Medien – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Wed, 28 Jan 2026 17:07:17 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.3 Die Verteidigung der Moderne https://www.tiefgang.net/die-verteidigung-der-moderne/ Sat, 31 Jan 2026 23:53:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13182 [...]]]> Das Bucerius Kunst Forum in Hamburg schickt uns im Jahr 2026 auf eine Reise zu den Pionier*innen der Sichtbarkeit. Mit zwei großen Ausstellungen werden Persönlichkeiten gewürdigt, die nicht nur Kunst gesammelt oder geschaffen, sondern ganze Sehgewohnheiten und gesellschaftliche Diskurse verändert haben.

Es ist ein Jahr der Jubiläen und der notwendigen Erinnerungsarbeit, das uns zeigt, wie eng die Ästhetik mit der Geschichte und dem Mut einzelner Individuen verwoben ist.

F.C. Gundlach neu entdecken

Den Auftakt macht im Mai ein Mann, dessen Name untrennbar mit dem Haus und der Fotokultur der Hansestadt verbunden ist: F.C. Gundlach. Anlässlich seines 100. Geburtstags widmet ihm das Bucerius Kunst Forum im Rahmen der 9. Triennale der Photographie die Schau You’ll Never Watch Alone. Wer hier eine klassische Retrospektive erwartet, wird angenehm überrascht, denn der Fokus liegt auf Gundlach als dem ultimativen Netzwerker.

Fotografie passiert nie isoliert, und genau das macht der Ausstellungstitel deutlich. Gundlach war weit mehr als der Schöpfer ikonischer Modeaufnahmen; er war Lehrer, Galerist, Sammler und ein unermüdlicher Förderer. Die Schau zeigt neben den berühmten Covermotiven auch bisher unveröffentlichte Schwarzweiß- und Farbaufnahmen sowie Werke seiner Vorbilder und Weggefährt*innen. Es geht um die Allianzen, die er von Paris bis Tokio knüpfte, und um seine radikale Offenheit für neue Talente und technische Experimente. Die Stiftung F.C. Gundlach fungiert dabei als Leihgeberin dieser besonderen Sicht auf ein Lebenswerk, das unser heutiges Bildverständnis maßgeblich geprägt hat.

Das Vermächtnis jüdischer Sammler*innen

Im September wechselt die Perspektive von der Kamera zum privaten Blick der Sammlerinnen. Die Ausstellung Von Cézanne bis Kirchner rückt die entscheidende Rolle jüdischer Bürger*innen in den Mittelpunkt, die um die Jahrhundertwende gegen den konservativen Akademiekanon des Kaiserreichs aufbegehrten. Während die offizielle Kunstpolitik noch im Gestern verharrte, zeigten Sammler*innen wie Rosa Schapire oder Max Emden eine beeindruckende Bereitschaft, die Moderne zu verteidigen und zu fördern.

Fünfzehn bedeutende Sammlungen werden für dieses Projekt exemplarisch rekonstruiert. Rund 100 Meisterwerke von Paul Cézanne über Ernst Ludwig Kirchner bis zu Paula Modersohn-Becker werden dafür aus der ganzen Welt wieder in Hamburg zusammengeführt. Doch die Schau ist mehr als ein kunsthistorisches Fest; sie ist eine tiefgreifende kunstsoziologische Analyse und eine Verbeugung vor Menschen, deren Leben und Sammlungen durch den Nationalsozialismus zerschlagen wurden.

Jedem der fünfzehn Sammler*innenpaare oder Einzelpersonen ist ein eigener Raum gewidmet, der nicht nur die Kunstwerke, sondern auch die individuellen Schicksale von Ausgrenzung, Vertreibung und Ermordung dokumentiert. Es wird aufgezeigt, wie Netzwerke aus Museen und Händler*innen an der Enteignung beteiligt waren und wie die Werke nach 1945 oft unter Verschleierung ihrer Herkunft weltweit verstreut wurden. Diese Ausstellung, die unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten steht, leistet einen wesentlichen Beitrag dazu, diese wegbereitenden Persönlichkeiten und ihre kulturelle Leistung wieder fest im gesellschaftlichen Bewusstsein zu verankern.

Das Ausstellungsjahr 2026 im Überblick

  • F.C. Gundlach. You’ll Never Watch Alone 8. Mai bis 16. August 2026 (i.R.d. 9. Triennale der Photographie Hamburg 2026)
  • Von Cézanne bis Kirchner. Jüdische Kunstsammler*innen der Moderne in Deutschland 11. September 2026 bis 28. März 2027 (Kuratierung: Stefan Koldehoff und Dr. Kathrin Baumstark)

Bucerius Kunst Forum | Alter Wall 12 | 20457 Hamburg | Telefon: 040 – 36 09 96 78 |www.buceriuskunstforum.de

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Archive der Zukunft https://www.tiefgang.net/archive-der-zukunft/ Tue, 27 Jan 2026 13:58:26 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13164 [...]]]> Das MARKK stellt sein Programm 2026 vor und es ist die Weiterführung einer Neuausrichtung …

Hamburgs Museum am Rothenbaum (MARKK) blickt auf ein kraftvolles Jahr 2025 mit rund 89.000 Gästen zurück und schaltet für 2026 noch einmal einen Gang höher. Während die Samtpfoten der Erfolgsschau KATZEN! noch bis Ende November durch das Haus schleichen, bereitet Direktorin Barbara Plankensteiner bereits die nächste große Transformation vor. Es geht um nichts Geringeres als die Neuerfindung eines Weltmuseums, vormals „Völkerkundemuseum“ hieß und das sich seiner eigenen Geschichte stellt und gleichzeitig digitale Grenzen sprengt.

Ab dem 5. Juni 2026 wird das MARKK zu einem zentralen Schauplatz der 9. Triennale der Photographie Hamburg. Unter dem Titel Bilderechos aus Peru begegnen uns die intimen Dokumentationen des Amateurforschers Hans Heinrich Brüning, der vor über einem Jahrhundert das Leben in der Region Lambayeque festhielt. Doch das Haus bleibt nicht in der Nostalgie stecken.

Die Ausstellung verwandelt diese kolonial geprägten Dokumente in lebendige Archive. Zeitgenössische Akteur*innen sowie Künstler*innen wie Enzo Miguel Matute und Marystela Camacho überschreiben die historischen Bilder mit queeren Perspektiven oder gestickten Interventionen. Es ist eine Einladung, die kulturelle Wiederaneignung als einen Prozess der Heilung zu begreifen.

Ein tieferer, schmerzhafterer Blick in die eigene Vergangenheit folgt ab dem 28. August 2026. Das Museum widmet sich der Geschichte jüdischer Objekte und nimmt dabei eine kritische Neubewertung der eigenen Rolle während des Nationalsozialismus vor. Ausgangspunkt ist die verschollene Sammlung der Hamburger Gesellschaft für jüdische Volkskunde.

Durch aktuelle Provenienzforschung, die vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste unterstützt wird, werden Biografien und Sammlungsgeschichten bis in die Gegenwart verfolgt. Es ist ein notwendiger Diskurs über Vertrauen und Verantwortung, der auch das Begleitprogramm im Zwischenraum das gesamte Jahr über prägen wird.

Von Märchenfesten bis zur digitalen Revolution

Das MARKK beweist 2026, dass wissenschaftlicher Anspruch und pure Lebensfreude keine Gegensätze sind. Der Veranstaltungskalender platzt fast aus allen Nähten: Der Frühling startet mit dem Märchenfest am 25. Januar und der Samurai-Welt von COOL JAPAN am 15. März. Im Juli lädt das Haus im Rahmen des Architektursommers die renommierte Architektin Lina Ghotmeh ein, um über die anstehende Modernisierung des Gebäudes zu sprechen. Für den intellektuellen Tiefgang sorgen Gäste wie Geschichtsprofessor Sven Beckert am 16. Juli oder die Kulturwissenschaftlerin Annekathrin Kohout, die am 23. April das Phänomen der Niedlichkeit seziert.

Parallel dazu vollzieht das Museum den digitalen Quantensprung. Mit der Onlinestellung von rund 200.000 Objekten wird die Sammlung 2026 für Wissenschaftler*innen und Interessierte weltweit zugänglich – inklusive der Möglichkeit, eigene digitale Objektzusammenstellungen zu speichern.

Das MARKK positioniert sich 2026 somit als einen Ort, der die Welt nicht nur zeigt, sondern sie mutig und neugierig hinterfragt. Ob analog vor peruanischen Fotografien oder digital in der neuen Datenbank: Der Hamburger Kulturbetrieb darf sich auf ein Jahr voller Resonanz freuen.

Highlights im ersten Halbjahr 2026

  • 25. Januar: Märchenfest für Familien mit fantasievollen Geschichten und einer Kunstperformance von Salah Zater.
  • 29. Januar: 7. Geburtstag des Zwischenraums mit einem Set des DJ-Duos Cho Room zum Start des Jahresthemas Vertrauenssache.
  • 12. März: Erster Termin zur Vorstellung der Planungen für die neue Dauerausstellung durch die Kurator*innen des Hauses.
  • 15. März: COOL JAPAN lädt dazu ein, in die Welt der Samurai einzutauchen.
  • 31. März: Zweiter Termin für Einblicke in die Modernisierung und die neuen Konzepte des Museums.
  • 12. April: Spielefest mit Capoeira-Workshops und Kinder-Disko, das sich den Tänzen und Spielen der portugiesisch-sprachigen Welt widmet.
  • 16. April: Dritter Termin zur Präsentation der künftigen Dauerausstellung.
  • 23. April: Vortrag von Annekathrin Kohout zur kulturellen Bedeutung der Katze und dem Phänomen des Niedlichen.
  • 29. April: Vierter Termin, an dem das Team des MARKK die Planungen für die Zeit nach der Modernisierung vorstellt.
  • 05. Juni: Eröffnung der Ausstellung Bilderechos aus Peru im Rahmen der 9. Triennale der Photographie Hamburg.
  • 19.–20. Juni: Kooperation mit der Tanztriennale Hamburg für tänzerische Impulse im Museum.
  • 28. Juni: Zusammenarbeit mit dem TONALI Festival für musikalische Akzente am Rothenbaum.

Museum am Rothenbaum | Rothenbaumchaussee 64 | 20148 Hamburg | Tel. 040 42 88 79 – 0 | www.markk-hamburg.de

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Die Kunst in 2026 https://www.tiefgang.net/die-kunst-in-2026/ Mon, 26 Jan 2026 08:30:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13157 [...]]]> Wenn die Deichtorhallen Hamburg ihr Program für das Jahr 2026 präsentieren, dann tun sie das mit einer Vehemenz, die weit über die Stadtgrenzen hinausstrahlt.

Das kommende Ausstellungsjahr steht ganz im Zeichen der 9. Triennale der Photographie, die unter dem fast schon lyrischen Titel Alliance, Infinity, Love – in the Face of the Other von Juni bis September die Hansestadt in ein transglobales Bilder-Labor verwandelt. Mark Sealy, der künstlerische Leiter der Triennale, hat eine Vision im Gepäck, die weit über das bloße Betrachten von Abzügen hinausgeht: Es geht um Heilung, Transformation und den Austausch zwischen Kulturen, die oft viel zu wenig voneinander wissen.

In der Halle für aktuelle Kunst versammeln sich rund 30 internationale Positionen aus Fotografie, Video und Film. Diese Künstler*innen bilden eine Gemeinschaft, die neue Formen des Erlebens erkundet. Es ist ein mutiges Programm, das gerade in Zeiten globaler Spannungen den Blick auf das Gegenüber schärft. Parallel dazu bietet die Schau Cocktail Prolongé eine faszinierende Reise durch die Sammlung F.C. Gundlach. Rund 300 Werke zeigen Inszenierungen von Körperlichkeit und die damit verbundenen Fantasien und Rollenbilder – ein Kaleidoskop menschlicher Sehnsüchte, das uns den Spiegel vorhält.

Besonders emotional wird es im Juli 2026, wenn Hamburg den 100. Geburtstag von F.C. Gundlach feiert. Der Triennale-Initiator und Gründer des Hauses der Photographie wird mit Cocktail Prolongé auf eine Weise geehrt, die überrascht. Es geht nicht um den weltbekannten Modefotografen, sondern um den radikal offenen Künstlersammler. Deichtorhallen-Intendant Dirk Luckow betont, dass hier ein Mensch sichtbar wird, der jenseits gesellschaftlicher Zuschreibungen nach wahrhaftigen Träumen suchte. Diese Ehrung ist ein Herzstück des Hamburger Kulturjahres.

Doch die Fotografie-Offensive hört im Sommer nicht auf. Der Herbst bringt mit der Hito Steyerl-Werkschau eine weitere intellektuelle Kraftanstrengung in die Deichtorhallen. Steyerl verbindet Technologie mit gesellschaftlicher Analyse und blickt scharfzüngig auf Themen wie KI, algorithmische Kontrolle und den Klimakollaps. Wer es eher gestisch-expressiv mag, findet in der Sammlung Falckenberg bei Joyce Pensato sein Glück. Die erste institutionelle Schau der Künstlerin in Europa nach ihrem Tod interpretiert Comic-Ikonen der Popkultur auf eine untergründige, wuchtige Weise neu.

Dass dieses anspruchsvolle Programm auf ein begeisterungsfähiges Publikum trifft, beweisen die Zahlen des vergangenen Jahres: Rund 185.000 Besucher*innen strömten 2025 in die Deichtorhallen, was trotz der Sanierung des Hauses der Photographie ein Plus von 20 Prozent bedeutet. Das kaufmännische Team rund um Bert Antonius Kaufmann liefert dazu passend zum fünfzehnten Mal in Folge eine schwarze Null. In Hamburg gehen künstlerische Exzellenz und wirtschaftliche Vernunft also Hand in Hand. Wer die Zukunft der Fotografie und das Erbe eines großen Visionärs erleben will, sollte sich den Sommer 2026 bereits jetzt rot im Kalender markieren.

Die 9. Triennale der Photographie Hamburg 2026 findet unter dem Titel Alliance, Infinity, Love – in the Face of the Other von Juni bis September 2026 statt. Deichtorhallen Hamburg, Deichtorstraße 1-2 | 20097 Hamburg | Tel. 040 – 321030 | www.deichtorhallen.de.


Soll ich für Sie noch eine detaillierte Übersicht zu den Ausstellungen im PHOXXI und in der Sammlung Falckenberg erstellen, um das Programm der Triennale zu vervollständigen?

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Denkmal für den „Winsener Anzeiger“ https://www.tiefgang.net/denkmal-fuer-den-winsener-anzeiger/ Fri, 02 Jan 2026 12:09:28 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13055 [...]]]> Cognac am Schreibtisch, rauchende Köpfe in der Setzerei und ein Rollenbild, das heute mindestens für hochgezogene Augenbrauen sorgt: Willkommen in den 1970er Jahren. Willkommen in Störenbek. Doch wer genau hinsieht, erkennt hinter dem fiktiven Namen der Kultserie „Lokalseite unten links“ ein sehr reales Gesicht: Winsen (Luhe).

Das Museum im Marstall lädt am So., 11. Januar zur mittlerweile traditionellen Serienschau und beweist einmal mehr, dass Geschichte nicht immer staubig sein muss – manchmal flimmert sie auch charmant über die Leinwand.

Die Serie, die einst ein Millionenpublikum vor die Bildschirme lockte, ist für Winsen weit mehr als nur Unterhaltung. Sie ist ein konserviertes Stück Stadtgeschichte. Die Szenen, die in der Druckerei der Lokalzeitung spielen, wurden in den damaligen Räumen des Winsener Anzeigers gedreht. Wer die Folgen heute sieht, blickt direkt in das Maschinenraum-Herz der Stadt, wie es vor fast 50 Jahren schlug.

Es ist dieser hohe Grad an Erinnerungskultur, der den Filmnachmittag so wertvoll macht. Wenn die Protagonist*innen mit dem Auto durch die Marktstraße brausen, sieht man im Hintergrund Stadtansichten, die längst aus dem Stadtbild verschwunden sind. Es ist eine visuelle Archäologie des Alltags.

Gezeigt werden diesmal zwei besondere Leckerbissen: Die allererste Folge mit dem vielsagenden Titel „Alarm“ und die Folge 37, „Besuch von Drüben“. Dabei geht es nicht nur um Nostalgie für jene, die damals schon dabei waren. Auch für Jüngere bietet die Vorführung einen faszinierenden, manchmal amüsierten Blick auf den Lebensstil einer Ära, die uns heute seltsam fremd und doch vertraut erscheint.

Ob die ehemalige Kaserne, die Winsener Geschäfte oder die weiten Szenen am Deich – „Lokalseite unten links“ fängt das Lebensgefühl der Elbmarsch ein, wie es kaum ein anderes Dokument vermag.

Da die Plätze im historischen Marstall begehrt sind und die Serienschau regelmäßig für ein volles Haus sorgt, ist der Vorverkauf an der Museumskasse mehr als nur eine Empfehlung – er ist fast schon Pflicht für alle, die sich diesen nostalgischen Trip nicht entgehen lassen wollen.

Sonntag, 11. Januar, 14.30 Uhr: Historischer Filmabend „Lokalseite unten links“ (Folgen: „Alarm“ & „Besuch von Drüben“), Museum im Marstall, Schlossplatz 11, 21423 Winsen (Luhe)

Eintritt: 6 Euro für Erwachsene (Kinder bis 18 Jahre und Vereinsmitglieder frei)

Info: www.museum-im-marstall.de

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Maschinensturm im Mojo Club https://www.tiefgang.net/maschiensturm-im-mojo-club/ Fri, 05 Dec 2025 23:59:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12956 [...]]]> Der Medienstandort Hamburg hat, befeuert von seiner kreativen und zugleich pragmatischen Energie, stets als Seismograf für gesellschaftliche und ökonomische Umbrüche gedient. Nun rückt der Fokus auf eine neue, unumgängliche Bruchlinie: die Künstliche Intelligenz.

Am 27. November verwandelt sich mit der AI Media Leaders Conference (AIM Leaders) der Mojo Club im Herzen der Reeperbahn zum Schauplatz dieser existenziellen Zukunftsdebatte. Es ist die erste Konferenz im DACH-Raum, die sich explizit an die Entscheider*innen der gesamten Medien- und Digitalwirtschaft richtet – ein deutliches Signal, dass das Abwarten vorbei ist.

Das Aufeinandertreffen ist sinnbildlich: Hochkultur, Strategie und tiefschürfende technologische Fragen verhandeln ihre Zukunft in einem Musikclub, der sonst für die raue Energie menschlicher Performance steht. Die AIM Leaders Konferenz, veranstaltet von nextMedia.Hamburg und der Behörde für Kultur und Medien in Zusammenarbeit mit brand eins, versammelt über 200 Führungskräfte, um nicht nur das „Was“, sondern vor allem das „Wie“ der digitalen Transformation zu klären.

Vom Wert des Humanen im Algorithmus

Die zentralen Fragestellungen, die in Keynotes und Deep-Dive-Tracks zu Film und Publishing diskutiert werden, sind nicht nur technischer, sondern zutiefst feuilletonistischer Natur. Was ist der verbleibende Wert des menschlichen Denkens, wenn die KI immer mächtiger wird? Wie lässt sich die menschliche Kreativität so ergänzen, dass sie zukunftsfähig bleibt, ohne von selbstlernenden Systemen subsumiert zu werden? Die Ingenieurin und KI-Beraterin Kenza Ait Si Abbou Lyadini, eine der namhaften Speaker*innen, lieferte im Vorfeld bereits den Impuls, dass Deutschland dringend ein „CIO-Mindset“ benötige: Mut zum Ausprobieren und ständige Anpassung der Strategie.

Es geht um mehr als nur um Effizienzsteigerung. Es geht um Souveränität. Marco-Alexander Breit vom Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung beleuchtet die Chancen und Herausforderungen für den Einsatz von KI in der Medienbranche, während die Branche selbst über Kooperationen nachdenkt, die nötig sind, um eine faire Verteilung von Innovation und Wertschöpfung im Schatten des EU AI Act zu gewährleisten.

Die ökonomischen Sorgen sind dabei ebenso präsent wie die kulturellen. Wie messen Medienhäuser wie die Bauer Media Group, der Spiegel-Verlag oder RTL Deutschland den Erfolg ihrer KI-Projekte? Und, noch fundamentaler, wie bleibt eine Marke überhaupt sichtbar und relevant, wenn nicht mehr der Mensch, sondern ein autonomer Agent entscheidet, welche Suchergebnisse oder welche Inhalte dem Nutzer*innen präsentiert werden? Die Fragen, die sich hier stellen, berühren das Überleben von Inhalten in der digitalen Ökonomie. Die Präsenz von Größen wie Philipp Westermeyer (OMR) und Rhys Nölke (Bertelsmann) auf der Bühne zeugt von der Dringlichkeit, KI-Strategien in die Kernprozesse der gesamten Kreativwirtschaft zu integrieren.

Hamburg beweist mit dieser Konferenz seinen Anspruch, die Debatte nicht nur zu begleiten, sondern aktiv zu gestalten. Kultursenator Dr. Carsten Brosda betonte im Vorfeld: „Mit den AIM Leaders können wir aus Hamburg heraus den Austausch führender Köpfe zur Künstlichen Intelligenz stärken und gemeinsam Entwicklungen voranbringen.“

Wenn die Entscheider*innen aus Presse, Film, Rundfunk und Verlag am Abend im Mojo Club zum Get-together zusammenkommen, liegt die eigentliche Aufgabe nicht in der Technologie, sondern in der Schaffung eines tragfähigen Netzwerks und einer gemeinsamen Haltung. Es ist die Suche nach Allianzen, die Innovation und Fairness erfolgreich verbinden – eine zutiefst menschliche Herausforderung an der Schnittstelle zur Maschine.

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Unterrichtsfach ´Straßennamen` https://www.tiefgang.net/unterrichtsfach-strassennamen/ Fri, 05 Dec 2025 23:28:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12976 [...]]]> Die Debatte um Hamburgs koloniale Straßennamen ist festgefahren, laut und meistens auf der Straße oder in politischen Gremien zu Hause. Nicht aber im Unterricht.

Denn was passiert, wenn die Diskussion nicht im Rathaus, sondern direkt am Schul-Rechner beginnt? Die Stadt zieht die Auseinandersetzung nun mitten in den Unterricht – und holt sich dafür Expertise aus dem Hamburger Süden.

Mit „Museana“ startet ein digitales Bildungsangebot, das Lehrkräften multimediale, fundierte Materialien an die Hand gibt. Es ist ein Versuch, die Vergangenheit nicht nur zu beleuchten, sondern sie aktiv in die Gegenwart zu zerren.

Es geht um große, komplexe Fragen: Die Rolle der Hamburger Kauffamilien, der globale Kolonialismus, Widerstand und die heikle Frage, wie wir heute mit öffentlichen Erinnerungsorten umgehen. Dafür hat sich die Kulturbehörde mit starken Partnern zusammengetan. Neben dem Freilichtmuseum am Kiekeberg ist es das Archäologische Museum Hamburg – jenes Haus mit Sitz in Harburg, das normalerweise die tiefen Wurzeln der norddeutschen Geschichte erforscht. Die wissenschaftliche Begleitung wiederum lag bei Dr. Tania Mancheno von der Universität Hamburg. Diese Beteiligung ist ein klares Statement: Die Auseinandersetzung mit dem globalen Erbe endet nicht an der Elbbrücke, sondern ist zentrale Aufgabe der gesamten Stadtkultur.

Im Kern des neuen Moduls steht die Aufforderung an die Schüler*innen, selbst aktiv zu werden: Sie sollen Biografien kolonialer Akteure und Widerstandsfiguren recherchieren, Quellen sichten und die Umbenennung von Straßen kritisch diskutieren. Geschichte wird hier nicht konsumiert, sondern erarbeitet.

Kultur- und Mediensenator Dr. Carsten Brosda spricht von einer „gesamtgesellschaftlichen Aufgabe“. Doch es ist Prof. Dr. Rainer-Maria Weiss, der Direktor des Archäologischen Museums, der den entscheidenden Punkt hervorhebt: Die vielschichtigen, digitalen Anwendungsformen verschaffen dem Thema eine neue Relevanz in der jungen Zielgruppe. Und Dr. Tania Mancheno ergäntt: „Die Unterrichtsmaterialien über den deutschen und europäischen Kolonialismus, die bei Museana verfügbar sind, fördern ein kritisches Denken bei Lehrenden und Schüler*innen, indem sie die Bedeutung der Kolonialgeschichte durch Bezüge auf die Gegenwart erklären, illustrieren und diskutieren.

Genau das ist die Stärke dieses Projekts: Es liefert nicht nur Fakten, sondern den „lebensweltnahen Lernzugang“. Wo herkömmlicher Geschichtsunterricht oft abstrakt bleibt, knüpft Museana direkt an das Umfeld der Jugendlichen an. Plötzlich geht es nicht um ferne Länder, sondern um die Namen von Straßen, an denen man täglich vorbeiläuft. Die Vergangenheit wird persönlich, die Debatte wird konkret.

Diese digitale Offensive in der politischen Bildung ist längst überfällig. Sie liefert den Lehrkräften aller Schulformen das Rüstzeug, um die Diskussionen um Kolonialismus und heutigen Rassismus nicht nur zuzulassen, sondern zu lenken. Harburgs Museum hat sich damit nicht nur in die digitale Welt katapultiert, sondern auch mitten in die wichtigsten gesellschaftlichen Gespräche unserer Stadt. Die Choreografie der Zukunft beginnt eben auch hier – am Rechner, mit einem Klick auf die Spuren der Vergangenheit.

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Wenn Fotografie zu riechen beginnt https://www.tiefgang.net/wenn-fotografie-zu-riechen-beginnt/ Fri, 10 Oct 2025 22:43:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12620 [...]]]> In einer Zeit, in der Bilder im Sekundentakt über unsere Screens flimmern, wirkt der Vorschlag fast revolutionär: Die Ausstellung „INTO THE UNSEEN“ der Walther Collection kehrt das gängige Paradigma um.

In der Halle für aktuelle Kunst geht es ab dem 24. Oktober nicht um die perfekte Belichtung und Sichtbarkeit, sondern um Dunkelheit, Schatten und das, was sich unseren Augen entzieht. Die Kuratorinnen Nadine Isabelle Henrich und Prof. Tina Marie Campt verstehen Fotografie als ein Medium des Widerstands und der Verbindung. Sie inszenieren die Schau als eine „multisensorische Auseinandersetzung mit der Welt“, die uns riechen, berühren und fühlen lässt.

Die Ausstellung vermeidet jede Vorstellung von Sehen als privilegiertem Sinnesregister. Die Besucher*innen betreten die Halle und finden sich nicht im erwarteten White Cube wieder, sondern in dunklen Räumen, in denen Bilder organisch schweben. Die Wände verströmen einen subtilen Duft, und kleine architektonische Strukturen aus lokalem Douglasienholz schaffen intime Räume für die Betrachtung. Das Holz wurde mit der traditionellen japanischen Yakisugi-Technik oberflächlich verbrannt, was ihm eine tiefschwarze, schimmernde Oberfläche verleiht. Diese kuratorische Intervention ist Programm: Sie intensiviert das Erlebnis der Auseinandersetzung mit Kunst, indem sie alle unsere Sinne aktiviert.

Die radikale Hinwendung zur sinnlichen Erfahrung ist im fünften Kapitel der Schau besonders eindrücklich verankert. Hier wird die unmittelbare körperliche Erfahrung zum Portal zur Welt und zum Ungesehenen.

Cang Xin, Communication Series No. 2, 1996–2006 (© Cang Xin. Courtesy the artist and The Walther Collection, New York/Neu-Ulm)

Die Werke chinesischer Künstler des legendären Beijing East Village Collective sind dafür exemplarisch: Cang Xin etwa wählt in seiner Communications Series No. 2 (1999) den Geschmackssinn als unmittelbare Verbindung mit dem Außen. Das Bild, in dem die Zunge des Künstlers eine rote, künstliche Tulpe berührt, ist eine provokante Geste der Einverleibung und Kommunikation, die den Blick in einen Tastsinn umwandelt. Es ist ein Akt der körperlichen Erkenntnis, der weit über das bloße Abbilden hinausgeht.

Die Arbeiten von Song Dong und RongRong testen ebenfalls die Grenzen sinnlicher Erkenntnis, indem sie das Ungesehene erforschen, das im menschlichen Körper wohnt. Das Schwarz-Weiß-Porträt eines jungen Mannes von RongRong, dessen Gesicht fast vollständig von Seifenschaum bedeckt ist – eine scheinbar alltägliche, aber verfremdete Szene – evoziert das Gefühl der verschwommenen Identität und der körperlichen Metamorphose.

Ein weiteres monumentales Werk von Cang Xin unterstreicht die körperliche Auseinandersetzung mit der Landschaft: ToAdd One Meter To An Anonymous Mountain (1995) zeigt eine Pyramide aus nackten Körpern, die auf einem Berg ruhen. Es stellt eine performative Verbindung zur Landschaft her, in die Geschichten und Spuren eingeschrieben sind.

Frequenzen der Dunkelheit und das Archiv der Verlorenen

Die Ausstellung beginnt bereits im ersten Raum mit einer Verschiebung des Fokus von Belichtung hin zu Dunkelheit und Schatten. Werke wie Santu Mofokengs Chasing Shadows betonen die „Andersweltlichkeit“ von Bildern, die die Grenze zwischen Dokumentation und Imagination verwischen. Auch im Kapitel „Dem Land Zuhören“ stellen Künstler wie Em’kal Eyongakpa und David Goldblatt durch Performance, Berührung und Klang eine enge Verbindung zur Landschaft her, in der koloniale Widerstände und gesellschaftliche Porträts eingeschrieben sind.

Besonders eindringlich-poetisch wird das Thema im vierten Kapitel: „Fotografische Sedimente“. Das Lost & Found Project von Munemasa Takahashi zeigt rund 1.600 durch den Tsunami 2011 beschädigte Familienfotos als schwebende Bildformation im Raum. Diese physisch zerstörten, aber digital geretteten Bilder sind das ultimative visuelle Archiv des Verlusts, der Rettung und des Nachlebens von Bildern.

„Into the Unseen“ ist die letzte große Präsentation der renommierten Walther Collection in Europa, bevor 6.500 Werke als Schenkung an das Metropolitan Museum of Art nach New York gehen. Diese Ausstellung ist kein Museumsgang, sondern eine tiefgreifende, multisensorische Reise in das Ungesehene. Sie konfrontiert uns mit der Frage, was Fotografie ist, wenn sie uns nicht nur zeigt, sondern uns berührt.


Die Ausstellung wird gemeinsam mit der Schau „Huguette Caland: A Life in a Few Lines“ eröffnet.

INTO THE UNSEEN | Halle für aktuelle Kunst, Deichtorhallen Hamburg, Deichtorstr. 1-2, 20095 Hamburg

24. Oktober 2025 – 26. April 2026

Dienstag – Sonntag, 11–18 Uhr. Jeden 1. Donnerstag im Monat von 11–21 Uhr bei freiem Eintritt von 18–21 Uhr.

  • Panel Talk: Am Do., 23. Oktober 2025 um 17 Uhr in der Halle für aktuelle Kunst mit Tina Marie Campt, Nadine Isabelle Henrich und Artur Walther. Exklusiv nur bei Voranmeldung unter hdp@deichtorhallen.de.
  • Publikation: Eine umfangreiche Publikation zur Ausstellung entsteht in Zusammenarbeit mit The Walther Collection und erscheint voraussichtlich im Dezember 2025.

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Die Bildsprache des Südens https://www.tiefgang.net/die-bildsprache-des-suedens/ Fri, 26 Sep 2025 22:10:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12478 [...]]]> Zum 15. Jubiläum am 11. Oktober 2025 feiert die SuedKultur Music-Night nicht nur die Live-Musik, sondern auch eine bemerkenswerte visuelle Chronik. Wir haben mal ins Plakat-Archiv geschaut …

Hinter den dynamischen Motiven der letzten anderthalb Jahrzehnte steckt die Harburger Grafikerin Sabine Schnell von reflexblue, die es verstand, die Geschichte des Festivals in immer wieder neuen, eindrucksvollen Plakatdesigns zu erzählen. Ihre Arbeit geht über bloße Werbung hinaus – sie ist ein grafisches Tagebuch der kulturellen Renaissance in Hamburgs Süden.

Der Gründungsmythos: „Im Süden nix los?“

Die Geschichte beginnt nicht mit einem Musiker, sondern mit einer Provokation. Das Plakat aus dem Jahr 2010, noch vor der ersten Music-Night, stellt die rhetorische Frage „Im Süden nix los?“.

Das Motiv ist so trocken wie genial: Ein augenscheinlich gelangweiltes Paar sitzt auf einem roten Sofa, während die Liste der beteiligten Kulturinstitutionen demonstrativ die Behauptung entkräftet. Dieses Design von Sabine Schnell ist kein Werbeplakat im klassischen Sinne, sondern ein Statement. Es schafft eine Identität, indem es sich einer Stereotype entgegenstellt und mit augenzwinkernder Ironie die kulturelle Leere, die man dem Stadtteil gerne nachsagt, als absurde Lüge entlarvt.

Die Evolution der Motive: Von Instrument zu Leguan

Mit dem Start der Music-Night im Jahr 2011 ändert sich der Fokus. Die Plakate werden direkter, musikalischer. Zu Beginn aber liegt der Fokus noch rein auf Instrumenten. Das 2011er Design stellt die Trommelstöcke in den Fokus, während die Ausgabe von 2012 mit der Bassgitarre eine urbane, bodenständige Ästhetik einführt. In den folgenden Jahren rückt die menschliche Figur in den Vordergrund, ohne jedoch ins Klischee zu verfallen. Dann folgt eine Phase der Musiker*innen-Porträts und Stimmungsbilder. Das 2013er Plakat zeigt einen Musiker auf einem ländlichen Weg, das 2016er einen Gitarristen auf einer Brücke – die Motive stehen für eine musikalische Reise, die über bloße Unterhaltung hinausgeht. Die Farbgebung ist prägnant: Vom dramatischen Rot der 2014er Ausgabe bis zum grellen Magenta von 2018, das die explosive Energie der Live-Musik einfängt.

Ab 2019 wagt die Reihe einen mutigen Schritt in die Abstraktion und thematische Diversifizierung. Ein Astronaut, der durchs Weltall fliegt und Gitarre spielt: visualisiert er die universelle Kraft der Musik? Oder doch Harburg als ganz eigenen Planeten? Den immerhin gibt es jetzt im Mini-Format im ehemaligen Karstadt-Kaufhaus. In den Folgejahren etabliert sich eine dynamische Comic-Ästhetik.

Das Plakat für die „Fight for live“-Reihe im Jahr 2020, in dessen Rahmen auch das 10jährige Bestehen der Music-Night gefeiert wurde, stellt einen Sonderfall dar. Im Gegensatz zu den jährlichen „SuedKultur Music-Night“-Plakaten, die eine einheitliche visuelle Linie verfolgen, präsentiert dieses Plakat eine karikaturartige Zeichnung eines Gitarristen im Vordergrund. Der Stil erinnert an eine Comic-Ästhetik und weicht damit bewusst von den vorherigen Designs ab, um die Thematik des „Kampfes für Live-Musik“ während der Corona-Pandemie zu visualisieren. Die Informationen sind detaillierter und listen die spezifischen Termine und Veranstaltungsorte auf. Das Plakat von 2021 mit der Hand, die das Mikrofon aus einem Schwall reißt, symbolisiert die ungebrochene Kraft der Live-Musik während der Corona-Pandemie. Das 2022er Design bedient sich gar der Superhelden-Ikonografie, indem es das Logo als Symbol einer kulturellen Rettungsmission auf der Brust des Helden platziert.

Die jüngsten Entwürfe spielen mit den Möglichkeiten des Digitalen. Das 2023er Plakat ist ein fast schon cineastisches Porträt einer Musikerin, während das Motiv von 2024 mit dem Gitarre spielenden Leguan die Grenzen zwischen Realität und Imagination verschwimmen lässt. Es ist ein spielerischer Umgang mit der Ästhetik, die die Künstliche Intelligenz möglich gemacht hat.

Ein grafisches Vermächtnis

Das Plakat zum 15. Jubiläum kehrt zurück zum Ursprung: Das Logo selbst wird zum zentralen Motiv. Mit seinen leuchtenden Farben und den dynamischen Lichteffekten feiert es die Marke „SuedKultur Music-Night“ selbst. Es ist das visuelle Resümee einer beispiellosen Entwicklung.

Sabine Schnells Designsprache ist das Rückgrat der SuedKultur-Identität. Sie hat über 15 Jahre hinweg eine kohärente, aber dennoch sich ständig weiterentwickelnde visuelle Erzählung geschaffen. Die Plakate sind mehr als simple Ankündigungen. Sie sind der Beweis dafür, dass Hamburgs Süden nicht nur lebt, sondern eine reiche, vielschichtige Kulturlandschaft besitzt – und Sabine Schnell hat sie in ihrer gesamten Geschichte sichtbar gemacht.

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„Ich liebe Widersprüche“ https://www.tiefgang.net/ich-liebe-widersprueche/ Fri, 12 Sep 2025 22:24:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12260 [...]]]> Was, wenn Kunst und Leben verschmelzen? Die Deichtorhallen zeigen, wie es geht: mit Spoerri, Caland und Co.

Die Deichtorhallen Hamburg laden in den kommenden Herbst- und Wintermonaten zu einer tiefgreifenden Auseinandersetzung mit dem Wechselspiel zwischen Kunst und Leben ein. Mit gleich vier hochkarätigen Ausstellungen aus den Bereichen Malerei, Fotografie und Objektkunst wird das spannungsvolle Verhältnis zwischen diesen beiden Welten ausgelotet und neu beleuchtet.

Daniel Spoerri: „Ich liebe Widersprüche“

Den Auftakt macht die in Harburg ansässige Sammlung Falckenberg mit einer großen Übersichtsschau zum Werk des 2024 verstorbenen Künstlers Daniel Spoerri, der in diesem Jahr 95 geworden wäre. Unter dem Titel „Ich liebe Widersprüche“ stellt die Ausstellung das vielseitige Schaffen Spoerris in den Dialog mit ausgewählten Positionen der Sammlung, darunter Werke von Ray Johnson, Jonathan Meese und Mariella Moser. Die Schau beleuchtet Spoerris typisches Spiel mit Alltagsmaterialien und gefundenen Objekten und sein humorvoll-subversives Hinterfragen von Konventionen. Sie verdeutlicht die ungebrochene Relevanz seines künstlerischen Denkens und seinen großen Einfluss auf nachfolgende Künstler*innengenerationen.

Huguette Caland: „A Life in A Few Lines“ & Walther Collection: „Into the Unseen“

Gleich zwei Ausstellungen in der Halle für aktuelle Kunst widmen sich ab dem 24. Oktober der Kraft der Emanzipation und der Fotografie. Die Retrospektive „A Life in A Few Lines“ zu Huguette Caland ist ihre erste große Solopräsentation in Europa. Das Werk der libanesischen Künstlerin, die 1931 geboren wurde, ist zugleich sinnlich und intellektuell, filigran und plakativ. Die Ausstellung erzählt in zehn Kapiteln von Calands Reise zwischen Kulturen und Kontinenten und ihrem unbedingten Widerstand gegen gesellschaftliche und sexuelle Normen.

Parallel dazu eröffnet die Ausstellung „Into the Unseen“, die letztmalig in Europa Fotografien aus der renommierten Walther Collection zeigt. Die Sammlung geht danach als Schenkung an das Metropolitan Museum of Art in New York. Die Schau lädt dazu ein, über das rein Visuelle hinauszugehen und Bilder sprechen, riechen und fühlen zu lassen. Mit Positionen wie David Goldblatt und Santu Mofokeng erforscht sie Themen wie Spiritualität, Trauma und Transformation.

Philip Montgomery: „American Cycles“

Im PHOXXI, dem temporären Haus der Photographie, zeigt der New Yorker Fotograf Philip Montgomery in seiner ersten großen institutionellen Einzelausstellung weltweit seine ikonischen Portraits und dokumentarischen Arbeiten. Unter dem Titel „American Cycles“ taucht er in die Konflikte und Allianzen der amerikanischen Gesellschaft ein – von Donald Trumps populistischer Wahlkampagne über die Black-Lives-Matter-Bewegung bis hin zu ökologischen Krisen. Seine Fotografien sind eine bildstarke Chronik der Suche nach Gemeinschaft in Zeiten des Umbruchs.

Ausstellungen im Überblick:

DANIEL SPOERRI: ICH LIEBE WIDERSPRÜCHE

Sammlung Falckenberg |Wilstorfer Straße 71, Tor 2 | 21073 Hamburg

27. September 2025 – 26. April 2026

HUGUETTE CALAND: A LIFE IN A FEW LINES

Halle für aktuelle Kunst | Deichtorstr. 1–2 | 20095 Hamburg

24. Oktober 2025 – 26. April 2026

INTO THE UNSEEN: THE WALTHER COLLECTION

Halle für aktuelle Kunst | Deichtorstr. 1–2 | 20095 Hamburg

24. Oktober 2025 – 26. April 2026

PHILIP MONTGOMERY: AMERICAN CYCLES

PHOXXI. Haus der Photographie temporär | Deichtorstr. 1–2 | 20095 Hamburg

28. November 2025 – 10. Mai 2026

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Die beste Inszenierung sind die Kinos selbst https://www.tiefgang.net/die-beste-inszenierung-sind-die-kinos-selbst/ Fri, 08 Aug 2025 22:44:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12235 [...]]]> In der Geschichte der Filmförderung gibt es Momente, die sich wie ein wohlplatzierter Plot-Twist anfühlen. Hamburg, die Hansestadt, schreibt gerade ein solches Kapitel.

Mit der Einführung des „MOIN Kinobonus“ verdoppelt sie kurzerhand das Preisgeld für die Hamburger Kinopreise und sendet ein unmissverständliches Signal: Nicht nur das Werk verdient eine Prämie, sondern auch der Ort, an dem es zum Leben erweckt wird. Die Gesamtsumme für die Programm- und Stadtteilkinos steigt von 100.000 auf 200.000 Euro – ein Bekenntnis, das die Leinwand des städtischen Kulturlebens in einem besonders warmen Licht erscheinen lässt.

Es ist eine Mise-en-scène der klugen Sorte. Denn was wäre ein Regiewerk ohne den dunklen Kinosaal, der es erst zur kollektiven Erfahrung macht? Staatsrätin Jana Schiedek brachte es auf den Punkt: „Gute Filme brauchen gute Orte, an denen sie gesehen werden können.“ Die Freude über die zusätzlichen Mittel ist spürbar, denn sie sieht in ihnen „Rückenwind für die Filmkultur in unserer Stadt.“ Es ist das Bekenntnis, dass die kleinen Spielstätten mit ihren leidenschaftlichen Programmen das Rückgrat der städtischen Filmlandschaft sind.

Aus der MOIN Filmförderung selbst kommt der entscheidende Impuls. Geschäftsführer Helge Albers spricht nicht ohne Grund davon, dass die Programmkinos das „Herzstück der Hamburger Filmkultur“ seien. Ihr Engagement, MOIN-geförderte Filme in die Säle zu bringen und ein Publikum für sie zu finden, sei von unschätzbarem Wert. Mit dem Kinobonus will die Förderung dieses Engagement nun gezielt „unterstützen und feiern“.

Und die Art der Unterstützung ist ebenso durchdacht wie das Vorhaben selbst. Der Bonus von bis zu 10.000 Euro pro Kino wird nicht nach Gutdünken vergeben. Vielmehr richtet sich die Höhe nach der Anzahl der MOIN-geförderten Filme im Programm und den dazugehörigen Zuschauer*innenzahlen des vergangenen Jahres. Um dabei faire Bedingungen zu schaffen, fließen auch Faktoren wie Saalkapazität und Kinogröße in die Bewertung ein – ein kluger Subtext, der sicherstellt, dass auch die kleineren, unabhängigen Filmschaffenden eine echte Chance haben.

Die diesjährigen Kinopreise werden am 8. September im Magazin Filmkunsttheater verliehen. Kultursenator Dr. Carsten Brosda wird die Ehrungen vornehmen und damit symbolisch einen symbolträchtigen Rahmen für diesen wichtigen Akt setzen. In einer Zeit, in der das Kino als Kulturort immer wieder um seine Existenz kämpft, ist diese Geste mehr als nur eine finanzielle Spritze. Sie ist die Bestätigung, dass die wahre Kunst der Filmvermittlung in den Händen der engagierten Kinobetreibenden liegt und von der Stadt als das erkannt wird, was sie ist: unverzichtbar für die Filmkultur.

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