Versailler Vertrag https://www.tiefgang.net Tue, 10 Mar 2020 09:50:27 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1 Der Harburger Blut-Sonntag https://www.tiefgang.net/der-harburger-blut-sonntag/ Sat, 07 Mar 2020 18:40:11 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=6439 [...]]]> Hundert 100 Jahre ist es her und hat auch in Harburg Geschichte geschrieben: der Kapp-Putsch. Der Historiker Gietinger hat sich des versuchten Umsturzes der Weimarer Republik angenommen und kommt just nach Harburg.

Und er liest am Die., 17. März um 19 Uhr im Rieckhof, (Räume: Sylt, Amrum und Föhr), Rieckhoffstraße 12, 21073 Hamburg-Harburg.

Als nationalkonservative Kräfte in Berlin versuchen, die Regierung zu stürzen, stellt sich eine Hamburger Einwohnerwehr Anhängern der Putschisten in Harburg entgegen. In Harburg wurde ihr Zug jedoch an der Weiterfahrt gehindert, weshalb die Soldaten nach Heimfeld marschierten. Hier wollten sie sich in der nahe gelegenen Kaserne mit Waffen und Munition auszurüsten. Die Mittelschule wurde von den Truppen kurzerhand besetzt. Nach kurzer Zeit war die Schule von Harburger Einwohnern, der Einwohnerwehr und Soldaten des Pionierbataillons umringt und man verhandelte viele Stunden mit den Baltikumtruppen um deren Aufgabe. Während dieser Verhandlungen lösten sich Schüsse und bald darauf war die Mittelschule Ort einer wilden Schießerei, in deren Verlauf 16 Personen getötet und 62 verletzt wurden. Der Vorfall geht als „Harburger Blutsonntag“ in die Geschichte ein. Heute erinnert eine Gedenktafel vor Ihrem Schulgebäude an die Menschen, die sich in Harburg dem ersten Umsturzversuch gegen die junge Demokratie entgegenstellten.

Pünktlich zum 100. Jahrestag im März 2020 rollt der Historiker Klaus Gietinger die Geschichte des Umsturzversuchs neu auf und liefert bislang kaum bekannte Fakten und Hintergründe. Es ist ein fast vergessenes Kapitel deutscher Geschichte, das jedoch fast so wichtig erscheint, wie die Novemberrevolution 1918. Und das Thema ist aktuell: denn wieder sind es rechte Kräfte, die die Demokratie auszuhöhlen versuchen. Und manche Gedanken kursieren eben auch heute wieder. Oder noch?!

„Es war der erste Versuch nach nicht einmal eineinhalb Jahren, die Weimarer Demokratie zu zerschlagen, und es war im Abwehrkampf der letzte Versuch, die Novemberrevolution zu vollenden“, so Gietinger und verweist dabei eben auch auf die bizare Situation divers und in völlig verschiedene Zielrichtungen agierender Kräfte:  Nach dem 1. Weltkrieg verlangte der Versailler Vertrag die Reduzierung des Deutschen Heeres auf 100 000 Mann und die Auflösung der Freikorps, mit denen die Reichsregierung die Arbeiteraufstände 1919 niedergeschlagen hatten. Doch der Weltkrieg wurde ideologisch derart ideologisch geführt „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche“ skandierte Kaiser Wilhelm II und so ist es wenig verwunderlich, dass die präfaschistischen Freikorps Ehrhardt und Loewenfeld sich der Armeereduzierung verweigerten und putschten. Die Reichsregierung floh, kurz vorher hatten Ebert und Noske einen Aufruf zum Generalstreik herausgegeben. Der größte Streik, den Deutschland je gesehen hat, folgte. Zahlreiche Kommandeure der Reichswehr sympathisierten mit den Putschisten. Die Regierung landete in Stuttgart und wurde dort nur militärisch beschützt, weil sie leugnete den Aufruf zum Generalstreik unterzeichnet zu haben. Nach fünf Tagen mussten die Putschisten in Berlin aufgrund des Generalstreikes aufgeben. Die Regierung kehrte in die Hauptstadt zurück. Inzwischen war es aber vor allem in den Industriegebieten Mitteldeutschlands, Thüringens und im Ruhrgebiet zu bewaffneten Kämpfen von Arbeitern gegen die putschenden Freikorps und die Reichswehr gekommen. Die Putschisten wurden zurückgeschlagen. Im Ruhrgebiet bildete sich eine Rote Ruhrarmee aus der SPD-, USPD- und KPD-Basis, mit bis zu 100 000 Mann. Teils waren sogar Bürgerliche und Syndikalisten beteiligt. Man wollte nun mehr als die Rückkehr der alten Regierung, verlangte die Auflösung der Reichswehr, stattdessen eine Volkswehr, die Bestrafung der Putschisten und Sozialisierung. Regierungsvertreter (SPD und Zentrum) mussten verhandeln. Man schloss das Bielefelder Abkommen, das einige soziale und militärische Zugeständnisse machte. Doch die Reichswehr hielt sich nicht daran, wie Teile der Roten Ruhrarmee. Reichspräsident Ebert (SPD) wollte das Abkommen auch nicht akzeptieren. So fielen die Reichswehr und die Freikorps, die geputscht hatten, im Ruhrgebiet ein und massakrierten die Kämpfer, deren sie habhaft werden konnten. Gedenksteine für die Opfer wurden von den Nazis beseitigt. Zeit an diesen Kampf zu erinnern.

In Hamburg, wo Reichswehr und Zeitfreiwillige stationiert waren, setzte der Kommandant von Wangenheim, ein Kapp-Anhänger, die Stadtregierung ab. Die Mannschaften der Zeitfreiwilligen tendierten aber mehrheitlich, wohl auch weil Beamte unter ihnen waren, eher zum bisherigen Senat und zur alten Reichsregierung. Sie meldeten sich einfach zum Urlaub und machten sich aus dem Staub. Eine Minderheit von 500 Mann gründete hingegen das Freikorps Sieveking. Kämpfe gab es auch – und zwar ausgerechnet in Harburg, seinerzeit noch eigenständige Stadt. „In Harburg war Major Hueg, ein typischer verdeckter Putschist, für «Ruhe und Ordnung» eingetreten, was aber selbst den SPD- und Gewerkschaftsführern nicht genügte. Sie nahmen ihn fest, erklärten seinen Mannschaften, dass er den Eid auf die Verfassung gebrochen hätte, meuterten daraufhin und reichten vielen Arbeitern Waffen.“

Doch es gab Leutnant Berthold, der mit einer Truppe aus Stade kam, eigentlich die Putschisten in der Hauptstadt verstärken wollte, aber aufgrund eines Lokschadens in Harburg landete. Er bezog am 14. März 1920 – also eben genau vor 10 Jahren! – die Schule in der Grumbrechtstraße, hisste eine schwarz-weiß-rote Kaiserreichsfahne und beschwerte sich über die Verhaftung des Kommandanten Hueg. Am 15. März begann der Generalstreik, eine riesige Demonstration mit bewaffneten Arbeitern erschien vor Bertholds Quartier

und forderte seinen Abzug. Es kam zum Kampf.

Darüber, über die sogenannte Dolchstoß-Legende und was der Kapp-Putsch über diese Zeit aussagt, aber eben auch konkret über die Kämpfe in Harburg, erläutert Gietinger anhand neuer historischer Erkenntnisse und neuzeitlicher Deutungen.

Termin: Klaus Gietinger – Kapp-Putsch 1920,  Die., 17. März, 19 Uhr, Rieckhof (Räume: Sylt, Amrum und Föhr), Rieckhoffstraße 12, 21073 Hamburg-Harburg

Gefördert durch die Landeszentrale für politische Bildung Hamburg

Das Buch: 

Gietinger, Klaus: Kapp-Putsch, 1920 – Abwehrkämpfe – Rote-Ruhrarmee, 

  1. Auflage 2020, Buch, Kartoniert, Schmetterling, ISBN 3-89657-177-X, 19,80 EUR (inkl. MwSt., zzgl. Porto)

]]>
Turbulente Zeiten https://www.tiefgang.net/turbulente-zeiten/ Fri, 16 Aug 2019 22:30:59 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=5647 [...]]]> Viele haben heutzutage das Gefühl, alles sei im Umbruch, hektisch und die Welt verändert sich rasant. Vor 100 Jahren war es ähnlich. Ein Rückblick, der lohnt …

100 Jahre Bauhaus, 100 Jahre Volkshochschule, 100 Jahre Universität, 100 Jahre Stiftung Bücherhalle … Was war denn da los – vor 100 Jahren?

Die Revolution von 1918/19 markiert eines der epochalen Ereignisse in der Geschichte. Sie steht nicht nur am Anfang der modernen demokratischen Ordnung des Stadtstaates, sondern ist zugleich der erste historische Umbruch des 20. Jahrhunderts in Hamburg. Diese Zeit des Epochenwechsels brachte auch für Hamburg massive Einschnitte und Veränderungen mit sich – für die Bürgerinnen und Bürger auf politischer Ebene, für die Wirtschaft und den Hafen.

Unter dem Motto „Hamburg 1918.1919 – Aufbruch in die Demokratie“ gibt es in und für Hamburg ein breit angelegtes Ausstellungs-, Veranstaltungs- und Publikationsprogramm. Damit werden ein umfassender Beitrag zur Kenntnis, zum Verständnis und zur Bedeutung dieser komplexen Zeit in der Freien und Hansestadt Hamburg vermittelt und gleichzeitig Aktualitätsbezüge zu Funktionsweisen demokratisch verfasster Gesellschaften geschaffen.

Liest man die Chronologie der Ereignisse von 1918 und 1919 nach, wird deutlich, wie stark diese Jahre das Bewusstsein der Menschen geprägt haben muss. Ebenso macht es dem heutigen Menschen deutlich, wie selbstverständlich manche Dinge geworden, aber es von Haus aus eben nicht sind.

„Januarstreik“

Deutschland­weit fand ein Massen­streik der Arbeiter statt, im Rahmen dessen bessere Arbeits- und Lebens­bedingungen gefordert wurden. In Hamburg schlossen sich vor allem die Werft- und Metall­arbeiter dem Streik an.

20.4.1918

Carl Petersen wird in den Senat gewählt. Petersen war 1924-29 und 1932/33 Hamburgs Erster Bürger­meister und 1930/31 Zweiter Bürger­meister.

5.11.1918

Versammlung in Hamburg

Erste Zeitungs­berichte erscheinen über die revolutionären Vorgänge in Kiel. In Hamburg entwaffnen Matrosen im Hafen Besatzungen der Torpedo­boote, besetzen den Elbtunnel und sichern das Gewerkschaftshaus.

Am Abend formuliert eine Versammlung im Gewerkschafts­haus jene Forderungen:

  • Sofortige Herbeiführung des Friedens
  • Rücktritt der Hohenzollern
  • Sofortige weitgehendste Demokratie im Reich und in den Bundesstaaten
  • Amnestie und sofortige Freilassung aller politisch Inhaftierten
  • Sofortige Einführung des allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrechts für beide Geschlechter vom vollendeten 20. Lebensjahr an

6.11.1918

Der Arbeiter- und Soldatenrat übernimmt die Macht

Bürgermeister Werner von Melle und Senator Carl Petersen erklären die Bereit­schaft von Senat und Bürger­schaft, sich in den Dienst der „neuen Zeit“ zu stellen. Auf dem Heiligen­geistfeld findet eine Massen­kundgebung statt. Das Stell­vertretende General­kommando flieht aus Altona.

Die Bürgerschaft beschließt einstimmig die Errichtung des Arbeitsamtes

11.11.1918

Kriegsende — Inkrafttreten des Waffenstillstands

Die SPD-Bürger­schafts­fraktion setzt sich für umgehende Neuwahlen der Bürger­schaft ein. Der spätere Hamburger Bürger­meister Max Brauer wird Senator der Stadt Altona.

12.11.1918

Vollständige Machtübernahme des Arbeiter und Soldatenrates

18.11.1918

Senat und Bürgerschaft werden für abgesetzt erklärt (letztendlich nur für 6 Tage), der Arbeiter- und Soldatenrat übernimmt vollständig die politische Macht. Die Exekutive der beiden Räte besteht aus je drei Vertretern der MSPD, USPD und der Links­radikalen sowie 18 Delegierte aus Hamburger Betrieben.

8.11.1918

Senat und Bürgerschaft werden wieder in ihre Befugnisse zur „Aufrechter­haltung der hamburgischen Verwaltung“ eingesetzt, da die Kredit­fähigkeit der Stadt in Gefahr geraten war.

30.11.1918

Das neue Reichswahl­gesetz tritt in Kraft (Frauenwahlrecht, Verhältniswahl, Herabsetzung des Wahlalters auf 20 Jahre)

20.12.1918

Beginn der öffentlichen Wohnbauförderung

Die Bürgerschaft beschließt ein Gesetz zur Förderung des Baus kleiner Wohnung mit öffentlichen Mitteln.

1.1.1919

Demonstration auf dem Heiligengeistfeld

Protestversammlung der MSPD, der USPD, KPD und der Hamburger Linksradikalen auf dem Heiligen­geistfeld gegen die Regierung. Auf der Moorweide findet gleich­zeitig eine von der SPD und den Gewerk­schaften veran­staltete Massen­kund­gebung für Friedrich Ebert und Philipp Scheidemann statt.

7.1.1919

Aufhebung des Zölibats bei Lehrerinnen.

9.1.1919

Die SPD und Gewerkschaften rufen zum Generalstreik am 11.1.1919 auf.

6.3.1919

Mit dem Architekten Emil Maetzel, zugleich Künstler und Mitbegründer der Sezession, tritt eine treibende Kraft der Kultur­szene das Amt des Bau­in­spektors, eine Schlüssel­stellung innerhalb der Bau­verwaltung, an.

16.3.1919

Wahlen zur Hamburgischen Bürgerschaft.

Erste gleiche, geheime, freie und allgemeine Wahlen eines Hamburger Parlaments. Ebenso erste Wahlen für Frauen auf Hamburgischer Ebene.

24.3.1919

Erste Sitzung der demokratisch gewählten Hamburgischen Bürgerschaft: Erstmals eröffnet eine Frau ein Parlament in Deutschland: Alters­präsidentin Helene Lange.

26.3.1919

Nach dem Erlass von 135 Verordnungen durch den Hamburger Arbeiter- und Soldatenrat überträgt dieser wieder die politische Macht an Senat und Bürgerschaft.

28.3.1919

Die neu zusammengesetzte Bürgerschaft wählt den neuen Senat. Werner von Melle wird anschließend zum Ersten, Otto Stolten zum Zweiten Bürgermeister gewählt.

1.4.1919

Spatenstich für die Steenkamp-Siedlung, die erste Kleinhaus­siedlung im Altonaer Raum nach dem Ersten Weltkrieg. Der Garten­stadt­gedanke leitete den Entwurf.

Walter Gropius gründet in Weimar das Bauhaus, die wichtigste Schule für Kunst, Architektur und Design im 20. Jahrhundert.

7.5.1919

Bürgerschaft beschließt Kleinhaus-Siedlung

Angesichts der großen Wohnungsnot beschließt die Bürgerschaft als Bauträger die vollständige Finanzierung einer Siedlung in Langenhorn mit 800 Kleinhäusern.

10.5.1919

Eröffnung der Universität Hamburg

30.5.1919

Mit der Eröffnung des Erweiterungsbaus ist die Neuordnung der Kunsthalle im Sinne des Reformkonzepts Alfred Lichtwarks abgeschlossen und damit der modernen Kunst in Hamburg ein wichtiges Forum geboten.

1.6.1919

Gründung des Hamburger Sportvereins (HSV). SC Germania von 1887, Hamburger FC von 1888 und SC Falke von 1906 schließen sich zusammen

23.-24.6.1919

Hamburger Sülzeunruhen

Auslöser des Aufstands war die Vermutung, dass verfaulte Kadaver zu Sülze verarbeitet wurden. Gewalt gegen Besitzer von Fleisch­fabriken brach aus und auf dem Rathaus­markt wurde ein öffentlicher Pranger aufgestellt. Es kommt zu einer Belagerung des Rathauses. Am 1.7.1919 marschieren Reichswehr- und Freikorps-Truppen in die Stadt ein, um die Unruhen zu beenden, obwohl sich die Lage beruhigt hatte. Durch das rigorose Vorgehen der Truppen kam es insgesamt zu 80 Toten.

28.6.1919

Der Versailler Vertrag wird unterzeichnet.

1.8.1919

Antrag zur Umwandlung der Bücherhallen in eine öffentliche Einrichtung

Die Bücherhallen, die 1899 von der Patriotischen Gesellschaft gegründet wurden, wurden Anfang 1920 zur Stiftung Hamburger Öffentliche Bücherhallen (HÖB)

1.10.1919

Zusammenschluss der Ortskran­kenkassen und weiterer Kassen zu Allgemeinen Ortskrankenkasse Hamburg (AOK)

5.12.1919

Versammlung der im Wohl­fahrts­bereich tätigen Sozial­demokrat­innen und Sozial­demokraten, in deren Folge im Februar 1920 die Arbeiter­wohlfahrt („Hamburger Ausschuss für soziale Fürsorge“) gegründet wird

Weiterführend: hamburg-18-19.de

Veranstaltungen: hamburg-18-19.de/veranstaltungen

]]>