F.A.Z. – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Mon, 14 Dec 2020 15:44:31 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.5 „Niedersächsische Landesidentität“ https://www.tiefgang.net/niedersaechsische-landesidentitaet/ Fri, 30 Nov 2018 23:54:47 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=4579 [...]]]> „Peine, Paris, Pattensen“ wird gerne neckisch und umgangssprachlich für Anmaßung aber auch Umwege genutzt. Mit der indirekten Übernahme eines Welfenschlosses durch das Land Niedersachsen kommt nun eine dritte Dimension hinzu.

Indirekt übernimmt das Land Niedersachsen das Welfenschloss Marienburg. Für den Wert des symbolischen eines Euros – sonst nur für ausgewiesene Schrottimmobilien üblich – übernimmt eine Tochterfirma der Klosterkammer Hannover das Schloss. In der Pressemitteilung des niedersächsischens Ministeriums für Wissenschaft und Kultur heißt es:

„Als anerkanntes Kulturdenkmal von nationaler Bedeutung zählt Schloss Marienburg zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten Niedersachsens. Doch mehr als 150 Jahre bewegter Geschichte sind auch an ihm nicht spurlos vorübergegangen. Der Sanierungsbedarf ist hoch. Um das Schloss dauerhaft für die Öffentlichkeit zu erhalten, hat das Land Niedersachsen, gemeinsam mit dem bisherigen Eigentümer Ernst August Erbprinz von Hannover, ein Modell entwickelt, das die Zukunft der Marienburg sichern soll:

Das Schloss geht in die öffentliche Hand über. Das Eigentum am Schloss wird die Liemak Immobilien GmbH, eine Immobilienprojektgesellschaft der Klosterkammer Hannover, übernehmen. Es wird ein symbolischer Kaufpreis in Höhe von 1 Euro gezahlt. Zudem erwirbt das Landesmuseum Hannover – unterstützt von verschiedenen Stiftungen – rund 100 für das Land besonders wertvolle Stücke aus dem kulturhistorischen Inventar im Wert von 2 Millionen Euro. Weitere Gegenstände im Wert von rund 6 Millionen Euro bringt Erbprinz von Hannover in eine gemeinnützige Kunststiftung ein, die eigens zu diesem Zweck gegründet wird.

„Das erklärte Ziel aller Beteiligten war und ist es, das Gesamtkunstwerk Schloss Marienburg als Kulturdenkmal und Erinnerungsort mit großer Bedeutung für die niedersächsische Landesidentität dauerhaft für die Öffentlichkeit zu erhalten und zugänglich zu machen“, sagte Niedersachsens Minister für Wissenschaft und Kultur Björn Thümler im Rahmen der Pressekonferenz auf Schloss Marienburg. Die Gespräche zwischen dem Land und Erbprinz von Hannover dauern bereits seit mehreren Jahren an – das Wissenschaftsministerium hatte die Gesprächsführung als fachlich zuständiges Ministerium auf Wunsch der Staatskanzlei im Januar 2018 übernommen. Der Sicherungs- und Sanierungsbedarf an der Marienburg müsse rechtzeitig behoben werden, sagte Thümler. „Um die Bausubstanz und damit den öffentlichen Zugang dauerhaft zu erhalten, müssen die notwendigen Sanierungsmaßnahmen rechtzeitig geplant und durchgeführt werden. Deshalb ist die Notwendigkeit zeitnah eine abschließende Lösung zu finden, dringlicher geworden“, so Thümler weiter. 

Schloss Marienburg

„Der heutige Tag ist für mich von großer Bedeutung. Das gemeinsam entwickelte Modell sichert Schloss Marienburg und sein Inventar dauerhaft für die Öffentlichkeit. Das war von Anfang an eine Herzensangelegenheit von mir. Deshalb bin ich der Niedersächsischen Landesregierung sehr dankbar“, erklärte Erbprinz von Hannover.

 Als neuen Betreiber des Gastronomie und Veranstaltungsbereichs der Marienburg konnten die in diesem Bereich erfahrenen Unternehmer Carl Graf von Hardenberg und Nicolaus von Schöning gewonnen werden, die bereits erfolgreich mehrere kulturtouristische Destinationen in Niedersachsen betreiben.

Mit Unterstützung des Bundes wird das Land Niedersachsen in den kommenden Jahren damit beginnen, die substanziellen Bauschäden und den Sanierungsrückstand zu beheben. Bereits Mitte November hatte der Haushaltsausschuss des Bundestages beschlossen, für die Sanierung 13,6 Millionen Euro aus dem Kulturetat beizusteuern. Thümler: „Dass hier Bund und Land an einem Strang ziehen, spiegelt die besondere Bedeutung der Marienburg als Kulturdenkmal von nationaler Bedeutung wider. An dieser Stelle danke ich vor allem der zuständigen Bundestagsabgeordneten Dr. Maria Flachsbarth für ihren großen Einsatz.“  (Quelle: Niedersächsisches Ministerium für Wissenschaft und Kultur)

Zudem berichtet die F.A.Z.: „Neben dem Kauf des Schlosses ist vorgesehen, dass das Land mit Unterstützung verschiedener Stiftungen den Welfen für zwei Millionen Euro etwa hundert besonders wertvolle Inventarstücke, vor allem Gemälde, abkauft. Das Geld möchte der Erbprinz zur Tilgung von Schulden nutzen, die im Zusammenhang mit der Marienburg entstanden sind. Der Rest des Inventars, insgesamt 1700 Stücke, soll in eine gemeinnützige Kunststiftung eingehen, in deren Stiftungsrat der Erbprinz den Vorsitz hat, aber auch das Land vertreten ist. Ernst August junior kündigte an, die Verbindung des Welfenhauses zur Marienburg und nach Hannover keinesfalls kappen zu wollen. Er wolle sich langfristig engagieren und auch weiter in Hannover leben. „Darauf können Sie sich verlassen.“

Doch wie andere Medien berichten, wird zu dem Thema jede Menge Kritik laut. Spiegel online zitiert etwa den Haushaltsexperten der Grünen, Stefan Wenzel: „Die Pläne der Landesregierung und der Klosterkammer sind ein absolutes Unding“.

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Das Wunder von der Elbe https://www.tiefgang.net/das-wunder-von-der-elbe/ Fri, 12 Jan 2018 23:16:52 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=2843 [...]]]> Die Stadt Hamburg feiert die Bilanz der Elbphilharmonie wie ein erfolgreiches Dax-Unternehmen. Lässt sich mit Kultur also doch richtig Geld verdienen?  

„365 Tage Elbphilharmonie: Bilanz eines spektakulären Erfolgs“ ist die Headline der Pressemitteilung, die vor einigen Tagen aus dem Verteiler der Presseabteilung rauschte. Und in der Tat – das erste Jahr der Elbphilharmonie kann durchaus als Erfolg gewertet werden. Aber geht es hier nur um Wirtschaftszahlen oder nicht auch um Inhalt?

In der Pressemitteilung heißt es:

„Die Elbphilharmonie Hamburg liefert ein Jahr nach ihrer Eröffnung eine beeindruckende Erfolgsbilanz ab. Rund 850.000 Gäste besuchten über 600 Konzerte, weit über 4,5 Millionen Besucherinnen und Besucher genossen in den ersten zwölf Monaten den spektakulären Blick von der Plaza auf die Stadt, nahezu 70.000 Personen nahmen an Konzerthausführungen teil, und die Musikvermittlungs-Angebote der Elbphilharmonie verzeichnen über 60.000 Menschen jeden Alters als Mitwirkende.

Vor einem Jahr, am 11. Januar 2017, wurde die Elbphilharmonie Hamburg mit einem Festkonzert im Beisein fast der gesamten damaligen Staatsspitze – Bundespräsident Joachim Gauck, Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundestagspräsident Norbert Lammert und Bundesverfassungsgerichtspräsident Andreas Voßkuhle – feierlich eröffnet. Etwa ein Viertel der geladenen Gäste hatte die Teilnahme bei einer Ticketverlosung gewonnen.

Seither hat die vom Schweizer Architekturbüro Herzog & de Meuron entworfene Elbphilharmonie eine beispiellose Erfolgsgeschichte hingelegt. Rund 850.000 Menschen haben über 600 vielfältige, stets künstlerisch exzellente Konzertveranstaltungen in den Sälen der Elbphilharmonie besucht.

Neben den Konzertreihen des NDR Elbphilharmonie Orchesters, des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg und des Ensemble Resonanz gastierten rund 70 Orchester in der Elbphilharmonie, darunter viele der besten Orchester unserer Zeit. Rund 130 Ensembles, Bands und Chöre sorgten für ein breitgefächertes Konzertangebot, das weit über die Klassik hinaus von Jazz über Weltmusik, Rock, Pop bis zu Elektronik und Hip Hop reicht. Mit zahlreichen Festivalformaten und thematischen Schwerpunkten sowie einer Reihe von Uraufführungen fiel die Programmkonzeption durchwegs auf äußerst positive Resonanz.

Insgesamt nahmen mehr als 60.000 Mitwirkende die vielfältigen Musikvermittlungsangebote wahr, die vom Babykonzert über Schulworkshops und Familienkonzerte bis zur regelmäßigen Teilnahme bei einem der fünf Mitmachensembles reichen. Im Rahmen der Elbphilharmonie Instrumentenwelt in den Kaistudios konnten im Kalenderjahr 2017 mehr als 18.000 Kinder und Erwachsene im Rahmen von Workshops erstmals die unterschiedlichsten Musikinstrumente ausprobieren.

Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz: „Die Elbphilharmonie hat die internationale Wahrnehmung Hamburgs verändert und die Kultur hat ein neues Zuhause im Herzen der Stadt bekommen. Abend für Abend ausverkaufte Konzerte und rund 4,5 Millionen Besucher auf der Plaza zeigen die große Faszination, die dieses Haus und die Musik ausüben. Die Elbphilharmonie begeistert die Hamburgerinnen und Hamburger und unsere Gäste. Die bestechende Idee, mit einem Haus für alle einen kulturellen Identifikationspunkt zu schaffen, ist voll und ganz aufgegangen. Hamburg ist stolz auf die Elbphilharmonie und die kulturelle Vielfalt der Stadt, die sich auch in der Elbphilharmonie widerspiegelt.“

Generalintendant Christoph Lieben-Seutter: „Aus dem unglaublich dichten Programm des Eröffnungsjahres einzelne Höhepunkte hervorzuheben, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Neben den unzähligen Konzerterlebnissen ist es nach wie vor eine tägliche Freude zu erleben, wie beeindruckt Besucher wie Künstler von der Elbphilharmonie und ihrer Atmosphäre sind.“

Die Nachfrage nach Konzertkarten ist auch ein Jahr nach der Eröffnung ungebrochen hoch und übertrifft bei einzelnen Konzerten das Platzangebot um mehr als das 20-fache. Bei Vorverkaufsstarts von besonders gefragten Konzerten oder Konzertreihen kommt daher weiterhin ein Vergabeverfahren zur Anwendung, das die Tickets unter allen Bestellern nach dem Zufallsprinzip vergibt. Regelmäßig ausgebucht sind auch die von der Elbphilharmonie angebotenen Konzerthausführungen, in deren Rahmen sich bereits rund 70.000 Menschen einen Eindruck vom Gebäude und seiner Geschichte machen konnten.

Die Plaza, die kostenlos zugängliche Plattform in 37 Metern Höhe mit der fabelhaften Aussicht über Stadt und Hafen, hat mit weit über 4,5 Millionen Besucherinnen und Besuchern seit ihrer Eröffnung am 4. November 2016 selbst die optimistischsten Prognosen deutlich überschritten. Sie ist Hamburgs Besuchermagnet Nummer eins. Auch das exzellente Abschneiden Hamburgs in Städterankings international führender Medien wie der „New York Times“ oder in einflussreichen Reiseführern wie „Lonely Planet“ ist auch auf den gewaltigen Attraktivitätsschub der Stadt durch die Elbphilharmonie zurückzuführen.

Nicht zuletzt übertraf das Medienecho auf die Elbphilharmonie im Eröffnungsjahr alle Erwartungen. Mehr als 50.000 Artikel erschienen weltweit in Zeitungen, Zeitschriften, Magazinen, Periodika aller Art sowie online. Die Website www.elbphilharmonie.de verzeichnete rund 50 Millionen Zugriffe, und die Live-Streams und Konzertmitschnitte auf der Plattform Elbphilharmonie Worldwide sowie in den Social Media-Kanälen der Elbphilharmonie wurden insgesamt rund drei Millionen mal aufgerufen.“

Quelle: www.hamburg.de/bkm

Man könnte meinen, wenn wir nur lange genug solche Elphi-Jahre haben, wird Hamburg noch die Baukosten wieder einspielen. Doch so einfach ist es nicht. Und aus kultureller Sicht ist durchaus kritisierbar, dass hier bewußt Augenwischerei betrieben wird. Jürgen Kesting in der FAZ titelt daher kritisch „Klassik light“ und merkt an: „Vielen Gästen scheint egal zu sein, was sie zu hören bekommen.“

Und auch wenn es viele nicht mögen hören wollen – an einer inhaltlichen Aussage ist was dran: „Wenn es eine Programmatik gab, so war es die der krassen, auch modischen Kontraste. Auf das Gastspiel des Chicago Symphony Orchestra unter Riccardo Muti folgte ein Abend mit dem amerikanischen Jazz-Pianisten Brad Meldau, auf die bruitistischen Attacken der „Einstürzenden Neubauten“ eine Aufführung von Haydns „Schöpfung“, auf Rossinis „La Cenerentola“ mit Cecilia Bartoli ein Jazz-Abend mit Michael Wollny; auf ein Konzert des NDR Elbphilharmonie Orchesters mit Musik von Mahler ein Abend mit dem italienischen Liedermacher Paolo Conte.“

Und zu Recht titelt Stefan Grund  seinen Kommentar in der „Welt“ „Trotz Erfolgs bleibt Elbphilharmonie ein Zuschussgeschäft“ und verweist auf nicht genannte Fakten wie steigende Personalkosten und anderes.

Grunds Fazit: „Von einem Gewinn im eigentlichen Sinne kann dennoch keine Rede sein, denn bei sechs Millionen Euro Subvention jährlich bleibt die Elbphilharmonie unter dem Strich immer ein Zuschussgeschäft.“

Wie dem auch sei: so gut und schön es ist, dass die lang erwartete Elphi nun auch wirklich Interessen auf sich zieht, so muss man kein Wahrsager sein, um feststellen zu können – so wird es nicht bleiben und über Kultur selbst sagt es schlichtweg nichts, aber auch gar nichts aus. Zudem: es ist nicht zur Nachahmung empfohlen!

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