70 Jahre Grundgesetz https://www.tiefgang.net Tue, 04 Jun 2019 11:42:50 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1.3 Idee des gelebten Grundgesetzes https://www.tiefgang.net/idee-des-gelebten-grundgesetzes/ Fri, 31 May 2019 22:34:30 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=5285 [...]]]> Das Grundgesetz der Bundesrepublik feiert sein 70jähriges und steht inhaltlich unter Beschuss. Und doch: eine Demokratiemesse zeigt auch, welche Impulse nach wie vor von ihm ausgehen. Auch in Harburg.

Von Sonja Alphonso

Grundlegende Wertschätzung

Der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung meint: Demokratie ist Arbeit!

Sie ist kein Selbstgänger und auch nicht statisch, sondern ein dynamischer Lernprozess. Es bedarf eines Verständnisses politischer Prozesse und einer Festigung im Bewusstsein. Demokratie lebe von Kontroversen und Aushandlungen, von Vielfalt und Teilhabe.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ist Schirmherr der Initiative

„Demokratie ganz nah – Ideen für ein gelebtes Grundgesetz“

Je komplexer die Herausforderungen der heutigen Zeit, desto wichtiger wird ein Bekenntnis zu den Grundpfeilern der Demokratie. Dazu gehört das Grundgesetz, das den rechtlichen Rahmen setzt. Die darin festgeschriebenen Grundwerte sollen Richtschnur sein für ein gerechtes und friedliches gesellschaftliches Miteinander. Demokratieverdrossenheit und Polarisierungen gefährden die Errungenschaften unserer Freiheit. Die Zielgruppen, die politische Bildung erreichen muss, haben sich stark verifiziert. Besonderer Handlungsbedarf zeigt sich in wachsenden kulturellen, religiösen und sozialen Spannungsfeldern.

Es geht darum, dorthin zu gehen, wo die Menschen sich in ihrem Alltag aufhalten

Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung: „Hierzu trägt politische Bildung bei, wenn sie Menschen in ihrer Lebenswelt aufsucht, sei es der Nachbarschaft, dem Kiez oder Veddel, der Gemeinde, dem Verein. Um möglichst viele Menschen erreichen zu können, muss sich die politische Bildung hinausbewegen und neue Aktionsräume erschließen. Dies gilt für Menschen in strukturschwachen Regionen ebenso wie für Menschen in sogenannten abgehängten Stadtteilen, für reale Umgebungen ebenso wie für die virtuellen Weiten im Netz. Dies bedeutet auch, dass Arenen für politische Aushandlungsprozesse erzeugt werden müssen, in denen Menschen sich mit ihren Positionen einbringen und auch im Ringen um Deutungshoheiten und Lösungswege durchsetzen können. Dies setzt Anerkennung und Umsetzung des gleichberechtigten Zugangs zu politischen und gesellschaftlichen Strukturen voraus und darf nicht auf der Ebene des Anhörens verbleiben, sondern muss Menschen als Akteure und politische, handlungsfähige Subjekte betrachten. In diesem Kontext eröffnet politische Bildung mit Menschen vor Ort Perspektiven für Zugang, Beteiligung und Gestaltung von Gesellschaft.“

In einer Broschüre (kostenfrei zum download hier) werden 16 unterschiedliche Ansätze vorgestellt. Von der Idee zur Verwirklichung, von Hamburg bis Bayern. Jedes Bundesland hat etwas erarbeitet und einen Beitrag geleistet, um Demokratie erfahrbar zu machen.

#VielfältigeNachbarschaft lautete das Motto in Hamburg, und Ulrike Hinrichs setzte mit ihrem Kunst-Projekt „Gemalte Freiheit“ in Harburg ein Zeichen.

Kunst schafft Begegnung und respektiert Vielfalt

 Alle Harburger*innen waren aufgerufen, sich an der Auseinandersetzung mit dem Grundgesetz zu beteiligen.

Zur Einstimmung ging Ulrike Hinrichs die einzelnen Artikel durch. Denn wir leben schon so lange mit diesen Errungenschaften, dass wir kaum noch sagen können, auf welchen Säulen unsere Demokratie beruht.

„Für mich war es schon erstaunlich, dass die geflüchteten Projektteilnehmer die Grundrechte durch die Integrationskurse besser kannten, als die hier aufgewachsenen Menschen“, bestätigt Ulrike Hinrichs.

Die Anwältin, Mediatorin und Kunsttherapeutin wollte in ihrem Projekt Menschen unterschiedlicher Generationen, Herkunft und Milieus zusammenbringen und über den künstlerischen Ausdruck zum Diskurs aufrufen; was ihr auch gelang. An den Workshops nahmen ca. 30 Personen teil: Geflüchtete, Rentner*innen, Student*innen, Berufstätige, Erwerbslose, psychisch Erkrankte, Profi-Künstler*innen und künstlerische Laien.

Begegnung schaffe Brücken, und Kunst sei dabei das Verbindungsstück in der Begegnung, weiß Ulrike Hinrichs aus Erfahrung zu berichten, die sie bereits in anderen Projekten machte: dass man über die Kunst leicht zueinander findet und Kontakt- und Sprachbarrieren überwindet. „Ich fand es sehr spannend, dass bei den Workshops die Teilnehmer*innen sofort in eine Diskussion kamen. Die eine Künstlerin beispielsweise brachte in der Diskussion zum Ausdruck, dass sie sich mehr Sicherheit wünsche, die andere fühlte sich dagegen in ihrer Freiheit begrenzt durch immer mehr Gesetze. Und ja, das ist ja genau das Spannungsverhältnis, in dem der Staat sich gegenüber seinen Bürgern bewegt. Hier muss der Staat einen Ausgleich schaffen. Die Grundrechte geben den Rahmen vor.“

Überwachung – Sonja AlphonsoEs entstand eine breite Mischung an Kunstwerken – von Live-Performance über Skulpturen, Gemälde und Collagen bis zu Fotografie und Musik.

Es entstand eine breite Mischung an Kunstwerken – von Live-Performance über Skulpturen, Gemälde und Collage bis zu Fotografie und Musik.

Ich war eine der Teilnehmer*innen, die sich zu einem Werk inspirieren ließ. Wer mag, kann nachlesen, was ich mir dabei dachte: see-me.online

Zum einen war ich hellauf begeistert von dem Input und der Leidenschaft, mit der Ulrike Hinrichs für das Thema warb. Zum anderen fand ich den Austausch sehr anregend. Da waren so viele tolle Ideen, die umgesetzt wurden!

Ich bedauere nur, dass ich bei der Präsentation am 23. September nicht dabei sein konnte. Aberhier findet sich die  Pressemeldung dazu: tiefgang.net

Eigentlich sollten die Werke auf der Demokratiemesse der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg von Mittwoch, 19. Juni bis Donnerstag, 20. Juni 2019 (Haus der Patriotischen Gesellschaft, Trostbrücke 4-6, 20457 Hamburg) nochmals zu sehen sein mit dem Ziel, mit den Besuchern über die Kunstwerke in einen Dialog zu kommen.

Doch nun kommt es anders. Die Politik darf sich auf die Schulter klopfen, wenn engagierte Menschen wie Ulrike Hinrichs kurzfristig das Handtuch werfen, weil die Ignoranz im Umgang mit Kulturschaffenden zumindest vor Ort schier unerträglich ist. „Wir müssen leider draußen bleiben“, könnte man untertiteln oder „keine Zeit für Wertschätzung“.

Auf eigenen Wunsch von Ulrike Hinrichs verzichtete ich auf eine Anmerkung in dem geplanten Artikel, quasi als Fußnote, dass sie mehrmals vertröstet wurde, als sie nachfragte, wie der Stand der Dinge sei bei einer geplanten Ausstellung im Rathaus, von der einmal die Rede gewesen war. Sie wurde mehrmals vertröstet, dann hieß es, dafür sei es „jetzt zu spät“.

Und dann das: Harbuger Vogel(ab)schießen.

„Demokratie ganz nah“ hat sich weit entfernt selbst gefeiert. Ob das im Sinne des Erfinders war?

Die Enttäuschung kommt einer Verdrossenheit gefährlich nahe, wenn sich die Falschen mit Federn schmücken und augenscheinlich im richtigen Moment auf der politischen Bühne erscheinen, um sich für die Presse in Pose werfen, und jene übergehen, die sich stark gemacht haben – Menschen, die Projekte tragen von der Idee bis zur Umsetzung.

Dank des Kunstprojektes von Ulrike Hinrichs hatte ich persönlich mehr Achtung vor unserem Grundgesetz; Dank des ignoranten Umgangs mit den „basischen“ Machern und Macherinnen werde ich sauer und mein Vertrauen in Politiker sinkt, die sich Kultur auf die Fahne schreiben. Es tut mir ehrlich leid, Zeugin zu werden von Frust – und das nicht nur dieses Mal.

Mir kommt bei diesem Thema ein Bild in den Kopf: Don Quijote. Harburg sind mal wieder Windmühlenflügel gewachsen….

Weitere Infos mit Kunstwerken und Informationen unter www.grundrechtekreativ.de

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Wie viel Kultur hat das Grundgesetz? https://www.tiefgang.net/wie-viel-kultur-hat-das-grundgesetz/ Fri, 24 May 2019 22:41:14 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=5300 [...]]]> Am vergangenen Donnerstag jährte sich der Tag des Grundgesetzes: Vor genau 70 Jahren wurde das Grundgesetz erlassen. Der Deutsche Kulturrat, der Spitzenverband der Bundeskulturverbände, feiert dies mit einer Schwerpunktausgabe seiner Zeitung Politik & Kultur und fragt nach selbiger.

Im Schwerpunkt gratuliert Politik & Kultur und fragt: Wie viel Kultur steckt in dir im Grundgesetz? Eine erste Antwort auf diese Frage gibt Udo Di Fabio im Leitartikel, in dem er die Genese des Grundgesetzes mit Rückblick auf die Weimarer Verfassung schildert. Auch Olaf Zimmermann geht auf die »Kulturartikel« im Grundgesetz im Vergleich zu jenen der Weimarer Verfassung ein – besonders auf den wichtigen Art. 5 GG. Auch Albrecht von Lucke und Hans Jessen sind sich einig: Man muss die Geschichte kennen, um die Gegenwart zu verstehen. Im Interview diskutieren beide die Entwicklung des Grundgesetzes anhand seiner Änderungen. Tobias J. Knoblich befasst sich mit der jüngeren GG-Geschichte nach der Wiedervereinigung und fragt, ob das Grundgesetz nach der deutschen Einheit tatsächlich in »bester Verfassung« sei. Die Auseinandersetzung mit konkreten Artikeln des Grundgesetzes geht weiter: Nikola Roßbach diskutiert neue Herausforderungen an die Meinungsfreiheit gemäß Art. 5 GG. Karl-E. Hain befasst sich mit den medienbezogenen Freiheiten und der Berichterstattung durch Rundfunk und Film in Art. 5 Abs. 2. Satz 1 GG. Ulrike Lembke attestiert dem Grundgesetz noch verbleibenden Spielraum bei der Ausschöpfung der Gleichberechtigung der Geschlechter, die in Art. 5 Abs. 2 festgeschrieben wurde. Zum Abschluss befasst sich Hans Vorländer mit Integration und Teilhabe mittels Verfassung. In diesem Sinne soll die Geburtstagsfeier weitergehen – und Ansporn, Vorsätze und Umsetzungswillen für das nächste Lebensjahr mit sich bringen.

Das Magazin ist kostenfrei online abrufbar unter: kulturrat.de

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Harburger Vogel(ab)schießen https://www.tiefgang.net/harburger-vogelabschiessen/ Fri, 24 May 2019 22:14:49 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=5318 [...]]]> 70 Jahre Grundgesetz – welch ein Grund zum Feiern. Auch in Harburg. Aber wer feiert hier was?

Harburg hat eine lange Tradition im Vogelschießen. Selbst Erste Bürgermeister sind jährlich aus Gründen der Wertschätzung verpflichtet, dem beizuwohnen. Leider wird man  auch Zeuge, wenn Harburg im übertragenen Sinne mal wieder den Vogel abschießt. Ein Paradebeispiel dafür hat der Bezirk jüngst und ausgerechnet zum Feiertag des Grundgesetzes präsentiert. Ein Projekt mit Modellcharakter, das „Demokratie ganz nah“ veranschaulichen sollte, missriet regelrecht ins Gegenteil.

Doch der Reihe nach:

Frühzeitig zu 70 Jahren Grundrechte rief die Bundeszentrale für politische Bildung  dazu auf, kreative Ideen zum Themas „Grundrechte“ zu entwickeln, um unterschiedliche Diskussions- und Beteiligungsformate anbieten. „Vor allem dort, wo Menschen bisher selten mit „der Politik“ in Berührung kommen können oder wollen. Die Bundeszentrale für politische Bildung stellt in diesem Band alle Projekte vor und lädt ein, den Erfahrungsaustausch über neue Methoden zu vertiefen.“

Die Harburger Anwältin und Kunsttherapeutin Ulrike Hinrichs bewarb sich und entwickelte das Projekt „Gemalte Freiheit“. Es hatte großen Zuspruch und brachte viele innovative Ideen hervor (´Tiefgang` berichtete „Die gemalte Freiheit“ vom  28. Juli 2018 wie auch  „Grundrechte sorgten für volles Haus“ vom 29. Sept. 2018).

Ein voller Erfolg hinsichtlich der Zielsetzung: das Projekt machte die Werte greifbar und nahbar, warb so für Respekt, Wertschätzung und Partizipation. Das Resultat sorgte dafür, dass die Landeszentrale für politische Bildung Hamburg derweil es gar als Modellprojekt für ganz Hamburg sieht. Wenn das mal nichts ist!

Nun aber zum oben erwähnten Vogel(ab)schießen. Pünktlich nun zum 70. Geburtstag unseres Grundgesetzes lädt der Bundespräsident eben zum Kaffeekränzchen die Akteure der Projekte aus den verschiedenen Bundesländern ein und bringt auch eine Dokumentation als praxisnahe Festschrift heraus. In der nimmt das Harburger Projekt eine relevante Stellung ein. Passend zum Thema und Projekt sinniert der Bundespräsident im Vorwort: „Demokratie ganz nah. Im Alltag erleben wir ja leider oft das genaue Gegenteil: Distanz, mal mit Fakten, mal mit Gefühlen begründet. Die repräsentative Demokratie, wie sie das Grundgesetz definiert, ist unter Druck geraten, weil sich viele Menschen in unserem Land nicht wahrgenommen oder nicht als Teil von ihr empfinden.“

(Die FridayForFuture-Demonstranten oder das aktuelle YouTube-Video von Rezo hatten als Projekte übrigens nicht teilgenommen … )

Harburg also mal ganz vorne. Doch wer fährt zum Kaffeekränzchen in Berlin samt Ehrung des Projektes? Nicht etwa Ulrike Hinrichs mit den Akteuren des Projektes. Nein. Harburgs Sozialdezernentin Dr. Jobmann findet sich ein und lässt sich mit dem Bundespräsi ablichten. Ganz offiziell, zählt ja zur Arbeitszeit. Doch damit nicht genug: stolz verkündet das Bezirksamt Harburg zudem am 22. Mai  in seiner Pressemitteilung auf der eigenen Facebook-Seite:

„Im Rahmen der Initiative „Demokratie ganz nah – 16 Ideen für ein gelebtes Grundgesetz“, die unter Schirmherrschaft von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier steht, darf der Bezirk Harburg die Freie und Hansestadt Hamburg mit dem Projekt „Gemalte Freiheit“ vertreten. Sozialdezernentin Dr. Anke Jobmann reiste dafür auf Einladung heute zur Matinee und Ordensverleihung zum 70. Jahrestag des #Grundgesetzes nach Berlin.

Das Projekt hat sich zur Aufgabe gemacht, mit Menschen unterschiedlicher Generationen, Herkunft und Milieus zusammenzuarbeiten und sich mit den im #Grundgesetz verankerten Grundrechten aller Menschen in #Deutschland persönlich und künstlerisch in historischer Perspektive auseinanderzusetzen. Der Ausgangsgedanke war, dass das Grundgesetz als wichtigster Ankerpunkt unserer gesellschaftlichen Grundwerte gerade in Zeiten neuer Problemlagen und polarisierender Wertekonflikte für die Zukunft der #Demokratie eine überragende Bedeutung besitzt.

Mit dem experimentellen Kunstprojekt waren alle Hamburgerinnen und Hamburger aufgerufen, ihren Blick auf das Grundgesetz künstlerisch zu gestalten. loesungskunst./grundrechte_kreativ“

Dr. Jobmann (links) feiert mit dem Bundespräsidenten Respekt, Anerkennung und Würde. (Foto: BA Harburg)

Fehlt was? Ja. Klar. Von wem kam noch die Idee? Wer ist die Urheberin (Achtung – Urheberrechte!) und wessen Lorbeeren stehen hier wem?

Später erst wird kommentarlos – als sei nichts gewesen – der Satz hinzugefügt: „Ein großer Dank an die Kunsttherapeutin Ulrike Hinrichs für die Initiierung und tolle Begleitung des Projektes!“

Respekt, Anerkennung, Würdigung … naja, so genau nimmt man es in Harburg eben nicht. Und überhaupt: hat das was mit dem Thema Grundgesetz zu tun?!? Kann ja mal passieren.

Nun, wenn man so lapidar mit diesem Thema umgeht, viel Geld für Themen wie Integration, Partizipation oder Diversität ausgibt, um es nachfolgend einfach „abzufeiern“, sollte man es vielleicht lieber ganz lassen. Selbst das Vogelschießen ist bei den Schützenvereinen  vermutlich besser aufgehoben.

Die Projekturheberin hat sich im Übrigen postalisch mit ihrer Ent-Täuschung ans Büro des Bundespräsidenten gewandt. Denn die Kreativen hätten sich gefreut und wären stolz gewesen, die Anerkennung entgegen nehmen zu dürfen. Und so macht Harburg  eben wieder auf sich aufmerksam. Dieser wundersame Teil der Weltmetropole Hamburgs …

Der „Werkstattbericht“ mit allen bundesweiten Projekten steht übrigens kostenfrei als download unter: demokratie-ganz-nah

Zum Thema siehe auch tiefgang/idee-des-gelebten-grundgesetzes

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Das Grundgesetz in Farbe https://www.tiefgang.net/das-grundgesetz-in-farbe/ Fri, 07 Sep 2018 22:11:23 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=4110 [...]]]> Das Grundgesetz wird 70 und ist in Gefahr wie lange nicht mehr. Ist es nun Beschränkung oder Freiheit? Eine Ausstellung lädt zum bunten Austausch und überrascht mit Einsichten.

Das Kunst-Projekt „Gemalte Freiheit“ (siehe auch ´Tiefgang`“Die gemalte Freiheit“) zeigt am 23. Sept. 2018 ab 15 Uhr in der ehemaligen Dreifaltigkeitskirche in Harburg seine Werke. Aufgerufen waren alle Harburger und Harburgerinnen, insbesondere solche in schwierigen Lebenswirklichkeiten, ihren ganz persönlichen Blick auf das Grundgesetz künstlerisch zu zeigen. „Die Kunst kommt vom Allgemeinen zum Individuellen, vom Abstrakten zum Konkreten. Der künstlerische Prozess kann Widersprüchliches verbinden und Unsichtbares sichtbar machen. Er zeigt die im Grundgesetz normierten allgemeinen Werte unserer Gesellschaft mit einem individuell subjektiven Pinselstrich“, so Ulrike Hinrichs, gelernte Anwältin, Kunsttherapeutin und auch Initiatorin des Projektes.

„Justizia“ von Bettina Behrend

Entstanden ist eine breite Mischung an Kunstwerken von Live-Performance über Skulpturen, Gemälden und Collagen bis zu Fotografie. Und die von Rike Reichert geleitete Flüchtlingsgruppe „Komm wir nähen“ hat etwas zum Grundgesetz genäht. Auch wird es eine musikalische Interpretation zum Grundgesetz geben.

„Wir dürfen gespannt sein“, sagt die Projektleiterin Ulrike Hinrichs, die in Harburg schon einige künstlerisch-kulturelle Integrationsprojekte initiiert hat. „Wir wollen über die Kunstwerke mit den Besuchern in einen Dialog kommen, über das Grundgesetz sprechen. Das ist wichtiger denn je, auch wenn ich an die aktuellen Ereignisse in Chemnitz denke“, so Hinrichs.

Und als gelernte Anwältin hat sie ohnehin einen spezielleren Blick auf dass Thema: „Eine ´Schönwetter-Demokratie`, also eine Demokratie in Zeiten, in denen alles einigermaßen normal läuft, ist einfach. Ob eine Demokratie aber wirklich stabil funktioniert, zeigt sich, wenn sie angegriffen wird. Das kann auf unterschiedliche Weise geschehen. Unser Land hat das sehr deutlich in Zeiten der RAF erlebt und mit den Terroranschlägen des  11. September 2001 gab es auch eine Zeitenwende in unserem Land. Seit dem wabert eine unkalkulierbare Terror-Gefahr wie eine graue Wolke über uns, die viele Bürger in ihrer gefühlten Sicherheit bedroht. Die Welt ist im Wandel, Migration, Klimawandel, Globalisierung, Digitalisierung. Die gefühlte Unsicherheit steigt. Unsere Gesellschaft hat sich langsam und stetig polarisiert. Viele Menschen sind demokratieverdrossen. Das können wir so nicht hinnehmen. Eine Demokratie lebt von vielfältigen Meinungen und einem differenzierten Blick. Wir müssen wieder mehr diskutieren und konstruktiv streiten, uns auseinandersetzen. Nicht schwarz–weiß sondern farbig-differenziert. Die Farb-Metapher passt gut zu unserem Kunst-Projekt. Wir wollen mit unserem Kunstprojekt zum einen das Grundgesetz ehren, aber auch den Menschen diese große Errungenschaft unserer Demokratie in Erinnerung rufen.

Kerstin Nagel-Steins „Menschenwürde“

Für mich war es schon erstaunlich, dass die geflüchteten Projektteilnehmer die Grundrechte durch die Integrationskurse besser kannten, als die hier aufgewachsenen Menschen. Und wenn ich beobachte was sich in unserem Land an polarisierenden Kräften an den Rändern mobilisiert, dann frage ich mich oft, wer hier eigentlich integriert werden muss. Aber mir geht es gar nicht so sehr darum, auf all die negativen Auswirkungen zu schauen, ich persönlich konzentriere mich ganz bewusst auf das Positive. Mir ist wichtig unterschiedliche Menschen zusammenzubringen. Denn Begegnung schafft Brücken. Und Kunst ist dabei das Verbindungsstück in der Begegnung. Das durfte ich schon durch andere Integrations-Kunstprojekt erleben. Auch die von mir vor 3 Jahren ins Leben gerufene Künstlergruppe für Flüchtlinge, mit der ich schon zahlreiche Ausstellungen gemacht habe, hat mir immer wieder gezeigt, wie leicht man über die Kunst zueinander findet, Kontakt- und Sprachbarrieren überwindet.“

Und wie ist sie nun ausgerechnet auf das Thema „Grundrechte“ als Kunstprojekt gekommen?

„Ich bin ein großer Fan unserer Grundrechte, das ist vielleicht schon klar geworden nach dem Gesagten, die Grundrechte sind ein wertvoller Schatz und die Pfeiler unserer Demokratie“, so Hinrichs. „Für viele sind das Recht im Allgemeinen und auch die Grundrechte im Speziellen aber sehr abstrakt, schwer greifbar.“

An den Workshops nahmen nun etwa 30 Leute teil: Geflüchtete, Rentner, Studenten, Berufstätige, Erwerbslose, psychisch Erkrankte, Profi-Künstler und künstlerische Laien; eine bunte kreativ-explosive Melange von unterschiedlichen Menschen. „Ich fand es sehr spannend, dass bei den Workshops die Teilnehmer*innen sofort in eine Diskussion kamen. Die eine Künstlerin beispielsweise gab in der Diskussion zum Ausdruck, dass sie sich mehr Sicherheit wünsche, die andere fühlte sich dagegen in ihrer Freiheit begrenzt durch immer mehr Gesetze. Und ja, das ist ja genau das Spannungsverhältnis, in dem der Staat sich gegenüber seinen Bürgern bewegt. Hier muss der Staat einen Ausgleich schaffen. Die Grundrechte geben insoweit den Rahmen vor.

Ill. Sonja Alphonso

Weitere Infos unter: www.grundrechtekreativ.de

Das Projekt wird unterstützt von der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg, dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, dem Bundes-Förderprogramm „Demokratie leben!“ und dem Bezirksamt Hamburg-Harburg.

Ausstellung „Kunst-Projekt „Gemalte Freiheit“ am So., 23. Sept. 2018, ab 15 Uhr; ab 16 Uhr künstlerische Führung mit Dialog: Ort: 3falt – Kunst, Kultur, Kreativität, Neue Straße 44, 21073 Hamburg

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