Universität Leiden – Tiefgang – das Kulturfeuilleton https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Sat, 20 Jun 2026 14:29:11 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 Den Jet einfach mal stehen lassen https://www.tiefgang.net/den-jet-einfach-mal-stehen-lassen/ Tue, 23 Jun 2026 22:17:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14059 [...]]]> Eine neue Studie, publiziert im Juni 2026 in Communications Sustainability unter dem Titel „Umweltschäden durch das reichste zehn Prozent der Verbraucher“, legt uns nun eine Bilanz vor, die uns beim Frühstück den Kaffee im Halse stecken lässt.

Man stelle sich vor: Ein Leben, das so leichtfüßig daherkommt, dass man die Spuren, die man in der Welt hinterlässt, nicht mehr mit dem eigenen Fuß, sondern nur noch mit den ökonomischen Modellen der Umweltökonomie vermessen kann.

Die Wissenschaftler Inge Schrijver, Rutger Hoekstra und Paul Behrens – ein Trio von der Universität Leiden und der Oxford Martin School – sind keine Moralapostel, sondern Buchhalter der ökologischen Apokalypse. Sie haben die Fußabdrücke der globalen einkommensstärksten zehn Prozent in den Bereichen CO2, Stickstoff, Phosphor, Süßwasser und Biodiversitätsverlust (gemessen an der Artenabundanz, kurz MSA) in klingende Münze umgerechnet.

Die Methodik? Ein Balanceakt. Da der Wert der Natur nicht einfach an der Börse notiert, griffen sie zum „Environmental Prices Handbook 2024“. Für die flüchtige Biodiversität nutzen sie einen ERsatzwert, oder auch Proxy genannt: PDF-Preise (Potentially Disappeared Fraction of species), die sie mühsam in MSA-Verluste umrechneten. Das Ergebnis ist eine Zahl, die uns schwindelig macht: 1,7 bis 5,7 Billionen US-Dollar an jährlichen Umweltschäden gehen auf das Konto dieser Gruppe. Es ist, als würde man eine Rechnung für den Klimawandel präsentieren, die bisher niemand bezahlen wollte: Haushalte mit hohem Einkommen verursachen etwa doppelt so viele Emissionen wie einkommensschwache Haushalte, wobei insbesondere Flugreisen als Haupttreiber identifiziert werden.

Die Reaktion? Ein Raunen durch die Redaktionen. Die einen sehen darin das endgültige Aus für die „Trickle-Down“-Ideologie des Konsums: Wenn Reichtum nur in Zerstörung rinnt, wird er zur Bürde. Andere, eher ordnungspolitisch gesonnene Geister, wittern eine neue Form der Gängelung. Die Debatte ist altbekannt, doch sie hat durch diese Studie eine neue, mathematische Schärfe erhalten.

Der Impuls ist klar: Muss der Reiche der Zukunft derjenige sein, der den geringsten Schaden anrichtet? „Einfach mal den Jet stehen lassen“ wird so vom moralischen Gebot zur ökonomischen Vernunft. Doch Achtung: Die Studie ist kein Plädoyer für den Kahlschlag, sondern für ein Incentivierungssystem. Umweltsteuern sollen den Preis des „Weiter-so“ so hoch treiben, dass die Investition in das Überleben attraktiver wird als der nächste Flug in die Exotik.

So bleibt eine Art dialektische Zwischenbilanz: Die obersten zehn Prozent sind zum einen die Hauptverursacher der planetaren Grenzüberschreitung und müssen daher die Hauptlast der Mitigation tragen.  Zum anderen: Ist Reichtum per se das Problem oder die Art seiner Verwendung? Ein grüner Investor mit hohem Einkommen hinterlässt einen anderen Fußabdruck als ein Konsument von Luxusgütern. Die Studie erkennt diesen Unterschied sehr wohl, kann ihn aber in den aggregierten Daten kaum isolieren. So ist die Studie ein Weckruf an die systemische Architektur unserer Wirtschaft. Reichtum muss von seiner ökologischen „Hypothek“ befreit werden. Es geht nicht darum, den Reichtum zu verbieten, sondern die destruktive Freiheit, die mit ihm einhergeht, einzupreisen. Die Autoren fordern eine stärkere Regulierung, etwa durch Umweltsteuern, um die Verursacher in die Pflicht zu nehmen.

Wer die Details selbst durchdringen will: Die Studie steht hier zum Download


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