Was erst wie eine absurde Idee klang (Sommer 2022) wurde erschreckend konkret. Kühne hat seine persönliche Idee einer neuen Hamburger Oper bis Anfang Februar 2025 bis zur Unterschriftsreife gebracht. Wir sollten reden …
In Hamburg ist eine öffentliche Debatte über den geplanten Neubau einer Staatsoper in der Hafencity entbrannt. Zu Recht.
Denn öffentlich ist ja erst jetzt, nicht dass eine Oper gedacht wird, sondern der Plan in fester Vertragsform steht. Die Vereinbarung besteht zwischen der Stadt Hamburg und der Michael Kühne Stiftung. Eine Beteiligung der Stadt-Bevölkerung gab es nicht. Diese Debatte ist vielschichtig und wirft eine Reihe von Fragen auf, die sowohl die kulturelle Bedeutung eines solchen Projekts als auch die Rolle und Geschichte des Unternehmens Kühne & Nagel betreffen. Wir fangen mal an, einen Überblick zu verschaffen.
Anfang Juni 2022 veröffentlichte das Hamburger Abendblatt einen Gastbeitrag des Vorstandsvorsitzenden der hiesigen Alfred-Toepfer-Stiftung, Anasgar Wimmer, und leitete diesen mit den Worten ein: „Braucht Hamburg einen Opern-Neubau? Und wenn ja – wie, wo und wer soll ihn bezahlen? Der Vorschlag des Logistik-Milliardärs Klaus-Michael Kühne – nach einer ursprünglichen Idee des Generalmusikdirektors Kent Nagano, aber erweitert um den Vorschlag des Abrisses des bestehenden Gebäudes – stieß in den vergangenen Tagen auf reichlich Kritik und wenig Zustimmung.“ (Abendblatt, 01. Juni 2022)
Der Gastbeitrag der besonders im Kulturbereich hoch geschätzten Toepfer-Stiftung fasste gleich zu Beginn zusammen: „Klaus-Michael Kühnes Vorschlag, der Hamburgischen Staatsoper an der Dammtorstraße zu Leibe zu rücken, um nicht nur dem Operngesang in der HafenCity ein Denkmal zu setzen, ist originell – und sollte von der Politik dieser Stadt höflich, aber zügig zur Seite gelegt werden.“
Genau das aber passierte nicht. Es gab aber auch keine öffentlichen Diskussionen oder Beteiligungsformate. Immer wieder sickerte mal durch Recherche hartnäckiger Journalist*innen durch, dass Kultursenator Brosda und Klaus-Michael Kühne offenbar weiter planten. Und auf einmal sollte am Montag (3. Feb. 2025) gar die notarielle Beglaubigung der Opern-Idee erfolgen. Die aber – und das führte zum Eklat – sagte ausgerechnet Kühne ab mit der offiziellen Verkündung: „Bei der Endfassung des komplizierten Vertragswerks zwischen der Stadt Hamburg und meiner Kühne-Stiftung sind noch offene Fragen aufgetaucht, sodass weitere Gespräche folgen müssen“, sagte Klaus-Michael Kühne auf Abendblatt-Anfrage. „Die Kühne-Stiftung bekennt sich nach wie vor zu ihrem Projekt, allerdings muss die Aufteilung der wirtschaftlichen Belastungen und Risiken aus unserer Sicht überdacht werden. Dies wird mit der Stadt erörtert.““
Befürworter des Neubaus betonen nun die Notwendigkeit, Hamburg als Kulturstadt weiter zu stärken und ein architektonisch herausragendes Gebäude zu schaffen, das der Bedeutung der Hamburgischen Staatsoper gerecht wird. Sie argumentieren, dass der Neubau die Möglichkeit bietet, modernste technische und künstlerische Standards zu realisieren und die Oper für ein breiteres Publikum zu öffnen. Insbesondere Kultursenator Brosda führt ins Feld, dass der jetzige Standort in absehbarer Zeit saniert werden muss. Die Sanierung aber müsste unter den Bedingungen des bestehenden Denkmalschutzes erfolgen, so dass neue Ideen und Nutzbarkeiten kaum möglich seien.
Kritiker hingegen bemängeln vor allem die Kosten des Projekts und die Prioritätensetzung in einer Zeit, in der andere Bereiche der Kultur und sozialen Dienste unterfinanziert sind. Sie kritisieren außerdem die Rolle der Michael Kühne Stiftung und die damit verbundene Einflussnahme auf die Stadt. Aber auch der Standort stieß auf Kritik. Denn: Der Baakenhafen war in Deutschland die zentrale logistische Drehscheibe des Genozids, von dem 95% aller deutschen Soldaten in den Krieg fuhren.
Der Historiker und Kolonialismusforscher Prof. Dr. Jürgen Zimmerer hat sich immer wieder kritisch zum geplanten Neubau der Staatsoper in Hamburg geäußert. Seine Kritik zielt vor allem auf die Rolle der Michael Kühne Stiftung als Hauptsponsor und die damit verbundene Frage der „moralischen Patenschaft“ für ein solches Prestigeprojekt. Zusammengefasst lassen sich Zimmerers Kritikpunkte vielleicht wie folgt darstellen:
- Koloniale Verstrickungen der Familie Kühne: Zimmerer weist auf die Rolle der Familie Kühne während der Kolonialzeit hin, insbesondere auf die Verstrickungen von August Kühne, dem Mitbegründer des Unternehmens Kühne & Nagel, in den Kolonialhandel und die Ausbeutung kolonialer Ressourcen. Er argumentiert, dass die Stiftung, die den Namen der Familie trägt, sich ihrer historischen Verantwortung stellen und eine aktive Auseinandersetzung mit dieser Vergangenheit betreiben müsse.
- Mangelnde Transparenz und Aufarbeitung: Zimmerer kritisiert die mangelnde Transparenz in Bezug auf die Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit der Familie Kühne und des Unternehmens Kühne & Nagel. Er fordert eine umfassende und unabhängige Untersuchung der Rolle des Unternehmens im Kolonialismus sowie eine öffentliche Auseinandersetzung mit den Ergebnissen.
- Symbolische Bedeutung des Opernhauses: Zimmerer betont die symbolische Bedeutung eines solchen Prestigeprojekts und die Frage, welche Werte und Repräsentationen durch die Wahl des Sponsors vermittelt werden. Er argumentiert, dass die Stadt Hamburg mit der Annahme der Spende der Kühne-Stiftung eine Mitverantwortung für die Vergangenheit des Unternehmens übernimmt und sich damit potenziell mit kolonialen Unrechtskontexten identifiziert.
Ein Interview mit Prof. Dr. Jürgen Zimmerer, in dem er seine Kritik am Opernneubau und der Rolle der Kühne-Stiftung äußert, findet sich auf dem Blog „Hamburgs (post-)koloniales Erbe“.
Die leitenden Forscher der Kolonialforschungsstelle Hamburg, Dr. Jürgen Zimmerer und Dr. Kim Todzi formulierten erneut am 4.2.2025 eindeutig eine Stellungnahme: „Die Kühne-Oper gerade auch an diesem Ort ist aus verschiedenen Gründen problematisch.
- Ein zentraler authentischer Ort der Erinnerung an koloniale Verbrechen in Deutschland wird versiegelt und – bildlich gesprochen – überschrieben, und zu einem Ort des Vergnügens.
- Der Ort, der wie kaum ein zweiter für das Verhältnis von Genozid und Logistik steht, wird zu einem Prestigeprojekt für einen Mann, an dessen Bereitschaft, die Rolle der eigenen Logistikfirma am Holocaust aufzuklären, immer wieder Zweifel geäußert wurden.“
Die Rolle und strittige Historie von Kühne & Nagel:
Kühne & Nagel ist ein weltweit agierendes Logistikunternehmen mit Hauptsitz in der Schweiz. Das Unternehmen wurde 1890 in Hamburg gegründet und ist bis heute eng mit der Stadt verbunden. Die Michael Kühne Stiftung, die den Opernneubau finanziert, ist nach dem Ehrenvorsitzenden und Mehrheitsaktionär von Kühne & Nagel benannt.
Die Geschichte von Kühne & Nagel ist umstritten. Während des Nationalsozialismus profitierte das Unternehmen von der Arisierung jüdischer Unternehmen und war in die Enteignung und Deportation von Juden verstrickt. Man vollzog quasi die Zwangsumzüge jüdischer Deportierter. Diese Vergangenheit wirft Fragen nach der moralischen Verantwortung des Unternehmens und der Stiftung auf, insbesondere im Zusammenhang mit einem so prominenten Kulturprojekt.
Einige Medienberichte und öffentliche Debatte:
- Hamburger Abendblatt: Berichtet über die Einigung zwischen der Stadt und der Kühne-Stiftung, betont die Chancen für die Stadtentwicklung und die Modernisierung des Opernbetriebs (Quelle: Hamburger Abendblatt).
- NDR Kultur: Analysiert die Hintergründe der Entscheidung, die Rolle der Kühne-Stiftung und die möglichen Auswirkungen auf die bestehende Kulturszene (Quelle: NDR Kultur).
- Die Zeit: Kommentiert die Pläne kritisch und wirft Fragen nach der Prioritätensetzung in der Kulturpolitik auf (Quelle: Die Zeit).
- taz: Beleuchtet die Geschichte von Kühne & Nagel im Nationalsozialismus und die möglichen ethischen Implikationen der Spende (Quelle: taz).
Und dann ist da noch die dauerhafte Diskussion über das Prinzip der Oper an sich. Denn man schätzt den öffentlichen Zuschuss je Besucher*in auf weit mehr als 150,- €. Die Besuchszahlen sind rückgängig – wie bei vielen der angestammten Opernhäuser.
Und der Wohnsitz des Milliardärs Michael in der Schweiz tut sein Übriges: Kühne hat seinen Wohnsitz in der Schweiz, wo er vermutlich einen tieferen Steuersatz hat als in Deutschland. Dadurch entgehen dem deutschen Staat höchstwahrscheinlich hohe Steuereinnahmen. Es ist schwierig, die genaue Höhe der Steuerersparnis von Kühne zu schätzen, da seine Einkommens- und Vermögensverhältnisse nicht öffentlich bekannt sind. Schätzungen gehen jedoch aufgrund seines Wohnsitzes in der Schweiz jährlich von einem hohen Millionenbetrag an „Steuerersparnis“ aus.
Mehrere Medien haben über die möglichen Steuerersparnisse von Klaus-Michael Kühne aufgrund seines Wohnsitzes in der Schweiz berichtet. Hier sind einige Beispiele:
- Der Spiegel: Ein Artikel mit dem Titel „Die Tricks der Superreichen und Konzerne“ befasst sich mit verschiedenen Methoden der Steuervermeidung, darunter auch die Verlagerung des Wohnsitzes ins Ausland. In diesem Zusammenhang wird auch Klaus-Michael Kühne erwähnt. (Quelle: Der Spiegel)
- NDR: In einem Beitrag über das „Steuerparadies Luxemburg“ wird erläutert, wie Konzerne und Superreiche durch die Nutzung internationaler Strukturen ihre Steuerlast reduzieren können. Auch hier wird auf Klaus-Michael Kühne und seine Firma Kühne+Nagel eingegangen. (Quelle: NDR)
- Süddeutsche Zeitung: In einem Artikel über „Steueroasen“ wird die Problematik der Steuervermeidung durch Superreiche und Konzerne thematisiert. Auch hier wird Klaus-Michael Kühne als Beispiel genannt. (Quelle: Süddeutsche Zeitung)
