- Tiefgang - https://www.tiefgang.net -

Überlebensarbeit für die Demokratie

2024 brachte die Hamburger Stadtteilkultur eine zentrale Erkenntnis hervor: es braucht neue zentrale Kapazitäten, um ihre Zukunft aktiv zu gestalten. Nach einem Jahr nun einer erste Zwischenbilanz …

Hamburg ist stolz auf seine Elbphilharmonie, seine großen Museen und die glitzernde Meile. Doch das wahre Herz der Stadt schlägt oft im Verborgenen – in den Nachbarschaftstreffs, den kleinen Bühnen und den soziokulturellen Zentren der Stadtteile. Genau hier setzt die „Zukunftsinitiative Stadtteilkultur“ (ZI) an. Ein Jahr nach dem Start ziehen STADTKULTUR HAMBURG und die Kulturbehörde Bilanz. Und die zeigt: Kulturarbeit ist heute weit mehr als nur Unterhaltung – sie ist harte Überlebensarbeit für die Demokratie.

Die Zukunftsinitiative ist kein Zufallsprodukt. Sie entstand aus einer dringenden Notwendigkeit heraus, die sich besonders während der Pandemie und der darauffolgenden Energiekrise verschärft hatte. Jahrelang hangelte sich die Hamburger Stadtteilkultur von einer Projektförderung zur nächsten. „Wir haben uns buchstäblich von Antrag zu Antrag überlebt“, erinnert sich eine langjährige Mitarbeiterin eines Stadtteilzentrums im Gespräch.

Die Initiative wurde ins Leben gerufen, um diesen Teufelskreis aus kurzfristigen Geldern und chronischer Unterfinanzierung zu durchbrechen. Angestoßen durch den Dachverband STADTKULTUR HAMBURG in enger Abstimmung mit der Behörde für Kultur und Medien, will die ZI die kulturelle Infrastruktur der Stadt nicht nur erhalten, sondern zukunftsfähig machen. Es geht um die Erkenntnis, dass Kultur vor Ort kein Luxus ist, den man sich leistet, wenn Geld übrig ist, sondern die Basis für den sozialen Frieden in einer wachsenden Metropole.

Die Zukunftsinitiative richtet sich an die gesamte Breite der soziokulturellen Landschaft: von etablierten Häusern wie der Fabrik oder dem Goldbekhaus bis hin zu kleineren, ehrenamtlich getragenen Vereinen in den Randgebieten. Sie will vor allem dort helfen, wo die Ressourcen am knappsten sind. Ihr Ziel ist es, die Arbeitsbedingungen der Kulturakteur*innen massiv zu verbessern. Das bedeutet konkret: die strukturelle Stärkung: Weg von der reinen Event-Förderung, hin zur Sicherung von Personal und Betriebskosten. Dann die Modernisierung: also die Unterstützung bei der digitalen Transformation und energetischen Sanierung der oft historischen Gebäude. Und letztlich die Professionalisierung: Coaching und Beratung für Vereine, um im Paragrafen-Dschungel der Verwaltung zu bestehen.

Die Bilanz des ersten Jahres offenbart die harten Fakten: Der Fachkräftemangel macht auch vor der Kultur nicht halt. Viele Einrichtungen kämpfen damit, qualifiziertes Personal für die komplexen Aufgaben der Stadtteilarbeit zu finden und fair zu bezahlen. Hier setzt die ZI an, indem sie Tarifanpassungen und stabilere Stellenprofile ermöglicht.

Ein weiterer wunder Punkt ist die gesellschaftliche Spaltung. In den Fluren der Behörden ist man sich einig: „Die Stadtteilkultur ist der soziale Kitt unserer Stadt.“ Doch dieser Kitt braucht Pflege. Die Initiative sieht eine enorme Notwendigkeit darin, Räume für den Diskurs zu erhalten – Orte, an denen Menschen mit völlig unterschiedlichen Biografien noch miteinander ins Gespräch kommen.

Wer mit den Macher*innen spricht, spürt eine Mischung aus Erleichterung und Tatendrang. Eine Leiterin eines Zentrums im Hamburger Süden fasste es mir gegenüber so zusammen: „Früher haben wir von Projekt zu Projekt geatmet. Die Zukunftsinitiative gibt uns zum ersten Mal seit Jahren wieder das Gefühl, dass wir nicht nur Löcher stopfen, sondern tatsächlich gestalten können.“

Ein zentraler Punkt der Bilanz ist die Förderung von Partizipation. Kultur soll nicht für die Menschen gemacht werden, sondern mit ihnen. Das Projekt unterstützt gezielt Formate, die Barrieren abbauen. Ob intergenerative Projekte oder Angebote für Menschen mit Migrationsbiografie – die Stadtteilkultur wird durch die ZI diverser und inklusiver.

Doch man darf sich nicht auf den ersten Lorbeeren ausruhen. Die Webseite des Dachverbandes macht klar: Die Herausforderungen bleiben. Die Zukunftsinitiative ist auf Langfristigkeit angelegt. Für 2026 stehen bereits die nächsten Meilensteine fest. Es geht um eine Verstetigung der Mittel und eine noch engere Vernetzung der Akteur*innen.

Die Initiative hat im ersten Jahr bewiesen, dass sie ein lernendes System ist. Man hört auf die Basis, passt Förderrichtlinien an und schafft Räume für Experimente. Das ist genau der Geist, den Hamburg jetzt braucht.

Wenn man die Bilanz liest, wird eines klar: Jeder Euro, der in die Zukunftsinitiative fließt, ist ein Invest in die Widerstandsfähigkeit unserer Stadtgesellschaft. In den Stadtteilzentren wird Integration gelebt, Einsamkeit bekämpft und Diskurs geübt.

Die Zukunftsinitiative Stadtteilkultur ist vielleicht nicht so laut wie eine Opernpremiere, aber sie ist für das tägliche Zusammenleben in Hamburg ungleich wichtiger. Wir werden genau beobachten, wie sich diese Erfolgsgeschichte im nächsten Jahr weiterschreibt.

Weitere Informationen: www.stadtkultur-hh.de/dachverband/zukunftsinitiative [1]

Related Post

Druckansicht [2]     [3]

[4] [5] [6]