeigen, wie wichtig dies ist …

„Erinnern für die Zukunft“ – unter diesem Motto finden die Harburger Gedenktage im Jahr 2017 in einer neuen Form statt. Und zwar den kompletten November 2017 über finden verschiedenste Veranstaltungen statt. Und zwar 24 an der Zahl! Dabei gibt es Rundgänge, Vorträge, Diskussionen, Lesungen, Filmbeiträge oder gar Ausstellungen und Projektarbeit.

Es beteiligen sich dabei Harburger Schulen, Kultureinrichtungen, politische und gesellschaftliche Organisationen und Vereine mit Beiträgen und Veranstaltungen. Damit sind die Gedenktage vielfältig wie der Bezirk selbst. Die Harburger Gedenktage erinnern an die Opfer und die Verfolgten des Nationalsozialismus – mit dem Fokus auf Akteure und Ereignisse im Bezirk Harburg. Sie schauen aber auch auf die Gegenwart und die Zukunft. Extremismus, Diskriminierung und Verfolgung, Flucht und Vertreibung, Krieg, Selbstbehauptung und Widerstand sind auch aktuelle Themen.

Vielfalt an Beteiligten

Und an Beteiligten ist kaum mehr aufzubieten: Die Liste reicht vom Alexander-von-Humboldt-Gymnasium, über die Bücherhalle Harburg, den Roten Sessel, das Friedrich-Ebert-Gymnasium,  Geschichtswerkstatt Harburg, Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg & Hafen, die Initiative Gedenken in Harburg, das Künstlerisch-kulturelles Integrationsprojekt „Wir sind Harburg“, KulturWerkstatt Harburg e.V, Libertäre H-Burg, Regionales Bildungs- und Beratungszentrum Harburg, Süderelbe-Archiv, VVN/BdA Harburg bis zum welt*RAUM. Unterstützt durch die Bezirksversammlung Harburg, das Bezirksamt und den Evangelisch-lutherischen Kirchenkreis Hamburg-Ost.

Das komplette Programm zum Herunterladen unter: Harburger_Gedenktage_2017_Programm

Hier eine kleine Auswahl an Terminen:

Marione Ingram

Mi., 1. Nov. 18 Uhr, Friedrich-Ebert-Gymnasium, Pausenmehrzweckhalle, Alter Postweg 30-38, Zugang Eingang Petersweg 6

Zeitzeugengespräch: Marione Ingram über Verfolgung und Rettung im Nationalsozialismus

Marione Ingram ist sowohl Überlebende der Shoa als auch der „Operation Gomorrha“, die Hamburg für zehn Tage in ein Flammenmeer verwandelte und als „Feuersturm“ erinnert wird. Sie ist aus den USA zu Gast und liest aus ihrem Buch „Kriegskind, eine jüdische Kindheit in Hamburg“. Die heute 82-jährige Marione Ingram (sprich: Marion) beschreibt darin, wie sie als achtjähriges Mädchen 1943 der Deportation nach Auschwitz knapp entkommen ist, weil ausgerechnet in der Nacht zuvor die massiven Angriffe der britischen und US-amerikanischen Armee begannen. Marione konnte sich mit ihrer Mutter in einem Bombenkrater in Sicherheit bringen. Dank ihres mutigen Vaters, der immer zu seiner jüdischen Frau gestanden hat, konnten Marione, ihre jüngere Schwester und ihre Mutter die letzten Jahre der Nazi-Terrorherrschaft in einem Gartenhaus versteckt in Hamburg-Rahlstedt überleben. Alle drei sind Anfang der 1950er Jahre in die USA ausgewandert. Dort hat sie ihre traumatischen Erfahrungen in politisches Engagement für die Bürgerrechtsbewegung umgewandelt. Auch dies schildert sie in dem Buch, ebenso wie ihre schlimmen Erinnerungen an die ersten Schuljahre an einer deutschen Schule als gerade erst zehnjähriges Mädchen kurz nach der Befreiung. Wir freuen uns, dass sie nach der Lesung für Fragen bereit steht.

Anmeldung erbeten unter stefanie.engel@ebert.hamburg.de

Veranstalter: Friedrich-Ebert-Gymnasium

Sa., 4. Nov, 15 Uhr, Treffpunkt: Herbert-Wehner-Platz, S-Bahn-Station Harburg Rathaus (S 3, S 31), Ausg. Großer Schippsee

Rundgang: Gedenkorte mit Stolpersteinen für Harburger Opfer des Nationalsozialismus

Erinnerungsarbeit mit der Vierkaten-Schule aus Neu Wulmstorf. (Foto: GiH)

„Man stolpert mit dem Kopf und mit dem Herzen.“ – Das sagt der Kölner Künstler Gunter Demnig, der seit 1995 mit seinem Projekt Stolpersteine an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert. Stolpersteine sind mit Messingplatten bezogene Pflastersteine mit den Namen und Lebensdaten der ermordeten Menschen. Sie werden auf den Gehwegen vor den Häusern verlegt, in denen diese Menschen einst lebten oder arbeiteten. Der Rundgang dauert ca. 45 Minuten und führt zu vier Gedenkorten mit fünf – von insgesamt 207 – Harburger Stolpersteinen. Eine Veranstaltung im Rahmen des Harburger Kulturtages.

Beitrag: 3 € | Veranstalter: Initiative Gedenken in Harburg

Anna Pröll (Archiv Pröll)

So., 5. Nov., 17 Uhr (Einlass ab 16 Uhr), Sauerkrautfabrik, Kleiner Schippsee 22, Eingang: Am Wall

Film: „Anna, ich hab Angst um dich“

Regie Josef Pröll, Deutschland 2001

Der Dokumentarfilm zeigt Auszüge aus dem Leben von Anna Pröll, die während der Zeit des Nationalsozialismus aktiven Widerstand leistete. So wurde sie mit 17 Jahren wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ verurteilt und 4 1/2 Jahre „weggesperrt“. Über das Untersuchungsgefängnis Katzenstadel und das Gefängnis Aichach kam sie in das Konzentrationslager Moringen. Der Zuschauer wird durch die Erzählungen Annas, durch ihre menschlichen Verhaltensweisen fasziniert und in eine Zeit versetzt, in der Zivilcourage oft das Leben kostete. „Vor den Zuschauern zieht … ein Leben vorbei… aufregend, ergreifend, beispielhaft in seiner mutigen, humanen Haltung.“ (Augsburger Allgemeine)

Veranstalter: welt*RAUM in Kooperation mit Libertäre H-Burg

Mi., 8. Nov., 18 Uhr, Fischhalle, Kanalplatz 16

Lesung: Claus Günther liest aus „Heile, heile Hitler“

„Die Nazizeit von innen. Mit den Augen eines Kindes. Mit seinen Gedanken, seinen Verwirrungen und Versuchen zu verstehen. Fast belanglos schleicht sich das Gift in den Alltag der Harburger Kleinfamilie, wird stärker, verändert die Menschen.“ So beginnt der Klappentext des Buches von Claus Günther, aus dem er einige Passagen vortragen wird. Claus Günther, gebürtiger Harburger, Jahrgang 1931, wächst in der Eißendorfer Straße auf, besucht die Grundschule und die Oberschule (heute Friedrich-Ebert-Gymnasium), ist Hitlerjunge, kommt in die Kinderlandverschickung und erlebt die frühe Nachkriegszeit in Harburg.

Veranstalter: Geschichtswerkstatt Harburg und Initiative Gedenken in Harburg

Do., 16. Nov. 19:30 Uhr, BGZ Süderelbe, Stadtteilsaal, Am Johannisland 2

Vortrag & Diskussion: Dr. Christian Gotthardt – Widerstand & Verfolgung in Harburg und Wilhelmsburg

Zeugnisse und Berichte 1933 -1945. Im Februar 2005 erschien die erweiterte Ausgabe des Buchs „die anderen. Widerstand und Verfolgung in Harburg und Wilhelmsburg. Zeugnisse und Berichte 1933–1945.“ Die Autoren hatten damals umfangreiche Archivrecherchen vorgenommen und konnten sicher sein, den Gegenstand im Wesentlichen erfasst zu haben. Aber natürlich sind seitdem wichtige Details neu erforscht und wichtige Verfolgtengruppen komplexer begriffen worden. An diesem Abend sollen einige bisher unbekannte Fälle beleuchtet sowie ein – auch zahlenmäßiger – Gesamtüberblick gegeben werden. Spende erbeten.

Veranstalter: Süderelbe-Archiv | Harburger Gedenktage 2017 | zeitzeugengespräch | Harburger Gedenktage 2017

Sa., 18. Nov., 9 bis 16 Uhr, Treffpunkt: 9 Uhr vor dem Helms-Museum (Busbucht). Abfahrt: 9:30 Uhr

Bus-Exkursion zur Gedenkstätte Lager Sandbostel

Das STALAG X B war eines der größten Kriegsgefangenenlager Norddeutschlands. Zwischen 1939 und 1945 waren dort mehr als 313.000 Kriegsgefangene, Internierte und zuletzt etwa 9.500 KZ-Häftlinge aus mehr als 50 Nationen untergebracht. Tausende sind gestorben und wurden auf dem Lagerfriedhof bestattet. Die Teilnehmer der Bus-Exkursion erhalten auf dem geführten Rundgang über das Lagergelände eine Einführung in die Geschichte des STALAG X B sowie die Gelegenheit zur Besichtigung historischer Gebäude. Im Anschluss können die zwei Dauerausstellungen besucht werden. Ebenso besteht die Möglichkeit des individuellen Gedenkens am Gedenkstein und für einen Besuch der Kriegsgräberstätte Sandbostel (ehem. Lagerfriedhof).

Begrenzte Teilnehmerzahl, Anmeldung: Tel. 040 7927016 oder diewackers@web.de, Beitrag: 10 € pro Person, ermäßigt 5 € Veranstalter: VVN/BdA Harburg

 

Do., 23. Nov. 18:30 Uhr, Friedrich-Ebert-Gymnasium, Pausenmehrzweckhalle, Alter Postweg 30-38, Zugang Eingang Petersweg 6

Hannes Heer (Foto: Ulrike Deuscher)

Vortrag und Diskussion: Hannes Heer – Die Wehrmachtsausstellung

Das Ende der Legende von der „sauberen Wehrmacht“ und neue Legenden Lange glaubten viele, für die Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg sei allein die SS verantwortlich gewesen, die Wehrmacht sei sauber geblieben. Mit dieser Legende räumte 1995 die Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht“ gründlich auf: Sie hat, im besten Sinne des Wortes, Geschichte gemacht.

Der Historiker Hannes Heer (* 1941) berichtet über die Kontroversen, die sich an die Ausstellung anknüpften: Konservative und Rechtsradikale protestierten gegen die angebliche Nestbeschmutzung, in der Presse wurden Fälschungsvorwürfe laut, Jan Philipp Reemtsma erstellte schließlich eine neue Ausstellung. Angesichts dieser Auseinandersetzungen, die zum Teil noch andauern, verspricht es ein spannender Abend zu werden.

Anmeldung für Gruppen/Schulklassen: Tel. 4287631-0 oder -12 bzw. joerg.isenbeck@ebert.hamburg.de.Spende erbeten. Veranstalter: KulturWerkstatt Harburg e.V. in Kooperation mit dem Friedrich-Ebert-Gymnasium

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„Vollkommen verwirrt, sehr leicht gereizt“ https://www.tiefgang.net/vollkommen-verwirrt-sehr-leicht-gereizt/ Fri, 29 Sep 2017 22:19:47 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=2223 [...]]]> Sie wollte Schneiderin werden. Dann aber kamen epileptische Anfälle. Statt Hilfe kamen die Nazis. Das war ihr Verderben …

Helene Jakobsen wurde am 22. Februar 1893 in Harburg geboren. Sie war das dritte Kind ihrer Eltern Peter (geb. 15. Sept. 1853) und Magdalene Jakobsen, geb. Lehmkuhl (geb. 7. Dez. 1862). Nach der Schule absolvierte sie eine Lehre als Schneiderin. Diesen Beruf konnte sie aber nur kurzfristig ausüben, weil sie seit ihrem 16. Lebensjahr unter epileptischen Anfällen litt.

Während die junge Harburgerin in den 1920er Jahren nur in großen Abständen über epileptische Anfälle zu klagen hatte, traten sie nach dem plötzlichen Tod ihres schwerkriegsbeschädigten Bruders Paul am 13. Oktober 1931 häufiger und heftiger auf. Die Medikamente, die die behandelnden Ärzte einsetzten, erwiesen sich als nur kurzzeitig erfolgreich. Die psychischen Beeinträchtigungen waren so groß, dass Helene Jakobsen am 21. November 1931 in die „Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg“ eingewiesen werden musste. Dort „besserte sich“ ihr Zustand langsam. Nach zehn Monaten glaubten die Ärzte, sie in das „Pflegeheim Huckfeld“ bei Emmelndorf im Landkreis Harburg entlassen zu können. Doch nach einer Zwangssterilisation und einer weiteren Unterleibsoperation traten die alten Symptome erneut auf. Die epileptischen Anfälle häuften sich wieder, und die Zeichen geistiger Verwirrung waren nicht zu übersehen.

Helene Jakobsen, 1934 © Evangelische Stiftung Alsterdorf

Am 31. August 1935 wurde Helene Jakobsen ein zweites Mal in die „Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg“ verlegt. Nach einem Schlaganfall nahmen die epileptischen Krämpfe und die Phasen psychischer Störungen abermals zu. Eineinhalb Jahre später wurde die Patientin zur weiteren Behandlung und Pflege in die damaligen Alsterdorfer Anstalten eingewiesen. Die Eintragungen in ihre Patientenakte vermitteln ein schwankendes Bild ihrer weiteren Entwicklung. An einigen Tage wurde sie als ordentlich und freundlich beschrieben, als Frau, die „Interesse an ihrer Umgebung“ zeigte und „sich über die Natur freute“; an anderen Tagen gurteten die Pfleger sie im Bett an, weil sie „wirr“ redend im Schlafsaal umherlief und mit Gegenständen warf.

In seinem Gutachten für die Hamburger Sozialverwaltung stellte der leitende Oberarzt Gerhard Kreyenberg im November 1938 fest: „In der Körperpflege ist sie [Helene Jakobsen] selbständig. Sie wird mit Handreichungen beschäftigt, ist fleißig und ordentlich. In der freien Zeit ist sie leicht zu leiten. Sie hat häufig langandauernde Dämmerzustände, in denen sie strengster Beaufsichtigung bedarf. Weiterer Anstaltsaufenthalt ist erforderlich.“

Mit dem letzten großen Abtransport von 228 Frauen und Mädchen aus den damaligen Alsterdorfer Anstalten gelangte Helene Jakobsen am 16. August 1943 in die „Landes- und Pflegeanstalt für Geistes- und Nervenkranke am Steinhof“ in Wien. Die Wiener Ärzte stellten durchweg negative Diagnosen für sie. Schon bei der ersten Eintragung in ihre Krankenakte hieß es: „Patientin … [nach] einem typischen epileptischen Anfall … vollkommen verwirrt, sehr leicht gereizt … und sehr grob. Auf Fragen antwortet sie nach langer Latenz langsam und unbeholfen, erweist sich als stark dement.“

Am „Steinhof“ regierte der Tod. 196 der Alsterdorfer Patientinnen waren Ende 1945 nicht mehr am Leben. Das Sterben geschah systematisch: durch Überdosierung von Medikamenten, Nichtbehandlung von Krankheiten und Nahrungsentzug. Helene Jakobsens Leben endete am 17. Juli 1944.

© Klaus Möller

Quellen: Gedenkbuch der Evangelischen Stiftung Alsterdorf; Archiv der Evangelischen Stiftung Alsterdorf, Krankenakte Helene Jakobsens (V192); Wunder u. a., Kein Halten., 2. Auflage.

(leichte Überarbeitung für ´Tiefgang` v. Heiko Langanke)
Standort: google/maps

Weiterführende Links:

stolpersteine-hamburg.de und www.gedenken-in-harburg.de

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Tod auf der Insel Kos https://www.tiefgang.net/tod-auf-der-insel-kos/ Fri, 22 Sep 2017 22:02:25 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=2160 [...]]]> Als Sozialdemokrat war Ärger mit den Nationalsozialisten täglich und vorprogrammiert. Der Widerstand aber blieb. Der Tod kam kurz vor Kriegsende und in Griechenland: Otto Lang.

Otto Ernst Lang wurde am 30. Jan. 1908 geboren, stammte aus einer sozialdemokratischen Familie und schloss sich selbst früh der Sozialistischen Arbeiterjugend an. Am 8. Oktober 1924 trat er in die Jugendgruppe Hamburg des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold ein und war in den Folgejahren auch in der SPD in Rothenburgsort aktiv.

Der Schwerpunkt der Parteiarbeit in Rothenburgsort lag seit Ende der 20er Jahre in der Auseinandersetzung mit Nationalsozialisten und Kommunisten. Die Gruppe um Fritz von Hacht, Helmuth Weidt, Franz Wendt und Otto Lang las nationalsozialistische Schriften wie Hitlers „Mein Kampf“ und verfasste Flugblätter gegen die drohenden Gefahren des braunen Terrors. Handfeste Konfrontationen zählten zum politischen Tagesgeschäft.

Konfrontationen zählten zum Tagesgeschäft

Selbst arbeitslos engagierte sich Otto Lang Anfang der 30er Jahre in der Erwerbslosen-Selbsthilfe Groß-Hamburg e.V.. Auch nach der Gleichschaltung der Erwerbslosen-Selbsthilfe im Jahr 1933 blieb der Verein weiterhin ein Treffpunkt für Mitglieder der nun verbotenen SPD.

Mit seinen Weggefährten setzte Otto Lang die politische Arbeit in der Illegalität fort. Sie trafen sich regelmäßig und aus Sicherheitsgründen umschichtig in ihren jeweiligen Wohnungen, um die politische Lage zu diskutieren, Flugblätter zu entwerfen und ihre Verteilung zu organisieren. Die Gruppe unterhielt Kontakte zu anderen sozialdemokratischen Widerstandsgruppen in Hamburg und Umgebung. Ein Großteil des Widerstandsmaterials wurde aus Dänemark eingeschleust, wo geflohene Sozialdemokraten versuchten, den Widerstand der einzelnen Gruppen gegen den Nationalsozialismus zu aktivieren und zu koordinieren.

Denunziation

Aufgrund einer Denunziation flog die Gruppe dann aber am 5. Februar 1935 auf. Fritz von Hacht, Helmut Weidt, Franz Wendt und Otto Lang wurden verhaftet und im Konzentrationslager Fuhlsbüttel interniert. Die Gestapo, die nach der Verhaftung Langs die Wohnung der Familie nach illegalen SPD-Schriften durchsuchte, entdeckte zur Erleichterung der Ehefrau nicht die unter dem Wohnzimmertisch befestigte Druckmaschine, mit der viele Flugblätter hergestellt worden waren.

Otto Ernst Lang © Archiv Helga Roepert

Während die Gestapo nach eingehenden Ermittlungen wegen des Verdachts „den organisatorischen Zusammenhalt der SPD aufrecht erhalten zu haben“ Otto Lang am 30. April 1935 wieder frei ließ, verurteilte das Gericht die anderen drei Widerstandskämpfer zu Gefängnisstrafen. Am 16. Oktober 1935 verhaftete die Gestapo aber Otto Lang erneut. Eine weitere sozialdemokratische Widerstandsgruppe war zerschlagen worden und in diesem Zusammenhang war auch der Name Otto Langs gefallen. Zusammen mit sechs weiteren Angeklagten – zu denen Otto Lang jedoch in keinerlei Verbindung stand – erhob die Staatsanwaltschaft wiederum den Vorwurf „durch das Vertreiben hochverräterischer Schriften“ das Verbot der SPD zu unterlaufen. Im Prozess gab Otto Lang zu, etwa 25 bis 30 Exemplare der sozialdemokratischen Zeitung „Sozialistische Aktion“ an den schon verurteilten Franz Wendt weitergereicht zu haben.

Aufgrund dieser Tätigkeit verurteilte das Hanseatische Oberlandesgericht Otto Lang wegen Vorbereitung zum Hochverrat am 19. Dezember 1935 zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus mit Ehrverlust. Lang wurde in das Konzentrationslager Börgermoor/Ems eingeliefert. Am 19. Januar 1938 kam Otto Lang wieder frei, nachdem er unterschrieben hatte, nichts über die Haftbedingungen in Börgermoor verlautbaren zu lassen.

Bewährungsbataillon 999

Während der Haftzeit erhielt die Ehefrau Otto Langs, Senta Lang, keinerlei staatliche Unterstützung für sich und ihre Tochter Helga. Außerdem ruhte die Krankenversicherung, so dass alle anfallenden Krankheitskosten privat bezahlt werden mussten. Die Behörden offerierten ihr, sich von ihrem Mann scheiden zu lassen, um ihre Situation zu verbessern. Senta Lang bestritt den Lebensunterhalt in dieser Zeit als Wäscherin und Putzfrau. Sie unterlag der Überwachung durch die Gestapo und musste sich einmal wöchentlich bei der Polizei melden. Besucher der Familie wurden offen von der Gestapo beschattet.

Foto: NordNordWest

Nach der Haftentlassung fand Otto Lang von 1938 bis 1942 Arbeit als Monteur bei der amerikanischen Firma International Harvester Company, die in Hamburg landwirtschaftliche Maschinen fertigte. Hier arbeiteten mehrere Regimegegner. Am 3. Dezember 1942 zog die Wehrmacht Otto Lang als „wehrunwürdigen“ Soldaten ein und wies ihn ins ´Bewährungsbataillon 999` ein. Im Laufe des Jahres 1943 wurde das Bataillon auf die griechische Insel Kos verlegt. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges ertrank Otto Lang beim Versuch, gemeinsam mit einem Kameraden per Floß von der Insel zu fliehen.

© Christel Oldenburg

Quelle: Privatarchiv Helga Roepert (Prozessakten, Familienunterlagen u.a.), Interview Helga Roepert am 7.Juni 2001

 (leichte Überarbeitung für ´Tiefgang` v. Heiko Langanke)

Standort: googlemaps

Weiterführende Links:

stolpersteine-hamburg.de; verfolgte.spd-hamburg.de; www.gedenken-in-harburg.de

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