Treffpunkt Hölertwiete https://www.tiefgang.net Wed, 11 Apr 2018 09:14:07 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1 Alltag auf vier Rädern https://www.tiefgang.net/alltag-auf-vier-raedern/ Fri, 23 Mar 2018 23:20:15 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=3213 [...]]]> Inklusion – sie ist in aller Munde aber im Kopf nicht angekommen. Sagt Laura Gehlhaar und liest uns schonungslos die Leviten – bei der SuedLese.

Die Autorin und Aktivistin Laura Gehlhaar schreibt und erzählt nichtalltägliche Alltags-Geschichten. Studiert hat sie Sozialpädagogik, arbeitet heute jedoch als Redakteurin und Bloggerin. Und das ist gut so, denn sie hat viel zu sagen und kann gut schreiben.

Ihr Buch „Kann man da noch was machen?“ erschien 2016 beim Heyne Verlag. Es ist quasi die Folge ihres Erfolges im Sozialen Netzwerk mit ihrem „Rollstuhlfahrer-Bullshit-Bingo“. Wegen ihrer Muskelerkrankung ist Gehlhaar auf das Hilfsmittel angewiesen und beschreibt, was sie sich tagtäglich anhören muss und welche Barrieren ihr zu schaffen machen. Angefangen von der Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper über äußere Hemmnisse und Hürden bis hin zum Umgang mit z.T. absurd anmutenden Reaktionen seitens der Umwelt. Was sie in ihrem Leben am meisten behindert, sind Bestimmungen und Engstirnigkeit.

Natürlich ist es normal, dass wir alle Vorurteile haben. Wir schätzen Situationen und Menschen ab und in Kategorien ein. Schubladendenken halt. Dagegen ist erst einmal nichts zu sagen; bedenklich wird es dann, wenn wir diese Schublade zumachen und uns keine Mühe mehr geben herauszufinden, was dran ist an unserer Vorstellung.

Die alltäglichen Erfahrungen, die Menschen mit Behinderung in unserer Gesellschaft machen, sind stark auf Extreme reduzierte Reaktionen wie Mitleid und Bewunderung, Ignoranz und dreiste Distanzlosigkeit. Es stellt sich die rhetorische Frage, ob diese vereinfachten Grundhaltungen dem Spektrum menschlicher Begegnungen gerecht werden.

Laura Gehlhaar erstellt gerne Listen. Ich übrigens auch.

Beispielsweise sammelt sie Sätze, die Rollstuhlfahrer ständig hören:

  • „Sind wir nicht alle ein bisschen behindert?“
  • „Für mich bist du gar nicht behindert.“
  • „Soll ich schieben? Ich hab mal Zivi gemacht.“
  • „Du Arme – so hübsch, und dann im Rollstuhl.“
  • „Ich saß auch mal zwei Wochen im Rollstuhl. Ich weiß, wie das ist.“
  • „Toll, dass du trotzdem rausgehst.“
  • „Also, ich könnte das nicht.“

Mich hat die Lektüre nachdenklich gemacht. Dabei ist mir das Thema nicht einmal ganz fremd. Trotzdem bekam ich einen weiteren Blick und ein tieferes Verständnis vom ständigen, mühsamen und kräftezehrenden Kampf um Autonomie, Respekt und Teilhabe.

Mit schonungsloser Ehrlichkeit und viel Humor vermag Laura Gehlhaar Leser und Zuhörer für das Thema zu sensibilisieren.

Meine Top Five aus ihrem Buch, O-Ton Laura Gehlhaar:

  • Darf ich Ihnen erstmal das Sie anbieten?
  • Ich kann auf zehn verschiedene Arten sagen: „Es ist nichts“, wobei nicht eine davon „Es ist nichts“ bedeutet.
  • Schon mit neun Monaten konnte ich laufen. Vielleicht habe ich geahnt, dass die Zeit knapp wird.
  • Ich überlege, wann ich das letzte Mal alleine Feiern war und erinnere mich ganz genau: Noch nie.
  • Am wohlsten fühle ich mich, wenn ich meine Meinung ganz offen sagen kann, wann immer ich denke, jetzt wäre eine gute Gelegenheit dazu. Und manchmal auch, wenn andere denken, das sei jetzt überhaupt keine gute Gelegenheit.

Meine drei Lieblingskapitel:

  • Meine Behinderung, der Arschlochfilter
  • Erwachsenenscheiß
  • Hamlet 2 (mit krönendem Abschluss)

Und zum Schluss die Punktlandung:

  • Lesung am Fr, 20.04.2018 um 19:00 Uhr im Treffpunkt Hölertwiete 5

Laura Gehlhaar: Kann man da noch was machen? Geschichten aus dem Alltag einer Rollstuhlfahrerin, 256 Seiten, Taschenbuch, Verlag: Heyne, ISBN: 978-3-453-60367-7, Preis: € 9,99

Und hier geht´s zum Blog: lauragehlhaar.com

 

 

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3. SuedLese überzeugt mit Vielfalt https://www.tiefgang.net/3-suedlese-ueberzeugt-mit-vielfalt/ Fri, 09 Mar 2018 23:04:39 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=3256 [...]]]> Zum dritten Mal bereits finden im Hamburger Süden Literaturtage ´SuedLese` statt. Im ´Tiefgang` stellen wir Ihnen ab heute vorab etliche Bücher und Autor*innen vor.

Die Initiative SuedKultur mit über 40 Kulturinstitutionen des Süderelbe-Bereichs würdigt seit drei Jahren die literarische Arbeit südlich der Elbe und nennt sie konsequent ´SuedLese`. Dieses Jahr bestimmt sie den ganzen Monat April vor.

Das Programm ist regelrecht ein Spiegel der Zeit: Der Auftakt zum 1. April wird scherzhaft mit einer Lesung von Texten von Hans Scheibner im Literaturcafé Striepensaal in Neuwiedenthal gemacht. Passend zur Osterzeit stellt der Schauspieler Hartmut Lange in der St. Johannis-Kirche in der Bremer Straße die Frage, ob Jesus oder Judas für uns starb. Grundlage dafür ist das Monodrama „Judas“ der flämischen Autorin Lot Vekeman (6. Apr., 20h).

In Harburgs Irish Pub „The Old Dubliner“ liest der Harburger Autor Christoph Rommel über Sex, Drogen und andere Abgründe, will aber beim Bier vor allem Hoffnung geben (10. Apr.).

Unter den Stars der SuedLese findet sich der durch die TV-Sendung „Extra 3“ bekannte Auslandsreporter Dennis Gastmann (12. Apr., Bücherhalle Harburg), aber auch der zur Zeit viel gelobte Johann Scheerer, der als Sohn von Philipp Reemtsma dessen Entführung 1996 aus Teenager-Sicht bravourös schildert (24. Apr., Buchhandlg. am Sand). Und auch die gehbehinderte Laura Gehlhaar ist bundesweit als Inklusionsverfechterin bekannt und liest am 20. April aus ihrem neuesten Buch „Kann man da noch was machen?“ (Treffpunkt Hölertwiete).

Aber auch aktuelle Themen wie Migration und Flucht sind vertreten – passenderweise im Café Refugio. Dort liest am 19.4. der einst aus Sri Lanka geflohene und mittlerweile erfolgreiche deutsche Klinikarzt Umes Arunagirinathan aus seinem Buch „Der fremde Deutsche“ und ebendort lesen am 27.4. die Brüder Thaer und Thamer Imad aus ihren Erinnerungen „Von Tod zu Tod“.

Die SuedLese ist aber vor allem eine Würdigung der lokalen Literaturarbeit. „Es ist faszinierend, wie viele publizierende Schreiberlinge weitestgehend  unentdeckt hier leben und arbeiten“, so Mit-Organisator Heiko Langanke. Denn viele der Schreibenden und Lesenden entstammen direkt der Nachbarschaft. So die Agitatoren der Harburger Schreibwerkstatt wie Heide-Marie Preuß oder Kerstin Brockmann, die auch einen Schreibwettbewerb für den Nachwuchs ausschrieb und am 22. April im Kulturverein „Alles wird schön“ unter den mehr als 40 Einsendungen verleihen wird. Oder die Macher des Harburger Szene-Magazins „heigh“, die sich und den „Poetomaten“ im neuen Kreativort „Kulturwohnzimmer“ im Gloria-Tunnel vorstellen werden (13. / 14. Apr.). Die türkischstämmige Harburgerin Kadriye Bakşi wird aus ihren Kinderbüchern auf Deutsch aber auch türkisch vorlesen (13. Apr.) und die erfolgreiche Harburger Buchautorin Birgit Storm stellt ihren druckfrisch erschienen 3. Krimi „ „Alte Schuld und neues Leid“ erstmals im Rahmen der SuedLese vor.

All das und noch viel mehr an mehr als 20 verschiedenen Orten der Literatur im Süden der Stadt. Ob in Neugraben, Neuwiedenthal, Moorburg, Heimfeld, Harburg-City oder –Hafen, Rönneburg oder Wilhelmsburg – ob in der klassischen  Buchhandlung, an der Universität, in der Kneipe oder Restaurant, im Museum oder Tunnel – es wird gelesen, was das Zeug hält!

Weit über 40 lesende Akteure sind zugange und machen den Hamburger Süden einen ganzen Monat lang zum Literaturfest.

Möglich wird all das vor allem durch Unterstützung der Behörde für Kultur und Medien, der Alfred Toepfer-Stiftung FVS und auch der Stadtentwicklungsgesellschaft Steg.

Das komplette Programmheft steht auch hier zum download bereit.

Die Initiative SuedKultur ist ein lockerer und ungeförderter Zusammenschluss von über 40 verschiedenen Kulturinstitutionen des Hamburger Südens. Sie besteht seit nunmehr 10 Jahren, stärkt die Wahrnehmung der Süderelbe-Kultur durch das Terminportal www.sued-kultur.de, seit acht Jahren mit einer jährlichen SuedKultur Music-Night (dieses Jahr am 20. Okt.) und eben den nunmehr dritten Literaturtagen SuedLese.

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