Meine Lieben, böse Zungen behaupten ja, in Harburg passiere nichts. Ich sage: Stimmt gar nicht! Bei uns wird das Nichts im ganz großen Stil zelebriert.
Während andere Städte mühsam versuchen, ihre Gebäude mit Leben, Kultur oder gar Menschen zu füllen, haben wir im Süden den architektonischen Minimalismus für uns entdeckt. Leerstand ist das neue Schick!
Beim Haarewaschen meinte meine Friseurin ganz trocken: „Mensch Clara, wenn wir für jeden ungenutzten Quadratmeter einen Euro bekommen würden, bräuchten wir uns um den Haushaltsplan der Stadt keine Sorgen mehr zu machen.“ Recht hat sie! Schauen wir uns die vier großen „Geister-Hotspots“ doch mal mit einer großen Portion Humor und den allerneuesten Updates an:
Unser geliebter, riesiger Ex-Karstadt am Ring führt die Hitliste natürlich an. 26.000 Quadratmeter geballte gähnende Leere. Nach der kurzen technischen Zwangspause wegen der Elektrotechnik hat die Museumsdependance im Erdgeschoss zwar wieder geöffnet und bietet sogar tolles Ferienkino für die Kleinen an, aber der Rest des grauen Riesen wartet und wartet.
Ein paar Meter weiter in der Neuen Straße grüßt die ehemalige Dreifaltigkeitskirche. Die Gemeinde ist längst ausgezogen, das barocke Inventar und die Orgel wurden ausgebaut. Eigentlich gab es ja den wunderbaren Plan, das denkmalgeschützte Gotteshaus in eine lebendige Kita umzubauen. Aber jetzt kam der absolute Schock: Das Projekt ist vorerst komplett gescheitert! Da flossen beim Friseur fast die Tränen. Während die einen noch auf die Baugenehmigung gewartet haben, ist der Traum von Kinderlachen unter dem Kirchendach erst mal geplatzt. Jetzt herrscht dort vor allem eines: heilige, zugige und wohl noch sehr lange anhaltende Stille.
Ach ja, und dann der legendäre Beachclub am Treidelweg! Das ist mein absoluter Lieblings-Schildbürgerstreich im Binnenhafen. Da freuen wir uns auf Strand-Feeling, Liegestühle und Cocktails bei Sonnenuntergang. Und was passiert? Die mühsam sanierte Kaimauer ist derart fugendicht geraten, dass das Regenwasser nicht mehr abfließen kann. Ergebnis: Bei jedem Schauer verwandelt sich die Beach-Fläche in ein riesiges Biotop. Weil man mit riesigen Schlammpfützen aber schlecht eine Strandbar betreiben kann, zog der angedachte Betreiber die Reißleine. Jetzt haben wir am Kanal zwar jede Menge gähnende Leere, aber immerhin ein fantastisches Enten-Paradies!
Und zu guter Letzt das historische Thörl-Gebäude an der Harburger Schloßstraße. Das imposante, alte Fabrikgebäude gehört ja zur TUHH. Eigentlich sollte der schicke Anbau samt Sanierung für Büros und Forschungswerkstätten schon Ende 2023 fix und fertig sein – stattdessen herrschte dort eine unendlich lange, frustrierende Baupause. Und statt 14 soll es nun 23 Millionen kosten. Bis die erste Vorlesung stattfindet, bleibt es zwar ein architektonisches Geduldsspiel, aber immerhin bewegt sich wieder eine Putzkelle!
Meine Lieben, warum machen wir aus dieser kollektiven Misere nicht einfach ein touristisches Gesamtkonzept? Wir nennen das Ganze „Die Harburger Geister-Tour“. Zuerst besichtigen wir die stillen Flure im Karstadt-Haus. Danach meditieren wir vor der gescheiterten Kirchen-Kita. Anschließend gehen wir im überfluteten Beachclub baden und zum Finale feuern wir die Bauarbeiter*innen an der Thörl-Fabrik an, damit der Baufortschritt diesmal hält!
Ich bleibe erst mal im Friseur-Salon – da herrscht zum Glück gähnende Leere nur in der Kaffeekanne, und der Tratsch ist garantiert absolut lückenlos!
Bussi, eure Clara!
Tiefgang statt Bezahlschranke:
Dir ist dieser Artikel ein paar Euro wert?
Mit einer Spende hilfst du uns, weiterhin unabhängig über die Kulturszene zu berichten:
Konto Kulturspinnerei, GLS Bank, IBAN: DE42 4306 0967 1117 3871 00, Betreff: „Tiefgang“
[1]