Deutsch Ostafrika https://www.tiefgang.net Fri, 21 Jul 2023 09:55:50 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1 Sammlung aus „Deutsch-Ostafrika“ https://www.tiefgang.net/sammlung-aus-deutsch-ostafrika/ Fri, 21 Jul 2023 22:42:31 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=10132 [...]]]> Der Botaniker Karl Braun (1870-1935) leitete während der deutschen Kolonialzeit im heutigen Tansania (damals Deutsch-Ostafrika) von 1904 bis 1920 eine Forschungsstation. In Stade hinterließ er zwei Kisten und ein Koffer mit 600 ethnografischen Objekten aus Tansania, die sogenannte „Kolonialsammlung Braun“.

Dazu wird nun geforscht und am Mittwoch, 26. Juli um 19 Uhr im Museum Schwedenspeicher ein öffentlicher Abenvortrag zum kolonialen Provenienzforschungsprojekt gegeben. Nach einem Grußwort von Dr. Jan Hüsgen vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste folgt der Vortrag von den Forschungsteammitgliedern Dr. Peter Mangesho (NIMR), Dr. Sebastian Möllers (Museen Stade), Mohamed Seif (NIMR) und Lea Steinkampf (Museen Stade). In der abschließenden Diskussionsrunde sind Fragen aus dem Publikum herzlich willkommen. Die Veranstaltung wird hybrid auf Deutsch und Englisch geführt. Der Eintritt ist frei.

Im Jahr 1902 gründete das Reichskolonialamt im Usambara Gebirge des heutigen Tansanias das „Kaiserliche Biologisch-landwirtschaftliche Amani Institut“. Gemäß dem imperialen Konkurrenzgedanken der europäischen Kolonialmächte bestand das erklärte Ziel darin den größten Botanischen Garten der Welt anzulegen. Als Teil eines weitreichenden Netzwerks agrarwirtschaftlicher und botanischer Forschungseinrichtungen, die im Zuge der europäischen Kolonialexpansion seit dem 19. Jahrhundert entstanden, trug auch das Amani Institut maßgeblich zum globalen Transfer (invasiver) Pflanzenarten bei und setzte die wirtschaftlichen Interessen der deutschen Kolonialmacht durch. Erforschung, Bestimmung und Klassifizierung durch Wissenschaftler zielten darauf ab, Pflanzen für Medizin, Landwirtschaft und Industrie nutzbar zu machen.

In seiner Zeit als leitender Botaniker am Amani Institut (1904-1920) eignete sich Karl Braun (1870-1935) eine Sammlung von Gegenständen an, die sich heute im Bestand der Museen Stade befindet. Im Anschluss an seinen Kolonialdienst leitete Braun die „Biologische Reichsanstalt für Land- und Forstwirtschaft“ in Stade und schenkte kurz vor seinem Tod die umfassende Sammlung der Stadt. Braun erwarb die Gegenstände auf seinen Dienstreisen durch das ehemalige „Deutsch-Ostafrika“, profitierte aber auch von dem Umstand, dass die Ortschaft Amani aufgrund der klimatischen Bedingungen von zahlreichen Kolonialakteuren als „Erholungsort“ geschätzt wurde und dadurch als Umschlagplatz für Gegenstände aus der gesamten Kolonie fungierte. Hinter dem diversen Sammlungsbestand von fast 600 Objekten – zu denen u.a. Alltagsgegenstände, Waffen, Instrumente oder Textilien zählen – zeichnet sich Brauns botanisches Interesse an Verarbeitungstechniken „einheimischer“ Materialien ab. Demnach können die Objekte nicht nur von präkolonialen Kulturen, sondern auch von ihren Erwerbskontexten und den Machtasymmetrien eines kolonialen Wissenstransfers erzählen.

Das Projekt „Die Sammlung Karl Braun und die Rolle des Amani Institut während der deutschen Kolonialzeit in Tansania“ wird von den Museen Stade in Kooperation mit dem National Institute for Medical Research (NIMR) realisiert, das heute die Amani Hill Station im Amani Nature Reserve betreibt. Ziel ist es es die Machtasymmetrien im Netzwerk des Transfers der Objekte im Kontext des Amani Instituts herauszuarbeiten und sich den Herrschafts- und Opfergeschichten der kolonialen Einrichtung anzunähern. Die Objektgeschichten, ihre möglichen gewaltvollen Erwerbskontexte und die Rolle Karl Brauns werden im Zusammenhang der deutschen Kolonialgeschichte des Amani Instituts aufgearbeitet. Zum Abschluss des Projekts werden die Ergebnisse der Provenienzforschung dreisprachig in einer Online-Datenbank veröffentlicht (deutsch, englisch, kiswahili) und im Rahmen einer Ausstellung zugänglich gemacht.

 

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Forschen in Tansania https://www.tiefgang.net/forschen-in-tansania/ Fri, 17 Feb 2023 23:08:42 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=9739 [...]]]> Schon seit Mai 2022 erforschen die Museen Stade eine kolonialzeitliche Sammlung aus ihrem Bestand. Gefördert wird diese Unternehmung vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste, welches seit 2019 einen besonderen Förderschwerpunkt zu Sammlungen aus kolonialen Kontexten hat. Die Sammlung erhielt die Stadt Stade bereits im Mai 1934 als Geschenk und zwar von dem Botaniker Karl Braun, der bis zu seiner Rente das Forschungszentrum für Obstbaumkrankheiten der Biologischen Reichsanstalt für Land- und Forstwirtschaft in Stade leitete. Bevor Braun 1921 nach Stade kam, hatte er von 1904 bis 1920 im Amani Institut gearbeitet, einer Forschungsstation, welche vom Reichskolonialamt im tansanischen Usambara-Gebirge des damaligen „Deutsch Ostafrika“ eingerichtet wurde. Im Zuge seiner Arbeit sammelte er mit großer Akribie ethnografische Objekte, die er sich im kolonialen Unrechtskontext über Ankauf und Schenkungen aneignete. Diese umfassende Sammlung brachte er 1920 mit nach Deutschland, als er die inzwischen britische Kolonie verlassen musste.

Das historische Amani Institut besteht bis heute. Unterhalten wird es vom National Institute for Medical Research (NIMR), das am Fuße der Usambaras nach dem Ende der britischen Kolonialzeit eine neue Forschungseinrichtung geschaffen hat, die sich unter anderem der Malariaforschung und Ethnomedizin widmet.

Gemeinsam mit dieser nationalen Einrichtung machen sich nun die Museen Stade auf den Weg die Erforschung der Sammlung weiter voranzutreiben. Dazu wurde am 06.02.2023 eine Kooperationsvereinbarung von Prof. Said S. Aboud, Generaldirektor des NIMR, und Dr. Sebastian Möllers, Direktor der Museen Stade, in Dar es Salaam unterzeichnet, das die gemeinsamen Ziele und die Form der Zusammenarbeit festhält.

Dabei geht es unter anderem darum, einen Perspektivwechsel im Blick auf die Objekte und die Institutsgeschichte herzustellen. Da zur deutschen Kolonialgeschichte fast ausschließlich deutsche Quellen vorliegen, wurde bisher überwiegend aus Richtung der kolonialen Akteur*innen auf diesen Abschnitt der Geschichte geschaut.

Dies soll sich nun durch die Kooperation verändern. Auch geht es darum, die Fragestellungen der heutigen tansanischen Wissenschaftskolleg*innen einzubeziehen. Bisher wurde die Funktion der wissenschaftlichen Institutionen der Kolonialorgane nur sehr unzureichend beforscht. Dabei ist ihre Rolle im kolonialen Machtgefüge viel größer als man vielleicht auf den ersten Blick denkt. Häufig wurde auf die bekannten Namen und ihre vermeintlich großartigen Lebensleistungen anstatt auf ihre Verbrechen geschaut. So arbeitete z.B. auch Robert Koch in Amani, bevor er seine eigene Station am Viktoriasee einrichtete.
Was ist aber der Hintergrund der Forschungsaktivitäten in den Institutionen? Es ging unter anderem darum, sich Wissen der unterworfenen, einheimischen Bevölkerung anzueignen, die z.B. von Karl Braun bis zur Erschöpfung befragt wurde, wie er in seinen Tagebüchern darstellt und ein wichtiger Gegenstand des Forschungsprojekts sind. Ein weiterer Aspekt ist die effektive Ausbeutung der Kolonien. Welche Rohstoffe lassen sich wie verarbeiten, welche Pflanzen können angebaut, welche Tierarten verwertet werden usw.? Diese Fragen trieben auch Karl Braun um. Viele Objekte seiner ethnografischen Sammlung sind vor diesem Hintergrund von ihm ausgewählt.

In Amani sollte der größte botanische Garten der Welt entstehen, in kolonialer Konkurrenz zu einem botanischen Garten der Niederlande auf Java.

Über 3000 Pflanzenarten aus der ganzen Welt wurden nach Amani gebracht und angepflanzt. Im Gegenzug versorgte das Institut die deutschen botanischen Gärten und Forschungsinstitute mit Samen und Material für ihre Herbarien. Die Auswirkungen der deutschen Gigantomanie sind bis heute im Amani Nature Reserve überdeutlich nachvollziehbar. Der ehemalige botanische Garten hat sich verselbstständigt. Unzählige Pflanzenarten, die eigentlich nicht in das Ökosystem gehören, verdrängen die lokalen Spezies. Dabei wir die Region auch als das Festland-Galapagos bezeichnet, da es weltweit zu den 20 Orten mit der größten Biodiversität und den meisten endemischen Arten zählt. Dieser Status ist bedroht, eine Folge der deutschen Kolonialherrschaft, die auch das große Plantagenwesen, verbunden mit immensen Rodungen mit sich brachte – eine Veränderung ökologischer Systeme, geleitet von ökonomischen Interessen, die bis heute nachwirkt.

So sind die Folgen der deutschen Kolonialgeschichte bis heute wirksam und führen zu vielfältigen Problemen. Die Aufarbeitung dieses Teils deutscher Geschichte ist längst überfälligund rückt nun endlich in den Fokus. Sie kann allerdings nur zusammen mit Partner*innen aus dem heutigen Tansania erfolgen. Es muss ein gemeinsamer Weg der Aufarbeitung sein, so wünschen es sich die Museen Stade und auch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste. „Ein wesentlicher Bestandteil der Forschungsprojekte im Bereich des Kultur- und Sammlungsguts aus kolonialen Kontexten ist die Einbeziehung von lokalem Wissen und Partner*innen aus den Herkunftsländern der Sammlungen“, sagt Jan Hüsgen vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste. „Wir begrüßen deshalb ausdrücklich die vorbildhafte Kooperation der Museen Stade mit dem National Institute of Medical Research, die auch die Bereitstellung von Personalmitteln für die Forschung in Tansania umfasst.“

Um über die Koopertion mit dem National Institute of Medical Research hinaus noch weitere Stimmen einzubeziehen, fand nun am 09. und 10.02.2023 in Dar es Salaam ein Workshop statt, an dem ebenfalls Vertreter*innen des National Museum of Tanzania, der University of Dar es Salaam und des Amani Nature Reserve teilgenommen haben. Vorbereitet wurde die Veranstaltung gemeinsam mit dem örtlichen Goethe-Institut.

Ziel ist es, dabei auch Ideen für anschließende Ausstellungsprojekte zu entwickeln, welche die Ergebnisse des Forschungsprojekts einer breiten Öffentlichkeit in Deutschland und Tansania vorstellen. Künstlerische Beiträge aus beiden Ländern sollen in diesem Zusammenhang den wissenschaftlichen Betrachtungshorizont erweitern.

Weitere Informationen: www.museen-stade.de/sammlung-karl-braun

 

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