Macher – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Fri, 27 Feb 2026 12:20:15 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.3 Elfenbeinturm und Barrikade https://www.tiefgang.net/elfenbeinturm-und-barrikade/ Thu, 26 Feb 2026 23:16:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13419 [...]]]> Wenn Hamburg im März zum vierten Mal das Buch aufschlägt, dann gilt die große Aufmerksamkeit einem Mann, der wie kaum ein anderer das literarische Gewissen dieser Stadt verkörpert: Siegfried Lenz.

Zum 100. Geburtstag des Ehrenbürgers heißt es einen Monat lang „Hamburg liest Lenz“ – und das Programm ist so vielseitig und lebendig, wie es sich der Altmeister wohl selbst gewünscht hätte.

Kultursenator Dr. Carsten Brosda würdigt Lenz nicht nur als Geschichtenerzähler, sondern auch als jemanden, der tief in die deutsche Identität blickte. Es ist diese Mischung aus scharfem Blick und einladender Erzählweise, die uns heute noch packt. Dass dieses Festival in Kooperation mit der Siegfried Lenz Stiftung, dem Literaturhaus und den kreativen Köpfen der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) entstanden ist, zeigt, wie tief verwurzelt sein Werk in der hiesigen Kulturlandschaft ist.

Den fulminanten Auftakt feiert Hamburg am 1. März im Rolf-Liebermann-Studio. NDR Kultur lädt zur Matinee, und die Besetzungsliste liest sich wie ein Who-is-Who der deutschen Schauspielriege: Bjarne Mädel, Catrin Striebeck und Stephan Kampwirth werden dort humorvolle Texte von Lenz zum Leben erwecken. Es geht um Töne, Bilder und Musik – eine Hommage, die weit über eine klassische Lesung hinausgeht.

Doch Lenz ist im März 2026 überall. In der Rathausdiele etwa wird am 11. März die Ausstellung „Siehst du es?“ eröffnet, in der Illustrationsstudierende der HAW ihre Graphic Novel zum Leben des Autors präsentieren. Wer es noch etwas politischer mag, sollte sich den 3. März vormerken: In der Staats- und Universitätsbibliothek (SUB) beleuchtet die Ausstellung „Elfenbeinturm und Barrikade“ das spannungsreiche Verhältnis zwischen Politik und Literatur, das Lenz gemeinsam mit seinem Freund Helmut Schmidt so intensiv ausfocht.

Dass Lenz’ Werk keineswegs in den Regalen verstaubt, beweisen Veranstaltungen wie „Lenz ist ein DJ“ am 20. März oder das „Flexible Schmøkern“ im Teehaus am 6. März. Auch literarische Schatzgräber*innen kommen auf ihre Kosten: Am 5. März präsentiert Burghart Klaußner bei Felix Jud Texte aus dem Nachlass unter dem wunderbaren Titel „Am Widerhaken hängt das Glück“.

Es ist diese Begeisterungsfähigkeit für das geschriebene Wort, die durch alle 35 Veranstaltungen weht – von den Stadtrundgängen bis hin zu den Filmvorführungen. Lenz fordert uns heraus, mitzudenken und mitzugestalten. In diesem März haben wir die beste Gelegenheit dazu. Das vollständige Programm ist online unter hamburgliest.de/programm/ zu finden.

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Der Sound der Vorstadt https://www.tiefgang.net/der-sound-der-vorstadt/ Sun, 25 Jan 2026 08:47:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13161 [...]]]> Die Fabrik verwandlete sich vergangenen Donnerstagabend in das pulsierende Epizentrum der Hamburger Nachtkultur: Es war Zeit für den 15. clubaward, und wer dachte, nach anderthalb Jahrzehnten sei die Luft raus, wurde eines Besseren belehrt.

Über 600 Köpfe aus Kultur, Politik und der Szene feierten eine Branche, die zwischen existenzieller Not und kreativer Ekstase balanciert – und dabei lauter denn je für Vielfalt und Haltung trommelt.

Die vielleicht größte Sensation des Abends kam aber eben nicht von der Reeperbahn, sondern direkt aus dem Hamburger Osten: Bambi Galore, der Metal-Underground-Club in Billstedt, sicherte sich beim öffentlichen Online-Voting den Titel als Lieblingsclub 2025. Ein Triumph der Basis, der zeigt, dass Hamburgs Herz auch weit abseits der touristischen Pfade im Takt harter Riffs schlägt.

Doch auch die Institutionen der Elbe wurden vergoldet. Das Hafenklang feierte einen echten Doppelsieg und räumte sowohl den Preis als Bester Club als auch die Auszeichnung für die Beste Nachwuchsförderung ab. In einem Jahr, das für viele Betreiber*innen wirtschaftlich alles andere als einfach war, ist diese Beständigkeit ein wichtiges Signal für die Livemusik-Stadt.

Senator Dr. Carsten Brosda brachte es auf den Punkt: Hamburgs Clubkultur stehe nicht nur für Leidenschaft, sondern für eine starke gesellschaftliche Haltung. Es geht um Räume ohne Diskriminierung, um Orte demokratischer Praxis, die gerade jetzt geschützt werden müssen.

Besonders emotional wurde es bei der Vergabe der Sonderpreise. Der Ehrenpreis ging an die Journalistin Birgit Reuther, die seit Jahrzehnten mit unermüdlichem Einsatz die Relevanz der Popkultur in den öffentlichen Diskurs rückt. Ein weiteres starkes Zeichen setzte die Auszeichnung für das Frauenmusikzentrum e. V. (fmz). Seit 1987 schafft dieser Ort Räume für FLINTA*-Personen, um sich musikalisch auszuprobieren – ein unverzichtbarer Anker für echtes Empowerment in einer immer noch männlich dominierten Branche.

Auch das Thema Nachhaltigkeit ist längst kein Nischenprodukt mehr. Die Millerntor Gallery sicherte sich den Preis in der Kategorie Zukunft feiern. Dass die gesamte Award-Show selbst auf ein strenges Nachhaltigkeits- und Awareness-Konzept setzte – vom veganen Fingerfood der Hobenköök bis zum Upcycling der Pokale – unterstreicht den Anspruch der Szene, Vorreiterin des Wandels zu sein.

Hinter dem Glitzer der Show steckt eine beeindruckende kollektive Kraftanstrengung. Das solidarische Ticketing-System ClubEuro konnte mit 126.221 Euro eine neue Rekordsumme erzielen. Jeder Euro hilft direkt dabei, die vielfältige Infrastruktur aus Booker*innen, Veranstalter*innen und kleinen Bühnen zu erhalten.

Dass mit dem Turtur in Wilhelmsburg zudem ein Gewinner in der Kategorie Bester neuer Club gekürt werden konnte, zeugt von dem ungebrochenen Mut, auch in schwierigen Zeiten neue Räume für ästhetische Erfahrungen zu öffnen. Zum Abschluss des Abends wurde mit einem speziellen Clubkombinat-Bier der Ratsherrn Brauerei angestoßen – pro Flasche fließen künftig 5 Cent zurück in den Verband.

Hamburg hat an diesem Abend bewiesen: Die Clubszene ist kein reiner Wirtschaftsfaktor, sie ist die Herzkammer unserer Stadtidentität. Wenn Quincy von barner16 und die Punk-Band Shitshow die Fabrik zum Kochen bringen, spürt man, dass die musikalische Zuversicht, von der Anna Lafrentz, 1. Vorsitzende des Clubkombinat Hamburg e. V., sprach, keine leere Phrase ist: „Dass wir auch in diesem Jahr einen Award in der Kategorie „Bester neuer Club“ verleihen konnten, ist daher keine Selbstverständlichkeit und verdeutlicht Mut und Willenskraft der Szene.“

Bambi Galore: Der eiserne Vorposten in Billstedt

Wer den Kiez verlässt und sich Richtung Osten begibt, landet irgendwann im Keller des Kulturpalasts Billstedt. Dort, wo der Beton etwas dicker und die Luft etwas bleihaltiger wirkt, schlägt das Herz des Hamburger Metal-Undergrounds: im Bambi Galore. Dass ausgerechnet dieser Club beim öffentlichen Online-Voting zum Lieblingsclub 2025 gekürt wurde, ist die wohl charmanteste Überraschung des Jahres. Es ist ein Sieg der Community über das Marketing.

Das Bambi ist kein Ort für Chichi. Es ist ein Refugium für jene, die ihre Musik laut, ehrlich und handgemacht brauchen. Hier wird nicht nur Metal konsumiert, hier wird er gelebt. Die Auszeichnung als Lieblingsclub unterstreicht, dass eine treue Fanbasis und eine familiäre Atmosphäre oft schwerer wiegen als eine zentrale Lage oder ein durchgestyltes Interieur. Die Billstedter Bühne hat bewiesen, dass sie ein unverzichtbarer Anker für die Subkultur ist – ein Ort, an dem die Kutte mehr zählt als die Kreditkarte. Der Erfolg beim Publikumsvoting ist ein Ritterschlag für das Team, das beweist, dass Hamburgs Musikszene auch in den Randbezirken eine enorme Strahlkraft besitzt.

Frauenmusikzentrum e. V.: Verstärker gegen die gläserne Decke

Während das Bambi den Untergrund feiert, wurde in Ottensen eine Institution geehrt, die seit fast vier Jahrzehnten Pionierarbeit leistet. Das Frauenmusikzentrum (fmz) erhielt den Sonderpreis 2025, und man möchte fast sagen: Endlich. Denn was 1987 als mutiges Experiment begann, ist heute das europaweit erste und wichtigste Netzwerk für FLINTA*-Personen in der Musik.

Das fmz ist weit mehr als nur ein Proberaumkomplex in einem Hinterhof in der Großen Brunnenstraße. Es ist eine Schmiede für Selbstbewusstsein. Hier finden Musiker*innen einen geschützten Raum, um sich an Instrumenten auszuprobieren, Bands zu gründen und sich in technischem Know-how zu professionalisieren – Bereiche, die in der Branche oft noch immer männlich konnotiert sind. Der Sonderpreis würdigt diesen langen Atem. Das fmz bricht strukturelle Hürden auf und sorgt dafür, dass die Geschlechtergerechtigkeit auf den Bühnen der Stadt nicht nur ein Lippenbekenntnis bleibt. Es ist ein Ort des Empowerments, der zeigt, dass die Clubkultur nur dann wirklich lebendig ist, wenn alle die Chance haben, den Regler auf Anschlag zu drehen.

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Kontinuität und Aufbruch https://www.tiefgang.net/kontinuitaet-und-aufbruch/ Sat, 10 Jan 2026 23:17:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13095 [...]]]> Das Arbeitsstipendium für bildende Kunst der Freien und Hansestadt Hamburg gilt seit seiner Einführung im Jahr 1981 als eines der beständigsten Instrumente der lokalen Kulturpolitik.

Mit der Bekanntgabe der zehn Stipendiat*innen für das Jahr 2026 setzt die Behörde für Kultur und Medien ein deutliches Zeichen für die Förderung künstlerischer Exzellenz. Aus insgesamt 223 Bewerbungen wählte eine Fachjury Positionen aus, die das breite Spektrum und die Innovationskraft der Hamburger Kunstszene repräsentieren.

Die Förderung ist mit monatlich 1.500 Euro dotiert und auf eine Laufzeit von einem Jahr angelegt. In einer Zeit, in der prekäre Arbeitsbedingungen oft den künstlerischen Alltag bestimmen, schafft dieses Stipendium die notwendige Basis für eine konzentrierte Auseinandersetzung mit dem eigenen Werk. Die Liste der geförderten Künstler*innen für 2026 liest sich wie ein Querschnitt durch die aktuelle künstlerische Produktion der Stadt: Eda Aslan, Asma Ben Slama, Vedad Divović, Catalina González González, Maik Gräf, Nizan Kasper, Simone Kessler, Kenneth Lin, Lulu MacDonald und Jagrut Raval werden durch die Stadt unterstützt.

Die Auswahl der Jury unterstreicht dabei die mediale Vielfalt, die von klassischer Malerei und Skulptur über Performance und Video bis hin zu komplexen multimedialen Arbeiten reicht. Die inhaltlichen Schwerpunkte bewegen sich zwischen rein ästhetischen Diskursen, gesellschaftlichen Fragestellungen und wissenschaftlichen Grenzgängen. Kultursenator Dr. Carsten Brosda sieht in dieser Förderung eine wesentliche Investition in die Freiheit der Kunst, die als Grundlage einer offenen Gesellschaft fungiert.

Ein Blick auf die Gegenwart: Future Continuous im Kunsthaus

Welche Früchte diese Form der Unterstützung trägt, lässt sich derzeit im Kunsthaus Hamburg beobachten. Unter dem Titel Future Continuous präsentiert dort der aktuelle Stipendienjahrgang 2025 seine Ergebnisse. Die Ausstellung fungiert als wichtiges Bindeglied zwischen der individuellen Atelierarbeit und der öffentlichen Sichtbarkeit. Sie macht deutlich, wie nachhaltig das Programm über die Jahrzehnte gewirkt hat – immerhin wurden seit dem Bestehen des Programms bereits über 450 Künstler*innen auf ihrem Weg begleitet.

Die gezeigten Arbeiten im Kunsthaus zeugen von einer hohen konzeptionellen Dichte. Die Verbindung von finanzieller Absicherung und der abschließenden musealen Präsentation inklusive Katalog bietet den Stipendiat*innen eine Plattform, die weit über die Grenzen Hamburgs hinausstrahlt. Die aktuelle Präsentation des Jahrgangs 2025 ist noch bis zum 25. Januar 2026 zu sehen und markiert den Übergang zu der nun neu ausgewählten Generation an Kunstschaffenden.

Profile der Stipendiat*innen 2026

Eda Aslan setzt sich in ihrer künstlerischen Praxis intensiv mit der Geschichte und dem Gedächtnis von Orten auseinander. Sie nutzt oft architektonische Spuren und Archivmaterialien, um Installationen zu schaffen, die verborgene Narrative und räumliche Erinnerungskultur thematisieren.

Asma Ben Slama nutzt die Medien Video und Fotografie, um soziale Gefüge und Identitätsfragen zu untersuchen. Ihre Arbeiten zeichnen sich durch eine präzise Beobachtung der Wechselwirkungen zwischen individuellen Lebensentwürfen und gesellschaftlichen Strukturen aus.

Vedad Divović arbeitet primär im Bereich der Skulptur und Installation. Er transformiert alltägliche Materialien und Objekte in neue formale Zusammenhänge, wobei er Fragen nach der Dauerhaftigkeit und der materiellen Beschaffenheit von Kunst stellt.

Catalina González González verfolgt einen multimedialen Ansatz, der Video, Fotografie und Installation verbindet. Ein zentrales Motiv ihrer Forschung sind politische Geografien sowie die ökologischen Veränderungen von Landschaften unter menschlichem Einfluss.

Maik Gräf bewegt sich im Spannungsfeld von Fotografie, Video und Performance. Durch Inszenierungen und den Einsatz des eigenen Körpers untersucht Gräf kritisch Konstruktionen von Identität, Männlichkeit und gesellschaftlichen Rollenbildern.

Nizan Kasper arbeitet an der Schnittstelle von Film, Video und Performance. Die künstlerische Arbeit konzentriert sich auf die Erforschung von Zeitlichkeit, Rhythmus und der physischen Präsenz von Körpern innerhalb medialer und technischer Räume.

Simone Kessler entwickelt raumgreifende und oft ortsspezifische Installationen. Ihre Werke nutzen häufig Licht, Luft oder vergängliche Materialien, um Naturphänomene zu abstrahieren und die sinnliche Wahrnehmung der Besucher*innen herauszufordern.

Kenneth Lin verfolgt konzeptuelle Ansätze, die er vorwiegend in der Malerei und Grafik realisiert. Dabei untersucht er die materiellen Grenzen der jeweiligen Medien sowie das Verhältnis zwischen abstrakter Form und symbolischer Bedeutung.

Lulu MacDonald schafft skulpturale Werke, die durch eine eigenwillige Materialästhetik und organische Formensprache bestechen. Sie experimentiert mit Wachstumsprozessen und Materialien aus der Natur, um Themen wie Transformation und Vergänglichkeit zu visualisieren.

Jagrut Raval ist ein interdisziplinär arbeitender Künstler, dessen Portfolio Fotografie, Video und großformatige Installationen umfasst. Seine Werke beschäftigen sich häufig mit der Relativität von Zeit, historischen Wahrheiten und der menschlichen Wahrnehmung.

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Jenseits des Metronoms https://www.tiefgang.net/jenseits-des-metronoms/ Fri, 28 Nov 2025 23:40:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12927 [...]]]> Die Spitze des deutschen Jazz-Nachwuchses erhält neue Impulse: Mit der Berufung von Jörn Marcussen-Wulff zum Künstlerischen Leiter des Bundesjazzorchesters (BuJazzO) festigt sich eine bemerkenswerte Verbindung zur norddeutschen Musikszene.

Ab Januar 2026 wird Marcussen-Wulff, bekannt als Komponist, Arrangeur und Posaunist, das renommierte Ensemble in einer Doppelspitze gemeinsam mit Theresia Philipp leiten.

Was die Personalie besonders hervorhebt, ist die gemeinsame Schnittmenge in der Jugendförderung: Beide Künstlerpersönlichkeiten haben eine enge Bindung zum Landesjugendjazzorchester Hamburg (LJJO HH). Marcussen-Wulff steht dem LJJO HH derzeit als Künstlerischer Leiter vor, während Theresia Philipp, die bereits seit Anfang 2025 Teil des BuJazzO-Leitungsteams ist, ebenfalls eng mit der Hamburger Kaderschmiede verbunden war. Die Kontinuität an der Spitze des BuJazzO wird damit von Persönlichkeiten geprägt, die die Entwicklung von Talenten aus der anspruchsvollen Arbeit des Landesjugendjazzorchesters kennen.

Vom NDR bis zur Grammy-Nominierung

Jörn Marcussen-Wulff, der seinen Lebensmittelpunkt in Hannover hat, bringt eine außergewöhnliche Bandbreite an Erfahrung mit ins BuJazzO. Er ist Dozent für Komposition, Arrangement, Jazz-Theorie und Bigband an den Hochschulen in Weimar und Hannover. Darüber hinaus arbeitet er regelmäßig für führende Large Ensembles wie die NDR Bigband, das Metropole Orkest oder das Cologne Contemporary Jazz Orchestra.

Seine Musik steht für den neuen Zeitgeist europäischer Bigband-Arrangeure, die Konventionen aus dem Weg gehen und ihre eigene musikalische Sprache und ihren Ausdruck im Format Jazzorchester suchen und finden. Ein deutlicher Beleg für seine internationale Relevanz ist seine Beteiligung an erfolgreichen Veröffentlichungen, wie dem Album „If you really want“ von Raul Midón & dem Metropole Orkest, das sogar für einen Grammy nominiert wurde. Diese Vita, ergänzt durch Engagements wie die Teilnahme am renommierten Metropole Orkest Arrangers Workshop, belegt die kreative und professionelle Tiefe, die er nun in das BuJazzO einbringen wird.

Die Jury zeigte sich in ihrer Entscheidung überzeugt von den Konzepten Marcussen-Wulffs. Henning Vetter, Projektleiter des Bundesjazzorchesters, betonte, man freue sich sehr, mit Marcussen-Wulff eine „kreative, engagierte Persönlichkeit für die Künstlerische Leitung gewonnen“ zu haben, die zusammen mit Theresia Philipp „neue Impulse setzen [wird], die das BuJazzO für die Zukunft stärken.“

Dabei geht es dem neuen Leiter um mehr als nur um musikalische Exzellenz. Jörn Marcussen-Wulff legt Wert auf eine ganzheitliche Ausbildung der jungen Musiker*innen. Er äußerte sich dazu wie folgt: „Ich empfinde es als große Ehre, zusammen mit Theresia Philipp die Künstlerische Leitung des Bundesjazzorchesters zu übernehmen und die Entwicklung dieses Ausnahmeensembles in Zukunft mit prägen zu dürfen. Es ist eine große Bereicherung für mich, diese jungen Menschen ein Stück weit auf ihrem musikalischen Weg zu begleiten und mit ihnen gemeinsam in und an diesem besonderen Jazzorchester zu arbeiten.“

Besonders wichtig sei ihm dabei die Vermittlung erweiterter Kompetenzen: „Ich hoffe, dass ich den jungen Talenten mit meinen Erfahrungen und Ideen nicht nur künstlerisch weiterhelfen werde, sondern ihnen vermitteln kann, dass aus meiner Sicht noch viele weitere Themen wie zum Beispiel eine zeitgemäße Musikvermittlung oder ‚der Blick über den eigenen Tellerrand‘ zum Selbstverständnis eines/einer professionellen Musikschaffenden gehören“, führte Marcussen-Wulff aus. Dieses Engagement für die Jazz-Kultur zeigt sich auch in seinem ehrenamtlichen Wirken als 1. Vorsitzender der Jazzmusiker Initiative Hannover e.V. und als Preisträger des „Leinestern 2021“.

Mit Marcussen-Wulff und Philipp, zwei profilierten Köpfen, die die Herausforderungen der Jugendförderung und die Ansprüche der professionellen Szene aus erster Hand kennen, scheint das BuJazzO bestens gerüstet, um seine Rolle als wichtigste Nachwuchsschmiede des deutschen Jazz erfolgreich fortzusetzen.

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Der die Nordsee zur Mordsee machte https://www.tiefgang.net/der-mann-der-die-nordsee-zur-mordsee-machte/ Fri, 21 Nov 2025 23:09:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12887 [...]]]> Hamburg hat einen seiner prägendsten Filmemacher*innen verloren. Hark Bohm, Regisseur, Autor, Produzent und leidenschaftlicher Hochschullehrer, ist im Alter von 86 Jahren in seiner Heimatstadt verstorben.

Sein Werk ist ein unüberhörbares Echo der deutschen Nachkriegsgesellschaft, ein Spiegel, der die Brüche und die unbequemen Wahrheiten der Jugend einfing.

Bohm war kein Salon-Intellektueller. Er war ein Filmpionier, der mit der Kamera in die Hochhaussiedlungen Hamburgs zog, dorthin, wo die Fassaden bröselten und die Kinder um ihren Platz in der Welt kämpften. Seine Filme waren unmittelbar, roh und von einer zupackenden, fast dokumentarischen Energie, die im damaligen deutschen Kino ihresgleichen suchte.

Sein Meisterstück bleibt unbestritten „Nordsee ist Mordsee“ (1976). Der Titel wurde zu einem geflügelten Wort, der Film zu einem Klassiker des sozialkritischen Coming-of-Age-Kinos. Er erzählte die Geschichte der ungleichen Freundschaft zwischen einem deutschen und einem zugewanderten Jungen in Wilhelmsburg – ein politisches Statement, das die Brutalität der Realität nicht scheute. Diese Spannung zwischen schonungsloser Härte und tief empfundener Sensibilität sollte Bohms Karriere definieren, von dem Jugenddrama „Moritz, lieber Moritz“ (1978) bis hin zum mit dem Bundesfilmpreis in Gold ausgezeichneten Film „Yasemin“ (1988).

Das Faszinierende an Bohms Ansatz war, wie er die Grenzen zwischen Kunst und Leben verschwimmen ließ. In „Nordsee ist Mordsee“ besetzte er zwei seiner Adoptivsöhne in den Hauptrollen. Bohm war ein begeisterter Vater von vier Adoptivkindern und zwei Pflegekindern. Einer seiner Söhne, der Schauspieler Uwe Bohm (1962–2022), trat mit seinen Filmen selbst in die Fußstapfen des Vaters und war eine feste Größe in der deutschen Film- und Theaterlandschaft. Für Hark Bohm zählte die Familie ebenso wie der Film – beide boten ihm einen Ort des Zusammenhalts.

Hark Bohm war jedoch mehr als nur ein großer Geschichtenerzähler. Er war ein leidenschaftlicher Filmpolitiker. Er war Mitinitiator des „filmverlags der autoren“ (1971) und Mitbegründer des Hamburger Filmbüros und des Filmfests Hamburg (beides 1979). Als Professor gründete er 1993 das Filmstudium Hamburg an der Universität, das heute in die Hamburg Media School (HMS) integriert ist. Hier prägte er eine ganze Generation von Filmemacher*innen, unter ihnen seinen Meisterschüler Fatih Akin.

Diese enge Verbindung zum Schaffen der nächsten Generation manifestierte sich zuletzt in dem Film „Amrum“ von Fatih Akin, der auf Bohms autobiografisch inspiriertem Roman basierte. Erst kürzlich feierte der Film seine Premiere. Bohm selbst spielte eine kleine Rolle, ein letzter Auftritt, der ihn noch einmal an den Ort seiner Kindheit zurückführte.

Senator Dr. Carsten Brosda, die Hamburger Behörde für Kultur und Medien, würdigte Hark Bohms Vermächtnis mit klaren Worten: „Hark Bohm war ein Meister darin, im scheinbar Alltäglichen die wirklich großen Geschichten zu finden. (…) Für mich ist der deutsche Film der letzten Jahrzehnte ohne Hark Bohm nicht denkbar.“ Er habe mit „leidenschaftlicher Vernunft“ den Film als Möglichkeit gesehen, die soziale Gegenwart zu beleuchten, „um menschliche Zukunft denkbar zu machen.

Ein großer und unbeugsamer Geist ist von der Leinwand abgetreten, dessen filmisches Erbe in Hamburg und weit darüber hinaus leuchten wird.

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Die Bildsprache des Südens https://www.tiefgang.net/die-bildsprache-des-suedens/ Fri, 26 Sep 2025 22:10:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12478 [...]]]> Zum 15. Jubiläum am 11. Oktober 2025 feiert die SuedKultur Music-Night nicht nur die Live-Musik, sondern auch eine bemerkenswerte visuelle Chronik. Wir haben mal ins Plakat-Archiv geschaut …

Hinter den dynamischen Motiven der letzten anderthalb Jahrzehnte steckt die Harburger Grafikerin Sabine Schnell von reflexblue, die es verstand, die Geschichte des Festivals in immer wieder neuen, eindrucksvollen Plakatdesigns zu erzählen. Ihre Arbeit geht über bloße Werbung hinaus – sie ist ein grafisches Tagebuch der kulturellen Renaissance in Hamburgs Süden.

Der Gründungsmythos: „Im Süden nix los?“

Die Geschichte beginnt nicht mit einem Musiker, sondern mit einer Provokation. Das Plakat aus dem Jahr 2010, noch vor der ersten Music-Night, stellt die rhetorische Frage „Im Süden nix los?“.

Das Motiv ist so trocken wie genial: Ein augenscheinlich gelangweiltes Paar sitzt auf einem roten Sofa, während die Liste der beteiligten Kulturinstitutionen demonstrativ die Behauptung entkräftet. Dieses Design von Sabine Schnell ist kein Werbeplakat im klassischen Sinne, sondern ein Statement. Es schafft eine Identität, indem es sich einer Stereotype entgegenstellt und mit augenzwinkernder Ironie die kulturelle Leere, die man dem Stadtteil gerne nachsagt, als absurde Lüge entlarvt.

Die Evolution der Motive: Von Instrument zu Leguan

Mit dem Start der Music-Night im Jahr 2011 ändert sich der Fokus. Die Plakate werden direkter, musikalischer. Zu Beginn aber liegt der Fokus noch rein auf Instrumenten. Das 2011er Design stellt die Trommelstöcke in den Fokus, während die Ausgabe von 2012 mit der Bassgitarre eine urbane, bodenständige Ästhetik einführt. In den folgenden Jahren rückt die menschliche Figur in den Vordergrund, ohne jedoch ins Klischee zu verfallen. Dann folgt eine Phase der Musiker*innen-Porträts und Stimmungsbilder. Das 2013er Plakat zeigt einen Musiker auf einem ländlichen Weg, das 2016er einen Gitarristen auf einer Brücke – die Motive stehen für eine musikalische Reise, die über bloße Unterhaltung hinausgeht. Die Farbgebung ist prägnant: Vom dramatischen Rot der 2014er Ausgabe bis zum grellen Magenta von 2018, das die explosive Energie der Live-Musik einfängt.

Ab 2019 wagt die Reihe einen mutigen Schritt in die Abstraktion und thematische Diversifizierung. Ein Astronaut, der durchs Weltall fliegt und Gitarre spielt: visualisiert er die universelle Kraft der Musik? Oder doch Harburg als ganz eigenen Planeten? Den immerhin gibt es jetzt im Mini-Format im ehemaligen Karstadt-Kaufhaus. In den Folgejahren etabliert sich eine dynamische Comic-Ästhetik.

Das Plakat für die „Fight for live“-Reihe im Jahr 2020, in dessen Rahmen auch das 10jährige Bestehen der Music-Night gefeiert wurde, stellt einen Sonderfall dar. Im Gegensatz zu den jährlichen „SuedKultur Music-Night“-Plakaten, die eine einheitliche visuelle Linie verfolgen, präsentiert dieses Plakat eine karikaturartige Zeichnung eines Gitarristen im Vordergrund. Der Stil erinnert an eine Comic-Ästhetik und weicht damit bewusst von den vorherigen Designs ab, um die Thematik des „Kampfes für Live-Musik“ während der Corona-Pandemie zu visualisieren. Die Informationen sind detaillierter und listen die spezifischen Termine und Veranstaltungsorte auf. Das Plakat von 2021 mit der Hand, die das Mikrofon aus einem Schwall reißt, symbolisiert die ungebrochene Kraft der Live-Musik während der Corona-Pandemie. Das 2022er Design bedient sich gar der Superhelden-Ikonografie, indem es das Logo als Symbol einer kulturellen Rettungsmission auf der Brust des Helden platziert.

Die jüngsten Entwürfe spielen mit den Möglichkeiten des Digitalen. Das 2023er Plakat ist ein fast schon cineastisches Porträt einer Musikerin, während das Motiv von 2024 mit dem Gitarre spielenden Leguan die Grenzen zwischen Realität und Imagination verschwimmen lässt. Es ist ein spielerischer Umgang mit der Ästhetik, die die Künstliche Intelligenz möglich gemacht hat.

Ein grafisches Vermächtnis

Das Plakat zum 15. Jubiläum kehrt zurück zum Ursprung: Das Logo selbst wird zum zentralen Motiv. Mit seinen leuchtenden Farben und den dynamischen Lichteffekten feiert es die Marke „SuedKultur Music-Night“ selbst. Es ist das visuelle Resümee einer beispiellosen Entwicklung.

Sabine Schnells Designsprache ist das Rückgrat der SuedKultur-Identität. Sie hat über 15 Jahre hinweg eine kohärente, aber dennoch sich ständig weiterentwickelnde visuelle Erzählung geschaffen. Die Plakate sind mehr als simple Ankündigungen. Sie sind der Beweis dafür, dass Hamburgs Süden nicht nur lebt, sondern eine reiche, vielschichtige Kulturlandschaft besitzt – und Sabine Schnell hat sie in ihrer gesamten Geschichte sichtbar gemacht.

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Der Wandel im Takt https://www.tiefgang.net/der-wandel-im-takt/ Fri, 19 Sep 2025 22:36:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12466 [...]]]> Hamburgs Ruf als Musikmetropole ist unbestritten. Doch jenseits des Glanzes, den das Reeperbahn Festival auch dieses Jahr wieder auf die Stadt wirft, verbergen sich die komplexen Herausforderungen einer Branche, die sich in einem tiefgreifenden Wandel befindet.

Beim jüngsten Musikdialog, zu dem Hamburgs Senator für Kultur und Medien, Dr. Carsten Brosda, die Spitzenvertreter*innen der deutschen Musikwirtschaft geladen hatte, wurde genau diese Zukunft leidenschaftlich und fundiert diskutiert. Es war eine Zusammenkunft, die in ihrer Essenz das Motto des Festivals „Imagine Togetherness!“ spiegelte: der Versuch, die drängenden Fragen der Branche in Solidarität zu beantworten.

In einer Welt, in der sich die Wertschöpfungsketten durch Streaming-Dienste verschoben haben und der wirtschaftliche Druck auf Live-Veranstaltungen wächst, steht die Musikbranche vor einem Scheideweg. Was sich wandelt, ist das gesamte Ökosystem: die Art und Weise, wie Musik konsumiert, finanziert und verbreitet wird. Festivals fungieren in diesem Wandel als ein entscheidendes Korrektiv, eine Art „Hochgebirge“, das es zu bezwingen gilt.

Ein zentraler Pfeiler der Konferenz war die erste umfassende, spartenübergreifende Studie zur Lage der Musikfestivals in Deutschland. Die Untersuchung, ein Gemeinschaftsprojekt der Initiative Musik, der Bundesstiftung LiveKultur und des Deutschen Musikinformationszentrums (miz), liefert handfeste Beweise dafür, dass Festivals mehr sind als nur kurzlebige Veranstaltungen. Ihre ökonomische, kulturelle und soziale Bedeutung ist immens. So zeigen die Daten, dass bundesweit jährlich rund 51.000 Konzerte auf Festivals stattfinden. Eine erstaunliche Zahl, die die Vitalität der Szene unterstreicht. Doch die wahre Bedeutung liegt in den Details: Fast 40 Prozent dieser Auftritte bieten Nachwuchskünstler*innen und -ensembles eine essenzielle Bühne, und 60 Prozent der Festivals beleben Gemeinden mit weniger als 100.000 Einwohner*innen. Dies ist keine Nebensache, sondern ein handfester Beweis für ihren Beitrag zur kulturellen Vielfalt und zur nachhaltigen Entwicklung der Musiklandschaft, insbesondere in nicht-urbanen Regionen. Die Festivals erweisen sich als die tragenden Säulen der musikalischen Demokratie.

Die Studie zeigt vor allem, dass die wirtschaftliche Lage vieler Festivals angespannt ist: Die durchschnittlichen Einnahmen von rund 313.000 Euro stehen Ausgaben von etwa 296.000 Euro gegenüber. Doch die Marge ist trügerisch, denn nur 15 Prozent der Festivals erzielen tatsächlich Gewinne, während ganze 30 Prozent mit einem Verlust abschließen. Die Finanzierung ist dabei eine Gratwanderung: Der größte Kostenfaktor sind die Künstler*innenhonorare, die durchschnittlich 38 Prozent der Ausgaben ausmachen. Auf der Einnahmenseite dominieren bei den Popularmusikfestivals Ticketverkäufe (39 Prozent), während sich Klassikfestivals primär über öffentliche Zuschüsse (40 Prozent) finanzieren.

Ein weiteres spannungsgeladenes Detail der Studie ist die Gagenverteilung, die die stark hierarchisierte Struktur der Honorierung im Festivalbereich schonungslos offenlegt. Während Hauptacts und Headliner im Schnitt 7.323 Euro pro Auftritt verdienen, erhalten Nachwuchskünstler*innen durchschnittlich lediglich 522 Euro – eine Spanne, die das ungleiche Gewicht der Marktteilnehmer*innen aufzeigt und die drängende Frage nach den Entwicklungschancen für neue Talente unterstreicht.

Der Bogen von den Festival-Erkenntnissen zur Solidarität in der Branche war kurz. Der Direktor des Reeperbahn Festivals, Detlef Schwarte, sprach in einem eindringlichen Impulsvortrag einen direkten Appell an alle Beteiligten aus: „Es braucht eine zukunftsstrategische Diskussion darüber, wer welchen Beitrag zur Zukunft des Musikökosystems leisten möchte oder auch leisten muss.“ Diese Worte verdeutlichen, dass es nicht mehr nur um das bloße Überleben geht, sondern auch um eine bewusste Gestaltung der Zukunft. Dr. Carsten Brosda untermauerte diese Botschaft mit den Worten: „Nur gemeinsam können wir den Wandel in der Branche erfolgreich meistern.“

Das, was an der Reeperbahn auf den Bühnen geschieht, ist die sichtbare Spitze dieses Eisbergs. Aber das, was im Hintergrund diskutiert wird, hat das Potenzial, die Art und Weise, wie Musik gemacht und erlebt wird, grundlegend zu verändern. Es ist die Aufgabe auch von uns Musikjournalist*innen, diese komplexen Zusammenhänge zu entwirren und die fachliche Tiefe der Diskussionen für ein breites Publikum erfahrbar zu machen. Ob es sich um das Reeperbahn Festival oder die bald stattfindende SuedKultur Music-Night handelt, es geht immer um das gleiche Prinzip: Die Musikbranche als ein empfindliches, vernetztes Ökosystem zu verstehen, in dem Solidarität und Zusammenarbeit die einzigen Wege sind, um die Herausforderungen der Zukunft zu meistern.

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Winsen feiert Brahms https://www.tiefgang.net/winsen-feiert-brahms/ Fri, 29 Aug 2025 22:16:10 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=11813 [...]]]>

Die malerische Stadt Winsen (Luhe) wird im September 2025 erneut zum Mekka für Musikliebhaber. Die 8. Winsener Brahms-Woche steht ins Haus.

Und sie verspricht ein Festival der Extraklasse, das den großen Komponisten und seine besondere Verbindung zur Region feiert.

Der Brahms-Freundeskreis Winsen (Luhe) e.V., eine engagierte Gruppe von Bürgern, hat es sich zur Aufgabe gemacht, alle zwei Jahre dieses einzigartige Festival zu veranstalten. Ihr Engagement ist ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie lokale Initiativen das kulturelle Leben einer Stadt bereichern können.

Ein Blick ins Programm: Kammermusik vom Feinsten

Die Brahms-Woche präsentiert eine exquisite Auswahl an Konzerten, die die Vielfalt von Brahms‘ Schaffen beleuchten. Besonders hervorzuheben sind die hochkarätigen Kammermusikabende im Marstall Winsen, einem Veranstaltungsort, der mit seiner intimen Atmosphäre bestens geeignet ist für diese musikalischen Kleinode.

Den Auftakt macht das Streichquartett der Hofkapelle Meiningen am 5. September. Mit Werken von Brahms und Mozart entführen die Musiker das Publikum in die Welt der Streichquartette, einer der Königsdisziplinen der Kammermusik.

Am 6. September folgt ein Klaviertrio-Abend mit Isabel Würdinger (Violine), Rahel Weymar (Violoncello) und Johanna Wiedenbach (Klavier). Auf dem Programm stehen Klaviertrios von Brahms und Beethoven, zwei Giganten der Musikgeschichte, die in einen spannenden Dialog treten.

Ein romantischer Duo-Abend für Violine und Klavier erwartet die Besucher am 12. September. Markus Menke (Violine) und Matthias Veit (Klavier) interpretieren Werke von Schubert, Busoni und Brahms und lassen die Leidenschaft dieser Kompositionen aufleben.

Am 13. September steht ein Liederabend unter dem Titel „Bedeckt mich mit Blumen…“ auf dem Programm. Juliane Sandberger (Mezzosopran), Martina Hamberg-Möbius (Sopran) und Dorothea Haarbeck (Klavier) präsentieren Lieder und Duette der Romantik von Brahms, Schumann, Mendelssohn und anderen.

Ein fulminantes Finale: Das „Deutsche Requiem“ in der St. Marien-Kirche

Den krönenden Abschluss der Brahms-Woche bildet am 14. September ein großes Konzert in der St. Marien-Kirche. Das Kammerorchester Winsen, die Kantorei St. Marien und Solisten unter der Leitung von Kreiskantor Reinhard Gräler führen die „Tragische Ouvertüre“ und das „Deutsche Requiem“ von Johannes Brahms auf.

Besonders das „Deutsche Requiem“ ist ein Werk, das berührt und bewegt. Brahms sprengt hier die Konventionen des traditionellen Requiems und stellt mit selbst ausgewählten Bibeltexten den Trost für die Menschheit in den Mittelpunkt.

Brahms in Winsen: Eine besondere Beziehung

Die Winsener Brahms-Woche ist nicht nur ein Musikfestival, sondern auch eine Hommage an die besondere Verbindung des Komponisten zu Winsen. Brahms verbrachte hier auf Einladung des Papierfabrikanten Giesemann mehrere Sommeraufenthalte und erinnerte sich noch kurz vor seinem Tod gerne an diese Zeit zurück.

„Und ich habe es doch ganz gut vertragen, ja, ich möchte diese Zeit der Dürftigkeit um keinen Preis in meinem Leben missen, denn ich bin überzeugt, sie hat mir wohlgetan und war zu meiner Entwicklung nötig.“ Diese Worte von Brahms zeugen von seiner Dankbarkeit für die Gastfreundschaft der Familie Giesemann.

Ein kulturelles Highlight für die Region

Die Winsener Brahms-Woche ist längst zu einem festen Bestandteil des regionalen Kulturkalenders geworden. Sie zieht nicht nur Musikliebhaber aus der Umgebung an, sondern auch Besucher von weiter her, die die einzigartige Atmosphäre und die hochkarätigen Konzerte schätzen.

Termine und Karten:

    1. September: Streichquartett der Hofkapelle Meiningen, Marstall Winsen, 19:00 Uhr
    1. September: Klaviertrio, Marstall Winsen, 19:00 Uhr
    1. September: Romantischer Duo-Abend, Marstall Winsen, 19:00 Uhr
    1. September: „Bedeckt mich mit Blumen…“, Marstall Winsen, 19:00 Uhr
    1. September: Großes Abschlusskonzert, St. Marien-Kirche, 19:00 Uhr

Karten sind an den bekannten Vorverkaufsstellen und online unter www.winsenbrahms.de erhältlich.

Die Winsener Brahms-Woche 2025 verspricht ein unvergessliches musikalisches Erlebnis zu werden. Ein Festival, das die Schönheit der Musik feiert und gleichzeitig die Verbundenheit einer Stadt mit einem ihrer großen Komponisten ehrt.

Das gesamte Programm findet sich hier: www.winsenbrahms.de

 

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Ein Exil für die Kunst https://www.tiefgang.net/ein-exil-fuer-die-kunst/ Fri, 25 Jul 2025 22:38:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12184 [...]]]> Was passiert, wenn ein Pinsel, eine Kamera oder ein Gedanke in einem Land nicht mehr frei sein darf? Er sucht sich eine neue Leinwand, eine neue Bühne, eine neue Heimat.

Genau das ermöglicht Hamburgs Kulturbehörde mit dem INTRO-Programm, das nun in die nächste Runde geht: Sie bietet Künstler*innen, die aus Krisengebieten fliehen mussten, nicht nur Zuflucht, sondern eine Chance, ihre Kunst und ihre Geschichte in der Hansestadt weiterleben zu lassen. Es ist ein Programm, das die Stadt bereichert und gleichzeitig eine wichtige humanitäre Geste ist.

Mit jedem neuen Stipendium-Team, das in seine einjährige Kooperation startet, wächst das kulturelle Netzwerk der Stadt. Das Besondere an INTRO ist die Idee des Tandems: Ein*e Künstler*in arbeitet eng mit einer Hamburger Institution zusammen. So wird nicht nur ein Projekt umgesetzt, sondern auch eine neue Verbindung geknüpft. „Das INTRO-Programm hat sich zu einer richtigen Erfolgsgeschichte entwickelt“, resümiert Kultursenator Dr. Carsten Brosda. „Das große Interesse an dem Programm zeigt, wie viele Künstlerinnen und Künstler aus unterschiedlichen Krisengebieten in Hamburg Zuflucht suchen.“

Doch die Zusammenarbeit ist keine Einbahnstraße. Während die Künstler*innen in die Praxis des Hamburger Kulturbetriebs eintauchen und lernen, wie sie sich in der neuen Umgebung zurechtfinden – selbst zu Themen wie Steuern und Förderanträge –, profitieren die Einrichtungen von einem frischen Blickwinkel. Die Begegnung von Kulturen und Perspektiven führt zu einer kreativen Reibung, die neue Impulse setzt. Die Institutionen „hinterfragen eigene Arbeitsweisen und kulturelle Praktiken, wodurch das Programm ein Gewinn für uns alle ist“, so Brosda.

Neue Perspektiven für Hamburgs Kunst

Die Vielfalt der diesjährigen Projekte ist beeindruckend. Parisa Shams aus dem Iran wird mit Kindern ein Kinderbuch erstellen, eine zarte Geste der Hoffnung und Neuanfangs. Tamari Chikvaidze aus Georgien bringt ihre Bühnenbildner-Fähigkeiten ins Fundus Theater ein, ein Ort, der für Experiment und Innovation steht. In der GWA St. Pauli wird Ekatarina Pavlova aus Russland ein kollektives Dokumentarfilmprojekt mit Jugendlichen realisieren. Am Kampnagel wird der Textilkünstler Boye Diallo aus Guinea-Bissau den „diasporischen Blick auf Mode“ beleuchten. Seine Arbeit lässt uns nicht nur Kleidung sehen, sondern auch die Geschichten, die sie in sich trägt. Das Lichthof Theater widmet sich mit Sofia Makarova aus Kasachstan/Russland einer choreografischen Forschung zum Thema Nomaden. Rola Shmayssem aus dem Libanon wird als Puppenspielerin Workshops in der W3_ anbieten.

Besonders hervorzuheben ist auch die Kunstschaffende Mila Klintsova aus Russland, die in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme einen Dokumentarfilm über den Hannoverschen Bahnhof drehen wird – ein Projekt, das die Erinnerung an die Gräueltaten der Vergangenheit wachhält.

Auch der Kunstverein Harburger Bahnhof erhält eine wichtige neue Stimme. Mit Termeh Yaghoubi aus dem Iran wird eine Malerin eine installative Ausstellung entwickeln. Diese künstlerischen Ansätze sind Spiegelbilder der persönlichen Geschichten der Teilnehmenden. Brosda ist überzeugt: „Dabei entstehen spannende Projekte, die uns auch wichtige Einblicke in die individuellen Geschichten der Teilnehmenden geben.“

Einblicke in individuelle Geschichten

Das Programm zeigt, dass Kunst keine Insel ist. Sie ist ein lebendiger Teil unserer Gesellschaft, der die Fähigkeit hat, Wunden zu heilen, Perspektiven zu öffnen und uns zu vereinen. Und es ist ein fortlaufender Prozess. Jedes Jahr können sich Kultureinrichtungen und Künstler*innen gemeinsam bewerben, um Teil dieses beeindruckenden Projekts zu werden.

Wie wichtig solche Programme in einer Zeit sind, in der die Welt unruhiger scheint denn je und welche neuen, unerwarteten Geschichten und Kunstwerke dadurch in den nächsten zwölf Monaten entstehen, sind Fragen, die uns zum Nachdenken anregen und uns zeigen, dass Kunst – gerade in oder aus der Fremde – ein kraftvolles Instrument der Verständigung sein kann.

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Grüner Takt für die Kultur https://www.tiefgang.net/gruener-takt-fuer-die-kultur/ Fri, 18 Jul 2025 22:43:25 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12064 [...]]]> Die Welt ruft nach Veränderung, und die Kulturlandschaft nimmt diesen Ruf ernst. Der Bundesverband Soziokultur hat nun die „Ökologischen Standards für die Soziokultur“ veröffentlicht.

Damit hat er ein wegweisendes Instrument geschaffen, das den Kulturbetrieb nachhaltiger gestalten soll. Es ist eine Entwicklung, die nicht nur die Umwelt entlasten, sondern auch das Bewusstsein für die Dringlichkeit des Klimaschutzes in der Gesellschaft stärken kann.

Die Berichte über extreme Wetterereignisse sind unmissverständlich: Klimaschutz und Nachhaltigkeit sind zu einer existenziellen Herausforderung geworden. Auch kulturelle Veranstaltungen verbrauchen Energie, Wasser und Materialien und verursachen Verkehrsemissionen. Hier kommt der doppelte Auftrag der Kultur ins Spiel: Sie kann einerseits Nachhaltigkeit und Klimaschutz thematisieren und vermitteln, Räume schaffen und Handlungsfähigkeit erzeugen. Andererseits können Kultureinrichtungen ihren eigenen ökologischen Fußabdruck erheblich senken. Genau hier setzt das neue Handbuch an.

Ein umfassender Leitfaden für ökologisches Handeln

Die „Ökologischen Standards“ sind ein Selbstevaluierungsinstrument, das Kultureinrichtungen dabei unterstützen soll, ihren aktuellen Stand der Nachhaltigkeitsaktivitäten einzuschätzen, Maßnahmen zu planen und nachhaltige Entwicklungen aktiv zu gestalten. Es ist ein niederschwelliges Angebot für den Einstieg, das gleichzeitig aber einen umfassenden Maßnahmenkatalog abbildet, der den aktuell diskutierten Maßstäben für den Kulturbereich entspricht. Der Vorteil dieses Tools liegt darin, dass es Standards, Checklisten und Maßnahmenkataloge aus verschiedenen Kultursparten wie Theater, Museum, Festivals, Clubs, Filmproduktion, Gastronomie und vielem mehr bündelt. Dadurch entfällt das mühsame Recherchieren in diversen Leitfäden.

Das Instrument ist flexibel aufgebaut und gliedert sich in fünf Module sowie Programmbereiche für Indoor- und Outdoor-Veranstaltungen. Das zentrale Modul „Organisation“ enthält die Standards, die für alle Einrichtungen relevant sind. Die weiteren Module – „Programm Indoor“, „Programm Outdoor“, „Gastronomie“ und „Catering“ – können je nach Profil der Einrichtung ausgewählt werden. Die Standards sind zudem in drei Anforderungsstufen unterteilt: „Basis“, „Fortgeschritten“ und „Expert“. Dies ermöglicht es jeder Einrichtung, unabhängig von Größe oder Ausstattung, einen realistischen Überblick über den eigenen Stand zu gewinnen und passende Maßnahmen zu planen.

Nachhaltigkeit als integraler Bestandteil des Kulturbetriebs

Die Einführung betriebsökologischer Ansätze erfordert eine tiefgreifende Verankerung in den Strukturen und Prozessen der Kultureinrichtung. Nachhaltigkeit darf kein „On-top-Thema“ sein, sondern muss sich sowohl in der strategischen Ausrichtung als auch in den alltäglichen Entscheidungen der Mitarbeiter*innen niederschlagen. Daher liegt den Standards nicht nur ein fachlicher, sondern auch ein prozessbezogener Ansatz zugrunde.

Für einen erfolgreichen Start sind klare Entscheidungen auf höchster Ebene essentiell, die von der Leitungsebene mitgetragen und kommuniziert werden müssen. Zudem ist es wichtig, dass Personen oder Teams Verantwortung übernehmen und mit einem klaren Mandat, ausreichend Zeit und einem Budget ausgestattet sind. Die Einbeziehung und regelmäßige Information des gesamten Teams sind dabei unabdingbar.

Der Umsetzungsprozess gliedert sich in drei Phasen: die strategische Planung, die Umsetzungsplanung und Pilotphase sowie die Verstetigungsphase. Diese strukturierte Vorgehensweise ermöglicht es, Erfahrungen zu sammeln, Abläufe anzupassen und Nachhaltigkeit langfristig in der Einrichtung zu verankern.

Ein vielversprechendes Gemeinschaftswerk und eine wichtige Hilfestellung

Die „Ökologischen Standards“ sind das Ergebnis eines bundesweiten Modellprojekts, an dem zwölf soziokulturelle Einrichtungen mitgewirkt haben. Aus Hamburg etwa die Wilhelmsburger Honigfabrik. Die Erfahrungen aus der Praxis flossen direkt in die Entwicklung ein und zeigten, dass es verschiedene Wege gibt, sich dem Thema zu nähern. Der Bundesverband Soziokultur unterstützt die Umsetzung durch Beratungs-, Vernetzungs- und Weiterbildungsangebote.

Die Qualität dieser Standards und der damit verbundenen Hilfestellungen ist bemerkenswert. Sie bieten nicht nur einen umfassenden Überblick über die Anforderungen an ökologisches Handeln im Kulturbereich, sondern auch eine praktikable Anleitung für die Umsetzung. Besonders hervorzuheben ist die modulare Struktur und die Abstufung der Anforderungen, die es wirklich jeder soziokulturellen Einrichtung, ob klein oder groß, ermöglicht, den Einstieg zu finden und sich schrittweise zu verbessern. Die Betonung des Prozessgedankens und der Notwendigkeit, Nachhaltigkeit als Querschnittsaufgabe zu verstehen, ist ein kluges Vorgehen, da sie die Komplexität des Themas realistisch abbildet und gleichzeitig handhabbar macht. Zudem wird mit den ergänzenden Arbeitshilfen und den geplanten Fortbildungen für Nachhaltigkeitsmanager*innen ein umfassendes Ökosystem geschaffen, das die Kultureinrichtungen langfristig stärken kann. Diese Initiative stellt einen bedeutenden Schritt dar, um die Kultur in Deutschland zukunftsfähig und umweltbewusst aufzustellen.

Es bleibt spannend zu beobachten, wie diese Standards die vielfältige soziokulturelle Landschaft prägen und inspirieren werden.

Alle Informationen, das Handbuch als Download und weitere Tools (Tabellen etc.) finden sich hier: soziokultur.de/oekologische-standards-fuer-die-soziokultur/

 

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