Brigitte Kranich – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Fri, 12 Dec 2025 14:50:55 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.5 Pinsel, Stein und Stift https://www.tiefgang.net/pinsel-stein-und-stift/ Fri, 12 Dec 2025 23:40:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13006 [...]]]> Die Feiertage stehen vor der Tür, aber wer will schon nur zu Hause rumsitzen? Das Museum im Marstall in Winsen an der Luhe liefert den perfekten Tipp: eine Sonderausstellung, die Kunstgeschichte und lokale Identität zusammenbringt.

Ein energiegeladener Spaziergang durch 150 Jahre Winsener Kunst – inklusive Spurensuche durch die Stadt! Winsen an der Luhe ist mehr als eine malerische Fachwerkstadt am Wasser. Sie war und ist ein Magnet für Kreativität! Genau das beweist die aktuelle Sonderausstellung „Mit Pinsel, Stein und Stift – Künstler im Raum Winsen“ im historischen Museum im Marstall.

Ein Muss für alle, die in der Weihnachtszeit und danach mal den Kopf freibekommen wollen: Bis zum 8. März 2026 werden hier über 40 Künstler*innen präsentiert, die sich vom Winsener Schloss, der Luheinsel oder der umliegenden Landschaft inspirieren ließen.

Das Tolle an dieser Schau ist die unglaubliche Vielfalt – man sieht förmlich, wie kreativ die Luft in Winsen sein muss! Allein das Winsener Schloss, das beliebteste Motiv schlechthin, wird in unzähligen Blickwinkeln gezeigt.

Da ist der expressionistische Pinselstrich von Ernst Odefey, der dem Schloss eine neue Dynamik verleiht, während Malende wie Christian Probst oder P. Zühlke es in feinsten Details festhielten. Für alle Fans der modernen Kunst gibt es die abstrakte Interpretation von Brigitte Kranich. Es ist ein faszinierendes Spiel mit Perspektiven: Das Stadtbild, wie wir es kennen, wird durch impressionistische und expressive Darstellungsweisen komplett neu aufgerollt.

Ob Sie nun das nahezu leuchtende Ölgemälde „Brackeler Tonwerk“ von Margarete Schneefus entdecken oder die expressiven Abendhimmel von Richard von Vegesack – die vier Abteilungen (Winsen, Landschaft, Portrait, Architektur/Skulptur) bieten garantiert ein neues Lieblingsbild!

Die Ausstellung zieht einen eleganten Bogen über 150 Jahre Kunst in der Region. Aber das Museum im Marstall bleibt nicht in der Vergangenheit stehen: Der aktuelle Kunst-Leistungskurs des Gymnasiums Winsen ist mit einem eigenen Bereich vertreten. So sehen wir, wie die Kunsttradition der Stadt bis in die Gegenwart fortgeführt wird – da lacht das neugierige Herz!

Besonders charmant: Viele Skulpturen, die in der Pressemitteilung erwähnt werden, befinden sich gar nicht im Museum! Mit einem Plan können Besuchende selbst auf Entdeckungsreise durch die Stadt gehen und die Winsener Kunstwerke in situ bestaunen. Die St.-Marien-Kirche mit ihren Fensterbildern ist hierbei ein markanter Ankerpunkt. Das ist der perfekte Vorwand für einen winterlichen Spaziergang in der Weihnachtszeit!

Die Ausstellung „Mit Pinsel, Stein und Stift – Künstler im Raum Winsen“ läuft noch bis zum 8. März 2026 im Herzen der Stadt, dem Museum im Marstall. Es ist die ideale Flucht aus der Weihnachtshektik, denn das Museum hat zwischen den Jahren geöffnet. Die regulären Öffnungszeiten sind Dienstag bis Sonntag von 11 bis 16 Uhr, wobei an Heiligabend (24.12.), den beiden Weihnachtsfeiertagen (25.12.), Silvester (31.12.) und Neujahr geschlossen bleibt.

Wer die Kunst vertiefen möchte, kann individuelle Führungen anfragen. Oder Sie nehmen an der öffentlichen Führung am Samstag, dem 27. Dezember, teil (Kosten: 6 €). Ein Vortrag über den Maler und Grafiker Arthur Illies ergänzt das Programm am Sonntag, dem 1. März (Kosten: 5 €). Der normale Eintritt für Erwachsene kostet 3 €, wobei Kinder bis 18 Jahre sowie Mitglieder des Heimat- und Museumsvereins freien Zugang zu allen Angeboten haben.

Alle weiteren Informationen zur Ausstellung und den genauen Standorten der Skulpturen finden Sie unter www.museum-im-marstall.de. Museum im Marstall | Schloßplatz 11 | 21423 Winsen (Luhe)

]]>
Die Magie der Kunst https://www.tiefgang.net/die-magie-der-kunst/ Fri, 29 Mar 2019 23:29:49 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=5066 [...]]]> Die Harburger Kunstleihe hält nicht nur Kunst sondern auch manche Geschichte bereit.  Eine führte uns  nach Toppenstedt.

Es war ein magischer Moment, als Ingrid Wolf-Junker in die Kunstleihe kam, um uns bei Interesse Bilder einer Bekannten zur Verfügung zu stellen: mehrere Werke von Brigitte Kranich.

Die farbigen Linoldrucke waren so ansprechend, dass ich mir umgehend vornahm, die Künstlerin möglichst bald einmal zu besuchen. Davon will ich nun Zeugnis ablegen. Das mag andächtig klingen, und ist beabsichtigt. Denn das, was ich zu sehen bekam, verschlug mir geradezu die Sprache.

Ihr Reich gleicht einem visuellen Schlaraffenland. Bilder in Hülle und Fülle, ich konnte mich endlos satt sehen an Farben von besonderer Qualität. Eine unfassbare Menge hängt von oben bis unten an allen Wänden ihres Hauses, in Regalen stapeln sich ungerahmte Drucke und feine Federzeichnungen oder liegen dicht an dicht in diversen Ständern. Unmöglich, alles bei einem Besuch in Augenschein zu nehmen!

Brigitte Kranichs Bilder bestechen durch Brillanz. Sie verwendet besondere Materialen, die man den Werken auch ansieht. Unverdünnte Künstlerölfarben bester Qualität sowie Papier mit besonderen Eigenschaften, welches eigens auf Bestellung für sie in Japan angefertigt wird. So haben ihre Bilder eine Leuchtkraft, die im Laufe der Jahre nichts an Intensität einbüßt.

Zu diesen hochwertigen Zutaten kommt die schier unerschöpfliche kreative Energie dieser fleißigen Frau. Ich bekam Einblick in ihren Werdegang, der mich ebenfalls staunen ließ.

Sie lebt und arbeitet unter dem Dach eines fast zwei Jahrhunderte alten Fachwerkhauses, das sie 1963 mit ihrem Mann bezog, der Rechtanwalt war. Sie war auch schon zu der Zeit kreativ, malte allerdings nur zum Privatvergnügen – für sich und ihn. Jedes Jahr bekam er einen Kalender mit 52 Linoldrucken. Dann verstarb er sehr früh und sie stand mit ihrer kleinen Tochter quasi vor dem Nichts, keine Rente, nur 50 DM Kindergeld. Unterstützung bekam sie nicht. Die Familie legte ihr sogar nahe, die Tochter in ein Heim zu geben.

Doch Brigitte Kranich schaffte, was kaum jemand für möglich hält: Sie ernährte nicht nur sich und das Kind mit ihrer Kunst, sondern finanzierte ihrer Tochter später sogar ein Jurastudium in Deutschland und ein weiteres in den USA.

Und das alles als Autodidaktin, aus eigener Kraft und ohne Studium!

Allerdings kam sie schon in jungen Jahren in den Genuss, viel mit Kunst und Literatur in Kontakt zu kommen. Besonders prägend war offensichtlich ihr erster Besuch einer Ausstellung von HAP Grieshaber, der nicht reproduzierbare Drucke von Holzschnitten anfertigte, in der sogenannten verlorenen Form.

Brigitte Kranich entwickelte diese Technik weiter und Ihre Linolschnitt-Malerei zeichnet sich durch leuchtende, differenziert aufgetragene Farben aus.

Bei dem Hochdruckverfahren wird eine zu Beginn ca. fünf Millimeter dicke Linolplatte eingefärbt und auf Papier gedruckt. Dann wird ein Teil der Oberfläche abgetragen, die erhabene Fläche wieder eingefärbt und gedruckt. Mit jedem Arbeitsschritt gewinnt das Bild durch die übereinander aufgetragenen Farbschichten an Tiefe, während die Druckplatte nach und nach weniger wird. Durch die besondere Technik des Einwalzens der Ölfarbe entstehen Unikate.

Montags druckt die 85jährige Künstlerin immer noch. Wie aufwendig die Produktion ist, kann man nur erahnen, wenn man erfährt, dass bis zu 30 Arbeitsschritte nötig sind. Bei einem großformatigen Bild kann trotz geringer Auflage eine durchgehende Arbeitszeit von 20 Stunden anfallen.

Selbst Blinde können sich ein Bild von der kreativen Energie machen, die in ihr steckt. Einmal machte Brigitte Kranich nämlich sogar eine Ausstellung für den Blindenverein in Nordrhein-Westfalen, und zwar mit Collagen aus Resten von Druckstöcken. Daraus entstanden Bilder zum Ertasten.

Ich bin tief beeindruckt von so viel Persönlichkeit und Schaffenskraft. Es gäbe noch viel mehr zu erzählen: von ihrem Haus und Garten, Tieren, Märchengestalten und lyrischen Texten, die verzaubern.

Vielleicht bei anderer Gelegenheit, z. B. bei einem Besuch in der Kunstleihe oder persönlich bei der Künstlerin zuhause in Toppenstedt, nach Vereinbarung.

]]>