Kultur – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Mon, 15 Jun 2026 15:46:55 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 St. Paulis Beton-Ikone erneuert ihre Haut https://www.tiefgang.net/st-paulis-beton-ikone-erneuert-ihre-haut/ Tue, 16 Jun 2026 22:38:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14020 [...]]]> Es gibt Orte in Hamburg, an denen die Fassade mehr erzählt als das, was sich dahinter abspielt. Das Gruenspan an der Großen Freiheit ist so ein Ort.

Seit 1969 fungiert das rund 600 Quadratmeter große Wandbild von Dieter Glasmacher und Werner Nöfer als visuelles Manifest eines Stadtteils, der sich dem Stillstand verweigert. Nun steht das Gebäude vor einer Zäsur: Sanierung, Erweiterung, Neuanfang. Und mit ihm das Kunstwerk, das längst zur DNA des Kiezes gehört.

Lange Zeit glich die Frage nach dem Umgang mit dem Wandbild in der Großen Freiheit einem ideologischen Grabenkrieg. Auf der einen Seite die Denkmalschützer, die jede Nuance des Originals für die Nachwelt konservieren wollten. Auf der anderen Seite die Künstler selbst: Glasmacher und Nöfer. Sie wehrten sich gegen eine museale Starre. Ihr Argument war stets: „Kunst für alle“ war 1969 der Aufbruch, nicht die Einbalsamierung.

Dass nun – 56 Jahre später – eine Lösung gefunden wurde, die beide Wege beschreitet, ist bemerkenswert. Das historische Wandbild wird unter einer neuen Fassadenstruktur gesichert; auf der Erweiterungsfläche entsteht jedoch eine Neufassung. Die Künstler greifen nach über fünf Jahrzehnten erneut zum Pinsel. Es ist eine künstlerische Fortschreibung, die den Dialog zwischen dem rebellischen Geist der 60er Jahre und der heutigen Ästhetik von St. Pauli sucht.

Martin Sowinski von der Sprinkenhof GmbH bezeichnet das Gruenspan-Wandbild als eines der größten Street-Art-Objekte Europas. Das ist keine Übertreibung, sondern eine Einordnung, die den kunsthistorischen Rang unterstreicht. Das Original, dessen Entwürfe im Kupferstichkabinett der Hamburger Kunsthalle lagern, war ein Fanal gegen den grauen Beton der Nachkriegszeit.

Die neue Fassade muss nun leisten, was die alte seit Jahrzehnten tut: den Kontrast zwischen Werner Nöfers geometrisch-abstrakter, politischer Strenge und Dieter Glasmachers spielerisch-poetischer Figürlichkeit auszuhalten. Die rote Haarpracht der ikonischen Figur, der warnende Blitz – diese Elemente sind in den Stadtraum eingeschrieben. Durch die Erweiterung um die neuen Anbauflächen wird das Gruenspan zu einem monumentalen Palimpsest, auf dem die Schichten der Zeit lesbar bleiben.

Kultursenator Dr. Carsten Brosda spricht treffend von einem „lebendigen Denkmal“. Die Sanierung des Gruenspan ist kein bloßes Bauprojekt; sie ist ein Bekenntnis. In einer Stadt, die oft dazu neigt, ihr Erbe unter Glas zu legen, setzen Glasmacher und Nöfer ein Zeichen der Kontinuität durch Veränderung.

Wenn die Künstler heute – gealtert, aber in ihrer Handschrift ungebrochen – ihre Arbeit fortsetzen, dann ist das weit mehr als nur ein „Nachbessern“. Es ist der Beweis, dass St. Pauli seinen Freiheitsdrang nicht eingebüßt hat. Das neue, erweiterte Wandbild wird zeigen, ob der Geist von 1969 auch in den 2020er Jahren noch Biss hat. Das Gruenspan bleibt damit, was es immer war: ein lautstarker Widerspruch gegen den architektonischen Gleichschritt.


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Vom Hof zum Palast? https://www.tiefgang.net/vom-hof-zum-palast/ Sat, 13 Jun 2026 22:52:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13995 [...]]]> Der Kulturpalast Harburg öffnet bald (wieder) und viele trauern um den alten Rieckhof. Doch wer die heutige Stiftung Kultur Palast verstehen will, darf nicht nur auf die lichtdurchfluteten Tanzstudios des Hamburger Ostens schauen.

Die Ursprünge des heutigen Kultur Palast Hamburg (KPH) im Stadtteil Hamburg-Billstedt liegen in einer Bürgerinitiative im Jahr 1980 und der anschließenden Besetzung einer ehemaligen Polizeiwache 93 im Jahr 1982. Dann mietete der Verein im Jahr 1986 einen kleinen, heizungslosen Laden im Schiffbeker Weg. Dort kam der Wille vieler Billstedter zum Ausdruck, selbst an der Gestaltung ihres Umfeldes mitzuwirken. Nachdem in Billstedt dann das Wasserwerk stillgelegt worden war, erstritt später die Initiative die Umnutzung auch dieses markanten Gebäudes. Es war eine klassische Aneignung von Raum von unten. Das „Alte Wasserwerk“ wurde so erst zum heute bekannten pulsierenden Zentrum für Stadtteilkultur, selbstverwaltete Jugendprojekte, Konzerte und Diskussionen im Hamburger Osten. Dörte Inselmann, die spätere Intendantin und das langjährige Gesicht des Hauses, stieß in dieser prägenden Phase zur Initiative und begleitete den Aufstieg des Zentrums von der improvisierten Fabriketage hin zur festen Institution. Sie erinnerte sich in Rückblicken oft an diesen Pioniergeist: „Wir wollten damals im alten Wasserwerk schlicht einen Ort schaffen, an dem gesellschaftliche Teilhabe im Alltag spürbar wird. Es ging uns um Kultur von allen für alle, ganz ohne administrative Hürden.“

Eine ähnliche Dynamik zeigte sich im Grunde zeitgleich am anderen Ende der Elbe, im Harburger Süden. Bevor das markante Allzweckgebäude des Rieckhofs 1984 offiziell eröffnet werden konnte, schlug das Herz der dortigen Szene in der Nöldekestraße. Dort richtete sich eine Initiative ab den späten 1970er-Jahren ein improvisiertes Freizeitzentrum ein. Auch die „Toten Hosen“ machten hier erste Schritte hin zu großen Bühnen. Auch in Harburg brannte das Licht damals aber eben nur, weil Menschen vor Ort Räume besetzten, sie in Eigenregie gestalteten und für ihre Gemeinschaft reklamierten.

Obwohl Billstedt und Harburg geografisch und atmosphärisch getrennte Welten waren, teilten diese beiden frühen Kulturzentren dieselbe unverkennbare DNA. Sowohl das Alte Wasserwerk im Osten als auch die Keimzelle in der Nöldekestraße im Süden entstanden aus dem echten, dringenden Bedürfnis nach Selbstverwaltung, politischer Einmischung und der soziokulturellen Ur-Idee. Es ging um die ungestörte Eigenzeit der Bürger*innen – ohne Blick auf Rentabilität oder behördliche Vorgaben.

Stadtteilkultur im Wandel

Von also fast baugleichen Graswurzel-Wurzeln bogen die beiden Häuser in den folgenden Jahrzehnten in völlig unterschiedliche Richtungen ab. Sie entwickelten zwei fundamentale, geradezu gegensätzliche Philosophien darüber, was Stadtteilkultur leisten kann, wie sie sich finanzieren muss und wer sie steuert.

In Billstedt vollzog das Projekt unter der Führung von Dörte Inselmann eine bewusste Metamorphose weg vom klassischen, chronisch unterfinanzierten Stadtteilverein. Der strategische Hebel hierzu war die Transformation in ein hochprofessionelles Stiftungsmodell. Eine Stiftung bot die rechtliche Struktur, um staatliche Institutionelle Förderung mit beträchtlichem privatem Kapital zu bündeln. Als entscheidender Katalysator erwies sich hierbei der Hamburger Medienunternehmer Frank Otto, der als langjähriger Kuratoriumsvorsitzender der Stiftung nicht nur eigenes Geld einbrachte, sondern auch die Türen zu Hamburgs finanzstarken Philanthropen und Großstiftungen öffnete.

Mit dieser wirtschaftlichen Schlagkraft im Rücken etablierte der Kultur Palast eine ganze Reihe von eigenständigen, hochkarätigen Marken, die weit über Billstedt hinausstrahlten. Neben den bekannten Bildungsprojekten wie der frühkindlichen Musikförderung „Klangstrolche“ oder der bundesweit renommierten „HipHop Academy“ gelang dem Haus eine bemerkenswerte Gratwanderung zwischen Hochkultur, Massenattraktion und Subkultur in den Nischen. Und es ging nicht nur um Beschäftigung Jugendlicher, sondern um konkrete Förderung von Perspektiven.

So schuf die Stiftung im Keller des Hauses mit dem „Bambi Galore“ einen mittlerweile preisgekrönten Club, der sich über die Jahrzehnte zu einer der renommiertesten und treuesten Underground-Adressen für die norddeutsche Heavy-Metal- und Hardrock-Szene entwickelte. Gleichzeitig bewies das Haus mit Großprojekten wie „Billvue“ (dem bunten Billstedter Lichterfest und Kultur-Netzwerk), wie moderne Stadtteilkultur als identitätsstiftendes Stadtteilmarketing funktionieren kann, das Zehntausende Menschen auf die Straßen lockt. Der im Jahr 2017 für rund 10 Millionen Euro aus städtischen RISE-Mitteln errichtete Neubau am Öjendorfer Weg besiegelte diesen Weg: Er ersetzte die improvisierte Gemütlichkeit der Gründertage durch funktionale Profi-Studios, Konzertsäle und eine maßgeschneiderte Club-Infrastruktur.

Harburg hingegen wählte mit dem Umzug des Zentrums in die Rieckhofstraße im Jahr 1984 den exakten Gegenentwurf. Der Verein „Freizeitzentrum Hamburg-Harburg e.V.“ unter Jörn Hansen blieb dem Modell des bedingungslosen Bürgerhauses treu. Der Rieckhof verstand sich primär als Dienstleister und Bereitsteller von Infrastruktur für die Menschen vor Ort. Er diktierte kein Programm von oben, sondern überließ den Raum dem Bezirk. Dazu gehörte ganz explizit auch die Vermietung des großen Saals für private Zwecke: Der Rieckhof war über Jahrzehnte das logistische Rückgrat für große Familienfeste, Vereinsjubiläen und insbesondere für die großen, oft interkulturellen Hochzeitsfeiern der Harburger Nachbarschaft, die sich teure kommerzielle Säle nicht leisten konnten. Diese Vermietungen waren für das Haus gelebte soziokulturelle Teilhabe – und gleichzeitig eine überlebenswichtige eigene Einnahmequelle abseits staatlicher Zuschüsse.

Zudem bewies das Team um Jörn Hansen entgegen späteren Vorwürfen ein hohes Maß an sozialer Innovationskraft, indem es seinerzeit eine wegweisende Kooperation mit den Elbe-Werkstätten vereinbarte. Menschen mit Behinderungen übernahmen im Rieckhof nicht nur maßgeblich den Betrieb der hauseigenen Gastronomie, sondern zeichneten auch für Catering und die gesamte Gebäudereinigung verantwortlich. Dieses Modell war seinerzeit neu und brachte echte, gelebte Inklusion mitten in den Harburger Alltag und verzahnte die Kulturarbeit organisch mit dem ersten Arbeitsmarkt. Hansen betonte den Wert dieser gewachsenen Struktur immer wieder vehement gegenüber Kritikern: „Der Rieckhof ist das unzensierte, niedrigschwellige Wohnzimmer Harburgs. Wer uns vorwirft, wir ersticken im Gestern, übersieht, dass Inklusion und interkulturelle Feste bei uns längst Alltag waren, bevor sie zu politischen Modeworten wurden.“

Doch genau dieses Beharren auf dem soziokulturellen Gesamtkonzept der 1980er-Jahre stieß in der modernen, von Effizienz und Kennzahlen geprägten Stadtverwaltung zunehmend auf harten Widerstand. Aus dem Harburger Bezirksamt und von Teilen der Politik (SPD und Grüne) wurde dem Rieckhof ein massiver Modernisierungsstau attestiert. Der Vorwurf wog schwer: Das Programm sei in den Strukturen vergangener Jahrzehnte erstarrt. Es erreiche die stark wachsende, postmigrantische Stadtteilgesellschaft zu wenig, schotte sich gegen zeitgemäße Kooperationen mit Schulen ab und überlasse wertvollen Kulturraum zu oft privaten Feiergesellschaften, statt selbst gestaltete, integrative Kultur anzubieten. Heinke Ehlers (Grüne) fasste die politische Ungeduld damals in die Worte: „Wir brauchen in einem diversen Bezirk wie Harburg eine zeitgemäße, interkulturelle Öffnung der Stadtteilkultur, die Kooperationen mit Schulen sucht und alle Menschen erreicht – starre Strukturen vergangener Jahrzehnte werden dem nicht mehr gerecht.“

Dass das Haus über die Elbe-Werkstätten bereits ein tief verwurzeltes, inklusives Beschäftigungsmodell lebte, geriet in der harten Argumentation der administrativen Planer*innen zunehmend in den Hintergrund. Das unperfekte Kiez-Wohnzimmer wurde aus ihrer Sicht als unzeitgemäßer Anachronismus wahrgenommen, den man von oben neu ordnen musste.

Soziales Dienstleistungszentrum oder Freiraum der Bürger*innen?

An diesem Wendepunkt berührt die Hamburger Entwicklung den eigentlichen, demokratietheoretischen Kern moderner Soziokultur. Es geht um die fundamentale Frage, wie Wandel in diesen sensiblen Räumen überhaupt vollzogen werden darf: Muss er organisch von innen herauswachsen, oder darf er von oben durch die Verwaltung diktiert werden?

In der Theorie lebt die Stadtteilkultur von ihrer Autonomie. Kultur lässt sich nicht im klassischen Sinne verordnen oder wie ein Franchise-Konzept auf dem Reißbrett entwerfen. Wenn eine Verwaltung – wie im Fall des Rieckhofs über das Interessenbekundungsverfahren im Jahr 2021 geschehen – den harten, administrativen Weg des Trägerwechsels wählt, geht das in der Soziokultur selten reibungslos aus. Es entsteht ein tiefes Misstrauen, weil die gewachsene Vertrauensbasis und die lokale Verankerung im Stadtteil per Dekret erschüttert werden.

Um diesen Hebel der Verwaltung zu verstehen, lohnt sich wiederum ein Blick in das formelle Regelwerk der Hansestadt: die sogenannte Globalrichtlinie Stadtteilkultur. Sie bildet das administrative Fundament, über das der Senat und die Bezirke die Verteilung der millionenschweren Rahmenzuweisungen für Stadtteilkulturzentren steuern. Eigentlich betont diese Richtlinie in ihrer Anlage explizit die Eigenverantwortung der freien Träger sowie die Berücksichtigung der spezifischen Bedarfe vor Ort. Doch sie enthält auch ein zweites Gesicht: Sie knüpft das öffentliche Geld an messbare Zielvorgaben wie die interkulturelle Öffnung, demografische Anpassung, Antidiskriminierung und Barrierefreiheit.

Genau hier bricht das moderne Dilemma auf. Das Harburger Bezirksamt nutzte die Kriterien dieser Globalrichtlinie im Grunde als ordnungspolitisches Steuerungsinstrument, um das Haus neu auszurichten. Aus Sicht der Verwaltung mag das legitim klingen: Wer Millionen an Steuergeldern für Sanierung und Betrieb bereitstellt, muss die Einhaltung moderner, gesellschaftlicher Standards einfordern dürfen. Doch für die Soziokultur birgt dieses Vorgehen eine immense Gefahr. Wenn Richtlinien und Kennzahlenabfragen zu eng gefasst werden, mutieren Kulturorte im schlimmsten Fall zu sozialen Dienstleistungszentren. Sie werden dann zu reinen Erfüllungsgehilfen staatlicher Sozialarbeit degradiert, die von oben definierte Aufgaben wie Sprachförderung oder Integration abzuarbeiten haben.

Der ursprüngliche Freiraum – die Idee, dass ein Raum unperfekt, unvorhersehbar und sperrig von den Bürger*innen selbst mit Leben gefüllt wird – geht dabei schleichend verloren. So Verwaltung und Politik den Wandel von oben zu erzwingen versuchen, anstatt einen kritisierten Träger bei der internen Modernisierung partnerschaftlich zu begleiten, verliert so ein Haus oft das Wichtigste, was es hat: seine Seele und die Akzeptanz der Menschen, für die es eigentlich gebaut wurde.

Das sieht man schon an der eigenen Darstellung beider Häuser: Die archivierte digitale Welt des alten Rieckhofs spiegelte bis zuletzt das klassische, gewachsene Bürgerhaus-Prinzip wider. Die Internetseite funktionierte im Grunde als ein offener, digitaler Marktplatz und als virtuelles schwarzes Brett für die Harburger Gemeinschaft. Wer die Seite aufrief, stieß nicht auf ein durchgestyltes Kulturprogramm, sondern primär auf logistische Angebote und Kooperationen: Es ging um die unkomplizierte Vermietung der Säle für private Anlässe und große Familienfeste oder um direkte Verlinkungen zu externen Selbsthilfegruppen, Mieterberatungen und Stadtteilinitiativen. Im Musikbereich lag der Fokus im Netz auf der Bereitstellung der Bühne für lokale Newcomer-Festivals und Nachwuchsbands, denen hier eine der wenigen großen Auftrittsmöglichkeiten im Bezirk geboten wurde. Der Trägerverein verstand sich somit im Netz nicht als dominierender, kreativer Absender, sondern ganz bewusst als neutraler Ermöglicher und Verwalter einer Infrastruktur, die von der Nachbarschaft eigenständig bespielt und genutzt werden sollte.

Ein Klick auf die aktuelle Webpräsenz der Stiftung Kultur Palast führt die User*innen in eine völlig andere Welt. Hier präsentiert sich kein lokales Bürgerhaus, sondern eine hochprofessionelle, zentral gesteuerte Markenplattform von gesamtstädtischer Strahlkraft. Der Fokus liegt hier dezidiert nicht auf der bloßen Verwaltung von freiem Raum für lokale Initiativen, sondern auf der wirksamen Inszenierung eigener, exzellent kuratierte Kultur- und Bildungsmarken. Großprojekte wie die „HipHop Academy“, die „Klangstrolche“ oder das urbane Musiknetzwerk „Billstedt United“ prägen das visuelle Geschehen.

Auch die organisatorische Struktur bildet sich im Netz unterschiedlich ab: Statt flacher Vereinsstrukturen findet man ein professionelles Management, klare administrative Ansprechpartner*innen für die unterschiedlichen Sparten, ein institutionalisiertes Fundraising sowie einen prominent besetzten Stiftungsrat – in dem neben Frank Otto auch Elbphilharmonie-Generalintendant Christoph Lieben-Seutter aktiv ist –, der strategische Allianzen in die Hamburger Wirtschaft und Hochkultur abbildet. Der Stadtteil und seine Bewohner*innen tauchen auf dieser Plattform primär in der Rolle der Zielgruppe auf – eher als partizipierende Konsument*innen und Nutznießer*innen eines perfekt durchdachten und qualitativ hochwertigen Angebots, seltener als autonome Gestalter*innen des Programms. Der Systemwechsel ist also im Grunde auf den ersten Blick greifbar.

Hinter den glänzenden Fassaden der neuen Kulturgebäude und den philosophischen Debatten über die wahre Natur der Soziokultur liegt aber noch ein ganz anderes, oft verdrängtes Terrain: die unbarmherzige Ökonomie des Kulturbetriebs. Beide Modelle – sowohl das gewachsene Bürgerhaus als auch der moderne Kultur-Konzern – kämpfen mit über die Jahre im Wandel befindlichen finanziellen Realitäten, die im schlimmsten Fall existenzbedrohend sind.

Wie hart dieser wirtschaftliche Wendepunkt sein kann, zeigte sich am Ende des alten Harburger Trägervereins. Nach dem abrupten Entzug der staatlichen Gelder per Juni 2022 und dem erteilten Betretungsverbot geriet das Freizeitzentrum Hamburg-Harburg e.V. in eine klassische finanzielle Sackgasse. Im Dezember 2022 musste der traditionsreiche Alt-Verein Insolvenz anmelden. Der Genickbruch waren dabei nicht nur die fehlenden Einnahmen aus dem laufenden Betrieb, sondern historische Altlasten: Durch die jahrzehntelange Beschäftigung von Personal nach dem Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes drückten immense Pensionsverpflichtungen (VBL) für ehemalige Mitarbeitende das Budget. Ohne die verlässlichen, staatlichen Zuwendungen konnten diese langfristigen Verpflichtungen nicht mehr bedient werden – ein strukturelles Verhängnis, das viele alte Vereine der ersten Soziokultur-Generation im Zuge eines harten Trägerwechsels ereilt.

Doch glaubt man, dass das hochprofessionalisierte Stiftungsmodell der Stiftung Kultur Palast automatisch finanzielle Sorgenfreiheit bedeutet, erweist sich bei einem Blick hinter die Kulissen ebenso als Illusion. Die Expansion nach Harburg vergrößert den administrativen und operativen Apparat massiv. Stiftungen im Kulturbereich agieren per se gemeinnützig und dürfen keine nennenswerten freien Rücklagen bilden. Sie leben in einer permanenten, volatilen Balance aus kurzfristig bewilligten Projektgeldern, privaten Spenden und staatlichen Zuschüssen.

Wie hoch der wirtschaftliche Druck im System des Billstedter Riesen tatsächlich ist, verrät ein Blick in die offiziellen Transparenzberichte der Stiftung, abrufbar auf der Webseite. Um einer drohenden Schieflage entgegenzusteuern, musste die Stiftung Kultur Palast ihre Belegschaft zuletzt spürbar reduzieren – von 89 Mitarbeitenden im Jahr 2023 auf 75 im Jahr 2024. Die Führung spricht selbst offen von einer notwendigen „Konsolidierung aufgrund einer angespannten Lage in allen Bereichen“.

Zwar besteht aktuell keine Insolvenz, schon da die Stadt Hamburg die Stiftung im Zuge der millionenschweren Harburg-Sanierung institutionell und über Sonderbeschlüsse stützt, doch die Bilanzanalyse zeigt: Die Stiftung reitet immer wieder wirtschaftlich auf einer Rasierklinge. Jede Verzögerung bei städtischen Zuschüssen oder ein Einbruch bei den privaten Sponsoren bringt das fragile System ins Wanken. Die Expansion nach Harburg hat die finanzielle Schlagkraft der Stiftung erhöht, aber die wirtschaftlichen Risiken für das Gesamtsystem gleichzeitig auch massiv potenziert.

Der Neustart

Die symbolische Schlüsselübergabe im Mai 2026 beendet nun erstmal eine quälend lange Phase der Starre für den Kulturstandort in Harburg. Jahrelang war das Gebäude an der Rieckhofstraße eine leblose Baustelle, komplett von der Bildfläche verschwunden und für die Menschen im Bezirk schlicht nicht nutzbar. Die langwierige Sanierung, verzögert durch die Insolvenz des alten Trägervereins und die bürokratischen Mühlen einer millionenschweren RISE-Großbaustelle, hinterließ ein tiefes kulturelles Vakuum im Harburger Zentrum. Nach Jahren des Stillstands und der verrammelten Türen stellt sich nun die existenzielle Frage, wie dieses runderneuerte, rund 9 Millionen Euro teure Haus wieder mit Leben gefüllt wird oder werden kann. Jüngere Menschen kennen das Gebäude schlicht nur als verschlossene Baustelle.

Das erste angekündigte Programm der Stiftung Kultur Palast fungiert nun also als die eigentliche Reifeprüfung für das neue Konzept und zeigt bereits eine ganz klare Handschrift: Der Fokus liegt massiv auf einer jüngeren Generation, auf Familien und auf urbaner Eventkultur.

Kinder- und Jugendtheater als Fundament: Das Haus meldet sich im Sommer mit guten Angeboten für junges Publikum zurück. Unter dem Dach des 1. Harburger Theatertreffens gastieren ab Ende Juni zahlreiche preisgekrönte Produktionen. Darunter finden sich Stücke wie Prinz Eile, die bilinguale, deutsch-kurdische Inszenierung Nachteulen, das musikalische Objekttheater Wasser – ein philosophisches Geplätscher sowie die Tanzperformance Um die Ecke.

Musik für Familien und die Kleinsten: Auch die aus Billstedt bekannte Strategie wird sofort ausgerollt. Im September bespielt die bekannte Kinderrockband Radau! den großen Familientag zur Eröffnung, gefolgt von der Dino-Metal-Band Heavysaurus Ende September. Zudem feiert die Kinderphilharmonie im November ihre Harburg-Premiere mit interaktiven Klassik-, Jazz- und Weltmusikkonzerten für Kinder bis 7 Jahren.

Die urbane Jugendkultur: Im Juni gastierte gerade das DNA Festival im Haus, ein großes Breaking- und HipHop-Battle für Kids und Jugendliche bis 16 Jahre, das direkt an das professionelle Netzwerk der HipHop Academy andockt. Passend dazu gibt es in den Sommerferien ein einwöchiges Youngsters HipHop Camp für lokale Nachwuchstalente.

Die musikalische Brücke zum alten Rieckhof: Auch für das erwachsene Publikum kehrt die Livemusik zurück. Im September steht mit Boerney & die Tri Tops eine absolute Institution der Hamburger Cover- und Rock-Show-Partyszene auf der Bühne – ein Format, das laut und feierfreudig an die Tradition des alten Bürgerhauses erinnert.

Was bei dieser ersten Event-Welle allerdings auffällt: Ein klassisches, wöchentliches Kursprogramm für Erwachsene – wie Töpfern, Sprachen oder Handwerk – oder ein dezidiertes, fortlaufendes Kabarett- und Kleinkunstprogramm sucht man noch vergeblich.

Hier bricht genau das Spannungsfeld auf, das die Debatte bestimmt. Auf der einen Seite bringen Formate wie die HipHop Academy oder die Kinderphilharmonie unbestreitbar eine neue, exzellente pädagogische Qualität und eine starke Nachwuchsförderung in den Bezirk. Das sind Leuchttürme mit überregionaler Strahlkraft, die Jugendliche ansprechen, die vom alten Rieckhof-Programm zuletzt kaum noch erreicht wurden.

Auf der anderen Seite steht die alles entscheidende Frage der lokalen Aneignung. Ein Kulturhaus wird vermutlich nach jahrelanger Schließung nicht allein durch durchgetaktete Markenprogramme von oben wiederbelebt werden können. Die Nagelprobe für die Stiftung wird sein, wie viel bedingungsloser Freiraum den Harburgerinnen abseits dieser kuratierten Groß-Events überlassen wird. Finden die unkommerziellen Kiez-Initiativen, die lokalen Selbsthilfegruppen und die im Bezirk verwurzelten Bands den Weg zurück in das sanierte Gebäude? Akzeptiert die Nachbarschaft das neue Haus wieder als ihren Ort, oder bleibt das Gefühl zurück, nur noch Konsument*innen in einem sterilen Kultur-Dienstleistungszentrum zu sein? Die früh gestartete und aktive Vernetzung des Kulturpalast-Team mit dem örtlichen Netzwerk SuedKultur spricht zunächst mal für eine tiefergehende Arbeit an den Wurzeln des Bezirks.  Nach Jahren der Dunkelheit brennt nun an der Rieckhofstraße immerhin erstmal wieder Licht – doch die emotionale Rückeroberung des Hauses durch die Menschen vor Ort hat aber gerade erst begonnen.

Der tiefgreifende Strukturwandel am Rieckhof zeigt aber eben auch exemplarisch, dass das reine, improvisierte Kiez-Wohnzimmer alter Prägung es in der heutigen, von Effizienz und Kennzahlen geprägten Verwaltungs- und Förderwelt extrem schwer hat. Die Anforderungen an Barrierefreiheit, interkulturelle Öffnung und professionelles Management sind real und berechtigt. Doch ein rein funktionales, von oben verordnetes Dienstleistungszentrum läuft Gefahr, seine wichtigste Ressource zu verlieren: die organische Akzeptanz und die Seele des Stadtteils.

Die echte Reifeprüfung für die Stiftung Kultur Palast in Harburg beginnt genau jetzt, nach der langen Phase der Stille. Das runderneuerte Haus wird sich in den kommenden Jahren daran messen lassen müssen, ob es gelingt, die unbestreitbare Professionalität, das finanzielle Geschick und die hohe pädagogische Qualität aus Billstedt mit der nahbaren, eigenwilligen und unperfekten Seele der alten Harburger Tradition zu versöhnen. Nur wenn aus der sterilen neuen Infrastruktur wieder ein echter Freiraum für die Menschen vor Ort wird, kann dieses Experiment gelingen. Dafür aber muss man sie auch einfach mal machen lassen.

Das kommende Programm hier: www.kulturpalast-harburg.com


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Kulturgut oder Kreissäge? https://www.tiefgang.net/kulturgut-oder-kreissaege/ Mon, 08 Jun 2026 22:45:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13984 [...]]]> Wer an einem milden Wochenende durch das Hamburger Schanzenviertel oder über die Reeperbahn spaziert, der hört sie: die dumpfen, rhythmischen Bässe, die aus den Kellern und Hinterhöfen dringen.

Vor den Türen stehen junge Menschen in Zweierreihen, rauchen, lachen, warten auf den Einlass. Für die einen ist das der Herzschlag einer lebendigen Metropole, die Wiege von Newcomer*innen und der Ausdruck urbanen Lebensgefühls. Für die Stadt ist es ein unschätzbarer Kultur- und Wirtschaftsfaktor.

Doch der Schnitt folgt oft so prompt wie ernüchternd. Nur wenige Meter weiter ragt die Fassade eines frisch sanierten Wohnhauses in den Nachthimmel – gebaut, um den dringend benötigten Wohnraum in der verdichteten Innenstadt zu schaffen. Hinter den modernen Fenstern wohnen Menschen, die am Montag fit im Büro sein wollen oder müssen und ein berechtigtes Interesse an ungestörtem Schlaf haben. Es dauert meist nicht lange, bis die erste Beschwerde beim Bezirksamt eingeht oder der Brief einer Anwaltskanzlei wegen Ruhestörung im Kasten des Clubbetreibenden liegt.

Genau hier bricht ein klassischer, fast unlösbar scheinender Konflikt auf: das Phänomen der herannahenden Wohnbebauung. Wenn die Wohnungen immer dichter an die über Jahrzehnte gewachsenen Kulturorte herangerückt werden, geraten die Clubs rechtlich fast immer ins Hintertreffen. Es ist das Aufeinandertreffen zweier Welten, das uns mitten in die Frage führt: Ab wann wird die Kunst des einen zur unzumutbaren Belästigung des anderen?

Die juristische Nüchternheit

Wenn es dann hart auf hart kommt und der Streit vor den Behörden oder Gerichten landet, offenbart das deutsche Recht eine erstaunliche Nüchternheit. In der juristischen Praxis wird die Poesie eines Live-Konzerts nämlich schlicht in Dezibel gemessen. Das entscheidende Werkzeug der Ämter ist hierbei die Technische Anleitung zum Schutz gegen Lärm, kurz TA Lärm.

Und genau hier liegt für die Clubszene die Wurzel des Problems. Die TA Lärm unterscheidet in ihrer Systematik im Grunde nicht, aus welcher Quelle ein Geräusch stammt. Für die Messgeräte der Immissionsschutzbehörden macht es keinen Unterschied, ob der dumpfe Bass einer Bassdrum das Mauerwerk zum Schwingen bringt, oder ob nebenan eine industrielle Kreissäge kreischt, ein Presslufthammer den Asphalt aufreißt oder der Lieferverkehr eines Logistikzentrums vorbeirollt. Musik wird rechtlich wie Gewerbelärm behandelt.

Diese Gleichsetzung hat fatale Folgen für Kulturorte. Denn während eine Fabrik ihre Betriebszeiten in die Früh- oder Mittagsschicht verlegen oder die Maschinen nachts herunterfahren kann, beginnt das wirtschaftliche und kulturelle Leben eines Musikclubs naturgemäß erst in den späten Abendstunden. Sobald die Uhr auf 22 Uhr springt, gelten im Wohnumfeld drastisch abgesenkte Richtwerte für die Nachtzeit.

Erschwert wird die Lage durch eine Koppelung an veraltete Baustandards. Das Baurecht verweist bei der Definition schutzbedürftiger Räume meist routinemäßig auf die DIN 4109. Das führt in der Praxis zu dem absurden Ergebnis, dass Räume, die tagsüber als Büro oder Wohnzimmer genutzt werden, schallschutztechnisch nachts genauso streng geschützt werden müssen wie das eigentliche Schlaf- oder Kinderzimmer. Weil die Messungen zudem meist an der Außenwand des betroffenen Wohnhauses stattfinden, nützt es dem Club oft überhaupt nichts, wenn das Nachbarhaus über modernste, dicke Schallschutzfenster verfügt. Sobald der Wert an der Fassade überschritten wird, drohen Bußgelder, Sperrzeiten oder im schlimmsten Fall die Schließung. Kultur steht hier rechtlich auf einer Stufe mit störender Industrie.

Wem gehört die Nacht?

Um aus dieser rechtlichen Sackgasse herauszukommen, hat die Diskussion nun eine neue Ebene erreicht. Der Hebel, den Verbände und Jurist*innen ansetzen wollen, findet sich im Bundes-Immissionsschutzgesetz, konkret in § 23 Abs. 1. Diese Vorschrift ermächtigt die Bundesregierung, per Rechtsverordnung konkrete Schutzpflichten für Anlagen festzulegen, die keiner großen, formellen Genehmigung bedürfen – und darunter fallen eben auch Musikclubs.

Der nun vorliegende Entwurf 3.0 – entstanden durch verschiedene Stellungnahmen einer Allianz aus Deutscher Musikrat, Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV) und LiveKomm – benannte relevante Handlungsbedarfe, die vom Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (BMWSB) im Gesetzesentwurf in Teilen aufgegriffen wurden. Diese „Kulturschall-Verordnung“ zielt nun auf einen echten Paradigmenwechsel ab. Weg vom starren Gewerbelärm-Diktat, hin zu einer differenzierten Betrachtung. (Genau genommen sind es zwei verschiedene wenn auch parallele Baustellen: Die Verbände fordern Änderungen im Baurecht, damit Clubs überhaupt in den Gebieten zulässig sind. Die Kulturschall-Verordnung hingegen ist eine eigenständige Initiative auf Basis des Immissionsschutzrechts (§ 23 Abs. 1 BImSchG), um die TA Lärm zu ersetzen. Praktisch hieße das, dass  das Ministerium für Bauwesen (BMWSB) das Baurecht ändert; für die Immissionsschutz-Verordnung hingegen wäre das Umweltministerium zuständig.)

Die zentralen Säulen dieser geplanten Reform:

  • der Begriff „Kulturschall“: Geräusche von Live-Bühnen, Clubs, aber ausdrücklich auch die Stimmen der wartenden Gäste vor der Tür sowie der Auf- und Abbau von Equipment sollen rechtlich als eigene Kategorie geschützt werden. Sie werden damit als Ausdruck gesellschaftlicher Vielfalt anerkannt und nicht mehr mit dem Lärm einer Kreissäge gleichgesetzt.
  • Fokus auf den Innenschutz: Das ist der wohl pragmatischste juristische Kniff des Entwurfs. Überschreitungen der Richtwerte an der Außenfassade sollen künftig schlicht unbeachtlich sein, solange der Schallschutz im Inneren der betroffenen Wohnungen ausreicht. Wenn durch moderne Schallschutzfenster oder gedämmte Außenwände in den Schlafräumen nachts der Grenzwert von 25 dB(A) eingehalten wird, darf draußen die Musik weiterspielen.
  • Schutz seltener Veranstaltungen: Der Entwurf sieht zudem eine Flexibilisierung für besondere Events vor. An bis zu 18 Tagen oder Nächten im Jahr soll von den strengen Richtwerten abgewichen werden dürfen, um der Kultur den nötigen temporären Freiraum zu geben.

Mit diesem rechtlichen Werkzeugkasten soll der Verordnungsentwurf die starren Fronten aufbrechen. Doch wie bei jeder Medaille gibt es auch hier zwei Seiten, die sorgfältig abgewogen werden müssen.

Hier zeigt sich die klassische Gratwanderung des Rechtsstaats. Denn wo die einen die Rettung der Kultur feiern, sehen die anderen eine potenzielle Aufweichung ihrer mühsam erkämpften Rechte. Bei genauer Betrachtung stehen sich hier zwei Positionen gegenüber, die für sich genommen beide ein hohes Maß an Legitimität beanspruchen können.

Auf der einen Seite argumentieren die Clubbetreiber*innen und Musikverbände: Musikclubs sind keine bloßen Vergnügungsstätten oder reine Wirtschaftsbetriebe, sie sind soziale Infrastruktur und anerkannte Kulturorte. Sie bieten dem künstlerischen Nachwuchs eine unentbehrliche Bühne und prägen das Gesicht und die Attraktivität moderner Städte. Ohne einen wirksamen rechtlichen Schutz vor Verdrängung durch heranrückende Wohnbebauung droht ein irreparabler Kahlschlag in der Kulturlandschaft. Wenn Kultur immer hinter den Interessen von Investor*innen und dem Wohnungsbau zurücktreten muss, veröden unsere Innenstädte.

Auf der anderen Seite steht das ebenso gewichtige Schutzbedürfnis der Anwohnenden. Das Recht auf körperliche Unversehrtheit und die eigene Gesundheit ist ein hohes Gut, das auch im Grundgesetz verankert ist. Dauerhafter Schlafmangel, ausgelöst durch nächtliche Bassfrequenzen oder johlende Partygäste vor dem Fenster, kann nachweislich krank machen. Daher verlangt der Entwurf der Kulturschall-Verordnung zu Recht, dass bei der Beurteilung nicht auf eine überempfindliche Einzelperson, sondern auf den Maßstab eines verständigen, durchschnittlich empfindlichen Menschen abgestellt werden muss. Auch die Frage des Innenschutzes birgt Konfliktpotenzial: Wer trägt am Ende die Kosten für die teuren Schallschutzfenster, und wer kontrolliert im Alltag, ob die Fenster in warmen Sommernächten auch wirklich geschlossen bleiben?

Kann Musik einen?

Der Gesetzgeber steht also vor der Herkulesaufgabe, diese beiden Pole miteinander zu versöhnen. Weder darf der Schutz der Gesundheit zu einer lautlosen, klinisch reinen Stadt führen, in der Kultur keinen Platz mehr hat, noch darf die Kulturfreiheit das Recht der Bürger*innen auf ein gesundes Wohnumfeld völlig aushebeln.

Damit sind das Parlament und das Bauministerium nun am Zug. Der im Koalitionsvertrag formulierte Wille, „Kulturschutzgebiete“ zu schaffen und Clubs endlich den Opern- und Theaterhäusern baurechtlich gleichzustellen, liegt schwarz auf weiß vor. Doch die zähe Praxis der Bauleitplanung hinkt meist den politischen Versprechen hinterher. Der Deutsche Musikrat moniert nun zu Recht, dass im aktuellen Referentenentwurf zur Modernisierung des Städtebaurechts dieser Wille kaum spürbar ist – Clubs drohen baurechtlich wieder zu Kulturorten zweiter Klasse degradiert zu werden.

Die Lösung dieses urbanen Dauerkonflikts kann daher nicht auf den Schultern von DIN-Arbeitsausschüssen abgeladen werden. Es ist eine ureigene Aufgabe des Gesetzgebers, hier klare, zeitgemäße Spielregeln zu definieren. Ein vielversprechender Weg wäre das vorgeschlagene Bundes-Kulturkataster, das Kulturräume in Bebauungsplänen von vornherein sichtbar macht, bevor der erste Bagger für ein neues Wohnhaus anrollt. Hamburg hat da seine Erfahrungen in der HafenCity sowohl mit dem einstigen Moloch (Oberhafenquartier) als auch mit der MS Stubnitz (noch am Kirchenpauerkai) machen können. Gepaart mit einem staatlich geförderten Schallschutzprogramm könnten nun aber Nutzungskonflikte nachhaltig entschärft werden, anstatt sie in jahrelangen, teuren Gerichtsprozessen auszufechten.

Kultur braucht lebendige Freiräume, unsere Städte brauchen bezahlbaren Wohnraum. Die geplante Kulturschall-Verordnung ist der mutige Versuch, diesen juristischen Spagat zu wagen. Es wird sich in den kommenden Monaten auf ein Neues zeigen, ob der Rechtsstaat flexibel genug ist, das Wummern der Bässe in unseren Vierteln nicht länger als störenden Lärm, sondern als schützenswertes Lebensgefühl und echte Lebensqualität zu begreifen.

Und Sie? Glauben Sie, bei geschlossenem Fenster moderat mehr „Kulturschall“ vor der Haustür dulden zu können, oder befürchten Sie, dass damit der Schutz der Nachtruhe in den Städten schleichend aufgeweicht wird?

Der Autor dieses Beitrags, Heiko Langanke, ist auch im Vorstand der Hamburger Clubstiftung.


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Sechs Saiten für Hamburg https://www.tiefgang.net/sechs-saiten-fuer-hamburg/ Sun, 07 Jun 2026 22:00:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13978 [...]]]> Hamburgs Kulturlandschaft ist um eine Facette reicher, und sie klingt herrlich unverbraucht. Wenn im Juni 2026 die ersten Akkorde durch die Säle hallen, feiert der jüngste Spross der Hamburger Musikförderung seine lang ersehnte Premiere: Das Landesjugendgitarrenensemble Hamburg (HH LJGitE).

Und es bittet zugleich zu seinen Debütkonzerten. Als neuestes Auswahlensemble unter dem Dach des Landesmusikrats Hamburg schließt dieser Klangkörper eine spürbare Lücke in der musikalischen Nachwuchsarbeit der Hansestadt.

Hinter den 15 jungen Gitarrentalenten im Alter zwischen 14 und 20 Jahren liegt eine intensive Zeit des Zusammenwachsens. In zwei großen Arbeitsphasen im Frühjahr haben die Jugendlichen aus allen Teilen der Stadt nicht nur ihre Instrumente gestimmt, sondern vor allem gelernt, als eine atmende, dynamische Einheit zu agieren. Es ist spürbar: Hier geht es um weit mehr als um das fehlerfreie Abspulen von Noten. Es ist die pure Lust am gemeinsamen Gestalten, die diesen neuen Klangkörper antreibt.

Dass diese jugendliche Energie in die richtigen Bahnen gelenkt wird, ist das Verdienst einer Ausnahmekünstlerin am Dirigentenpult. Mit Julia Villarroel hat das Ensemble eine musikalische Leiterin gewonnen, die Internationalität und pädagogisches Feingefühl perfekt verkörpert. Die aus Ecuador stammende Gitarristin ist längst keine Unbekannte mehr: Sie ist Preisträgerin zahlreicher internationaler Wettbewerbe und verfeinert ihr eigenes Können derzeit im prestigeträchtigen Konzertexamen an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar.

Villarroel versteht sich nicht als strenge Taktgeberin, sondern als Impulsgeberin, die die individuellen Stärken der Jugendlichen zusammenschweißt. Ihre Herkunft und ihre tiefe Verwurzelung in der lateinamerikanischen Gitarrentradition bringt eine spürbare Wärme und Rhythmik in die Probenarbeit. Unter ihrer Hand reift das Ensemble zu einem Kollektiv heran, das technische Präzision mit emotionaler Tiefe verbindet – ein Glücksfall für die Hamburger Gitarrenszene.

Das Debütprogramm, mit dem das Ensemble im Juni 2026 an die Öffentlichkeit tritt, trägt den bezeichnenden Titel „Con Spirito“ – mit Geist, mit Seele, mit Lebensfreude. Und genau dieser Geist spiegelt sich in der anspruchsvollen Dramaturgie wider, die Julia Villarroel für ihre 15 Schützlinge zusammengestellt hat. Die Zuhörer*innen erwartet eine musikalische Entdeckungsreise, die geografische und epochengeschichtliche Grenzen spielend überwindet.

Der Bogen spannt sich von der romantischen, nordisch-melancholischen Klangpoesie Edvard Griegs bis hin zur meditativen, fast zeitlosen Schlichtheit der Musik von Arvo Pärt. Doch das unbestrittene emotionale und künstlerische Zentrum des Programms ist ein echtes Wagnis für ein so junges Ensemble: die absolute Uraufführung der „Suite de las animas“ des ecuadorianischen Komponisten Juan Carlos Urrutia. Hier verschmelzen zeitgenössische Tonsprache und die rhythmische Urkraft Lateinamerikas zu einem packenden Klangerlebnis. Dass ein Jugendensemble eine solche Uraufführung stemmt, beweist den enormen Mut und das hohe Niveau, auf dem hier von Beginn an gearbeitet wird.

Kulturförderung als Gemeinschaftsraum

Hinter den Kulissen dieses musikalischen Erfolgs steht eine strukturierte und weitsichtige Kulturpolitik. Ermöglicht wurde die Gründung des Ensembles durch die maßgebliche Unterstützung der Behörde für Kultur und Medien Hamburg (BKM). Hier wurde erkannt, dass Begabtenförderung dann am besten funktioniert, wenn sie jungen Menschen nicht nur Einzelunterricht, sondern einen kollektiven Raum des Austausches bietet.

Das HH LJGitE ist weit mehr als eine Kaderschmiede für den professionellen Nachwuchs. Es schließt ein wichtiges Bindeglied in der Hamburger Musiklandschaft, indem es zeigt, dass die klassische Gitarre ein extrem wandelbares Ensemble-Instrument ist. Für die Jugendlichen bedeutet das Mitwirken in diesem Auswahlensemble eine prägende Erfahrung von Gemeinschaft und geteilter Verantwortung. In einer von Algorithmen und Vereinzelung geprägten Zeit ist dieses gemeinsame Arbeiten an einem analogen Klangkörper ein unschätzbares gesellschaftliches und pädagogisches Gut.

Die monatelange Probenarbeit biegt auf die Zielgerade ein, und für das Publikum in Hamburg und Umgebung bietet sich Mitte Juni gleich dreimal die Gelegenheit, die Geburtsstunde dieses neuen Klangkörpers live miterleben zu können. Das Ensemble zieht für seine Debütkonzerte ganz bewusst an verschiedene Orte, um die pulsierenden Saiten in ganz unterschiedlichen Akustiken erstrahlen zu lassen.

Die Konzerttermine im Überblick:

  • Freitag, 12.06. (19.30 Uhr): Das erste offizielle Konzert findet in der Jungen Musikakademie Hamburg statt (Bramfelder Chaussee 265).
  • Samstag, 13.06. (17 Uhr): Für das zweite Konzert verlässt das Ensemble die Stadtgrenzen und gastiert im idyllischen Kulturhof Itzehoe (Dorfstraße 4, 25524 Itzehoe).
  • Sonntag, 14.06. (16 Uhr): Das große Finale der Debütkonzertreihe steigt schließlich in der St. Johanniskirche Eppendorf (Ludolfstraße 38), wo der Nachhall des Kirchenschiffs dem Programm „Con Spirito“ eine ganz besondere Tiefe verleihen dürfte.

Der Eintritt zu allen drei Konzerten ist frei – der Landesmusikrat freut sich jedoch über Spenden, die direkt der zukünftigen Arbeit des Ensembles zugutekommen. Man sollte sich diese Termine rot im Kalender anstreichen, um Zeuge*in zu werden, wie 15 junge Talente Hamburgs Gitarrenlandschaft nachhaltig beleben.

weitere Informationen unter www.lmr-hh.de/landesjugendgitarrenensemble/


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Der Unbekannte, den alle kennen https://www.tiefgang.net/der-unbekannte-den-alle-kennen/ Sat, 06 Jun 2026 22:40:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13974 [...]]]> Wer in den 1950er bis 1970er Jahren aufgewachsen ist, hat sie vermutlich im Regal gehabt: Jugendbuch-Klassiker wie „Die Schatzinsel“, „Moby Dick“ oder die legendären Bände der „Fünf Freunde“. Doch hinter den dynamischen, oft mit kräftiger Rohrfeder gezeichneten Bildern steckte meist ein Name, der selbst den treuesten Leser*innen oft kein Begriff war: Kurt Schmischke.

Das Buxtehude Museum holt den Mann hinter den Klassikern nun aus der Anonymität. In Kooperation mit dem Kongress für Kinderbuchillustration „BUNTE HUNTE“ zeigt das Museum vom 13. Juni bis zum 12. Juli 2026 die Pop-up-Ausstellung „Kurt Schmischke – der unbekannte Illustrator, den alle kennen“.

Vom Entwurf zum Abenteuer

Die Ausstellung bietet einen seltenen Einblick in das Schaffen eines Mannes, der seine Karriere als Maler und Grafiker in Berlin begann und ab 1957 in Hamburg lebte. Schmischkes Stil – ein zügiger Strich, ein buntes Figurenrepertoire und eine ausgeprägte Liebe für alles Maritime – prägte das Erscheinungsbild der Jugendbuchkultur jener Jahrzehnte. In Buxtehude werden erstmals ausgewählte Werke aus dem wiederentdeckten Nachlass des Künstlers präsentiert, die den gesamten Prozess vom Erstentwurf bis zum fertigen Buchcover nachvollziehbar machen. Ein Muss für alle, die eine Reise in ihre eigene Kindheit antreten wollen.

Europäische Archäologietage als Bonus

Der Museumsbesuch in Buxtehude lohnt sich im Juni gleich doppelt. Passend zur Ausstellung begeht das Museum am Wochenende vom 13. und 14. Juni 2026 die Europäischen Archäologietage mit einem bunten Programm für die ganze Familie:

  • Samstag, 13. Juni, 15 bis 17 Uhr: „Perlenwerkstatt“ für die ganze Familie.
  • Sonntag, 14. Juni, 14 Uhr: Familienführung durch das Museum.
  • Sonntag, 14. Juni, 14 bis 15 Uhr: Vortrag der Stadtarchäologin Casha Ipach zum Gräberfeld von Immenbeck mit spannenden neuen Forschungsergebnissen.

Die Pop-up-Ausstellung ist bei freiem Eintritt im Veranstaltungsraum des Buxtehude Museums zu sehen: St.-Petri-Platz 11, 21614 Buxtehude | Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 11 bis 18 Uhr

Kontakt: Telefon 04161 50797-0 oder online unter buxtehudemuseum.de

Ob man nun wegen der maritimen Illustrationen von Schmischke kommt oder sich für die archäologische Spurensuche in der Region interessiert: Buxtehude ist in den kommenden Wochen ein lohnendes Ziel für Entdecker*innen.


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Die Stimme bleibt https://www.tiefgang.net/die-stimme-bleibt/ Tue, 02 Jun 2026 22:00:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13934 [...]]]> Man kann Esther Bejarano nicht in Aktenordnern fassen, doch man kann ihr Wirken dokumentieren. Genau das ist nun – fünf Jahr nach Ihrem Tod – in der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (FZH) geschehen.

Der persönliche Nachlass der 2021 verstorbenen Überlebenden der Shoah, Aktivistin und unermüdlichen Mahnerin wurde erschlossen und öffnet nun – gefördert durch die Behörde für Kultur und Medien – ein Fenster in ein bewegtes Leben.

Was da in den Regalen der FZH am Beim Schlump liegt, ist weit mehr als eine private Sammlung. Es ist ein Destillat deutscher Nachkriegsgeschichte. Neben den amtlichen Dokumenten und den Zeugnissen ihres politischen Engagements im Auschwitz-Komitee birgt der Nachlass einen Schatz, der vielen unbekannt sein dürfte: die Musik.

Es ist eine unterschätzte Facette ihrer Biografie. Esther Bejarano war nicht nur Zeitzeugin; sie war Musikerin durch und durch. Ihre Liedtexte, Noten und Aufnahmen zeugen von einer Frau, die begriff, dass Musik eine Sprache ist, die dort weiterhilft, wo Worte an ihre Grenzen stoßen. Sie nutzte die Melodie als Waffe gegen das Vergessen und als Brücke zum Dialog. Dass diese Noten und persönlichen Aufzeichnungen nun im Archiv liegen, sichert nicht nur ihre politische Hinterlassenschaft, sondern auch ihr künstlerisches Vermächtnis. Es zeigt eine Frau, die das Unfassbare überlebte und daraus eine Lebensaufgabe machte: zu verhindern, dass die Melodie der Menschlichkeit verstummt.

Die Aufarbeitung ist in Zeiten zunehmender geschichtsrevisionistischer Tendenzen ein essenzielles Projekt. Prof. Dr. Kirsten Heinsohn, kommissarische Direktorin der FZH, betont, dass der Nachlass die seit mehr als 20 Jahren bestehenden Interviews der „Werkstatt der Erinnerung“ perfekt ergänzt. Die materielle Ebene – der Kalender, das Plakat, der Liedtext – macht den Weg von der Überlebenden zur streitbaren Aktivistin greifbar.

Kultursenator Dr. Carsten Brosda, der die Erschließung anlässlich einer Veranstaltung in dieser Woche würdigte, unterstrich: „Esther Bejaranos Stimme gegen Antisemitismus, Rassismus und das Vergessen wirkt bis heute weit über Hamburg hinaus.“

Was bleibt?

Dass der Nachlass nun für Forschung und Bildung zugänglich ist, bedeutet, dass das „Handwerkszeug“ ihres Kampfes erhalten bleibt. Esther Bejarano hat uns einen klaren Kompass hinterlassen. Dass ihre Dokumente – ihre Korrespondenzen ebenso wie ihre Partituren – nun der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen, ist ein wichtiger Schritt, um diesen Kompass für künftige Generationen zu bewahren.

Wer sich für die Arbeit des Archivs interessiert oder die Materialien für Bildungszwecke sichten möchte, findet unter zeitgeschichte-hamburg.de alle Informationen zum Zugang. Es ist ein Archiv, das nicht nur bewahrt, sondern das uns aktiv daran erinnert, dass Erinnerungskultur kein abgeschlossenes Kapitel ist, sondern ein Auftrag, der jeden Tag neu mit Leben – und Musik – gefüllt werden muss.

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Fußball, Masse und Macht https://www.tiefgang.net/fussball-masse-und-macht/ Mon, 01 Jun 2026 22:56:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13883 [...]]]> Hamburg bekommt eine neue Adresse für die Kultur, Kunst und Bildung. Und zur WM geht´s mit Schattenseiten des Fußballs los.

Während andernorts Flächen für Kultur oft nur schwer zu finden oder temporäre Provisorien sind, wächst im Johann Kontor am Klosterwall ein Ort heran, der langfristig überzeugen will. Ab Juni 2026 öffnet das „Kultur Kontor Hamburg“ seine Pforten – eine 700 Quadratmeter große Ausstellungs- und Veranstaltungsfläche, die sich mitten im Herzen der Stadt, unweit der Kunstmeile, als neuer kultureller Anlaufpunkt etablieren soll.

Es ist ein ungewöhnliches Konstrukt: Die Stiftung Historische Museen Hamburg (SHMH) agiert hier als Hauptnutzerin, unterstützt von der Kulturbehörde. Dass ein internationaler Logistik-Riese wie Maersk die Fläche als Mieter durch einen Mieterlass fördert, zeigt zudem, wie moderne Stadtentwicklung und Kulturförderung Hand in Hand gehen können.

Kultursenator Dr. Carsten Brosda findet für diese neue Allianz klare Worte: „Mit dem Kultur Kontor bekommt Hamburg eine weitere Kulturfläche in zentraler Lage. Es bietet uns die großartige Möglichkeit, die Fläche flexibel zu bespielen.“ Flexibilität ist hier das Schlagwort. Das Kontor soll keine statische Galerie sein, sondern ein atmender Raum. Die SHMH wird die Fläche nutzen, um Einblicke in ihre Großprojekte zu geben – allen voran das mit Spannung erwartete Deutsche Hafenmuseum.

Was das Projekt besonders macht, ist seine Diversität. Einmal im Jahr gehört die Bühne der Behörde für Kultur und Medien, die hier Arbeiten der Edwin-Scharff-Preisträger*innen präsentiert. Damit schlägt man eine direkte Brücke zur Hamburger Kunstszene und gibt zeitgenössischen Positionen einen Raum, der weit über die Grenzen klassischer Museumswände hinausreicht.

Prof. Dr. Hans-Jörg Czech, Direktor der SHMH, unterstreicht den Anspruch: „Die SHMH möchte diese Fläche im Zentrum der Stadt für Präsentationen und Veranstaltungsformate zu verschiedenen ihrer aktuellen Großprojekte nutzen.“ Es geht um Transparenz, um den Arbeitsprozess hinter der Museumsarbeit und darum, die Stadtgesellschaft teilhaben zu lassen an dem, was hinter den Kulissen entsteht.

Die Eröffnung am 9. Juni markiert den Startschuss. Mit dem Johann Kontor gewinnt Hamburg eine Fläche, die architektonisch in die Moderne passt und inhaltlich genau das bieten will, was die Innenstadt so dringend braucht: einen Ort des Innehaltens, der Information und der ästhetischen Überraschung. Ein Kontor, in dem nicht mit Containern, sondern mit Ideen gehandelt wird.

Architektur trifft auf kulturellen Anspruch

Die architektonische Einbettung des Kultur Kontors ist dabei weit mehr als nur eine gefällige Unterbringung im Erdgeschoss. Von Beginn an war die kulturelle Nutzung als integraler Bestandteil des Johann Kontors fest im städtebaulichen Vertrag verankert. Frank Holst, Geschäftsführer von AUG. PRIEN Immobilien, betont: „Für uns war diese Entscheidung ein zentraler Aspekt unserer Planung und Durchführung.“

Das Ergebnis: eine bestens ausgestattete, barrierefreie Fläche, die durch ihre prominente Lage direkt am Klosterwall eine Brücke zwischen geschäftlichem Treiben und kultureller Reflexion schlägt. Es ist ein Raum, der durch seine moderne Transparenz einlädt – ein „atmender Raum“, wie es Kultursenator Dr. Carsten Brosda treffend formulierte. Dass ein internationaler Logistik-Riese wie Maersk als Hauptmieter den Standort durch einen Mieterlass fördert, unterstreicht die Rolle des Kontors als gesellschaftliches Engagement mitten in der Innenstadt.

Fußball, Masse und Macht

Passend zur anstehenden Fußballweltmeisterschaft der Männer im Sommer 2026 schlägt das Kultur Kontor mit seiner Eröffnungsausstellung ein Kapitel auf, das weit über den Sport hinausgeht. Ab dem 9. Juni 2026 wird die Wanderausstellung „SPORT. MASSE. MACHT. Fußball im Nationalsozialismus“ präsentiert.

Dass der Startschuss gerade in einem so neuen, offen gestalteten Raum erfolgt, ist kein Zufall. Die von der what matters gGmbH und dem Sportmuseum Berlin kuratierte Schau stellt die Frage, wie der Sport – und speziell der Fußball – zur Stabilisierung und Propagierung nationalsozialistischer Ideologie instrumentalisiert wurde. In Hamburg wird diese Ausstellung gemeinsam von der SHMH sowie der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte realisiert. Sie ist ein dringliches Angebot an das Publikum, die populärste Sportart der Welt einmal nicht nur unter Aspekten von Sieg und Niederlage zu betrachten, sondern als ein gesellschaftliches Feld, in dem Machtansprüche und ideologische Massenmobilisierung eine verheerende Allianz eingingen.

Die Ausstellung ist ein Auftakt, der verdeutlicht, welchen hohen Anspruch das Kultur Kontor Hamburg an sich selbst stellt: Hier soll nicht nur geschaut werden, hier soll diskutiert werden.

Ausstellungsdetails & Führungen

Für Interessierte, die sich tiefergehend mit den Inhalten der Ausstellung „SPORT. MASSE. MACHT.“ auseinandersetzen möchten, werden begleitende Führungen angeboten.

  • Eröffnung: 9. Juni 2026, 14.00 Uhr
  • Öffnungszeiten: Montag sowie Mittwoch bis Freitag von 10.00 bis 17.00 Uhr, Samstag und Sonntag von 10.00 bis 18.00 Uhr, Eintritt: Frei
  • Führungstermine: Informationen zu den aktuellen Terminen finden Interessierte auf der offiziellen Website: www.shmh.de/praesentationen/sport-masse-macht/
  • Vertiefende Infos zum Ausstellungsthema: sport-masse-macht.de

Ein Raum mit vielen Gesichtern

Die SHMH ist organisatorisch für das Programm verantwortlich. Man darf gespannt sein, welche weiteren Perspektiven sich hier in den kommenden Monaten eröffnen werden.

Das Programm des Kultur Kontors scheint klug konzipiert, um verschiedene Facetten der Hamburger Kulturlandschaft sichtbar zu machen. Denn die Stiftung Historische Museen Hamburg nutzt die Fläche künftig nicht nur als Galerie, sondern als aktive Plattform. Besonders spannend ist dabei der Fokus auf das Deutsche Hafenmuseum, das sich hier in einer intensiven Aufbauphase befindet. Besucher*innen erhalten die exklusive Möglichkeit, Einblicke in die Konzeption, die Objektauswahl und die komplexen Arbeitsverfahren dieses Großprojekts zu gewinnen – eine Art „Museum hinter den Kulissen“, das den Transformationsprozess unserer Stadtgeschichte erlebbar macht.

Edwin-Scharff-Preisträger*innen im Fokus

Ein weiterer Höhepunkt im Jahreskalender ist die jährliche Präsentation der Preisträger*innen des Edwin-Scharff-Preises, eine renommierte Auszeichnung Hamburgs, die seit 1955 jährlich an herausragende Künstler*innen für ihr Schaffen vergeben wird. Die Behörde für Kultur und Medien nutzt das Kultur Kontor dann für einen Monat, um diese herausragenden Leistungen in der bildenden Kunst ins Scheinwerferlicht zu rücken. In unmittelbarer Nähe zur Hamburger Kunstmeile entsteht so eine spannende Wechselwirkung: Die unmittelbare Nachbarschaft zu etablierten Institutionen schafft einen Dialog zwischen der arrivierten Kunstwelt und den frischen, preisgekrönten Positionen.

Ausblick:

Das Kultur Kontor versteht sich als „atmender Raum“. Die Mischung aus wechselnden Präsentationen der SHMH zu ihren Großprojekten und Modernisierungsvorhaben, temporären Ausstellungen zeitgenössischer Kunst durch Preisträger*innen und Informationsangeboten zum Deutschen Hafenmuseum sorgt für eine stete Dynamik, die dazu einlädt, öfter am Klosterwall vorbeizuschauen. Es ist diese bewusste Öffnung zur Stadtgesellschaft hin, die den besonderen Reiz ausmacht. „Das Kultur Kontor bietet uns die großartige Möglichkeit, die Fläche flexibel zu bespielen“, betonte Kultursenator Dr. Carsten Brosda – und genau diese Flexibilität scheint der Schlüssel zu sein, um aus einem reinen Ausstellungsort einen Ort der Begegnung zu machen.

Wer sich über das aktuelle Programm auf dem Laufenden halten möchte, findet alle Informationen unter www.shmh.de/kultur-kontor-hamburg. Das Kultur Kontor beweist schon jetzt, dass es nicht nur ein Raum für Exponate ist, sondern ein Ort, an dem die kulturelle Zukunft Hamburgs aktiv mitgestaltet wird.


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Wenn der Backstein swingt https://www.tiefgang.net/wenn-der-backstein-swingt/ Fri, 29 May 2026 22:25:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13944 [...]]]> Es gibt Tage, an denen die Hamburger Speicherstadt mehr ist als nur eine beeindruckende Kulisse für Smartphone-Bilder. Wenn die Kontorhäuser ihre Geschichte nicht nur in Stein meißeln, sondern im Takt von Lindy Hop mitschwingen, dann ist wieder UNESCO-Welterbetag.

von Carsten Leufelt-Schulz

Am 7. Juni 2026 lädt Hamburg dazu ein, das, was wir täglich als selbstverständlich zwischen Fleet und Klinker wahrnehmen, neu zu entdecken – unter dem Motto „Gemeinsam für Frieden und Verständigung“.

Dreh- und Angelpunkt des Geschehens ist das Kesselhaus am Sandtorkai. Wo einst Dampfmaschinen das Herz der Speicherstadt antrieben, schlägt am 7. Juni das kulturelle Herz der Stadt. Von 11 bis 19 Uhr verwandelt sich der Industriebau in einen Resonanzraum für Geschichte, Musik und Dialog.

Musikalisch wird es dabei alles andere als museal. Güneş und Marcus von HappyFeet Swing bringen den Geist der 1920er und 30er Jahre zurück auf das Pflaster der Speicherstadt. Wer den Rhythmus spüren will, ist um 15 Uhr beim Einführungskurs für Einsteiger*innen bestens aufgehoben. Wenn ab 16 Uhr „The Savoy Stompers“ gemeinsam mit der kalifornischen Sängerin Tiffany die Tanzparty eröffnen, trifft die Schwere der historischen Speicher-Architektur auf die Leichtigkeit des Swing – ein Kontrast, der Hamburgs weltoffene Identität perfekt widerspiegelt.

Wer die architektonischen Schätze der Stadt tiefergehend verstehen möchte, findet im Führungsprogramm fundierte Einblicke. Experten beleuchten ab 11, 13 und 15 Uhr die Welterbe-Kriterien der Speicherstadt und führen durch die Kontorhaus-Giganten wie das Chilehaus oder den Sprinkenhof.

Auch für das jüngere Publikum ist gesorgt: Während Familien bei speziellen Führungen (11 und 15 Uhr) erfahren, warum Wände in der Speicherstadt so dick sind und was Architektur mit Gewürzen zu tun hat, präsentiert das Allee Theater um 14 Uhr einen Ausschnitt aus der „Kleinen Zauberflöte“. Eine spielerische Hommage an die Hochkultur, die zeigt, dass Oper keine elitäre Angelegenheit ist.

Ein besonderer Clou des Tages ist der Blick über den Hamburger Tellerrand hinaus. Das Weltnaturerbe Wattenmeer ist zwar gut 100 Kilometer entfernt, doch am Welterbetag rückt es in die Speicherstadt. Auf einer geführten Wanderung durch die Innenstadt ziehen Experten Parallelen zwischen den Hamburger Brutvogelarten und dem artenreichen Wattenmeer. Es ist ein kluger Kniff, der daran erinnert, dass unser städtisches Welterbe – Speicherstadt und Kontorhausviertel – untrennbar mit dem ökologischen Erbe der Nordsee verbunden ist.

Das UNESCO-Institut für Lebenslanges Lernen ergänzt das Programm im Kesselhaus um eine globale Perspektive. Mit spielerischen Einblicken in die Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) wird das Welterbe zum Lernort für eine Welt von morgen.

Der UNESCO-Welterbetag zeigt, dass Denkmalpflege weit mehr ist als nur der Erhalt von Fassaden. Es ist ein Forum für Begegnung. Alle Veranstaltungen sind kostenfrei; eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Es empfiehlt sich lediglich, rechtzeitig vor Ort zu sein, um die Führungen in Ruhe zu genießen. Ein Tag, der dazu einlädt, das „gemeinsame Erbe“ nicht nur zu bewahren, sondern aktiv zu erleben.

So., 7. Juni 2026, 11 – 19 Uhr, zentraler Ort: Kesselhaus, Am Sandtorkai 30

Alle Veranstaltungen sind kostenfrei

Weitere Infos: www.welterbe.hamburg


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Das Universum hinter Tönen https://www.tiefgang.net/das-universum-hinter-toenen/ Sat, 23 May 2026 22:39:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13891 [...]]]> Das Berufsfeld Musik im Jahr 2026 ist ein riesiges, oft unsichtbares Universum, das weit über die Rampe der klassischen Konzertbühne hinausreicht. Ein Portal leitet nun gekonnt hindurch …

Wer an ein Musikstudium denkt, sieht meist dasselbe Bild vor sich: Ein einsames Genie am Flügel, das stundenlang Tonleitern übt, oder die virtuose Geigerin, die auf den großen Solist*innenplatz im Orchester hinarbeitet. Doch wer die Augen und Ohren öffnet, merkt schnell: Das Berufsfeld Musik im Jahr 2026 ist ein riesiges, oft unsichtbares Universum, das weit über die Rampe der klassischen Konzertbühne hinausreicht.

Hinter den glänzenden Fassaden der Kulturmetropolen wächst eine Generation von Musikschaffenden heran, deren Alltag ganz anders aussieht. Da ist der Musiktherapeut, der mit Klängen Brücken zu Demenzerkrankten baut; die Musikpädagogin, die in der Popkultur die digitale Zukunft des Unterrichts erprobt; oder der Musikjournalist, der komplexe Kulturpolitik verständlich macht. Musik ist heute interdisziplinär, digital und flexibel. Doch genau diese enorme Vielfalt machte es jungen Talenten bislang schwer, den richtigen Weg zu finden. Die Auswahl war schlicht zu unübersichtlich, die Profile der einzelnen Institutionen zu verstreut. Bis jetzt.

Hier kommt der neue „Kompass Musikstudium“ ins Spiel, den das Deutsche Musikinformationszentrum (miz) – eine Einrichtung des Deutschen Musikrats – im Mai 2026 an den Start gebracht hat. Man darf sich dieses Tool nicht als verstaubtes Vorlesungsverzeichnis vorstellen, sondern als modernen digitalen Lotsen durch die deutsche Bildungslandschaft. In enger Kooperation mit der Hochschulrektorenkonferenz ist hier eine Plattform entstanden, die zum ersten Mal Ordnung in das Dickicht der Ausbildungsmöglichkeiten bringt.

Die nackten Zahlen des Portals (unter miz.org/de/kompass-musikstudium) sind beeindruckend: Mehr als 1.700 Studiengänge an Musikhochschulen, Universitäten und anderen Bildungseinrichtungen in ganz Deutschland sind hier zentral erfasst und zugänglich gemacht worden. Das Besondere daran ist die intuitive Handhabung. Nutzer*innen müssen sich nicht mühsam durch die Websites von Dutzenden Instituten klicken, sondern können die Datenbank ganz gezielt nach drei Kernkriterien filtern:

Fachrichtung: Von Instrumentalausbildung über Musiktherapie und Journalismus bis hin zu pädagogischen Studiengängen.

Abschluss: Egal ob Bachelor, Master, Staatsexamen oder künstlerische Promotion.

Studienort: Eine geografische Suche, die zeigt, wo in Deutschland welche Schwerpunkte gesetzt werden.

Der Kompass liefert zu jedem Treffer kompakte, verlässliche Informationen über die tatsächlichen Studieninhalte und verlinkt direkt zu den weiterführenden Bewerbungs- und Prüfungsordnungen der jeweiligen Häuser. Das erklärte Ziel des miz ist es, Orientierung zu schaffen und jungen Menschen den oft einschüchternden Weg in den Musikberuf zu ebnen.

Wo der Code die Karriere trifft

Als wir vor einiger Zeit unter dem Titel „Wo der Code die Kunst trifft“ (Tiefgang, 21.04.2026) über die Digitalisierung der Musiklandschaft berichteten, ging es vor allem um neue ästhetische Räume, um Algorithmen in der Produktion und die Frage, wie Bits und Bytes die Kreativität verändern. Doch die Digitalisierung macht nicht an den Studiotüren halt – sie hat längst die gesamte Ausbildungslandschaft erfasst und gründlich durchgeschüttelt. Wer heute Musik studiert, muss oft selbst den Spagat zwischen Code und Kunst beherrschen. Das Problem: Die Wege dorthin waren bisher so verzweigt, dass viele Talente kapitulierten, noch bevor sie die erste Bewerbung abgeschickt hatten.

Genau an dieser Schnittstelle setzt der neue digitale Lotse an. Ein Blick auf das Suchportal (unter miz.org/de/kompass-musikstudium/suche) offenbart die schiere Bandbreite der modernen Musikwelt. Hier wird sichtbar, wie flexibel und spezialisiert die Ausrichtungen im Jahr 2026 geworden sind. Ob Kirchenmusik, Film&Sounds oder Musik&Geisteswissenschaft – die Bandbreite ist riesig und dazu kommen weitere interdisziplinäre Studiengänge an den Schnittstellen von Medien und Technologie, hochspezifische pädagogische Konzepte oder Nischenfächer – das Portal schlüsselt das unsichtbare Universum präzise auf.

Und der Kompass löst noch ein ganz praktisches, oft unterschätztes Problem: die Geografie der Ausbildung. Nicht jede*r kann oder möchte für das Studium ans andere Ende der Republik ziehen. Für all jene, die nahe der Heimat bleiben und in ihrem gewohnten Umfeld Wurzeln schlagen wollen, bietet die regionale Filterfunktion einen unschätzbaren Mehrwert. Mit wenigen Klicks lässt sich herausfinden, welche ungeahnten akademischen Schätze direkt vor der eigenen Haustür liegen. So wird der Code im Netz zum ganz realen Wegweiser für die Karriere in der Region.

Die Nische als Orientierung und Schutzfaktor

In Zeiten, in denen heftig über GEMA-Reformen, Verteilungsschlüssel und den Erhalt von Kulturräumen gestritten wird, ist Transparenz der erste Schritt zur Selbstbehauptung für den Nachwuchs. Wenn die traditionelle Förderung wackelt, müssen angehende Künstler*innen umso genauer wissen, wo sie ihre Nische finden können. Orientierung wird so zu einem echten Schutzfaktor für die ästhetische Vielfalt. Der neue Kompass erweist sich hier als echte Schatzkarte, die zeigt, dass die Musiklandschaft viel bunter ist, als es die starren Kategorien der Vergangenheit vermuten lassen.

Wie das in der Praxis aussieht, zeigt ein Selbstversuch auf der Plattform. Wer dort nach einem modernen Begriff wie „Computermusik“ sucht, wird nicht mit standardisierten Ergebnissen abgespeist, sondern stößt auf hochspezialisierte, innovative Studiengänge. Das Portal führt Interessierte beispielsweise direkt nach Essen an die Folkwang Universität der Künste. Dort verbirgt sich hinter der Suche weit mehr als nur technisches Handwerk: Studiengänge wie „Integrative Komposition“ oder „Professional Media Creation“ zeigen exemplarisch, wie die Ausbildung im Jahr 2026 auf die Anforderungen einer digitalisierten Kulturwelt reagiert.

Hier wird das visible Universum der Musik greifbar. Der Kompass bündelt diese oft versteckten Perlen und holt sie aus der Anonymität der akademischen Nische ins Rampenlicht. Er beweist, dass es sie gibt: die Orte, an denen Experiment, Technologie und Kunst fächerübergreifend verschmelzen. Für junge Menschen ist das die Chance, genau die Ausbildung zu finden, die zu ihrer Vision passt – abseits der ausgetretenen Pfade des Massenmarkts.

Ein Werkzeug mit und für die Zukunft

Mit dem „Kompass Musikstudium“ haben das miz und der Deutsche Musikrat einen Meilenstein gesetzt. In Zeiten, in denen sich die Koordinaten der Kulturwelt rasant verschieben, ist diese Plattform genau das richtige Werkzeug zur richtigen Zeit. Sie ist ein digitales Fundament, das Orientierung bietet, wo vorher oft nur Orientierungslosigkeit herrschte, und sie schützt die Vielfalt, indem sie die Nischen sichtbarer macht.

Doch so beeindruckend die jetzige Datenbank mit ihren über 1.700 Studiengängen bereits ist: Dieser Launch ist erst der Anfang. Das Portal ist als lebendiges System angelegt, und seine wahre Stärke wird sich in den kommenden Jahren entfalten. Wenn das Portal kontinuierlich mit neuen Fortentwicklungen, praxisnahen Inhalten und aktuellen Profilen gefüttert wird, wird seine Nützlichkeit für die Musiker*innen von morgen um ein Vielfaches steigen. Es ist ein erster, mutiger Schritt getan, um den digitalen Wandel in der Ausbildung nicht nur zu verwalten, sondern aktiv zu gestalten – damit das Musikland Deutschland auch in Zukunft so facettenreich bleibt, wie es dieser Kompass schon heute verspricht.

Hier zum Portal: https://miz.org/de/kompass-musikstudium


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Momente des Stillhaltens https://www.tiefgang.net/momente-des-stillhaltens/ Fri, 22 May 2026 10:10:13 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13896 [...]]]> Journalismus hat es in diesen Tagen schwer. Auch der Fotojournalismus, da doch jeder mit seinem Smartphone die Beliebigkeit der Bilder lediglich durch seinen Datenspeicher begrenzt sieht. Um so besser, wenn es jährlich eine Ausstellung der World Press Stiftung im Altonaer Museum gibt und die Aussage des Fotojournalismus und der Fotodokumentation zu würdigen weiß.

Seit dem 22. Mai und bis zum 15. Juni 2026 ist so auch dieses Jahr im Altonaer Museum eine große Auswahl von Fotos zu sehen, die Geschichten, die die Welt durch Fotografie vom 69. jährlichen World Press Photo Contest prägen und verbinden. Die jährliche Ausstellung präsentiert die Arbeiten der 42 ausgezeichneten Fotograf*innen und bringt Tiefe und Nuancen in unser Verständnis der Komplexität der Welt und hebt den überzeugendsten Fotojournalismus und die dokumentarischste Fotografie des vergangenen Jahres hervor. Die Gewinner*innen des World Press Photo Contest 2026 wurden von einer unabhängigen Jury aus 31 Fachleuten aus der ganzen Welt ausgewählt, die mehr als 57.376 Fotografien von 3.747 Fotograf*innen aus 141 Ländern überprüften. Die preisgekrönten Fotografien aus allen Regionen der Welt gehen dann jedes Jahr in einer Ausstellung auf Wanderschaft und werden in mittlerweile mehr als 100 Städten in fast 50 Ländern Station und auf der ganzen Welt von über einer Million Besucher*innen gesehen. In Hamburg präsentieren die Magazine GEO und stern die Ausstellung seit über 25 Jahren in Hamburg. Und eben im Museum Altona.

Die Themen des größten und renommiertesten Wettbewerbs dieser Art reichen von der Dokumentation politischer Auseinandersetzungen und kriegerischer Konflikte über die fotografische Schilderung der fortschreitenden Klimakrise bis zu Reportagen aus dem Alltagsleben unterschiedlicher Gesellschaften.

So das Foto von Tyrone Siu, Mitarbeiter und Fotojournalist bei der Agentur Reuters in Hongkong. Als in Tai Po ein Feuer auf einer Wohnanlage 168 Menschenleben forderte und Hongkong seinen tödlichsten Brand seit 1948 erlebte, wurden wir weltweit Zuschauer dieser Katastrophe. Der Fotograf Tyrone Siu traf einen Herrn Wong auf einer nahegelegenen Fußgängerbrücke etwa eine Stunde nach Beginn des Feuers. Herr Wong beobachtete, wie sein Haus in Flammen aufging, und fragte ängstlich, wo denn die Wasserwerfer und Löschfahrzeuge blieben und äußerte seine eh lange Angst vor den Renovierungsmaterialien. Obwohl keine offizielle Ursache gemeldet wurde, stellten Untersuchungen der Hongkonger Behörden später fest, dass starke Winde in Kombination mit dichtem Bambusgerüst, Baunetz und brennbaren Styroporplatten, die für die Fensterisolierung verwendet werden, als tödliche Beschleuniger fungierten, Bewohner im Inneren einsperrten, Notausgangswege blockierten und die anfängliche Reaktion behinderten. Das Feuer, das während der laufenden Renovierungsarbeiten ausbrach, unterstrich langjährige Bedenken hinsichtlich der Brandschutzvorschriften in alternden Hochhäusern.
Mehr als 2.000 Feuerwehrleute aus dem ganzen Gebiet waren an den massiven Rettungsmaßnahmen beteiligt, die durch die Höhe der Wohnanlage und die intensive Hitze erschwert wurden. Die Operation führte zum Tod eines Feuerwehrmanns und zu Verletzungen von 12 anderen. Nach der Katastrophe überprüft die Feuerwehr von Hongkong ihre Sicherheitsprotokolle für Hochhäuser, die sich externen Renovierungen unterzogen haben.

Foto: Tyrone Siu / Reuters

Was wir sehen: ein einziges Bild, das die Geschichte in einen einzigen Moment komprimiert. Ein Bild, das eben alles sagt über Katastrophen, Ängste, Menschen. „Zu keinem Zeitpunkt ist die Notwendigkeit genauer Informationen unerlässlicher, aber gleichzeitig schwieriger zu produzieren. Deshalb müssen wir alle eine freie Presse unterstützen.“ Ein Statement der World Press Stiftung, das alles sagt.

Oder Das Bild „Drone Wars“ von David Guttenfelder.  Guttenfelder ist Fotojournalist für die New York Times mit Sitz in Minneapolis und behandelt thematisch vor allem geopolitische Konflikte, humanitäre Krisen, Umweltfragen oder soziale Ungerechtigkeit. Über eine 30-jährige Karriere hat er über große Weltereignisse von Aufträgen auf der ganzen Welt berichtet.

Drone Wars von David Guttenfelder, The New York Times

So auch über den Krieg Russlands gegen die Ukraine. Als Russland Anfang 2022 seine umfassende Invasion in der Ukraine startete, dominierten Artillerie, Raketen, Panzer und Grabenkriege das Schlachtfeld. Die ukrainischen Streitkräfte sahen sich einem weitaus größeren und mechanisierteren Militär gegenüber. Ihr Überleben hing und hängt bis heute von der Improvisation ab und prägte eine der bedeutendsten Veränderungen in der modernen Kriegsführung: den Aufstieg des Drohnenkampfes. Hobby-Drohnen werden in ferngesteuerte Waffen umfunktioniert, und massenproduzierte First-Person-View (FPV)-Drohnen werden von Kilometern entfernt mit tödlicher Präzision gesteuert. Das Ergebnis ist ein unerbittliches Drohnen-Wettrüsten mit Russland und der Ukraine, die jetzt Millionen von Drohnen pro Jahr produzieren. Die Technologie wird bereits in Konflikten weltweit repliziert. Weite Gebiete der Ukraine wurden in „Tötungszonen“ verwandelt, in denen Zivilisten angegriffen, vertrieben und oft gefangen sind. Soldaten verbringen die meiste Zeit in unterirdischen Bunkern oder Kellern, die nicht versorgt werden können. Die rasante Weiterentwicklung der Drohnentechnologie übertrifft die internationalen rechtlichen Rahmenbedingungen und wirft tiefgreifende Fragen über Rechenschaftspflicht, Aufsicht und den Schutz des zivilen Lebens auf. Das Foto dokumentiert quasi die gesamte Geschichte der Bemühungen der Ukraine, ihre Drohnenfähigkeiten und die Auswirkungen russischer Drohnenangriffe auf Zivilisten und Soldaten zu verbessern. Die mörderische Kriegsindustrie.

Eine Ausstellung, dessen Besuch sich also jährlich stets aufs Neue lohnt. Die die Kraft aber auch Kunst der Fotografie eben durch ihr Zeigen selbst unterstreicht und neben der visuellen Faszination nachdenklich stimmt.

Bis 15. Juni: Ausstellung World Press Photo Exhibition 2026

Altonaer Museum |Museumstraße 23 |22765 Hamburg | Tel. 040 – 428 135 801

Besuchszeiten: Mo – Mi: 10 – 17 Uhr, Die geschlossen, Do – Fr: 10 – 20 Uhr, Sa – So: 10 – 18 Uhr

Tickets: 8,50 € für Erwachsene, 6 € für Gruppen von mehr als 10, ermäßigt 5 €

Weitere Informationen: www.worldpressphoto.org und www.shmh.de


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