Gerhard Kreyenberg – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Fri, 22 Sep 2017 17:20:38 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.5 „Vollkommen verwirrt, sehr leicht gereizt“ https://www.tiefgang.net/vollkommen-verwirrt-sehr-leicht-gereizt/ Fri, 29 Sep 2017 22:19:47 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=2223 [...]]]> Sie wollte Schneiderin werden. Dann aber kamen epileptische Anfälle. Statt Hilfe kamen die Nazis. Das war ihr Verderben …

Helene Jakobsen wurde am 22. Februar 1893 in Harburg geboren. Sie war das dritte Kind ihrer Eltern Peter (geb. 15. Sept. 1853) und Magdalene Jakobsen, geb. Lehmkuhl (geb. 7. Dez. 1862). Nach der Schule absolvierte sie eine Lehre als Schneiderin. Diesen Beruf konnte sie aber nur kurzfristig ausüben, weil sie seit ihrem 16. Lebensjahr unter epileptischen Anfällen litt.

Während die junge Harburgerin in den 1920er Jahren nur in großen Abständen über epileptische Anfälle zu klagen hatte, traten sie nach dem plötzlichen Tod ihres schwerkriegsbeschädigten Bruders Paul am 13. Oktober 1931 häufiger und heftiger auf. Die Medikamente, die die behandelnden Ärzte einsetzten, erwiesen sich als nur kurzzeitig erfolgreich. Die psychischen Beeinträchtigungen waren so groß, dass Helene Jakobsen am 21. November 1931 in die „Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg“ eingewiesen werden musste. Dort „besserte sich“ ihr Zustand langsam. Nach zehn Monaten glaubten die Ärzte, sie in das „Pflegeheim Huckfeld“ bei Emmelndorf im Landkreis Harburg entlassen zu können. Doch nach einer Zwangssterilisation und einer weiteren Unterleibsoperation traten die alten Symptome erneut auf. Die epileptischen Anfälle häuften sich wieder, und die Zeichen geistiger Verwirrung waren nicht zu übersehen.

Helene Jakobsen, 1934 © Evangelische Stiftung Alsterdorf

Am 31. August 1935 wurde Helene Jakobsen ein zweites Mal in die „Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg“ verlegt. Nach einem Schlaganfall nahmen die epileptischen Krämpfe und die Phasen psychischer Störungen abermals zu. Eineinhalb Jahre später wurde die Patientin zur weiteren Behandlung und Pflege in die damaligen Alsterdorfer Anstalten eingewiesen. Die Eintragungen in ihre Patientenakte vermitteln ein schwankendes Bild ihrer weiteren Entwicklung. An einigen Tage wurde sie als ordentlich und freundlich beschrieben, als Frau, die „Interesse an ihrer Umgebung“ zeigte und „sich über die Natur freute“; an anderen Tagen gurteten die Pfleger sie im Bett an, weil sie „wirr“ redend im Schlafsaal umherlief und mit Gegenständen warf.

In seinem Gutachten für die Hamburger Sozialverwaltung stellte der leitende Oberarzt Gerhard Kreyenberg im November 1938 fest: „In der Körperpflege ist sie [Helene Jakobsen] selbständig. Sie wird mit Handreichungen beschäftigt, ist fleißig und ordentlich. In der freien Zeit ist sie leicht zu leiten. Sie hat häufig langandauernde Dämmerzustände, in denen sie strengster Beaufsichtigung bedarf. Weiterer Anstaltsaufenthalt ist erforderlich.“

Mit dem letzten großen Abtransport von 228 Frauen und Mädchen aus den damaligen Alsterdorfer Anstalten gelangte Helene Jakobsen am 16. August 1943 in die „Landes- und Pflegeanstalt für Geistes- und Nervenkranke am Steinhof“ in Wien. Die Wiener Ärzte stellten durchweg negative Diagnosen für sie. Schon bei der ersten Eintragung in ihre Krankenakte hieß es: „Patientin … [nach] einem typischen epileptischen Anfall … vollkommen verwirrt, sehr leicht gereizt … und sehr grob. Auf Fragen antwortet sie nach langer Latenz langsam und unbeholfen, erweist sich als stark dement.“

Am „Steinhof“ regierte der Tod. 196 der Alsterdorfer Patientinnen waren Ende 1945 nicht mehr am Leben. Das Sterben geschah systematisch: durch Überdosierung von Medikamenten, Nichtbehandlung von Krankheiten und Nahrungsentzug. Helene Jakobsens Leben endete am 17. Juli 1944.

© Klaus Möller

Quellen: Gedenkbuch der Evangelischen Stiftung Alsterdorf; Archiv der Evangelischen Stiftung Alsterdorf, Krankenakte Helene Jakobsens (V192); Wunder u. a., Kein Halten., 2. Auflage.

(leichte Überarbeitung für ´Tiefgang` v. Heiko Langanke)
Standort: google/maps

Weiterführende Links:

stolpersteine-hamburg.de und www.gedenken-in-harburg.de

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„Da läuft etwas an der Hand“ https://www.tiefgang.net/da-laeuft-etwas-an-der-hand/ Fri, 15 Sep 2017 22:19:51 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=2157 [...]]]> Eines von drei Geschwistern kommt in Finkenwerder behindert zur Welt. Der Weg in die Alsterdorfer Anstalten war seine Sackgasse: Hermann Quast.

Hermann Quast kam am 24. März 1936 als drittes Kind der Hausfrau Hildegard Quast, geb. Fenske, (geb. 15. Jan. 1912) zur Welt. Bei seiner Geburt wog er drei Kilo. Seine Mutter war in zweiter Ehe mit Heinrich Quast (geb. 9. Mai 1908) verheiratet, nachdem ihr erster Mann Heinrich Hennings (geb. 30. Okt. 1907), ein gelernter Klempner, den sie 1932 geheiratet hatte, infolge eines Unfalls im Jahre 1934 in der Elbe ertrunken war.
Nach ihrer Schulzeit hatte Mutter Hildegard Quast ein Jahr die Berufsschule in Wilhelmsburg besucht und dann eine Stellung als Hausangestellte angenommen. Im Jahre 1935 hatte sie ein zweites Mal geheiratet und ihre beiden Kinder Hertha (geb. 14. Aug. 1933) und Heinrich (geb. 28. Nov. 1934) mit in die Ehe gebracht. Zusammen mit seinem Vater, seiner Mutter und seinen zwei Halbgeschwistern lebte Hermann in der Benittstraße 26 III in Hamburg-Finkenwärder, wie es damals hieß.

Hermann Quast (sein Kopf wird für die Fotografie gestützt) © Archiv Evangelische Stiftung Alsterdorf

Hermann Quasts Vater Heinrich Hennings war zunächst in Finkenwerder aufgewachsen und hatte hier wie seine sechs Geschwister die Schule besucht. Nach Jahren der Seefahrt nahm er jedoch zur Zeit seiner Heirat eine Stelle als Bohrer bei der Deutschen Werft auf der Rüschhalbinsel in Finkenwerder an. Seine Familienangehörigen waren in Finkenwerder und in Neuenfelde ansässig.

Über das erste Lebensjahr von Hermann Quast ist uns nichts bekannt. Mit einem Jahr und fünf Monaten jedoch, vom 3.8. bis 14.8.1937, war Hermann im Kinderkrankenhaus Rothenburgsort untergebracht. Warum, wissen wir (noch) nicht. Doch hier heißt es zum ersten Mal in der Akte: „Das Kind erscheint weder geistig noch körperlich seinem Alter entsprechend entwickelt zu sein.“ Geriet er damit in den Fokus der nationalsozialistischen Behörden?

„In der Entwicklung zurückgeblieben“

Am 17.11.38 wurde die „Fü-Akte“ (Fürsorgeakte) über den zweieinhalbjährigen Hermann erstellt. Hier ist zu lesen: „…vollkommen in der Entwicklung zurückgeblieben, läuft jetzt etwas an der Hand, spricht noch nicht und isst noch kaum mit dem Löffel. In der Untersuchungen der Wiegestunde wurde Mongoloide Idiotie festgestellt.“

Zwei Jahre später, am 27.10.1939, wurde vom Jugendamt Hamburg eine „psychiatrische Untersuchung“ durchgeführt einschließlich „erbbiologischer Erhebungen“, „Untersuchungsgrund?: Unterbringung“.

Auf wessen Initiative diese Maßnahme zurückging, ist unklar. Waren es die Eltern selbst, die nach der Geburt eines weiteren Kindes im Juni 1938 womöglich nicht mehr die Kraft hatten, allen vier Kindern in gleicher Weise gerecht zu werden? Waren es staatliche Stellen? War es jemand aus ihrem Umfeld, der glaubte, dass der kleine Junge in einer Einrichtung, die auf die Hilfe für Menschen mit Behinderungen spezialisiert war, besser als in seiner Familie in der Benittstraße 26 aufgehoben war? Oder gab es andere Gründe? Wir wissen es ebenso wenig wie uns die Reaktion seiner Eltern auf die Aufforderung zur Untersuchung bekannt ist.

„Mongoloide Idiotie“

Bei der Untersuchung am 27. Oktober 1939 kamen die Ärzte Hülsemann, Ltd. Oberarzt, und Gräfe, Assistenzarzt, beim Jugendamt Hamburg, Abt. II B, zur Beurteilung: „Es handelt sich um mongoloide Idiotie“. Hermann solle deshalb in die Alsterdorfer Anstalten überwiesen werden, zumal seine Mutter ein weiteres Kind erwarte und ihn nicht mehr versorgen könne. Ein „Überweisungsschein“ wurde dem Bericht beigelegt, d.h. die Sozialverwaltung würde die Kosten übernehmen.

Am 10.1.1940 wurde Hermann in den Alsterdorfer Anstalten aufgenommen. Am Tag der Einweisung schrieb ein Arzt über den kleinen Patienten „[Das Kind] ist sehr unruhig, so daß es angegurtet werden muß“. Hermann konnte nicht allein essen und wusste nicht, wann er auf die Toilette gehen sollte. Er musste versorgt und gefüttert werden, sei aber freundlich und anhänglich, wie es am 10. Juli 1941 hieß.

Am 14. Juli 1941 bestätigte Gerhard Kreyenberg, Leitender Arzt der Alsterdorfer Anstalten, der „Sozialverwaltung Sonderstelle“, dass eine Verlängerung des Aufenthaltes von Hermann Quast in dieser Einrichtung erforderlich sei, was auch Prof. Schäfer, Vorsitzender des Alsterdorfer Vorstands, am 30. Oktober 1942 bekräftigte. Am 6. August 1943 schloss Kreyenberg die Krankenakte Hermann Quasts mit der Eintragung: „Verlegt, da die Alsterdorfer Anstalten zerstört sind.“ Hermann Quast kam in die Heil- und Pflegeanstalt Eichberg bei Eltville in Hessen.

Damit gehörte er zu den insgesamt 26 Kindern und 44 Männern aus Alsterdorf, die am 8. August 1943 in Eichberg eintrafen. Einige der Neuankömmlinge trugen Zwangsjacken und wurden – so ein Bericht – „wie Vieh auf LKWs“ geladen und zum Eichberg gebracht.

Die „Landesheilanstalt Eichberg“ am Rhein (die heutige „Vitos Klinik Eichberg“) war 1849 auf dem Gelände des Klosters Ebersbach gegründet worden. Die Einrichtung fungierte bis zum August 1941 als Durchgangsstation der Euthanasie-Patienten in die Vernichtungsanstalt Hadamar. Im Winter 1940/41 richtete der leitende Arzt Mennecke eine „Kinderfachabteilung“ ein, in der geistig und körperlich behinderte Kinder und Jugendliche „euthanasiert“ wurden. Diese Abteilung wurde vom Arzt Walter Schmidt geleitet. Er verabreichte den Patienten Morphium/Skopolamin oder in Zuckerwasser aufgelöste Schlaf- und Betäubungsmittel, wie z. B. Luminal, die zum Tode führten.

„Nach zwei bis drei Minuten tot“

Ein ehemaliger Pfleger berichtete später: „Dr. Schmidt kam öfters, manchmal zwei- bis dreimal an einem Tag … durch meine Station. … Er deutete dann mit seinem Finger auf einzelne Patienten und sagte, der oder jener würde ihm nicht mehr gefallen. Dr. Schmidt trug meistens einen Zettel in der Tasche, auf welchem er die Namen verschiedener Kranker notiert hatte. Manchmal waren es mehrere, manchmal nur ein Kranker … Manchmal ließ er solche Kranken sofort ins Ärztezimmer bringen, manchmal gab er auch eine bestimmte Zeit an, wann er den Kranken im Ärztezimmer sehen wollte. Der Pfleger vom Dienst musste dann jeweils den Kranken zu Dr. Schmidt bringen. Wenn ich Dienst hatte, war ich mit Dr. Schmidt im Ärztezimmer zusammen und habe für ihn, wie es üblich ist, die Handreichungen gemacht. Wenn nun ein solcher Kranker im Ärztezimmer war, sagte Dr. Schmidt, dass ich eine Morphiumspritze zurechtmachen sollte. Er gab auch immer das Quantum Morphium an, welches ich in die Spritze einfüllen sollte. Manchmal waren es 10 ccm, manchmal auch 20 ccm, manchmal noch mehr. Es ist auch vorgekommen, dass ich die Spritzen mit Luminal füllen musste, je nachdem, was gerade an Giften vorhaben war. Nachdem ich nun jeweils die entsprechende Spritze vorbereitet hatte, spritzte er dieselbe intravenös ein. Nachdem Dr. Schmidt jeweils die Spritze verabfolgt hatte, verließ er meist ohne ein Wort zu sagen das Ärztezimmer. Nach zwei bis drei Minuten war der Patient tot. Die diensthabenden Krankenpfleger holten die Leiche dann im Ärztezimmer ab.“

Am 18. September 1943 – sechs Wochen nach seiner Einlieferung – starb auch Hermann Quast um 5 Uhr morgens in Eichberg, wie seine Sterbeurkunde besagt. Als Todesursache wurden Herzschwäche und Geisteskrankheit eingetragen.
Können wir den Angaben glauben? Keines der 26 Kinder, die am 8. August 1943, von den „Alsterdorfer Anstalten“ kommend, in Eichberg ankamen, überlebte.

© Julia Klindworth/Hannelore Fielitz

Quellen: Archiv der Evangelischen Stiftung Alsterdorf, V0 23, Hermann Quast; Stadtarchiv Eltville am Rhein; www.alsterdorf.de/ueber-uns/geschichte.html; Michael Wunder, Ingrid Genkel, Harald Jenner, Auf dieser schiefen Ebene gibt es kein Halten mehr. Die Alsterdorfer Anstalten im Nationalsozialismus, Hamburg 1988, Ernst Klee, `Euthanasie´ im NS-Staat. Die `Vernichtung lebensunwerten Lebens´, Frankfurt a. M. 1985.

(leichte Überarbeitung für ´Tiefgang` v. Heiko Langanke)

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Weiterführende Links: stolpersteine-hamburg.de, bertini-preis.hamburg.de, gedenken-in-harburg.de

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