Annika Chrobesch – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Fri, 21 Nov 2025 14:19:27 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.3 Der Kampf um das Unsichtbare https://www.tiefgang.net/der-kampf-um-das-unsichtbare/ Fri, 21 Nov 2025 23:13:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12904 [...]]]> Die Freie und Hansestadt Hamburg ehrt eine der präzisesten und stilistisch innovativsten Stimmen der Gegenwartsliteratur: Judith Schalansky erhält den mit 20.000 Euro dotierten Lessing-Preis 2025.

Die Jury würdigt damit eine Autorin, die das literarische Schreiben mit einer unverwechselbaren ästhetischen Handschrift verbindet und ihre Bücher stets als Gesamtkunstwerke begreift. Die Auszeichnung geht an eine Autorin, die dem enzyklopädischen Verständnis der Aufklärung verpflichtet ist – ein direkter Bezug zum Namensgeber Gotthold Ephraim Lessing. Schalansky beherrscht die unterschiedlichsten literarischen Formen in Vollendung und wiederholt sich in ihrem Schaffen nie. Senator Dr. Carsten Brosda hob hervor, dass ihre Ehrung die große literarische Bedeutung einer der meistübersetzten Autorinnen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur widerspiegelt: „Mit großer poetischer Klarheit richtet sie ihren Blick auf gesellschaftliche Fragen und auf Menschen, die sonst oft unsichtbar bleiben.“

Judith Schalanskys Werk ist eine faszinierende Reise durch Epochen, Genres und Wissensgebiete. Es ist diese Weltoffenheit und die Neugier für die deutsch-deutsche Vergangenheit, die die Jury besonders hervorhob.

Ihre Palette ist breit und herausfordernd. Sie reicht vom typographieästhetischen Standardwerk wie Fraktur, mon amour bis zum fiktionalen Sachbuch Atlas der abgelegenen Inseln, das nicht nur literarisch, sondern auch gestalterisch Preise gewann und das Fernweh mit der Einsamkeit des Schreibens konfrontiert. Ihr Roman Der Hals der Giraffe ist ein Bildungsroman im besten Sinne, während Verzeichnis einiger Verluste die Kulturgeschichte vergessener Dinge, Orte und Menschen poetisch konserviert. Mit ihrem Großessay Schwankende Kanarien bewies sie 2023 erneut ihre Fähigkeit zur brillanten intellektuellen Reflexion.

Schalansky ist zudem nicht nur Autorin und Gestalterin ihrer Bücher, sondern auch versierte Förderin von Literaturpraxis, etwa als Herausgeberin der Reihe Naturkunden. Sie verkörpert damit Lessings Geist, Räume für Reflexion und streitbare Debatte zu eröffnen, ohne die ästhetische Form zu vernachlässigen.

Kampmann: Der poetische Blick auf Hamburgs Ränder

Parallel zum Hauptpreis wird das mit 10.000 Euro dotierte Lessing-Stipendium an die Autorin Anja Kampmann vergeben. Sie ist zwar in Leipzig ansässig, doch Hamburg ist ihre Geburts- und Universitätsstadt sowie ein zentraler Ort ihres künstlerischen Schaffens.

Kampmanns Werk besticht durch eine beeindruckende Verbindung von poetischer Sensibilität und gesellschaftlicher Wachheit. Die Jury betonte, dass sie souverän in verschiedenen literarischen Formen arbeitet und ihren Blick auf Menschen und Fragen richtet, die sonst oft unsichtbar bleiben.

Ihr Roman Die Wut ist ein heller Stern spielt auf St. Pauli und setzt sich eindringlich mit Emanzipation und dem Widerstand gegen ein faschistisches Regime auseinander. Kampmann spürt der Frage nach, was wir verlieren, wenn wir uns den Bedrohungen der Gegenwart nicht stellen. Dies zeigt sich auch in ihrem Einsatz für die Theater- und Opernlandschaft (Die schmutzige Wäsche des schmelzenden Schnees) und in ihrer kritischen Auseinandersetzung mit ungezügeltem technologischem Fortschritt (Der Hund ist immer hungrig). Im Sinne Lessings holt Kampmann damit einen bislang kaum beachteten Teil der Hamburger Geschichte, insbesondere die Frauen aus der Arbeiterschicht, ins Licht.

Die Auszeichnungen werden am 25. Januar 2026 im Thalia Theater von Senator Dr. Carsten Brosda überreicht. Der Lessing-Preis, der seit 1929 verliehen wird, bestätigt damit seine Rolle als wichtiger Gradmesser für eine Literatur, die intellektuelle Tiefe mit gesellschaftlicher Relevanz verbindet.

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Ein Bulle für die Freiheit https://www.tiefgang.net/ein-bulle-fuer-die-freiheit/ Fri, 14 Nov 2025 23:48:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12865 [...]]]> Der 54. Buxtehuder Bulle, einer der wichtigsten deutschen Jugendliteraturpreise, geht an Maja Nielsen für ihren Roman „Der Tunnelbauer“. Die Auszeichnung würdigt eine Geschichte, die den Einsatz für Freiheit und Demokratie in den Mittelpunkt stellt.

Die diesjährige Verleihung des Buxtehuder Bullen an Maja Nielsen für ihren Roman „Der Tunnelbauer“ (Gerstenberg Verlag) ist ein Statement für die politische Dimension der Jugendliteratur. Die Autorin nahm die zwölf Kilogramm schwere Stahlplastik am Donnerstagabend, 13. November, auf der Halepaghen-Bühne entgegen. Die Besonderheit: Mit dabei war der Zeitzeuge und Protagonist des Buches, der Tunnelbauer Joachim Neumann.

Bürgermeisterin Katja Oldenburg-Schmidt hob in ihrer Rede die Haltung der Autorin hervor. Sie bezeichnete Maja Nielsen als Vorbild, deren thematischer Fokus auf Freiheit und Demokratie eine notwendige Aufforderung in der Gegenwart darstelle. Stefanie Ericke-Keidtel, Leiterin des Berliner Jungen Literaturhauses, ergänzte in ihrer Laudatio, das Buch sei eine „hochinformative und anschauliche Geschichtsstunde, die spannender nicht sein könnte.“ Sie betonte zudem das Engagement Nielsens, die die Themen ihrer Werke nicht nur literarisch bearbeitet, sondern auch in die Tat umsetzt.

Die Preisträgerin fasste die zentrale Botschaft ihres Werkes prägnant zusammen: „Es gibt immer etwas, das man tun kann, um Bedingungen zum Besseren zu wenden.“

Die Jury, die sich traditionell aus elf Jugendlichen und elf Erwachsenen zusammensetzt, sprach sich generationsübergreifend und eindeutig für die Darstellung der deutsch-deutschen Geschichte aus.

Der prämierte Roman versetzt die Lesenden in das Berlin der 1960er Jahre, kurz nach dem Bau der Mauer. Er verarbeitet die Erlebnisse von Joachim Neumann und seinem Freundeskreis. Durch Mut, Beharrlichkeit und kräftezehrenden körperlichen Einsatz verhalf die Gruppe zwischen 1961 und 1964 zahlreichen Menschen durch die berühmten Tunnel 29 und Tunnel 57 zur Flucht in den Westen. Der Text vermittelt damit nicht nur historische Fakten, sondern die konkrete Erfahrung von Widerstand und Solidarität.

Gewürdigt wurde das Buch in einem rund 90-minütigen Programm, das von David Friedrich moderiert wurde. Die musikalische Gestaltung übernahmen Julian Lebender und Vincent van der Klugt als „Jules Atlas“. Student*innen der Freien Schauspielschule aus Hamburg inszenierten neun Szenen aus den prämierten Werken.

Die traditionelle Erweiterung des BULLevards folgte am Freitagnachmittag: Eine bronzene Plakette mit dem Siegertitel und dem Namen der Autorin wurde am Westfleth 37, vor der Kleinen Fleth-Philharmonie, enthüllt. Die Autorin Maja Nielsen blieb noch für die BullenKULTurtage, die Schullesungen und eine öffentliche Lesung umfassen, bis Sonntag in Buxtehude.

Weitere Informationen: www.buxtehuder-bulle.de

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Wenn die Feder zum Aufschrei wird https://www.tiefgang.net/wenn-die-feder-zum-aufschrei-wird/ Fri, 14 Nov 2025 23:36:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12862 [...]]]> Die Hansestadt hat gewählt. Und die Jury der Hamburger Literaturpreise schickt mit ihrer diesjährigen Auswahl ein beeindruckendes Zeichen in die Republik: Sie setzt auf Texte, die den Finger in offene Wunden legen, neue Formen finden und vor allem die Geschichten sichtbar machen, die lange im Schatten standen.

Mit insgesamt 84.000 Euro würdigt die Behörde für Kultur und Medien eine Bandbreite an schreibenden, übersetzenden und zeichnenden Talenten, die beweist: Hamburgs literarische Szene ist ein brodelnder Herd für die drängendsten Themen unserer Zeit. Die Preisverleihung am 8. Dezember im Literaturhaus wird ein Fest der unerschrockenen Stimmen.

Im Zentrum steht ein Debütroman, der die Jury zutiefst beeindruckte: Jegana Dschabbarowa gewinnt für ihr Werk „Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt“ den mit 8.000 Euro dotierten Preis „Buch des Jahres“. Was für ein Titel – und was für eine Geschichte, die dahintersteckt.

Dschabbarowa, 1992 in einer aserbaidschanischen Familie in Russland geboren und 2024 zur Wahlheimat Hamburg gezwungen, legt einen Roman vor, der poetisch und eindrücklich die Erfahrung weiblicher Körper in einer patriarchalen Gesellschaft erkundet. Die Hände, die in ihrer Familie für Hausarbeit, für das Kochen, für die Pflicht bestimmt waren, sind nun Träger des Schreibens geworden. Dschabbarowa übersetzt die Auswirkungen von Fremdenfeindlichkeit und engen sozialen Grenzen in eine hochliterarische, zarte Sprache. Hamburg ehrt damit nicht nur ein herausragendes Buch, sondern begrüßt eine Autorin, die dem Diktat des Schweigens mit Poesie trotzt.

Eine zweite ebenso wichtige Auseinandersetzung liefert Eva Thöne mit ihrem Sachbuch „Weibliche Macht Neu Denken“, das den Preis der ZEIT STIFTUNG BUCERIUS erhält. Die Spiegel-Ressortleiterin beleuchtet klug, warum sich Frauen in Machtsphären oft fremd fühlen und fordert eine Abkehr vom toxischen, männlich geprägten „Heldentum“. Ihr Appell ist unmissverständlich: Wir brauchen Solidarität, Selbstwirksamkeit und gemeinsame Verantwortung statt erstarrtem Management. Dieses Buch ist kein sanftes Empowerment, es ist eine energetische und notwendige Analyse über die Leerstelle im feministischen Diskurs – direkt, streitbar und maßgeblich.

Auch in den Werkkategorien zeigt sich die große erzählerische Vielfalt:

Im Bereich Roman teilen sich Andreas Moster und Nicole Röndigs die Auszeichnungen. Moster überzeugt mit seinem „Der Silberriese“, der sich der Vaterschaft in der Krise widmet: Patrik, der alleinerziehende Ex-Leistungssportler, muss nach dem Weggang der Mutter die Beziehung zu seiner Tochter Ada über deren Leistungsturnen neu definieren. Ein nahbarer Blick auf moderne Männlichkeit, das Scheitern und die große Zärtlichkeit, die sich in sportlicher Disziplin verbergen kann.

Besonders begeisterungsfähig macht die Auszeichnung für Noëlle Kröger im Comic-Bereich. Kröger, bekannt für ihre Auseinandersetzung mit Geschlechterfragen und queeren Perspektiven, erhält den Preis für ein Projekt, das mutig und kunstvoll das Werwolf-Motiv nutzt, um historische Denkprozesse über Minderheiten und Pathologisierung zu spiegeln. Hier wird das Medium Comic als das gefeiert, was es ist: eine komplexe, visuelle Literaturform.

Die Preise für Lyrik/Experimentelles gehen an Friederike Meltendorf und Till Raether, während Verena Carl für ihre Erzählung geehrt wird. Das Kinder- und Jugendbuch gewinnt Juliane Pickel, die schon oft bewiesen hat, dass sie jungen Leser*innen komplexe, emotionale Welten eröffnen kann.

Und nicht vergessen: Ohne die Übersetzer*innen bliebe ein Großteil dieser Literatur verschlossen. Die Preise gehen an Nicolai von Schweder-Schreiner, Corinna Popp und Kirsten Gleinig, die aus dem Englischen und Französischen die sprachliche Brücke nach Hamburg schlagen.

Die Hamburger Literaturpreise 2025 sind keine reine Trophäenschau. Sie sind ein energisches Plädoyer für eine Literatur, die unbequem ist, die Hände zum Schreiben befreit und die Frage nach Macht neu stellt. Ein absoluter Leseauftrag!

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Der Tanz zwischen Schreib- und Wickeltisch https://www.tiefgang.net/der-tanz-zwischen-schreibtisch-und-wickeltisch/ Fri, 31 Oct 2025 23:22:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12785 [...]]]> Die Kulturbehörde Hamburg sendet mit ihren aktuellen Ausschreibungen eine präzise Botschaft an die Literaturszene und darüber hinaus: Kreativität darf nicht an den Hürden des Alltags – insbesondere der Elternschaft – scheitern.

Endlich wird die Realität von Müttern und Vätern im Kulturbetrieb anerkannt. Das neue Stipendium, das explizit Kinderbetreuung anbietet, ist ein substanzieller Schritt, der beweist, dass Hamburg die Existenz von Literat*innen als Eltern ernst nimmt. Von der gezielten Förderung schreibender Eltern bis zur Stärkung der Buchkultur vor Ort – die Maßnahmen sind so vielfältig wie das literarische Leben, das sie stützen sollen. Sie zeigen, dass Kulturförderung heute mehr denn je die individuellen Lebenswirklichkeiten der Kunstschaffenden anerkennen muss.

Das „Stipendium Parents in Arts“

Die wohl wichtigste und innovativste Nachricht ist die Ausschreibung des „Stipendium Parents in Arts“ in Kooperation mit der Arthur Boskamp-Stiftung, die mietfrei eine Wohnung im M.1 Hohenlockstedt bereitstellt. Das Stipendium ist eine direkte Reaktion auf die notorische Unvereinbarkeit von künstlerischer Arbeit und Elternschaft. Es ermöglicht, was lange ein Luxus war: ungestörte Arbeitszeit mit gesicherter Kinderbetreuung.

Der Kern des Stipendiums: Es werden sechs zweiwöchige Arbeitsaufenthalte vergeben – drei davon speziell für Schriftsteller*innen, Literaturübersetzer*innen und Comiczeichner*innen. Die Besonderheit: Die Förderung ist ausdrücklich für Elternteile konzipiert und bietet eine Aufwandspauschale von 1.700,- Euro, freie Unterkunft und vor allem: Kinderbetreuung vor Ort.

Das ist ein entscheidender Fortschritt. Für viele Künstler*innen bedeutet die Geburt eines Kindes oft eine massive Zäsur in der Karriere, da ungestörte Arbeitszeiten Mangelware werden. Die Möglichkeit, das Kind mitzunehmen, eine verlässliche Betreuung zu erhalten und sich für zwei Wochen voll auf das literarische Projekt zu konzentrieren, ist ein enormer Beitrag zur Gleichstellung in der Kultur. Es ist ein Statement, das die Care-Arbeit nicht als Störfaktor, sondern als integrativen Bestandteil einer Künstler*innenbiografie begreift.

Besonders interessant ist die Aufteilung der Aufenthaltszeiträume im Sommer 2026: Es gibt Termine mit Kindern (21.07. – 03.08.2026) und solche ohne begleitende Kinder (06.07. – 19.07.2026 und 20.08. – 02.09.2026). Diese Flexibilität trägt unterschiedlichen Bedürfnissen Rechnung – dem Wunsch nach produktiver Abwesenheit ebenso wie dem nach gemeinsamer Zeit in einem unterstützenden Umfeld.

Internationale Impulse: Neue Kurator*innen-Residenz

Parallel dazu wird eine weitere entscheidende Lücke geschlossen: die Förderung der literarischen Vermittlung und Innovation. Die Verlängerung der Ausschreibungsfrist für das Residenzstipendium für neue Literaturformate zeigt, dass die Kulturbehörde, das Künstler*innenhaus Lauenburg und das Literaturhaus Hamburg auf der Suche nach frischem Wind sind. Das Stipendium richtet sich an internationale und nationale Literaturkurator*innen oder Kollektive, die „neue, kreative und experimentelle Literaturformate“ entwickeln sollen. Die Förderung besteht aus einem viermonatigen Aufenthalt mit monatlich 1.000,- Euro Zuschuss sowie freier Wohnungs- und Ateliernutzung.

Diese Residenz ist ein wichtiges Instrument der Internationalisierung und der literarischen Avantgarde. Sie erkennt an, dass Literatur heute nicht mehr nur zwischen zwei Buchdeckeln stattfindet, sondern in Performances, digitalen Räumen und hybriden Formaten. Indem man Kurator*innen unterstützt, wird nicht nur ein einzelnes Werk, sondern die gesamte Präsentationskultur der Literatur gefördert. Die Bewerbungsfrist wurde bis zum 15. November 2025 verlängert, was die dringende Suche nach innovativen Ideen unterstreicht.

Der „Hamburg Bookstore Crawl“

Während Stipendien die Produktionsbedingungen verbessern, stärkt der Erste Hamburger Bookstore Crawl vom 3. bis 15. November das Fundament der Literatur: die unabhängigen Buchhandlungen.

In der digitalen Ära sind die 25 teilnehmenden Buchhandlungen mehr denn je kulturelle Ankerpunkte und wichtige Orte des Dialogs. Der Crawl – ein charmantes Wortspiel, das zum Entdecken einlädt – macht aus dem simplen Bücherkauf eine spielerische Schatzsuche. Das Prinzip ist einfach: Man sammelt Lesezeichen in 25 unabhängigen Buchhandlungen. Wer zehn unterschiedliche Lesezeichen sammelt (davon mindestens zwei südlich der Elbe!), nimmt an einer Verlosung von Lesungstickets und Buchpaketen teil.

Wer also zehn unterschiedliche Lesezeichen sammelt (mindestens zwei davon müssen von Buchhandlungen südlich der Elbe sein!) kann ein Foto seiner Ausbeute per E-Mail an buechereck@aol.com schicken und an einer Verlosung teilnehmen. Zu gewinnen gibt es Tickets für Lesungen in den teilnehmenden Buchhandlungen und Buchpakete. 

Dieses Projekt ist nicht nur eine schöne Aktion zur Woche der unabhängigen Buchhandlungen, sondern auch eine Liebeserklärung an die lokalen Akteur*innen. Es lenkt den Blick der Literaturinteressierten gezielt auf die Vielfalt der Hamburger Buchlandschaft und würdigt die Expertise und Leidenschaft der Buchhändler*innen, die oft die ersten Ansprechpartner*innen für neue Talente sind. Indem man die Buchhandlungen südlich der Elbe besonders hervorhebt, wird zudem eine Brücke über den Fluss geschlagen und die literarische Topografie der gesamten Stadt sichtbar gemacht.

Die Summe dieser Maßnahmen – die Berücksichtigung der Elternschaft, die Förderung neuer Formate durch internationale Kurator*innen und die Stärkung des lokalen Buchhandels – zeigt eine ganzheitliche, zukunftsorientierte Kulturpolitik. Sie investiert nicht nur in die Werke, sondern in die Menschen, die sie schaffen, in die Formate, die sie präsentieren, und in die Orte, an denen sie entdeckt werden. Das ist mehr als nur Förderung; es ist die Schaffung eines nachhaltigen, inklusiven und lebendigen Literatur-Ökosystems in Hamburg und Norddeutschland.

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Die Poesie der Zugehörigkeit https://www.tiefgang.net/die-poesie-der-zugehoerigkeit/ Fri, 17 Oct 2025 22:36:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12706 [...]]]> Die „Literaturwochen HEIMATEN“ in Buxtehude beleuchten im Oktober und November die drängende Frage nach dem Ort, an dem unser Herz verankert ist – jenseits aller Grenzen.

In einer Zeit, in der das Gefühl der Vertrautheit zum kostbarsten Gut geworden ist, gewinnt der Begriff Heimat eine neue, vielschichtige Bedeutung. Es ist nicht länger nur das Fleckchen Erde, auf dem man geboren wurde, sondern eine fließende Ansammlung von Orten, Sprachen und Beziehungen. Genau diese zeitgemäße Perspektive würdigen die „Literaturwochen HEIMATEN“ der Stadtbibliothek Buxtehude in Kooperation mit dem Heimat- und Geschichtsverein: Sie stellen den Begriff bewusst in den Plural und eröffnen damit einen Dialog über die Wurzeln, die wir pflegen, und die, die wir neu schlagen.

Drei Lesungen im Oktober und November laden das Publikum ein, den traditionellen Heimatbegriff zu verlassen und sich auf eine intellektuelle und emotionale Reise zu begeben.

Den Auftakt macht die Autorin Gertrude von Holdt mit „Auf hoher See – Geschichten zwischen Ebbe und Flut“. Sie ist einer breiten Öffentlichkeit als „Halligpastorin“ von der Hallig Hooge bekannt, doch ihre Wurzeln reichen tiefer – bis in die stürmische Welt der Seefahrt.

Von Holdt erzählt mit einem entwaffnenden Augenzwinkern von ihrer Kapitäns-Verwandtschaft, von kantigen Seeleuten und dem unerschütterlichen Mut, den es einst als junge Frau brauchte, um auf einem Schiff anzuheuern. Die Autorin, die erst mit 61 Jahren zur Seelsorgerin auf jener Hallig wurde, die sie schon aus Kindertagen kannte, beschreibt das Meer als ihr Element, das „brüllend, spiegelblank, verlockend, unendlich, abweisend, aber nie beängstigend“ sein kann. Sie ist die Chronistin einer Existenz, die zwischen hohem Seegang und den ruhigen Momenten des Ankommens in der Kombüse pendelt. Von Holdt verkörpert damit eine Heimat, die weniger an Landstriche als an die Kraft des Wassers und die Gemeinschaft der Küstenmenschen gebunden ist. Zusätzlich liest sie aus ihrem ersten Bestseller Die Halligpastorin – Geschichten zwischen Himmel und Nordsee.

8. November: Die Brückenbauer zwischen Rotenburg und Damaskus

Der wohl aktuellste Blick auf den pluralen Heimatbegriff kommt von Samer Tannous und Gerd Hachmöller. In „Bleibt ein Syrer in Rotenburg (Wümme) – Angekommen in meiner deutschen Heimat“ zeichnen der syrische Dozent und heutige Französischlehrer Samer Tannous und der deutsche Integrationsbeauftragte Gerd Hachmöller ein humorvolles, aber tiefgründiges Bild einer gelingenden Migration.

Seit zehn Jahren lebt Tannous in Deutschland und hat die „manchmal eigenwilligen Facetten“ seiner neuen Heimat lieben gelernt. Das Buch, das auf einer erfolgreichen SPIEGEL-Kolumne basiert, beleuchtet mit Witz und Wärme die Missverständnisse und Eigenheiten beider Kulturen – von arabischer Unpünktlichkeit bis hin zum deutschen Kult um den Schulabschluss. Die Frage, die Tannous nach dem Sturz des Diktators Assad umtreibt, ist zutiefst existentiell: Ist er noch „ein Syrer“ oder bereits ein „Deutscher mit syrischen Wurzeln“? Ihre Lesung ist eine Plauderei über Freundschaft und die „stille Kraft“ der Familie, die beweist, dass Heimat dort entsteht, wo man sich gegenseitig mit Herz und Humor begegnet.

15. November: Musik in der Fremde

Der Abschluss der Reihe wendet sich einem tragischen, aber kulturell hoch relevanten Kapitel der Geschichte zu: der Exilserfahrung. Michael Haas, Senior Researcher des Exilarte Zentrum der Universität Wien und Spezialist für „Musik in der Fremde“, präsentiert „Die Musik der Fremde. Komponisten im Exil“.

Haas beleuchtet die bewegenden Schicksale jüdischer Komponisten, die vor dem Nationalsozialismus fliehen mussten – darunter Größen wie Erich Wolfgang Korngold (der in Hollywood eine neue Karriere fand) und Kurt Weill. Das Buch, das von der Financial Times als „Bestes Buch des Jahres 2023“ ausgezeichnet wurde, zeigt mit großer Eleganz die inneren Konflikte der Künstler*innen. Die Flucht, oft nur eine Frage des Vermögens, führte nicht nur zum Verlust des Heimatlandes, sondern auch zu einer drastischen Veränderung ihrer Musik und in vielen Fällen zu einer Neuentdeckung der jüdischen Identität in der Fremde. Haas’ Arbeit ist ein wichtiger Beitrag zur Erinnerungskultur und zeigt, wie Musik – selbst in der Isolation – ein letztes Gefühl von Heimat bewahren kann.

Die „Literaturwochen HEIMATEN“ in der Stadtbibliothek Buxtehude sind mehr als nur Lesungen. Sie sind eine literarische Vermessung der Gegenwart, die uns lehrt: Heimat ist ein lebenslanger Prozess, der in der Mehrzahl gedacht werden muss.

Tickets (12 Euro) sind in der Stadtbibliothek, online unter tickets.vibus.de oder an der Abendkasse erhältlich.

Stadtbibliothek Buxtehude, Fischerstraße 2, 21614 Buxtehude

31. Oktober, 8. November und 15. November, jeweils 19 Uhr | Kontakt: Tel. 0 41 61 – 99 90 60 oder stadtbibliothek@stadt.buxtehude.de

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Das Verhandeln drängender Fragen https://www.tiefgang.net/das-verhandeln-draengender-fragen/ Fri, 19 Sep 2025 22:13:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12452 [...]]]> Hamburg pulsiert, und die Literatur pulsiert mit. Die Shortlist der Hamburger Literaturpreise 2025 ist wieder nicht nur eine Liste von Büchern, sondern auch Spiegelbild der literarischen Vielfalt der Stadt.

Senator Dr. Carsten Brosda betont, wie wichtig es ist, diesen Reichtum sichtbar zu machen: „Hamburg ist ein Ort, an dem Literatur in all ihren Facetten entsteht und diskutiert wird. Die Werke entführen uns in andere Welten, lassen uns Zusammenhänge verstehen und regen an zum Dialog.“ Die Jury, so der Senator weiter, hatte keine leichte Aufgabe, aus der „Vielfalt der großartigen Titel“ die Nominierten zu wählen, denn „alle Bücher der Shortlist lohnen gelesen zu werden!“

Diese Vielfalt spiegelt sich in den beiden Hauptkategorien wider: „Buch des Jahres“ und dem „Sachbuchpreis der ZEIT STIFTUNG BUCERIUS“, die das Preisgeld stiftet. Prof. Manuel Hartung, Vorstandsvorsitzender der ZEIT STIFTUNG BUCERIUS, freut sich dabei besonders über die Vielfalt auf der Shortlist: „Wir brauchen vielfältige Perspektiven auf die Themen einer immer komplexer werdenden Welt.“ Die feierliche Preisverleihung findet am 8. Dezember 2025 im Literaturhaus Hamburg statt.

Das Erzählerische im Fokus: Fünf Romane auf der Shortlist

Die fünf nominierten Romane sind so vielfältig wie das Leben selbst. Sie erforschen das Private im Kontext des Politischen, verweben historische Spuren mit der Gegenwart und suchen in der Sprache nach neuen Ausdrucksformen. Es ist eine Auswahl, die der Leserin und dem Leser eine tiefgründige und emotional bewegende Lektüre verspricht.

Die Shortlist beginnt mit einer eindrucksvollen Auseinandersetzung mit der Herkunft und den eigenen Wurzeln. Jegana Dschabbarowas Roman Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt ist bereits im Titel ein poetisches Manifest. Es handelt sich um ein Werk, das sich mit Metafiktion befasst, will heißen: eine Geschichte, die nicht nur erzählt, sondern auch über das Erzählen selbst nachdenkt. Dschabbarowa verknüpft dabei persönliche und kollektive Erzähllinien und fragt, wer eigentlich die Macht hat, die Geschichte zu schreiben.

In einem ganz anderen, aber ebenso experimentellen Tonfall, bewegt sich Friederike Gräff mit Frau Zilius legte ihr erstes Ei an einem Donnerstag. Der Titel deutet auf einen magischen Realismus hin, der also fantastische oder absurde Elemente in eine ansonsten realistische Umgebung einbettet. Gräffs Prosa scheint die Grenzen der konventionellen Erzählung spielerisch zu überschreiten und lädt ein in eine Welt, in der das Unerwartete zum Alltag gehört.

Aber auch die Erkundung von Erinnerung und die menschliche Psyche spielen auf der Shortlist eine zentrale Rolle. Katharina Hagena, eine Meisterin der literarischen Topografie, dem Erzählen über Orte, um innere Landschaften und Erinnerungen zu offenbaren, überzeugt mit ihrem Roman Flusslinien. In ihrem Werk verwebt sie die Geschichte eines Ortes mit den Geheimnissen und Erinnerungen seiner Bewohner, um zu zeigen, wie die Vergangenheit in der Gegenwart fortlebt.

Mirko Bonné wiederum entführt die Leserin und den Leser in ein komplexes Geflecht von Geschichten in Wege durch die Spiegel. Sein Roman ist ein Beispiel für Intertextualität. Er webt bewusst Bezüge zu anderen Texten und Kunstwerkenein. Bonné schafft eine poetische Welt, die reich an Reflexionen über die Kunst, die Liebe und die Vergänglichkeit ist und die Leser und Leserinnen auf eine anspruchsvolle, aber lohnende Reise mitnimmt.

Kristine Bilkau vervollständigt die Shortlist mit ihrem Roman Halbinsel. Sie zeichnet sich durch einen Stil aus, der das scheinbar Banale in den Mittelpunkt rückt und es mit großer erzählerischer Präzision beleuchtet. Ihre Werke sind oft wie eine Mikrostudie, wie eine detaillierte, feingliedrige Untersuchung eines kleinen Ausschnitts der Wirklichkeit, in der sich dennoch die großen menschlichen Dramen widerspiegeln. Kristine Bilkau gelingt es meisterhaft, die feinen Risse in den Beziehungen und die verborgenen emotionalen Turbulenzen ihrer Figuren sichtbar zu machen. Ihre literarische Stimme ist dabei gut in der hiesigen Szene verwurzelt, wie ihr Auftritt auf den SuedLese Literaturtagen in Harburg 2022 bewies.

Die Shortlist des Sachbuchs: Denken, Fühlen, Verändern

Auch die Sachbuch-Shortlist zeugt von einer bemerkenswerten Bandbreite. Von der Klimakrise über feministische Debatten bis zur Aufarbeitung von Traumata und Familiengeschichten – die nominierten Werke spiegeln die drängendsten Fragen unserer Zeit wider. Sachbücher sind ja nicht mehr bloße Informationsquellen, sie sind zu literarischen Vermessungen der Gegenwart geworden, die aufklären, herausfordern und zutiefst bewegen.

Mit Schweigen leistet Birgit Weyhe eine beeindruckende Pioniertat. Ihr Werk ist ein Graphic-Novel, eine gezeichnete, literarisch anspruchsvolle Erzählung, die die Lücke zwischen Wort und Bild schließt. In den Panels und Sprechblasen widmet sich Weyhe einem schwer zugänglichen, ja fast unsagbaren Thema: den Traumata aus der Kolonialzeit. Sie erforscht die psychologischen Nachwirkungen dieser Verbrechen, die oft im historischen Gedächtnis und in den Familienbiografien verschwiegen wurden. Das Buch ist somit nicht nur ein künstlerisches Statement, sondern auch ein wichtiger Beitrag zur Aufarbeitung der postkolonialen Theorie, der kritischen Auseinandersetzung mit den Folgen des Kolonialismus und den andauernden Machtstrukturen, die daraus hervorgegangen sind. Weyhe bricht das Schweigen und gibt den Opfern eine visuelle Stimme.

Gegen die Krise: Wissenschaft, Politik und der Blick nach vorn

Zwei andere Werke auf der Shortlist beschäftigen sich hingegen mit den größten existenziellen Herausforderungen unserer Zeit. Matthias Glaubrecht widmet sich in Das stille Sterben der Natur der globalen Biodiversitätskrise. Sein Buch ist ein dringender Appell an die Leser und die Leserin, die oft übersehene Auslöschung von Tier- und Pflanzenarten als die Katastrophe zu begreifen, die sie ist. Er legt die wissenschaftlichen Zusammenhänge dar und macht komplexe ökologische Prozesse verständlich. Seine Arbeit steht exemplarisch für das moderne Sachbuch, das nicht nur Fakten sammelt, sondern sie in einen nachdenklichen, oft auch emotionalen Kontext stellt.

In eine ähnliche Kerbe, aber mit einem gesellschaftlichen Fokus, schlägt Eva Thöne mit Weibliche Macht neu denken. Thöne wagt es, die veralteten Narrative über weibliche Führung zu hinterfragen und stattdessen einen neuen, zukunftsorientierten Weg aufzuzeigen. Ihr Buch ist ein wichtiger Beitrag zur feministischen Debatte. Es ist eine Arbeit, die sich in die Gender-Studies einreiht.

Zwischen Heimweh und Klischee: Nadia Pantel und Anne Jaberine

Die letzten beiden Nominierten auf der Shortlist sind sich in ihrem Ansatz, persönliche Erfahrungen zu nutzen, um übergeordnete Themen zu beleuchten, sehr ähnlich. Nadia Pantel geht in Das Camembert-Diagramm den Klischees und Stereotypen nach, die über das Land der Liebe und der Kultur kursieren. Ihr Buch ist eine charmante und zugleich scharfsinnige Kulturanalyse. Pantel dekonstruiert das romantische Bild von Frankreich und legt eine komplexere, facettenreichere Realität frei.

Anne Jaberine schließlich nimmt die Leserinnen und Leser mit auf eine tief persönliche Reise. Der letzte Himmel: Meine Suche nach Palästina ist eine Mischung aus Memoiren und Reportage. Jaberine macht sich auf die Suche nach ihrer Familiengeschichte, die untrennbar mit der Geschichte Palästinas verwoben ist. Das Buch ist ein berührender Bericht über Identität, Heimat und die Diaspora, also der Zerstreuung der Bevölkerung von ihrem Ursprungsland aus. Jaberine zeigt, wie die Vergangenheit in der Gegenwart fortlebt und wie schmerzhaft und zugleich lebensbejahend es sein kann, sich den eigenen Wurzeln zu stellen.

Die Shortlist der Hamburger Literaturpreise 2025 ist also auch dieses Jahr wieder ein beeindruckendes Zeugnis für die lebendige und facettenreiche Gegenwartsliteratur. Sie zeigt, dass die Kunst des Erzählens und die Aufklärung durch das Sachbuch am besten zusammenwirken, um die drängendsten Fragen der Gegenwart zu verhandeln. Es ist ein Fest für die Literatur als unverzichtbare Kunstform.

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Gegen die stille Gewalt https://www.tiefgang.net/gegen-die-stille-gewalt/ Fri, 12 Sep 2025 22:39:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12403 [...]]]> Die Stadtbibliothek Buxtehude lädt zu einer Lesung, die mehr ist als eine bloße Buchvorstellung: Am 23. September um 19 Uhr präsentiert die Rechtsanwältin und Autorin Asha Hedayati ihr Werk „Die stille Gewalt“.

Was auf den ersten Blick wie eine gewöhnliche literarische Veranstaltung wirkt, ist in Wahrheit die Ankündigung einer schonungslosen Analyse – und ein Aufruf, nicht länger wegzusehen.

Hedayati beschäftigt sich in ihrem Buch mit einem Thema, das für den Leser und die Leserin oftmals nur eine abstrakte Statistik ist: Jede vierte Frau erlebt in ihrer Partnerschaft Gewalt. Die Autorin, die seit fast einem Jahrzehnt als Familienrechtsanwältin tätig ist, gibt Zahlen aber eine Stimme und ein Bild. Und sie legt eine scharfe Kritik an den Tag und zeigt, wie der Staat die betroffenen Frauen nicht nur unzureichend schützt, sondern in seinen eigenen Strukturen Teil des Problems wird.

Partnerschaftsgewalt ist, wie Hedayati es nennt, ein „blinder Fleck“ bei Familiengerichten, der Polizei und den Jugendämtern. „Strukturelle Probleme“, will heißen: es handelt sich nicht um Einzelfälle von Inkompetenz, sondern um tief verankerte, systemische Schwachstellen, die den Opfern den Weg aus der Gewalt unnötig erschweren. Es ist diese Praxisnähe, die Hedayati als Anwältin mitbringt, die ihr Werk so dringlich macht. Sie schreibt nicht aus einer theoretischen Distanz, sondern aus der konkreten Erfahrung, dem Leid der Frauen, die sie vertritt.

Asha Hedayati, die 1984 in Teheran geboren wurde und an der Humboldt-Universität Rechtswissenschaften studierte, nutzt ihre Expertise, um Ungerechtigkeiten sichtbar zu machen. Ihre Arbeit ist ein wichtiger Beitrag zur juristischen und gesellschaftlichen Aufklärung.

Die klare, analytische Stimme der Autorin findet auch in der Fachwelt Anklang. Die Journalistin Teresa Bücker lobt die entschiedene und präzise Beschreibung bei Hedayati, die Literaturwissenschaftlerin Asal Dardan die „klare, hellsichtige und bestärkende Stimme“ des Buches. Es sind diese Merkmale, die das Werk zu einer unverzichtbaren Lektüre für alle machen, die die gesellschaftliche Dimension häuslicher Gewalt verstehen und verändern möchten.

Die Lesung in Buxtehude, die in Kooperation mit dem Gleichstellungsbüro der Hansestadt stattfindet, ist Teil des bundesweiten Projektes „Land.schafft.Demokratie“. Dieses fördert Bibliotheken als Orte des Dialogs und der Vielfalt. In diesem Rahmen bietet die Veranstaltung eine wichtige Plattform, um die „stille Gewalt“ zu thematisieren.

Lesung mit Asha Hedayati aus „Die stille Gewalt“ | Do., 23. September, 19 Uhr, Stadtbibliothek Buxtehude, Fischerstraße 2. Eintritt frei, Anmeldung online oder direkt in der Stadtbibliothek ist erwünscht.

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Spiegel wackliger Wirklichkeiten https://www.tiefgang.net/spiegel-wackliger-wirklichkeiten/ Fri, 22 Aug 2025 22:22:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12347 [...]]]> Die Jury für den Deutschen Buchpreis hat gesprochen. Wieder 20 Romane haben es auf die Longlist geschafft, auserwählt aus 229 Titeln, die in einem Jahr der Unsicherheit erschienen sind oder noch erscheinen werden.

In einem Akt, der mehr als nur eine bloße Nennung ist, stellt die Jury eine Auswahl zusammen, die – wenn man Jurysprecherin Laura de Weck glauben mag – unsere „wackelige Wirklichkeit“ in aller literarischen Vielfalt widerspiegelt. Und hier beginnen die Fragen, die sich der Leser und die Leserin stellen müssen: Was macht diese Realität aus und was hat die Literatur ihr entgegenzusetzen?

Die literarische Vermessung der Gegenwart

Die Jury-Sprecherin betont, dass „Sprachgestaltung, Erzählverhalten und die beängstigende Gegenwart“ die Diskussionen geleitet haben. Es sind diese drei Kategorien, die den Zugang zur diesjährigen Longlist definieren. Es geht nicht nur darum, was erzählt wird, sondern auch, wie es erzählt wird. Ob in historischen Panoramen, Redeteppichen oder wilden Listen, die Autorinnen und Autoren von heute versuchen, die Fragen der Zeit zu stellen: Was machen die Verhältnisse mit uns?

Da ist Kaleb Erdmann mit seiner „Ausweichschule“, der eine alternative Realität entwirft, will heißen: einen Ort abseits des Normativen, an dem die Regeln des Alltags außer Kraft gesetzt sind. Oder die Erzählung über die Gegenwart, die Thomas Melle mit „Haus zur Sonne“ liefert, ein Autor, dessen Werk oft die Risse in unserer Gesellschaft aufzeigt. Dmitrij Kapitelmans „Russische Spezialitäten“ klingt nach einem Werk, das kulturelle Identitäten und ihre Komplikationen erforscht, während Jina Khayyers „Im Herzen der Katze“ eine fantastische oder vielleicht sogar surreale Geschichte verspricht. Auch Peter Wawerzinek, der uns mit „Rom sehen und nicht sterben“ entführt, will heißen, dass es hier um einen Lebensabschnitt, eine Erfahrung geht, die prägend ist, vielleicht existenziell.

Die Liste ist eine Mischung aus etablierten Größen und vielversprechenden Debüts. Michael Köhlmeier ist ebenso vertreten wie Feridun Zaimoglu, aber auch Jehona Kicaj, die mit einem einzigen Zeichen den Titel ihres Buches formuliert: „ë“, will heißen, dass die Literatur auch in kleinsten Formen eine große Bedeutung transportieren kann.

Die Botschaft, die hinter all dem steht, ist eine von Zuversicht. Während man sich um die Zukunft Sorgen machen muss, muss man sich nicht um die Zukunft der Literatur sorgen, so Laura de Weck. Sie ist ein Medium, das nicht nur unsere Ängste und Unsicherheiten abbildet, sondern uns auch mit „Irrwitz belustigen und erschüttern“ kann. Es ist dieses Spiel mit den Emotionen, diese Tiefenanalyse der menschlichen Existenz, die den Wert dieser Literatur ausmacht.

Am Ende bleibt die spannende Frage: Wer wird am 13. Oktober im Kaisersaal des Frankfurter Römers als Preisträger oder Preisträgerin geehrt? Fünf Finalistinnen und Finalisten bekommen immerhin 2.500 Euro, der Gewinner oder die Gewinnerin aber stolze 25.000 Euro. Bis dahin bleibt der Literaturliebhaberin und dem Literaturfreund nichts anderes übrig, als die Leseproben in dem kostenlosen Taschenbuch „Deutscher Buchpreis 2025: Die Nominierten“ zu studieren und sich auf die Shortlist zu freuen, die am 16. September bekanntgegeben wird.


Die nominierten Romane (in alphabetischer Reihenfolge der Autoren oder Autorinnen):

  • Kathrin Bach: Lebensversicherung (Verlag Voland & Quist, Februar 2025)
  • Marko Dinić: Buch der Gesichter (Paul Zsolnay Verlag, August 2025)
  • Nava Ebrahimi: Und Federn überall (Luchterhand Literaturverlag, September 2025)
  • Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen (Carl Hanser Verlag, August 2025)
  • Kaleb Erdmann: Die Ausweichschule (park x ullstein, Juli 2025)
  • Annett Gröschner: Schwebende Lasten (Verlag C.H.Beck, April 2025)
  • Dmitrij Kapitelman: Russische Spezialitäten (Hanser Berlin, Februar 2025)
  • Jina Khayyer: Im Herzen der Katze (Suhrkamp Verlag, Juli 2025)
  • Jehona Kicaj: ë (Wallstein Verlag, Juli 2025)
  • Michael Köhlmeier: Die Verdorbenen (Carl Hanser Verlag, Januar 2025)
  • Jonas Lüscher: Verzauberte Vorbestimmung (Carl Hanser Verlag, Januar 2025)
  • Thomas Melle: Haus zur Sonne (Verlag Kiepenheuer & Witsch, August 2025)
  • Jacinta Nandi: Single Mom Supper Club (Rowohlt Hundert Augen, Juni 2025)
  • Gesa Olkusz: Die Sprache meines Bruders (Residenz Verlag, März 2025)
  • Lena Schätte: Das Schwarz an den Händen meines Vaters (S. Fischer Verlag, März 2025)
  • Lina Schwenk: Blinde Geister (Verlag C.H.Beck, August 2025)
  • Fiona Sironic: Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft (Ecco Verlag, März 2025)
  • Peter Wawerzinek: Rom sehen und nicht sterben (Penguin Verlag, September 2025)
  • Christine Wunnicke: Wachs (Berenberg Verlag, März 2025)
  • Feridun Zaimoglu: Sohn ohne Vater (Verlag Kiepenheuer & Witsch, Februar 2025)

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