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Musikunterricht adieu!

Die Zahl ist ein Schock: Mindestens 500.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland drohen in den kommenden Jahren ihren Platz in der Musikschule zu verlieren. Diese dramatische Prognose ist das greifbare Ergebnis der sogenannten „MiKADO-Musik“-Studie.

Das kommt einem stillen Erdbeben in den Fundamenten der Kultur gleich: „Mangel an Nachwuchs im Künstlerisch-Pädagogischen Bereich an Ausbildungsinstituten in Deutschland und Österreich“, lautet die Prognose der Studie, die nun vom Deutschen Musikrat in Berlin vorgestellt wurde. Was sich hier auftut, ist keine Krise der Nachfrage, sondern eine des Angebots, eine existenzielle Bedrohung für die musikalische Breitenbildung.

Die MiKADO-Studie [1] liefert erstmals eine breit empirisch abgesicherte Datenbasis, die das Problem unbarmherzig quantifiziert. Bis zum Jahr 2035 müssen in Deutschland Stellen bzw. Stellenanteile neu besetzt werden, die derzeit von rund 14.700 Musikschullehrer*innen ausgefüllt werden. Demgegenüber stehen lediglich rund 4.000 erwartete Absolvent*innen künstlerisch-pädagogischer Bachelor- und Masterstudiengänge.

Selbst unter günstigsten Annahmen können damit rund 73% der freien Stellen nicht mit entsprechend qualifizierten Nachwuchskräften besetzt werden. Die Ursachen für dieses Ungleichgewicht sind tief in den Strukturen des Kulturbetriebs verwurzelt und reichen weit über die bloße Demografie hinaus. Die Studienergebnisse zeigen exemplarisch den Abwärtstrend: Die Zahl der weiblichen Studienanfänger*innen im künstlerisch-pädagogischen Bereich etwa sank von über 600 im Jahr 2010 auf nur noch rund 350 im Jahr 2022.

Die zentrale Erkenntnis der Studie ist, dass es sich hier nicht nur um einen Mangel an Talent, sondern um ein massives Attraktivitätsproblem des Berufs handelt. Der Beruf der Musikschullehrer*in leidet unter einem doppelten Malus: schlechte strukturelle Bedingungen und ein tief verwurzeltes Imageproblem.

Einerseits beklagen die Befragten die häufig unzureichende Vergütung, unsichere Verträge und die hohe Arbeitsbelastung, die das widersprüchliche Berufsbild prägen. Viele lieben ihre Arbeit als Pädagog*innen – und ringen gleichzeitig mit den Bedingungen, unter denen sie stattfindet.

Andererseits enthüllt die Studie ein erschreckendes Hierarchieproblem in der Ausbildung: Der künstlerisch-pädagogische Studiengang (Instrumental-/Gesangspädagogik, IGP) wird oft als zweite Wahl wahrgenommen. Eine zitierte Teilstudie bringt das zynische Credo auf den Punkt: „Die Besten, die wirklich was können, studieren künstlerisch, die nicht so gut sind, studieren dann halt IP [Instrumentalpädagogik]“. Wenn die Musikpädagogik als „Plan B“ oder gar als „Verschwendung von Potenzial“ abgewertet wird, ist es kaum verwunderlich, dass junge, glühend motivierte Künstler*innen lieber ihr Glück in anderen, wenn auch unsicheren, aber prestigeträchtigeren Berufsfeldern suchen.

Die Studierenden, so ein weiteres Ergebnis, können ihre künstlerischen Fähigkeiten in anderen Berufen oft besser einbringen. Diese Abwanderung der kreativen Talente zugunsten von Selbstverwirklichung und besserer Bezahlung ist das stille Geständnis eines Scheiterns der aktuellen Förder- und Vergütungssysteme.

Die absehbare Katastrophe

Dabei kommt die MiKADO-Diagnose nicht aus heiterem Himmel. Die Ergebnisse bestätigen vielmehr „zahlreiche Erfahrungen der Musikschulen“ in den Landesverbänden, wie aus Nordrhein-Westfalen gemeldet wird. Die Probleme um prekäre Honorarverträge, das fehlende Image und die mangelnde Wertschätzung sind seit Jahren bekannt und in Fachkreisen diskutiert.

Die Studie liefert nun lediglich die harte empirische Währung für eine Entwicklung, die Musikpädagog*innen und Musikschulleitungen lange kommen sahen. Die Zeit des Zauderns ist damit vorbei. Die Präsidentin des Deutschen Musikrats, Prof. Lydia Grün, betonte bei der Vorstellung der Ergebnisse: „Die Ergebnisse der ‚MiKADO-Musik‘-Studie sind ein deutlicher Weckruf! […] Wir brauchen jetzt eine breite Allianz aus politischen Entscheidungsträger*innen und Ausbildungsinstitutionen. […] Die Zeit drängt.“

Die Forderung nach einer Bund-Länder-Arbeitsgruppe zur Sicherung der außerschulischen musikalischen Bildung ist die konsequente Antwort auf die Krise. Wenn das Musikland Deutschland nicht riskieren will, dass eine halbe Million Schüler*innen den Zugang zu einer prägenden kulturellen Erfahrung verliert, muss es die Strukturen jetzt neu denken – von der Wertschätzung des Studienfachs an der Hochschule bis hin zum fairen Gehalt für Musikschullehrer*innen in der Praxis. Andernfalls droht das schöne Spiel vom musikalischen Nachwuchs in Deutschland bald verstummt zu sein.

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