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Spiegel wackliger Wirklichkeiten

Die Jury für den Deutschen Buchpreis hat gesprochen. Wieder 20 Romane haben es auf die Longlist geschafft, auserwählt aus 229 Titeln, die in einem Jahr der Unsicherheit erschienen sind oder noch erscheinen werden.

In einem Akt, der mehr als nur eine bloße Nennung ist, stellt die Jury eine Auswahl zusammen, die – wenn man Jurysprecherin Laura de Weck glauben mag – unsere „wackelige Wirklichkeit“ in aller literarischen Vielfalt widerspiegelt. Und hier beginnen die Fragen, die sich der Leser und die Leserin stellen müssen: Was macht diese Realität aus und was hat die Literatur ihr entgegenzusetzen?

Die literarische Vermessung der Gegenwart

Die Jury-Sprecherin betont, dass „Sprachgestaltung, Erzählverhalten und die beängstigende Gegenwart“ die Diskussionen geleitet haben. Es sind diese drei Kategorien, die den Zugang zur diesjährigen Longlist definieren. Es geht nicht nur darum, was erzählt wird, sondern auch, wie es erzählt wird. Ob in historischen Panoramen, Redeteppichen oder wilden Listen, die Autorinnen und Autoren von heute versuchen, die Fragen der Zeit zu stellen: Was machen die Verhältnisse mit uns?

Da ist Kaleb Erdmann mit seiner „Ausweichschule“, der eine alternative Realität entwirft, will heißen: einen Ort abseits des Normativen, an dem die Regeln des Alltags außer Kraft gesetzt sind. Oder die Erzählung über die Gegenwart, die Thomas Melle mit „Haus zur Sonne“ liefert, ein Autor, dessen Werk oft die Risse in unserer Gesellschaft aufzeigt. Dmitrij Kapitelmans „Russische Spezialitäten“ klingt nach einem Werk, das kulturelle Identitäten und ihre Komplikationen erforscht, während Jina Khayyers „Im Herzen der Katze“ eine fantastische oder vielleicht sogar surreale Geschichte verspricht. Auch Peter Wawerzinek, der uns mit „Rom sehen und nicht sterben“ entführt, will heißen, dass es hier um einen Lebensabschnitt, eine Erfahrung geht, die prägend ist, vielleicht existenziell.

Die Liste ist eine Mischung aus etablierten Größen und vielversprechenden Debüts. Michael Köhlmeier ist ebenso vertreten wie Feridun Zaimoglu, aber auch Jehona Kicaj, die mit einem einzigen Zeichen den Titel ihres Buches formuliert: „ë“, will heißen, dass die Literatur auch in kleinsten Formen eine große Bedeutung transportieren kann.

Die Botschaft, die hinter all dem steht, ist eine von Zuversicht. Während man sich um die Zukunft Sorgen machen muss, muss man sich nicht um die Zukunft der Literatur sorgen, so Laura de Weck. Sie ist ein Medium, das nicht nur unsere Ängste und Unsicherheiten abbildet, sondern uns auch mit „Irrwitz belustigen und erschüttern“ kann. Es ist dieses Spiel mit den Emotionen, diese Tiefenanalyse der menschlichen Existenz, die den Wert dieser Literatur ausmacht.

Am Ende bleibt die spannende Frage: Wer wird am 13. Oktober im Kaisersaal des Frankfurter Römers als Preisträger oder Preisträgerin geehrt? Fünf Finalistinnen und Finalisten bekommen immerhin 2.500 Euro, der Gewinner oder die Gewinnerin aber stolze 25.000 Euro. Bis dahin bleibt der Literaturliebhaberin und dem Literaturfreund nichts anderes übrig, als die Leseproben in dem kostenlosen Taschenbuch „Deutscher Buchpreis 2025: Die Nominierten“ zu studieren und sich auf die Shortlist zu freuen, die am 16. September bekanntgegeben wird.


Die nominierten Romane (in alphabetischer Reihenfolge der Autoren oder Autorinnen):

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