Projekte – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Wed, 01 Apr 2026 14:51:32 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.5 Die ‚Weltmeisterschaft der Computermusik‘ https://www.tiefgang.net/die-weltmeisterschaft-der-computermusik/ Sat, 04 Apr 2026 22:50:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13565 [...]]]> Im Mai kann man erleben, wie Algorithmen tanzen lernen und der Hamburger Süden zum globalen Epizentrum einer Kunstform wird, die Mensch und Maschine auf faszinierende Weise vereint.

Wenn im kommenden Monat internationale Koryphäen der Computermusik von Boston und Shanghai nach Harburg pilgern, verwandelt sich der Binnenhafen in ein digitales Labor. Denn die ICMC (International Computer Music Conference) ist die weltweit bedeutendste Konferenz für Computermusik, findet seit über 50 Jahren statt und kommt dieses Jahr in den Süden Hamburgs.

Wer in diesen Tagen über die Brücken des Harburger Binnenhafens spaziert, spürt schon eine eigentümliche Elektrizität in der Luft. Dort, wo normalerweise rauer Industrie-Charme auf hanseatische Gelassenheit trifft, landet im Mai 2026 ein internationales Schwergewicht. Die ICMC, das weltweit bedeutendste Treffen für die Schnittstelle von Klang und Code, schlägt ihre Zelte südlich der Elbe auf.

Man muss sich das Ausmaß kurz vor Augen führen: In den vergangenen Jahrzehnten residierte diese Konferenz – die man getrost als „Weltmeisterschaft der Computermusik“ bezeichnen kann – in Metropolen wie Boston, Shanghai, Berlin oder Daegu. Dass sie nun in Harburg Station macht, gleicht der Landung eines hochmodernen UFOs inmitten historischer Backsteinspeicher. Plötzlich mischen sich unter die Pendler*innen am Bahnhof internationale Gäste aus aller Welt: Koryphäen der algorithmischen Komposition und Wissenschaftler*innen, die über die Zukunft der künstlichen Intelligenz in der Kunst debattieren.

„Harburg wird im kommenden Mai zu einem internationalen Hub für Musiker*innen, Wissenschaftler*innen und Interessierte“, heißt es in der Mitteilung der Organisator*innen – und wer dann erste Klanginstallationen schon zwischen den Gleisen des Harburger Bahnhofs hört, wird ahnen, dass dies keine Übertreibung ist.

Was ist eigentlich Computermusik?

Doch was verbirgt sich eigentlich hinter diesem sperrigen Begriff? Wer bei Computermusik nur an stumpfe Techno-Beats oder piepsende Gameboys denkt, greift zu kurz. Die ICMC 2026 widmet sich der hohen Kunst der Verschmelzung von Mensch und Maschine. Es geht um Musik, die ohne den digitalen Rechenprozess nicht denkbar wäre – aber dennoch tief emotionale und physische Erfahrungen ermöglicht.

Unter dem Motto „Innovation, Translation, Participation“ wird die Grenze zwischen Bühne und Publikum aufgelöst. Es geht um Instrumente, die allein durch Handbewegungen in der Luft klingen (wie das legendäre Theremin), um VR-Brillen, die uns in begehbare Klangwelten entführen, und um Algorithmen, die in Echtzeit auf die Impulse von Musiker*innen reagieren. Der künstlerische Leiter, Prof. Dr. Georg Hajdu, betont das Ziel dieser Reise: „Die ICMC soll nicht im Elfenbeinturm stattfinden, sondern die große Öffentlichkeit in die neuesten Entwicklungen in der Computermusik einbeziehen.“ Es ist also auch ein Einladungsschreiben an alle Neugierigen, die wissen wollen, wie die Welt von morgen klingt, wenn wir den Computer als Partner im kreativen Prozess begreifen.

Das Labor am Kai: Das Ligeti Zentrum

Dass die Weltelite der Computermusik nun hier zusammenkommt, ist kein Zufall – und doch fühlt es sich wie ein glücklicher Geniestreich der Stadtplanung an. Der Dreh- und Angelpunkt ist das Ligeti Zentrum, ein interdisziplinäres Laboratorium, das erst vor wenigen Jahren im Veritasspeicher des Harburger Binnenhafens seine Zelte aufgeschlagen hat. In den obersten Etagen, mit bestem Blick über den Hafen bis hin zur Elbphilharmonie, wird hier seitdem an neuen Ideen gefeilt.

Der Namensgeber György Ligeti, einer der bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts und langjähriger Professor an der Hamburger Musikhochschule, war ein Visionär. Seine Musik – weltbekannt durch Stanley Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum – suchte stets nach dem technisch Machbaren. Dieser Geist lebt nun in Harburg weiter. Die Ansiedlung des Zentrums war ein strategischer Glücksfall: Es fungiert als Brücke zwischen der Technischen Universität Hamburg (TUHH) und der Hochschule für Musik und Theater (HfMT). Gemeinsam mit dem Universitätsklinikum Eppendorf  (UKE ) und der Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW) ist hier ein Kraftzentrum entstanden, das Technik nicht ohne Kunst denkt.

„Das Ligeti Zentrum ist ein Ort, an dem die Grenzen zwischen den Disziplinen schmelzen“, beschreibt das Team die Mission auf der Webseite.

Das Programm der Kontraste:

Den feierlichen Auftakt macht am So., 10. Mai 2026 um 19.30 Uhr die Elbphilharmonie (Platz der Deutschen Einheit 4). Im Kleinen Saal zeigt das renommierte Ensemble Resonanz, wie digitale Präzision auf die Wärme von Streichinstrumenten trifft. Das Programm reicht von Alexander Schuberts choreographierter Komposition Scanners bis hin zu Clarence Barlows Klassiker Im Januar am Nil.

Doch nach dem glitzernden Start wendet das digitale UFO über der Elbe und nimmt Kurs auf Harburg. Während die Fachwelt in der Friedrich-Ebert-Halle (Alter Postweg 34) und der TUHH tagt, wird die Hölertwiete (Fußgängerzone, 21073 Hamburg) zum lebendigen Festivalzentrum der Off-ICMC. Hier sickert die Musik förmlich in die Straßen ein.

Highlights zum Miterleben

Das Begleitprogramm macht die digitale Kunst nahbar. Hier eine Auswahl für den Terminkalender:

  • So., 10. bis 27. Mai, Kunstverein Harburger Bahnhof (Hannoversche Str. 85): Die Ausstellung Transition | Tension | Potential verwandelt den Übergang zwischen Gleis 3 und 4 in einen Kunstraum.
  • Di., 12. Mai, 19.30 Uhr, Kultur Palast Harburg (Rieckhoffstraße 12): Beim Science-Slam Strg+Alt+Musik präsentieren Forscher*innen ihre Arbeit kurzweilig und mit Tempo.
  • Mi., 13. Mai, 12 bis 14 Uhr: Ein spezieller Proben- und Konzertbesuch für Familien erlaubt exklusive Einblicke hinter die Kulissen.
  • Mi., 13. Mai, 19.30 Uhr, Stellwerk Hamburg (Hannoversche Straße 85): Der Kontrabassist Florentin Ginot zeigt seine audiovisuelle Performance Disturbance.
  • Do., 14. Mai, 16 Uhr, TUHH (Am Irrgarten 3-9): Robert Cole Rizzi lädt zum Klangspaziergang Die Kunst des Zuhörens ein.
  • Do., 14. Mai, 18 Uhr, Hölertwiete: Das Körperfunkkollektiv verwandelt die Fußgängerzone mit dem Radioballett Fragment in eine interaktive Tanzzone.
  • Do., 14. Mai, 19 Uhr, ehemaliges Karstadt-Gebäude (Herbert-und-Greta-Wehner-Platz): Internationale Kreative Film- & Medien-Highlights beleuchten die Leinwandkunst.
  • Fr., 15. Mai, 19.30 Uhr, Ligeti Zentrum (Veritakskai 1): Die experimentelle Lesung Harburg. Das Buch verwebt Texte von Bärbel Wegner mit Klängen von Clara Nebel.
  • Fr., 15. Mai, ab 18.30 Uhr, Soundbar (Hölertwiete): Drinks und Jam-Sessions unter dem Motto Sono, ergo sum.
  • Sa., 16. Mai, 22 Uhr, Stellwerk (im BHf. HH-Harburg, Hannoversche Str. 85): Die ICMC Closing Night lässt die internationale Woche mit elektronischen Live-Sets ausklingen.

Harburg wird im Mai mal wieder beweisen, dass es weit mehr ist als ein Industriestandort. Es ist der Ort, an dem die Zukunft der Musik programmiert wird. Wer neugierig ist, wie die Welt von morgen klingt, sollte den Sprung über die Elbe nun auch ins Digitale wagen.

Alle Informationen und das vollständige Programm finden Sie unter: icmc2026.ligeti-zentrum.de

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Kontinuität und Aufbruch https://www.tiefgang.net/kontinuitaet-und-aufbruch/ Sat, 10 Jan 2026 23:17:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13095 [...]]]> Das Arbeitsstipendium für bildende Kunst der Freien und Hansestadt Hamburg gilt seit seiner Einführung im Jahr 1981 als eines der beständigsten Instrumente der lokalen Kulturpolitik.

Mit der Bekanntgabe der zehn Stipendiat*innen für das Jahr 2026 setzt die Behörde für Kultur und Medien ein deutliches Zeichen für die Förderung künstlerischer Exzellenz. Aus insgesamt 223 Bewerbungen wählte eine Fachjury Positionen aus, die das breite Spektrum und die Innovationskraft der Hamburger Kunstszene repräsentieren.

Die Förderung ist mit monatlich 1.500 Euro dotiert und auf eine Laufzeit von einem Jahr angelegt. In einer Zeit, in der prekäre Arbeitsbedingungen oft den künstlerischen Alltag bestimmen, schafft dieses Stipendium die notwendige Basis für eine konzentrierte Auseinandersetzung mit dem eigenen Werk. Die Liste der geförderten Künstler*innen für 2026 liest sich wie ein Querschnitt durch die aktuelle künstlerische Produktion der Stadt: Eda Aslan, Asma Ben Slama, Vedad Divović, Catalina González González, Maik Gräf, Nizan Kasper, Simone Kessler, Kenneth Lin, Lulu MacDonald und Jagrut Raval werden durch die Stadt unterstützt.

Die Auswahl der Jury unterstreicht dabei die mediale Vielfalt, die von klassischer Malerei und Skulptur über Performance und Video bis hin zu komplexen multimedialen Arbeiten reicht. Die inhaltlichen Schwerpunkte bewegen sich zwischen rein ästhetischen Diskursen, gesellschaftlichen Fragestellungen und wissenschaftlichen Grenzgängen. Kultursenator Dr. Carsten Brosda sieht in dieser Förderung eine wesentliche Investition in die Freiheit der Kunst, die als Grundlage einer offenen Gesellschaft fungiert.

Ein Blick auf die Gegenwart: Future Continuous im Kunsthaus

Welche Früchte diese Form der Unterstützung trägt, lässt sich derzeit im Kunsthaus Hamburg beobachten. Unter dem Titel Future Continuous präsentiert dort der aktuelle Stipendienjahrgang 2025 seine Ergebnisse. Die Ausstellung fungiert als wichtiges Bindeglied zwischen der individuellen Atelierarbeit und der öffentlichen Sichtbarkeit. Sie macht deutlich, wie nachhaltig das Programm über die Jahrzehnte gewirkt hat – immerhin wurden seit dem Bestehen des Programms bereits über 450 Künstler*innen auf ihrem Weg begleitet.

Die gezeigten Arbeiten im Kunsthaus zeugen von einer hohen konzeptionellen Dichte. Die Verbindung von finanzieller Absicherung und der abschließenden musealen Präsentation inklusive Katalog bietet den Stipendiat*innen eine Plattform, die weit über die Grenzen Hamburgs hinausstrahlt. Die aktuelle Präsentation des Jahrgangs 2025 ist noch bis zum 25. Januar 2026 zu sehen und markiert den Übergang zu der nun neu ausgewählten Generation an Kunstschaffenden.

Profile der Stipendiat*innen 2026

Eda Aslan setzt sich in ihrer künstlerischen Praxis intensiv mit der Geschichte und dem Gedächtnis von Orten auseinander. Sie nutzt oft architektonische Spuren und Archivmaterialien, um Installationen zu schaffen, die verborgene Narrative und räumliche Erinnerungskultur thematisieren.

Asma Ben Slama nutzt die Medien Video und Fotografie, um soziale Gefüge und Identitätsfragen zu untersuchen. Ihre Arbeiten zeichnen sich durch eine präzise Beobachtung der Wechselwirkungen zwischen individuellen Lebensentwürfen und gesellschaftlichen Strukturen aus.

Vedad Divović arbeitet primär im Bereich der Skulptur und Installation. Er transformiert alltägliche Materialien und Objekte in neue formale Zusammenhänge, wobei er Fragen nach der Dauerhaftigkeit und der materiellen Beschaffenheit von Kunst stellt.

Catalina González González verfolgt einen multimedialen Ansatz, der Video, Fotografie und Installation verbindet. Ein zentrales Motiv ihrer Forschung sind politische Geografien sowie die ökologischen Veränderungen von Landschaften unter menschlichem Einfluss.

Maik Gräf bewegt sich im Spannungsfeld von Fotografie, Video und Performance. Durch Inszenierungen und den Einsatz des eigenen Körpers untersucht Gräf kritisch Konstruktionen von Identität, Männlichkeit und gesellschaftlichen Rollenbildern.

Nizan Kasper arbeitet an der Schnittstelle von Film, Video und Performance. Die künstlerische Arbeit konzentriert sich auf die Erforschung von Zeitlichkeit, Rhythmus und der physischen Präsenz von Körpern innerhalb medialer und technischer Räume.

Simone Kessler entwickelt raumgreifende und oft ortsspezifische Installationen. Ihre Werke nutzen häufig Licht, Luft oder vergängliche Materialien, um Naturphänomene zu abstrahieren und die sinnliche Wahrnehmung der Besucher*innen herauszufordern.

Kenneth Lin verfolgt konzeptuelle Ansätze, die er vorwiegend in der Malerei und Grafik realisiert. Dabei untersucht er die materiellen Grenzen der jeweiligen Medien sowie das Verhältnis zwischen abstrakter Form und symbolischer Bedeutung.

Lulu MacDonald schafft skulpturale Werke, die durch eine eigenwillige Materialästhetik und organische Formensprache bestechen. Sie experimentiert mit Wachstumsprozessen und Materialien aus der Natur, um Themen wie Transformation und Vergänglichkeit zu visualisieren.

Jagrut Raval ist ein interdisziplinär arbeitender Künstler, dessen Portfolio Fotografie, Video und großformatige Installationen umfasst. Seine Werke beschäftigen sich häufig mit der Relativität von Zeit, historischen Wahrheiten und der menschlichen Wahrnehmung.

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Hamburgs Programm der Vielstimmigkeit https://www.tiefgang.net/hamburgs-programm-der-vielstimmigkeit/ Mon, 05 Jan 2026 10:42:53 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13084 [...]]]> Hamburg ist keine Monokultur, sondern vielmehr ein Remix, ein fortlaufendes Gespräch zwischen Kontinenten, Traditionen und mutigen Neuentwürfen. Dass dieses Gespräch nicht im privaten Raum verhallt, sondern auf die großen und kleinen Bühnen der Stadt drängt, ist auch eine Frage der politischen Prioritäten.

Für das Jahr 2026 setzt die Behörde für Kultur und Medien wieder ein deutliches Zeichen: Mit über 500.000 Euro wird der interkulturelle Austausch gefördert. Es geht um Sichtbarkeit, um das Aufbrechen von Stereotypen und um die Unterstützung von Teams, die mit unterschiedlichen Hintergründen das kulturelle Herz der Stadt zum Schlagen bringen.

Kultursenator Carsten Brosda bringt es auf den Punkt: In diesem Jahr werden künstlerisch Geschichten erzählt, die ansonsten im Verborgenen blieben. Dabei reicht das Spektrum von den Köch*innen in unseren Restaurants über queere Tänzer*innen aus dem Iran bis hin zu afghanischen Musiker*innen. Es ist ein Bekenntnis zu einer diversen Gesellschaft, die ihre Kraft aus der Vielfalt ihrer Perspektiven zieht.

Strukturell wird dieses Engagement durch das Interkulturelle Forum untermauert, das seit Beginn 2026 unter der Koordination der erfahrenen Kulturproduzentin Elena Leskova steht. Sie wird für mindestens zwei Jahre die Vernetzung der interkulturellen Szene vorantreiben und ein Mentoring Programm für Künstler*innen mit Migrationshintergrund etablieren. Hier wird Professionalisierung großgeschrieben, damit Kreativität nicht an bürokratischen Hürden scheitert.

Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der Projektförderung, für die eine Fachjury, bestehend aus Melisa Bel Adasme, Sam Schulz und Adnan Softić, insgesamt 100.000 Euro an 13 wegweisende Projekte vergeben hat. Eines dieser Vorhaben ist der Animationsfilm Küchenklänge von Zeynep Sıla Demircioğlu, der mit 10.000 Euro unterstützt wird und den oft überhörten Rhythmus und die Biografien in den Gastronomiebetrieben der Stadt einfängt. Ebenfalls mit 10.000 Euro gefördert wird das Musikfestival Hastam – Just because I am! der Stiftung Bürgerhaus Wilhelmsburg, ein kraftvolles Statement für Selbstbehauptung und musikalische Freiheit südlich der Elbe.

Für den Bezirk Harburg und die angrenzenden südlichen Stadtteile gibt es besonders spannende Nachrichten. Der Afrikanische Frühling 2026, organisiert von Terra Africa e.V., wird mit 6.000 Euro gefördert. Dieser Verein ist ein fester Anker in der Harburger Kulturlandschaft und schafft es immer wieder, globale Diskurse und afrikanische Kunst direkt in den Bezirk zu bringen, um dort neue Begegnungsräume zu öffnen. Auch der Black History Month Hamburg 2026, der mit der höchsten Einzelsumme von 15.000 Euro bedacht wird, weist traditionell starke Berührungen mit Harburg auf. Durch dezentrale Veranstaltungen und Kooperationen sorgt die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland dafür, dass afrodiasporische Geschichte und Gegenwart auch im Hamburger Süden eine Bühne finden, die weit über den Elbtunnel hinaus strahlt.

In der Hamburger Innenstadt und im Schanzenviertel setzt M.Bassy mit der Ausstellung A Brownie Hawkeye von Gwendolyn Phillips Akzente. Die mit 8.000 Euro geförderte Schau nutzt die Ästhetik alter Kameras, um neue Blicke auf die Community zu werfen. Yolanda Gutierrez wiederum erhält 9.000 Euro für ihren Soundwalk BISMARCK-DEKOLONIAL reloaded, eine performative Auseinandersetzung mit den kolonialen Spuren im Stadtbild. Weitere Förderungen fließen in Projekte wie die Tanzperformance Silence Movement von Parichehr Bijani (6.500 Euro), die Film-Workshops Archives of Identity von Razi Uddin (5.850 Euro) oder das Symposium Art meets Technik von fluxus2 (5.000 Euro). Auch das Theaterstück Le monde est fou! von Isabelle McEwen (6.000 Euro), das Kiosk Festival NOGOODS von Danja Burchard (7.000 Euro), das Nachbarschaftsprojekt Schutzmantel von Razan Al-Sabbagh in Kooperation mit dem Goldbekhaus (6.000 Euro) sowie das Tanzprojekt Sangam: India Beyond Stereotypes von Akshatha Ramesh (5.650 Euro) bereichern das Programm.

Ergänzt wird diese Projektvielfalt durch die Festivalförderung aus der Kultur- und Tourismustaxe, die insgesamt 455.000 Euro umfasst. Hier wurden die Mittel teilweise deutlich aufgestockt. Das Festival fluctoplasma – 96 Stunden Kunst. Diversität. Diskurs. erhält nun 100.000 Euro, was einer Steigerung um 40.000 Euro entspricht. Das MUT! Theater darf sich für sein deutsch-türkisches Theaterbrücken-Festival über eine Erhöhung auf 20.000 Euro freuen. Große Institutionen wie das KRASS Kultur Crash Festival (150.000 Euro), die Altonale/STAMP (115.000 Euro) und das Programm in:szene der W3 – Werkstatt für internationale Kultur und Politik (70.000 Euro) bleiben unverzichtbare Säulen einer Stadt, die verstanden hat, dass Kulturpolitik immer auch Gesellschaftspolitik ist.

Hamburg zeigt sich also auch 2026 neugierig, beweglich und bereit, den Vorhang für all jene zu öffnen, die unsere Stadt so unverwechselbar machen.

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Hilfe für Harburgs Kreative https://www.tiefgang.net/hilfe-fuer-harburgs-kreative/ Sat, 03 Jan 2026 15:10:55 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13079 [...]]]> Das Netzwerk SuedKultur schickt jetzt einen Rettungsanker in Form von Beratungsgutscheinen aus, damit aus kleinen Fehlern keine großen Krisen werden.

Denn: Kreativität braucht Freiheit, aber sie braucht auch ein Fundament. In Harburg wissen wir: Die besten Ideen entstehen oft in kleinen Vereinen oder bei engagierten Einzelpersonen. Doch wer sich zwischen Urheberrecht, Künstlersozialkasse und Steuerrecht verheddert, verliert schnell die Lust am Gestalten.

Es ist ein altbekanntes Problem: Jurist*innen und Steuerberater*innen kosten Geld, das in der freien Kulturszene oft an allen Ecken fehlt. Die Folge? Wichtige Entscheidungen werden auf Basis von Halbwissen getroffen. Das ist gefährlich. SuedKultur-Sprecher Jan Schröder bringt es auf den Punkt: Wer einmal schlecht beraten wurde, kommt nur schwer wieder auf die Beine.

Um genau diese finanzielle Barriere einzureißen, stellt das Netzwerk in Kooperation mit der Harburger Politik ein Budget von 5.000 Euro für das Jahr 2026 bereit. Das Ziel ist klar: Rechtssicherheit schaffen, damit die Kunst im Vordergrund stehen kann.

Ab sofort können Kulturschaffende aller Sparten im Bezirk Harburg – egal ob Solokünstler*innen, Gruppen oder Vereine – einen der rund 15 Beratungsgutscheine ergattern. Jeder Gutschein hat einen Wert von bis zu 300 Euro und sichert eine professionelle Erstberatung.

Das Verfahren ist erfreulich unbürokratisch:

  1. Konkretes Problem benennen.
  2. Vertraulich an kontakt@sued-kultur.de wenden.
  3. Gemeinsam passende Expert*innen finden.
  4. Beratung wahrnehmen und Rechnung zur Erstattung einreichen.

Wer zuerst kommt, mahlt zuerst

Einziger Haken: Das Kontingent ist begrenzt. Da es nur 15 dieser Gutscheine gibt, heißt es jetzt: Schnell sein! Sobald das Budget ausgeschöpft ist, wird dies über das Netzwerk bekannt gegeben.

SuedKultur beweist mit dieser Aktion einmal mehr, dass es das Rückgrat der Harburger Kulturszene ist. Es geht nicht nur um glanzvolle Events wie die Music-Night, sondern um die harte Basisarbeit, die das kulturelle Überleben im Hamburger Süden erst möglich macht. Also: Sichert euch diese Unterstützung und lasst euch nicht von Paragrafen ausbremsen!

Kontakt und Infos: E-Mail: kontakt@sued-kultur.de Web: www.sued-kultur.de

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Bau ist nicht gleich Bau https://www.tiefgang.net/bau-ist-nicht-gleich/ Fri, 19 Dec 2025 23:26:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13044 [...]]]> Es erscheint Jahr für Jahr und wird nicht langweilig. Eben deswegen nicht. Das Jahrbuch der Hamburger Architektur.

Da liegt es nun, ein echtes Schwergewicht für den Nachttisch und den Kopf. Am 8. Dezember 2025 ist es im Junius Verlag gelandet: Architektur in Hamburg, das Jahrbuch 2025/26. Für 48 Euro bekommt man 216 Seiten geballte Baukultur, brillant bebildert und scharfzüngig analysiert. Es ist die Art von Buch, die man aufschlägt, wenn man wissen will, wie Hamburg wirklich tickt – jenseits der Hochglanzprospekte der Projektentwickler*innen.

Die Herausgeber Claas Gefroi und Ullrich Schwarz haben mal wieder ganze Arbeit geleistet. Gefroi, der als Referent der Architektenkammer und Architekturkritiker genau weiß, wo der Putz bröckelt, und der erfahrene Dr. Ullrich Schwarz führen uns durch ein Panorama, das von der Elbe bis in die City Nord reicht. Das aktuelle Porträt widmet sich dem Büro LRW Architekten, während der historische Blick den Architekten und scharfzüngigen Kritiker Hermann Funke ehrt. Ein toller Kontrast, der zeigt, dass Hamburgs Baukultur schon immer von klugen Köpfen und kritischen Geistern begleitet wurde.

Besonders spannend für alle, die nach frischem Wind suchen: In der Rubrik Positionen junger Büros stellt das Team die Arbeiten von KOSMO vor. Das macht Hoffnung, denn neben den großen Mammutprojekten braucht die Stadt genau diese neugierige, unverbrauchte Perspektive.

Das Jahrbuch legt den Finger genau in die Wunde, die auch das Opernprojekt von Klaus-Michael Kühne aufreißt. Die Kritik am Westfield Hamburg Überseequartier im Buch liest sich wie ein prophetisches Echo auf die Bedenken gegenüber der neuen Oper am Baakenhöft. Wenn im Jahrbuch konstatiert wird, dass das Überseequartier eher dem Markt als den Menschen dient, stellt das für uns alle die Frage: Vergeben wir mit der neuen Oper eine historische Chance?

Das Hamburger Feuilleton im Buch geht genau hier in die Tiefe. Es verknüpft Hafenentwicklung mit Stadtplanung und fragt nach dem Stand der Wettbewerbskultur. Ist ein Geschenk wie das von Kühne, das mit einem fertigen Architekturentwurf von BIG daherkommt, überhaupt noch ein echter Wettbewerb? Oder opfern wir die städtebauliche Heterogenität, die das Jahrbuch so wortstark verteidigt, dem Prestige eines einzelnen Mäzens?

Auch ohnedies geht ein Beitrag von Matthias Gretzschel um das Thema, dass es immer seltener offene Wettbewerbe in Hamburgs Architekturbranche zu vermelden gibt. Auch wenn es teils aufwendiger sein mag, so ist doch auch spürbar, dass es aktuell an Ideen, ganz anderen Sicht- und folglich Bauweisen mangelt. Dass der Süden Hamburgs gar nicht erst im Buch vertreten ist, es aber auch schon Bauten außerhalb Hamburgs bedarf, um ungewöhnliche Architekturen zu besprechen, mag ein und dieselbe Medaille darstellen, die hoffnungsweise an Glanz nicht verlieren wird.

Aber das Buch feiert eben auch die kleinen Siege der Baukunst. Es führt uns zur Parabel, dem neuen Kunstzentrum in der ehemaligen Nikodemuskirche – ein genialer Schachzug von WRS Architekten. Wir entdecken das Fischerhaus in Blankenese und die Scheune am Jenischpark, die zeigen, wie behutsam und liebevoll Denkmalschutz sein kann. Und wer hätte gedacht, dass eine Erweiterung der Bibliothek an der HfbK oder der Eingangspavillon der Energiewerke so viel ästhetische Kraft entfalten können? Sogar der Gigant aus der City Nord, das Signal Iduna Haus Kap5 (wegen des Kapstadtrings, an dem der Bau liegt), bekommt seinen Platz.

Das Jahrbuch 2025/26 ist ein Weckruf an alle Hamburger*innen. Es erinnert uns daran, dass wir die Gestaltung unserer Stadt nicht allein dem Markt überlassen dürfen. Wir brauchen eine Architektur, die Geschichten erzählt und die Geschichte des Ortes respektiert – so wie es das Projekt in Kirchwerder vormacht. Wenn wir über die neue Oper diskutieren, sollten wir dieses Buch als Kompass nutzen. Es ist eine Einladung, neugierig zu bleiben, Fragen zu stellen und den Mut zu haben, auch von einem milliardenschweren Geschenk mehr zu verlangen als nur eine hübsch begrünte Fassade. Es geht um unsere Identität, und die ist unbezahlbar.

Architektur in HamburgJahrbuch 2025/26, 216 S., ISBN 978-3-96060-599-7; Preis: 48,00 €

www.junius-verlag.de

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Unterrichtsfach ´Straßennamen` https://www.tiefgang.net/unterrichtsfach-strassennamen/ Fri, 05 Dec 2025 23:28:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12976 [...]]]> Die Debatte um Hamburgs koloniale Straßennamen ist festgefahren, laut und meistens auf der Straße oder in politischen Gremien zu Hause. Nicht aber im Unterricht.

Denn was passiert, wenn die Diskussion nicht im Rathaus, sondern direkt am Schul-Rechner beginnt? Die Stadt zieht die Auseinandersetzung nun mitten in den Unterricht – und holt sich dafür Expertise aus dem Hamburger Süden.

Mit „Museana“ startet ein digitales Bildungsangebot, das Lehrkräften multimediale, fundierte Materialien an die Hand gibt. Es ist ein Versuch, die Vergangenheit nicht nur zu beleuchten, sondern sie aktiv in die Gegenwart zu zerren.

Es geht um große, komplexe Fragen: Die Rolle der Hamburger Kauffamilien, der globale Kolonialismus, Widerstand und die heikle Frage, wie wir heute mit öffentlichen Erinnerungsorten umgehen. Dafür hat sich die Kulturbehörde mit starken Partnern zusammengetan. Neben dem Freilichtmuseum am Kiekeberg ist es das Archäologische Museum Hamburg – jenes Haus mit Sitz in Harburg, das normalerweise die tiefen Wurzeln der norddeutschen Geschichte erforscht. Die wissenschaftliche Begleitung wiederum lag bei Dr. Tania Mancheno von der Universität Hamburg. Diese Beteiligung ist ein klares Statement: Die Auseinandersetzung mit dem globalen Erbe endet nicht an der Elbbrücke, sondern ist zentrale Aufgabe der gesamten Stadtkultur.

Im Kern des neuen Moduls steht die Aufforderung an die Schüler*innen, selbst aktiv zu werden: Sie sollen Biografien kolonialer Akteure und Widerstandsfiguren recherchieren, Quellen sichten und die Umbenennung von Straßen kritisch diskutieren. Geschichte wird hier nicht konsumiert, sondern erarbeitet.

Kultur- und Mediensenator Dr. Carsten Brosda spricht von einer „gesamtgesellschaftlichen Aufgabe“. Doch es ist Prof. Dr. Rainer-Maria Weiss, der Direktor des Archäologischen Museums, der den entscheidenden Punkt hervorhebt: Die vielschichtigen, digitalen Anwendungsformen verschaffen dem Thema eine neue Relevanz in der jungen Zielgruppe. Und Dr. Tania Mancheno ergäntt: „Die Unterrichtsmaterialien über den deutschen und europäischen Kolonialismus, die bei Museana verfügbar sind, fördern ein kritisches Denken bei Lehrenden und Schüler*innen, indem sie die Bedeutung der Kolonialgeschichte durch Bezüge auf die Gegenwart erklären, illustrieren und diskutieren.

Genau das ist die Stärke dieses Projekts: Es liefert nicht nur Fakten, sondern den „lebensweltnahen Lernzugang“. Wo herkömmlicher Geschichtsunterricht oft abstrakt bleibt, knüpft Museana direkt an das Umfeld der Jugendlichen an. Plötzlich geht es nicht um ferne Länder, sondern um die Namen von Straßen, an denen man täglich vorbeiläuft. Die Vergangenheit wird persönlich, die Debatte wird konkret.

Diese digitale Offensive in der politischen Bildung ist längst überfällig. Sie liefert den Lehrkräften aller Schulformen das Rüstzeug, um die Diskussionen um Kolonialismus und heutigen Rassismus nicht nur zuzulassen, sondern zu lenken. Harburgs Museum hat sich damit nicht nur in die digitale Welt katapultiert, sondern auch mitten in die wichtigsten gesellschaftlichen Gespräche unserer Stadt. Die Choreografie der Zukunft beginnt eben auch hier – am Rechner, mit einem Klick auf die Spuren der Vergangenheit.

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Jenseits des Metronoms https://www.tiefgang.net/jenseits-des-metronoms/ Fri, 28 Nov 2025 23:40:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12927 [...]]]> Die Spitze des deutschen Jazz-Nachwuchses erhält neue Impulse: Mit der Berufung von Jörn Marcussen-Wulff zum Künstlerischen Leiter des Bundesjazzorchesters (BuJazzO) festigt sich eine bemerkenswerte Verbindung zur norddeutschen Musikszene.

Ab Januar 2026 wird Marcussen-Wulff, bekannt als Komponist, Arrangeur und Posaunist, das renommierte Ensemble in einer Doppelspitze gemeinsam mit Theresia Philipp leiten.

Was die Personalie besonders hervorhebt, ist die gemeinsame Schnittmenge in der Jugendförderung: Beide Künstlerpersönlichkeiten haben eine enge Bindung zum Landesjugendjazzorchester Hamburg (LJJO HH). Marcussen-Wulff steht dem LJJO HH derzeit als Künstlerischer Leiter vor, während Theresia Philipp, die bereits seit Anfang 2025 Teil des BuJazzO-Leitungsteams ist, ebenfalls eng mit der Hamburger Kaderschmiede verbunden war. Die Kontinuität an der Spitze des BuJazzO wird damit von Persönlichkeiten geprägt, die die Entwicklung von Talenten aus der anspruchsvollen Arbeit des Landesjugendjazzorchesters kennen.

Vom NDR bis zur Grammy-Nominierung

Jörn Marcussen-Wulff, der seinen Lebensmittelpunkt in Hannover hat, bringt eine außergewöhnliche Bandbreite an Erfahrung mit ins BuJazzO. Er ist Dozent für Komposition, Arrangement, Jazz-Theorie und Bigband an den Hochschulen in Weimar und Hannover. Darüber hinaus arbeitet er regelmäßig für führende Large Ensembles wie die NDR Bigband, das Metropole Orkest oder das Cologne Contemporary Jazz Orchestra.

Seine Musik steht für den neuen Zeitgeist europäischer Bigband-Arrangeure, die Konventionen aus dem Weg gehen und ihre eigene musikalische Sprache und ihren Ausdruck im Format Jazzorchester suchen und finden. Ein deutlicher Beleg für seine internationale Relevanz ist seine Beteiligung an erfolgreichen Veröffentlichungen, wie dem Album „If you really want“ von Raul Midón & dem Metropole Orkest, das sogar für einen Grammy nominiert wurde. Diese Vita, ergänzt durch Engagements wie die Teilnahme am renommierten Metropole Orkest Arrangers Workshop, belegt die kreative und professionelle Tiefe, die er nun in das BuJazzO einbringen wird.

Die Jury zeigte sich in ihrer Entscheidung überzeugt von den Konzepten Marcussen-Wulffs. Henning Vetter, Projektleiter des Bundesjazzorchesters, betonte, man freue sich sehr, mit Marcussen-Wulff eine „kreative, engagierte Persönlichkeit für die Künstlerische Leitung gewonnen“ zu haben, die zusammen mit Theresia Philipp „neue Impulse setzen [wird], die das BuJazzO für die Zukunft stärken.“

Dabei geht es dem neuen Leiter um mehr als nur um musikalische Exzellenz. Jörn Marcussen-Wulff legt Wert auf eine ganzheitliche Ausbildung der jungen Musiker*innen. Er äußerte sich dazu wie folgt: „Ich empfinde es als große Ehre, zusammen mit Theresia Philipp die Künstlerische Leitung des Bundesjazzorchesters zu übernehmen und die Entwicklung dieses Ausnahmeensembles in Zukunft mit prägen zu dürfen. Es ist eine große Bereicherung für mich, diese jungen Menschen ein Stück weit auf ihrem musikalischen Weg zu begleiten und mit ihnen gemeinsam in und an diesem besonderen Jazzorchester zu arbeiten.“

Besonders wichtig sei ihm dabei die Vermittlung erweiterter Kompetenzen: „Ich hoffe, dass ich den jungen Talenten mit meinen Erfahrungen und Ideen nicht nur künstlerisch weiterhelfen werde, sondern ihnen vermitteln kann, dass aus meiner Sicht noch viele weitere Themen wie zum Beispiel eine zeitgemäße Musikvermittlung oder ‚der Blick über den eigenen Tellerrand‘ zum Selbstverständnis eines/einer professionellen Musikschaffenden gehören“, führte Marcussen-Wulff aus. Dieses Engagement für die Jazz-Kultur zeigt sich auch in seinem ehrenamtlichen Wirken als 1. Vorsitzender der Jazzmusiker Initiative Hannover e.V. und als Preisträger des „Leinestern 2021“.

Mit Marcussen-Wulff und Philipp, zwei profilierten Köpfen, die die Herausforderungen der Jugendförderung und die Ansprüche der professionellen Szene aus erster Hand kennen, scheint das BuJazzO bestens gerüstet, um seine Rolle als wichtigste Nachwuchsschmiede des deutschen Jazz erfolgreich fortzusetzen.

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Kino satt am Feiertag! https://www.tiefgang.net/kino-satt-am-feiertag/ Fri, 26 Sep 2025 22:54:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12571 [...]]]> Das ist Freiheit auf der Leinwand: Das Filmfest Hamburg schenkt der Stadt einen besonderen Kinotag.

Der 3. Oktober in Hamburg hat eine neue, wundervolle Bedeutung bekommen. Seit letztem Jahr lädt das Filmfest Hamburg am Tag der Deutschen Einheit alle Kinofans zu einem ganz besonderen Kinomarathon ein. Denn es ist wieder Zeit für den „Tag des freien Eintritts“.

Die Idee dahinter ist so einfach wie genial: An diesem Tag sind alle Festivalfilme in den teilnehmenden Kinos kostenlos zu sehen. Was für eine Chance, über den Tellerrand zu blicken, sich auf unbekannte Erzählungen einzulassen und die Vielfalt des Kinos zu feiern.

Festivalleiterin Malika Rabahallah hat die Vision ins Leben gerufen, Menschen zusammenzubringen. Ihre Worte klingen dabei fast wie ein filmisches Versprechen: „Am Tag der Deutschen Einheit sitzen wir hier in Hamburg gemeinsam im Kino, um zusammen zu lachen und zu weinen und nach dem Film zu diskutieren. Und das Beste daran: Der Eintritt ist frei. Mehr Einheit geht nicht.“

Das Programm am 3. Oktober ist so vielfältig wie das Festival selbst. Es zeigt, wie Geschichten aus aller Welt unsere Sicht auf die Dinge verändern können. Es gibt fesselnde internationale Spielfilme, die tief in menschliche Geschichten eintauchen, wie „Jeunes mères – Junge Mütter“ aus Belgien und Frankreich. Oder das Drama „Aisha Can’t Fly Away“, eine internationale Koproduktion aus Ägypten und Deutschland, die an ferne Orte entführt.

Auch für Fans des amerikanischen Independent-Kinos gibt es etwas zu entdecken, wie „East of Wall – The New West“, ein Film, der von Nähe und Halt in Zeiten emotionaler Erschütterung erzählt. Wer es lyrischer mag, könnte sich in den chilenischen Film „Der geheimnisvolle Blick des Flamingos“ verlieben.

Kultursenator Dr. Carsten Brosda ist ein großer Befürworter dieser Aktion und betont, dass Kinos Orte der Begegnung, Empathie und des demokratischen Diskurses seien. Genau das ist die Magie dieses Tages: Er bringt die Menschen zusammen, um gemeinsam zu schauen, zu fühlen und zu diskutieren.

Das einzige, was für eine Teilnahme nötig ist, ist die Sicherung eines kostenlosen Tickets. Denn auch für diese Vorstellungen ist eine Karte notwendig, und sie sind heiß begehrt! Tickets gibt es online im Vorverkauf oder an den Abendkassen der Kinos, aber wie bei den besten Premieren gilt auch hier: Nur solange der Vorrat reicht.

Die Aktion findet in den fünf großen Festivalkinos statt: dem Abaton, dem CinemaxX Dammtor, dem Metropolis, dem Passage Kino und dem Studio Kino. Aber das ist noch nicht alles! Die „FILMFEST UMS ECK“-Kinos in den Stadtteilen wie das Savoy Filmtheater, das Magazin Filmkunsttheater und das 3001 Kino machen ebenfalls mit und bieten jeweils eine kostenlose Vorführung an.

Ein Tag, die Filmkunst mit der ganzen Stadt zu feiern.

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Die Bildsprache des Südens https://www.tiefgang.net/die-bildsprache-des-suedens/ Fri, 26 Sep 2025 22:10:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12478 [...]]]> Zum 15. Jubiläum am 11. Oktober 2025 feiert die SuedKultur Music-Night nicht nur die Live-Musik, sondern auch eine bemerkenswerte visuelle Chronik. Wir haben mal ins Plakat-Archiv geschaut …

Hinter den dynamischen Motiven der letzten anderthalb Jahrzehnte steckt die Harburger Grafikerin Sabine Schnell von reflexblue, die es verstand, die Geschichte des Festivals in immer wieder neuen, eindrucksvollen Plakatdesigns zu erzählen. Ihre Arbeit geht über bloße Werbung hinaus – sie ist ein grafisches Tagebuch der kulturellen Renaissance in Hamburgs Süden.

Der Gründungsmythos: „Im Süden nix los?“

Die Geschichte beginnt nicht mit einem Musiker, sondern mit einer Provokation. Das Plakat aus dem Jahr 2010, noch vor der ersten Music-Night, stellt die rhetorische Frage „Im Süden nix los?“.

Das Motiv ist so trocken wie genial: Ein augenscheinlich gelangweiltes Paar sitzt auf einem roten Sofa, während die Liste der beteiligten Kulturinstitutionen demonstrativ die Behauptung entkräftet. Dieses Design von Sabine Schnell ist kein Werbeplakat im klassischen Sinne, sondern ein Statement. Es schafft eine Identität, indem es sich einer Stereotype entgegenstellt und mit augenzwinkernder Ironie die kulturelle Leere, die man dem Stadtteil gerne nachsagt, als absurde Lüge entlarvt.

Die Evolution der Motive: Von Instrument zu Leguan

Mit dem Start der Music-Night im Jahr 2011 ändert sich der Fokus. Die Plakate werden direkter, musikalischer. Zu Beginn aber liegt der Fokus noch rein auf Instrumenten. Das 2011er Design stellt die Trommelstöcke in den Fokus, während die Ausgabe von 2012 mit der Bassgitarre eine urbane, bodenständige Ästhetik einführt. In den folgenden Jahren rückt die menschliche Figur in den Vordergrund, ohne jedoch ins Klischee zu verfallen. Dann folgt eine Phase der Musiker*innen-Porträts und Stimmungsbilder. Das 2013er Plakat zeigt einen Musiker auf einem ländlichen Weg, das 2016er einen Gitarristen auf einer Brücke – die Motive stehen für eine musikalische Reise, die über bloße Unterhaltung hinausgeht. Die Farbgebung ist prägnant: Vom dramatischen Rot der 2014er Ausgabe bis zum grellen Magenta von 2018, das die explosive Energie der Live-Musik einfängt.

Ab 2019 wagt die Reihe einen mutigen Schritt in die Abstraktion und thematische Diversifizierung. Ein Astronaut, der durchs Weltall fliegt und Gitarre spielt: visualisiert er die universelle Kraft der Musik? Oder doch Harburg als ganz eigenen Planeten? Den immerhin gibt es jetzt im Mini-Format im ehemaligen Karstadt-Kaufhaus. In den Folgejahren etabliert sich eine dynamische Comic-Ästhetik.

Das Plakat für die „Fight for live“-Reihe im Jahr 2020, in dessen Rahmen auch das 10jährige Bestehen der Music-Night gefeiert wurde, stellt einen Sonderfall dar. Im Gegensatz zu den jährlichen „SuedKultur Music-Night“-Plakaten, die eine einheitliche visuelle Linie verfolgen, präsentiert dieses Plakat eine karikaturartige Zeichnung eines Gitarristen im Vordergrund. Der Stil erinnert an eine Comic-Ästhetik und weicht damit bewusst von den vorherigen Designs ab, um die Thematik des „Kampfes für Live-Musik“ während der Corona-Pandemie zu visualisieren. Die Informationen sind detaillierter und listen die spezifischen Termine und Veranstaltungsorte auf. Das Plakat von 2021 mit der Hand, die das Mikrofon aus einem Schwall reißt, symbolisiert die ungebrochene Kraft der Live-Musik während der Corona-Pandemie. Das 2022er Design bedient sich gar der Superhelden-Ikonografie, indem es das Logo als Symbol einer kulturellen Rettungsmission auf der Brust des Helden platziert.

Die jüngsten Entwürfe spielen mit den Möglichkeiten des Digitalen. Das 2023er Plakat ist ein fast schon cineastisches Porträt einer Musikerin, während das Motiv von 2024 mit dem Gitarre spielenden Leguan die Grenzen zwischen Realität und Imagination verschwimmen lässt. Es ist ein spielerischer Umgang mit der Ästhetik, die die Künstliche Intelligenz möglich gemacht hat.

Ein grafisches Vermächtnis

Das Plakat zum 15. Jubiläum kehrt zurück zum Ursprung: Das Logo selbst wird zum zentralen Motiv. Mit seinen leuchtenden Farben und den dynamischen Lichteffekten feiert es die Marke „SuedKultur Music-Night“ selbst. Es ist das visuelle Resümee einer beispiellosen Entwicklung.

Sabine Schnells Designsprache ist das Rückgrat der SuedKultur-Identität. Sie hat über 15 Jahre hinweg eine kohärente, aber dennoch sich ständig weiterentwickelnde visuelle Erzählung geschaffen. Die Plakate sind mehr als simple Ankündigungen. Sie sind der Beweis dafür, dass Hamburgs Süden nicht nur lebt, sondern eine reiche, vielschichtige Kulturlandschaft besitzt – und Sabine Schnell hat sie in ihrer gesamten Geschichte sichtbar gemacht.

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Der Wandel im Takt https://www.tiefgang.net/der-wandel-im-takt/ Fri, 19 Sep 2025 22:36:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12466 [...]]]> Hamburgs Ruf als Musikmetropole ist unbestritten. Doch jenseits des Glanzes, den das Reeperbahn Festival auch dieses Jahr wieder auf die Stadt wirft, verbergen sich die komplexen Herausforderungen einer Branche, die sich in einem tiefgreifenden Wandel befindet.

Beim jüngsten Musikdialog, zu dem Hamburgs Senator für Kultur und Medien, Dr. Carsten Brosda, die Spitzenvertreter*innen der deutschen Musikwirtschaft geladen hatte, wurde genau diese Zukunft leidenschaftlich und fundiert diskutiert. Es war eine Zusammenkunft, die in ihrer Essenz das Motto des Festivals „Imagine Togetherness!“ spiegelte: der Versuch, die drängenden Fragen der Branche in Solidarität zu beantworten.

In einer Welt, in der sich die Wertschöpfungsketten durch Streaming-Dienste verschoben haben und der wirtschaftliche Druck auf Live-Veranstaltungen wächst, steht die Musikbranche vor einem Scheideweg. Was sich wandelt, ist das gesamte Ökosystem: die Art und Weise, wie Musik konsumiert, finanziert und verbreitet wird. Festivals fungieren in diesem Wandel als ein entscheidendes Korrektiv, eine Art „Hochgebirge“, das es zu bezwingen gilt.

Ein zentraler Pfeiler der Konferenz war die erste umfassende, spartenübergreifende Studie zur Lage der Musikfestivals in Deutschland. Die Untersuchung, ein Gemeinschaftsprojekt der Initiative Musik, der Bundesstiftung LiveKultur und des Deutschen Musikinformationszentrums (miz), liefert handfeste Beweise dafür, dass Festivals mehr sind als nur kurzlebige Veranstaltungen. Ihre ökonomische, kulturelle und soziale Bedeutung ist immens. So zeigen die Daten, dass bundesweit jährlich rund 51.000 Konzerte auf Festivals stattfinden. Eine erstaunliche Zahl, die die Vitalität der Szene unterstreicht. Doch die wahre Bedeutung liegt in den Details: Fast 40 Prozent dieser Auftritte bieten Nachwuchskünstler*innen und -ensembles eine essenzielle Bühne, und 60 Prozent der Festivals beleben Gemeinden mit weniger als 100.000 Einwohner*innen. Dies ist keine Nebensache, sondern ein handfester Beweis für ihren Beitrag zur kulturellen Vielfalt und zur nachhaltigen Entwicklung der Musiklandschaft, insbesondere in nicht-urbanen Regionen. Die Festivals erweisen sich als die tragenden Säulen der musikalischen Demokratie.

Die Studie zeigt vor allem, dass die wirtschaftliche Lage vieler Festivals angespannt ist: Die durchschnittlichen Einnahmen von rund 313.000 Euro stehen Ausgaben von etwa 296.000 Euro gegenüber. Doch die Marge ist trügerisch, denn nur 15 Prozent der Festivals erzielen tatsächlich Gewinne, während ganze 30 Prozent mit einem Verlust abschließen. Die Finanzierung ist dabei eine Gratwanderung: Der größte Kostenfaktor sind die Künstler*innenhonorare, die durchschnittlich 38 Prozent der Ausgaben ausmachen. Auf der Einnahmenseite dominieren bei den Popularmusikfestivals Ticketverkäufe (39 Prozent), während sich Klassikfestivals primär über öffentliche Zuschüsse (40 Prozent) finanzieren.

Ein weiteres spannungsgeladenes Detail der Studie ist die Gagenverteilung, die die stark hierarchisierte Struktur der Honorierung im Festivalbereich schonungslos offenlegt. Während Hauptacts und Headliner im Schnitt 7.323 Euro pro Auftritt verdienen, erhalten Nachwuchskünstler*innen durchschnittlich lediglich 522 Euro – eine Spanne, die das ungleiche Gewicht der Marktteilnehmer*innen aufzeigt und die drängende Frage nach den Entwicklungschancen für neue Talente unterstreicht.

Der Bogen von den Festival-Erkenntnissen zur Solidarität in der Branche war kurz. Der Direktor des Reeperbahn Festivals, Detlef Schwarte, sprach in einem eindringlichen Impulsvortrag einen direkten Appell an alle Beteiligten aus: „Es braucht eine zukunftsstrategische Diskussion darüber, wer welchen Beitrag zur Zukunft des Musikökosystems leisten möchte oder auch leisten muss.“ Diese Worte verdeutlichen, dass es nicht mehr nur um das bloße Überleben geht, sondern auch um eine bewusste Gestaltung der Zukunft. Dr. Carsten Brosda untermauerte diese Botschaft mit den Worten: „Nur gemeinsam können wir den Wandel in der Branche erfolgreich meistern.“

Das, was an der Reeperbahn auf den Bühnen geschieht, ist die sichtbare Spitze dieses Eisbergs. Aber das, was im Hintergrund diskutiert wird, hat das Potenzial, die Art und Weise, wie Musik gemacht und erlebt wird, grundlegend zu verändern. Es ist die Aufgabe auch von uns Musikjournalist*innen, diese komplexen Zusammenhänge zu entwirren und die fachliche Tiefe der Diskussionen für ein breites Publikum erfahrbar zu machen. Ob es sich um das Reeperbahn Festival oder die bald stattfindende SuedKultur Music-Night handelt, es geht immer um das gleiche Prinzip: Die Musikbranche als ein empfindliches, vernetztes Ökosystem zu verstehen, in dem Solidarität und Zusammenarbeit die einzigen Wege sind, um die Herausforderungen der Zukunft zu meistern.

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