Die Architektur der neuen Ära sollte nicht nur auf Stahl und Beton fußen, sondern auf Offenheit und Zugänglichkeit. Genau diese Botschaft sendet der Siegerentwurf der Bjarke Ingels Group (BIG) für den Hamburger Opernneubau.
Der Entwurf der Bjarke Ingels Group (BIG) für Hamburgs neue Staatsoper ist ein architektonisches Versprechen: Leichtigkeit, Offenheit, Öffentlichkeit. Wo bis 2027 am Baakenhöft in der HafenCity ein dritter architektonischer Leuchtturm neben Elbphilharmonie und Elbtower entstehen soll, entfaltet sich die Vision einer „Spirale aus Dachgärten“. Die Fassade des Hauses wird zu einer Kaskade von begrünten, rundum begehbaren Balkonen, die den Opernbesuch zur Begegnung mit der Stadt, dem Hafen und der Elbe machen. Ein wohlüberlegtes Konzept, urteilt die Jury, das eine „gelungene Symbiose“ aus Opernhaus und spannendem Wahrzeichen schaffe.
Bjarke Ingels, Creative Director der Architekt*innen-Gruppe, beschreibt das Gebäude als einen Ort, der in die Stadt hineinwirkt: „The opera will appear like a landscape of concentric terraces – emanating like soundwaves from a central beating heart of music, expanding outward into the harbor like ripples in the surface of the sea.“
Die Architektur der neuen Oper ist damit ein Statement: Sie will Barrieren einreißen, Zugänglichkeit schaffen, Kultur für alle erlebbar machen. Doch das visionäre Bauwerk trägt einen kaum zu übersehenden Schatten in seinem Fundament.
Das neue Opernhaus ist ein Geschenk. Ein großzügiges Geschenk von Klaus-Michael Kühne, dem reichsten Mann Deutschlands, das die Stadtspitze mit dankbarer Erleichterung annimmt. Die Kühne-Stiftung ermöglicht ein Projekt, das die Stadt aus eigener Kraft kaum realisieren könnte (oder hätte wollen). Hier liegt die politische Brisanz: Wer bezahlt, diktiert. Die Stiftung behält sich laut Pressemitteilung vor, nach Vorlage einer belastbaren Kostenschätzung „abschließend über die Realisierung des Neubaus zu entscheiden.“
Dieses Machtverhältnis führt zu der viel diskutierten Zuschreibung des „milliardenschweren Zwangsbeglückers“ (WELT). Die Stadt wird mit einem Kulturbau von Weltgeltung beschenkt, doch die Regie über die Definition des öffentlichen Interesses liegt in privater Hand. Gleichzeitig wird der Spender selbst aus kulturpolitischen und ethischen Gründen kritisiert. Karl-Martin Hentschel rechnete in der taz vor, welche Dimension das Vermögen Kühnes annimmt: „Würde er Abgaben bezahlen wie jeder normale Arbeitnehmer, wären das 1,7 Milliarden Euro jährlich. Das wären also fünfeinhalb Opernhäuser – jedes Jahr!“
Die Diskrepanz zwischen dem in der Schweiz gezahlten Steuersatz und der öffentlichen Spende als Instrument der Einflussnahme ist im Feuilleton allgegenwärtig. Es entsteht ein Dilemma, wie es Niklas Maak in der FAZ beschreibt: Die Gefahr, dass die üppigen Sanierungs- und Neubauetats (man denke an die Elbphilharmonie) den kargen Mitteln für Betrieb, Bespielung und Bezahlung der Mitarbeiter*innen diametral gegenüberstehen. Das Geschenk finanziert das Spektakel, nicht zwangsläufig die nachhaltige Kulturarbeit.
Die tiefste und unumgänglichste Kritik betrifft jedoch den Standort selbst. Das Baakenhöft ist ein „historisch hochbrisanter Ort“, wie der Journalist Henning Bleyl in der taz betonte: „Die Oper soll an einen historisch hochbrisanten Ort kommen: dem Baakenhöft an der Elbe. Also dort, wo die Truppen eingeschifft wurden, die den Genozid an den Herero und Nama begingen, den ersten Völkermord durch deutsche Soldaten.“
Hinzu kommt die wenig aufgearbeitete Vergangenheit des Unternehmens Kühne + Nagel während der NS-Zeit. Das Hamburger Abendblatt berichtete über die Kritik, der Bau diene der Legitimierung des Umgangs mit der NS-Schuld der Firma. Die Debatte erinnert daran, dass das Unternehmen vom jüdischen Unternehmer Adolf Maass aufgebaut wurde, der 1933 „arisiert“ wurde und 1944 mit seiner Frau in Auschwitz ermordet wurde.
In diesem Kontext wird die neue Oper, so architektonisch leicht sie auch erscheinen mag, zum moralischen Zankapfel. Anstatt eines Ortes der umfassenden Aufarbeitung entsteht ein „Denkmal“ des Mäzen*innen-Tums, das droht, die unbequemen Schichten der Geschichte zu überdecken.
Hamburg steht damit vor einer komplexen kulturellen Entscheidung: Die Aussicht auf eine weltoffene, architektonische Ikone wird erkauft mit der Akzeptanz einer gewaltigen privaten Einflussnahme und der Gefahr, einen Ort der Schuld mit einem Gebäude zu überformen, dessen Leichtigkeit in krassem Kontrast zu der historischen Schwere des Bodens steht, auf dem es ruht. Es ist ein Spagat, bei dem die Stadt mehr als nur Geld, sondern auch einen Teil ihrer kritischen, historischen Verantwortung zu zahlen scheint. So schön die Kraft der Bilder auch strahlen mag …
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