Interview https://www.tiefgang.net Sat, 21 Feb 2026 14:40:29 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0.2 „Wir sind alle emotional berührbar!“ https://www.tiefgang.net/wir-sind-alle-emotional-beruehrbar/ Sat, 07 Mar 2026 23:17:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13412 [...]]]> Jan Simowitsch hat sich in seinem Leben mehrfach neu erfunden. Nun legt er sein Debüt „Und der Wal spuckt mich aus“ vor und liest in Moisburg.

Wir haben mal hinter den Klappentext geschaut und nachgefragt …

Tiefgang (TG): Hallo Jan, Du hast Deinen Job gekündigt und bist auf die Färöer-Inseln gereist – als erster Tourist des Jahres. War dieser radikale Bruch ein bewusster Sturz in den Walfischbauch oder eher eine Flucht nach vorn?

Jan Simowitsch: Es war eine Flucht nach vorn und doch konnte ich nicht ahnen, dass mir ein Wal Asyl anbieten würde, mich für eine Weile bei sich aufnimmt und mich so vor dem Ärger und den Aufregungen der Welt beschützt.

TG: Dein Buch und Programm tragen den Titel „Und der Wal spuckt mich aus“. Die biblische Jona-Erzählung ist ein Klassiker über das Davonlaufen und das Unausweichliche. Was fasziniert Dich an dieser uralten Geschichte für unsere heutige, oft so durchgetaktete Zeit?

Jan Simowitsch: Ich glaube, wir alle haben immer wieder den Fluchtimpuls. Stehen wir zum Beispiel an einem Fernzug nach Basel oder Stockholm kostet es schon Energie, nicht einzusteigen. Und dieser Fluchtgedanke trägt immer ein Bild von einem „noch einmal neu“ in sich. Das Schwere hinter sich lassen und endlich der werden, der man schon immer sein wollte. Und wenn man dann die Flucht wagt, und sei es nur für zwei Wochen, wird man staunen, was sich alles verändert hat. Nicht in der Welt, sondern in einem selbst.

TG: Du wirst gerne als „Doppel-Dude“ bezeichnet, weil Du Texte und Musik verschmelzen lässt. Wie entscheidest Du, wann ein Gefühl eine Note braucht und wann ein klares Wort? Ergänzen sich Klavier und Vorlesen oder stehen sie manchmal auch im kühnen Widerspruch?

Jan Simowitsch: Musik ist für mich eher wie ein subjektives Foto, also alles, was mich umgibt, fließt ohne Wertung, ohne schön sein zu müssen, ein in die Musik. Musik hat somit keine Intension, entsteht im Augenblick und entfaltet beim öffentlichen Spielen trotzdem immer unmittelbar eine Wirkung und Emotion. Worte sind dagegen für mich auch immer mit Wünschen verbunden, mit Ironie und der Hoffnung, etwas Gutes zu bewirken. Und beides ergänzt sich perfekt.

TG: In Moisburg liest Du im historischen Amtshaus, einem Ort mit viel Tradition. Wie passt das eher raue, nordatlantische Flair Deiner Färöer-Reise in die Atmosphäre des Kulturpunkts?

Jan Simowitsch: Ich denke, wenn die Musik die klassischen Kronleuchter zum Schwingen bewegt, dann sind auch die Färöer nicht mehr weit. Und wenn es um Traditionen geht, ist diese zu Dänemark gehörende Inselgruppe mitten im Atlantik eh ganz vorne mit dabei.

TG: Ein schachspielender Steinbutt spielt in Deiner Geschichte eine Rolle. Das klingt herrlich absurd. Welche Art Humor braucht man eigentlich, um die großen, tiefgründigen Fragen des Lebens – wie den Verlust von Sicherheiten – zu ertragen?

Jan Simowitsch: Wenn die Sprache hinter ihren eigenen Bildern hinterher rennt, sie am Rockzipfel erwischt, umdreht und erkennt, das bin ich ja selbst. Wenn so Dinge, die ja für gewöhnlich nie reden, sich einmischen und die Wirklichkeit auf den Arm nehmen, dann wird plötzlich auch im Lesen und Zuhören die Welt fantastisch und Unmögliches denkbar.

TG: Auf Deinen Kanälen mischst Du Dich oft in politische Debatten ein und setzt Dich für Menschenrechte ein. Inwieweit ist Deine literarische Arbeit auch und gerade jetzt ein Statement für einen offeneren gesellschaftlichen Diskurs?

Jan Simowitsch: Eine Bühne zu bekommen ist ein Privileg und die Zeiten sind gerade angespannt, die Menschen mitunter hochsensibel. Da tut gemeinsames Lachen ebenso gut wie vor Rührung zu weinen. Und wenn dann das Publikum sieht, dass wir alle emotional berührbar sind und ähnliche Erfahrungen teilen, können wir auch über unsere Träume und Hoffnungen, über das, was uns Mut macht reden. 

TG: Wenn das Publikum am Sonntagabend das Amtshaus verlässt – welche Saite hoffst Du bei den Zuhörer*innen zum Schwingen gebracht zu haben?

Jan Simowitsch: Die tiefen Basssaiten, die so lange resonieren, dass die Wangen zu Hause noch vibrieren und die hohen Diskantsaiten, in denen sich manches Lachen wiedergefunden haben wird.

(Das Interview für ´Tiefgang` führte Heiko Langanke)

Termin: So., 22. Mrz., 17 Uhr: Jan Simowitsch – Und der Wal spuckt mich aus | Vvk + Eintritt 10,- € 

Kulturpunkt Moisburg c/o Amtshaus Moisburg, Auf dem Damm 5, 21647 Moisburg, www.kulturpunkt-moisburg.de

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Die Überlebensstrategie von Gewaltopfern https://www.tiefgang.net/die-ueberlebensstrategie-von-gewaltopfern/ Fri, 06 Mar 2026 23:47:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13400 [...]]]> Trotz aller politischer Bekundungen, ist das Verhältnis zwischen Polen und Deutschen nicht so nachbarschaftlich wie man glauben mag. Besonders deutlich wird dies meist in Dingen, die eben nicht so offensichtlich sind. Mia Raben hat es literarisch aufgearbeitet und wir mal nachgehakt …

Tiefgang (TG): Frau Raben, Sie sind selbst ein Kind polnisch-deutscher Eltern und haben als Korrespondentin in Warschau gearbeitet. War „Unter Dojczen“ ein Buch, das schon lange in Ihnen gereift ist, um den oft „unsichtbaren“ Pendel-Migrant*innen in der Pflege eine Stimme und ein Gesicht zu geben?

Mia Raben: Der Roman, an den ich lange gedacht habe, hat mit den Jahren seine Form immer wieder verändert, bis am Ende dieser Text stand. Ich habe ziemlich lange gebraucht, um zu wissen, welche von den vielen möglichen Geschichten ich als Roman aufschreiben will. Als Korrespondentin in Polen hatte ich das Gefühl, dass die Themen auf der Straße lagen. Ich fand einfach alles spannend. Natürlich auch aus dem Grund, weil ich meine Herkunft erforscht habe. Für den Roman musste ich mich aber für eine Figur und ihre Geschichte entscheiden, und da meine Mutter viele Freundinnen hatte, die so gearbeitet haben wie Jola, habe ich mich irgendwann für sie entschieden.

TG: Zu Beginn des Romans wird Jola fast wie ein Paket in Deutschland „abgeliefert“. Das ist ein hartes Bild für die Entmenschlichung im Pflegesystem. Wie wichtig war es Ihnen, diesen Kampf um Würde und Geld zu beschreiben, ohne dabei den Humor und den spöttischen Blick auf die „Dojczen“ zu verlieren?

Mia Raben: Der Humor und der spöttische Blick, wie Sie es nennen, war mir immer sehr wichtig. Er ist schon immer eine Überlebensstrategie von Gewaltopfern gewesen. Ich habe diesen Humor und diesen Spott gegenüber den Deutschen in meiner polnischen Familie von klein auf erlebt. Mein Problem war damals: Ich war ja auch ein deutsches Kind. Also galt dieser Spott gewissermaßen auch mir. Das tat weh. Ich brauchte viel Zeit und viele Erfahrungen in beiden Ländern, um zu begreifen, dass das alles von außen kommt. Ich muss weder deutsch noch polnisch sein. Beide Länder haben mich geprägt. Es ist ja so, dass die Deutschen historisch betrachtet die Polen einfach sehr mies behandelt haben. Und heute sind die älteren Menschen in Deutschland von den Polinnen abhängig. Was für ein Spannungsfeld sich da auftut, habe ich erst durch Jola und Uschi erfahren. Die haben sich da verselbstständigt und für humorvolle Begegnungen gesorgt, aber eben auch für schmerzhafte. Denn zwischen Deutschen und Polen kann man dem Schmerz nur mit aufrichtigem Interesse und am besten mit Humor begegnen. Wenn man das nicht kann, herrscht Eiseskälte. Es ist einfach zu viel passiert.

TG: Das Herzstück Ihres Buches ist die ungewöhnliche Freundschaft zwischen Jola und der Matriarchin Uschi. Ist diese Beziehung auf Augenhöhe ein bewusst gesetzter optimistischer Gegenentwurf zur meist einseitigen Abhängigkeit in der häuslichen Pflege?

Mia Raben: Dass Jola sich emanzipiert, hat sie sich ja hart erarbeitet. Sie kämpft sich heraus aus der Abhängigkeit und das gelingt heute immer mehr Polinnen, weil sie verstehen, dass auch sie in einer Machtposition sind, nicht nur die wohlhabenden Alten. Ich wollte, dass die oft schreckliche Situation der Pendlerinnen deutlich wird, dass die Ausbeutung gezeigt wird, aber ich wollte nicht, dass man den Roman zu Ende liest und denkt: Oh Gott, wie schrecklich das alles ist, das wird nie besser! Ich vertrage das Grauen besser, wenn ich weiß, es blitzt auch noch etwas Hoffnung auf. Und Jola verkörpert diese Hoffnung doch ganz gut.

TG: Sie haben am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig (DLL) studiert. Wie hat diese Ausbildung Ihren Blick auf das Handwerk verändert? Gab es Momente, in denen die journalistische Präzision mit der literarischen Freiheit Ihres Debüts in Konflikt geraten ist?

Mia Raben: Was ich am DLL vor allem gelernt habe, ist, wie viele Sichtweisen es auf einen Text gibt. Natürlich gibt es handwerkliche Mittel, die man einsetzen kann. Es war auch gut, das zu lernen und zu begreifen, sehr wichtig für mich. Aber am Ende ist ein handwerklich guter Text eben auch Geschmackssache. Grässlich fand ich einen Text und jemand anderes fand ihn großartig. So ist das. Auch bei der eigenen Master-Arbeit. Was die eine Bewerterin toll fand, hat die andere gerade gestört. Leider ist das alles top secret. Aber das Learning ist: Mach einfach dein Ding. Es werden nicht alle gut finden. Niemals. Die Beobachtungsgabe und das Notizenmachen in der Livesituation sind Sachen, die ich aus der Reportage ins Literarische übertrage. Wenn ich losziehe, mache ich ständig Notizen, besonders wenn ich an Orten recherchiere, die für meine literarische Arbeit wichtig sind. Notizen sind sehr wichtig. Sich dann aber bewusst auch von den Notizen zu lösen, war sehr befreiend. Die Phantasie ist ja im Journalismus nur begrenzt willkommen. Eine gute Überschrift, eine spezielle Frage an die Interviewpartnerin …

„Weibliche Geschichten der Selbstbehauptung passen an jeden Ort“

TG: Die SuedLese Literaturtage bringen Sie nach Moorburg in den Elbdeich e.V. – ein „pulsierender Kraftort“ zwischen A7-Rauschen und Dorfgarten. Passt diese Atmosphäre des Widerstands und der Eigenwilligkeit in Moorburg gut zu Jolas Geschichte der Selbstbehauptung?

Mia Raben: Weibliche Geschichten der Selbstbehauptung passen an jeden Ort – aber vielleicht spiegelt diese, wie Sie sagen, „Atmosphäre des Widerstands“ diesen Kampf besonders gut wider. Denn natürlich bedeutet Selbstbehauptung auch: Stress, Anstrengung, an die eigenen Grenzen gehen. Um in Ihrem Bild zu bleiben, kann man sagen, wenn der Kampf um die Selbstbehauptung gelingt, ist die Belohnung dafür vielleicht ein Gefühl, das dem Verweilen in einem idyllischen Dorfgarten nahekommt.

TG: Kristine Bilkau nennt Ihr Buch eine Geschichte über Fürsorge und Ausbeutung. Wenn die Besucher*innen am 21. März nach der Lesung den Moorburger Elbdeich entlanggehen: Welchen Gedanken über das Miteinander unserer Kulturen möchten Sie ihnen mit auf den Weg geben?

Mia Raben: Ich finde es wichtig, die interkulturelle Begegnung, etwa zwischen Deutschen und Pol*innen, zu hinterfragen. Es besteht immer die Gefahr, einerseits zu idealisieren, zu bagatellisieren, und andererseits wiegt das historische Erbe schwer. Für viele Menschen, gerade aus Deutschland, ist es nicht leicht, auf diesem schmalen Grat zu gehen. Polinnen und Polen arbeiten in Deutschland, oft gut bezahlt, aber zu oft eben in ausbeuterischen Verhältnissen. Das ist vor dem Hintergrund der Geschichte, in der Polinnen und Polen von der deutschen Propaganda als „Sklavenvolk“ gebrandmarkt und benutzt wurden, schwer erträglich. Ich denke, für Polinnen und Polen in Deutschland ist es besonders wichtig, dass die schmerzhafte gemeinsame Geschichte anerkannt wird. Es gibt noch zu viele Themen, die nicht im allgemeinen Bewusstsein der deutschen Bevölkerung angekommen sind: Etwa was deutsche Soldaten während der Okkupation der polnischen Zivilbevölkerung angetan haben.

Begegnen wir uns mit Offenheit und aufrichtigem Interesse, können wir als nachfolgende Generationen vieles überwinden. Ein übertriebener Schuldkomplex hilft da ebenso wenig wie Kitsch und Zuckerguss im Versöhnungstheater. Man darf nicht vergessen, dass es immer noch viel zu viele Familien in Deutschland gibt, wo es scheinheilig heißt: Opa war kein Nazi. Ich habe den Eindruck, dass sich das gerade verändert und dass immer mehr Menschen wirklich wissen wollen, was genau Opa oder Oma während des Krieges für eine Rolle gespielt haben. Nur durch diese tatsächliche individuelle Aufarbeitung wird es möglich, die Opfer gemeinsam zu betrauern und so die deutsch-polnische Freundschaft in tieferen Ebenen auszubauen.

TG: Es ist und bleibt ein komplexes aber zum Reflektieren lohnenswertes Thema. Und gut, dass Sie diesem Thema auf ihre besondere literarische Art und Weise angenommen haben. Und so wünsche ich auch viel Resonanz zur Lesung!

(Das Interview für „Tiefgang“ führte Heiko Langanke)

Termin:

Sa., 21. Mrz., 20 Uhr: Mia Raben – Unter Dojczen | Eintritt frei – Spende erwünscht

elbdeich e.V., Moorburger Elbdeich 249, 21079 Hamburg, www.elbdeich.org

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Eine Reise zu sich selbst https://www.tiefgang.net/eine-reise-zu-sich-selbst/ Thu, 29 Mar 2018 22:39:06 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=3062 [...]]]> Die schwarzen Schwäne der Schwarzen Berge. So der Titel des Märchenabends, der im Rahmen der 3. SuedLese am 20. April um 20h im  Striepensaal zu hören ist. Und gar nicht mal für Kinder …

Ein Feensohn verwandelt sich durch Selbstbespiegelung versehentlich in einen schwarzen Schwan und fliegt seiner Frau davon. Sie ist untröstlich, obwohl die besten Unterhaltungskünstler aufgeboten werden, sie zu erfreuen. Einem Tagelöhner, den wir am Straßenrand übersehen würden, fällt die rettende Lösung zu. Solche Märchen sind ein typischer Fall von Jörn-Uwe Wulf.

Er ist ein Geschichtenerzähler, der seine Passion zum  Beruf machte und fortan durch die Lande zog, um Menschen Botschaften zu überbringen, sie nachdenklich zu  stimmen und auch zu erheitern. Was er zu erzählen weiß, hat Tiefgang.

Eines Tages trug es sich zu, dass das Online-Feuilleton von der Initiative SuedKultur bei ihm anklopfte, um ihm sieben Fragen zu stellen.

Tiefgang: Märchen üben bis heute eine große Faszination aus. Mir persönlich bedeutete es sehr viel, dem Klang der Stimme meiner Oma zu lauschen. Inhaltlich fand ich es jedoch eher furchteinflößend mit all den schrecklichen Stiefmüttern, bösen Wolfen, Hexen usw.

Geht es bei Ihnen auch um schöne Prinzen und Prinzessinnen, die sich irgendwann kriegen und noch leben, wenn sie nicht gestorben sind? Oder möchten Sie andere Inhalte vermitteln?

Wulf: Klar geht es auch um Prinzessinnen und Prinzen in meinen Märchen! Die werden aber nicht mehr ungefragt genommen, sondern nehmen und lassen sich nehmen, wenn´s gefällt und vorzugsweise kreuzweise.

TG: Wie reagiert Ihr Publikum in der Regel am Ende? Gibt es anschließend einen Austausch, weil die Menschen über das Gehörte sprechen wollen?

Wulf: Das Publikum ist still und lächelt. Seltsamerweise sind meine Hörer und Hörerinnen am Ende meiner Erzählungen eher mit sich selbst beschäftigt und damit, das Vernommene in sich zu organisieren.

TG: Sollten Geschichten aus Ihrer Sicht möglichst gut ausgehen? Und wenn ja, warum?

 Wulf: Kinder hören mit allen Sinnen zu. Sie hören ein Wort und in ihm schwingt eine große Erlebnisweite mit. Der Matsch im Märchen erzeugt Wonnegrusel, Gefühl von Feuchte, Kälte, Weiche, aber auch Duft, Geschmeidigkeit und was weiß ich. Das Kind erlebt diese Qualitäten oft direkt und auf der Basis seiner bisherigen Lebenserfahrungen, in erster Linie sinnenhaft. Ich möchte Kinder stärken und zu eigenen Erfahrungen und Reflektionen ermutigen.

Heldinnen und Helden, die erkennen, was gut und schlecht ist, Protagonisten, die Krisen meistern und Mitleid mit Schwächeren haben, zeigen kleinen Menschen, dass es sich lohnt für das Gute zu kämpfen. Das lerne ich am Vorbild. Also haben meine Märchen für kleine Menschen immer gute Enden.

Erwachsene hören mit Verstand zu. Das Kind, das man war, ist nach innen gewandelt. Alles, was mensch als Kind erlebt hat, ist noch da, nicht mehr bewusst, aber als Erfahrensmöglichkeit vielleicht abrufbar. Gleichzeitig weiß ein großer Mensch, dass nicht immer alles für alle gut ausgeht. Um Erwachsene mit meinen Texten zu überzeugen, braucht es Brüche, Missverhältnisse, offene Enden.

TG: Wie finden Sie Ihre Themen? Aus welchen Quellen schöpfen Sie?

Wulf: Wochenpresse, das Netz, populärwissenschaftliche Bücher, Diskussionen mit Freunden, Filme, Gespräche mit Nachbarn, Comics, Science-Fiction Romane, Dösen über den Sinn des Lebens, Krimis, Begegnungen im öffentlichen Nahverkehr, Ausstellungen, unsere tausend Märchenbücher, das Harfenspiel und der intensive Austausch mit meiner Frau speisen meine Inspiration.

TG: Hatten Sie als Kind eine Lieblingsgeschichte? Wenn ja, welche und warum?

Wulf: Ich erinnere mich nicht.

TG: Tieren und Figuren kommt in Geschichten oft eine metaphorische Bedeutung zu. Hat das etwas mit Schubladendenken zu tun oder dient es nur der Veranschaulichung?

Wulf:  Märchen bestehen aus aneinandergereihten Bildern. Ein Bild hat nie nur eine Bedeutung – glaube ich, jedenfalls habe ich bisher immer viele Bedeutungen entdeckt. So kann ein Esel stur sein, aber auch stark, grau und musikalisch. Rote Kappen können auf ein junges Blut hinweisen, allerdings sollen manche Zwerge sie auch tragen. Rot ist manchmal Blut und manchmal erdbeerig, kann appetitlich wirken oder Gefahr bedeuten.

Ein Wolf kann ein Zeichen für Stärke und Freundschaft sein, ein Totemtier, aber auch ein gruseliger Reißer, Verschlinger.

Gerne mal an der Harfe aktiv … (Foto: PR)

Das bedeutet auf Ihre Frage hin, die Schubladen springen dauernd auf, verziehen sich, lassen sich nicht schließen. Schubladen sind zu starr für Märchenbilder. Eigentlich sind die Figuren, Tiere, Bilder in meinen Geschichten Wegmarken auf dem Pfad der Märchenheldinnen und -helden.

Im Volksmärchen, nur die interessieren mich (das sind die Märchen, deren AutorInnen man nicht mehr kennt und die immer weiter erzählt wurden), im Volksmärchen dienen Tiere, Figuren, Landschaften immer der Handlung. Sie haben selten eine fest gemeinte Bedeutung. Ein Sinn erschließt sich durch Betrachtung des Bildes, aber auch nicht immer und sofort und außerdem kann sich die Bedeutung mit den Jahren verändern. Das macht Märchen so wundervoll, schillernd und nahrhaft. Gleichzeitig werden Märchen dadurch zeitlos, in vielen Lebensphasen genießbar, denn unser Verstehen entwickelt sich.

TG: Wie sind Ihre Erfahrungen? Erreicht man das Publikum eher über die Emotionen oder über den Intellekt inklusive Humor? Was kommt aus Ihrer Sicht besser bei den Menschen an?

Wulf: Die Frage ist verführerisch. Sie führt irre. Erzählen, so wie ich es ausübe, bedeutet für die Hörerschaft, eine Reise zu sich selbst zu machen. Wir reisen in Seelenwelten und ich bin der Reiseführer. Jede Hörerin und jeder Hörer ist mit seinen/ihren eigenen Bildern und Erfahrungen und Lebensmustern dabei. Wenn wir die Vorstellungen des Auditoriums sichtbar machen könnten, würden wir entdecken, dass jede/r im eigenen Film sitzt. Das heißt für mich, ich halte mich zurück, um den Menschen das zu ermöglichen. Sie genießen es in meinen Veranstaltungen, selber zu fühlen und zu denken. Die Hörer erreichen sich selbst.

Ich genieße wichtigste, tiefe Gedanken gerne leicht serviert.

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Geschafft! Der gescheite Geschichtenerzähler Wulf fand auf alle Fragen eine vielsagende Antwort. Das wurde festlich gefeiert und veröffentlicht, damit ein jeder weiß, dass man ihm bald selber lauschen kann. Am Freitag, den 20.04. um 20 Uhr im Striepensaal. Ein Programm von Pro Quartier. Dort erzählt er, der auch Harfe spielen kann, auf der Basis eines brasilianischen Zaubermärchens eine romantische Geschichte mit Einsprengseln aus Russland, Griechenland und Usbekistan.

Weitere Infos unter: www.maerchenraum.de

Das Interview für „Tiefgang“ führte Sonja Alphonso.

Die 3. SuedLese – die Literaturtage im Süderelbe-Raum – findet vom 1. bis 30. April 2018 an unterschiedlichen Orten und mit jeder Art literarischem Gerne vorwiegend lokaler Autor*innen statt und ist initiiert von der freien Initiative SuedKultur. Ausführliche Programmhefte finden Sie an etlichen Kulturorten im Süderelbe-Raum oder als download unter www.sued-kultur.de.

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Die Brückenbauerin https://www.tiefgang.net/die-brueckenbauerin/ Fri, 22 Dec 2017 23:26:02 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=2684 [...]]]> Der Dachverband STADTKULTUR HAMBURG feiert sein 40jähriges Bestehen. Grund genug mal nachzufragen, ob es wirklich viel zu feiern gibt …

Der Dachverband STADTKULTUR HAMBURG feiert gerade sein 40jähriges Bestehen. STADTKLTUR HAMBURG vertritt die Interessen von zur Zeit 120 Einrichtungen und Akteuren der Hamburger Stadtteilkultur aus dem sogenannten Non-Profit-Bereich. Sie schafft Öffentlichkeit, sorgt für Austausch und Qualifikation, gibt Impulse, stärkt die Arbeit vor Ort und gestaltet die Rahmenbedingungen für die Arbeit der Stadtteilkultur in unserer Stadt mit. Grund genug, dass wir mal die Geschäftsführerin fragen, was es denn so zu feinern gibt …

Tiefgang (TG): 40 Jahre Stadtkultur Hamburg, das ist eine lange Zeit. Seit wann bist Du in der Leitung?

Corinne Eichner: Ich begleite den Dachverband seit Ende 2011.

TG: Was ist in der Zeit an besonders schönen Erinnerungen hängen geblieben?

Corinne Eichner: Einige tolle Stadtteilkulturpreisverleihungen, bei denen einmal diejenigen im Mittelpunkt standen, die sich sonst immer sehr für die Teilhabe anderer an der Kultur einsetzen. Viele interessante Performances und Projekte in Stadtteilkultureinrichtungen. Und die großartige Zusammenarbeit mit den Stiftungen, die zum Fonds FREIRÄUME geführt haben, mit dem die Kulturarbeit mit Geflüchteten gefördert werden konnte.

TG: Und was war in der Zeit weniger schön oder gar „grausam“?

Corinne Eichner: (lacht) Die habe ich alle verdrängt – wenn es denn welche gab.

TG: Richtet sich die Kultur einer Metropole wie Hamburg richtet sich zunehmend nach touristischen Interessen? Zumindest kann man den Eindruck gewinnen. Zählt der Stadtbewohner also immer weniger?

Corinne Eichner: Die Elbphilharmonie überstrahlt natürlich derzeit in Hamburg in der öffentlichen Wahrnehmung alles und wir müssen aufpassen, dass die Vielfalt in der Hamburger Kultur noch gesehen und auch gefördert wird. Die Musicals und Großtheater hingegen scheinen deshalb eine große Rolle zu spielen, weil sie ganz einfach durch sehr viel Werbung auffallen. Sie befriedigen ein ganz bestimmtes Kulturbedürfnis und werden durch kommerziell orientierte Unternehmen betrieben. Aber sie stehen damit nicht in Konkurrenz um Kulturfördermittel.

Das Problem der geringeren Wahrnehmung anderer Kulturformen wie der Stadtteilkultur und der damit verbundenen geringeren Förderung im Vergleich zur hoch subventionierten sogenannten Hochkultur – schon in diesem Wort liegt ja eine deutliche Wertung – ist aber alles andere als neu. Die Stadtteilkultur erhält nur etwa zwei Prozent der Mittel der Behörde für Kultur und Medien – deren Etat mit ebenfalls zwei Prozent ohnehin der kleinste der Hamburger Behörden ist. Hier müsste unbedingt eine Veränderung passieren.

Corinne Eichner (Foto: Stadtkultur HH)

TG: Gab es besondere Persönlichkeiten oder Locations  bzw. Initiativen, die im StadtKultur-Bereich nachhaltig gewirkt haben?

Corinne Eichner: Die Stadtteilkultur arbeitet ja sehr kooperativ und kollaborativ. Die gefeierten Intendanten-Persönlichkeiten oder dergleichen sucht man bei uns vergeblich. Veränderungen werden fast immer von Gruppen angestoßen – auch wenn dahinter natürlich immer Persönlichkeiten stehen.

TG: Wie siehst Du die Entwicklung der Stadtkultur Hamburgs generell? Welche „Player“ sind heute von Relevanz? Was hat sich inhaltlich verschoben?

Corinne Eichner: So lange bin ich ja noch nicht dabei. In den letzten sechs Jahren haben sich Entwicklungen angebahnt, die heute wichtig sind, aber Umwälzungen gab es in dieser Zeit keine. Das wichtigste Thema der letzten Jahre war vor allem die Kulturarbeit mit Geflüchteten. Inzwischen ist es der Kampf um die offene Gesellschaft, die unser aller Mitwirken erfordert.

TG: Was ist heute typischer „Streitpunkt“?

Corinne Eichner: Nach Außen: Die Mittel aus der Rahmenzuweisung Stadtteilkultur sind für den aktuellen Haushalt erhöht worden. Aber leider reicht die Erhöhung nicht einmal aus, um die Defizite, die vorher in den Stadtteilkulturzentren aufgelaufen sind, auszugleichen. Hier muss es ein deutliches politisches Bekenntnis geben, wie wichtig die Kultur für Alle genommen wird, verbunden mit der entsprechenden finanziellen Förderung – sowohl für die Zentren, als auch für viele kleinere und neu aufkommende Initiativen.

Nach Innen: Die knappen Mittel führen mitunter dazu, dass es eine Konkurrenz um Gelder gibt, die die Arbeit eines Verbandes, der für alle Mitglieder da sein soll, erschwert.

TG: Ist Soziokultur als Faktor kulturgesellschaftlichen Ausdrucks denn heute noch wichtig oder ist es mehr eindeutig Kultur oder mehr eindeutig Soziales geworden?

Corinne Eichner: Es gibt immer wieder Versuche, die Soziokultur gewissermaßen in eine „soziale Ecke“ zu drängen. Damit wird man aber dem künstlerischen und kulturellen Anspruch, den sie erhebt, nicht gerecht.

Gerade in der Kultur stecken so viele Möglichkeiten, Einfluss auf die gesellschaftliche Entwicklung zu nehmen. Dies kann man beispielhaft besonders gut ablesen an den vielen tollen Projekten, die in der Stadtteilkultur Hamburgs gemeinsam mit geflüchteten Künstlern entstanden sind. Vielleicht ist die Soziokultur mehr Kultur UND mehr Soziales geworden.

TG: In den Bezirken fällt Kultur nach wie vor in die Bereiche „Sozialraummanagement“? Ist das noch zeitgemäß oder sollten nicht auch Bezirke sich „Kulturbüros“ und „Sozialmanagements“ parallel leisten?

Corinne Eichner: Das wäre ein Traum! (lacht) Leider scheint das bis heute nicht finanzierbar und der kulturelle Sachverstand in den Bezirken ist sehr unterschiedlich. Wir würden uns wünschen, dass es zumindest gute Einweisungen und Fortbildungen für die Mitarbeiter geben würde und seltenere Wechsel des Personals, als wir dies heute mitunter erleben.

TG: Wo liegen die künftigen Hauptaufgaben der Soziokultur Deiner Meinung nach?

Corinne Eichner: Kultur für Alle wird niemals ein abgeschlossener Prozess, sondern immer eine Aufgabe sein, an der zu arbeiten sein wird. Und der Transformationsprozess der Hamburger Gesellschaft zu einer superdiversen Stadtgesellschaft mit gleichen, gerechten Chancen für Alle braucht die Soziokultur dringender als je zuvor. Denn die Soziokultur ist in der Lage, Begegnungen zu schaffen, Brücken zu bauen und kulturelle Teilhabe zu ermöglichen, die zu der Erfahrung von Selbstwirksamkeit führen, die es einem Populismus gleich welcher Richtung sehr schwer machen und arbeitet damit einem Auseinanderdriften der Gesellschaft wirksam entgegen.

TG: Welche Ziele von STADTKULTUR HAMBURG werden Deine vorrangigsten sein?

Corinne Eichner: Die Weiterentwicklung der diversen und transkulturellen Gesellschaft voranbringen durch das Einbringen von Impulsen und das Anregen von Diskursen, das Sichtbarmachen der Leistungen der Stadtteilkultur in Öffentlichkeit und Politik und die Verknüpfung der Digitalisierung mit den Bedürfnissen der Menschen mit den Mitteln der Kultur.

TG: Vielen Dank für das Interview und auf die nächsten 40 Jahre!

Corinne Eichner wurde Anfang Dezember 2017 in den Vorstand der Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren gewählt. Sie wird sich dort insbesondere um die Themen Öffentlichkeitsarbeit, Politikberatung, Digitalisierung und Generationenwechsel kümmern.

Weiterführender Link: stadtkultur-hh.de

Das Interview für ´Tiefgang` führte Heiko Langanke.

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„Kollegen, haltet zusammen!“ https://www.tiefgang.net/kollegen-haltet-zusammen/ https://www.tiefgang.net/kollegen-haltet-zusammen/#respond Sat, 03 Dec 2016 10:31:49 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=112 [...]]]> Die Initiative SuedKultur feierte 2016 ihr 10jähriges Bestehen. In dieser Zeit wurden Kontakte geknüpft, gingen aber auch andere verloren, wurden Aktionen und Themen heiß diskutiert und kühlten auch wieder ab. 10 Jahre – ein Anlass zurückzuschauen und Wegbegleiter nach ihrer Sicht der Dinge zu fragen …

Heute ein Kurzinterview mit dem Berufsmusiker Joachim Griebe (Gitarrist, Komponist, Produzent). Joachim war lange Zeit in Harburg ansässig, arbeitete und lebte hier. 2012 zog es ihn tiefer in den Süden – nach Koblenz.

Neben der Musik ist er engagiert zum Thema Künstlersozialkasse (KSK) und hier vielen Künstlern auch als kompetenter Helfer bekannt.

Tiefgang“ (TG) : Hallo Joachim, Du bist vor einigen – genau 4 – Jahren aus Hamburg-Harburg nach Koblenz gezogen, mit Deiner alten Heimat aber immer noch persönlich verbunden. Was fiel Dir als erstes ein, als du eben an SuedKultur gedacht hast?

Joachim Griebe (JG): Engagement und Information.

TG: Wann kamst Du erstmals mit SuedKultur in Kontakt?

JG: Leider erst vor ca. 2 Jahren.

TG: Was hat sich für Dich in den letzten 10 Jahren im Bereich Kultur verändert?

JG: Die Vielfältigkeit ist verschwunden.

TG: Welchen Anforderungen siehst Du Dich selbst heute im Bereich der Kultur ausgesetzt?

JG: Ob nun als Maler oder als Musiker …, es wird immer schwerer seine Projekte umzusetzen.

TG: Was besticht für Dich ganz persönlich im Hamburger Kultur-Leben und warum?

JG: Noch immer wagen es Veranstalter, Macher und Künstler Projekte anzugehen, die keinen kommerziellen Gewinn „versprechen“. Das war und ist in Hamburg noch immer so.

TG: Was könnte Hamburgs Kultur unbedingt gebrauchen?

JG: FÖRDERUNG! Es ist doch ein Witz, was an finanzieller Hilfe geleistet wird!

TG: Was hat Hamburgs Kultur, was andere Städte nicht haben?

JG: Eine bewegte und tolle Vergangenheit. Hier könnte man anknüpfen und weitermachen …

TG: Welche Bedeutung hat der Hamburger Süden für Dich selbst?

JG: Ich habe dort als Musiker 53 Jahre gelebt und immer gearbeitet.

TG: Gibt es eine Anekdote zu berichten?

JG: (lacht) Ein Buch voll damit …

TG: Wird die Eröffnung der Elbphilharmonie Hamburg verändern?

JG: Ich wünsche mir, eine positive Veränderung. Was für ein Millionen-Grab!

TG: Noch eine persönliche Anmerkung?

JG: Kollegen! Haltet zusammen und unterstützt Euch gegenseitig!

TG: Joachim, vielen Dank und Dir alles Gute im Süden!

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