Seit Herbst 2024 ist in der Unterkunft Quellmoor in Neuwiedenthal ein besonderer Ort entstanden. Rund 200 Menschen, die aus ihren Heimatländern fliehen mussten, leben dort. Sie sind entwurzelt, erschöpft, auf der Suche nach einem neuen Anfang.
von Ulrike Hinrichs
Inmitten dieses schwierigen Ankommens schafft das künstlerische Projekt „Künstlergruppe für Geflüchtete“ Raum für Stabilisierung, Begegnung und Ausdruck. Das von mir geleitete Projekt wird gefördert vom Bezirksamt Harburg.
Die Kunst wird in unserer Gruppe nicht als etwas verstanden, das perfekt sein muss. Sie ist Mittel des Ausdrucks, auch dort, wo Worte fehlen. Sie darf roh sein, leise, bunt, wütend, tastend oder kraftvoll. Sie darf da sein, so wie die Menschen selbst.
Das Angebot richtet sich an Geflüchtete aller Altersgruppen. Es soll dabei helfen, Ressourcen (wieder) zu entdecken, sich mit anderen zu verbinden und im kreativen Tun Momente des Innehaltens, aber auch der Teilhabe zu erleben. Die entstandene Kunst baut Brücken in die neue Heimat, leistet einen Beitrag zur Integration und fördert das Harburger Leitbild „Zusammenleben in Vielfalt“. Besonders eindrücklich ist für mich der künstlerische Beitrag der 16-jährigen Neda Akbari aus Afghanistan, die sich in ihrer Kunst mit den wichtigen Themen Frauenrechte und Frauenunterdrückung auseinandersetzt. Neda hat schon in Afghanistan Gedichte geschrieben. Ihre Worte sind mutig, klar und erschütternd. Sie rütteln auf und sprechen über das Unfassbare. Neda nutzt ihre Gedichte als Quelle der Inspiration für ihre beeindruckenden Bilder.

Eines ihrer Gedichte (Persisch)
سنك بارانم كنيد آري زنم مجرم منم
تیت وپاشانم كنيدآرى زنم مجرم منم
خسته ازنيرنگ هر وولت كر وبيگانه ام
درج زندانم كنيد آرى زنم مجرم منم
گه براى عقد چهارم من به قربان میشوم
زنجير و زولا نم كنيد آرى زنم مجرم منم
ان ورين وولت بلى من ناقصم از عقل وهوش
خاك وحيرانم كنيد آرى زنم مجرم منم
سنگ، بزن تا جان وارى اوكه يك بيجاره هست
سنك بارانم كنيد آرى زنم مجرم منم
Und in deutscher Übersetzung (übersetzt mit ChatGPT). Neda kann zwar gut Deutsch sprechen, doch das Poetische ist schwierig in der Übersetzung.
Steinigt mich, ja, ich bin eine Frau – ich bin die Schuldige.
Zerreißt mich in Stücke, ja, ich bin eine Frau – ich bin die Schuldige.
Müde bin ich vom Trug jedes Staates, taub und fremd bin ich geworden.
Werft mich ins Gefängnis, ja, ich bin eine Frau – ich bin die Schuldige.
Manchmal werde ich geopfert für eine vierte Ehe,
Fesselt und quält mich, ja, ich bin eine Frau – ich bin die Schuldige.
In den Augen dieses Staates bin ich lückenhaft an Verstand und Geist,
Macht mich zu Staub und Verwirrung, ja, ich bin eine Frau – ich bin die Schuldige.
Wirf den Stein, bis das Leben weicht aus einem wehrlosen Leib.
Steinigt mich, ja, ich bin eine Frau – ich bin die Schuldige.
Wir präsentieren die Werke und Gedichte auf dem Sommerfest im Camp am 22. August 2025. Kunst wie diese ist Ausdruck innerer Wahrheiten. Sie schafft Sichtbarkeit und Würde. In einem geschützten Rahmen kann sie wachsen und Teil einer neuen Geschichte werden, einer Geschichte, in der Selbstmitgefühl, Selbstwirksamkeit und Verbundenheit möglich sind.

Ulrike Hinrichs: Gymnastik für die Seele
Mit Pinsel und Farbe zu mehr Selbstmitgefühl
ISBN 978-3-99165-010-2
Buschmiede – Happy Balance [1]
20,00 EUR
Mit 50 Praxisübungen und 73 farbigen Abbildungen
Das Cover-Bild stammt von der Harburger Künstlerin Yvonne Lautenschläger
Ulrike Hinrichs ist Gesprächstherapeutin, Kunsttherapeutin (M.A), Anwenderin Positive Psychologie und Autorin www.ulrikehinrichs.com [2]
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