In dem Offenen Brief der Studierendenschaft der Georg-August-Universität Göttingen schlagen Studierende der Archäologie, Ägyptologie und Geschichte aus Göttingen Alarm. Das dortige Denkmalschutzgesetz soll im Namen von Verwaltungsvereinfachungen radikal beschnitten werden.
Stell dir vor, du stehst auf dem Hamburger Rathausmarkt, und unter deinen Füßen liegt das Geheimnis, woher wir eigentlich kommen. Die Frage „Wer sind wir?“ treibt uns alle an – doch genau diese Spurensuche im Boden droht jetzt unter die Räder eines beispiellosen Bau-Turbos zu geraten.
Ein Weckruf liefert aktuell ein flammender Appell aus Niedersachsen. In dem Offenen Brief der Studierendenschaft der Georg-August-Universität Göttingen (hier zum Download Offener_Brief_NDSchG.pdf [1]) schlagen Studierende der Archäologie, Ägyptologie und Geschichte aus Göttingen Alarm. Das dortige Denkmalschutzgesetz soll im Namen von Verwaltungsvereinfachungen radikal beschnitten werden, was unter anderem den Schutz bereits bekannter Bodendenkmale massiv gefährdet. Durch die Streichung wichtiger Paragrafen wird in Zukunft nicht mehr sichergestellt sein, ob in den Unteren Denkmalschutzbehörden überhaupt die nötige archäologische Fachkompetenz vorhanden ist. Für den akademischen Nachwuchs bedeutet das den unmittelbaren Verlust beruflicher Perspektiven und gefährdet langfristig sogar den Erhalt der traditionsreichen Göttinger Institute. Ein echter Kulturschock!
Warum uns das in Hamburg pulsieren lassen sollte? Denk nur an unsere eigene DNA! Ohne akribische archäologische Arbeit wüssten wir bis heute nicht, wo die legendäre Hammaburg eigentlich lag. Sie ist der Mythos, die Keimzelle unserer Stadt am Domplatz! Ohne die großartigen Stadtkerngrabungen des Archäologischen Museums Hamburg, das bekanntlich bei uns in Harburg beheimatet ist, wären die sensationellen Geheimnisse der Harburger Schloßstraße – einer der größten Ausgrabungen dieser Art in ganz Deutschland – für immer unter Asphalt verschwunden. Auch die Geschichte der alten Hamburger Höfe und die beeindruckenden Funde der Neuen Burg aus dem 11. Jahrhundert wären uns schlichtweg verborgen geblieben. Unsere Vergangenheit ist kein staubiges Beiwerk, sie ist das lebendige Fundament, auf dem wir heute unseren Kaffee trinken und unsere Zukunft planen.
Aber der Blick über den Tellerrand zeigt: Der Bagger rollt bundesweit. Die jungen Autor*innen des offenen Briefs beobachten völlig richtig einen deutschlandweiten Trend, bei dem Kulturschutz und Geisteswissenschaften zunehmend geschwächt werden. In Hessen tobt gerade ein erbitterter Streit. Die dortige Landesregierung will den Denkmalschutz massiv „entbürokratisieren“ – was die Deutsche Stiftung Denkmalschutz (Denkmale in Hessen in Gefahr: Weniger Expertise, mehr politischer Durchgriff, Fehlanreize [2], 13.04.2026)
und aufmerksame Kritiker*innen in Leitmedien wie der FAZ (Experten sehen Denkmalschutz in Gefahr [3], von Günter Murr vom 15.04.2026) auf die Barrikaden treibt. Sie warnen vor fatalen Fehlanreizen und unwiederbringlichen Verlusten in der Bodendenkmalpflege. In Bayern wird das jüngst reformierte Gesetz in Fachkreisen bereits als zahnloser Tiger verspottet, weil im Behördenvollzug wirtschaftliche Bauinteressen von Investor*innen oft schwerer wiegen als der Erhalt von Geschichte. Der Druck auf den Wohnungsbau ist enorm, und das ist in Großstädten absolut nachvollziehbar. Wir brauchen Wohnraum, schnell und effizient. Aber müssen wir dafür wirklich unser kulturelles Gedächtnis opfern?
Genau hier liegt die Krux, und deshalb müssen wir auch in Hamburg höllisch achtsam bleiben. Bisher sichert unser Hamburgisches Denkmalschutzgesetz einen erfreulich hohen Standard. Doch politische Winde drehen sich bekanntlich extrem schnell, besonders wenn der Druck auf dem Wohnungsmarkt weiter steigt. Die Göttinger Fachschaften bringen es in ihrem Brief gnadenlos auf den Punkt: Was einmal zerstört ist, kann niemals wieder erforscht werden. Wenn wir aufhören, den Boden unter unseren Füßen zu erforschen, kappen wir unsere eigenen Wurzeln. Die Warnung aus Niedersachsen ist daher weit mehr als ein regionales Geplänkel. Sie ist ein Weckruf für uns alle. Lasst uns Wohnraum schaffen, ja! Aber lasst uns verdammt noch mal nicht vergessen, auf welchem großartigen, Jahrtausende alten Erbe wir das tun.
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