Kultur – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Mon, 02 Mar 2026 11:05:14 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.3 Dance everybody! https://www.tiefgang.net/dance-everybody/ Sun, 08 Mar 2026 23:30:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13447 [...]]]> Im Juni 2026 wird die erste Tanztriennale die Hansestadt starten. Dann wird es um weit mehr als um ästhetische Pirouetten oder akrobatische Sprünge gehen sondern auch um eine soziale Kraft, die unsere Stadt transformieren kann.

Unter dem elektrisierenden Motto „Brave Moves. Courageous Joy“ wird Hamburg vom 14. bis 21. Juni zum Epizentrum einer Kunstform, die in den Hamburger Alltag drängt: mitten ins Leben, mitten auf die Straße und tief in die Herzen.

Es ist ein kulturpolitisches Highlight, dass Hamburg den Zuschlag für dieses neue Leuchtturmprojekt erhalten hat. Gefördert mit stolzen 950.000 Euro durch die Kulturstiftung des Bundes und weiteren 600.000 Euro durch die Stadt, entsteht hier ein Bündnis, das es so noch nicht gegeben hat. Das Hamburg Ballett, die Kampnagel Internationale Kulturfabrik und das K3 – Zentrum für Choreographie rücken zusammen. Für Amelie Deuflhard, die Intendantin von Kampnagel, setzt diese intensive Zusammenarbeit Maßstäbe und sendet ein wichtiges Signal für die verbindende Kraft des Tanzes über alle kulturellen, sozialen und generationellen Grenzen hinweg.

Das Programm, das nun vorgestellt wurde, verspricht eine wilde Mischung. Hier trifft klassisches Ballett auf Urban Dance, zeitgenössische Ästhetik auf Krump. Es ist diese bewusste Öffnung der Genres, die den Reiz ausmacht. Wenn eine Hip-Hop-Tänzerin selbstverständlich neben dem Balletttänzer auf der Bühne steht, entstehen daraus neue künstlerische Qualitäten und Zugänge für das Publikum, wie Katarzyna Wielga-Skolimowska von der Kulturstiftung des Bundes es visionär beschreibt.

Besonders spannend für alle Klassik-Fans: Das Hamburg Ballett steuert mit Alexei Ratmanskys „Wunderland“ eine Weltpremiere bei. Doch die Tanztriennale will mehr als nur glanzvolle Abende im Opernhaus. Sie will in den öffentlichen Raum, will den Diskurs und vor allem: sie will uns alle zum Mitmachen bewegen. Tanz gehört allen – jedem Körper, jedem Lebenshintergrund und jeder Geschichte, erklären die künstlerischen Co-Leiterinnen Gwen Hsin-Yi Chang und Monica Gillette. Für sie ist klar: Mut ist eine Praxis und Freude eine treibende Kraft. Beides wächst, wenn Menschen gemeinsam tanzen.

Kultursenator Carsten Brosda bringt es auf den Punkt: „Die Tanztriennale macht den Tanz in seinen ganz unterschiedlichen Ausdrucksformen für alle erlebbar – für Profis, für Laien, für Zuschauer und Zuschauerinnen, für Tänzer und Tänzerinnen. Vom Urban Dance über zeitgenössische Ästhetiken bis zum klassischen Ballett öffnet die Tanztriennale die universelle Sprache des Tanzes weit in die Gesellschaft hinein und verbindet Menschen und Tanzstile.“ Denn die Tanztriennale soll eine Einladung an alle Hamburger*innen sein, die Welt durch Bewegung neu zu entdecken.

Man spürt die Begeisterung bei allen Beteiligten, von den Profis bis zu den Institutionen. Nicolas Hartmann vom Hamburg Ballett sieht in der gegenseitigen Öffnung der Genres die wesentliche Zukunft des Tanzes. Und diese Zukunft beginnt im Sommer 2026 in Hamburg.

Der Vorverkauf startet am 20. März – ein Datum, das sich alle Tanzbegeisterten und Neugierigen rot im Kalender markieren sollten. Denn man kann davon ausgehen, dass manche Veranstaltungen schnell ausverkauft sein werden. Wer nämlich wissen will, wie sich mutige Schritte und mutige Freude aktuell anfühlen, wird im Juni an Hamburg nicht vorbeikommen. Das Programm unter: www.tanztriennale.de

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Elfenbeinturm und Barrikade https://www.tiefgang.net/elfenbeinturm-und-barrikade/ Thu, 26 Feb 2026 23:16:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13419 [...]]]> Wenn Hamburg im März zum vierten Mal das Buch aufschlägt, dann gilt die große Aufmerksamkeit einem Mann, der wie kaum ein anderer das literarische Gewissen dieser Stadt verkörpert: Siegfried Lenz.

Zum 100. Geburtstag des Ehrenbürgers heißt es einen Monat lang „Hamburg liest Lenz“ – und das Programm ist so vielseitig und lebendig, wie es sich der Altmeister wohl selbst gewünscht hätte.

Kultursenator Dr. Carsten Brosda würdigt Lenz nicht nur als Geschichtenerzähler, sondern auch als jemanden, der tief in die deutsche Identität blickte. Es ist diese Mischung aus scharfem Blick und einladender Erzählweise, die uns heute noch packt. Dass dieses Festival in Kooperation mit der Siegfried Lenz Stiftung, dem Literaturhaus und den kreativen Köpfen der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) entstanden ist, zeigt, wie tief verwurzelt sein Werk in der hiesigen Kulturlandschaft ist.

Den fulminanten Auftakt feiert Hamburg am 1. März im Rolf-Liebermann-Studio. NDR Kultur lädt zur Matinee, und die Besetzungsliste liest sich wie ein Who-is-Who der deutschen Schauspielriege: Bjarne Mädel, Catrin Striebeck und Stephan Kampwirth werden dort humorvolle Texte von Lenz zum Leben erwecken. Es geht um Töne, Bilder und Musik – eine Hommage, die weit über eine klassische Lesung hinausgeht.

Doch Lenz ist im März 2026 überall. In der Rathausdiele etwa wird am 11. März die Ausstellung „Siehst du es?“ eröffnet, in der Illustrationsstudierende der HAW ihre Graphic Novel zum Leben des Autors präsentieren. Wer es noch etwas politischer mag, sollte sich den 3. März vormerken: In der Staats- und Universitätsbibliothek (SUB) beleuchtet die Ausstellung „Elfenbeinturm und Barrikade“ das spannungsreiche Verhältnis zwischen Politik und Literatur, das Lenz gemeinsam mit seinem Freund Helmut Schmidt so intensiv ausfocht.

Dass Lenz’ Werk keineswegs in den Regalen verstaubt, beweisen Veranstaltungen wie „Lenz ist ein DJ“ am 20. März oder das „Flexible Schmøkern“ im Teehaus am 6. März. Auch literarische Schatzgräber*innen kommen auf ihre Kosten: Am 5. März präsentiert Burghart Klaußner bei Felix Jud Texte aus dem Nachlass unter dem wunderbaren Titel „Am Widerhaken hängt das Glück“.

Es ist diese Begeisterungsfähigkeit für das geschriebene Wort, die durch alle 35 Veranstaltungen weht – von den Stadtrundgängen bis hin zu den Filmvorführungen. Lenz fordert uns heraus, mitzudenken und mitzugestalten. In diesem März haben wir die beste Gelegenheit dazu. Das vollständige Programm ist online unter hamburgliest.de/programm/ zu finden.

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Die Verteidigung der Moderne https://www.tiefgang.net/die-verteidigung-der-moderne/ Sat, 31 Jan 2026 23:53:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13182 [...]]]> Das Bucerius Kunst Forum in Hamburg schickt uns im Jahr 2026 auf eine Reise zu den Pionier*innen der Sichtbarkeit. Mit zwei großen Ausstellungen werden Persönlichkeiten gewürdigt, die nicht nur Kunst gesammelt oder geschaffen, sondern ganze Sehgewohnheiten und gesellschaftliche Diskurse verändert haben.

Es ist ein Jahr der Jubiläen und der notwendigen Erinnerungsarbeit, das uns zeigt, wie eng die Ästhetik mit der Geschichte und dem Mut einzelner Individuen verwoben ist.

F.C. Gundlach neu entdecken

Den Auftakt macht im Mai ein Mann, dessen Name untrennbar mit dem Haus und der Fotokultur der Hansestadt verbunden ist: F.C. Gundlach. Anlässlich seines 100. Geburtstags widmet ihm das Bucerius Kunst Forum im Rahmen der 9. Triennale der Photographie die Schau You’ll Never Watch Alone. Wer hier eine klassische Retrospektive erwartet, wird angenehm überrascht, denn der Fokus liegt auf Gundlach als dem ultimativen Netzwerker.

Fotografie passiert nie isoliert, und genau das macht der Ausstellungstitel deutlich. Gundlach war weit mehr als der Schöpfer ikonischer Modeaufnahmen; er war Lehrer, Galerist, Sammler und ein unermüdlicher Förderer. Die Schau zeigt neben den berühmten Covermotiven auch bisher unveröffentlichte Schwarzweiß- und Farbaufnahmen sowie Werke seiner Vorbilder und Weggefährt*innen. Es geht um die Allianzen, die er von Paris bis Tokio knüpfte, und um seine radikale Offenheit für neue Talente und technische Experimente. Die Stiftung F.C. Gundlach fungiert dabei als Leihgeberin dieser besonderen Sicht auf ein Lebenswerk, das unser heutiges Bildverständnis maßgeblich geprägt hat.

Das Vermächtnis jüdischer Sammler*innen

Im September wechselt die Perspektive von der Kamera zum privaten Blick der Sammlerinnen. Die Ausstellung Von Cézanne bis Kirchner rückt die entscheidende Rolle jüdischer Bürger*innen in den Mittelpunkt, die um die Jahrhundertwende gegen den konservativen Akademiekanon des Kaiserreichs aufbegehrten. Während die offizielle Kunstpolitik noch im Gestern verharrte, zeigten Sammler*innen wie Rosa Schapire oder Max Emden eine beeindruckende Bereitschaft, die Moderne zu verteidigen und zu fördern.

Fünfzehn bedeutende Sammlungen werden für dieses Projekt exemplarisch rekonstruiert. Rund 100 Meisterwerke von Paul Cézanne über Ernst Ludwig Kirchner bis zu Paula Modersohn-Becker werden dafür aus der ganzen Welt wieder in Hamburg zusammengeführt. Doch die Schau ist mehr als ein kunsthistorisches Fest; sie ist eine tiefgreifende kunstsoziologische Analyse und eine Verbeugung vor Menschen, deren Leben und Sammlungen durch den Nationalsozialismus zerschlagen wurden.

Jedem der fünfzehn Sammler*innenpaare oder Einzelpersonen ist ein eigener Raum gewidmet, der nicht nur die Kunstwerke, sondern auch die individuellen Schicksale von Ausgrenzung, Vertreibung und Ermordung dokumentiert. Es wird aufgezeigt, wie Netzwerke aus Museen und Händler*innen an der Enteignung beteiligt waren und wie die Werke nach 1945 oft unter Verschleierung ihrer Herkunft weltweit verstreut wurden. Diese Ausstellung, die unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten steht, leistet einen wesentlichen Beitrag dazu, diese wegbereitenden Persönlichkeiten und ihre kulturelle Leistung wieder fest im gesellschaftlichen Bewusstsein zu verankern.

Das Ausstellungsjahr 2026 im Überblick

  • F.C. Gundlach. You’ll Never Watch Alone 8. Mai bis 16. August 2026 (i.R.d. 9. Triennale der Photographie Hamburg 2026)
  • Von Cézanne bis Kirchner. Jüdische Kunstsammler*innen der Moderne in Deutschland 11. September 2026 bis 28. März 2027 (Kuratierung: Stefan Koldehoff und Dr. Kathrin Baumstark)

Bucerius Kunst Forum | Alter Wall 12 | 20457 Hamburg | Telefon: 040 – 36 09 96 78 |www.buceriuskunstforum.de

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Überlebensarbeit für die Demokratie https://www.tiefgang.net/ueberlebensarbeit-fuer-die-demokratie/ Wed, 28 Jan 2026 23:59:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13173 [...]]]> 2024 brachte die Hamburger Stadtteilkultur eine zentrale Erkenntnis hervor: es braucht neue zentrale Kapazitäten, um ihre Zukunft aktiv zu gestalten. Nach einem Jahr nun einer erste Zwischenbilanz …

Hamburg ist stolz auf seine Elbphilharmonie, seine großen Museen und die glitzernde Meile. Doch das wahre Herz der Stadt schlägt oft im Verborgenen – in den Nachbarschaftstreffs, den kleinen Bühnen und den soziokulturellen Zentren der Stadtteile. Genau hier setzt die „Zukunftsinitiative Stadtteilkultur“ (ZI) an. Ein Jahr nach dem Start ziehen STADTKULTUR HAMBURG und die Kulturbehörde Bilanz. Und die zeigt: Kulturarbeit ist heute weit mehr als nur Unterhaltung – sie ist harte Überlebensarbeit für die Demokratie.

Die Zukunftsinitiative ist kein Zufallsprodukt. Sie entstand aus einer dringenden Notwendigkeit heraus, die sich besonders während der Pandemie und der darauffolgenden Energiekrise verschärft hatte. Jahrelang hangelte sich die Hamburger Stadtteilkultur von einer Projektförderung zur nächsten. „Wir haben uns buchstäblich von Antrag zu Antrag überlebt“, erinnert sich eine langjährige Mitarbeiterin eines Stadtteilzentrums im Gespräch.

Die Initiative wurde ins Leben gerufen, um diesen Teufelskreis aus kurzfristigen Geldern und chronischer Unterfinanzierung zu durchbrechen. Angestoßen durch den Dachverband STADTKULTUR HAMBURG in enger Abstimmung mit der Behörde für Kultur und Medien, will die ZI die kulturelle Infrastruktur der Stadt nicht nur erhalten, sondern zukunftsfähig machen. Es geht um die Erkenntnis, dass Kultur vor Ort kein Luxus ist, den man sich leistet, wenn Geld übrig ist, sondern die Basis für den sozialen Frieden in einer wachsenden Metropole.

Die Zukunftsinitiative richtet sich an die gesamte Breite der soziokulturellen Landschaft: von etablierten Häusern wie der Fabrik oder dem Goldbekhaus bis hin zu kleineren, ehrenamtlich getragenen Vereinen in den Randgebieten. Sie will vor allem dort helfen, wo die Ressourcen am knappsten sind. Ihr Ziel ist es, die Arbeitsbedingungen der Kulturakteur*innen massiv zu verbessern. Das bedeutet konkret: die strukturelle Stärkung: Weg von der reinen Event-Förderung, hin zur Sicherung von Personal und Betriebskosten. Dann die Modernisierung: also die Unterstützung bei der digitalen Transformation und energetischen Sanierung der oft historischen Gebäude. Und letztlich die Professionalisierung: Coaching und Beratung für Vereine, um im Paragrafen-Dschungel der Verwaltung zu bestehen.

Die Bilanz des ersten Jahres offenbart die harten Fakten: Der Fachkräftemangel macht auch vor der Kultur nicht halt. Viele Einrichtungen kämpfen damit, qualifiziertes Personal für die komplexen Aufgaben der Stadtteilarbeit zu finden und fair zu bezahlen. Hier setzt die ZI an, indem sie Tarifanpassungen und stabilere Stellenprofile ermöglicht.

Ein weiterer wunder Punkt ist die gesellschaftliche Spaltung. In den Fluren der Behörden ist man sich einig: „Die Stadtteilkultur ist der soziale Kitt unserer Stadt.“ Doch dieser Kitt braucht Pflege. Die Initiative sieht eine enorme Notwendigkeit darin, Räume für den Diskurs zu erhalten – Orte, an denen Menschen mit völlig unterschiedlichen Biografien noch miteinander ins Gespräch kommen.

Wer mit den Macher*innen spricht, spürt eine Mischung aus Erleichterung und Tatendrang. Eine Leiterin eines Zentrums im Hamburger Süden fasste es mir gegenüber so zusammen: „Früher haben wir von Projekt zu Projekt geatmet. Die Zukunftsinitiative gibt uns zum ersten Mal seit Jahren wieder das Gefühl, dass wir nicht nur Löcher stopfen, sondern tatsächlich gestalten können.“

Ein zentraler Punkt der Bilanz ist die Förderung von Partizipation. Kultur soll nicht für die Menschen gemacht werden, sondern mit ihnen. Das Projekt unterstützt gezielt Formate, die Barrieren abbauen. Ob intergenerative Projekte oder Angebote für Menschen mit Migrationsbiografie – die Stadtteilkultur wird durch die ZI diverser und inklusiver.

Doch man darf sich nicht auf den ersten Lorbeeren ausruhen. Die Webseite des Dachverbandes macht klar: Die Herausforderungen bleiben. Die Zukunftsinitiative ist auf Langfristigkeit angelegt. Für 2026 stehen bereits die nächsten Meilensteine fest. Es geht um eine Verstetigung der Mittel und eine noch engere Vernetzung der Akteur*innen.

Die Initiative hat im ersten Jahr bewiesen, dass sie ein lernendes System ist. Man hört auf die Basis, passt Förderrichtlinien an und schafft Räume für Experimente. Das ist genau der Geist, den Hamburg jetzt braucht.

Wenn man die Bilanz liest, wird eines klar: Jeder Euro, der in die Zukunftsinitiative fließt, ist ein Invest in die Widerstandsfähigkeit unserer Stadtgesellschaft. In den Stadtteilzentren wird Integration gelebt, Einsamkeit bekämpft und Diskurs geübt.

Die Zukunftsinitiative Stadtteilkultur ist vielleicht nicht so laut wie eine Opernpremiere, aber sie ist für das tägliche Zusammenleben in Hamburg ungleich wichtiger. Wir werden genau beobachten, wie sich diese Erfolgsgeschichte im nächsten Jahr weiterschreibt.

Weitere Informationen: www.stadtkultur-hh.de/dachverband/zukunftsinitiative

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Archive der Zukunft https://www.tiefgang.net/archive-der-zukunft/ Tue, 27 Jan 2026 13:58:26 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13164 [...]]]> Das MARKK stellt sein Programm 2026 vor und es ist die Weiterführung einer Neuausrichtung …

Hamburgs Museum am Rothenbaum (MARKK) blickt auf ein kraftvolles Jahr 2025 mit rund 89.000 Gästen zurück und schaltet für 2026 noch einmal einen Gang höher. Während die Samtpfoten der Erfolgsschau KATZEN! noch bis Ende November durch das Haus schleichen, bereitet Direktorin Barbara Plankensteiner bereits die nächste große Transformation vor. Es geht um nichts Geringeres als die Neuerfindung eines Weltmuseums, vormals „Völkerkundemuseum“ hieß und das sich seiner eigenen Geschichte stellt und gleichzeitig digitale Grenzen sprengt.

Ab dem 5. Juni 2026 wird das MARKK zu einem zentralen Schauplatz der 9. Triennale der Photographie Hamburg. Unter dem Titel Bilderechos aus Peru begegnen uns die intimen Dokumentationen des Amateurforschers Hans Heinrich Brüning, der vor über einem Jahrhundert das Leben in der Region Lambayeque festhielt. Doch das Haus bleibt nicht in der Nostalgie stecken.

Die Ausstellung verwandelt diese kolonial geprägten Dokumente in lebendige Archive. Zeitgenössische Akteur*innen sowie Künstler*innen wie Enzo Miguel Matute und Marystela Camacho überschreiben die historischen Bilder mit queeren Perspektiven oder gestickten Interventionen. Es ist eine Einladung, die kulturelle Wiederaneignung als einen Prozess der Heilung zu begreifen.

Ein tieferer, schmerzhafterer Blick in die eigene Vergangenheit folgt ab dem 28. August 2026. Das Museum widmet sich der Geschichte jüdischer Objekte und nimmt dabei eine kritische Neubewertung der eigenen Rolle während des Nationalsozialismus vor. Ausgangspunkt ist die verschollene Sammlung der Hamburger Gesellschaft für jüdische Volkskunde.

Durch aktuelle Provenienzforschung, die vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste unterstützt wird, werden Biografien und Sammlungsgeschichten bis in die Gegenwart verfolgt. Es ist ein notwendiger Diskurs über Vertrauen und Verantwortung, der auch das Begleitprogramm im Zwischenraum das gesamte Jahr über prägen wird.

Von Märchenfesten bis zur digitalen Revolution

Das MARKK beweist 2026, dass wissenschaftlicher Anspruch und pure Lebensfreude keine Gegensätze sind. Der Veranstaltungskalender platzt fast aus allen Nähten: Der Frühling startet mit dem Märchenfest am 25. Januar und der Samurai-Welt von COOL JAPAN am 15. März. Im Juli lädt das Haus im Rahmen des Architektursommers die renommierte Architektin Lina Ghotmeh ein, um über die anstehende Modernisierung des Gebäudes zu sprechen. Für den intellektuellen Tiefgang sorgen Gäste wie Geschichtsprofessor Sven Beckert am 16. Juli oder die Kulturwissenschaftlerin Annekathrin Kohout, die am 23. April das Phänomen der Niedlichkeit seziert.

Parallel dazu vollzieht das Museum den digitalen Quantensprung. Mit der Onlinestellung von rund 200.000 Objekten wird die Sammlung 2026 für Wissenschaftler*innen und Interessierte weltweit zugänglich – inklusive der Möglichkeit, eigene digitale Objektzusammenstellungen zu speichern.

Das MARKK positioniert sich 2026 somit als einen Ort, der die Welt nicht nur zeigt, sondern sie mutig und neugierig hinterfragt. Ob analog vor peruanischen Fotografien oder digital in der neuen Datenbank: Der Hamburger Kulturbetrieb darf sich auf ein Jahr voller Resonanz freuen.

Highlights im ersten Halbjahr 2026

  • 25. Januar: Märchenfest für Familien mit fantasievollen Geschichten und einer Kunstperformance von Salah Zater.
  • 29. Januar: 7. Geburtstag des Zwischenraums mit einem Set des DJ-Duos Cho Room zum Start des Jahresthemas Vertrauenssache.
  • 12. März: Erster Termin zur Vorstellung der Planungen für die neue Dauerausstellung durch die Kurator*innen des Hauses.
  • 15. März: COOL JAPAN lädt dazu ein, in die Welt der Samurai einzutauchen.
  • 31. März: Zweiter Termin für Einblicke in die Modernisierung und die neuen Konzepte des Museums.
  • 12. April: Spielefest mit Capoeira-Workshops und Kinder-Disko, das sich den Tänzen und Spielen der portugiesisch-sprachigen Welt widmet.
  • 16. April: Dritter Termin zur Präsentation der künftigen Dauerausstellung.
  • 23. April: Vortrag von Annekathrin Kohout zur kulturellen Bedeutung der Katze und dem Phänomen des Niedlichen.
  • 29. April: Vierter Termin, an dem das Team des MARKK die Planungen für die Zeit nach der Modernisierung vorstellt.
  • 05. Juni: Eröffnung der Ausstellung Bilderechos aus Peru im Rahmen der 9. Triennale der Photographie Hamburg.
  • 19.–20. Juni: Kooperation mit der Tanztriennale Hamburg für tänzerische Impulse im Museum.
  • 28. Juni: Zusammenarbeit mit dem TONALI Festival für musikalische Akzente am Rothenbaum.

Museum am Rothenbaum | Rothenbaumchaussee 64 | 20148 Hamburg | Tel. 040 42 88 79 – 0 | www.markk-hamburg.de

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Die Kunst in 2026 https://www.tiefgang.net/die-kunst-in-2026/ Mon, 26 Jan 2026 08:30:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13157 [...]]]> Wenn die Deichtorhallen Hamburg ihr Program für das Jahr 2026 präsentieren, dann tun sie das mit einer Vehemenz, die weit über die Stadtgrenzen hinausstrahlt.

Das kommende Ausstellungsjahr steht ganz im Zeichen der 9. Triennale der Photographie, die unter dem fast schon lyrischen Titel Alliance, Infinity, Love – in the Face of the Other von Juni bis September die Hansestadt in ein transglobales Bilder-Labor verwandelt. Mark Sealy, der künstlerische Leiter der Triennale, hat eine Vision im Gepäck, die weit über das bloße Betrachten von Abzügen hinausgeht: Es geht um Heilung, Transformation und den Austausch zwischen Kulturen, die oft viel zu wenig voneinander wissen.

In der Halle für aktuelle Kunst versammeln sich rund 30 internationale Positionen aus Fotografie, Video und Film. Diese Künstler*innen bilden eine Gemeinschaft, die neue Formen des Erlebens erkundet. Es ist ein mutiges Programm, das gerade in Zeiten globaler Spannungen den Blick auf das Gegenüber schärft. Parallel dazu bietet die Schau Cocktail Prolongé eine faszinierende Reise durch die Sammlung F.C. Gundlach. Rund 300 Werke zeigen Inszenierungen von Körperlichkeit und die damit verbundenen Fantasien und Rollenbilder – ein Kaleidoskop menschlicher Sehnsüchte, das uns den Spiegel vorhält.

Besonders emotional wird es im Juli 2026, wenn Hamburg den 100. Geburtstag von F.C. Gundlach feiert. Der Triennale-Initiator und Gründer des Hauses der Photographie wird mit Cocktail Prolongé auf eine Weise geehrt, die überrascht. Es geht nicht um den weltbekannten Modefotografen, sondern um den radikal offenen Künstlersammler. Deichtorhallen-Intendant Dirk Luckow betont, dass hier ein Mensch sichtbar wird, der jenseits gesellschaftlicher Zuschreibungen nach wahrhaftigen Träumen suchte. Diese Ehrung ist ein Herzstück des Hamburger Kulturjahres.

Doch die Fotografie-Offensive hört im Sommer nicht auf. Der Herbst bringt mit der Hito Steyerl-Werkschau eine weitere intellektuelle Kraftanstrengung in die Deichtorhallen. Steyerl verbindet Technologie mit gesellschaftlicher Analyse und blickt scharfzüngig auf Themen wie KI, algorithmische Kontrolle und den Klimakollaps. Wer es eher gestisch-expressiv mag, findet in der Sammlung Falckenberg bei Joyce Pensato sein Glück. Die erste institutionelle Schau der Künstlerin in Europa nach ihrem Tod interpretiert Comic-Ikonen der Popkultur auf eine untergründige, wuchtige Weise neu.

Dass dieses anspruchsvolle Programm auf ein begeisterungsfähiges Publikum trifft, beweisen die Zahlen des vergangenen Jahres: Rund 185.000 Besucher*innen strömten 2025 in die Deichtorhallen, was trotz der Sanierung des Hauses der Photographie ein Plus von 20 Prozent bedeutet. Das kaufmännische Team rund um Bert Antonius Kaufmann liefert dazu passend zum fünfzehnten Mal in Folge eine schwarze Null. In Hamburg gehen künstlerische Exzellenz und wirtschaftliche Vernunft also Hand in Hand. Wer die Zukunft der Fotografie und das Erbe eines großen Visionärs erleben will, sollte sich den Sommer 2026 bereits jetzt rot im Kalender markieren.

Die 9. Triennale der Photographie Hamburg 2026 findet unter dem Titel Alliance, Infinity, Love – in the Face of the Other von Juni bis September 2026 statt. Deichtorhallen Hamburg, Deichtorstraße 1-2 | 20097 Hamburg | Tel. 040 – 321030 | www.deichtorhallen.de.


Soll ich für Sie noch eine detaillierte Übersicht zu den Ausstellungen im PHOXXI und in der Sammlung Falckenberg erstellen, um das Programm der Triennale zu vervollständigen?

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Der Sound der Vorstadt https://www.tiefgang.net/der-sound-der-vorstadt/ Sun, 25 Jan 2026 08:47:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13161 [...]]]> Die Fabrik verwandlete sich vergangenen Donnerstagabend in das pulsierende Epizentrum der Hamburger Nachtkultur: Es war Zeit für den 15. clubaward, und wer dachte, nach anderthalb Jahrzehnten sei die Luft raus, wurde eines Besseren belehrt.

Über 600 Köpfe aus Kultur, Politik und der Szene feierten eine Branche, die zwischen existenzieller Not und kreativer Ekstase balanciert – und dabei lauter denn je für Vielfalt und Haltung trommelt.

Die vielleicht größte Sensation des Abends kam aber eben nicht von der Reeperbahn, sondern direkt aus dem Hamburger Osten: Bambi Galore, der Metal-Underground-Club in Billstedt, sicherte sich beim öffentlichen Online-Voting den Titel als Lieblingsclub 2025. Ein Triumph der Basis, der zeigt, dass Hamburgs Herz auch weit abseits der touristischen Pfade im Takt harter Riffs schlägt.

Doch auch die Institutionen der Elbe wurden vergoldet. Das Hafenklang feierte einen echten Doppelsieg und räumte sowohl den Preis als Bester Club als auch die Auszeichnung für die Beste Nachwuchsförderung ab. In einem Jahr, das für viele Betreiber*innen wirtschaftlich alles andere als einfach war, ist diese Beständigkeit ein wichtiges Signal für die Livemusik-Stadt.

Senator Dr. Carsten Brosda brachte es auf den Punkt: Hamburgs Clubkultur stehe nicht nur für Leidenschaft, sondern für eine starke gesellschaftliche Haltung. Es geht um Räume ohne Diskriminierung, um Orte demokratischer Praxis, die gerade jetzt geschützt werden müssen.

Besonders emotional wurde es bei der Vergabe der Sonderpreise. Der Ehrenpreis ging an die Journalistin Birgit Reuther, die seit Jahrzehnten mit unermüdlichem Einsatz die Relevanz der Popkultur in den öffentlichen Diskurs rückt. Ein weiteres starkes Zeichen setzte die Auszeichnung für das Frauenmusikzentrum e. V. (fmz). Seit 1987 schafft dieser Ort Räume für FLINTA*-Personen, um sich musikalisch auszuprobieren – ein unverzichtbarer Anker für echtes Empowerment in einer immer noch männlich dominierten Branche.

Auch das Thema Nachhaltigkeit ist längst kein Nischenprodukt mehr. Die Millerntor Gallery sicherte sich den Preis in der Kategorie Zukunft feiern. Dass die gesamte Award-Show selbst auf ein strenges Nachhaltigkeits- und Awareness-Konzept setzte – vom veganen Fingerfood der Hobenköök bis zum Upcycling der Pokale – unterstreicht den Anspruch der Szene, Vorreiterin des Wandels zu sein.

Hinter dem Glitzer der Show steckt eine beeindruckende kollektive Kraftanstrengung. Das solidarische Ticketing-System ClubEuro konnte mit 126.221 Euro eine neue Rekordsumme erzielen. Jeder Euro hilft direkt dabei, die vielfältige Infrastruktur aus Booker*innen, Veranstalter*innen und kleinen Bühnen zu erhalten.

Dass mit dem Turtur in Wilhelmsburg zudem ein Gewinner in der Kategorie Bester neuer Club gekürt werden konnte, zeugt von dem ungebrochenen Mut, auch in schwierigen Zeiten neue Räume für ästhetische Erfahrungen zu öffnen. Zum Abschluss des Abends wurde mit einem speziellen Clubkombinat-Bier der Ratsherrn Brauerei angestoßen – pro Flasche fließen künftig 5 Cent zurück in den Verband.

Hamburg hat an diesem Abend bewiesen: Die Clubszene ist kein reiner Wirtschaftsfaktor, sie ist die Herzkammer unserer Stadtidentität. Wenn Quincy von barner16 und die Punk-Band Shitshow die Fabrik zum Kochen bringen, spürt man, dass die musikalische Zuversicht, von der Anna Lafrentz, 1. Vorsitzende des Clubkombinat Hamburg e. V., sprach, keine leere Phrase ist: „Dass wir auch in diesem Jahr einen Award in der Kategorie „Bester neuer Club“ verleihen konnten, ist daher keine Selbstverständlichkeit und verdeutlicht Mut und Willenskraft der Szene.“

Bambi Galore: Der eiserne Vorposten in Billstedt

Wer den Kiez verlässt und sich Richtung Osten begibt, landet irgendwann im Keller des Kulturpalasts Billstedt. Dort, wo der Beton etwas dicker und die Luft etwas bleihaltiger wirkt, schlägt das Herz des Hamburger Metal-Undergrounds: im Bambi Galore. Dass ausgerechnet dieser Club beim öffentlichen Online-Voting zum Lieblingsclub 2025 gekürt wurde, ist die wohl charmanteste Überraschung des Jahres. Es ist ein Sieg der Community über das Marketing.

Das Bambi ist kein Ort für Chichi. Es ist ein Refugium für jene, die ihre Musik laut, ehrlich und handgemacht brauchen. Hier wird nicht nur Metal konsumiert, hier wird er gelebt. Die Auszeichnung als Lieblingsclub unterstreicht, dass eine treue Fanbasis und eine familiäre Atmosphäre oft schwerer wiegen als eine zentrale Lage oder ein durchgestyltes Interieur. Die Billstedter Bühne hat bewiesen, dass sie ein unverzichtbarer Anker für die Subkultur ist – ein Ort, an dem die Kutte mehr zählt als die Kreditkarte. Der Erfolg beim Publikumsvoting ist ein Ritterschlag für das Team, das beweist, dass Hamburgs Musikszene auch in den Randbezirken eine enorme Strahlkraft besitzt.

Frauenmusikzentrum e. V.: Verstärker gegen die gläserne Decke

Während das Bambi den Untergrund feiert, wurde in Ottensen eine Institution geehrt, die seit fast vier Jahrzehnten Pionierarbeit leistet. Das Frauenmusikzentrum (fmz) erhielt den Sonderpreis 2025, und man möchte fast sagen: Endlich. Denn was 1987 als mutiges Experiment begann, ist heute das europaweit erste und wichtigste Netzwerk für FLINTA*-Personen in der Musik.

Das fmz ist weit mehr als nur ein Proberaumkomplex in einem Hinterhof in der Großen Brunnenstraße. Es ist eine Schmiede für Selbstbewusstsein. Hier finden Musiker*innen einen geschützten Raum, um sich an Instrumenten auszuprobieren, Bands zu gründen und sich in technischem Know-how zu professionalisieren – Bereiche, die in der Branche oft noch immer männlich konnotiert sind. Der Sonderpreis würdigt diesen langen Atem. Das fmz bricht strukturelle Hürden auf und sorgt dafür, dass die Geschlechtergerechtigkeit auf den Bühnen der Stadt nicht nur ein Lippenbekenntnis bleibt. Es ist ein Ort des Empowerments, der zeigt, dass die Clubkultur nur dann wirklich lebendig ist, wenn alle die Chance haben, den Regler auf Anschlag zu drehen.

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Eine Hommage an den Mut https://www.tiefgang.net/eine-hommage-an-den-mut/ Sat, 17 Jan 2026 15:24:47 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13126 [...]]]> Es gibt Momente in der Geschichte einer Stadt, in denen ein Funke überspringt, der weit über die Jahrzehnte hinaus leuchtet. Für Hamburg war ein solcher Moment das Jahr 1926, als Ida Dehmel die GEDOK ins Leben rief.

Heute, 100 Jahre später, blicken wir auf ein Jahrhundert geballter weiblicher Kreativität und politischer Durchsetzungskraft zurück. Die „Gemeinschaft Deutscher und Oesterreichischer Künstlerinnen und Kunstfreundinnen“, kurz Gedok, ist nicht weniger als das europaweit älteste und größte Netzwerk für Künstlerinnen aller Sparten. Und wo ließe sich dieses Jubiläum besser feiern als an seinem Geburtsort?

Ida Dehmel war eine Visionärin mit einem untrüglichen Gespür für Synergien. In einer Zeit, in der Frauen in der Kunstwelt oft noch als schmückendes Beiwerk oder bestenfalls als talentierte Dilettantinnen belächelt wurden, schuf sie eine Struktur, die Professionalität und Solidarität verband. Ihr Hamburger Wohnhaus wurde zum Epizentrum eines interdisziplinären Austauschs, der Musik, Literatur und Bildende Kunst zusammenführte. Es ging nie nur um Ästhetik, es ging um Existenzsicherung und Sichtbarkeit.

Das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MKG) widmet diesem Jahrhundertprojekt nun die große Schau Künste, Frauen, Netzwerk. 100 Jahre GEDOK. Wer durch die Räume geht, spürt sofort die Energie, die von diesem Aufbruch ausging. Die Ausstellung ist weit mehr als eine historische Rückschau; sie ist eine Analyse von Machtstrukturen und der Kraft der Gemeinschaft. Besonders faszinierend ist, wie hier die Gründungsjahre in Hamburg lebendig werden. Namen wie Anita Rée oder die Textilkünstlerin Maria Brinckmann tauchen auf – Frauen, die das Gesicht der Hamburger Moderne prägten und in der GEDOK eine Heimat fanden.

Was man sich bei diesem Jubiläumsprogramm unbedingt merken sollte, ist die Vielschichtigkeit der Exponate. Es sind nicht nur Gemälde oder Skulpturen zu sehen, sondern auch Dokumente, die den zähen Kampf um Anerkennung belegen. Ein absolutes Highlight im MKG ist die Aufarbeitung der spartenübergreifenden Zusammenarbeit. Die GEDOK verstand sich von Anfang an als Brücke: Komponistinnen trafen auf Schriftstellerinnen, Fotografinnen auf Kunstgewerblerinnen. Diese Offenheit ist bis heute der Kern der Organisation.

Ein weiterer Programmpunkt, der aus der Masse heraussticht, ist die Veröffentlichung des Jubiläumsbuchs. Es ist kein klassischer Wälzer, der nur im Regal verstaubt, sondern ein lebendiges Zeugnis einer Bewegung, die sich auch durch die dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte nicht gänzlich unterkriegen ließ. Die Texte beleuchten kritisch die Rolle der GEDOK während der NS-Zeit, die Vertreibung jüdischer Mitglieder – darunter auch die Gründerin Ida Dehmel selbst – und den mühsamen Wiederaufbau nach 1945. Diese Ehrlichkeit in der Aufarbeitung macht das Jubiläum erst wirklich würdig.

Hamburg feiert in diesem Jahr also nicht nur einen Verein, sondern eine Idee, die heute so aktuell ist wie eh und je. In Zeiten, in denen über Gender-Pay-Gap in der Kultur und die Repräsentanz von Frauen in großen Museen gestritten wird, wirkt das Vermächtnis von Ida Dehmel wie ein Kompass. Die GEDOK ist kein museales Relikt, sondern ein pulsierendes Netzwerk, das heute über 20 Regionalgruppen umfasst.

Wer sich für die Kulturpolitik der Hansestadt und die Rolle der Frau in der Kunst interessiert, kommt an dieser Jubiläumsschau nicht vorbei. Sie fordert uns heraus, neugierig zu bleiben und den Blick für jene Strukturen zu schärfen, die Kunst erst möglich machen. Die Ausstellung im MKG läuft als zentraler Ankerpunkt und bietet neben den visuellen Genüssen auch Raum für Diskussionen und Konzerte, die den Geist der Gründerzeit in die Gegenwart holen.

Es ist eine Hommage an den Mut, sich zusammenzuschließen, und eine Einladung, die künstlerische Qualität zu entdecken, die oft erst durch ein starkes Netzwerk im Rücken zur vollen Entfaltung kommen kann. 100 Jahre GEDOK – das ist ein verdammt guter Grund, in die Hamburger Kunstgeschichte einzutauchen und gleichzeitig die Weichen für die nächsten 100 Jahre zu stellen.

Künste, Frauen, Netzwerk. 100 Jahre GEDOK bis zum 30. August 2026 im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MKG) Steintorplatz, 20099 Hamburg Telefon: 040 428134880 www.mkg-hamburg.de

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Kontinuität und Aufbruch https://www.tiefgang.net/kontinuitaet-und-aufbruch/ Sat, 10 Jan 2026 23:17:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13095 [...]]]> Das Arbeitsstipendium für bildende Kunst der Freien und Hansestadt Hamburg gilt seit seiner Einführung im Jahr 1981 als eines der beständigsten Instrumente der lokalen Kulturpolitik.

Mit der Bekanntgabe der zehn Stipendiat*innen für das Jahr 2026 setzt die Behörde für Kultur und Medien ein deutliches Zeichen für die Förderung künstlerischer Exzellenz. Aus insgesamt 223 Bewerbungen wählte eine Fachjury Positionen aus, die das breite Spektrum und die Innovationskraft der Hamburger Kunstszene repräsentieren.

Die Förderung ist mit monatlich 1.500 Euro dotiert und auf eine Laufzeit von einem Jahr angelegt. In einer Zeit, in der prekäre Arbeitsbedingungen oft den künstlerischen Alltag bestimmen, schafft dieses Stipendium die notwendige Basis für eine konzentrierte Auseinandersetzung mit dem eigenen Werk. Die Liste der geförderten Künstler*innen für 2026 liest sich wie ein Querschnitt durch die aktuelle künstlerische Produktion der Stadt: Eda Aslan, Asma Ben Slama, Vedad Divović, Catalina González González, Maik Gräf, Nizan Kasper, Simone Kessler, Kenneth Lin, Lulu MacDonald und Jagrut Raval werden durch die Stadt unterstützt.

Die Auswahl der Jury unterstreicht dabei die mediale Vielfalt, die von klassischer Malerei und Skulptur über Performance und Video bis hin zu komplexen multimedialen Arbeiten reicht. Die inhaltlichen Schwerpunkte bewegen sich zwischen rein ästhetischen Diskursen, gesellschaftlichen Fragestellungen und wissenschaftlichen Grenzgängen. Kultursenator Dr. Carsten Brosda sieht in dieser Förderung eine wesentliche Investition in die Freiheit der Kunst, die als Grundlage einer offenen Gesellschaft fungiert.

Ein Blick auf die Gegenwart: Future Continuous im Kunsthaus

Welche Früchte diese Form der Unterstützung trägt, lässt sich derzeit im Kunsthaus Hamburg beobachten. Unter dem Titel Future Continuous präsentiert dort der aktuelle Stipendienjahrgang 2025 seine Ergebnisse. Die Ausstellung fungiert als wichtiges Bindeglied zwischen der individuellen Atelierarbeit und der öffentlichen Sichtbarkeit. Sie macht deutlich, wie nachhaltig das Programm über die Jahrzehnte gewirkt hat – immerhin wurden seit dem Bestehen des Programms bereits über 450 Künstler*innen auf ihrem Weg begleitet.

Die gezeigten Arbeiten im Kunsthaus zeugen von einer hohen konzeptionellen Dichte. Die Verbindung von finanzieller Absicherung und der abschließenden musealen Präsentation inklusive Katalog bietet den Stipendiat*innen eine Plattform, die weit über die Grenzen Hamburgs hinausstrahlt. Die aktuelle Präsentation des Jahrgangs 2025 ist noch bis zum 25. Januar 2026 zu sehen und markiert den Übergang zu der nun neu ausgewählten Generation an Kunstschaffenden.

Profile der Stipendiat*innen 2026

Eda Aslan setzt sich in ihrer künstlerischen Praxis intensiv mit der Geschichte und dem Gedächtnis von Orten auseinander. Sie nutzt oft architektonische Spuren und Archivmaterialien, um Installationen zu schaffen, die verborgene Narrative und räumliche Erinnerungskultur thematisieren.

Asma Ben Slama nutzt die Medien Video und Fotografie, um soziale Gefüge und Identitätsfragen zu untersuchen. Ihre Arbeiten zeichnen sich durch eine präzise Beobachtung der Wechselwirkungen zwischen individuellen Lebensentwürfen und gesellschaftlichen Strukturen aus.

Vedad Divović arbeitet primär im Bereich der Skulptur und Installation. Er transformiert alltägliche Materialien und Objekte in neue formale Zusammenhänge, wobei er Fragen nach der Dauerhaftigkeit und der materiellen Beschaffenheit von Kunst stellt.

Catalina González González verfolgt einen multimedialen Ansatz, der Video, Fotografie und Installation verbindet. Ein zentrales Motiv ihrer Forschung sind politische Geografien sowie die ökologischen Veränderungen von Landschaften unter menschlichem Einfluss.

Maik Gräf bewegt sich im Spannungsfeld von Fotografie, Video und Performance. Durch Inszenierungen und den Einsatz des eigenen Körpers untersucht Gräf kritisch Konstruktionen von Identität, Männlichkeit und gesellschaftlichen Rollenbildern.

Nizan Kasper arbeitet an der Schnittstelle von Film, Video und Performance. Die künstlerische Arbeit konzentriert sich auf die Erforschung von Zeitlichkeit, Rhythmus und der physischen Präsenz von Körpern innerhalb medialer und technischer Räume.

Simone Kessler entwickelt raumgreifende und oft ortsspezifische Installationen. Ihre Werke nutzen häufig Licht, Luft oder vergängliche Materialien, um Naturphänomene zu abstrahieren und die sinnliche Wahrnehmung der Besucher*innen herauszufordern.

Kenneth Lin verfolgt konzeptuelle Ansätze, die er vorwiegend in der Malerei und Grafik realisiert. Dabei untersucht er die materiellen Grenzen der jeweiligen Medien sowie das Verhältnis zwischen abstrakter Form und symbolischer Bedeutung.

Lulu MacDonald schafft skulpturale Werke, die durch eine eigenwillige Materialästhetik und organische Formensprache bestechen. Sie experimentiert mit Wachstumsprozessen und Materialien aus der Natur, um Themen wie Transformation und Vergänglichkeit zu visualisieren.

Jagrut Raval ist ein interdisziplinär arbeitender Künstler, dessen Portfolio Fotografie, Video und großformatige Installationen umfasst. Seine Werke beschäftigen sich häufig mit der Relativität von Zeit, historischen Wahrheiten und der menschlichen Wahrnehmung.

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Hamburgs Programm der Vielstimmigkeit https://www.tiefgang.net/hamburgs-programm-der-vielstimmigkeit/ Mon, 05 Jan 2026 10:42:53 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13084 [...]]]> Hamburg ist keine Monokultur, sondern vielmehr ein Remix, ein fortlaufendes Gespräch zwischen Kontinenten, Traditionen und mutigen Neuentwürfen. Dass dieses Gespräch nicht im privaten Raum verhallt, sondern auf die großen und kleinen Bühnen der Stadt drängt, ist auch eine Frage der politischen Prioritäten.

Für das Jahr 2026 setzt die Behörde für Kultur und Medien wieder ein deutliches Zeichen: Mit über 500.000 Euro wird der interkulturelle Austausch gefördert. Es geht um Sichtbarkeit, um das Aufbrechen von Stereotypen und um die Unterstützung von Teams, die mit unterschiedlichen Hintergründen das kulturelle Herz der Stadt zum Schlagen bringen.

Kultursenator Carsten Brosda bringt es auf den Punkt: In diesem Jahr werden künstlerisch Geschichten erzählt, die ansonsten im Verborgenen blieben. Dabei reicht das Spektrum von den Köch*innen in unseren Restaurants über queere Tänzer*innen aus dem Iran bis hin zu afghanischen Musiker*innen. Es ist ein Bekenntnis zu einer diversen Gesellschaft, die ihre Kraft aus der Vielfalt ihrer Perspektiven zieht.

Strukturell wird dieses Engagement durch das Interkulturelle Forum untermauert, das seit Beginn 2026 unter der Koordination der erfahrenen Kulturproduzentin Elena Leskova steht. Sie wird für mindestens zwei Jahre die Vernetzung der interkulturellen Szene vorantreiben und ein Mentoring Programm für Künstler*innen mit Migrationshintergrund etablieren. Hier wird Professionalisierung großgeschrieben, damit Kreativität nicht an bürokratischen Hürden scheitert.

Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der Projektförderung, für die eine Fachjury, bestehend aus Melisa Bel Adasme, Sam Schulz und Adnan Softić, insgesamt 100.000 Euro an 13 wegweisende Projekte vergeben hat. Eines dieser Vorhaben ist der Animationsfilm Küchenklänge von Zeynep Sıla Demircioğlu, der mit 10.000 Euro unterstützt wird und den oft überhörten Rhythmus und die Biografien in den Gastronomiebetrieben der Stadt einfängt. Ebenfalls mit 10.000 Euro gefördert wird das Musikfestival Hastam – Just because I am! der Stiftung Bürgerhaus Wilhelmsburg, ein kraftvolles Statement für Selbstbehauptung und musikalische Freiheit südlich der Elbe.

Für den Bezirk Harburg und die angrenzenden südlichen Stadtteile gibt es besonders spannende Nachrichten. Der Afrikanische Frühling 2026, organisiert von Terra Africa e.V., wird mit 6.000 Euro gefördert. Dieser Verein ist ein fester Anker in der Harburger Kulturlandschaft und schafft es immer wieder, globale Diskurse und afrikanische Kunst direkt in den Bezirk zu bringen, um dort neue Begegnungsräume zu öffnen. Auch der Black History Month Hamburg 2026, der mit der höchsten Einzelsumme von 15.000 Euro bedacht wird, weist traditionell starke Berührungen mit Harburg auf. Durch dezentrale Veranstaltungen und Kooperationen sorgt die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland dafür, dass afrodiasporische Geschichte und Gegenwart auch im Hamburger Süden eine Bühne finden, die weit über den Elbtunnel hinaus strahlt.

In der Hamburger Innenstadt und im Schanzenviertel setzt M.Bassy mit der Ausstellung A Brownie Hawkeye von Gwendolyn Phillips Akzente. Die mit 8.000 Euro geförderte Schau nutzt die Ästhetik alter Kameras, um neue Blicke auf die Community zu werfen. Yolanda Gutierrez wiederum erhält 9.000 Euro für ihren Soundwalk BISMARCK-DEKOLONIAL reloaded, eine performative Auseinandersetzung mit den kolonialen Spuren im Stadtbild. Weitere Förderungen fließen in Projekte wie die Tanzperformance Silence Movement von Parichehr Bijani (6.500 Euro), die Film-Workshops Archives of Identity von Razi Uddin (5.850 Euro) oder das Symposium Art meets Technik von fluxus2 (5.000 Euro). Auch das Theaterstück Le monde est fou! von Isabelle McEwen (6.000 Euro), das Kiosk Festival NOGOODS von Danja Burchard (7.000 Euro), das Nachbarschaftsprojekt Schutzmantel von Razan Al-Sabbagh in Kooperation mit dem Goldbekhaus (6.000 Euro) sowie das Tanzprojekt Sangam: India Beyond Stereotypes von Akshatha Ramesh (5.650 Euro) bereichern das Programm.

Ergänzt wird diese Projektvielfalt durch die Festivalförderung aus der Kultur- und Tourismustaxe, die insgesamt 455.000 Euro umfasst. Hier wurden die Mittel teilweise deutlich aufgestockt. Das Festival fluctoplasma – 96 Stunden Kunst. Diversität. Diskurs. erhält nun 100.000 Euro, was einer Steigerung um 40.000 Euro entspricht. Das MUT! Theater darf sich für sein deutsch-türkisches Theaterbrücken-Festival über eine Erhöhung auf 20.000 Euro freuen. Große Institutionen wie das KRASS Kultur Crash Festival (150.000 Euro), die Altonale/STAMP (115.000 Euro) und das Programm in:szene der W3 – Werkstatt für internationale Kultur und Politik (70.000 Euro) bleiben unverzichtbare Säulen einer Stadt, die verstanden hat, dass Kulturpolitik immer auch Gesellschaftspolitik ist.

Hamburg zeigt sich also auch 2026 neugierig, beweglich und bereit, den Vorhang für all jene zu öffnen, die unsere Stadt so unverwechselbar machen.

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