Veddel – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Thu, 06 Nov 2025 10:29:05 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.5 Wer tanzt Hamburgs Zukunft im Nebel? https://www.tiefgang.net/wer-tanzt-hamburgs-zukunft-im-nebel/ Fri, 07 Nov 2025 23:14:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12822 [...]]]> Die Veddel ist Hamburgs Labor. Ein Ort, an dem sich die Wucht des Hafens, die Herausforderungen des sozialen Miteinanders und die drängendsten Klimafragen der Stadt auf engstem Raum verdichten. Nun wird es auch ein Ort für Utopien.

Mit dem Performance-Projekt „Choreographing Fair Future“ laden zwei zwei Künstlerinnen zur aktiven Zukunftsforschung ein. Und zwar tanzend. Es geht darum, die Veddel nicht nur zu bewohnen, sondern sie durch Bewegung, Klang und Imagination neu zu erfinden.

Hinter dem ambitionierten Plan stehen die Choreografin und Ökosystem-Forscherin Verena Steiner sowie die Performance- und Community-Expertin Angela Kecinski. Ihre Mission: Sie wollen die Veddel-Community – Schüler*innen, Anwohner*innen, Migrant*innen – mit professionellen Künstler*innen zusammenbringen, um gemeinsam „imaginäre Oasen der Zukunft“ zu erfinden.

Steiner bringt die wissenschaftliche Perspektive aus ihrer Promotion über fragile Ökosysteme mit, Kecinski die Erfahrung aus der direkten partizipativen Arbeit im Quartier. Gemeinsam schlagen sie eine Brücke zwischen akademischer Tiefe und Street-Smartness.

Das Ergebnis soll in etwa anderthalb Jahren Hamburgs vielleicht aufregendste Performance werden: ein „choreographierter Nebel-Spaziergang“.

Die Veddel soll zur Bühne und zum Forschungsraum werden. Es geht darum, soziale und ökologische Fragen nicht nur zu diskutieren, sondern sie durch den Körper zu durchleben und in eine neue Form des Miteinanders zu übersetzen.

Wer kann mitmachen? Gesucht werden explizit professionelle Einzelkünstler*innen aller Genres, die entweder auf oder nahe der Veddel wohnen/arbeiten oder eine klare Verbindung zum Stadtteil haben. Das Projekt ist offen für:

  • Tänzer*innen und Performer*innen
  • (Instrumental-)Musiker*innen und Komponist*innen
  • Sänger*innen und Digital-Musikproduzent*innen

Besonders willkommen sind Perspektiven aus Urban Styles! Wer den Rhythmus der Veddel im Blut hat, ist hier genau richtig.

Die Künstlerinnen wissen: Visionen brauchen Zeit. Der Zeitplan ist daher auf zwei Jahre angelegt und wird von der Stadtteildiakonie Veddel und Kampnagel unterstützt. Die Recherchephase beginnt voraussichtlich im Frühjahr 2026. Hier entstehen die Workshops mit Schüler*innen und Anwohner*innen, in denen das künstlerische Material gesammelt wird. Die eigentliche partizipative Performance – der „choreographierte Nebel-Spaziergang“ – folgt dann voraussichtlich im Herbst 2026 oder Frühjahr 2027.

So bewirbst du dich: Wer Teil dieses Experiments werden und die Veddel aktiv mitgestalten möchte, wendet sich direkt an die Projektleitung. Die Kontaktaufnahme ist unkompliziert:

Dies ist der Moment, in dem Hamburgs Künstler*innen zeigen können, dass Kunst nicht nur kommentiert, sondern die Zukunft aktiv baut. Auf zur Veddel – die Choreografie beginnt jetzt!

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Zum 100. Geburtstag Hans Leipelts https://www.tiefgang.net/zum-100-geburtstag-hans-leipelts/ Fri, 25 Jun 2021 22:20:36 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=8131 [...]]]> Der Besuch der Nachfahren muss zwar corona-bedingt ausfallen, aber die Initiative Gedenken in Harburg  erinnert in einer Reihe von Veranstaltungen und Projekten an den aus Wilhelmsburg stammenden NS-Widerstandskämpfer …

Zu den Träumen, die, trotz großer Begeisterung und Unterstützung, in der Corona-Krise Illusion blieben, gehört auch der des US-Bürgers Christopher Bade. Mehr als zwei Jahre lang hatte er Pläne geschmiedet, um mit seiner Familie im Juli 2021 anlässlich des 100. Geburtstags seines Onkels Hans Leipelt die Orte in Deutschland, Österreich und der Tschechischen Republik aufzusuchen, an denen seine Vorfahren Freud und Leid erfahren hatten.
Christopher Bade war überwältigt von der positiven Resonanz, auf die seine geplante Reise bei vielen Institutionen und Personen stieß, die sich seinen Vorfahren verbunden fühlen.
Die Corona-Pandemie hat den Plan des Neffen von Hans Leipelt erst einmal zerschlagen. Das wird gerade in Hamburg – und speziell in den Stadtteilen im Süden der Hansestadt – sehr bedauert. Hier wollten die amerikanischen Besucher sich länger als anderswo aufhalten, da ihre Mutter – bzw. Großmutter – in der Neuen Welt besonders gern auf die frühen Jahre ihrer Jugend in diesem Teil der Alten Welt zurückblickte.

Jetzt müssen Christopher Bade und seine Familie sich erst einmal von dem Traum einer Europareise auf den Spuren der Familie verabschieden. Aber an der Bedeutung dieses 100. Geburtstages wird sich für Hans Leipelts Nachfahren nichts ändern. Intensiv werden sie im Internet die vielen Veranstaltungen und Projekte verfolgen, die in den nächsten Wochen an Hans Leipelt und sein Wirken im Kampf gegen das NS-Regime erinnern.

Dazu zählen auch einige Hamburger Programmbeiträge:

  • Auf dem Büchermarkt erscheinen demnächst zwei Publikationen, die sich mit Hans Leipelt befassen.                                                                                               1. – Angela Bottin, ENGE ZEIT: Spuren Vertriebener und Verfolgter der Hamburger Universität 1933 – 1945, Reprint des Ausstellungskatalogs von 1991, Reimer Verlag, Berlin 2021 und Peter Fischer-Appelt, Weiße Rose Hamburg. Reden zum Widerstand im Nationalsozialismus, Wallstein Verlag, Göttingen 2021.
  • Am Donnerstag, 18. Juli 2021, wird die VVN/BdA Hamburg am Weiße-Rose-Mahnmal in HH-Volksdorf Hans Leipelt und seinen Widerstand gegen das NS-Regime würdigen.
  • Darüber hinaus haben natürlich auch im Juli 2021 alle Interessierten weiterhin Gelegenheit, sich auf eigene Faust mit ihrem Smartphone auf den mit QR-Codes und GPS-Daten versehenen digitalen Rundgang auf den Spuren der Familie Leipelt durch Wilhelmsburg zu begeben. Der Rundgang wurde im vergangenen Jahr von einer 9. Klasse der Stadtteilschule Wilhelmsburg erarbeitet und beginnt am Haupteingang ihrer Schule in der Rotenhäuser Straße 47.

Biografie Hans Leipelts

von Klaus Möller

Hans Leipelt (18.7.1921 – 29.1.1945) stammte aus einer zum evangelischen Glauben konvertierten jüdischen Familie. Seine Schwester Maria (13.12.1925 – 5.9.2008) war vier Jahre jünger als ihr Bruder. Die beiden Kinder verbrachten eine glückliche Kindheit und Jugend auf der Veddel und in den damals noch preußischen Orten Heimfeld, Rönneburg und Wilhelmsburg. In den Ferien waren sie oft bei ihren Großeltern.

Diese Verwandtenbesuche kamen allerdings im März 1938 zum Erliegen, als Otto Baron sich nach der Besetzung Österreichs durch die deutsche Wehrmacht unmittelbar nach einem Gestapoverhör das Leben nahm und seine Eltern Hals über Kopf in die tschechoslowakische Kleinstadt Cerná Horá flüchteten. Dort starb Arnold Baron wenige Wochen später, während seine Frau nach der Besetzung auch dieses europäischen Staates durch deutsche Truppen im März 1939 abermals ihre Koffer packte und in der Familie ihrer Tochter Katharina Leipelt in HH-Wilhelmsburg Zuflucht fand. Im Sommer 1942 wurde Hermine Baron im Alter von 75 Jahren von Hamburg in das Getto Theresienstadt deportiert, wo ihr Leben ein halbes Jahr später endete.

Im gleichen Jahr starb Hans Leipelts Vater Konrad, der als technischer Direktor der Wilhelmsburger Zinnwerke, einem kriegswichtigen Unternehmen, unter ständig wachsendem Leistungsdruck stand. Zwei Jahre zuvor hatte er noch alle Hebel in Bewegung gesetzt, um seinem Sohn eine Studienerlaubnis zu verschaffen, nachdem er als „Halbjude“ unehrenhaft aus der deutschen Wehrmacht, in deren Reihen er 1939 in Polen und 1940 im Westen gekämpft hatte, entlassen worden war. Hans Leipelt hatte im Herbst 1940 zunächst in Hamburg ein Chemiestudium begonnen, mit dem nach einem Jahr jedoch wieder Schluss war. Andere Universitäten verwehrten ihm auch den Zugang. Er konnte es vor Glück kaum fassen, dass der Nobelpreisträger Prof. Heinrich Wieland (4.6.1877 – 5.8.1957), der Leiter des chemischen Instituts der Münchener Universität, sich über alle geltenden Zulassungsbestimmungen hinwegsetzte und ihm eine Möglichkeit bot, sein Studium bei ihm fortzusetzen.

Hier in München fand er im Februar 1943 das 6. Flugblatt der „Weißen Rose“, das zum Widerstand gegen das NS-Regime aufrief, in seiner Post. Zusammen mit seiner Freundin Marie-Luise Jahn schrieb er es auf einer Reiseschreibmaschine mehrfach ab. Bald schloss sich auch seine Schwester Maria dieser Aktion an.

Die Durchschläge reichten sie an gute Freunde in München und Hamburg weiter, wobei sie zugleich um eine Geldspende für Klara Huber baten. Ihr Mann Professor Kurt Huber, der zum Kern der „Weißen Rose“ gehörte, war unmittelbar nach der Hinrichtung der Geschwister Scholl und ihres Freundes Christoph Probst ebenfalls verhaftet und zugleich fristlos und unter Verlust aller Versorgungsrechte, die ihm als Beamten zustanden, aus dem Hochschuldienst entlassen worden. Seine Frau wusste nicht, woher sie das Geld nehmen sollte, um ihren Lebensunterhalt und den ihrer zwei minderjährigen Kinder zu bestreiten.

Im Oktober 1943 wurde Hans Leipelt in diesem Zusammenhang in München verhaftet. Seine Schwester ereilte dieses Schicksal einen Monat später. Im Dezember 1943 wurde dann auch seine Mutter Dr. Katharina Leipelt verhaftet. Sie beging unmittelbar nach ihrer Einweisung in das Polizeigefängnis Fuhlsbüttel in ihrer Zelle Selbstmord.
Hans und Maria Leipelt mussten lange auf ihren Prozess warten. Am 13. Oktober 1944 wurde Hans Leipelt vom Zweiten Senat des Volksgerichtshofes in der bayrischen Kreis-stadt Donauwörth zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde drei Monate später – am 29. Januar 1945 – im Gefängnis München Stadelheim vollstreckt.
Seine Schwester Maria wurde am 14. April 1945 von amerikanischen Truppen aus dem Frauengefängnis in Bayreuth befreit, bevor der Volksgerichtshof eine Woche später den Prozess gegen sie und andere Angeklagte in Hamburg eröffnet hätte.
Nach dem Zweiten Weltkrieg emigrierte sie in die USA, wo sie zunächst ihre Schullaufbahn beendete und anschließend Biochemie studierte. Danach lehrte sie als Dozentin an der Harvard University und am Massachusetts Institute of Technology. Sie war mit dem Physiker William Bade verheiratet. 1958 kam ihr Sohn Christopher Bade zur Welt. Als Maria Bade, geb. Leipelt, im September 2008 im Alter von 83 Jahren in Concord (Mas-sachusetts) starb, konnte sie auf ein bewegtes Leben zurückblicken.
Ihr Bruder Hans Leipelt ist im öffentlichen Bewusstsein der Nachwelt als Weggefährte der Männer und Frauen der „Weißen Rose“ bis heute unvergessen.

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„the show must go online“ https://www.tiefgang.net/the-show-must-go-online/ Fri, 29 May 2020 22:45:21 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=6955 [...]]]> 48h Wilhelmsburg bringt Musik, Orte und die Nachbarschaft zusammen. Auch in diesem Jahr.

Aber wie kann das auch in Zeiten einer Pandemie sicher umsetzt werden? Dieses Jahr kontaktlos via Internet, Radio und Fernsehen. Aber auch in geschlossenen Hinterhöfen und in der Weite des Deiches.

Im Fokus steht dieses Jahr das Online-Programm: The show must go online! 48h Wilhelmsburg 2020 kommt zu den Besucher*innen nach Hause. Am Festival-Wochenende wird es viele verschiedene Livestreams geben. Mit dabei sind unter anderem die Minibar, die Deichdiele und das Café Nova. Viele Musiker*innen werden außerdem aus ihren Wohnzimmern von zu Hause aus streamen.

Teil des Programmes sind außerdem Videos und Podcastfolgen, die das Bürgerhaus Wilhelmsburg aufgenommen hat. Wie immer bei 48h wurden Orte und Musiker*innen zusammengebracht: Die Konzerte und Podcasts sind deshalb nicht nur Konzertaufzeichnungen, sondern stellen immer auch den Ort vor, an dem das Konzert eigentlich hätte stattfinden sollen.

Bereits jetzt wird es bis zum 48h Wilhelmsburg Wochenende einiges zu sehen und zu hören geben: Jede Woche Mittwoch erscheint der Podcast „Listen to your neighbourhood“ und bis zum 48h Wochenende werden immer Montag bis Freitag um 20 Uhr Konzerte online auf der Festival-Website ausgestrahlt.

Es wird auch verschiedene kleine nachbarschaftliche Innenhofkonzerte geben, die allerdings nicht öffentlich zugänglich sein werden, sondern für die jeweils dort lebende Nachbarschaft bestimmt sind.

Jetzt kommt 48h Wilhelmsburg nach Hause!

„Wir haben mit einigen der Musiker*innen, die sich für 48h Wilhelmsburg 2020 beworben haben, Konzerte aufgenommen, die hier und bei TIDE TV ausgestrahlt werden!“, so die Veranstaltenden. Und weiter:

„Wie immer bei 48h wurden Orte und Musiker*innen zusammengebracht. Raum, der auch immer kultureller Ort der Elbinseln ist und nicht in Vergessenheit geraten darf. Musik, die nicht aufhören darf zu spielen. So werden sich vor dem Konzert Musiker*innen und Orte durch ein Interview vorstellen.

Wir möchten dir damit die Freude bereiten Musik aus Wilhelmsburg und von der Veddel zu genießen. Vor allem möchten wir die Musiker*innen unterstützen, die durch Corona und dem Wegfall von Konzerten starke finanzielle Einbußen haben. Wir wollen weiterhin die Vielfalt der Elbinseln in vollster Pracht präsentieren! Statt Geld im Hut oder an der Bar zu lassen, könnt ihr Musiker*innen durch das Spendenformular bei den Streams unkompliziert unterstützen! So entsteht in gewisser Weise ein waschechter 48h Moment der Begegnung und Solidarität: Nur eben Online.“

Weitergehende Informationen: 48h-wilhelmsburg

 

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Warmwasserblock Veddel https://www.tiefgang.net/warmwasserblock-veddel/ Fri, 21 Jun 2019 22:57:43 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=5453 [...]]]> Hamburg ist eine Baustelle. Altes verschwindet, Neues entsteht. Je nach Zeitgeist. Manchmal sollte man aber erst innehalten, bevor es platt gemacht wird. Unsere Serie zu Denkmälern. Heute geht´s auf die Veddel.

Stand Nov. 2018: Die Wohnsiedlung auf der Veddel entstand in den 1920er-Jahren als eines der ersten kommunalen Kleinwohnungs-Bauprojekte in Hamburg. Vorher hatte an dieser Stelle eine Siedlung mit kleinen Häusern gestanden, die von dem Hamburger Reeder Sloman errichtet worden war. Das Baugelände gehörte der Stadt, während lokale gemeinnützige Baugenossenschaften als Bauherren auftraten. Der damalige Oberbaudirektor Fritz Schumacher gab die einheitliche Gestaltung der Häuser mit roten Ziegelfassaden und flachen Dächern vor. Die einzelnen Baublöcke, die sich um einen zentralen Platz mit Schule gruppieren, wurden nach Plänen verschiedener Hamburger Architekten errichtet.

Der sogenannte „Warmwasserblock“ (1928-29 bzw. 1949) wurde von den Architekten Berg & Paasche entworfen und heißt so, weil er der erste Block in der Siedlung war, dessen Bewohner fließendes warmes Wasser aus der Leitung erhielten. Er gehörte lange der Baugenossenschaft Freier Gewerkschafter, vor einigen Jahren übernahm ihn jedoch die städtische SAGA. Der bauliche Zustand ist verhältnismäßig gut – die Keller sind trocken, die Wände dicht, allerdings sind die Heizsysteme veraltet und die Treppenhäuser mangelhaft gepflegt. Kurz vor der Sommerpause 2018 erhielten die Bewohner die überraschende Auskunft vom Bezirksamt, dass die SAGA den Abriss des voll belegten Wohnblocks plant. Der Bezirkspolitiker Klaus Lübke (SPD, Mitglied des Denkmalvereins) organisierte daraufhin eine Versammlung der Bewohner und kämpft nun mit ihnen für den Erhalt.

Der Denkmalverein geht davon aus, dass die Kulturbehörde den Warmwasserblock in naher Zukunft als Teil des Siedlungsensembles unter Schutz stellen muss. Die Wohnsiedlung auf der Veddel gehört zu den wichtigsten Bauvorhaben Schumachers im Bereich des reformierten Wohnungsbaus. Sie ist trotz großer Kriegszerstörungen bis heute in ihrer architektonischen Einheitlichkeit erhalten und hat zweifelsfrei eine hohe geschichtliche und künstlerische Bedeutung.

Die Serie erfolgt mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung des Denkmalvereins.

Quelle: www.denkmalverein.de

 

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Solidarische Veddel https://www.tiefgang.net/solidarische-veddel/ Fri, 10 Aug 2018 22:07:08 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=3964 [...]]]> Was hat die Veddel mit New York oder Toronto gemein? Eine Menge, sagen die Aktivist*innen von „New Hamburg“ und starten nach dem Sommer mit dem bereits 5. Festival …

Zur fünften Projektspielzeit und zum 250-jährigen Jubiläum der Veddel lädt NEW HAMBURG zu einem Festival ein. Unter dem Titel „SoliPolis“ erforscht das Projekt vom 15. bis 30. September gemeinsam mit Initiativen, Aktivist*innen, Kunst- und Kulturschaffenden sowie weiteren Partner*innen von der Veddel, aus Hamburg und Deutschland weltweit diskutierte Ideen und Konzepte einer „Solidarischen Stadt“.

Paulina Neukampf entwickelt in der Veddeler Kneipe „Zonck“ ein Stück zu Arbeitswelten und sozialen Rückzugsorten. In einer Tanz-Performance beschäftigt sich Sayouba Sigué mit der Frage des Alterns in verschiedenen gesellschaftlichen Strukturen. Der junge Regisseur und Schauspieler Dor Aloni erarbeitet eine Inszenierung zur Situation des Dazwischen und befragt hierzu unter anderem Menschen ohne Ausweispapiere und Staatenlose. Der Schau- und Puppenspieler Oscar Olivo choreografiert eine Parade der Puppen, die Visionen der Veddeler*innen erzählt. Das „Institut für Grauzonen“ recherchiert rechtliche Spielräume. Max Weydringer und die Nachbarschaftsgruppe „minigolf productions“ gestalten einen Parcours, der den Stadtteil und seine Themen spielerisch erkundet.

Und natürlich ist NEW HAMBURG nicht ohne Musik, ohne Essen, ohne Feiern, ohne verbindendes Zusammensein zu denken.

New York, Toronto, Veddel – zwei Wochen Theater, Performance, Installation, Musik, Diskurs und Begegnung. Wir erklären die Veddel zur Solidarischen Stadt“, ist die Headline, mit der geworben wird.

In »SoliPolis« ziehen die Projektmachenden Zwischenbilanz aus über vier Jahren auf der Elbinsel. Sie thematisieren Barrieren, strukturelle Probleme, Ausschlüsse und besorgniserregende gesellschaftliche Entwicklungen, mit denen viele Bewohner*innen der Veddel täglich konfrontiert seien: Wie lebt es sich in einem Stadtteil ohne Drogerie und Apotheke? Wie fühlt es sich an, jeden Monat zur Ausländerbehörde zu müssen – seit über 20 Jahren? Wie muss ein Nachname klingen, um eine Wohnung zu bekommen? Wer bestimmt, was wessen Arbeit wert ist? Mit welcher Hautfarbe werde ich kontrolliert und mit welcher nicht? – Und es soll für die Zukunft inspirieren: Unter dem Schlagwort sogenannter „Solidarity Cities“ erproben Zivilgesellschaft und politische Entscheidungsträger*innen in New York, Toronto, in Barcelona, Zürich und zahlreichen weiteren Städten kommunalpolitische Lösungen, die bereits erfolgreich solidarische Prinzipien in den Mittelpunkt stellen. Für eine solche Entwicklung in der Hansestadt ist das NEW-HAMBURG-Festival »SoliPolis« nur einer von vielen Auftakten unterschiedlicher Lokal-Akteur*innen.

Im Anschluss schwärmen die Ideen für eine neue Gesellschaft mit der bundesweit organisierten »We’ll Come United«-Parade ins Zentrum und mit NEW HAMBURG in den MalerSaal aus, wo es im Oktober zu einer Werkschau kommen wird.

In der gesamten Spielzeit 2018– 19 lädt NEW HAMBURG mit vielen weiteren Akteur*innen dazu ein, die „Solidarische Stadt“ real werden zu lassen. Gemeinsam denken wir darüber nach, wer an welchen Stellen abgeben muss, wer welche Entscheidungen trifft, wo wir radikal anders handeln und uns verbünden müssen: In Theatersesseln und auf der Bühne, auf Kirchenbänken und auf der Kanzel, in der Bürgerschaft, im Wohnzimmer und auf der Straße.

Nähere Informationen zum Programm folgen.

Quelle: new-hamburg.de

Hintergrund:

NEW HAMBURG arbeitet seit 2014 als Kooperationsprojekt des Deutschen Schauspielhauses Hamburg und des Ev.-Luth. Kirchenkreises Hamburg-Ost sowie der lokalen Kirchengemeinde im und mit dem Stadtteil Veddel. Hier entstehen regelmäßig künstlerische und diskursive Veranstaltungsformate, die die Themen, Probleme, Ideen und Bedarfe vor Ort aufnehmen und sichtbar machen. Ein großes Anliegen ist allen NEW HAMBURG-Angeboten, dass Menschen in Verbindung gebracht werden, die sonst vielleicht nicht oder nur selten zusammenkommen: Alteingesessene und Geflüchtete, Festland- und Inselbewohner*innen, u. v. m.  Beheimatet in der Evangelisch-Lutherischen Immanuelkirche und den angrenzenden Gemeinderäumlichkeiten inmitten eines von Migration und somit von vielen Religionen geprägten Stadtteils, ist NEW HAMBURG täglich mit dem andauernden Umbruch unserer Gesellschaft konfrontiert: Während der evangelische Sonntagsgottesdienst zurzeit eher die Ausnahme im klassischen Repertoire des Ortes darstellt, werden die Räume für kulturelle, gastronomische und soziale Angebote auch von NEW HAMBURG genutzt und so von einem diversen Publikum rege besucht. Aus dieser Arbeit entstand und entsteht noch immer ein Ort, der von Herzlichkeit, vertrauensvollem Miteinander, von Gastfreundschaft und unvorhersehbaren Begegnungen geprägt ist – ein Ort, der von unterschiedlichsten Besucher*innen als außergewöhnlich wahrgenommen wird und immer wieder besondere Momente erlebbar werden lässt.

2017 wurde NEW HAMBURG mit dem Sonderpreis „Kultur öffnet Welten“ der Kultur- und Staatsministerin Prof. Monika Grütters ausgezeichnet.

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Das Schauspiel der Veddel https://www.tiefgang.net/das-schauspiel-der-veddel/ Fri, 13 Jul 2018 22:20:50 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=3886 [...]]]> Die Kulturstiftung des Bundes hat im ersten Halbjahr 2018 die Förderung von zehn neuen Projekten u.a. auf der Veddel in Hamburg bewilligt hat. Insgesamt stehen 2,2 Mio. Euro bereit. 

Die Kirchengemeinde Veddel wurde für das Begegnungsprojekt „New Hamburg“ in Kooperation mit dem Deutschen Schauspielhaus schon öfter gewürdigt. Jetzt aber ist die einst ungenutzte Immanuel-Kirche auf der Veddel zum kulturellen Hot Spot geworden und wird auch von der Kulturstiftung des Bundes für ein Projekt mit dem Deutschen Schauspielhaus gefördert.

In der Mitteilung der Stiftung heißt es:

„Die interdisziplinäre Jury der antragsgebundenen Allgemeinen Projektförderung hat auf ihrer letzten Sitzung folgende drei Förderprojekte ausgewählt:

  • Das Performancekollektiv Hajusom versteht sich als transkulturelles Ensemble von Künstlern und Künstlerinnen aus Ländern wie z.B. Burkina Faso, Iran, Afghanistan, Nigeria, Chile oder Mali. Als Auftakt eines dreijährigen Themenzyklus beschäftigt sich Hajusoms neue, mit 160.000 Euro geförderte Produktion „AZIMUT“ mit den Themen Kolonialismus und Erinnerung sowie mit der kritischen Untersuchung postkolonialer Verstrickungen. Die Performerinnen von Hajusom bespielen einen Parcours, durch den sich der Zuschauer frei bewegen kann, mit musikalischen und performativen Soli, Reenactments und choreografierten Sequenzen.
  •  Die mit 130.000 Euro geförderte Performancereihe „Porca Miseria“ des New Yorker Choreografen Trajal Harrell porträtiert auf Kampnagel drei prominente Frauenfiguren und ihre sozialen Milieus in je eigenen Stücken: die Protagonistin Maggie aus Tennessee Williams’ Theaterstück „Die Katze auf dem heißen Blechdach“, die tragische Frauengestalt Medea aus der griechischen Mythologie sowie die Tänzerin und Choreografin Katherine Dunham. Thematisch setzt sich Harrell in allen drei Stücken intensiv mit den Themen Familie und Gewalt sowie mit der Frage auseinander, wie eine Gesellschaft Menschen integriert oder ausgrenzt.
  • Das Kulturzentrum Kampnagel Hamburg richtet in Kooperation mit dem Kunstverein Hamburg die erste Einzelausstellung der Künstlerin Peaches aus, die einen Überblick über deren umfangreiches Schaffen gibt und dies wissenschaftlich kontextualisiert. Die Musikerin, Producerin und Performerin Peaches besitzt Kultstatus. Mit ihrer radikalen und subversiven Arbeit findet sie in der Subkultur und der internationalen Kunstwelt ebenso viel Anklang wie im Mainstream-Pop. Das mit 170.000 Euro geförderte Projekt spiegelt im Rahmen des Internationalen Sommerfestivals auf Kampnagel die Vielseitigkeit von Peaches’ experimentellen Bühnenwerken.

Mit 360° – Fonds für Kulturen der neuen Stadtgesellschaft unterstützt die Kulturstiftung des Bundes Kultureinrichtungen aller Sparten darin, Programm, Publikum und Personal zu entwickeln und zu erweitern, um kulturelle Vielfalt in den Institutionen zu stärken. Im Fonds 360° wurden seit Jahresbeginn insgesamt 720.000 Euro für Projekte des Museums für Völkerkunde und der Bücherhallen Hamburg bewilligt.

Mit dem Theaterfonds „Doppelpass“ fördert die Kulturstiftung des Bundes Kooperationen von freien Gruppen und festen Tanz- und Theaterhäusern. Im Fonds Doppelpass werden Kooperationsprojekte der Plattform Irrreality.tv, des Deutschen Schauspielhauses und von Kampnagel mit Fördergeldern in Höhe von insgesamt 720.000 Euro ausgestattet.

Um einhundert Jahre nach der Gründung des Bauhaus ein bundesweites Signal für dessen zeitgenössische Relevanz zu setzen, richtete die Kulturstiftung des Bundes im Rahmen des Programms „Bauhaus 2019“ unter anderem den antragsoffenen Fonds Bauhaus heute ein. Für ihre Projektvorhaben im Rahmen des Fonds Bauhaus heute erhalten das Museum für Kunst und Gewerbe sowie der Kirchenkreis Hamburg-Ost gemeinsam mit dem Deutschen Schauspielhaus und der Kirchengemeinde Veddel insgesamt 363.000 Euro.“ 

Quelle: www.kulturstiftung-bund.de

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Hier geht´s bunt zu! https://www.tiefgang.net/hier-gehts-bunt-zu/ Fri, 24 Nov 2017 23:37:59 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=2598 [...]]]> Die Welt ist bunt und rund. Wilhelmsburg und die Veddel aber schlagen alles. Wie sehr belegt nun eine Studie.

Das ist ein Ergebnis einer Untersuchung, die das infas-Institut für angewandte Sozialwissenschaft im Auftrag der Körber-Stiftung durchgeführt hat. In Auftrag gegeben hatte die Untersuchung die Hamburger Körber-Stiftung und entstanden ist ein „Superdiversitäts-Index“. Der zeigt, wie bunt es wo in Hamburg zu geht.

In der Pressemitteilung heißt es:

„Wilhelmsburg und Veddel sind Hamburgs Stadtteile mit der höchsten Diversität. Nicht nur weil hier viele Menschen mit Migrationshintergrund leben, sondern auch, weil die Wilhelmsburger sich hinsichtlich Alter, Kaufkraft und Religionszugehörigkeit stark voneinander unterscheiden und weil in Veddel Menschen verschiedenster politischer Präferenz leben.

Der neu entstandene »Superdiversitäts-Index« zeigt auf einer Karte, wie vielfältig Hamburgs Stadtteile sind. Dafür wurde nicht nur die Verteilung von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund erfasst, sondern der Begriff Diversität um die Faktoren Alter, Kaufkraft, Religion und Parteienpräferenz erweitert.

Unsere Gesellschaft wird immer diverser, und zwar nicht nur durch Zuwanderung, sondern durch die Emanzipation einzelner Gruppen oder den Trend zur Individualisierung. „Die Menschen unterscheiden sich hinsichtlich ethnischer Zugehörigkeit, Kultur, Religion genauso wie in Lebensstilen und Familienmodellen – die Vielfalt wächst in allen Dimensionen, die homogenen Mehrheiten schwinden“, sagt Jonathan Petzold, Programm-Manager bei der Körber-Stiftung. „Mit dem Superdiversitäts-Index versuchen wir, diese Entwicklung abzubilden und die unterschiedlichen Dimensionen von Vielfalt zu berücksichtigen.“

Jonathan Petzold (Foto: Körber-Stftg.)

„Wie vielfältig eine Stadt ist, drückt sich nicht nur in der Herkunft ihrer Bewohner aus. Gerade in einer Metropole wie Hamburg treffen Menschen aus unterschiedlichen Regionen Deutschlands und der Welt aufeinander und bringen die unterschiedlichsten Einstellungen und Lebensstile mit“, sagt Melanie Leonhard, Senatorin für Arbeit, Soziales, Familie und Integration der Freien und Hansestadt Hamburg. „Mit der Untersuchung zur Superdiversität blickt die Körber-Stiftung aus einer neuen Perspektive auf unsere Stadt. Sie zeigt, dass wir Vielfalt auch in Stadtteilen finden, an denen wir sie nicht unbedingt erwarten. Das macht Hamburg spannend.“

Im bundesweiten Vergleich zeigt sich, dass der Stadtstaat Hamburg das Bundesland mit der höchsten Diversität ist, vor Bremen und Berlin. „Superdiversität gehört zum Wesen einer Großstadt und ist Teil ihrer Attraktivität“, so auch Jonathan Petzold. Sie kann bereichernd sein, wenn sie nicht zu Segregation und Spaltung führt, sondern eine Kultur des Mit- und Füreinander bedeutet. Darum gilt es, den Blick zu öffnen für alle Aspekte von Vielfalt, um dann die Rahmenbedingungen zu schaffen für ein Leben nicht gegen- oder nebeneinander, sondern miteinander.“

Quelle: koerber-stiftung.de

Die Ergebnisse wurden erstmals beim Körber Demografie-Symposium mit dem Titel »Heimat in der superdiversen Stadt« Mitte November 2017 vorgestellt. Dieses bereits 8. Körber Demografie-Symposium begleitet lokale Akteure aus der Verwaltung und Zivilgesellschaft dabei, Vielfalt zu gestalten und darüber hinaus die Potenziale gesellschaftlicher Diversität strategisch zu nutzen. „Der Blick auf Städte wie Toronto, Malmö oder Mannheim zeigt: Diversität kann eine gute Folie für eine neue Stadterzählung sein. Ein Narrativ, das nicht die Unterschiede, sondern die gemeinsame Heimat betont. Wie wird die Stadt zur Heimat aller? Was ist Heimat im 21. Jahrhundert – und wie führt man in einer »superdiversen« Stadt? Auch kritische Fragen werden auf dem Symposium diskutiert, z.B. wo Vielfalt zur Verunsicherung führt oder was sozialen Zusammenhalt bedroht“, hieß es zur Einladung.

Studie zum Download: Koerber-Stiftung_Broschuere__Superdiverse_Stadt.pdf

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Tod kurz vor Kriegsende https://www.tiefgang.net/tod-kurz-vor-kriegsende/ Fri, 06 Oct 2017 22:28:43 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=2226 [...]]]> Sie kam aus gutem Haus, heiratete einen Staatsrat und hätte nicht nur ihre Kindheit glücklich verbringen können. Aber sie war Jüdin.

Alice Weilová, geb. Kaufmanová, wurde am am 6. Juli 1902 in Kostelec tnad Orlicí (Adlerkosteletz) geboren. Die böhmische Stadt, in der Alice Kaufmanová kurz nach der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert als Tochter ihrer jüdischen Eltern Arnold Kaufman und Irene Kaufmanová geboren wurde, gehörte vor dem Ersten Weltkrieg noch zum Kaiserreich Österreich-Ungarn. Dass diese Monarchie ein Vielvölkerstaat war, spiegelte sich auch in der Familie Kaufman wider, Arnold Kaufman war Ungar, seine Frau Österreicherin und seine Tochter Tschechin.

Alice Kaufmanovás Vater war zusammen mit seinem Bruder Inhaber einer kleinen, aber sehr erfolgreichen Fabrik für Damenschuhe. Ihre Eltern wohnten in einer stattlichen Villa, die auch entsprechend eingerichtet war. Hier am Rande des Adlergebirges verbrachte das Mädchen eine glückliche Kindheit, an die sie sich später immer wieder gern erinnerte. 1924 starb ihr Vater, ein schmerzhafter Verlust für alle.

Sie heiratet einen Staatsrat

1925 heiratete Alice Kaufmanová im Alter von 23 Jahren den Sohn eines jüdischen Staatsrates im tschechoslowakischen Verkehrsministerium Oskar Weil. Er war zwei Jahre älter als sie und Beamter im Dienst der tschechoslowakischen Eisenbahngesellschaft. Die beiden Jungvermählten bezogen eine bescheidene Wohnung in der tschechoslowakischen Hauptstadt, wo 1927 ihre Tochter Eva zur Welt kam und anschließend ihre ersten Lebensjahre verbrachte. Obwohl in der Wohnung nicht viel Platz war, fand ihr Vater noch eine Ecke für seinen Bücherschrank und ihre Mutter noch eine Lücke für ihr Klavier.

Jüdische Religion spielte kaum eine Rolle

Die jüdische Religion spielte im Leben der Familie Weil keine besondere Rolle. Sie feierte sowohl die jüdischen als auch die christlichen Feste, und zu ihrem Freundeskreis gehörten Juden und Nicht-Juden. Auch Eva Weilová fühlte sich in ihrer Klasse in keiner Weise weder von den Lehrerinnen und Lehrern noch von den Mitschülerinnen und Mitschülern ausgegrenzt.

Die heile Welt zerbrach, als Truppen der deutschen Wehrmacht am 15. März 1939 in Prag einmarschierten. Mit der Errichtung des „Protektorats Böhmen und Mähren“ begann die Verfolgung der dort lebenden jüdischen Bevölkerung. Es dauerte nicht lange, bis alle jüdischen Einwohnerinnen und Einwohner aufgefordert wurden, sich registrieren zu lassen. Ebenso schnell wurden alle Jüdinnen und Juden aus dem öffentlichen Dienst entlassen, wovon auch Oskar Weil nicht verschont blieb. Kurzfristig fand er in einem Reisebüro eine neue Anstellung, und als er auch diesen Arbeitsplatz verlor, wurde die Not der Familie immer größer. Die Gelegenheitsarbeiten, mit denen er die Tätigkeit der Jüdischen Gemeinde in zunehmendem Maße unterstützte, konnten nichts daran ändern.

Stolperstein v. Alice Weilowa (Foto: Hinnerk11)

Auch Eva Weilová war von den judenfeindlichen Anordnungen der Besatzer betroffen. Im Sommer 1940 wurde ihr – wie allen anderen jüdischen Kindern und Jugendlichen – der weitere Besuch einer öffentlichen Schule untersagt. Dieses Verbot versperrte ihr nicht nur den Weg zur Bildung, sondern erschwerte ihr auch den unbekümmerten Zugang zu gleichaltrigen Kindern. Doch sie hatte das große Glück, dass viele Klassenkameradinnen und auch eine Lehrerin weiterhin zu ihr hielten und sich – trotz zunehmender Gefahr – nicht zurückzogen. Sie trafen sich auch unter erschwerten Umständen mit ihr und schreckten nicht vor dem Risiko zurück, sie zu gemeinsamen Theater- und Konzertbesuchen einzuladen, bei denen alle Beteiligten viel riskierten. Dass eine Lehrerin zu denen zählte, die sich unerschrocken über alle Kontaktverbote hinwegsetzten, wussten Eva – und vor allem ihre Mutter – ganz besonders zu schätzen.

Der gelbe Stern

In schneller Folge wurden weitere Gesetze und Verordnungen verkündet, die die Existenzgrundlagen der jüdischen Bevölkerung in Böhmen und Mähren in zunehmendem Maße zerstörten. Die Zahl der Berufsverbote erhöhte sich, und die Lebensmittelzuteilungen wurden in immer kürzeren Abständen reduziert. Viele jüdische Mieter mussten ihre Wohnungen verlassen und in kleinere Wohnungen, die sich in jüdischem Besitz befanden, umziehen. Außerdem wurden nach und nach nicht nur alle Radiogeräte und Telefonapparate, sondern auch Plattenspieler und Pelzmäntel beschlagnahmt. Theater- und Kinobesuche waren bald ebenso wenig erlaubt wie der Aufenthalt in Restaurants und Schwimmbädern. Ab 1. September 1941 galt für alle Jüdinnen und Juden, die im Protektorat lebten, die Kennzeichnungspflicht mit dem `Gelben Stern´.

Trennung von Kind und Eltern

Einen Monat später begannen die Deportationen nach Lodz und Theresienstadt. Am 6. März 1943 mussten auch Oskar Weil sowie Alice und Eva Weilová ihre Wohnung in Prag verlassen und einen Zug besteigen, der sie zunächst nach Bauschowitz (Bohusovice) brachte. Anschließend legten sie – beladen mit jeweils 50 kg Gepäck – einen ca. 3 km langen Fußmarsch ins Getto Theresienstadt zurück. An diesem Ort kamen Oskar Weil und seine Frau mit ihrer Tochter in zwei getrennten Kasernen unter. Nach einiger Zeit zog Eva Weilová in das Mädchenheim des Gettos.  Sie kam mit den widrigen Gegebenheiten dieses Ortes besser zurecht als ihre Eltern. Vor allem ihre Mutter fand sich mit den veränderten Lebensumständen – und speziell der Auflösung der Familie – nur schwer ab. Unter der räumlichen Trennung von Mann und Tochter und dem nicht weniger schmerzhaften Verlust jeglicher Privatsphäre sowie der quälenden Ungewissheit über die Zukunft litt sie noch mehr als unter dem ständigen Hunger.

Auschwitz-Birkenau

Das Getto Theresienstadt war nicht zuletzt auch für Oskar Weil und Alice und Eva Weilová – wie für viele andere – nur eine Zwischenstation. Die Transporte in die Vernichtungslager im Osten gehörten zum Alltag dieses Ortes.
Am 18. Dezember 1943 mussten auch sie sich einem Transport in den Osten anschließen, ohne zu wissen, wohin die Reise ging. Doch schon die Umstände des Transports in völlig überfüllten Viehwagen, in denen die Menschen so dicht zusammengedrängt waren, dass sie einander auf die Füße traten und in denen es kein Wasser und keine Latrinen gab, ließen nichts Gutes ahnen. Als die Türen der Güterwagen zwei Tage später aufgerissen wurden, erfuhren sie, dass sie sich in Auschwitz-Birkenau befanden.

Nr. 73.671

Nach ihrer Ankunft wurden sie zusammen mit 1.137 Männern und Jungen, die die Nummern 169.969 bis 171.105 erhielten, sowie 1.336 Frauen und Mädchen, die mit den Nummern 72.435 bis 73.700 gekennzeichnet wurden, in das Theresienstädter Familienlager des Lagerabschnitts B II geführt. Hier war Alice Weilová ab sofort nur noch Häftling Nr. 73.671 und Eva Weilova nur noch Häftling Nr. 73.672.

Dieses Sonderlager war ein gigantisches Täuschungsmanöver, mit dem die nationalsozialistischen Machthaber allen Spekulationen über die wahre Funktion des Lagers Auschwitz-Birkenau, die in der internationalen Öffentlichkeit im Umlauf waren, entgegentreten wollten. Die Neuankömmlinge wurden bei ihrer Ankunft keiner Selektion unterzogen. Stattdessen wurden sie am nächsten Morgen in die „Sauna“ geführt, wo sie sich ausziehen und alles abgeben mussten. Nach dem Duschen bekamen sie neue Wäsche, die eher einer Lumpensammlung glich. Anschließend belegten sie, getrennt nach Geschlecht, unterschiedliche Baracken, die aber nicht weit voneinander entfernt waren. Sie schliefen auf Strohsäcken in dreistöckigen Pritschen, die sich oft mehr als drei Personen teilen mussten. Im Unterschied zu den anderen Insassen des Lagers zogen sie nicht täglich zur Arbeit aus. Nur hin und wieder mussten sie vor Ort sinnlos Steine von einer Stelle zur anderen tragen und dann wieder zurückbringen und bei Wind und Wetter zu oft stundenlangen Appellen antreten, die vor allem die älteren Menschen zermürbten.

Doch schon bald erkannten sie, was sich in Auschwitz-Birkenau tatsächlich abspielte. Spätestens am 9. März 1944, als 3.791 jüdische Häftlinge des Theresienstädter Familienlagers in den Krematorien II und III ermordet wurden, wurde ihnen ihre Situation bewusst.
Am 2. Juli 1944 mussten alle noch im Theresienstädter Familienlager verbliebenen Männer zwischen 16 und 50 Jahren sowie alle Frauen zwischen 16 bis 40 Jahren zu einer Selektion antreten. In deren Verlauf suchte der berüchtigte KZ-Arzt Josef Mengele 2.000 Frauen und 1.000 Männer aus, die er für noch arbeitsfähig hielt und die demnächst außerhalb der Lagers zum Arbeitseinsatz kommen sollten. Zu diesen Häftlingen zählten Oskar Weil und Alice und Eva Weilová. Die anderen Insassen des Theresienstädter Familienlagers wurden bald danach in die Gaskammern von Auschwitz-Birkenau getrieben.

Zug nach Veddel

Nachdem monatelang nur vollbesetzte Züge aus Mittel- und Westeuropa im Lager Auschwitz angekommen waren, dürfte die Nachricht, dass vollgepackte Züge Auschwitz-Birkenau neuerdings auch in umgekehrter Richtung verließen, zunächst wie ein Märchen geklungen haben. Oskar Weil gelangte im Juli 1944 mit einem Transport in das Nebenlager Schwarzheide in Brandenburg, einer Außenstelle des KZ Sachsenhausen, und Alice und Eva Weilová verließen Auschwitz mit einem Transport, der für das Frauenlager Dessauer Ufer, einer Außenstelle des KZ Neuengamme, im Hamburger Stadtteil Veddel bestimmt war. Hier kamen die jüdischen Frauen und Mädchen in einem freigeräumten Lagerhaus unter. In einem großen Saal standen Doppelstockbetten, in denen sie schliefen, und Tische und Bänke, an denen sie aßen und tranken. Auch Waschgelegenheiten und eine Toilette fehlten nicht. Ihre Arbeitsplätze lagen im Hamburger Hafen. Gearbeitet wurde an sechs Tagen der Woche.

KZ-Außenlager Neugraben

Zwei Monate später wurden sie von dort zusammen mit 498 Frauen in das KZ-Außenlager Neugraben am Falkenbergsweg im Hamburger Süden verlegt. Im Umfeld des Lagers kamen die Frauen beim Bau von Behelfsheimen, beim Ausheben eines Panzergrabens, bei der Trümmerbeseitigung und beim Schneeschieben zum Einsatz. Als sie im Februar 1945 erneut verlegt wurden, war Alice Weilovás Körper inzwischen so geschwächt, dass er den starken physischen und psychischen Belastungen des Lagerdaseins nicht mehr gewachsen war. Kurz vor der Räumung des KZ-Außenlagers Tiefstack und dem Abtransport ihrer Tochter und der anderen Häftlingsfrauen in das als Auffanglager dienende KZ Bergen-Belsen in der Lüneburger Heide schloss Alice Weilová für immer die Augen. Vergebens hatte ihre Tochter an ihrem Totenbett versucht, ihr Trost und Kraft zu spenden.

Die Tochter Eva Weilová wurde zehn Tage später an dieser letzten und furchtbarsten Station ihrer Lagerodyssee – zwischen Bergen von Leichen – von britischen Truppen befreit. Im November 1945 kehrte sie nach einem längeren Genesungsaufenthalt in Schweden in ihre Heimatstadt Prag zurück. Die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit ihrem Vater erfüllte sich nicht. Stattdessen musste sie eines Tages die traurige Nachricht vernehmen, dass er den Todesmarsch der Häftlinge im Zuge der Räumung des KZ-Außenlagers Schwarzheide in den letzten Kriegstagen nicht überlebt hatte.

Zu den Menschen aus Eva Weilovás Familie, die den Holocaust nicht überlebten, zählen nicht nur ihre Eltern, sondern auch nahezu alle anderen Verwandten. Bei ihrer Rückkehr nach Prag gab es nur ein Wiedersehen mit einer Großmutter und einer Tante.

© Klaus Möller

Quellen: Yad Vashem. The Central Database of Shoa Victims´ Names: www.yadvashem.org; Häftlingsliste des Lagers Theresienstadt. Theresienstädter Gedenkbuch; KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Interview mit Eva Keulemansova, geb. Weilova, vom 5.5.2011; Danuta Czech, Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939–1945, Reinbek 1989; Alfred Gottwald, Diana Schulle, Die `Judendeportationen´ aus dem Deutschen Reich 1941–1945, Wiesbaden 2005, Karl-Heinz Schultz, Das KZ-Außenlager Neugraben, in: Jürgen Ellermeyer, Klaus Richter, Dirk Stegmann (Hrsg.), Harburg. Von der Burg zur Industriestadt, Hamburg-Harburg 1988, S. 493ff; Hans Ellger, Zwangsarbeit und weibliche Überlebensstrategien. Die Geschichte der Frauenaußenlager des Konzentrationslagers Neuengamme 1944/45, Berlin 2007 Karl-Heinz Schultz, Das Barackenlager am Falkenbergsweg 1936–1976. Entstehung – Nutzung – Ende, in: Peter de Knegt, Olinka. Eine Freundschaft, die im Krieg begann, Hamburg 2012.

(leichte Überarbeitung für ´Tiefgang` v. Heiko Langanke)

Standort: google/maps

Weiterführende Links: stolpersteine-hamburg.de und www.gedenken-in-harburg.de

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Tod auf der Insel Kos https://www.tiefgang.net/tod-auf-der-insel-kos/ Fri, 22 Sep 2017 22:02:25 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=2160 [...]]]> Als Sozialdemokrat war Ärger mit den Nationalsozialisten täglich und vorprogrammiert. Der Widerstand aber blieb. Der Tod kam kurz vor Kriegsende und in Griechenland: Otto Lang.

Otto Ernst Lang wurde am 30. Jan. 1908 geboren, stammte aus einer sozialdemokratischen Familie und schloss sich selbst früh der Sozialistischen Arbeiterjugend an. Am 8. Oktober 1924 trat er in die Jugendgruppe Hamburg des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold ein und war in den Folgejahren auch in der SPD in Rothenburgsort aktiv.

Der Schwerpunkt der Parteiarbeit in Rothenburgsort lag seit Ende der 20er Jahre in der Auseinandersetzung mit Nationalsozialisten und Kommunisten. Die Gruppe um Fritz von Hacht, Helmuth Weidt, Franz Wendt und Otto Lang las nationalsozialistische Schriften wie Hitlers „Mein Kampf“ und verfasste Flugblätter gegen die drohenden Gefahren des braunen Terrors. Handfeste Konfrontationen zählten zum politischen Tagesgeschäft.

Konfrontationen zählten zum Tagesgeschäft

Selbst arbeitslos engagierte sich Otto Lang Anfang der 30er Jahre in der Erwerbslosen-Selbsthilfe Groß-Hamburg e.V.. Auch nach der Gleichschaltung der Erwerbslosen-Selbsthilfe im Jahr 1933 blieb der Verein weiterhin ein Treffpunkt für Mitglieder der nun verbotenen SPD.

Mit seinen Weggefährten setzte Otto Lang die politische Arbeit in der Illegalität fort. Sie trafen sich regelmäßig und aus Sicherheitsgründen umschichtig in ihren jeweiligen Wohnungen, um die politische Lage zu diskutieren, Flugblätter zu entwerfen und ihre Verteilung zu organisieren. Die Gruppe unterhielt Kontakte zu anderen sozialdemokratischen Widerstandsgruppen in Hamburg und Umgebung. Ein Großteil des Widerstandsmaterials wurde aus Dänemark eingeschleust, wo geflohene Sozialdemokraten versuchten, den Widerstand der einzelnen Gruppen gegen den Nationalsozialismus zu aktivieren und zu koordinieren.

Denunziation

Aufgrund einer Denunziation flog die Gruppe dann aber am 5. Februar 1935 auf. Fritz von Hacht, Helmut Weidt, Franz Wendt und Otto Lang wurden verhaftet und im Konzentrationslager Fuhlsbüttel interniert. Die Gestapo, die nach der Verhaftung Langs die Wohnung der Familie nach illegalen SPD-Schriften durchsuchte, entdeckte zur Erleichterung der Ehefrau nicht die unter dem Wohnzimmertisch befestigte Druckmaschine, mit der viele Flugblätter hergestellt worden waren.

Otto Ernst Lang © Archiv Helga Roepert

Während die Gestapo nach eingehenden Ermittlungen wegen des Verdachts „den organisatorischen Zusammenhalt der SPD aufrecht erhalten zu haben“ Otto Lang am 30. April 1935 wieder frei ließ, verurteilte das Gericht die anderen drei Widerstandskämpfer zu Gefängnisstrafen. Am 16. Oktober 1935 verhaftete die Gestapo aber Otto Lang erneut. Eine weitere sozialdemokratische Widerstandsgruppe war zerschlagen worden und in diesem Zusammenhang war auch der Name Otto Langs gefallen. Zusammen mit sechs weiteren Angeklagten – zu denen Otto Lang jedoch in keinerlei Verbindung stand – erhob die Staatsanwaltschaft wiederum den Vorwurf „durch das Vertreiben hochverräterischer Schriften“ das Verbot der SPD zu unterlaufen. Im Prozess gab Otto Lang zu, etwa 25 bis 30 Exemplare der sozialdemokratischen Zeitung „Sozialistische Aktion“ an den schon verurteilten Franz Wendt weitergereicht zu haben.

Aufgrund dieser Tätigkeit verurteilte das Hanseatische Oberlandesgericht Otto Lang wegen Vorbereitung zum Hochverrat am 19. Dezember 1935 zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus mit Ehrverlust. Lang wurde in das Konzentrationslager Börgermoor/Ems eingeliefert. Am 19. Januar 1938 kam Otto Lang wieder frei, nachdem er unterschrieben hatte, nichts über die Haftbedingungen in Börgermoor verlautbaren zu lassen.

Bewährungsbataillon 999

Während der Haftzeit erhielt die Ehefrau Otto Langs, Senta Lang, keinerlei staatliche Unterstützung für sich und ihre Tochter Helga. Außerdem ruhte die Krankenversicherung, so dass alle anfallenden Krankheitskosten privat bezahlt werden mussten. Die Behörden offerierten ihr, sich von ihrem Mann scheiden zu lassen, um ihre Situation zu verbessern. Senta Lang bestritt den Lebensunterhalt in dieser Zeit als Wäscherin und Putzfrau. Sie unterlag der Überwachung durch die Gestapo und musste sich einmal wöchentlich bei der Polizei melden. Besucher der Familie wurden offen von der Gestapo beschattet.

Foto: NordNordWest

Nach der Haftentlassung fand Otto Lang von 1938 bis 1942 Arbeit als Monteur bei der amerikanischen Firma International Harvester Company, die in Hamburg landwirtschaftliche Maschinen fertigte. Hier arbeiteten mehrere Regimegegner. Am 3. Dezember 1942 zog die Wehrmacht Otto Lang als „wehrunwürdigen“ Soldaten ein und wies ihn ins ´Bewährungsbataillon 999` ein. Im Laufe des Jahres 1943 wurde das Bataillon auf die griechische Insel Kos verlegt. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges ertrank Otto Lang beim Versuch, gemeinsam mit einem Kameraden per Floß von der Insel zu fliehen.

© Christel Oldenburg

Quelle: Privatarchiv Helga Roepert (Prozessakten, Familienunterlagen u.a.), Interview Helga Roepert am 7.Juni 2001

 (leichte Überarbeitung für ´Tiefgang` v. Heiko Langanke)

Standort: googlemaps

Weiterführende Links:

stolpersteine-hamburg.de; verfolgte.spd-hamburg.de; www.gedenken-in-harburg.de

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Geschichte liegt auf den Straßen https://www.tiefgang.net/geschichte-liegt-auf-den-strassen/ Sat, 08 Jul 2017 06:24:45 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=1546 [...]]]> Jeden Tag nutzen wir sie, googeln nach ihnen und verabreden uns in ihnen. Doch warum manche Straße ihren Namen trägt, fragen wir uns selten. Die Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg schon. Nun erschien ein Buch dazu …

Was erzählen Straßennamen? Dieser Frage gingen die Leute aus de Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg nach und stießen auf allerlei Dubioses. Jugendstilgiebel, stuckverzierte Fassaden, in den Eingängen farbige Kacheln mit maritimen Motiven: das ist die Fährstraße im Wilhelmsburger Nordwesten – plötzlich durchschnitten von einem Deich. Wie kam das? Geschichte liegt auf der Straße! Man muss sie nur aufheben. Auf den Elbinseln Wilhelmsburg und der Veddel sind es ungeheuer viele Geschichten. Das unterscheidet sie von fast allen Hamburger Stadtteilen.

Das Kuriose

Kaum zu glauben, Passierzettel soll eine Straße sein? Aber es stimmt. Dahinter steht eine fast vergessene Geschichte das Hamburger Hafens:  Passierzettel heißt eine kleine Straße auf der Veddel – ein Hinweis auf die direkte Nachbarschaft zum Freihafen, den man nur mit dem besagten Papier betreten durfte.

Das Geläufige

das man überall findet: Straßen erinnern an bedeutende Persönlichkeiten. Gängig als Namensgeber sind die Vorbesitzer des Geländes, die mit Land- und Grundbesitz Geschichte schrieben. Wie zum Beispiel Georg Wilhelm, Herzog von Braunschweig-Lüneburg, dem nicht nur die Insel, sondern auch eine der Hauptstraßen ihren Namen verdankt.

Per Anhalter durch die Galaxie Stillhorn

Das Neue

Wilhelmsburg verändert sich, neue Straßen erzählen neue Geschichten. Zum Beispiel die von Dursun Akçam: Nach ihm ist seit 2015 ein Uferweg am Veringkanal benannt. Der türkische Schriftsteller wirkte in Wilhelmsburg lange für das Verständnis zwischen Einheimischen und Migranten.

Geschichte der Inseln erkunden

Ungewöhnlich viele Straßennamen hier erzählen über frühere Landschaftsformen im Grenzgebiet zwischen Fluss und Land: Der Name Pollhornbogen zum Beispiel  im südwestlichen Gewerbegebiet Wilhelmsburgs geht zurück auf ‚Pullhorn‘: früheres Außengelände vor dem grünen Deich. Horn: Winkel, Ecke. Pull bedeutet Spitze. Pullhorn ist also vielleicht die spitze Ecke einer früheren Insel oder Halbinsel gewesen.

Das Alte

verschwindet. Die Wilhelmsburger Reichsstraße wird würdig verabschiedet…

Auf 60 Seiten bietet das kleine Buch einen aktuellen Überblick über alle Straßen Wilhelmsburgs und der Veddel und ihre Geschichte, reich bebildert mit 100 Fotos aus über 100 Jahren Stadtteilgeschichte.

Klütjenfelder Hauptdeich – mit Straßenbahn.

Herausgegeben von der Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg & Hafen. Text: Margret Markert, Gestaltung: Andrea Orth, 60 Seiten, 6 €.
Erhältlich in der Buchhandlung Ihres Vertrauens und so auch bei der Wilhelmsburger Buchhandlung Lüdemann, Fährstraße 26, Tel. 753 13 53, im Museum Elbinsel Wilhelmsburg und natürlich in der Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg, HONIGFABRIK, Industriestraße 125-131, 21107 Hamburg. Tel. 040 42 10 39 15, www.geschichtswerkstatt-wilhelmsburg.de.  markertm@honigfabrik.de

Die Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg versteht sich als ein Archiv zu öffentlichem Leben und Geschichte der Elbinseln Wilhelmsburg und Veddel.
(05. Jul. 2017, TG)

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