Wenn zeitgenössische Kunst den harten Boden wissenschaftlicher Realität berührt, entstehen oft jene unbequemen, eindringlichen Resonanzräume, die den Status quo unserer Gegenwart befragen. Nun stellt Swaantje Güntzel ihren „Stand der Dinge“ vor …
Schloss Agathenburg, das traditionsreiche Mehrspartenhaus im nördlichen Niedersachsen, bietet mit der umfassenden Einzelausstellung Stand der Dinge der Hamburger Konzeptkünstlerin Swaantje Güntzel einen solchen Ort. Es ist die erste große institutionelle Einzelausstellung der Künstlerin in Niedersachsen – und sie beginnt buchstäblich auf einem Scherbenhaufen.
Bereits im Vorfeld der Eröffnung sorgte nämlich eine radikale Kunstaktion für Aufsehen: Güntzel zerschoss mit einem Luftgewehr historische Grönland-Sammelteller aus blau-weißem Porzellan. Die filigranen Teller, versehen mit idyllischen Motiven der arktischen Insel, stehen symbolisch für eine Region, die wie keine andere unter den verheerenden Folgen der globalen Erderwärmung leidet. Indem die Künstlerin sie mit Projektilen zerstört und die Videodokumentation samt der Scherben in den Ausstellungsräumen versammelt, führt sie die physische Zerstörung der Natur unmittelbar vor Augen. Es ist ein Akt der ästhetischen Gewalt, der die fragile Balance zwischen menschlichem Konsum und ökologischem Kollaps unmissverständlich greifbar macht.
Swaantje Güntzel setzt sich seit über zwanzig Jahren intensiv mit den Krisenfeldern des Anthropozäns auseinander: Klimawandel, Umweltverschmutzung und das anhaltende Artensterben bilden die thematischen Koordinaten ihres Schaffens. Ihre Installationen, Fotografien, Performances und Videos entstehen dabei selten im isolierten Studio. Stattdessen arbeitet sie eng mit renommierten wissenschaftlichen Institutionen wie dem Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven oder der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) zusammen.
In Stand der Dinge verdichten sich diese Kooperationen nun zu einer raumgreifenden, episodisch strukturierten Erzählung. Güntzel überführt wissenschaftliche Daten, historische Postkarten und materielle Fundstücke aus dem Polarmeer – wie Plastikrückstände – in poetische und zugleich drastische Bildkonstellationen. Neu ist dabei eine tiefgreifende persönliche Dimension: Erstmals verarbeitet die Künstlerin in ihren Arbeiten auch Erfahrungen mit öffentlicher Ablehnung und Bedrohungen, womit sie die Ausstellung um eine sensible Reflexion über die prekären Bedingungen künstlerischer Freiheit in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft erweitert.
Getreu ihrem interdisziplinären Ansatz ist die Ausstellung auf Schloss Agathenburg auch in ein vielschichtiges Rahmenprogramm eingebettet, das den Dialog zwischen Kunst, Wissenschaft und Öffentlichkeit sucht. So diskutiert die Konzeptkünstlerin am 02.08. mit der Nachhaltigkeitsforscherin Dr. Anne Chahine vom Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit (RIFS) in Potsdam über unterschiedliche Zugänge zu gesellschaftlichen und ökologischen Krisen. Moderiert wird das Gespräch von der Kuratorin der Ausstellung, Claudia Rasztar. Am 14.08. ist Frei-Tag: An diesem Tag ist der Eintritt für Schloss und Ausstellung bei verlängerten Öffnungszeiten (14 bis 20 Uhr) kostenfrei. Zur Tandem-Führung lädt das Schloß am 21.08: Güntzel führt gemeinsam mit der bekannten Polar- und Tiefseeforscherin Dr. Melanie Bergmann vom Alfred-Wegener-Institut durch die Schau. Und für Schulen gibt es eine Projektwoche vom 24. bis 27.08. Unter dem Titel Kunst trifft Klimarealität lädt das Schloss Schulklassen ab der 10. Jahrgangsstufe zu einem kostenfreien Vermittlungsangebot mit der Kunstvermittlerin Lola Barnickel ein.
SWAANTJE GÜNTZEL: STAND DER DINGE | noch bis 13. September 2026
Schloss Agathenburg, Hauptstraße 45, 21684 Agathenburg
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag von 14 bis 18 Uhr; Samstag, Sonntag und an Feiertagen von 11 bis 18 Uhr; Eintritt: Regulär 6,00 Euro, ermäßigt 4,00 Euro; für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre ist der Eintritt frei; www.schlossagathenburg.de [1]
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