Der Marschtorzwinger in Buxtehude ist ein Ort mit Geschichte. Einst als trutziger Wehrturm zur Verteidigung der Stadt errichtet, verwandelt sich der Marschtorzwinger in Buxtehude in diesen Sommerwochen in ein atmosphärisches Labor der Gegenwart. Vom 9.08. bis 13.09. öffnet der historische Raum seine Tore für die Jahresausstellung der Bezirksgruppe Stade-Cuxhaven des Bundes Bildender Künstlerinnen und Künstler (BBK).
Eine Kunstschau, die eindrucksvoll vor Augen führt, wie lebendig, vielschichtig und professionell das künstlerische Schaffen jenseits der großen Metropolen im Elbe-Weser-Raum pulsiert. Wenn 19 Künstler*innen ihre in den vergangenen zwei Jahren entstandenen Arbeiten präsentieren, verschmelzen die historischen Mauern mit zeitgenössischen Diskursen zu einem großartigen Spannungsfeld. Die Ausstellung bietet einen facettenreichen Einblick in das professionelle Kunstschaffen der Region und macht deutlich, dass hier keineswegs Provinzialität herrscht, sondern ein wachsamer, künstlerischer Puls, der tief in der Gegenwart verankert ist.
Hinter einer solchen Leistungsschau steht ein starkes, strukturelles Fundament, das weit über den lokalen Tellerrand hinausreicht. Der Bund Bildender Künstlerinnen und Künstler für Niedersachsen e.V. – kurz BBK Niedersachsen – repräsentiert seit seiner Entstehung im Jahr 1946 als demokratisch aufgebauter Landesverband die kulturpolitischen, sozialen und rechtlichen Interessen professioneller Kunstschaffender. Er versteht sich als unverzichtbare berufsständische Interessenvertretung, die sich für geregelte Ausstellungsvergütungen, die Künstlersozialversicherung sowie die Verbesserung der arbeitsrechtlichen und wirtschaftlichen Bedingungen von Künstlerinnen und Künstlern starkmacht.
In dem flächenmäßig großen Bundesland agiert der Verband mit über dreizehn autonomen Bezirksgruppen, die das kulturelle Leben vor Ort maßgeblich mitgestalten. Die Bezirksgruppe Stade-Cuxhaven bildet dabei ein essenzielles Netzwerk für den küsten- und maritim geprägten Raum zwischen Elbe und Weser. Mit aktuell 32 Mitgliedern vereint sie professionelle Kunstschaffende, die in einer oft ländlich strukturierten Region verankert sind und durch gemeinsame Ausstellungen wie im Buxtehuder Marschtorzwinger eine starke, hörbare Stimme erhalten. Der BBK also nicht nur als berufsständischer Schutzraum, sondern vor allem als Plattform für den aktiven künstlerischen Austausch und die gesellschaftliche Sichtbarkeit der zeitgenössischen Kunst jenseits der großen Metropolen.
Panorama der Positionen
Wenn 19 Künstler*innen ihre Arbeiten aus den vergangenen zwei Jahren im Marschtorzwinger versammeln, entsteht ein vielstimmiges Panorama, das die klassischen Säulen der bildenden Kunst – Malerei, Grafik, Bildhauerei und Fotografie – in all ihren Facetten bespielt. Die Schau lebt von genau diesem stilistischen Reichtum und der Gegenüberstellung völlig unterschiedlicher Handschriften, die den regionalen Kunstmarkt jenseits der großen Ballungsräume prägen. Der organisatorische Zusammenhalt des Verbandes spiegelt sich dabei direkt in den Rollen der Beteiligten wider: Dirk Behrens als Maler und Barbara Uebel als Holzbildhauerin sind ebenso im BBK-Vorstand wie auch Birgit Jaenicke, die in der Malerei und Zeichnung zu Hause ist.
Mit den Werken dieser Köpfe sowie denen von Marlene Apmann, die sich der Fotografie und dem Film widmet, über Jutta Bastian, Ulrike Brockmann, Jens Brückmann und Ingeborg Dammann-Arndt, die Grafik mit Bildhauerei verbindet, spannt sich ein weiter Bogen. Auch Akkela Dienstbier, Heide Duwe, Juliette Eckel als Mixed-Media- und Textilkünstlerin, Gerten Goldbeck, Imke Korth-Sander, Britta Lange, Kristof Meyer und Helmut Morsbach mit ihren eigenständigen malerischen Positionen tragen zu diesem Gefüge bei. Komplettiert wird das Tableau durch Ingeborg Steinhage und Elfi Wiese. Dass Ute Seifert – ebenfalls als Malerin Teil der Schau – die einführenden Worte zur Vernissage spricht, unterstreicht den kollaborativen Charakter dieser Vereinigung: Hier stellen Kolleg*innen für Kolleg*innen eine Bühne bereit, die den professionellen Diskurs in den Mittelpunkt rückt und zeigt, wie unterschiedlich sich die Weite der Elb- und Küstenregion in den verschiedenen Medien spiegelt.
Dass eine solche Schau in einem historischen Wehrturm wie dem Buxtehuder Marschtorzwinger stattfindet, ist kein Zufall, sondern verweist auf das feine Netz aus Kulturorten, das den Elbe-Weser-Raum durchzieht. Die Ausstellung macht deutlich, dass künstlerisches Schaffen abseits der großen Metropolen keineswegs provinziell ist. Vielmehr verhandeln die Arbeiten universelle Fragen von Identität, Natur, Raum und gesellschaftlichem Wandel, die tief in einer Region verwurzelt sind, deren geografische Prägung zwischen Flüssen, Deichlandschaften und maritimem Klima ihren ganz eigenen Rhythmus vorgibt.
Die Vernissage – am 8. August eröffnet durch den stellvertretenden Bürgermeister der Hansestadt Buxtehude, Christian Krüger – fungiert dabei als wichtiger gesellschaftlicher Ankerpunkt. Sie unterstreicht, dass die Kommune den Dialog zwischen Stadtgesellschaft und professioneller Kunst aktiv fördert und schätzt. Wenn Kunstschaffende aus Stade, Cuxhaven und Umgebung hier zusammenkommen, wird der Raum zu einem Schaufenster, das zeigt, dass das kulturelle Fundament einer Region nicht in den urbanen Leuchttürmen allein ruht, sondern in der beharrlichen, vielschichtigen Arbeit einer gewachsenen Gemeinschaft von Profis, die sich den Blick für das Wesentliche bewahrt hat.
Für knapp fünf Wochen verwandelt sich so der Marschtorzwinger damit in ein pulsierendes Schaufenster der kreativen Vielfalt zwischen Stade und Cuxhaven. Wer den Weg in den historischen Wehrturm antritt, wird mit einer Werkschau belohnt, die zeigt, wie lebendig und differenziert das professionelle Kunstschaffen in der Region verankert ist.
Der Eintritt frei ist, denn Kunst soll zugänglich sein, sie sucht den direkten Dialog mit der Stadtgesellschaft und lädt dazu ein, den Blick für die feinen Zwischentöne der Gegenwart zu schärfen.
Jahresausstellung der Bezirksgruppe Stade-Cuxhaven (BBK) | 9. Aug. bis 13. Sept. 2026
Vernissage: 8. August, 15 Uhr (Eröffnung durch Christian Krüger, einführende Worte von Ute Seifert)
Marschtorzwinger, Liebfrauenkirchhof, 21614 Buxtehude | Öffnungszeiten: Di. bis Fr. 15 bis 18 Uhr, Sa. & So. 11 bis 18 Uhr | Eintritt: Frei
Tiefgang statt Bezahlschranke:
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