Macher https://www.tiefgang.net Fri, 11 Sep 2026 09:32:22 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1.3 DDR-Stahl entert Oper https://www.tiefgang.net/ddr-stahl-entert-oper/ https://www.tiefgang.net/ddr-stahl-entert-oper/#respond Sun, 13 Sep 2026 22:18:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14525 [...]]]> Ein verrosteter DDR-Fischfrachter macht demnächst genau dort fest, wo Hamburg für hunderte Millionen seine neue Staatsoper baut. Wie viel wilde Subkultur verträgt die durchgestylte HafenCity?

Hamburg schmückt sich gerne mit schwimmendem Stahl – solange er glänzt, Geschichte atmet und brav am Pier liegt. Die städtischen Millionen fließen verlässlich in polierte Postkartenmotive: Die elegante Cap San Diego von 1961 erinnert an das Wirtschaftswunder an der Überseebrücke, die Rickmer Rickmers von 1896 liefert den Landungsbrücken ihr historisches Panorama, und für die Rückholaktion und Restaurierung des Legendären Vier-Mast-Seglers Peking (Baujahr 1911) ließ der Staat rund 30 Millionen Euro springen. Sie sind ruhmreiche Wahrzeichen, museale Denkmäler und visuelle Visitenkarten für den Tourismus.

Und dann ist da die MS Stubnitz. 80 Meter dunkler, unpolierter Stahl. Gebaut 1964 in Stralsund als Kühl- und Gefrierschiff (SAS 501) der DDR-Fischfangflotte. Ein Koloss, der nicht nach Elbchaussee riecht, sondern nach Diesel, Maschinenschmiere, Schweiß und Bass. Die Stubnitz ist kein Museum, in dem alte Zeiten konserviert werden, sondern ein hochaktiver, roher Nährboden für Gegenkultur, Avantgarde und Experimentelles. Und im Gegensatz zu ihren adligen Geschwistern im Hafen muss sie seit Jahrzehnten um ihre schiere Existenz und einen festen Liegeplatz kämpfen.

Seit dem Verfall der DDR-Fischerei 1992 von einer engagierten Künstler*innen-Initiative vor dem Abwracken gerettet, zog die Stubnitz als Kulturschiff-Nomadin durch Europa – von Rostock über Rotterdam, Newcastle und London bis nach Hamburg. 2013 machte sie an den Elbbrücken fest. Doch in der hochglanzpolierten HafenCity rückte die Bebauung immer näher. Es folgte das vertraute Hamburger Spiel: Subkultur als Pioniernutzung feiern, aber Verträge auslaufen lassen, wenn die ersten Eigentumswohnungen stehen.

Industrie-Charme im Bauch der MS Stubnitz. (Quelle MS Stubnitz)

Jetzt steht die nächste Reise an: Unter dem Titel „EXIT Elbbrücken“ packt das Schiff im Herbst seine Kisten. Die Stadt schiebt den Koloss weiter – ausgerechnet an das Baakenhöft (das ehemalige Cruise Center). Und hier erreicht die stadtentwicklungspolitische Posse einen weiteren Höhepunkt: Das Baakenhöft ist exakt jenes Areal, auf dem ab etwa 2028 der imposante Neubau der neuen Hamburger Staatsoper entstehen soll. Ab Oktober macht das rohe Subkultur-Schiff also den Platzhalter für den gläsernen Tempel der Hochkultur.

Zwischen Ruderschaden und Instagram

Dass die Stubnitz kein gewöhnlicher Musikclub ist, zeigt ein Blick in die aktuellen Stellenausschreibungen und den Zustand der Crew. Während andere Clubs nach Tresenkräften oder DJs suchen, braucht die Stubnitz Verstärkung im Maschinenraum: Gesucht werden derzeit etwa Mechaniker*innen, die die historischen Schiffsdiesel und die Hydraulik in Schuss halten. Der Schiffs-TÜV steht an, ein Ruderschaden fordert ungeplante Werftaufenthalte in Kiel. Hier entscheidet nicht nur das Booking über die Partynacht, sondern das Kurbelgehäuse. Selbst die BFD-Stelle für Social Media und Öffentlichkeitsarbeit verlangt mehr als nur schöne Fotos: Verlangt werden UNIX-Kenntnisse, Markdown und HTML-Verständnis – eine reizvolle Mischung aus technischem Know-how und Do-It-Yourself-Ethos.

Im Bauch des Schiffs läuft derweil das gewohnt kompromisslose Programm weiter: Von experimentellen Improvisations-Sessions über Noise-Fraktionen bis hin zu Filmpremieren (Vom Traum, unsinkbar zu sein).

Die Ankunft der MS Stubnitz am Baakenhöft bis voraussichtlich zum ersten Quartal 2028 ist eine der typischen Ironien der Hamburger Kulturpolitik. Ein verrosteter DDR-Gefrierfrachter hält die Stellung für die Hochkultur. Doch was passiert, wenn die Bagger für die Oper anrollen? Die Stubnitz erinnert Hamburg daran, dass eine Kulturstadt nicht nur geschmückte Museumsschiffe und schicke Opernsäle braucht, sondern auch Räume, die stören, anecken und nach Diesel riechen.

Programm-Highlights auf der MS Stubnitz

  • Kino & Talk: Vom Traum, unsinkbar zu sein (Doku-Filmabend & Gespräch über DDR-Fischereischiffe) | Genre: Dokumentarfilm & Zeitgeschichte |Do., 17. Sept. | Uhrzeit: 19.30 Uhr
  • Konzert: Horse Lords (Minimalistischer Avantgarde-Rock / Math-Rock mit mikrotonaler Stimmlage) | Genre: Experimental Rock |Fr., 25. Sept. | Uhrzeit: 20.00 Uhr
  • Clubnacht: Subkultur-Revival: Industrial & Heavy Electro (Nachtveranstaltung in den tiefen Laderäumen) | Genre: Electro / Industrial / Dark Wave | Sa., 3. Okt. | Uhrzeit: 23.00 Uhr
  • Performance & Jazz: Pavel Milyakov & Guests (Improvisierte Klangräume zwischen Ambient und Free Jazz) | Genre: Avantgarde / Jazz-Performance | Fr., 16. Okt. | Uhrzeit: 20.30 Uhr

Aktueller Liegeplatz (bis Ende September 2026): Kirchenpauerkai 26, 20457 Hamburg (Östliche HafenCity / Elbbrücken)

Neuer Liegeplatz (ab 5. Oktober 2026): Baakenhöft / Versmannstraße, 20457 Hamburg (Künftiges Baufeld der neuen Hamburgischen Staatsoper)

Webseite & Tickets: stubnitz.com


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Neugrabens Buchladen ist spitze! https://www.tiefgang.net/neugrabens-buchladen-ist-spitze/ https://www.tiefgang.net/neugrabens-buchladen-ist-spitze/#respond Tue, 08 Sep 2026 22:41:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14488 [...]]]> Ein durchdachtes Sortiment, treue Kundschaft, ausgesuchte Veranstaltungen und eine inspirierende Website voller Büchertipps: diese Kriterien des Neugrabener Buchladens waren preiswürdig!

An einem Spätsommerabend galt alle Aufmerksamkeit den literarischen Stätten der Hansestadt. Hamburg blickte dorthin, wo Kultur nicht nur verwaltet, sondern mit Leib und Seele gelebt wird. Als Höhepunkt der 13. Langen Nacht der Literatur im Literaturhaus Hamburg wurden am vergangenen Samstagabend wieder drei besonders engagierte, inhabergeführte Buchhandlungen mit dem Hamburger Buchhandlungspreis geehrt. Die Auszeichnung, die von der Behörde für Kultur und Medien seit 2014 alle zwei Jahre vergeben wird, ist mit einem Preisgeld von je 5.000 Euro dotiert.

Staatsrätin für Kultur und Medien Jana Schiedek hob bei der Preisübergabe die unverzichtbare Rolle des unabhängigen Buchhandels hervor: „Der unabhängige Buchhandel öffnet uns mit Kreativität und Leidenschaft die Welt der Literatur. Die Buchhändlerinnen und Buchhändler unserer Stadt laden uns ein, in ferne Welten abzutauchen und helfen uns, unsere eigene Welt besser zu verstehen.“ Oft zeigten sie dabei auch Haltung und eckten an – genau das mache sie für eine freie und offene Gesellschaft so wichtig.

Aus sieben Nominierungen wählte die hochkarätig besetzte Jury – bestehend aus Dr. Thomas Andre, Dr. Antje Flemming, Volker Petri, Frauke Untiedt und Bede Lüdemann – in diesem Jahr drei Preisträger aus, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch denselben Geist atmen:

  • Der Buchladen Bettina Meyer (Neugraben): Mitten in der Neugrabener Einkaufsmeile führt Bettina Meyer mit ihrem Team seit vielen Jahren einen Ort, der aus dem Stadtteil nicht mehr wegzudenken ist. Ein durchdachtes Sortiment, treue Kundschaft, ausgesuchte Veranstaltungen und eine inspirierende Website voller Büchertipps zeichnen das Geschäft aus.
  • Frau Büchert (Eimsbüttel): Jana Büchert hat die einstige Kinder- und Jugendbuchhandlung (PÄKI) seit ihrer Übernahme 2018 zu einem breit aufgestellten Anlaufpunkt im Grindelviertel weiterentwickelt und im vergangenen Jahr sogar um wertvollen Raum für ein feines Non-Book-Sortiment ergänzt.
  • Schanzenbuchhandlung (Schanzenviertel): Das traditionsreiche Kollektiv prägt das Schanzenviertel seit den frühen 1990er-Jahren an zwei Standorten mit den Schwerpunkten Literatur und Politik im Schulterblatt sowie Kinderbuch und Pädagogik in der Schanzenstraße. Eine Buchhandlung mit klarer Kante und dezidierter Meinung, die sich im wandelnden Viertel unerschrocken behauptet.

Diese drei Buchhandlungen zeigen einmal mehr, dass der echte, unabhängige Buchhandel weit mehr ist als ein Ort des Verkaufs: Er ist die literarische Herzkammer der Stadt.


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Palmkerne und Paläste https://www.tiefgang.net/palmkerne-und-palaeste/ https://www.tiefgang.net/palmkerne-und-palaeste/#respond Fri, 17 Jul 2026 15:52:37 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14199 [...]]]> Vor kurzem legte ein Historiker*innen-Paar den „Abschlussbericht koloniales Harburg“ vor. Eine Forschungsarbeit, die ebenso lesens- und nachdenkenswert ist wie Auftakt weiterer Wissensgrabungen sein sollte.

Wer heute vor dem Harburger Rathaus steht, reibt sich unweigerlich die Augen. Da ragt dieser prachtvolle, herrschaftliche Palast im Stile der Neorenaissance empor, ein steinernes Monument puren bürgerlichen Selbstbewusstseins. Doch dreht man sich um, fällt der Blick auf die ernüchternde Realität des heutigen Bezirks: Nachkriegsbauten, funktionale Verkehrsschneisen, eine stellenweise recht unglücklich verbaute Innenstadt. Angesichts dieses Kontrasts drängt sich eine Frage geradezu auf: Welche enormen, glanzvollen Zeiten müssen das gewesen sein, die ein solches Rathaus hervorgebracht haben?

Die Antwort liegt in einer Epoche, in der Harburg nicht das Anhängsel Hamburgs war, sondern ein scharfer Konkurrent. Wir müssen den Blick zurückwerfen in die Mitte des 19. Jahrhunderts, als an der Süderelbe mit radikaler Energie die Zukunft geschmiedet wurde. Harburg war damals wie ein gallisches Dorf der Industrialisierung, das seine Unabhängigkeit vom großen Nachbarn im Norden mit jeder Faser lebte und genau daraus seine enorme Dynamik zog. Während in Hamburg noch lange über Handelsprivilegien debattiert wurde, rauchten in Harburg längst die Schlote.

Der Funke, der diese Dynamik entzündete, sprang zuerst im Binnenhafen über. Mit dem Bau des ersten Bahnhofs (wo heute das Neubaugebiet der Theodor-Yorck-Straße liegt) direkt an den Kaianlagen wurde das Fundament für einen beispiellosen Boom gelegt. Harburg besaß plötzlich das, wovon andere Städte nur träumen konnten: den direkten Umschlag vom Schiff auf die Schiene.

Die Stunde der Pioniere

Es war die Stunde der Pioniere der Fettindustrie. Als die ersten modernen Ölpressen im Hafenbereich in Betrieb gingen, veränderte das die hiesige Wirtschaft grundlegend. Heimische Saatfrüchte wie Raps oder Lein stießen schnell an ihre kapazitären Grenzen, doch man erkannte das enorme Potenzial von Palmkernen aus Übersee – sie waren ungleich ergiebiger. Es entstand eine fulminante Erfolgsgeschichte, geprägt durch Namen wie Gaiser, Noblée & Thörl und später Hobum, die Harburg in ein Zentrum der Fett- und Margarineindustrie verwandelten. Hand in Hand damit ging das Übersee-Handelshaus von Gottlieb Leopold Gaiser, das ab den 1880er Jahren eigene Faktoreien in Westafrika betrieb und die Rohstoffströme direkt an die Elbe lenkte.

Parallel dazu revolutionierte ein ganz anderer Rohstoff den Alltag: Kautschuk. In den Werkstätten von H. C. Meyer jr., dem legendären „Stockmeyer“, gelang ein industrieller Coup. Das bisher für edle Spazierstöcke verwendete, aber extrem knappe und teure Elfenbein konnte durch das neuartige Hartgummi ersetzt werden. Fast zeitgleich schrieben die Harburger Gummi-Werke (die Urzelle der späteren Phoenix-Werke) ab 1856 Industriegeschichte. Mithilfe des hochentwickelten Goodyear-Verfahrens zur Vulkanisation konnten aus Kautschuk elastisches Gummi in Massen hergestellt werden – für robuste Schuhe, bald für Reifen, Kämme oder Billardkugeln.

Ein weltweiter Rohstoffhunger brach aus, der an der Süderelbe ein mächtiges Zentrum fand. Es gehört zu den zentralen neuen Erkenntnissen des Berichts, die hiesige Wirtschaftsgeschichte um eine bisher übersehene Säule zu erweitern: die Jute-Spinnerei, die um 1913 zur größten Arbeitgeberin Harburgs aufstieg. Ihr Erfolg basierte fundamental auf den existenziellen Krisen und dem Elend der kleinbäuerlichen Bevölkerung im fernen Bengalen.

Geld – Macht – Einfluss

Wie aber finanzierte und organisierte Harburg dieses atemberaubende Wachstum? Die Antwort liegt in einem eng geknüpften, hocheffizienten Netzwerk, das sich radikal vom Hamburger Weg unterschied. Während man nördlich der Elbe auf die etablierte Macht der hanseatischen Kaufleute setzte, pumpte im Süden die Hannoversche Bank das nötige Kapital in die rasant wachsenden Betriebe.

Und dort, wo das Geld lag, saßen auch die politischen Entscheider. Harburgs Aufstieg ist untrennbar mit den weitsichtigen Stadtobersten jener Epoche verbunden. Maßgebliche Bürgermeister wie Julius Ludowieg und später Heinrich Denicke tummelten sich just in jenen finanziellen Zirkeln und Gremien der Hannoverschen Bank, die den Boom erst ermöglichten. Hier verschmolzen knallharte Kommunalpolitik und weitreichende industrielle Interessen zu einem unaufhaltsamen Motor. Man verstand sich eben als Macher.

Dieser Motor veränderte das Gesicht der Stadt in Rekordzeit. Um den gewaltigen, globalen Rohstoffhunger logistisch bewältigen zu können, wurde die Infrastruktur auf Effizienz getrimmt. Ein topmoderner Kaihafen entstand, begleitet von einem neuen, imposanten Bahnhof und einem rasterartig ausgebauten Straßennetz. Doch Fabriken brauchen Hände. Aus dem ländlichen Umland strömten Tausende Tagelöhner*innen an die Süderelbe, angelockt von der Aussicht auf Arbeit.

Für diese neue, massiv anwachsende Klasse von Arbeiter*innen wurden in Windeseile ganze Viertel (z.B. Phoenix-Viertel) mit dicht gedrängten Mietshäusern aus dem Boden gestampft. Die Stadt explodierte förmlich. Um dieses neue, mitunter prekäre soziale Gefüge im Schatten der rauchenden Schlote stabil zu halten, entstanden parallel die ersten Armenkassen.

Ungleicher Schweiß des Erfolgs

Es war eine vollkommene Transformation: Harburg hatte sich eine komplett neue, vibrierende und raue industrielle Identität erschaffen. Während die bürgerliche Elite kolonialbegeistert war, blieb der Arbeiterschaft in den engen Straßen des Phoenix-Viertels kaum Raum für imperiale Träume. Da die Arbeiter*innen primär mit dem nackten Überleben und dem harten Fabrikalltag eines 12-Stunden-Tages beschäftigt waren, macht gerade diese tief ausgeprägte Klassenperspektive die Harburger Geschichte im Vergleich zum Handels- und Kaufmannszentrum Hamburg so speziell.

Doch diese glänzende Medaille des industriellen Erfolgs hatte eine weitere tiefdunkle Kehrseite. Der unaufhaltsame Harburger Boom basierte fundamental auf der rücksichtslosen Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Süden, angetrieben von einer zielgerichteten imperialen Politik. Als das junge deutsche Kaiserreich ab den 1880er Jahren vehement auf eigene Kolonien drängte, saßen die Harburger Fabrikanten längst an den Hebeln der globalen Warenströme. Ob Kautschuk aus Kamerun oder Palmkerne aus Togo – der koloniale Raubbau war der Treibstoff für den heimischen Aufstieg.

Wie viele dieser Verflechtungen in den Alltag einsickerten, konnten die Historiker*innen Annika Bärwald und Yves Schmitz in den Archiven der Lokalzeitung nachlesen. Denn die Harburger Anzeigen und Nachrichten begleiteten den weltweiten Aufstieg der Stadt Schritt für Schritt. In ihren Spalten mischten sich nüchterne Marktberichte mit unverhohlener kolonialer Propaganda. Man feierte den wirtschaftlichen Imperialismus und versuchte gezielt, auch die heimische Arbeiterschaft für das koloniale Projekt zu begeistern.

Aus den fernen Kolonien floss jedoch nicht nur Rohmaterial in die Fabriken, sondern auch Beute in die Salons. Die lokale bürgerliche Elite, berauscht vom eigenen globalen Einfluss, demonstrierte ihren Status durch eine ganz besondere Form des bürgerlichen Stolzes: Man sammelte eifrig ethnografische Objekte aus den besetzten Gebieten und schenkte sie dem Helms-Museum. Diese mitgebrachten Trophäen sollten den kolonialen Geist mitten in Harburg fassbar machen – eine Zurschaustellung von Macht, die heute, sicher verwahrt in den Depots, als stummes Zeugnis einer tiefen moralischen Schuld überdauert hat. Der Bericht macht die koloniale Gewalt schmerzhaft konkret: Unter den Schenkungen an das Helms-Museum befinden sich nicht nur koloniale Alltagsobjekte wie eine Nilpferdpeitsche, sondern auch sensible, von Gewalt zeugende Funde wie ein menschlicher Schädel. Hier wird einstiger bürgerlicher Sammlerstolz zur dringlichen zeitgenössischen Verpflichtung. Wie Bärwald und Schmitz attestieren, wartet dieser Fundus im heutigen Stadtmuseum Harburg auf seine kritische historische Einordnung und schlussendliche Restitution.

Ein Abschluss als Beginn

Dass diese lange Zeit unsichtbaren Linien zwischen Harburger Prachtbauten und kolonialer Ausbeutung nun so klar gezeichnet werden, ist das Ergebnis einer kulturpolitischen Initiative aus dem November 2021. Angestoßen durch einen Vortrag des Historikers Kim Todzi von der Forschungsstelle Kolonialgeschichte, beschloss die Bezirksversammlung, die Verflechtungen der eigenen Stadtgeschichte systematisch auszuleuchten.

Der nun vorgelegte Abschlussbericht „Koloniales Harburg“ von Annika Bärwald und Dr. Yves Schmitz löst dieses Versprechen in Teilen ein. Die Forschenden haben eine akribische Aufarbeitung geleistet, die genau jene Verbindungen freilegt, die im kolonialen Rausch des Kaiserreichs geknüpft wurden. Durch die erstmalige systematische Durchsiebung lokaler Quellen, wie des Digital-Archivs der Harburger Anzeigen und Nachrichten, wird nachvollziehbar, wie Globalgeschichte und Lokalgeschichte an den einzelnen Fabrikbänken aufeinandertreffen. Der Bericht schließt damit nicht nur historische Leerstellen, sondern gibt präzise Hinweise zur Vertiefung.

Dieser Abschlussbericht ist deshalb so absolut lesenswert, weil er nicht dem staubigen Klischee klassischer Heimatforschung entspricht. Er holt die Weltpolitik direkt vor unsere Haustür. Das macht das Werk zu einem packenden Stück Zeitgeschichte, das fesselt und stellenweise tief bewegt. Vor allem aber macht der Bericht eines unmissverständlich klar: Harburgs Geschichte zu erforschen lohnt sich – und sie liegt uns im doppelten Sinne nah. Sie ist räumlich zum Greifen nah in den Hafenbecken und Straßennamen unseres Stadtraums, und sie ist uns strukturell in ihren globalen Auswirkungen viel näher, als wir es im Alltag oft wahrhaben wollen. Denn Gummi und Palmöl sind alltägliche Begleiter unseres Lebens.

Genau aus diesem Grund darf und wird diese Arbeit kein Schlusspunkt sein, der in den Schubladen der Bezirksverwaltung verschwindet. Sie ist vielmehr ein gelungener Auftakt. Bärwald und Schmitz haben ein stabiles Fundament gegossen, doch die reichhaltigen Quellenfunde – von den tiefen Archiven des Helms-Museums bis zu den ungesichteten Firmennachlässen – schreien förmlich nach einer Fortsetzung. Dieser Bericht muss als lauter Ansporn verstanden werden: für Schulen, für zivilgesellschaftliche Initiativen und für weitere historische Forschungen. Die Spurensuche an der Süderelbe hat gerade erst begonnen.

Der „Abschlussbericht koloniales Harburg“ von Annika Bärwald und Yves Schmitz steht hier kostenfrei zum Download.


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Der Unbekannte, den alle kennen https://www.tiefgang.net/der-unbekannte-den-alle-kennen/ Sat, 06 Jun 2026 22:40:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13974 [...]]]> Wer in den 1950er bis 1970er Jahren aufgewachsen ist, hat sie vermutlich im Regal gehabt: Jugendbuch-Klassiker wie „Die Schatzinsel“, „Moby Dick“ oder die legendären Bände der „Fünf Freunde“. Doch hinter den dynamischen, oft mit kräftiger Rohrfeder gezeichneten Bildern steckte meist ein Name, der selbst den treuesten Leser*innen oft kein Begriff war: Kurt Schmischke.

Das Buxtehude Museum holt den Mann hinter den Klassikern nun aus der Anonymität. In Kooperation mit dem Kongress für Kinderbuchillustration „BUNTE HUNTE“ zeigt das Museum vom 13. Juni bis zum 12. Juli 2026 die Pop-up-Ausstellung „Kurt Schmischke – der unbekannte Illustrator, den alle kennen“.

Vom Entwurf zum Abenteuer

Die Ausstellung bietet einen seltenen Einblick in das Schaffen eines Mannes, der seine Karriere als Maler und Grafiker in Berlin begann und ab 1957 in Hamburg lebte. Schmischkes Stil – ein zügiger Strich, ein buntes Figurenrepertoire und eine ausgeprägte Liebe für alles Maritime – prägte das Erscheinungsbild der Jugendbuchkultur jener Jahrzehnte. In Buxtehude werden erstmals ausgewählte Werke aus dem wiederentdeckten Nachlass des Künstlers präsentiert, die den gesamten Prozess vom Erstentwurf bis zum fertigen Buchcover nachvollziehbar machen. Ein Muss für alle, die eine Reise in ihre eigene Kindheit antreten wollen.

Europäische Archäologietage als Bonus

Der Museumsbesuch in Buxtehude lohnt sich im Juni gleich doppelt. Passend zur Ausstellung begeht das Museum am Wochenende vom 13. und 14. Juni 2026 die Europäischen Archäologietage mit einem bunten Programm für die ganze Familie:

  • Samstag, 13. Juni, 15 bis 17 Uhr: „Perlenwerkstatt“ für die ganze Familie.
  • Sonntag, 14. Juni, 14 Uhr: Familienführung durch das Museum.
  • Sonntag, 14. Juni, 14 bis 15 Uhr: Vortrag der Stadtarchäologin Casha Ipach zum Gräberfeld von Immenbeck mit spannenden neuen Forschungsergebnissen.

Die Pop-up-Ausstellung ist bei freiem Eintritt im Veranstaltungsraum des Buxtehude Museums zu sehen: St.-Petri-Platz 11, 21614 Buxtehude | Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 11 bis 18 Uhr

Kontakt: Telefon 04161 50797-0 oder online unter buxtehudemuseum.de

Ob man nun wegen der maritimen Illustrationen von Schmischke kommt oder sich für die archäologische Spurensuche in der Region interessiert: Buxtehude ist in den kommenden Wochen ein lohnendes Ziel für Entdecker*innen.


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Die Stimme bleibt https://www.tiefgang.net/die-stimme-bleibt/ Tue, 02 Jun 2026 22:00:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13934 [...]]]> Man kann Esther Bejarano nicht in Aktenordnern fassen, doch man kann ihr Wirken dokumentieren. Genau das ist nun – fünf Jahr nach Ihrem Tod – in der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (FZH) geschehen.

Der persönliche Nachlass der 2021 verstorbenen Überlebenden der Shoah, Aktivistin und unermüdlichen Mahnerin wurde erschlossen und öffnet nun – gefördert durch die Behörde für Kultur und Medien – ein Fenster in ein bewegtes Leben.

Was da in den Regalen der FZH am Beim Schlump liegt, ist weit mehr als eine private Sammlung. Es ist ein Destillat deutscher Nachkriegsgeschichte. Neben den amtlichen Dokumenten und den Zeugnissen ihres politischen Engagements im Auschwitz-Komitee birgt der Nachlass einen Schatz, der vielen unbekannt sein dürfte: die Musik.

Es ist eine unterschätzte Facette ihrer Biografie. Esther Bejarano war nicht nur Zeitzeugin; sie war Musikerin durch und durch. Ihre Liedtexte, Noten und Aufnahmen zeugen von einer Frau, die begriff, dass Musik eine Sprache ist, die dort weiterhilft, wo Worte an ihre Grenzen stoßen. Sie nutzte die Melodie als Waffe gegen das Vergessen und als Brücke zum Dialog. Dass diese Noten und persönlichen Aufzeichnungen nun im Archiv liegen, sichert nicht nur ihre politische Hinterlassenschaft, sondern auch ihr künstlerisches Vermächtnis. Es zeigt eine Frau, die das Unfassbare überlebte und daraus eine Lebensaufgabe machte: zu verhindern, dass die Melodie der Menschlichkeit verstummt.

Die Aufarbeitung ist in Zeiten zunehmender geschichtsrevisionistischer Tendenzen ein essenzielles Projekt. Prof. Dr. Kirsten Heinsohn, kommissarische Direktorin der FZH, betont, dass der Nachlass die seit mehr als 20 Jahren bestehenden Interviews der „Werkstatt der Erinnerung“ perfekt ergänzt. Die materielle Ebene – der Kalender, das Plakat, der Liedtext – macht den Weg von der Überlebenden zur streitbaren Aktivistin greifbar.

Kultursenator Dr. Carsten Brosda, der die Erschließung anlässlich einer Veranstaltung in dieser Woche würdigte, unterstrich: „Esther Bejaranos Stimme gegen Antisemitismus, Rassismus und das Vergessen wirkt bis heute weit über Hamburg hinaus.“

Was bleibt?

Dass der Nachlass nun für Forschung und Bildung zugänglich ist, bedeutet, dass das „Handwerkszeug“ ihres Kampfes erhalten bleibt. Esther Bejarano hat uns einen klaren Kompass hinterlassen. Dass ihre Dokumente – ihre Korrespondenzen ebenso wie ihre Partituren – nun der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen, ist ein wichtiger Schritt, um diesen Kompass für künftige Generationen zu bewahren.

Wer sich für die Arbeit des Archivs interessiert oder die Materialien für Bildungszwecke sichten möchte, findet unter zeitgeschichte-hamburg.de alle Informationen zum Zugang. Es ist ein Archiv, das nicht nur bewahrt, sondern das uns aktiv daran erinnert, dass Erinnerungskultur kein abgeschlossenes Kapitel ist, sondern ein Auftrag, der jeden Tag neu mit Leben – und Musik – gefüllt werden muss.

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Wenn die Gondeln Trauer tragen https://www.tiefgang.net/wenn-die-gondeln-trauer-tragen/ Fri, 08 May 2026 22:05:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13784 [...]]]> Venedig ist im Mai 2026 kein Ort für touristische Klischees. Zwar glitzert die Sonne über dem Canal Grande, aber der Deutsche Pavillon in den Giardini eröffnet und trauert zugleich: um Henrike Naumann. Sie verstarb vor einigen Wochen.

Es ist sowohl ein Moment der künstlerischen Selbstbehauptung, in dem die Hochschule für bildende Künste Hamburg (HFBK) ihre Rolle als globale Denkfabrik unterstreicht.

Mit fünf zentralen Positionen, die eng mit der Elbmetropole verwoben sind, wird ab heute die 61. Biennale di Venezia zu einer Art norddeutschen Exklave der kritischen Reflexion. Im Zentrum dieses Kraftfeldes steht ein Begriff, der so schwer wie programmatisch ist: Ruin.

Ruin als Verb: Ein Prozess des Verfalls und des Widerstands

Die Kuratorin Kathleen Reinhardt hat für den Deutschen Pavillon ein Konzept entworfen, das den Ruin nicht als statischen Zustand des Verfalls begreift. In ihren Augen ist Ruin ein Verb – ein aktiver Prozess der Zerstörung, der finanzieller, politischer oder moralischer Natur sein kann. Es geht um das Überlagern von Ideologien und Biografien in einem Raum, der selbst eine belastete architektonische Geschichte atmet. Die Ausstellung will Vergangenheiten, Gegenwarten und Zukünfte als polyphon und multiperspektivisch begreifbar machen und dabei bewusst in einer Moll-Tonart agieren.

Henrike Naumann: Die Geister der Wohnstube

Besonders schmerzlich und zugleich kraftvoll ist die Präsenz von Henrike Naumann. Die Anfang 2026 viel zu früh verstorbene Künstlerin und designierte HFBK-Professorin hat ihr Werk für den Pavillon noch selbst vollendet. Unter dem Titel Die Innere Front verwandelt sie den Hauptraum in eine archäologische Grabungsstätte der deutschen Alltagsästhetik. Möbel und Readymade-Objekte werden zu Zeugen einer Radikalisierung, die nicht auf der Straße beginnt, sondern im Privaten.

Naumann arbeitete oft mit der Erkenntnis, dass Ideologie im Wohnzimmer beginnt. In Venedig sind ihre Installationen vor mintgrünen Wänden platziert, die an sowjetische Kasernen der DDR erinnern. Ein Relief aus Stühlen erzählt die deutsche Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts neu. Für Naumann war die Kunst nie vom Weltgeschehen zu trennen; sie betonte stets: „Für mich als Künstlerin ist alles politisch.“ Ihr Beitrag ist ein Vermächtnis, das die Heimeligkeit als emotionalen Raum hinterfragt und dabei eine Remilitarisierung der Gesellschaft subtil offenlegt.

Sung Tieu: Die Eleganz der Überwachung

In einem faszinierenden Kontrast dazu steht die Arbeit von Sung Tieu, Absolventin der HFBK, deren Praxis sich an der Schnittstelle von Biografie und Geopolitik bewegt. Sie verleiht dem durch den Nationalsozialismus geprägten Pavillon eine neue, irritierende Fassade. Ein Trompe-l’œil-Mosaik aus über drei Millionen Marmorsteinen bildet die Überreste eines Plattenbaus aus der Ostberliner Gehrenseestraße nach – ein Ort, der einst Tieus Zuhause war und später zum Spielball spekulativer Verwertung wurde.

Ihr Werk trägt den provokanten Titel Human Dignity Shall Be Inviolable, ein direktes Zitat aus Artikel 1 des Grundgesetzes. Hier prallen zwei Repräsentationssysteme aufeinander: die faschistische Monumentalität des Pavillons und die sozialistisch-egalitäre Idee des Wohnungsbaus. Tieu nutzt Skulpturen, Düfte und Klänge, um administrative Disziplinierung und die Marginalisierung migrantischer Gemeinschaften spürbar zu machen. Es ist eine sensible Untersuchung von Machtverhältnissen, die unterschiedliche politische Systeme überdauern.

Das Hamburger Netzwerk: Mehr als nur ein Pavillon

Der Erfolg in Venedig ist kein Zufallsprodukt, sondern das Ergebnis einer konsequenten Förderung des Wissenschafts- und Kunststandorts Hamburg. Wissenschaftssenatorin Maryam Blumenthal sieht die HFBK in einer wichtigen Doppelrolle als Impulsgeber und Spiegel unserer Gesellschaft. Neben dem Deutschen Pavillon sind drei weitere Künstler*innen präsent, die das Hamburger Profil schärfen: Kader Attia in der zentralen Ausstellung, Jenna Sutela im Finnischen Pavillon und Yalda Afsah mit einer Einzelschau im Palazzo Ca’ Buccari.

Diese künstlerischen Positionen decken ein breites Spektrum ab – von postkolonialen Reparationsfragen bis hin zum technologisch-biologischen Spannungsfeld. Es ist eine Demonstration der internationalen Strahlkraft, die durch eine Allianz aus öffentlichen und privaten Förderern wie der ZEIT STIFTUNG BUCERIUS und der Rudolf Augstein Stiftung ermöglicht wurde.

Der Deutsche Pavillon 2026 ist kein Ort der einfachen Antworten. Ruin zwingt die Besucher*innen zum Innehalten in einer Zeit, die oft von oberflächlicher Dynamik geprägt ist. Zwischen den Kettenhemdvorhängen von Henrike Naumann und den Marmormosaiken von Sung Tieu entsteht ein Raum des Widerstands gegen das Vergessen. Hamburg beweist in Venedig, dass zeitgenössische Kunst dann am stärksten ist, wenn sie dorthin geht, wo es wehtut: in die Leerstellen der Geschichte und in die Abgründe unserer eigenen Identität.


Ausstellung: Ruin

9. Mai bis 22. November 2026 | Deutscher Pavillon, Giardini della Biennale, Venedig

Beteiligte Künstler*innen: Henrike Naumann und Sung Tieu | Kuratorin: Dr. Kathleen Reinhardt

www.deutscher-pavillon.org | www.labiennale.org

Begleitend zur Eröffnung erscheint im DISTANZ Verlag eine Publikation, die künstlerische Beiträge von Naumann und Tieu mit wissenschaftlichen Essays verbindet.


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Elfenbeinturm und Barrikade https://www.tiefgang.net/elfenbeinturm-und-barrikade/ Thu, 26 Feb 2026 23:16:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13419 [...]]]> Wenn Hamburg im März zum vierten Mal das Buch aufschlägt, dann gilt die große Aufmerksamkeit einem Mann, der wie kaum ein anderer das literarische Gewissen dieser Stadt verkörpert: Siegfried Lenz.

Zum 100. Geburtstag des Ehrenbürgers heißt es einen Monat lang „Hamburg liest Lenz“ – und das Programm ist so vielseitig und lebendig, wie es sich der Altmeister wohl selbst gewünscht hätte.

Kultursenator Dr. Carsten Brosda würdigt Lenz nicht nur als Geschichtenerzähler, sondern auch als jemanden, der tief in die deutsche Identität blickte. Es ist diese Mischung aus scharfem Blick und einladender Erzählweise, die uns heute noch packt. Dass dieses Festival in Kooperation mit der Siegfried Lenz Stiftung, dem Literaturhaus und den kreativen Köpfen der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) entstanden ist, zeigt, wie tief verwurzelt sein Werk in der hiesigen Kulturlandschaft ist.

Den fulminanten Auftakt feiert Hamburg am 1. März im Rolf-Liebermann-Studio. NDR Kultur lädt zur Matinee, und die Besetzungsliste liest sich wie ein Who-is-Who der deutschen Schauspielriege: Bjarne Mädel, Catrin Striebeck und Stephan Kampwirth werden dort humorvolle Texte von Lenz zum Leben erwecken. Es geht um Töne, Bilder und Musik – eine Hommage, die weit über eine klassische Lesung hinausgeht.

Doch Lenz ist im März 2026 überall. In der Rathausdiele etwa wird am 11. März die Ausstellung „Siehst du es?“ eröffnet, in der Illustrationsstudierende der HAW ihre Graphic Novel zum Leben des Autors präsentieren. Wer es noch etwas politischer mag, sollte sich den 3. März vormerken: In der Staats- und Universitätsbibliothek (SUB) beleuchtet die Ausstellung „Elfenbeinturm und Barrikade“ das spannungsreiche Verhältnis zwischen Politik und Literatur, das Lenz gemeinsam mit seinem Freund Helmut Schmidt so intensiv ausfocht.

Dass Lenz’ Werk keineswegs in den Regalen verstaubt, beweisen Veranstaltungen wie „Lenz ist ein DJ“ am 20. März oder das „Flexible Schmøkern“ im Teehaus am 6. März. Auch literarische Schatzgräber*innen kommen auf ihre Kosten: Am 5. März präsentiert Burghart Klaußner bei Felix Jud Texte aus dem Nachlass unter dem wunderbaren Titel „Am Widerhaken hängt das Glück“.

Es ist diese Begeisterungsfähigkeit für das geschriebene Wort, die durch alle 35 Veranstaltungen weht – von den Stadtrundgängen bis hin zu den Filmvorführungen. Lenz fordert uns heraus, mitzudenken und mitzugestalten. In diesem März haben wir die beste Gelegenheit dazu. Das vollständige Programm ist online unter hamburgliest.de/programm/ zu finden.

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Der Sound der Vorstadt https://www.tiefgang.net/der-sound-der-vorstadt/ Sun, 25 Jan 2026 08:47:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13161 [...]]]> Die Fabrik verwandlete sich vergangenen Donnerstagabend in das pulsierende Epizentrum der Hamburger Nachtkultur: Es war Zeit für den 15. clubaward, und wer dachte, nach anderthalb Jahrzehnten sei die Luft raus, wurde eines Besseren belehrt.

Über 600 Köpfe aus Kultur, Politik und der Szene feierten eine Branche, die zwischen existenzieller Not und kreativer Ekstase balanciert – und dabei lauter denn je für Vielfalt und Haltung trommelt.

Die vielleicht größte Sensation des Abends kam aber eben nicht von der Reeperbahn, sondern direkt aus dem Hamburger Osten: Bambi Galore, der Metal-Underground-Club in Billstedt, sicherte sich beim öffentlichen Online-Voting den Titel als Lieblingsclub 2025. Ein Triumph der Basis, der zeigt, dass Hamburgs Herz auch weit abseits der touristischen Pfade im Takt harter Riffs schlägt.

Doch auch die Institutionen der Elbe wurden vergoldet. Das Hafenklang feierte einen echten Doppelsieg und räumte sowohl den Preis als Bester Club als auch die Auszeichnung für die Beste Nachwuchsförderung ab. In einem Jahr, das für viele Betreiber*innen wirtschaftlich alles andere als einfach war, ist diese Beständigkeit ein wichtiges Signal für die Livemusik-Stadt.

Senator Dr. Carsten Brosda brachte es auf den Punkt: Hamburgs Clubkultur stehe nicht nur für Leidenschaft, sondern für eine starke gesellschaftliche Haltung. Es geht um Räume ohne Diskriminierung, um Orte demokratischer Praxis, die gerade jetzt geschützt werden müssen.

Besonders emotional wurde es bei der Vergabe der Sonderpreise. Der Ehrenpreis ging an die Journalistin Birgit Reuther, die seit Jahrzehnten mit unermüdlichem Einsatz die Relevanz der Popkultur in den öffentlichen Diskurs rückt. Ein weiteres starkes Zeichen setzte die Auszeichnung für das Frauenmusikzentrum e. V. (fmz). Seit 1987 schafft dieser Ort Räume für FLINTA*-Personen, um sich musikalisch auszuprobieren – ein unverzichtbarer Anker für echtes Empowerment in einer immer noch männlich dominierten Branche.

Auch das Thema Nachhaltigkeit ist längst kein Nischenprodukt mehr. Die Millerntor Gallery sicherte sich den Preis in der Kategorie Zukunft feiern. Dass die gesamte Award-Show selbst auf ein strenges Nachhaltigkeits- und Awareness-Konzept setzte – vom veganen Fingerfood der Hobenköök bis zum Upcycling der Pokale – unterstreicht den Anspruch der Szene, Vorreiterin des Wandels zu sein.

Hinter dem Glitzer der Show steckt eine beeindruckende kollektive Kraftanstrengung. Das solidarische Ticketing-System ClubEuro konnte mit 126.221 Euro eine neue Rekordsumme erzielen. Jeder Euro hilft direkt dabei, die vielfältige Infrastruktur aus Booker*innen, Veranstalter*innen und kleinen Bühnen zu erhalten.

Dass mit dem Turtur in Wilhelmsburg zudem ein Gewinner in der Kategorie Bester neuer Club gekürt werden konnte, zeugt von dem ungebrochenen Mut, auch in schwierigen Zeiten neue Räume für ästhetische Erfahrungen zu öffnen. Zum Abschluss des Abends wurde mit einem speziellen Clubkombinat-Bier der Ratsherrn Brauerei angestoßen – pro Flasche fließen künftig 5 Cent zurück in den Verband.

Hamburg hat an diesem Abend bewiesen: Die Clubszene ist kein reiner Wirtschaftsfaktor, sie ist die Herzkammer unserer Stadtidentität. Wenn Quincy von barner16 und die Punk-Band Shitshow die Fabrik zum Kochen bringen, spürt man, dass die musikalische Zuversicht, von der Anna Lafrentz, 1. Vorsitzende des Clubkombinat Hamburg e. V., sprach, keine leere Phrase ist: „Dass wir auch in diesem Jahr einen Award in der Kategorie „Bester neuer Club“ verleihen konnten, ist daher keine Selbstverständlichkeit und verdeutlicht Mut und Willenskraft der Szene.“

Bambi Galore: Der eiserne Vorposten in Billstedt

Wer den Kiez verlässt und sich Richtung Osten begibt, landet irgendwann im Keller des Kulturpalasts Billstedt. Dort, wo der Beton etwas dicker und die Luft etwas bleihaltiger wirkt, schlägt das Herz des Hamburger Metal-Undergrounds: im Bambi Galore. Dass ausgerechnet dieser Club beim öffentlichen Online-Voting zum Lieblingsclub 2025 gekürt wurde, ist die wohl charmanteste Überraschung des Jahres. Es ist ein Sieg der Community über das Marketing.

Das Bambi ist kein Ort für Chichi. Es ist ein Refugium für jene, die ihre Musik laut, ehrlich und handgemacht brauchen. Hier wird nicht nur Metal konsumiert, hier wird er gelebt. Die Auszeichnung als Lieblingsclub unterstreicht, dass eine treue Fanbasis und eine familiäre Atmosphäre oft schwerer wiegen als eine zentrale Lage oder ein durchgestyltes Interieur. Die Billstedter Bühne hat bewiesen, dass sie ein unverzichtbarer Anker für die Subkultur ist – ein Ort, an dem die Kutte mehr zählt als die Kreditkarte. Der Erfolg beim Publikumsvoting ist ein Ritterschlag für das Team, das beweist, dass Hamburgs Musikszene auch in den Randbezirken eine enorme Strahlkraft besitzt.

Frauenmusikzentrum e. V.: Verstärker gegen die gläserne Decke

Während das Bambi den Untergrund feiert, wurde in Ottensen eine Institution geehrt, die seit fast vier Jahrzehnten Pionierarbeit leistet. Das Frauenmusikzentrum (fmz) erhielt den Sonderpreis 2025, und man möchte fast sagen: Endlich. Denn was 1987 als mutiges Experiment begann, ist heute das europaweit erste und wichtigste Netzwerk für FLINTA*-Personen in der Musik.

Das fmz ist weit mehr als nur ein Proberaumkomplex in einem Hinterhof in der Großen Brunnenstraße. Es ist eine Schmiede für Selbstbewusstsein. Hier finden Musiker*innen einen geschützten Raum, um sich an Instrumenten auszuprobieren, Bands zu gründen und sich in technischem Know-how zu professionalisieren – Bereiche, die in der Branche oft noch immer männlich konnotiert sind. Der Sonderpreis würdigt diesen langen Atem. Das fmz bricht strukturelle Hürden auf und sorgt dafür, dass die Geschlechtergerechtigkeit auf den Bühnen der Stadt nicht nur ein Lippenbekenntnis bleibt. Es ist ein Ort des Empowerments, der zeigt, dass die Clubkultur nur dann wirklich lebendig ist, wenn alle die Chance haben, den Regler auf Anschlag zu drehen.

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Kontinuität und Aufbruch https://www.tiefgang.net/kontinuitaet-und-aufbruch/ Sat, 10 Jan 2026 23:17:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13095 [...]]]> Das Arbeitsstipendium für bildende Kunst der Freien und Hansestadt Hamburg gilt seit seiner Einführung im Jahr 1981 als eines der beständigsten Instrumente der lokalen Kulturpolitik.

Mit der Bekanntgabe der zehn Stipendiat*innen für das Jahr 2026 setzt die Behörde für Kultur und Medien ein deutliches Zeichen für die Förderung künstlerischer Exzellenz. Aus insgesamt 223 Bewerbungen wählte eine Fachjury Positionen aus, die das breite Spektrum und die Innovationskraft der Hamburger Kunstszene repräsentieren.

Die Förderung ist mit monatlich 1.500 Euro dotiert und auf eine Laufzeit von einem Jahr angelegt. In einer Zeit, in der prekäre Arbeitsbedingungen oft den künstlerischen Alltag bestimmen, schafft dieses Stipendium die notwendige Basis für eine konzentrierte Auseinandersetzung mit dem eigenen Werk. Die Liste der geförderten Künstler*innen für 2026 liest sich wie ein Querschnitt durch die aktuelle künstlerische Produktion der Stadt: Eda Aslan, Asma Ben Slama, Vedad Divović, Catalina González González, Maik Gräf, Nizan Kasper, Simone Kessler, Kenneth Lin, Lulu MacDonald und Jagrut Raval werden durch die Stadt unterstützt.

Die Auswahl der Jury unterstreicht dabei die mediale Vielfalt, die von klassischer Malerei und Skulptur über Performance und Video bis hin zu komplexen multimedialen Arbeiten reicht. Die inhaltlichen Schwerpunkte bewegen sich zwischen rein ästhetischen Diskursen, gesellschaftlichen Fragestellungen und wissenschaftlichen Grenzgängen. Kultursenator Dr. Carsten Brosda sieht in dieser Förderung eine wesentliche Investition in die Freiheit der Kunst, die als Grundlage einer offenen Gesellschaft fungiert.

Ein Blick auf die Gegenwart: Future Continuous im Kunsthaus

Welche Früchte diese Form der Unterstützung trägt, lässt sich derzeit im Kunsthaus Hamburg beobachten. Unter dem Titel Future Continuous präsentiert dort der aktuelle Stipendienjahrgang 2025 seine Ergebnisse. Die Ausstellung fungiert als wichtiges Bindeglied zwischen der individuellen Atelierarbeit und der öffentlichen Sichtbarkeit. Sie macht deutlich, wie nachhaltig das Programm über die Jahrzehnte gewirkt hat – immerhin wurden seit dem Bestehen des Programms bereits über 450 Künstler*innen auf ihrem Weg begleitet.

Die gezeigten Arbeiten im Kunsthaus zeugen von einer hohen konzeptionellen Dichte. Die Verbindung von finanzieller Absicherung und der abschließenden musealen Präsentation inklusive Katalog bietet den Stipendiat*innen eine Plattform, die weit über die Grenzen Hamburgs hinausstrahlt. Die aktuelle Präsentation des Jahrgangs 2025 ist noch bis zum 25. Januar 2026 zu sehen und markiert den Übergang zu der nun neu ausgewählten Generation an Kunstschaffenden.

Profile der Stipendiat*innen 2026

Eda Aslan setzt sich in ihrer künstlerischen Praxis intensiv mit der Geschichte und dem Gedächtnis von Orten auseinander. Sie nutzt oft architektonische Spuren und Archivmaterialien, um Installationen zu schaffen, die verborgene Narrative und räumliche Erinnerungskultur thematisieren.

Asma Ben Slama nutzt die Medien Video und Fotografie, um soziale Gefüge und Identitätsfragen zu untersuchen. Ihre Arbeiten zeichnen sich durch eine präzise Beobachtung der Wechselwirkungen zwischen individuellen Lebensentwürfen und gesellschaftlichen Strukturen aus.

Vedad Divović arbeitet primär im Bereich der Skulptur und Installation. Er transformiert alltägliche Materialien und Objekte in neue formale Zusammenhänge, wobei er Fragen nach der Dauerhaftigkeit und der materiellen Beschaffenheit von Kunst stellt.

Catalina González González verfolgt einen multimedialen Ansatz, der Video, Fotografie und Installation verbindet. Ein zentrales Motiv ihrer Forschung sind politische Geografien sowie die ökologischen Veränderungen von Landschaften unter menschlichem Einfluss.

Maik Gräf bewegt sich im Spannungsfeld von Fotografie, Video und Performance. Durch Inszenierungen und den Einsatz des eigenen Körpers untersucht Gräf kritisch Konstruktionen von Identität, Männlichkeit und gesellschaftlichen Rollenbildern.

Nizan Kasper arbeitet an der Schnittstelle von Film, Video und Performance. Die künstlerische Arbeit konzentriert sich auf die Erforschung von Zeitlichkeit, Rhythmus und der physischen Präsenz von Körpern innerhalb medialer und technischer Räume.

Simone Kessler entwickelt raumgreifende und oft ortsspezifische Installationen. Ihre Werke nutzen häufig Licht, Luft oder vergängliche Materialien, um Naturphänomene zu abstrahieren und die sinnliche Wahrnehmung der Besucher*innen herauszufordern.

Kenneth Lin verfolgt konzeptuelle Ansätze, die er vorwiegend in der Malerei und Grafik realisiert. Dabei untersucht er die materiellen Grenzen der jeweiligen Medien sowie das Verhältnis zwischen abstrakter Form und symbolischer Bedeutung.

Lulu MacDonald schafft skulpturale Werke, die durch eine eigenwillige Materialästhetik und organische Formensprache bestechen. Sie experimentiert mit Wachstumsprozessen und Materialien aus der Natur, um Themen wie Transformation und Vergänglichkeit zu visualisieren.

Jagrut Raval ist ein interdisziplinär arbeitender Künstler, dessen Portfolio Fotografie, Video und großformatige Installationen umfasst. Seine Werke beschäftigen sich häufig mit der Relativität von Zeit, historischen Wahrheiten und der menschlichen Wahrnehmung.

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Jenseits des Metronoms https://www.tiefgang.net/jenseits-des-metronoms/ Fri, 28 Nov 2025 23:40:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12927 [...]]]> Die Spitze des deutschen Jazz-Nachwuchses erhält neue Impulse: Mit der Berufung von Jörn Marcussen-Wulff zum Künstlerischen Leiter des Bundesjazzorchesters (BuJazzO) festigt sich eine bemerkenswerte Verbindung zur norddeutschen Musikszene.

Ab Januar 2026 wird Marcussen-Wulff, bekannt als Komponist, Arrangeur und Posaunist, das renommierte Ensemble in einer Doppelspitze gemeinsam mit Theresia Philipp leiten.

Was die Personalie besonders hervorhebt, ist die gemeinsame Schnittmenge in der Jugendförderung: Beide Künstlerpersönlichkeiten haben eine enge Bindung zum Landesjugendjazzorchester Hamburg (LJJO HH). Marcussen-Wulff steht dem LJJO HH derzeit als Künstlerischer Leiter vor, während Theresia Philipp, die bereits seit Anfang 2025 Teil des BuJazzO-Leitungsteams ist, ebenfalls eng mit der Hamburger Kaderschmiede verbunden war. Die Kontinuität an der Spitze des BuJazzO wird damit von Persönlichkeiten geprägt, die die Entwicklung von Talenten aus der anspruchsvollen Arbeit des Landesjugendjazzorchesters kennen.

Vom NDR bis zur Grammy-Nominierung

Jörn Marcussen-Wulff, der seinen Lebensmittelpunkt in Hannover hat, bringt eine außergewöhnliche Bandbreite an Erfahrung mit ins BuJazzO. Er ist Dozent für Komposition, Arrangement, Jazz-Theorie und Bigband an den Hochschulen in Weimar und Hannover. Darüber hinaus arbeitet er regelmäßig für führende Large Ensembles wie die NDR Bigband, das Metropole Orkest oder das Cologne Contemporary Jazz Orchestra.

Seine Musik steht für den neuen Zeitgeist europäischer Bigband-Arrangeure, die Konventionen aus dem Weg gehen und ihre eigene musikalische Sprache und ihren Ausdruck im Format Jazzorchester suchen und finden. Ein deutlicher Beleg für seine internationale Relevanz ist seine Beteiligung an erfolgreichen Veröffentlichungen, wie dem Album „If you really want“ von Raul Midón & dem Metropole Orkest, das sogar für einen Grammy nominiert wurde. Diese Vita, ergänzt durch Engagements wie die Teilnahme am renommierten Metropole Orkest Arrangers Workshop, belegt die kreative und professionelle Tiefe, die er nun in das BuJazzO einbringen wird.

Die Jury zeigte sich in ihrer Entscheidung überzeugt von den Konzepten Marcussen-Wulffs. Henning Vetter, Projektleiter des Bundesjazzorchesters, betonte, man freue sich sehr, mit Marcussen-Wulff eine „kreative, engagierte Persönlichkeit für die Künstlerische Leitung gewonnen“ zu haben, die zusammen mit Theresia Philipp „neue Impulse setzen [wird], die das BuJazzO für die Zukunft stärken.“

Dabei geht es dem neuen Leiter um mehr als nur um musikalische Exzellenz. Jörn Marcussen-Wulff legt Wert auf eine ganzheitliche Ausbildung der jungen Musiker*innen. Er äußerte sich dazu wie folgt: „Ich empfinde es als große Ehre, zusammen mit Theresia Philipp die Künstlerische Leitung des Bundesjazzorchesters zu übernehmen und die Entwicklung dieses Ausnahmeensembles in Zukunft mit prägen zu dürfen. Es ist eine große Bereicherung für mich, diese jungen Menschen ein Stück weit auf ihrem musikalischen Weg zu begleiten und mit ihnen gemeinsam in und an diesem besonderen Jazzorchester zu arbeiten.“

Besonders wichtig sei ihm dabei die Vermittlung erweiterter Kompetenzen: „Ich hoffe, dass ich den jungen Talenten mit meinen Erfahrungen und Ideen nicht nur künstlerisch weiterhelfen werde, sondern ihnen vermitteln kann, dass aus meiner Sicht noch viele weitere Themen wie zum Beispiel eine zeitgemäße Musikvermittlung oder ‚der Blick über den eigenen Tellerrand‘ zum Selbstverständnis eines/einer professionellen Musikschaffenden gehören“, führte Marcussen-Wulff aus. Dieses Engagement für die Jazz-Kultur zeigt sich auch in seinem ehrenamtlichen Wirken als 1. Vorsitzender der Jazzmusiker Initiative Hannover e.V. und als Preisträger des „Leinestern 2021“.

Mit Marcussen-Wulff und Philipp, zwei profilierten Köpfen, die die Herausforderungen der Jugendförderung und die Ansprüche der professionellen Szene aus erster Hand kennen, scheint das BuJazzO bestens gerüstet, um seine Rolle als wichtigste Nachwuchsschmiede des deutschen Jazz erfolgreich fortzusetzen.

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