Kultur – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Fri, 24 Apr 2026 09:53:44 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.5 Stimmen der Gegenwart https://www.tiefgang.net/stimmen-der-gegenwart/ Sat, 25 Apr 2026 22:39:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13690 [...]]]> Wenn in Buxtehude jährlich die Shortlist für den Buxtehuder Bullen präsentiert wird, ist es immer auch ein lokales Bekenntnis zur Leseförderung und zum Dialog zwischen den Generationen. Am 23. April wurde nun die Liste für den 55. Bullen offiziell vorgestellt.

Aus rund 80 Titeln hat die Jury fünf Favoriten ausgewählt, die nun um die renommierte Stahltrophäe und das Preisgeld von 5.000 Euro konkurrieren.

Das Herzstück dieses Jugendliteraturpreises ist seit seiner Gründung durch Winfried Ziemann im Jahr 1971 die absolute Augenhöhe. Elf Jugendliche und elf Erwachsene bilden eine paritätische Jury. Diese Struktur sorgt dafür, dass die Auswahl nicht über die Köpfe der Zielgruppe hinweg getroffen wird, sondern mitten aus ihrer Lebensrealität heraus entsteht. Dass der Preis heute durch die Stadtbibliothek und Förderer wie die Else und Heinrich Klindworth-Stiftung getragen wird, unterstreicht die tiefe Verwurzelung in der Stadtgesellschaft.

Die diesjährige Shortlist ist ein Spiegelbild globaler und persönlicher Krisen, verpackt in mitreißende Narrative. Jedes der fünf Bücher fordert seine Leser*innen heraus, die Perspektive zu wechseln.

Basma Hallak greift in Please Unfollow (Arctis, 416 Seiten, 19 Euro) das Thema Sharenting auf. Die Geschichte der 17-jährigen Sherry, deren Leben ungefragt auf Social Media vermarktet wurde, ist ein hochaktuelles Plädoyer für das Recht auf die eigene Identität in einer digitalisierten Welt.

Mit Hilde Myklebusts Auch am Tag leuchten die Sterne (CARLSEN, 256 Seiten, 15 Euro; übersetzt von Meike Blatzheim) weht ein norwegischer Wind durch die Auswahl. Die Erzählung über Mia, die zwischen Musical-Träumen und einer schweren Krankheitsdiagnose im Freundeskreis ihren Weg finden muss, besticht durch eine feine Balance zwischen Melancholie und Hoffnung.

Nina Scheweling führt uns mit Academy of Lies – Anatomie einer Verschwörung (LOEWE, 400 Seiten, 16,95 Euro) in die Welt der Elite-Internate. Hier verbindet sich das Thema Organtransplantation mit einem packenden Thriller-Plot, der die moralischen Grenzen wissenschaftlichen Ehrgeizes auslotet.

Einen harten Blick in die Geschichte wirft Moritz Seibert in seinem Debüt Das letzte Aufgebot (Karibu, 320 Seiten, 16,99 Euro). Er erzählt vom Schicksal eines 15-Jährigen in der Hitler-Jugend am Ende des Zweiten Weltkriegs – eine mahnende Erinnerung daran, wie zerbrechlich Frieden und Unschuld sind.

Schließlich lenkt Tara Sullivan mit The Bitter Side of Sweet (Peter Hammer Verlag, 320 Seiten, 14 Euro; übersetzt von Sandra Knuffinke und Jessica Komina) den Fokus auf die moderne Sklaverei auf Kakaoplantagen. Es ist eine Geschichte über Mut und Widerstand, die uns schmerzhaft bewusst macht, welchen Preis unser täglicher Konsum anderswo fordert.

„Es sind (Jugend-) Romane, die bewegen und Denkanstöße geben. Toll, wenn Bücher oder Geschichten das schaffen. Mit der Shortlist laden wir Jung und Alt dazu ein, mit den Protagonist*innen mitzudenken und mitzufühlen und vielleicht dabei auch die eigene Perspektive zu reflektieren“, so Melanie Hainke, Verantwortliche des Bullen-Projektteams. Für die Buxtehuder*innen und ihre Gäste wird die Literatur so in den kommenden Wochen im gesamten Stadtbild präsent sein. Von Mai bis Juli laden verschiedene Leseplätze in der Altstadt dazu ein, in die nominierten Werke hineinzuschnuppern. Ob in der Altstadtbuchhandlung, im Galerie Café Baham oder direkt am BULLEvard – die Stadt wird zur Leselounge.

Den krönenden Abschluss bildet der Preisentscheid am Dienstag, den 23. Juni 2026, um 19 Uhr im Stieglitzhaus. Dort wird sich zeigen, welches Werk die Jury am stärksten überzeugt hat. Ein Tag im 55. Jahr, in dem Buxtehude einmal mehr beweist, dass gute Geschichten keine Altersgrenzen kennen, sondern Menschen verbinden können. Wer neugierig auf die Stimmen von morgen ist, sollte sich diesen Termin rot im Kalender markieren.

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Was soll ich tun? https://www.tiefgang.net/was-soll-ich-tun/ Thu, 23 Apr 2026 22:01:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13658 [...]]]> Wenn der Kleine Saal der Elbphilharmonie am 8. Juni zum Schauplatz des intellektuellen Kräftemessens wird, blickt die literarische Welt auf Hamburg. Der Deutsche Sachbuchpreis 2026 hat seine Nominierten verkündet, und die Liste liest sich wie ein Kompass für eine Welt, die sich zwischen Algorithmen und alten Geistern neu sortieren muss.

Aus 239 eingereichten Titeln hat die Jury acht Werke herausgefiltert, die weit mehr sind als reine Wissensvermittlung. Sie sind Antworten auf die drängende kantische Frage: Was soll ich tun?

Dass der Fokus in diesem Jahr so stark auf der sprachlichen Gestaltung liegt, ist kein Zufall. In einer Ära, in der künstliche Textfluten das Netz überschwemmen, wird die menschliche Durchdringung der Gegenwart zum eigentlichen Qualitätsmerkmal. Jurysprecher Pascal Mathéus, der in seiner Buchhandlung Wassermann in Blankenese täglich den Puls der Leserschaft fühlt, betont genau diesen Wert an sich: Eine verständliche, klare Sprache, die uns Orientierung ermöglicht.

Dabei wird es am Abend der Preisverleihung um weit mehr als nur um Ehre und Prestige gehen. Der Deutsche Sachbuchpreis ist mit insgesamt 42.500 Euro dotiert, was seine Bedeutung als eine der wichtigsten Auszeichnungen im deutschsprachigen Raum unterstreicht. Die Spannung wird bis zum Schluss gehalten: Erst während der feierlichen Zeremonie in der Hamburger Elbphilharmonie wird das Geheimnis gelüftet, wer den Titel Sachbuch des Jahres mit nach Hause nehmen darf. Der/die Preisträger*in erhält ein Preisgeld von 25.000 Euro. Doch auch die sieben weiteren Nominierten der Shortlist gehen nicht leer aus – ihre herausragende Arbeit wird mit jeweils 2.500 Euro gewürdigt. Diese finanzielle Anerkennung ist ein klares Signal für die Relevanz tiefgründiger Recherche und kluger Analyse in unserer Gesellschaft.

Die Nominierten

Werfen wir nun einen detaillierten Blick auf die acht Werke, die in diesem Jahr das Rennen um den begehrten Preis machen. Denn jedes dieser Bücher öffnet eine eigene Tür zu den brennenden Fragen unserer Zeit.

Den Anfang macht Heike Behrend mit einer faszinierenden Spurensuche. In Gespräche mit einem Toten taucht sie tief ein in das exzentrische Leben von Gustaf Nagel, dem Propheten vom Arendsee. Nagel war ein Lebensreformer, der barfuß und im Büßerhemd gegen die Konventionen seiner Zeit anrannte und schließlich für geisteskrank erklärt wurde. Behrend verwebt dieses Schicksal meisterhaft mit ihrer eigenen Familiengeschichte und ethnographischen Erkenntnissen. Es ist ein Buch über den schmalen Grat zwischen religiösem Eifer und gesellschaftlicher Ausgrenzung, das uns fragt, wie viel Abweichung eine Gemeinschaft aushält.

Heike Behrend – Gespräche mit einem Toten. Gustaf Nagel, Prophet vom Arendsee, Matthes & Seitz Berlin

Ganz anders nähert sich Florence Gaub der Weltpolitik. Ihr Buch Szenario ist kein klassisches Sachbuch, sondern ein interaktives Experiment im Stil eines Choose-your-own-adventure-Romans. Sie versetzt die Leser*innen in die zweite Reihe der Macht – als Berater*innen, die ohne eigene Truppen, aber mit Daten und Intuition über Krieg oder Frieden entscheiden müssen. Es ist ein rasanter Ritt durch außenpolitische Sackgassen und Handlungskorridore, der zeigt, dass die Zukunft kein Schicksal ist, sondern das Ergebnis von Entscheidungen, die wir heute treffen.

Florence Gaub – Szenario. Die Zukunft steht auf dem Spiel, dtv

Tilmann Lahme wiederum wagt sich an ein Denkmal der Weltliteratur: Thomas Mann. Doch statt staubiger Philologie liefert er eine Biografie, die sich wie ein psychologischer Thriller liest. Lahme konzentriert sich auf die prekäre Psyche und das allzumenschliche Innenleben des Autors, jenseits der repräsentativen Fassade. Er fördert Materialien zutage, die bisherige Biografien oft übersahen oder die von Herausgeber*innen diskret zensiert wurden. Das Ergebnis ist das Porträt eines Mannes voller Widersprüche und Sehnsüchte, der uns heute näher ist, als wir dachten.

Tilmann Lahme – Thomas Mann. Ein Leben, dtv

In Dreihundert Männer nimmt uns Konstantin Richter mit in die Hinterzimmer der Macht. Inspiriert von Walther Rathenaus berühmtem Diktum über die 300 Männer, die die Wirtschaft des Kontinents lenken, zeichnet Richter die Geschichte der Deutschland AG nach. Von den Industriekapitänen der Kaiserzeit bis zu den heutigen Global Playern entfaltet er ein Panorama aus Bankiers, Lobbyisten und Managern. Es ist eine glänzend erzählte Chronik des deutschen Kapitalismus, die zeigt, wie engmaschig die Netze gestrickt sind, in denen unsere ökonomische Zukunft verhandelt wird.

Konstantin Richter – Dreihundert Männer. Aufstieg und Fall der Deutschland AG, Suhrkamp

Irina Scherbakowa führt uns in ihrem sehr persönlichen Werk Der Schlüssel würde noch passen zurück in ein Moskau, das zwischen Aufbruchshoffnung und dem Abgleiten in die Diktatur schwankt. Als Mitbegründerin der Menschenrechtsorganisation Memorial blickt sie auf Jahrzehnte des Widerstands und der Erinnerungsarbeit zurück. Ihre Aufzeichnungen sind geprägt von einer berührenden Verletzlichkeit und der schmerzhaften Frage, warum der Versuch einer demokratischen Transformation Russlands scheitern musste. Ein Buch, das gerade in Hamburg, einer Stadt mit einer langen Tradition als Zufluchtsort, auf offene Ohren stoßen wird.

Irina Scherbakowa – Der Schlüssel würde noch passen. Moskauer Erinnerungen, Droemer

Die großen ethischen Fragen unserer Zeit verhandelt Bettina Schöne-Seifert in Leben, Körper, Tod. Anhand von zwölf aktuellen Kontroversen der Medizinethik – von der Fortpflanzungsmedizin bis zur Sterbehilfe – führt sie uns an die Grenzen unserer Autonomie. Schöne-Seifert schreibt analytisch scharf und doch tief empathisch über den Körper als Ort des Seins und der Verletzlichkeit. Sie zeigt auf, wie medizinischer Fortschritt uns ständig vor neue moralische Zerreißproben stellt, bei denen einfache Antworten oft zu kurz greifen.

Bettina Schöne-Seifert – Leben, Körper, Tod. Zwölf aktuelle Kontroversen der Medizinethik, Wallstein

Roberto Simanowski widmet sich in Sprachmaschinen der wohl drängendsten technologischen Revolution: der künstlichen Intelligenz. Er analysiert, was es für unsere Kommunikation und unser Selbstverständnis bedeutet, wenn wir Kompetenzen an Algorithmen delegieren. Simanowski fragt nach den Werten, die in diese Maschinen einfließen, und warnt vor einem schleichenden Souveränitätstransfer. Sein explorativer Denkansatz lädt dazu ein, den Hype beiseite zu lassen und stattdessen die philosophischen Tiefenschichten der Digitalisierung zu erkunden.

Roberto Simanowski – Sprachmaschinen. Eine Philosophie der künstlichen Intelligenz, C.H.Beck

Den Abschluss bildet Ronen Steinke mit einer Untersuchung zur Meinungsfreiheit. Er legt den Finger in die Wunde und zeigt auf, wie Polizei und Justiz in Deutschland das Grundrecht auf freie Rede zunehmend einschränken. Steinke plädiert leidenschaftlich für einen offenen Meinungskorridor und warnt davor, unbequeme Kritik durch juristische Hürden im Keim zu ersticken. Sein Buch ist ein Plädoyer für eine lebendige Streitkultur, die gerade in einer polarisierten Gesellschaft wichtiger ist denn je, um die Demokratie wehrhaft zu halten.

Ronen Steinke – Meinungsfreiheit. Wie Polizei und Justiz unser Grundrecht einschränken – und wie wir es verteidigen, Berlin Verlag

Bevor im Juni die endgültige Entscheidung fällt, ziehen die nominierten Autor*innen noch durch die gesamte Republik. Von Berlin über Frankfurt bis nach München – Hamburg leider nicht – öffnen Buchhandlungen und Kulturzentren ihre Türen für die traditionelle Shortlist-Reise. Es ist die wertvolle Chance für Leser*innen, die Köpfe hinter den Thesen live zu erleben und die Argumente auf Herz und Nieren zu prüfen. Diese Veranstaltungen machen deutlich, dass Sachbücher keine trockene Materie sind, sondern lebendiger Zündstoff für Gespräche am Abendbrottisch oder im Büro. Wer wissen will, wann die Nominierten in der eigenen Nähe Station machen, findet auf der offiziellen Webseite des Preises alle Termine im Überblick: www.deutscher-sachbuchpreis.de

Am Ende ist dieser Preis weit mehr als eine feierliche Gala mit Blick auf die Elbe. Er ist ein leidenschaftliches Plädoyer für die Tiefe. In einer Zeit, in der Informationen oft nur noch in Sekundenbruchteilen konsumiert werden, feiern diese acht Werke die geistige Ausdauer. Sie beweisen, dass wir Menschen mit unserer Neugier und unserer spezifisch menschlichen Sprache Welten erklären können, an denen Algorithmen noch scheitern.

Mein persönliches Resümee: Die Liste 2026 ist ein starkes Signal gegen die Vereinfachung. Sie mutet uns Komplexität zu und belohnt uns dafür mit Erkenntnis. Wenn also im Juni in der Elbphilharmonie das Geheimnis gelüftet wird, wer die Nachfolge der bisherigen Preisträger*innen antritt, gewinnt vor allem die intellektuelle Freiheit. Hamburg wird an diesem Abend zum einem Zentrum einer klugen, streitbaren und vor allem lebendigen Debattenkultur werden. Ein echter Preis für das Wort – und ein hervorragender Grund, sich jetzt schon durch die Shortlist zu lesen und die eigenen Favorit*innen zu entdecken.

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Das Auge der Epoche https://www.tiefgang.net/das-auge-der-epoche/ Wed, 22 Apr 2026 09:50:53 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13671 [...]]]> Es gibt Namen, die untrennbar mit dem visuellen Gedächtnis einer Stadt verwoben sind. In Hamburg ist dieser Name F.C. Gundlach.

Pünktlich zu seinem 100. Geburtstag am 16. Juli 2026 beschenkt sich die Hansestadt Hamburg nun selbst mit einer Nachricht, die das Erbe dieses Visionärs für die nächste Generation zementiert: Die Sammlung F.C. Gundlach bleibt nicht nur in Hamburg, sie wächst und wird für mindestens zwanzig weitere Jahre das Herzstück des Hauses der Photographie in den Deichtorhallen bilden.

Gundlach war weit mehr als ein Modefotograf. Er war Netzwerker, Sammler, Kurator und der Gründungsdirektor jenes Hauses, das heute international als eine der ersten Adressen für die Kunstform Fotografie gilt. Sein Credo war zeitlebens die Überzeugung, dass ein Sammler eine moralische Verpflichtung hat, Teile seiner Sammlung oder ihr Ganzes öffentlich zu machen. Er sah seine Schätze als lebendigen Organismus, der auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren muss. Dieser Geist weht nun durch einen neuen Kooperationsvertrag, der die bisherige Leihgabe von 9.000 auf stolze 14.000 Werke erweitert.

Wer war dieser Mann, der die Fotografie in Deutschland aus ihrem Nischendasein als bloßes Handwerk in den Olymp der bildenden Kunst hob? Gundlach kam in den 1950er Jahren nach Hamburg und machte die Stadt zur Zentrale seiner Arbeit. Er fotografierte für die großen Magazine – von Film und Frau bis hin zur Brigitte. Doch seine Bilder waren nie bloße Kleiderständer-Dramaturgien. Er verstand es, Mode als Spiegelbild gesellschaftlicher Identitäten zu inszenieren.

Betrachtet man seine ikonischen Werke, etwa die Aufnahme (Titelbild) der deutschen Models in Santiago de Chile aus dem Jahr 1963, erkennt man seine Meisterschaft: Es ist ein Massenauflauf der Neugier, eine Begegnung zwischen der Eleganz der alten Welt und der dynamischen Realität Südamerikas. Gundlach fing hier nicht nur Stoffe ein, sondern den Moment, in dem Mode zum öffentlichen Ereignis wird. Ebenso legendär ist sein Porträt von Uschi Obermaier in Hamburg 1970.

Uschi Obermaier, Hamburg 1970

In ihrem Blick und ihrer Haltung manifestiert sich der Umbruch einer ganzen Generation – weg von der steifen Etikette, hin zur Freiheit der 68er.

Gundlachs Blick war stets präzise, fast architektonisch. Er setzte den Menschen in Bezug zu seiner Umgebung, sei es vor den ägyptischen Pyramiden oder in den kühlen Betonfluchten der Moderne. Für ihn war Fotografie nie isoliert. Der Titel der kommenden großen Ausstellung im Bucerius Kunst Forum, You’ll Never Watch Alone, bringt es auf den Punkt: Fotografie geschieht durch Austausch, durch Allianzen und das Wirken in Netzwerken.

Die Nachricht der Vertragsverlängerung ist ein Meilenstein für die Hamburger Kulturlandschaft. Dr. Carsten Brosda bezeichnet die Erweiterung als einen Gewinn für die Kulturstadt, um die Position des Hauses der Photographie als international führendes Zentrum zu stärken. Bis 2028 wird die südliche Deichtorhalle umfassend saniert. Wenn sie ihre Pforten wieder öffnet, wird die Sammlung F.C. Gundlach einen völlig neuen Raum erhalten.

Im ersten Obergeschoss entsteht ein Bereich, der die Grenzen zwischen Archiv, Forschung und Erlebnis auflöst. 200 Quadratmeter zusätzliche Ausstellungsfläche, ein Schaudepot und die über 10.000 Bände umfassende Sammlerbibliothek werden dort ein neues Zuhause finden. Es ist die Erfüllung eines visionären Traums: Die Sammlung wird zur lebendigen Ressource für die 200-jährige Geschichte der Fotografie und gleichzeitig zum Labor für die Zukunft des Mediums. Künftig werden neben dem zentralen Thema Das Bild des Menschen auch Schwerpunkte wie abstrakte, subjektive sowie Landschafts- und Objektfotografie dauerhaft präsent sein.

Die Triennale als Fest des Sehens

Während die Deichtorhallen aber aktuell noch saniert werden, feiert die Stadt das Medium Fotografie bereits jetzt im Rahmen der 9. Triennale der Photographie. Diese von Gundlach einst initiierte Großveranstaltung macht die Stadt im Sommer 2026 zum Schauplatz für elf Ausstellungen. Das Bucerius Kunst Forum widmet sich dabei Gundlachs Rolle als unermüdlicher Förderer und Sammler. In der Ausstellung werden neben seinen eigenen Ikonen auch Werke von Weggefährt*innen wie Ute Mahler gezeigt, deren Bild Zwei Models im Kreuzgang von 1989 die melancholische Strenge und grafische Kraft illustriert, die Gundlach in der Fotografie so schätzte.

Ute Mahler – Zwei Models im Kreuzgang, 1989 (Fotorechte: Ute Mahler)

Es ist diese Kombination aus dem eigenen Schaffen und dem Blick für die Qualität anderer, die Gundlach so einzigartig machte. Er sammelte nicht für den Tresor, sondern für die Erkenntnis.

F.C. Gundlach hat uns gelehrt, dass ein Foto nie nur ein Abbild der Realität ist, sondern immer auch eine Konstruktion von Wahrheit, Sehnsucht und Zeitgeist. Sein Erbe in Hamburg ist kein staubiges Denkmal, sondern eine Aufforderung zum genauen Hinsehen. Mit der nun gesicherten Zukunft seiner Sammlung in den Deichtorhallen bleibt Hamburg ein Ort, an dem die Fotografie atmen, sich verwandeln und uns immer wieder neu befragen kann. Ein würdigeres Geschenk hätte man dem großen Visionär zu seinem 100. Geburtstag kaum machen können.

Die Ausstellung: F.C. Gundlach. You’ll Never Watch Alone | Laufzeit 8. Mai bis 16. August 2026

Bucerius Kunst Forum | Alter Wall 12, 20457 Hamburg | www.buceriuskunstforum.de

Die Sammlung F.C. Gundlach wird ab der Wiedereröffnung des sanierten Hauses der Photographie in den Deichtorhallen (voraussichtlich 2028) dauerhaft in neuen Räumlichkeiten präsentiert. Aktuelle Informationen zu den Baufortschritten und Interims-Projekten finden Sie unter www.deichtorhallen.de.

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Wo der Code die Kunst trifft https://www.tiefgang.net/wo-der-code-die-kunst-trifft/ Tue, 21 Apr 2026 14:02:24 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13666 [...]]]> Wer macht eigentlich die Musik? Hinter jedem Song, der uns durch den Tag begleitet, und jedem Festival, das uns zum Tanzen bringt, steht ein komplexes Räderwerk.

Das Deutsche Musikinformationszentrum (MIZ) hat nun ein neues Online-Portal geschaffen, das Licht in das Dickicht aus Rechten, Verlagen und digitalen Transformationen bringt. Es ist eine Einladung an alle Musikfreund*innen, den Blick hinter die Bühne zu wagen.

Wenn wir heute von Musik sprechen, sprechen wir oft von Streaming-Zahlen oder Ticketpreisen. Doch wie diese Welten zusammenhängen, blieb für viele bisher ein gut gehütetes Geheimnis der Branche. Mit dem neuen Fokus-Portal zur Musikwirtschaft bricht das MIZ diese Mauern auf. Es ist kein trockenes Datenarchiv, sondern ein lebendiger Wegweiser durch ein Ökosystem, das sich im ständigen Wandel befindet.

Ein Kompass für die Ära der Digitalisierung

Das Portal gliedert das Wissen in mehrere zentrale Teilbereiche, die unser musikalisches Erleben prägen:

Kreative & Urheberrecht: Erfahren Sie, wie Komponist*innen und Textdichter*innen in einer Welt der Algorithmen überhaupt noch wirtschaftlich beteiligt werden.

Live Entertainment: Ein tiefer Einblick in den Konzertmarkt, der heute als wichtigster Motor der Branche gilt und enorme Strahlkraft auf Tourismus und Gastronomie ausstrahlt.

Recorded Music: Von der Vinyl-Renaissance bis zum alles beherrschenden Audio-Streaming – hier werden die technologischen Umbrüche greifbar.

Musikverlage & Verwertungsgesellschaften: Wer schützt die Rechte? Das Portal erklärt die oft unsichtbare Arbeit von Institutionen wie der GEMA oder der GVL.

Instrumentenbau & Fachhandel: Ein Blick auf das traditionelle Handwerk, das heute zwischen globalem Wettbewerb und digitalem Fortschritt steht.

Was das Portal so wertvoll macht, ist die Verbindung von harten Fakten und anschaulicher Aufbereitung. Ob es um die Frage geht, wie hoch die Frauenanteile in Berufsorchestern sind, oder wie viele Millionen Titel täglich auf Streaming-Plattformen hochgeladen werden – das MIZ liefert die Antworten. Es bietet Orientierung über Fördermöglichkeiten, Stipendien und Fachveranstaltungen. Damit wird es zur unverzichtbaren Ressource für alle, die nicht nur Musik hören, sondern das „System Musik“ verstehen wollen.

Um den eigentlichen Wert dieses Werkzeugs zu verstehen, lohnt sich ein vertiefter Blick in drei Bereiche, in denen die Musikwirtschaft gerade eine tektonische Verschiebung erlebt. Wo die Musik der Zukunft entsteht: Das Streaming-Dilemma. Denn wer profitiert vom Klick?

Die Musikwirtschaft meldet Rekordumsätze, doch bei den einzelnen Musiker*innen kommt davon oft nur ein Bruchteil an. Das MIZ-Portal bündelt hierzu das notwendige Faktenwissen, um die Debatte um „User-Centric Payment“ zu verstehen. Während das aktuelle „Pro-Rata-Modell“ die Einnahmen in einen großen Topf wirft und nach Marktanteilen verteilt, zeigt das Portal Alternativen auf, wie die monatliche Abo-Gebühr direkter bei den tatsächlich gehörten Künstler*innen landen könnte.

Oder das Thema der GEMA und ihre oft unverständlichen Strukturen: Hinter dem oft als trocken empfundenen Begriff der „Verwertungsgesellschaft“ verbirgt sich das Immunsystem der Kulturlandschaft. Das Portal macht transparent, wie Institutionen wie die GEMA oder die GVL sicherstellen, dass Urheber*innen auch in einer grenzenlosen digitalen Welt entlohnt werden. Es verfolgt den Weg eines Euros vom Ticketkauf bis zum Notenblatt und erklärt, warum diese kollektive Rechtewahrnehmung gerade für Nischengenres und den musikalischen Mittelstand die einzige Überlebensgarantie gegen die Übermacht globaler Tech-Giganten ist.

Ebenso findet sich einiges zum Thema Musik & KI, der nächsten industriellen Revolution: Wir stehen an der Schwelle, an der Künstliche Intelligenz nicht mehr nur Werkzeug, sondern Miturheberin wird. Das MIZ-Portal dient hier als Radar für die rechtlichen und wirtschaftlichen Fragestellungen von morgen. Wem gehört ein Song, der auf Knopfdruck im Stil eines verstorbenen Weltstars generiert wurde? Wie schützen wir die menschliche Kreativität vor der algorithmischen Flut? Das Portal bündelt aktuelle Stellungnahmen und Expertisen zu Urheberrechtsschutz und Kennzeichnungspflichten und wird so zur unverzichtbaren Orientierungshilfe in einer Ära, in der die Grenze zwischen Mensch und Maschine verschwimmt.

Die Musikwirtschaft ist einer der Treibstoffe unserer Kultur. Das neue Portal des MIZ zeigt uns, dass Innovation und Tradition keine Gegensätze sein müssen. Es lädt uns ein, die Musik nicht nur als flüchtiges Geräusch, sondern als wertvolles Kultur- und Wirtschaftsgut zu begreifen.

Wollten Sie schon immer wissen, wie das „Income Tracking“ bei einem Musikverlag funktioniert oder wie sich die Honorare von Berufsmusiker*innen zusammensetzen? Dieses Portal hat das Zeug dazu der neue digitale Lieblingsort zu werden.

Das Portal: miz.org/de/themen/musikwirtschaft

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Durch Kultur die Welt neu erfunden https://www.tiefgang.net/durch-kultur-die-welt-neu-erfunden/ Fri, 17 Apr 2026 10:15:38 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13642 [...]]]> Stellen Sie sich vor, es ist das Jahr 1951. Deutschland liegt moralisch und physisch in Trümmern, das Vertrauen der Welt ist verspielt. In dieser frostigen Atmosphäre der Nachkriegszeit entsteht eine Institution, die heute, 75 Jahre später, als der wohl wichtigste Seismograph deutscher Identität im Ausland gilt. Das Goethe-Institut.

Jetzt feiert es Jubiläum, und wer genau hinschaut, erkennt: Hier wurde nicht nur Sprache vermittelt, sondern ein ganzes Land Stück für Stück neu erfunden. Vom steifen Kulturexport der Anfangstage bis zum mutigen Netzwerk für Freiheit und Nachhaltigkeit heute ist es eine Reise, die uns viel über unsere eigene Wandlungsfähigkeit verrät.

In den frühen Jahren ging es vor allem darum, ein anderes Deutschland zu zeigen. Man schickte Musiker*innen und Dichter*innen in die Welt, um den tiefen Schatten der Vergangenheit mit Hochkultur zu vertreiben. Doch das Institut blieb nicht in der musealen Pflege stecken. Mit den 1970er Jahren und den weltweiten Studierendenbewegungen wurde es politischer, kritischer und vor allem dialogorientierter. Es ging nicht mehr nur darum, was wir der Welt zu sagen hatten, sondern was wir von ihr lernen konnten. Der Fall des Eisernen Vorhangs 1989 öffnete Türen im Osten, die heute, in Zeiten neuer geopolitischer Spannungen, wichtiger sind denn je. In 75 Jahren hat sich das Goethe-Institut vom reinen Sprachlehrer zum globalen Moderator entwickelt, der dort Räume öffnet, wo sie anderswo oft geschlossen werden.

Ein besonders faszinierendes Beispiel für diese Neuerfindung ist der aktuelle Neubau in Dakar. Wer die Entwürfe des Pritzker-Preisträgers Francis Kéré sieht, spürt sofort eine neue Energie. Diese Architektur aus nachhaltigen Lehmziegeln ist ein klares Statement: Hier wird nicht einfach ein deutsches Gebäude in den Senegal gesetzt. Hier verschmelzen lokale Bautraditionen mit internationalem Anspruch. Es ist ein Ort der Begegnung, der Öffentlichkeit und Partizipation zusammendenkt.

Doch man darf dabei ruhig einen zweiten, neugierigen Blick riskieren. Es ist kein Geheimnis, dass ein solcher Standort in Westafrika auch als politisches Rahmenprogramm neuer Wirtschaftsbeziehungen fungiert. In den aktuellen Verlautbarungen fällt ganz offen der Begriff der Fachkräftemigration. Das Goethe-Institut agiert hier als Scharnier: Es bereitet Menschen sprachlich und kulturell auf einen Weg nach Deutschland vor, während es gleichzeitig die lokale Kulturszene stärkt. Das wirft spannende Fragen auf: Ist das noch reine Kulturarbeit oder bereits eine moderne Form der Soft Power, die wirtschaftliche Interessen mit kultureller Augenhöhe verknüpft? Es ist ein mutiger Spagat zwischen Idealismus und den Realitäten einer globalisierten Arbeitswelt.

Ein Jubiläum als Seismograph der Freiheit

Das Motto Wir in der Welt zieht sich wie ein roter Faden durch das Jubiläumsjahr 2026. Es geht dabei nicht um Selbstbeweihräucherung, sondern um das Sichtbarmachen von Verbindungen. Das Programm ist so vielfältig wie das Netzwerk selbst: In Berlin wird die Internationale Bibliothek der Dinge eröffnet, die 75 Gegenstände aus 62 Ländern zeigt – ein globales Schaufenster gelebter Nachhaltigkeit. Es gibt Literaturgespräche unter dem Titel Goethes Diwan und einen exklusiven Abend mit der Choreografin Sasha Waltz.

Was all diese Veranstaltungen eint, ist der Fokus auf die Freiheit. Die Präsidentin Gesche Joost betont es immer wieder: In Zeiten, in denen demokratische Institutionen weltweit unter Druck geraten, ist das Institut ein unverzichtbarer Rückzugsort für den freien Diskurs. Ob es um die Internationale Deutscholympiade in Mannheim geht oder um Projekte zur Dekolonisierung – das Goethe-Institut nutzt sein Jubiläum, um seine Rolle als Verteidiger offener Gesellschaften zu untermauern.

Wenn wir also fragen, wie sich Deutschland durch das Goethe-Institut neu erfunden hat, lautet die Antwort: Wir sind neugieriger und vielleicht auch ein Stück demütiger geworden. Das Institut hat uns beigebracht, dass Kultur kein Einbahnstraßensystem ist. Es hat uns geholfen, von der Last der Geschichte zu einer Verantwortung für die globale Zukunft zu finden. Ob in Dakar, Tokyo oder direkt vor unserer Haustür in Berlin – die nächsten 75 Jahre werden zeigen, wie stabil diese Brücken wirklich sind. Eines ist sicher: Die Begeisterung für den Austausch ist der Motor, der uns weiterhin mit der Welt verbindet.

Das Jubliäumsprogramm: Ein Roadtrip durch die globale Seele des Goethe-Jubiläums

Keine angestaubten Festschriften und steifen Empfänge: Wenn das Goethe-Institut seinen 75. Geburtstag feiert, dann fühlt sich das eher nach einem elektrisierenden Roadtrip durch die Kulturen an als nach einem klassischen Staatsakt. Das Programm für 2026 ist ein echtes Feuerwerk für alle, die wissen wollen, wie die Welt heute eigentlich tickt. Es ist laut, es ist bunt und es stellt genau die Fragen, die wir uns viel öfter stellen sollten. Hier sind die Highlights, die man diesen Sommer auf dem Schirm haben muss.

Die Internationale Bibliothek der Dinge

Los geht es am 29. April in der Berliner Heinrich-Böll-Bibliothek. Aber erwartet keine staubigen Regale. Die Internationale Bibliothek der Dinge präsentiert 75 einzigartige Gegenstände aus 62 Ländern. Jedes dieser Objekte erzählt eine ganz eigene Geschichte über Nachhaltigkeit und das tägliche Leben zwischen Rio und Rangun. Es ist faszinierend zu sehen, wie ein einfacher Gebrauchsgegenstand zum Botschafter einer ganzen Kultur werden kann. Ein globales Schaufenster, das uns zeigt: Wir teilen auf diesem Planeten oft dieselben Probleme, aber wir finden herrlich unterschiedliche Lösungen dafür.

Wenn Worte wandern: Goethes Diwan

Im Mai und Juni wird es intellektuell, aber ohne den erhobenen Zeigefinger. Die Reihe Goethes Diwan bringt literarische Schwergewichte wie Nino Haratischwili und Judith Schalansky mit ihren internationalen Übersetzer*innen zusammen. In Städten wie Leipzig, Hamburg und Berlin geht es um mehr als nur um korrekte Vokabeln. Es geht um das Wandern von Gedanken über Sprachgrenzen hinweg. Wer schon einmal versucht hat, ein Gefühl in eine andere Sprache zu retten, weiß, welche Magie in diesem Prozess steckt. Diese Abende sind eine Liebeserklärung an die Zwischentöne und die Kunst des Verstehens.

In den hiesigen Literaturhäusern wird dann nicht nur gelesen, sondern leidenschaftlich über die Kraft der Übersetzung debattiert.

Es ist eine faszinierende Konstellation: Mit Nino Haratischwili und Judith Schalansky kommen zwei der prägendsten Stimmen der Gegenwartsliteratur nach Hamburg. Doch der Clou ist ein anderer: Sie bringen ihre Übersetzer*innen mit auf das Podium. Das ist so mutig wie notwendig, denn wer versteht die Seele eines Textes besser als diejenigen, die jedes Wort, jede Nuance in eine andere Sprache retten müssen?

In einer Zeit, in der die Welt oft in schwarz-weiß-Mustern denkt, setzt dieser Dialog ein wichtiges Zeichen. Es geht um die Wanderung von Gedanken über Grenzen hinweg. Die Kooperation zwischen dem Goethe-Institut und unseren lokalen Literaturhäusern zeigt dabei einmal mehr, wie eng Hamburg mit dem globalen Kulturnetz verflochten ist. Das ist Kulturpolitik auf Augenhöhe – nahbar, lebendig und ohne Berührungsängste.

Die Perspektive ist dabei konsequent neugierig. Wir fragen nicht nur, was ein Text bedeutet, sondern wie er in einer völlig anderen Kultur ankommt. Was bleibt von Schalanskys Naturbeobachtungen oder Haratischwilis monumentalen Familiengeschichten übrig, wenn sie in fremden Ohren klingen? Es ist ein Fest für alle Sprachakrobat*innen und Literaturbegeisterten, die wissen, dass ein gutes Buch immer erst der Anfang eines Gesprächs ist.

Rhythmus und Rebellion: Von AMAN, AMAN! bis Sasha Waltz

Mitte Juni verwandelt sich das Berliner SİNEMA TRANSTOPIA in einen Schmelztiegel für den östlichen Mittelmeerraum. Das Festival AMAN, AMAN! serviert drei Tage lang eine wilde Mischung aus Konzerten, Listening Sessions und kulinarischen Interventionen. Es ist genau diese Art von Nahbarkeit, die das Goethe-Institut heute ausmacht: Kultur geht durch den Magen, durch die Ohren und direkt in die Beine.

Apropos Beine: Der 26. Juni markiert einen echten Gänsehaut-Moment. Die weltberühmte Choreografin Sasha Waltz konzipiert mit ihrer Compagnie einen speziellen Dialoge-Abend im Haus der Berliner Festspiele. Eine tänzerische Hommage an 75 Jahre kulturelle Zusammenarbeit. Wer die Kraft und Präzision von Sasha Waltz & Guests kennt, weiß, dass dies kein gewöhnlicher Auftritt wird, sondern eine visuelle Eruption, die zeigt, wie Körper Geschichten ohne ein einziges Wort erzählen können.

Sprache als Sport: Die Internationale Deutscholympiade

Dass Deutschlernen alles andere als trocken sein kann, beweist im Juli die Internationale Deutscholympiade (IDO) in Mannheim. Junge Menschen aus rund 60 Ländern treten hier an. Aber hier geht es nicht um Grammatik-Pauken bis zum Umfallen, sondern um Begegnung. Wenn Jugendliche aus der ganzen Welt in Mannheim zusammenkommen, um gemeinsam an ihrer Zukunft zu basteln, dann spürt man die verbindende Kraft von Sprache am deutlichsten. Es ist ein lebendiges Labor für Vielfalt und ein Beweis dafür, dass Neugier die beste Motivationssprache ist.

Ob beim Tanz in Berlin, bei den Geschichten in der Bibliothek oder beim Mitfiebern in Mannheim – das Goethe-Institut beweist, dass es mit 75 Jahren mitten im Hier und Jetzt steht. Eine Feier der Perspektiven, die uns daran erinnert, dass der Dialog das wichtigste Fundament unserer Gesellschaft bleibt.

Weitere Informationen unter www.goethe.de

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Die ‚Weltmeisterschaft der Computermusik‘ https://www.tiefgang.net/die-weltmeisterschaft-der-computermusik/ Sat, 04 Apr 2026 22:50:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13565 [...]]]> Im Mai kann man erleben, wie Algorithmen tanzen lernen und der Hamburger Süden zum globalen Epizentrum einer Kunstform wird, die Mensch und Maschine auf faszinierende Weise vereint.

Wenn im kommenden Monat internationale Koryphäen der Computermusik von Boston und Shanghai nach Harburg pilgern, verwandelt sich der Binnenhafen in ein digitales Labor. Denn die ICMC (International Computer Music Conference) ist die weltweit bedeutendste Konferenz für Computermusik, findet seit über 50 Jahren statt und kommt dieses Jahr in den Süden Hamburgs.

Wer in diesen Tagen über die Brücken des Harburger Binnenhafens spaziert, spürt schon eine eigentümliche Elektrizität in der Luft. Dort, wo normalerweise rauer Industrie-Charme auf hanseatische Gelassenheit trifft, landet im Mai 2026 ein internationales Schwergewicht. Die ICMC, das weltweit bedeutendste Treffen für die Schnittstelle von Klang und Code, schlägt ihre Zelte südlich der Elbe auf.

Man muss sich das Ausmaß kurz vor Augen führen: In den vergangenen Jahrzehnten residierte diese Konferenz – die man getrost als „Weltmeisterschaft der Computermusik“ bezeichnen kann – in Metropolen wie Boston, Shanghai, Berlin oder Daegu. Dass sie nun in Harburg Station macht, gleicht der Landung eines hochmodernen UFOs inmitten historischer Backsteinspeicher. Plötzlich mischen sich unter die Pendler*innen am Bahnhof internationale Gäste aus aller Welt: Koryphäen der algorithmischen Komposition und Wissenschaftler*innen, die über die Zukunft der künstlichen Intelligenz in der Kunst debattieren.

„Harburg wird im kommenden Mai zu einem internationalen Hub für Musiker*innen, Wissenschaftler*innen und Interessierte“, heißt es in der Mitteilung der Organisator*innen – und wer dann erste Klanginstallationen schon zwischen den Gleisen des Harburger Bahnhofs hört, wird ahnen, dass dies keine Übertreibung ist.

Was ist eigentlich Computermusik?

Doch was verbirgt sich eigentlich hinter diesem sperrigen Begriff? Wer bei Computermusik nur an stumpfe Techno-Beats oder piepsende Gameboys denkt, greift zu kurz. Die ICMC 2026 widmet sich der hohen Kunst der Verschmelzung von Mensch und Maschine. Es geht um Musik, die ohne den digitalen Rechenprozess nicht denkbar wäre – aber dennoch tief emotionale und physische Erfahrungen ermöglicht.

Unter dem Motto „Innovation, Translation, Participation“ wird die Grenze zwischen Bühne und Publikum aufgelöst. Es geht um Instrumente, die allein durch Handbewegungen in der Luft klingen (wie das legendäre Theremin), um VR-Brillen, die uns in begehbare Klangwelten entführen, und um Algorithmen, die in Echtzeit auf die Impulse von Musiker*innen reagieren. Der künstlerische Leiter, Prof. Dr. Georg Hajdu, betont das Ziel dieser Reise: „Die ICMC soll nicht im Elfenbeinturm stattfinden, sondern die große Öffentlichkeit in die neuesten Entwicklungen in der Computermusik einbeziehen.“ Es ist also auch ein Einladungsschreiben an alle Neugierigen, die wissen wollen, wie die Welt von morgen klingt, wenn wir den Computer als Partner im kreativen Prozess begreifen.

Das Labor am Kai: Das Ligeti Zentrum

Dass die Weltelite der Computermusik nun hier zusammenkommt, ist kein Zufall – und doch fühlt es sich wie ein glücklicher Geniestreich der Stadtplanung an. Der Dreh- und Angelpunkt ist das Ligeti Zentrum, ein interdisziplinäres Laboratorium, das erst vor wenigen Jahren im Veritasspeicher des Harburger Binnenhafens seine Zelte aufgeschlagen hat. In den obersten Etagen, mit bestem Blick über den Hafen bis hin zur Elbphilharmonie, wird hier seitdem an neuen Ideen gefeilt.

Der Namensgeber György Ligeti, einer der bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts und langjähriger Professor an der Hamburger Musikhochschule, war ein Visionär. Seine Musik – weltbekannt durch Stanley Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum – suchte stets nach dem technisch Machbaren. Dieser Geist lebt nun in Harburg weiter. Die Ansiedlung des Zentrums war ein strategischer Glücksfall: Es fungiert als Brücke zwischen der Technischen Universität Hamburg (TUHH) und der Hochschule für Musik und Theater (HfMT). Gemeinsam mit dem Universitätsklinikum Eppendorf  (UKE ) und der Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW) ist hier ein Kraftzentrum entstanden, das Technik nicht ohne Kunst denkt.

„Das Ligeti Zentrum ist ein Ort, an dem die Grenzen zwischen den Disziplinen schmelzen“, beschreibt das Team die Mission auf der Webseite.

Das Programm der Kontraste:

Den feierlichen Auftakt macht am So., 10. Mai 2026 um 19.30 Uhr die Elbphilharmonie (Platz der Deutschen Einheit 4). Im Kleinen Saal zeigt das renommierte Ensemble Resonanz, wie digitale Präzision auf die Wärme von Streichinstrumenten trifft. Das Programm reicht von Alexander Schuberts choreographierter Komposition Scanners bis hin zu Clarence Barlows Klassiker Im Januar am Nil.

Doch nach dem glitzernden Start wendet das digitale UFO über der Elbe und nimmt Kurs auf Harburg. Während die Fachwelt in der Friedrich-Ebert-Halle (Alter Postweg 34) und der TUHH tagt, wird die Hölertwiete (Fußgängerzone, 21073 Hamburg) zum lebendigen Festivalzentrum der Off-ICMC. Hier sickert die Musik förmlich in die Straßen ein.

Highlights zum Miterleben

Das Begleitprogramm macht die digitale Kunst nahbar. Hier eine Auswahl für den Terminkalender:

  • So., 10. bis 27. Mai, Kunstverein Harburger Bahnhof (Hannoversche Str. 85): Die Ausstellung Transition | Tension | Potential verwandelt den Übergang zwischen Gleis 3 und 4 in einen Kunstraum.
  • Di., 12. Mai, 19.30 Uhr, Kultur Palast Harburg (Rieckhoffstraße 12): Beim Science-Slam Strg+Alt+Musik präsentieren Forscher*innen ihre Arbeit kurzweilig und mit Tempo.
  • Mi., 13. Mai, 12 bis 14 Uhr: Ein spezieller Proben- und Konzertbesuch für Familien erlaubt exklusive Einblicke hinter die Kulissen.
  • Mi., 13. Mai, 19.30 Uhr, Stellwerk Hamburg (Hannoversche Straße 85): Der Kontrabassist Florentin Ginot zeigt seine audiovisuelle Performance Disturbance.
  • Do., 14. Mai, 16 Uhr, TUHH (Am Irrgarten 3-9): Robert Cole Rizzi lädt zum Klangspaziergang Die Kunst des Zuhörens ein.
  • Do., 14. Mai, 18 Uhr, Hölertwiete: Das Körperfunkkollektiv verwandelt die Fußgängerzone mit dem Radioballett Fragment in eine interaktive Tanzzone.
  • Do., 14. Mai, 19 Uhr, ehemaliges Karstadt-Gebäude (Herbert-und-Greta-Wehner-Platz): Internationale Kreative Film- & Medien-Highlights beleuchten die Leinwandkunst.
  • Fr., 15. Mai, 19.30 Uhr, Ligeti Zentrum (Veritakskai 1): Die experimentelle Lesung Harburg. Das Buch verwebt Texte von Bärbel Wegner mit Klängen von Clara Nebel.
  • Fr., 15. Mai, ab 18.30 Uhr, Soundbar (Hölertwiete): Drinks und Jam-Sessions unter dem Motto Sono, ergo sum.
  • Sa., 16. Mai, 22 Uhr, Stellwerk (im BHf. HH-Harburg, Hannoversche Str. 85): Die ICMC Closing Night lässt die internationale Woche mit elektronischen Live-Sets ausklingen.

Harburg wird im Mai mal wieder beweisen, dass es weit mehr ist als ein Industriestandort. Es ist der Ort, an dem die Zukunft der Musik programmiert wird. Wer neugierig ist, wie die Welt von morgen klingt, sollte den Sprung über die Elbe nun auch ins Digitale wagen.

Alle Informationen und das vollständige Programm finden Sie unter: icmc2026.ligeti-zentrum.de

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Dance everybody! https://www.tiefgang.net/dance-everybody/ Sun, 08 Mar 2026 23:30:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13447 [...]]]> Im Juni 2026 wird die erste Tanztriennale die Hansestadt starten. Dann wird es um weit mehr als um ästhetische Pirouetten oder akrobatische Sprünge gehen sondern auch um eine soziale Kraft, die unsere Stadt transformieren kann.

Unter dem elektrisierenden Motto „Brave Moves. Courageous Joy“ wird Hamburg vom 14. bis 21. Juni zum Epizentrum einer Kunstform, die in den Hamburger Alltag drängt: mitten ins Leben, mitten auf die Straße und tief in die Herzen.

Es ist ein kulturpolitisches Highlight, dass Hamburg den Zuschlag für dieses neue Leuchtturmprojekt erhalten hat. Gefördert mit stolzen 950.000 Euro durch die Kulturstiftung des Bundes und weiteren 600.000 Euro durch die Stadt, entsteht hier ein Bündnis, das es so noch nicht gegeben hat. Das Hamburg Ballett, die Kampnagel Internationale Kulturfabrik und das K3 – Zentrum für Choreographie rücken zusammen. Für Amelie Deuflhard, die Intendantin von Kampnagel, setzt diese intensive Zusammenarbeit Maßstäbe und sendet ein wichtiges Signal für die verbindende Kraft des Tanzes über alle kulturellen, sozialen und generationellen Grenzen hinweg.

Das Programm, das nun vorgestellt wurde, verspricht eine wilde Mischung. Hier trifft klassisches Ballett auf Urban Dance, zeitgenössische Ästhetik auf Krump. Es ist diese bewusste Öffnung der Genres, die den Reiz ausmacht. Wenn eine Hip-Hop-Tänzerin selbstverständlich neben dem Balletttänzer auf der Bühne steht, entstehen daraus neue künstlerische Qualitäten und Zugänge für das Publikum, wie Katarzyna Wielga-Skolimowska von der Kulturstiftung des Bundes es visionär beschreibt.

Besonders spannend für alle Klassik-Fans: Das Hamburg Ballett steuert mit Alexei Ratmanskys „Wunderland“ eine Weltpremiere bei. Doch die Tanztriennale will mehr als nur glanzvolle Abende im Opernhaus. Sie will in den öffentlichen Raum, will den Diskurs und vor allem: sie will uns alle zum Mitmachen bewegen. Tanz gehört allen – jedem Körper, jedem Lebenshintergrund und jeder Geschichte, erklären die künstlerischen Co-Leiterinnen Gwen Hsin-Yi Chang und Monica Gillette. Für sie ist klar: Mut ist eine Praxis und Freude eine treibende Kraft. Beides wächst, wenn Menschen gemeinsam tanzen.

Kultursenator Carsten Brosda bringt es auf den Punkt: „Die Tanztriennale macht den Tanz in seinen ganz unterschiedlichen Ausdrucksformen für alle erlebbar – für Profis, für Laien, für Zuschauer und Zuschauerinnen, für Tänzer und Tänzerinnen. Vom Urban Dance über zeitgenössische Ästhetiken bis zum klassischen Ballett öffnet die Tanztriennale die universelle Sprache des Tanzes weit in die Gesellschaft hinein und verbindet Menschen und Tanzstile.“ Denn die Tanztriennale soll eine Einladung an alle Hamburger*innen sein, die Welt durch Bewegung neu zu entdecken.

Man spürt die Begeisterung bei allen Beteiligten, von den Profis bis zu den Institutionen. Nicolas Hartmann vom Hamburg Ballett sieht in der gegenseitigen Öffnung der Genres die wesentliche Zukunft des Tanzes. Und diese Zukunft beginnt im Sommer 2026 in Hamburg.

Der Vorverkauf startet am 20. März – ein Datum, das sich alle Tanzbegeisterten und Neugierigen rot im Kalender markieren sollten. Denn man kann davon ausgehen, dass manche Veranstaltungen schnell ausverkauft sein werden. Wer nämlich wissen will, wie sich mutige Schritte und mutige Freude aktuell anfühlen, wird im Juni an Hamburg nicht vorbeikommen. Das Programm unter: www.tanztriennale.de

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Elfenbeinturm und Barrikade https://www.tiefgang.net/elfenbeinturm-und-barrikade/ Thu, 26 Feb 2026 23:16:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13419 [...]]]> Wenn Hamburg im März zum vierten Mal das Buch aufschlägt, dann gilt die große Aufmerksamkeit einem Mann, der wie kaum ein anderer das literarische Gewissen dieser Stadt verkörpert: Siegfried Lenz.

Zum 100. Geburtstag des Ehrenbürgers heißt es einen Monat lang „Hamburg liest Lenz“ – und das Programm ist so vielseitig und lebendig, wie es sich der Altmeister wohl selbst gewünscht hätte.

Kultursenator Dr. Carsten Brosda würdigt Lenz nicht nur als Geschichtenerzähler, sondern auch als jemanden, der tief in die deutsche Identität blickte. Es ist diese Mischung aus scharfem Blick und einladender Erzählweise, die uns heute noch packt. Dass dieses Festival in Kooperation mit der Siegfried Lenz Stiftung, dem Literaturhaus und den kreativen Köpfen der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) entstanden ist, zeigt, wie tief verwurzelt sein Werk in der hiesigen Kulturlandschaft ist.

Den fulminanten Auftakt feiert Hamburg am 1. März im Rolf-Liebermann-Studio. NDR Kultur lädt zur Matinee, und die Besetzungsliste liest sich wie ein Who-is-Who der deutschen Schauspielriege: Bjarne Mädel, Catrin Striebeck und Stephan Kampwirth werden dort humorvolle Texte von Lenz zum Leben erwecken. Es geht um Töne, Bilder und Musik – eine Hommage, die weit über eine klassische Lesung hinausgeht.

Doch Lenz ist im März 2026 überall. In der Rathausdiele etwa wird am 11. März die Ausstellung „Siehst du es?“ eröffnet, in der Illustrationsstudierende der HAW ihre Graphic Novel zum Leben des Autors präsentieren. Wer es noch etwas politischer mag, sollte sich den 3. März vormerken: In der Staats- und Universitätsbibliothek (SUB) beleuchtet die Ausstellung „Elfenbeinturm und Barrikade“ das spannungsreiche Verhältnis zwischen Politik und Literatur, das Lenz gemeinsam mit seinem Freund Helmut Schmidt so intensiv ausfocht.

Dass Lenz’ Werk keineswegs in den Regalen verstaubt, beweisen Veranstaltungen wie „Lenz ist ein DJ“ am 20. März oder das „Flexible Schmøkern“ im Teehaus am 6. März. Auch literarische Schatzgräber*innen kommen auf ihre Kosten: Am 5. März präsentiert Burghart Klaußner bei Felix Jud Texte aus dem Nachlass unter dem wunderbaren Titel „Am Widerhaken hängt das Glück“.

Es ist diese Begeisterungsfähigkeit für das geschriebene Wort, die durch alle 35 Veranstaltungen weht – von den Stadtrundgängen bis hin zu den Filmvorführungen. Lenz fordert uns heraus, mitzudenken und mitzugestalten. In diesem März haben wir die beste Gelegenheit dazu. Das vollständige Programm ist online unter hamburgliest.de/programm/ zu finden.

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Die Verteidigung der Moderne https://www.tiefgang.net/die-verteidigung-der-moderne/ Sat, 31 Jan 2026 23:53:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13182 [...]]]> Das Bucerius Kunst Forum in Hamburg schickt uns im Jahr 2026 auf eine Reise zu den Pionier*innen der Sichtbarkeit. Mit zwei großen Ausstellungen werden Persönlichkeiten gewürdigt, die nicht nur Kunst gesammelt oder geschaffen, sondern ganze Sehgewohnheiten und gesellschaftliche Diskurse verändert haben.

Es ist ein Jahr der Jubiläen und der notwendigen Erinnerungsarbeit, das uns zeigt, wie eng die Ästhetik mit der Geschichte und dem Mut einzelner Individuen verwoben ist.

F.C. Gundlach neu entdecken

Den Auftakt macht im Mai ein Mann, dessen Name untrennbar mit dem Haus und der Fotokultur der Hansestadt verbunden ist: F.C. Gundlach. Anlässlich seines 100. Geburtstags widmet ihm das Bucerius Kunst Forum im Rahmen der 9. Triennale der Photographie die Schau You’ll Never Watch Alone. Wer hier eine klassische Retrospektive erwartet, wird angenehm überrascht, denn der Fokus liegt auf Gundlach als dem ultimativen Netzwerker.

Fotografie passiert nie isoliert, und genau das macht der Ausstellungstitel deutlich. Gundlach war weit mehr als der Schöpfer ikonischer Modeaufnahmen; er war Lehrer, Galerist, Sammler und ein unermüdlicher Förderer. Die Schau zeigt neben den berühmten Covermotiven auch bisher unveröffentlichte Schwarzweiß- und Farbaufnahmen sowie Werke seiner Vorbilder und Weggefährt*innen. Es geht um die Allianzen, die er von Paris bis Tokio knüpfte, und um seine radikale Offenheit für neue Talente und technische Experimente. Die Stiftung F.C. Gundlach fungiert dabei als Leihgeberin dieser besonderen Sicht auf ein Lebenswerk, das unser heutiges Bildverständnis maßgeblich geprägt hat.

Das Vermächtnis jüdischer Sammler*innen

Im September wechselt die Perspektive von der Kamera zum privaten Blick der Sammlerinnen. Die Ausstellung Von Cézanne bis Kirchner rückt die entscheidende Rolle jüdischer Bürger*innen in den Mittelpunkt, die um die Jahrhundertwende gegen den konservativen Akademiekanon des Kaiserreichs aufbegehrten. Während die offizielle Kunstpolitik noch im Gestern verharrte, zeigten Sammler*innen wie Rosa Schapire oder Max Emden eine beeindruckende Bereitschaft, die Moderne zu verteidigen und zu fördern.

Fünfzehn bedeutende Sammlungen werden für dieses Projekt exemplarisch rekonstruiert. Rund 100 Meisterwerke von Paul Cézanne über Ernst Ludwig Kirchner bis zu Paula Modersohn-Becker werden dafür aus der ganzen Welt wieder in Hamburg zusammengeführt. Doch die Schau ist mehr als ein kunsthistorisches Fest; sie ist eine tiefgreifende kunstsoziologische Analyse und eine Verbeugung vor Menschen, deren Leben und Sammlungen durch den Nationalsozialismus zerschlagen wurden.

Jedem der fünfzehn Sammler*innenpaare oder Einzelpersonen ist ein eigener Raum gewidmet, der nicht nur die Kunstwerke, sondern auch die individuellen Schicksale von Ausgrenzung, Vertreibung und Ermordung dokumentiert. Es wird aufgezeigt, wie Netzwerke aus Museen und Händler*innen an der Enteignung beteiligt waren und wie die Werke nach 1945 oft unter Verschleierung ihrer Herkunft weltweit verstreut wurden. Diese Ausstellung, die unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten steht, leistet einen wesentlichen Beitrag dazu, diese wegbereitenden Persönlichkeiten und ihre kulturelle Leistung wieder fest im gesellschaftlichen Bewusstsein zu verankern.

Das Ausstellungsjahr 2026 im Überblick

  • F.C. Gundlach. You’ll Never Watch Alone 8. Mai bis 16. August 2026 (i.R.d. 9. Triennale der Photographie Hamburg 2026)
  • Von Cézanne bis Kirchner. Jüdische Kunstsammler*innen der Moderne in Deutschland 11. September 2026 bis 28. März 2027 (Kuratierung: Stefan Koldehoff und Dr. Kathrin Baumstark)

Bucerius Kunst Forum | Alter Wall 12 | 20457 Hamburg | Telefon: 040 – 36 09 96 78 |www.buceriuskunstforum.de

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Überlebensarbeit für die Demokratie https://www.tiefgang.net/ueberlebensarbeit-fuer-die-demokratie/ Wed, 28 Jan 2026 23:59:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13173 [...]]]> 2024 brachte die Hamburger Stadtteilkultur eine zentrale Erkenntnis hervor: es braucht neue zentrale Kapazitäten, um ihre Zukunft aktiv zu gestalten. Nach einem Jahr nun einer erste Zwischenbilanz …

Hamburg ist stolz auf seine Elbphilharmonie, seine großen Museen und die glitzernde Meile. Doch das wahre Herz der Stadt schlägt oft im Verborgenen – in den Nachbarschaftstreffs, den kleinen Bühnen und den soziokulturellen Zentren der Stadtteile. Genau hier setzt die „Zukunftsinitiative Stadtteilkultur“ (ZI) an. Ein Jahr nach dem Start ziehen STADTKULTUR HAMBURG und die Kulturbehörde Bilanz. Und die zeigt: Kulturarbeit ist heute weit mehr als nur Unterhaltung – sie ist harte Überlebensarbeit für die Demokratie.

Die Zukunftsinitiative ist kein Zufallsprodukt. Sie entstand aus einer dringenden Notwendigkeit heraus, die sich besonders während der Pandemie und der darauffolgenden Energiekrise verschärft hatte. Jahrelang hangelte sich die Hamburger Stadtteilkultur von einer Projektförderung zur nächsten. „Wir haben uns buchstäblich von Antrag zu Antrag überlebt“, erinnert sich eine langjährige Mitarbeiterin eines Stadtteilzentrums im Gespräch.

Die Initiative wurde ins Leben gerufen, um diesen Teufelskreis aus kurzfristigen Geldern und chronischer Unterfinanzierung zu durchbrechen. Angestoßen durch den Dachverband STADTKULTUR HAMBURG in enger Abstimmung mit der Behörde für Kultur und Medien, will die ZI die kulturelle Infrastruktur der Stadt nicht nur erhalten, sondern zukunftsfähig machen. Es geht um die Erkenntnis, dass Kultur vor Ort kein Luxus ist, den man sich leistet, wenn Geld übrig ist, sondern die Basis für den sozialen Frieden in einer wachsenden Metropole.

Die Zukunftsinitiative richtet sich an die gesamte Breite der soziokulturellen Landschaft: von etablierten Häusern wie der Fabrik oder dem Goldbekhaus bis hin zu kleineren, ehrenamtlich getragenen Vereinen in den Randgebieten. Sie will vor allem dort helfen, wo die Ressourcen am knappsten sind. Ihr Ziel ist es, die Arbeitsbedingungen der Kulturakteur*innen massiv zu verbessern. Das bedeutet konkret: die strukturelle Stärkung: Weg von der reinen Event-Förderung, hin zur Sicherung von Personal und Betriebskosten. Dann die Modernisierung: also die Unterstützung bei der digitalen Transformation und energetischen Sanierung der oft historischen Gebäude. Und letztlich die Professionalisierung: Coaching und Beratung für Vereine, um im Paragrafen-Dschungel der Verwaltung zu bestehen.

Die Bilanz des ersten Jahres offenbart die harten Fakten: Der Fachkräftemangel macht auch vor der Kultur nicht halt. Viele Einrichtungen kämpfen damit, qualifiziertes Personal für die komplexen Aufgaben der Stadtteilarbeit zu finden und fair zu bezahlen. Hier setzt die ZI an, indem sie Tarifanpassungen und stabilere Stellenprofile ermöglicht.

Ein weiterer wunder Punkt ist die gesellschaftliche Spaltung. In den Fluren der Behörden ist man sich einig: „Die Stadtteilkultur ist der soziale Kitt unserer Stadt.“ Doch dieser Kitt braucht Pflege. Die Initiative sieht eine enorme Notwendigkeit darin, Räume für den Diskurs zu erhalten – Orte, an denen Menschen mit völlig unterschiedlichen Biografien noch miteinander ins Gespräch kommen.

Wer mit den Macher*innen spricht, spürt eine Mischung aus Erleichterung und Tatendrang. Eine Leiterin eines Zentrums im Hamburger Süden fasste es mir gegenüber so zusammen: „Früher haben wir von Projekt zu Projekt geatmet. Die Zukunftsinitiative gibt uns zum ersten Mal seit Jahren wieder das Gefühl, dass wir nicht nur Löcher stopfen, sondern tatsächlich gestalten können.“

Ein zentraler Punkt der Bilanz ist die Förderung von Partizipation. Kultur soll nicht für die Menschen gemacht werden, sondern mit ihnen. Das Projekt unterstützt gezielt Formate, die Barrieren abbauen. Ob intergenerative Projekte oder Angebote für Menschen mit Migrationsbiografie – die Stadtteilkultur wird durch die ZI diverser und inklusiver.

Doch man darf sich nicht auf den ersten Lorbeeren ausruhen. Die Webseite des Dachverbandes macht klar: Die Herausforderungen bleiben. Die Zukunftsinitiative ist auf Langfristigkeit angelegt. Für 2026 stehen bereits die nächsten Meilensteine fest. Es geht um eine Verstetigung der Mittel und eine noch engere Vernetzung der Akteur*innen.

Die Initiative hat im ersten Jahr bewiesen, dass sie ein lernendes System ist. Man hört auf die Basis, passt Förderrichtlinien an und schafft Räume für Experimente. Das ist genau der Geist, den Hamburg jetzt braucht.

Wenn man die Bilanz liest, wird eines klar: Jeder Euro, der in die Zukunftsinitiative fließt, ist ein Invest in die Widerstandsfähigkeit unserer Stadtgesellschaft. In den Stadtteilzentren wird Integration gelebt, Einsamkeit bekämpft und Diskurs geübt.

Die Zukunftsinitiative Stadtteilkultur ist vielleicht nicht so laut wie eine Opernpremiere, aber sie ist für das tägliche Zusammenleben in Hamburg ungleich wichtiger. Wir werden genau beobachten, wie sich diese Erfolgsgeschichte im nächsten Jahr weiterschreibt.

Weitere Informationen: www.stadtkultur-hh.de/dachverband/zukunftsinitiative

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