U-Musik – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Tue, 05 May 2026 13:32:18 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.5 Richard Strauss und das Erbe von E und U https://www.tiefgang.net/richard-strauss-und-das-erbe-von-e-und-u/ Tue, 05 May 2026 22:13:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13768 [...]]]> In unserer dreiteiligen Serie „Der Preis der Töne“ beleuchten wir die fundamentale Krise der GEMA.

In den letzten zwei Jahren gab es heftige Debatten über die Verteilungsschlüssel innerhalb der GEMA-Sparten (U-Musik vs. E-Musik). Der Kern des Streits: Große Verlage und „Top-Verdiener“ profitieren systemisch stärker von Pauschalauszahlungen. Die Reform nun soll einiges ändern: Kleinere Urheber*innen fordern eine transparentere und „basisnähere“ Verteilung, die besonders Live-Auftritte in kleinen Clubs fairer entlohnt, statt nur die Radio-Charts zu bedienen. Was als solidarisches Schutzschild für Komponist*innen begann, droht im Jahr 2026 unter dem Druck von Algorithmen und Markteffizienz zu zerbrechen. Wir blicken auf die Wurzeln, die Fronten und die Zukunft unserer Musikkultur.

Heute: zur Herkunft des Urheberrechts

Es ist ein nebliger Vormittag im Jahr 1903, als Richard Strauss in Berlin Geschichte schreibt. Gemeinsam mit Hans Sommer und Friedrich Rösch gründet er die AFMA – die Anstalt für musikalische Aufführungsrechte. Sein Antrieb war so simpel wie revolutionär. „Musikschaffende sollten nicht länger nur Almosenempfänger sein, sondern Teilhaber am wirtschaftlichen Erfolg ihrer eigenen Schöpfung“, so begründete Richard Strauss die Initiative im Rahmen der Gründungsversammlung der AFMA 1903.

Es war der Moment, in dem die Kunst ihre ökonomische Mündigkeit forderte. Strauss verstand, dass Komponist*innen gegenüber mächtigen Verlagen und Veranstalter*innen nur dann eine Chance hatten, wenn sie ihre Rechte bündelten. Damit legte er den Grundstein für das, was wir heute als kulturelles Solidaritätsprinzip kennen: Ein System, in dem die Urheber*innen gemeinsam für den Wert ihrer Arbeit einstehen.

Dieses System beruhte von Anfang an auf einer fast schon romantischen Übereinkunft: Die „starken“ Schultern der Unterhaltungsmusik stützen die „schwachen“ Glieder der ernsten Musik. Es war eine bewusste Entscheidung gegen die reine Marktlogik – eine Subventionierung des kulturell Wertvollen durch das kommerziell Erfolgreiche.

Heute, über 120 Jahre später, wirkt diese Trennung zwischen „E“ (Ernster Musik) und „U“ (Unterhaltungsmusik) so anachronistisch wie ein Grammofon im Apple Store. Und doch ist sie das emotionale Epizentrum der aktuellen Debatte. Kritiker*innen der GEMA-Reform sehen die Seele der Solidarität in Gefahr. So konstatierte der Journalist und Kulturkritiker Axel Brüggemann in der Ausgabe von Backstage Classic im Mai 2026, dass sich die Institution unaufhaltsam in eine „Gemeinschaft der Egoisten“ verwandle, wenn die solidarische Quersubventionierung unter dem Vorwand der Modernisierung abgeschafft werde. Der Riss geht tief: War die GEMA je ein reines Inkassounternehmen? Oder ist sie, wie Strauss es wohl sah, eine Kulturinstitution, deren wichtigstes Gut nicht der Euro, sondern die Vielfalt ist? Während die Algorithmen des Streaming-Zeitalters heute den Marktwert eines Liedes in Sekundenbruchteilen berechnen, stellt uns das Erbe von Strauss vor eine weit unbequemere Frage: Welchen Preis hat die Musik, die sich nicht sofort rechnet?


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