Karl Nieter https://www.tiefgang.net Thu, 31 Aug 2017 17:20:26 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1 Gefallen gegen Franco https://www.tiefgang.net/gefallen-gegen-franco/ Fri, 01 Sep 2017 22:01:26 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=1950 [...]]]> Er war Kommunist und Kämpfer. Zum Opfer fiel er letztlich Francos Truppen im spanischen Bürgerkrieg: der Harburger Max Neubacher.

Der Arbeiter Max Neubacher wurde am 19. April 1895 in Harburg geboren, war Kommunist und leitete die „Rote Marine“ in Harburg. Das war eine Abteilung des „Roten Frontkämpferbundes“, der in Preußen (also auch in Harburg) nach dem blutigen 1. Mai in Berlin 1929 verboten wurde. Neubacher wohnte 1923 in der Neuen Straße 14. Als Beruf wiesen die Adressbücher „Händler“ und „Bote“ aus. Weitere Adressen lauteten Bremer Straße 127 (im Jahr 1928) und Friedrich-Naumann-Straße 8 (im Jahr 1930). Er heiratete die 1894 geborene Luise Attermüller aus Magdeburg. Einen acht Jahre jüngeren Bruder namens August hatte er auch noch.
Nach dem Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 wurde Max Neubacher wie viele Kommunisten und Sozialdemokraten in „Schutzhaft“ genommen, die er vom 6. März bis zum 1. Juni 1933 im Harburger Gerichtsgefängnis in der Buxtehuder Straße verbrachte. Von dort wurde er ins Gerichtsgefängnis Altona verlegt. Über einen Prozess oder eine Verurteilung ist nichts be­kannt.

Gerichtsgefängnis Harburg

1934 hatte er zusammen mit seinem Bruder August Kontakt zu Karl Nieter, der später nach Dänemark emigrierte und als Kurier des kommunistischen Widerstandes wiederholt nach Harburg kam. August Neubacher beherbergte Karl Nieter öfter in seiner Wohnung an der Langen Straße 14 (heute: Goldtschmidtstraße). 1937 wurde August Neubacher verhaftet, kam ins Kola-Fu, dann in Untersuchungshaft in Hamburg und Berlin und wurde wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ (im Prozess Günther) verurteilt. August Neubacher überlebte die NS-Zeit und wohnte nach dem Krieg in Fischbek (Haus Nr. 175).

Schon früher geriet auch Max Neubacher wieder ins Visier der Gestapo. Er ahnte das wohl und entkam auf einem Schiff nach Dänemark. Seine letzte Wohnadresse in Harburg war die Feldstraße 3a, neben dem heutigen Haus Kalischerstraße 3. Ab 15. August 1935 galt er als „unbekannt verzogen“. Luise Neubacher blieb zunächst in der Wohnung Feldstraße 3a, im Juni 1938 zog sie um in die Gerade Straße 8.

Francos Putsch 1936

Am 18. Juli 1936 putschten in Spanien Generale unter Francisco Franco gegen die nach demokratischen Wahlen entstandene Volks-frontregierung der Spanischen Republik. Militärisch unterstützt wurden die Putschisten vom nationalsozialistischen Deutschland und dem faschistischen Italien. Deutsche Transportflugzeuge brachten Francos Söldnerheer von Spanisch-Marokko aufs spanische Festland, später schickten Deutschland und Italien auch Truppen, z. B. die deutsche „Legion Condor“.

Aus ganz Europa und den USA kamen Freiwillige, um den Kampf der Spanischen Republik gegen den Faschismus zu unterstützen. Sie wur­den in den „Internationalen Brigaden“ zusammengefasst. Die Exilleitungen der SPD und KPD hatten zur Unterstützung der legalen Regierung aufgerufen. Als Journalist oder auch in politischer Funktion waren z. B. die späteren SPD-Vorsitzenden Willy Brandt und Erich Ollenhauer in Spanien.

Politik der Nichteinmischung

Viele Emigranten wollten in den „Internationalen Brigaden“ kämpfen und gelangten zum Teil auf abenteuerlichen Wegen nach Spanien, denn Frankreich verfolgte die Politik der „Nichteinmischung“ in den Bürgerkrieg, und die ging so weit, dass Antifaschisten die Grenze nach Spanien nicht legal überschreiten durften.

Max Neubacher  gehörte zu den Harburgern, die in Spanien auf der Seite der Republik kämpften. Er war im Tschapajew-Bataillon, und zwar als Zugführer der 1. Kompanie. Dieses Bataillon, benannt nach einem Heerführer der Sowjets im russischen Bürgerkrieg gegen die „Weißen“ (die Bürgerlichen und Monarchisten), bestand hauptsächlich aus Deutschen und Österreichern. Es gehörte zur XIII. Internationalen Brigade. Sie wurde nach der verlustreichen Schlacht bei Brunete (Juli 1937) aufgelöst und der XI. Brigade angegliedert.

Leutnant Neubacher

Das Tschapajew-Bataillon kämpfte im April 1937 an der Grenze von Andalusien und Estremadura beim Sturmangriff auf den Bahnhof Valsequillo. Hier wurde Max Neubacher später wegen besonderer Tapferkeit ausgezeichnet und zum Teniente (Leutnant) befördert. Aus seiner Feder gibt es über diese Schlacht einen ausführlichen Bericht in der Schrift „Tschapajew – das Bataillon der 21 Nationen“, die 1938 auf Deutsch in Madrid erschien.

Vom Dezember 1937 bis zum Februar 1938 gab es heftige Kämpfe um die Stadt Teruel im Süden der Provinz Aragón. Die Stadt lag nur 140 km vom Mittelmeer entfernt, Francos Truppen wollten hier, von Norden kommend, das republikanische Gebiet in zwei Teile aufspalten (was ihnen später auch gelang). Die Stadt wechselte zweimal ihren Besitzer, bis im Februar Franco endgültig siegte. Bei diesen Kämpfen fiel Max Neubacher am 10. Januar 1938 vor Concud an der Straße Teruel–Zaragoza.

© Hans Joachim Meyer

Quellen: VVN-BdA Harburg (Hrsg.), Die anderen, S. 55, 169ff.; Hochmuth/Meyer, Streiflichter, S. 176, 201; StaH, 332-8 Meldewesen, A44, A46; StaH, 430-64 Amtsgericht Harburg II B 25; StaH, Adressbücher Harburg-Wilhelmsburg; VVN, Komitee-Akten; Heyl/Maronde-Heyl, Abschlussbericht; Totenliste VAN.

(leichte Überarbeitung für ´Tiefgang` v. Heiko Langanke)

Standort:  google/maps

Weiterführende Links: stolpersteine-hamburg.de und gedenken-in-harburg.de

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„Vergiss mich, denn dein Leben gehört dir“ https://www.tiefgang.net/vergiss-mich-denn-dein-leben-gehoert-dir/ Sat, 13 May 2017 06:00:08 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=1075 [...]]]> Er war Klempner und Kommunist und mischte in Harburg mächtig auf. Ein Verrat wurde ihm zum Verhängnis …

Felix Plewa wurde 1906 geboren und war eines von 12 Kindern und wuchs in der Rudolfstraße 4 auf, der heutigen Gazertstraße. Spätere Adressen lauteten Adolf-vom-Elm-Hof 4 (1932) und Niemannstraße 30 (ab 1934). Er war Klempner und arbeitete unter anderem bei der Firma H.C.Meyer („Stockmeyer“) – dort wo heute der Handelshof steht – und anderen Stock- und Stuhlrohrfabriken. Auf der Suche nach Arbeit zog er auch nach Bremen und in die Niederlande. Verheiratet war er mit Johanna Keyser, geb. am 19.4.1904 in Harburg, sie wohnten in der damals selbstständigen Gemeinde Neuland und zuletzt ab 19. November 1937 wieder in Harburg am heutigen Deichhausweg (da­mals: Deichstraße 11). Sie bekamen eine Tochter namens Lisa, geb. am 26.3.1936, und später eine weitere namens Anke.
Felix Plewa trat 1930 trat der KPD bei und hatte als sogenannter „Literaturobmann“ für die KPD im Bezirk den Zeitungs-, Broschüren- und Bücherverkauf zu organisieren. Dafür schon saß er 1933 ein Jahr lang in „Schutzhaft“. Nach seiner Entlassung fand er Arbeit bei der Gießerei Johns (Schüttstraße), musste die Stelle aber bald wegen einer Bleivergiftung aufgeben. Er trat 1934 eine neue Stelle als Klempner bei der Klempnerei Breustedt in Heimfeld an (Postweg 13, heute: Alter Postweg).

„Kämpft gegen diese Mörder-, Hunger- und Bettelregierung“

Im Frühsommer 1935, nach einigen nationalsozialistischen Zerschlagungsversuchen der kommunistischen Organisationen wurde Plewa „Politischer Leiter“ des KPD-Unterbezirks zusammen mit August Kerbstadt aus Marmstorf, Heinrich Coors (dem früheren Harburger Leiter des Kommunistischen Jugendverbandes), Paul Reinke aus Heimfeld und Albert Karolczak, einem früheren Betriebsrat bei der Phoenix. Bald gab es wieder illegale Zellen der Kommunisten in Harburg-Stadtmitte, Heimfeld, Eißendorf, bei den Harburger Oelwerken Brinckmann & Mergell (Hobum), den Phoenix-Gummiwerken und den Harburger Eisen- und Bronzewerken (später Krupp, ThyssenKrupp, heute: Harburg-Freudenberger). Unterstützt wurde Plewa auch durch seine Ehefrau Johanna und seinen Bruder Karl.

Arbeiter & Agitator Foto:privat

Felix Plewa selbst unternahm spektakuläre Aktionen. Damals waren Knallkörper mit Zeitzünder im Handel. Plewa füllte sie mit sieben mal zwei Zentimeter großen Streuzetteln mit Parolen wie „Kämpft mit der KPD gegen diese Mörder-, Hunger- und Bettelregierung“ oder „Streik in Vegesack, Husum und Essen! Wehrt euch!“ Diese so präparierten Knallkörper befestigte er Anfang Juni 1935 an der Dachrinne des Arbeitsamtes am Großen Schippsee, den Zeitzünder stellte er auf den Öffnungsbeginn ein. Mitte Juli passierte das Gleiche zum Schichtwechsel bei F. Thörls Vereinigten Harburger Oelfabriken.

Nach dem 1. September 1939 wurde Felix Plewa eingezogen. Die KPD-Abschnittsleitungen wurden aufgelöst. Plewa war damals in Uetersen stationiert. Als seine Frau Johanna ihn dort besuchen wollte, erfuhr sie von seiner Verhaftung. Seine Enttarnung war Folge eines Verrats. Johanna fuhr sofort nach Hause, verständigte seinen Bruder Karl und schaffte illegales Material aus der Wohnung am Deichhausweg. Und kurz danach erschien wirklich die Gestapo, fand aber nun nichts Belastendes mehr vor.

Auch Bruder Karl Plewa war Kommunist und beteiligte sich an der illegalen Arbeit. Er arbeitete als Sanitäter auf der Phoenix. Als dort am 1. Mai eine „Führer-Rede“ übertragen wurde, schnitt er kurzerhand das Kabel durch. Im Herbst 1944 bekam er eine Vorladung zur Gestapo. Er tauchte daraufhin bis zum Kriegsende unter.

Beerdigung Anlass zu Demonstrationen

 Felix Plewa hingegen kam nach seiner Verhaftung im Gestapogefängnis Fuhlsbüttel in „Schutzhaft“ (vom 22. April bis zum 29. September 1942) und danach zum Holstenglacis in Untersuchungshaft. Am 24. Dezember wurde er nach Berlin-Moabit überstellt. In seiner Anklageschrift warf man ihm „Vorbereitung zum Hochverrat“ und „Wehrkraftzersetzung“ vor. Am 6. Januar 1943 wurde er zusammen mit Karl Nieter vom „Volksgerichtshof“ in Berlin zum Tode verurteilt und ins Hamburger Untersuchungsgefängnis zurückverlegt. Gnadengesuche von Familienangehörigen und Nachbarn aus dem Deichhausweg konnten nichts ausrichten. Am 9. März 1943 wurde Felix Plewa in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Die Gestapo warnte seinerzeit ausdrücklich davor, dass eine reguläre Bestattung Plewas in Harburg „Anlass zu Demonstrationen“ bilden könne. Der Leichnam wurde daraufhin an die medizinische Fakultät der Universität Berlin übergeben.

Kurz nach der Urteilsverkündung schreibt Felix Plewa einen letzten Brief an seine Frau Johanna, der beeindruckend zu lesen ist:

„Liebes Hannchen! Hamburg, dem 9.1.1943

Ich bin am 6.1.43, also an Opas Geburtstag, vom Volksgerichtshof Berlin zum Tode verurteilt. Das Wort „Tod“ hört sich grauenhaft an, aber es muss von dir abprallen und du selbst darfst darüber nicht nachdenken. So treu, wahrhaftig, mutig und tapfer du bis jetzt warst, so musst du auch bleiben. Du selbst, liebes Hannchen, gabst mir durch deine Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit Kraft und Mut, und du hast mir das Leben an deiner Seite wirklich lebenswert gemacht.

„Das Leben gehört den Lebenden“

Wenn du diesen Brief gelesen hast, dann denke an die Kinder und an die Aufgaben, die du zu erfüllen hast. Das Leben gehört den Lebenden, und mein letzter Wunsch ist, dass du Lisa und Klein-Anke zu Menschen erziehst, die sich immer für das Wahre und Gute einsetzen werden und sich selbst treu bleiben.
Liebes Hannchen! Du bist noch jung, und das Leben steht noch vor dir. Weine nicht, denke daran, dass dein Leben den Kindern gehört und du selbst vom Leben das nehmen darfst, was zum Leben gehört: Glück und Zufriedenheit. Für das, was du mir als Kamerad und Frau gegeben hast, kann ich dir hiermit nur in Worten danken und werde, solange ich noch lebe, an dich und die Kinder denken und der bleiben, der ich war.
Ich muss jetzt schließen und bitte dich, alle guten und aufrechten Verwandten und Bekannten von mir zu grüßen. Vergiss nicht Kalli, Opa und Sophie.
Für dich, Lisa und Klein-Anke, viele, viele Küsse. Euer Vati
Wenn ich nicht mehr bin, dann vergiss mich, denn dein Leben gehört dir, Lisa, Klein-Anke und all den Guten, Ehrlichen und Aufrechten.“

© Hans-Joachim Meyer, www.gedenken-in-harburg.de

Überarbeitung für ´Tiefgang` v. Heiko Langanke

Direktlink zur Stolperstein-Initiative: www.stolpersteine-hamburg.de

Quellen: VVN-BdA Harburg (Hrsg.), Die anderen, S. 149ff., 248ff.; Hochmuth/Meyer, Streiflichter, S. 177, 180, 185f.; StaH, 242-1-II Gefängnisverwaltung II, Abl. 1998/1; StaH, 331-1-II Polizeibehörde II; StaH, 332-8 Meldewesen, A44, A46; StaH, Adressbücher Harburg-Wilhelmsburg und Hamburg; Sta Stade, K 425/2; Bundesarchiv Berlin, FFBS Nr. 2543, 2544; VVN, Komitee-Akten; Heyl/Maronde-Heyl, Abschlussbericht; Totenliste VAN.

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