Karstadt Harburg – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Fri, 19 Dec 2025 12:55:52 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.5 Ein Sommer der Kunst https://www.tiefgang.net/ein-sommer-der-kunst/ Sat, 20 Dec 2025 23:47:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13020 [...]]]> Der Übergang vom Frühling in den Sommer 2025 markierte in der Hamburger Kulturlandschaft eine Phase, in der die Fassaden der Hochglanzprojekte Risse bekamen, während im Süden der Elbe mit bemerkenswerter Resilienz gegen den drohenden Stillstand angearbeitet wurde.

Es war ein Quartal, das uns schmerzhaft vor Augen führte, dass kulturelle Teilhabe kein Selbstläufer ist. Vielmehr ist es ein permanentes Aushandeln zwischen politischem Willen und bürgerschaftlichem Engagement.

Es begann im April mit einer fast schon gespenstischen Stille im Harburger Zentrum, wo die sogenannten Karstadt-Geister umgingen. Während in der HafenCity die Verträge für einen prunkvollen Opern-Neubau ohne jede Bürgerbeteiligung und unter Ausschluss der Öffentlichkeit bis zur Unterschriftsreife gebracht wurden, kämpfte man in Harburg mit einer Mauer aus Schweigen. Die Fraktion der Linken hatte versucht, Licht in das Dunkel der Betriebskosten für das ehemalige Karstadt-Gebäude zu bringen, doch die Antworten der Finanzbehörde blieben vage und nebelhaft. Es ist die bittere Ironie einer Stadtentwicklung, die im Norden Milliarden für neue „Leuchttürme“ mobilisiert, während im Süden eine bereits existierende Immobilie, die als „Planet Harburg“ ein pulsierendes Zentrum für Theater, Kino und Literatur werden könnte, durch bürokratische Intransparenz blockiert wird. Der kalte Wind, der den Harburger Visionär*innen hier entgegenschlug, war weit mehr als nur eine Verwaltungsglosse; er war ein Symptom für die Vernachlässigung der kulturellen Basisarbeit zugunsten von Prestigeprojekten.

Doch Harburg antwortete auf diese eiskalte Schulter der Verwaltung im Mai mit einer beeindruckenden Rückbesinnung auf seine eigene Identität. Im Stadtmuseum Harburg wurde die Ausstellung des Stadtmalers Ralf Schwinge zum emotionalen Ankerpunkt. Schwinge, der als Chronist mit Skizzenblock und wachem Auge durch die Straßen zieht, dokumentiert nicht nur den Abriss und Neubau, sondern vor allem die Menschen, die diesen Bezirk prägen. In seinen rund 150 Werken wurde deutlich, dass die Seele eines Stadtteils nicht in gläsernen Opernhäusern wohnt, sondern auf dem geschäftigen Wochenmarkt und in den alltäglichen Momenten der Nachbarschaft. Diese Authentizität bildete den wohltuenden Gegenpol zum zeitgleichen Beben in der Hamburger Staatsoper. Dort war der Hoffnungsträger Demis Volpi nach nur einem halben Jahr als Ballettchef zurückgetreten. Sein jäher Abschied legte die Wunden offen, die das gigantische Erbe John Neumeiers hinterlassen hatte. Die Debatte um Volpis Abgang drehte sich um weit mehr als nur künstlerische Differenzen; sie stellte die Frage nach sozialer Kompetenz und moderner Menschenführung in erstarrten Institutionen – eine Diskussion, die in Harburg, wo man aufgrund mangelnder Mittel ohnehin auf engste Kooperation angewiesen ist, fast wie aus einer anderen Welt wirkte.

Während die Staatsoper versuchte, ihre Scherben aufzusammeln, weitete der Süden seinen Blick und bewies im Juni eine beeindruckende intellektuelle Tiefe. In Stade forderte die Ausstellung AMANI im Schwedenspeicher die Besucher*innen dazu auf, die koloniale Vergangenheit radikal neu zu bewerten. Die Aufarbeitung der Sammlung des Botanikers Karl Braun, der hunderte Kulturgüter aus Tansania nach Stade gebracht hatte, wurde zum Lehrstück über kulturelle Aneignung und notwendige Restitution. Hier wurde Weltgeschichte im Lokalen verhandelt – ein Anspruch, den Harburg auch mit der Einbeziehung des Kurzfilm Festivals Hamburg im Planet Harburg unterstrich. Unter dem Motto „Provokation der Liebe“ wurde das ehemalige Kaufhaus für kurze Zeit zum Tempel des experimentellen Kinos, was einmal mehr das enorme Potenzial dieses Ortes bewies, wenn man ihn denn ließe.

Zum Abschluss des Quartals kehrte die Energie dorthin zurück, wo sie in Harburg am stärksten ist: in die Räume der freien Szene und der privaten Initiativen. In den Phoenix-Hallen feierte die Sammlung Falckenberg mit der Ausstellung How’s My Painting? das Erbe der Counter Culture. Von der Punk-Attitüde der 80er Jahre bis hin zu modernen Dekonstruktionen wurde Malerei hier als Akt der Freiheit zelebriert, der sich bewusst gegen den Mainstream stellt. Dass Projekte wie Kunst vor Ort der Harburger Kunstleihe zeitgleich Führungen zu Graffiti-Wänden und in versteckte Depots anboten, schloss den Kreis. Es war die finale Bestätigung einer Erkenntnis, die sich durch das gesamte Quartal zog: Während die Hamburger City im Großen über Prestige und glanzvolle Namen debattierte und dabei oft über die eigenen Beine stolperte, pflegte Harburg im Kleinen die Nahbarkeit. Es ist eine Kultur der kurzen Wege und der klaren Worte, die sich ihren Raum nimmt – egal, ob dieser Raum ein ausgebranntes Theater, ein blockiertes Kaufhaus oder eine graue Betonwand in Heimfeld ist. Das zweite Quartal hat gezeigt, dass Harburgs wahre Stärke in der Hartnäckigkeit seiner Akteur*innen liegt, die sich vom Glanz der City nicht blenden und vom Nebel der Bürokratie nicht aufhalten lassen.

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Planeten, Theater, Literatur https://www.tiefgang.net/planeten-theater-literatur/ Fri, 19 Dec 2025 23:40:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13017 [...]]]> Rückblicke auf Harburg im Jahr 2025 gibt es einige. Wir kümmern uns um den Rückblick auf Harburgs Kultur. Und was für ein Ritt war bitte dieses Jahr 2025?

Wer glaubt, dass Kultur im Hamburger Süden nur aus ein bisschen Nachbarschaftshilfe und verstaubten Heimatmuseen besteht, hat schon in den ersten drei Monate wohl im Tiefschlaf verbracht. Zwischen glitzernden Polit-Bühnen, lodernden Flammen und dem unbändigen Überlebenswillen der freien Szene hat sich ein Drama abgespielt, das jeden Tatort-Drehbuchschreiber vor Neid erblassen ließe. Es war ein Quartal der harten Kontraste, der verpassten Chancen und der leuchtenden Zeichen am nächtlichen Himmel.

Alles begann eigentlich ganz still, aber dafür umso leuchtender. Im Januar setzte die Gruppe Interurban mit ihren Wortspielen am leerstehenden Karstadt-Gebäude ein Zeichen, das hätte auch als Warnruf verstanden werden können. Da hingen sie nun, die alten, recycelten Werbeschilder aus der Schauwerbeabteilung des Kaufhauses, und stellten uns Fragen, die direkt ins Mark trafen. Wem gehört die Stadt? Sind wir für alle da? Es war ein genialer Schachzug, den Leerstand nicht einfach nur zu beklagen, sondern ihn als Projektionsfläche für unsere eigenen Sehnsüchte und Ängste zu nutzen. Dass diese Installation nur in der Dämmerung und Dunkelheit für wenige Stunden leuchtete, gab dem Ganzen eine fast schon mystische, guerilla-artige Energie. Es war der perfekte Prolog für das, was folgen sollte.

Denn im Februar wurde es dann offiziell und – wie sollte es anders sein – politisch. Der Planet Harburg wurde aus der Taufe gehoben. Das ehemalige Karstadt-Gebäude, das seit Juni 2023 wie ein gestrandeter Wal mitten in der Innenstadt lag, sollte nun zum kreativen Kultur-Treffpunkt werden. Am 19. Februar schritt die Polit-Prominenz zur Tat. Finanzsenator Andreas Dressel und Kultursenator Carsten Brosda gaben sich die Ehre, um die neue Museumsdependance des Archäologischen Museums Hamburg und des Stadtmuseums Harburg zu eröffnen.

Sicher, 300.000 Euro Investitionsmittel sind eine Ansage. Ein stolzes Sümmchen, das für frische Impulse sorgen soll. Aber schauen wir uns das Ganze doch mal mit ein bisschen Abstand an: Wir befanden uns mitten im Bürgerschaftswahlkampf. Da wird gerne mal mit Geldscheinen gewedelt, wenn die Kameras laufen. Der Eintritt ist frei, alle sind willkommen – das klingt wunderbar demokratisch und nahbar. Doch während man sich für die Transformation des Erdgeschosses feierte, wurde die Chance vertan, das Momentum zu nutzen. Die Bezirkspolitik hat es schlicht verpasst, in diesem Zuge weitere Gelder locker zu machen, um eine wirklich umfassende kulturelle Zwischennutzung des gesamten Gebäudes zu ermöglichen. Der Planet Harburg ist ein Gewinn, ohne Frage, aber er fühlt sich auch ein bisschen wie ein Trostpflaster an, wo eigentlich eine Herz-OP nötig gewesen wäre.

Und während in der Hafencity über den Kühne-Plan einer neuen Oper debattiert wurde – ein Projekt für die Elite, fernab der Lebensrealität vieler Menschen –, kämpfte man in Harburg mit ganz anderen Problemen. Der Kontrast könnte nicht beißender sein: Hier die Steuergeld-Festspiele für die Hochkultur, dort die pure Existenzangst an der Basis.

Diese Angst wurde im März bittere Realität. Der Brand des Miskatonic-Theaters in der Buxtehuder Straße war der emotionale Tiefpunkt dieses Quartals. Innerhalb weniger Stunden wurde das Lebenswerk von Nissan und Lars buchstäblich in Schutt und Asche gelegt. Dass die beiden nicht nur ihre Bühne und ihr Equipment, sondern auch ihre privaten Wohnräume verloren haben, ist eine Tragödie, die einen sprachlos macht. Es war ein Moment, in dem die Harburger Kulturgemeinschaft eng zusammenrückte. Doch genau hier zeigt sich das hässliche Gesicht der Bürokratie.

Es wurde das Thema, das uns das ganze Jahr über begleiten sollte: Warum konnte das Miskatonic-Theater nicht im leeren Karstadt-Gebäude unterkommen? Es gab die Rufe nach einer unbürokratischen Lösung, nach einem Exil für die Horror-Theater-Macher*innen. Aber von Seiten der Sprinkenhof GmbH und der Bezirksverwaltung hieß es kühl: nicht machbar. In einem Gebäude, das fast vollständig leer steht und für 300.000 Euro aufgehübscht wurde, findet sich kein Platz für ein abgebranntes Theater? Das ist das Gegenteil von dem, was Interurban mit ihren Leuchtschriften gefordert hat. Die Stadt gehört eben doch nicht allen, sondern vor allem denen, die in die Verwaltungsstrukturen passen.

Aber Harburg wäre nicht Harburg, wenn es nicht auch diese wunderbare Resilienz gäbe. Inmitten der Trümmer und der politischen Ränkespiele startete die 10. SuedLese. Ein Jubiläum, das zeigt, wie tief die Literatur in diesem Bezirk verwurzelt ist. Heiko Langanke und sein Team haben bewiesen, dass man kein Millionenbudget braucht, um ein Festival von regionaler Bedeutung zu stemmen. Wir müssen hier auch mal mit den Mythen aufräumen: Nein, Fatma Aydemir, Gregor Gysi oder Kirsten Boie waren bei dieser zehnten Ausgabe nicht dabei. Sie waren Gäste in der Vergangenheit, aber die SuedLese 2025 brauchte diese großen Namen gar nicht, um zu glänzen.

Die Stärke dieses Festivals liegt in der persönlichen Begegnung. Wenn Autor*innen und Orte sich selbst suchen und finden, entsteht eine Magie, die kein kuratiertes Event von der Stange bieten kann. Ob in den Schreibwerkstätten, bei den Lesungen in Heimfeld oder bei der Ladies Crime Night im Speicher am Kaufhauskanal – die SuedLese ist das pulsierende Herz der Harburger Kulturszene. Sie ist nahbar, sie ist echt und sie ist unkaputtbar.

Und es gab noch mehr Lichtblicke. Das Stadtmuseum Harburg brachte mit dem Buch Von Portugiesen in Hamburg ein Werk heraus, das 60 Jahre Migrationsgeschichte würdigt. Das ist genau die Art von Kulturarbeit, die wir brauchen: Geschichten von Menschen für Menschen, 60 Biografien, die zeigen, wie vielfältig unsere Gesellschaft ist. Gleichzeitig feierte Schloss Agathenburg mit der Karikaturenausstellung Feierabend? den scharfen Blick der Zeichner*innen auf unsere Absurditäten. Dass der Relaunch des Portals sued-kultur.de pünktlich zum Jubiläum der SuedLese online ging, war die digitale Kirsche auf der Sahnehaube. Endlich gibt es wieder eine zentrale Anlaufstelle für alle Kulturinteressierten, die barrierefrei und modern über das Geschehen im Süden informiert.

Wenn wir also auf dieses erste Quartal zurückblicken, sehen wir ein Harburg in Bewegung. Wir sehen die Investitionen in den Planeten Harburg, die zwar gut sind, aber nach Wahlkampf schmecken. Wir sehen die eiskalte Schulter der Verwaltung gegenüber den Brandopfern des Miskatonic-Theaters. Und wir sehen die wunderbare Energie der Literat*innen und Künstler*innen, die sich ihren Raum einfach nehmen.

Harburg ist ein Ort der Widersprüche. Es ist der Ort, an dem eine Museumsdependance mit viel Pomp eröffnet wird, während ein paar Straßen weiter ein kleines Theater um seine Existenz bettelt. Es ist der Ort, an dem man sich fragt, ob die Stadt wirklich für alle da ist. Aber es ist vor allem der Ort, an dem wir als Redakteur*innen und Bürger*innen genau hinschauen müssen. Wir dürfen uns nicht von den schönen Pressemitteilungen einlullen lassen. Wir müssen die kritischen Fragen stellen, die Interurban im Januar an die Fassade leuchtete.

Das Jahr 2025 hat gerade erst angefangen, und der Puls von Harburg rast bereits. Die SuedLese zeigte, wie viel Potenzial in Harburgs Nachbarschaften steckt. Der Planet Harburg musste nun beweisen, dass er mehr ist als nur eine Ausstellungsfläche für die Stadtgeschichte – er musste ein lebendiger Ort für die Menschen von heute werden. Und dann das Schicksal des Miskatonic-Theaters. Wird in 2025  noch eine Lösung gefunden werden, die diesen Namen auch verdient?

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Ende der Illusionen! https://www.tiefgang.net/ende-der-illusionen/ Fri, 12 Sep 2025 22:09:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12439 [...]]]> Es gab eine Zeit, da lag ein Zauber in der Luft. Ein Traum, der so groß und so kühn war wie der Koloss, den er zu beleben suchte. Es war die Vision eines „Third Place“ für Harburg.

So beschwor ihn die Kollegin der Kolumne, Clara Klatsch, einst – ein Ort der Begegnung, der Kreativität, der Kultur, direkt im Herzen des Bezirks. Nun ist dieser Traum zerplatzt. Mit einer knappen, aber unmissverständlichen Pressemitteilung hat das Netzwerk SuedKultur den Stecker gezogen. Nach mehr als 300 unentgeltlich ehrenamtlich geleisteten Stunden ist das Kapitel Karstadt für sie beendet. Es ist das traurige Ende eines Prozesses, der nie so richtig begonnen hat.

Die Erzählung begann im April 2024 mit einer hoffnungsvollen Nachricht: Die Stadt Hamburg hatte das ehemalige Karstadt-Kaufhaus am Harburger Ring gekauft. Der Senat versprach, die Schlüsselimmobilie im Herzen des Bezirks zu einem neuen, lebendigen Viertel zu entwickeln. Kurze Zeit später, im Juni 2024, wurden die Kulturschaffenden von SuedKultur angefragt. Ihre Aufgabe: Ideen liefern, die das damals völlig leere Gebäude kulturell beleben könnten. Die Motivation war enorm. Mehr als 20 Vorschläge wurden erarbeitet, gut 7.000 Quadratmeter wären planbar gewesen. Dabei Musikproberäume, eine aktives Spielemuseum, eine interaktives Kino, die Modelleisenbahn des Museums für Hamburgische Geschichte, die Staatliche Jugendmusikschule, die Volkshochschule, Kunst, Literatur, Treffpunkte … Und es schien, als würde das Projekt mit dem Arbeitstitel „SuedStadt“ eine neue Ära für Harburgs Kultur einläuten.

Doch die Hoffnung verflüchtigte sich schnell. Im Herbst 2024 wurde aus dem Traum ein Schatten. Erste Berichte sprachen von den „Karstadt-Geistern“: fehlende Transparenz, unklare Kosten und eine scheinbar undurchsichtige Verwaltung. Während in Hamburgs Innenstadt der temporäre Gebrauch des ehemaligen Karstadt Sport-Gebäudes als vorbildliches Modell mit klarem Mandat und einem Millionenbudget gefeiert wurde, herrschte in Harburg der „Blindflug“. Die Harburger Linken-Fraktion kritisierte das Fehlen von Haushaltsgeldern für die soziokulturelle Zwischennutzung.

Zwischendurch gab es kleine Lichtblicke. Das „Schau-Fenster der Stadtentwicklung“ erhellte die leeren Ladenfronten, und im Dezember 2024 wurde bekannt, dass das Archäologische Museum tatsächlich in das Erdgeschoss ziehen würde. Dies war eine willkommene Belebung, doch es blieb ein Projekt für eine einzige Etage, keine große, transformative Vision.

Der wahre Einschnitt kam im September 2025: die erfahrene Hamburg Kreativ Gesellschaft zog sich zurück. Der Boden, der unter den Füßen der Kulturschaffenden ohnehin schon wackelig war, gab nach. Plötzlich sollte SuedKultur die „konzeptionelle Lücke“ schließen – aber ohne klare Rollendefinition und ohne einen Finanzierungsvorschlag für die enormen Aufwände.

Die Pressemitteilung von SuedKultur ist nun die logische, wenn auch traurige Konsequenz dieser Entwicklung. Man hat sich nach einem Jahr des Wartens und der Frustration einstimmig entschieden, nicht mehr als „bündelnder Partner“ zur Verfügung zu stehen. Das war keine spontane Entscheidung, sondern das Ende eines Prozesses, der von unklaren Rahmenbedingungen und fehlender finanzieller Unterstützung geprägt war. Der Wunsch, einen Ort für alle zu schaffen, ist gescheitert an den nüchternen Realitäten von mangelndem Mandat und fehlendem Geld.

Die Vision von einem Harburger „Third Place“ bleibt somit eine verpasste Chance. Eine von vielen in Harburgs Stadtentwicklung! SuedKultur will sich nun wieder verstärkt dem Konkreten widmen: Ergebnisse des Runden Tisches Kultur vom letzten Jahr aufarbeiten und in die Umsetzung bringen. Es wäre zu wünschen, dass Politik und Verwaltung hier mehr zu Ergebnissen beizutragen haben.

Die Pressemitteilung im Wortlaut:

SuedKultur zieht sich aus dem Prozess der soziokulturellen Zwischennutzung für das ehemalige Karstadt-Gebäude zurück

Nach mehr als 300 ehrenamtlich geleisteten Stunden, über 20 Ideen, sehr vielen Gesprächen und einem ganzen Jahr Wartezeit, hat sich das Netzwerk der Kulturschaffenden im Bezirk Harburg am vergangenen Mittwochabend einstimmig dafür entschieden, nicht mehr für weitere konzeptionelle Arbeiten im ehemaligen Karstadt Gebäude zur Verfügung zu stehen.

Im Juni 2024 wurde SuedKultur vom Bezirksamt angefragt, ob es Ideen aus dem Netzwerk gibt, wie man die große Fläche des damals völlig leerstehenden Gebäudes kulturell beleben könnte. Sehr kurzfristig hat SuedKultur über 20 Ideen formuliert und an die Verantwortlichen bei der Sprinkenhof GmbH gesendet. Das Angebot seitens SuedKultur diese Vorschläge gemeinsam konzeptionell zu entwickeln, wurde leider in den folgenden 12 Monaten nicht angenommen.

Der Wunsch von SuedKultur, die erfahrene Hamburg Kreativ Gesellschaft einzubinden, wurde geprüft – am Ende scheiterte es aber an einem mangelnden Mandat, einer klaren Rolle und nicht zuletzt an der Finanzierung. Im Laufe des über 12 monatigen Prozesses wurden zwar Flächen an verschiedene Einzelhändler vergeben, die Ideen von SuedKultur aber leider nie berücksichtigt.

Nach dem Rückzug der Hamburger Kreativ Gesellschaft sollte nun SuedKultur die entstandene konzeptionelle Lücke schließen – leider ohne klare Rollendefinition und ohne einen Finanzierungsvorschlag der dadurch entstehenden enormen Aufwände.

Ein Teil der damaligen Interessenten zur kulturellen Nutzung, sind zu dem heute entweder bereits woanders untergekommen oder möchten in dem aktuell entstandenen, teils noch unklaren Gemisch aus Einzelhandelsflächen und Soziokultur, ihr Angebot nicht aufrechterhalten.

SuedKultur bedauert die Entwicklung sehr, gab es doch im Frühjahr kurzzeitig noch sehr positive Signale. Ideen waren vor 12 Monaten da und auch ein enorm hohes Maß an Motivation. Die lange Zeit, die unklaren, sich verändernden Rahmenbedingungen und fehlende finanzielle Unterstützungen führen aber nun zu dieser traurigen Entscheidung.

Ungeachtet des Rückzugs von SuedKultur steht es jedem einzelnen Kulturschaffenden natürlich frei, sich eigenständig um Flächen zu bewerben. Als bündelnder Partner aber ist SuedKultur nicht mehr verfügbar. Es gibt aktuell Bestrebungen die verbliebenen Interessenten in einer Arbeitsgemeinschaft außerhalb von SuedKultur zu sammeln. SuedKultur begrüßt das Vorgehen und hofft, so zumindest ein wenig beitragen zu können, Kultur in Harburgs zentralste Immobilie zu bringen.

SuedKultur wird sich weiterhin um die kulturelle Entwicklung im Bezirk und Landkreis Harburg bemühen und sich nun verstärkt um eine praktische Umsetzung der erarbeiteten Ziele des Runden Tisches Kultur kümmern.

SuedKultur ist ein seit 2007 agierendes Netzwerk aus Kulturschaffenden in der gesamten Süderelberegion und Wilhelmsburg. Mehr zu SuedKultur unter www.sued-kultur.de.

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Im Gefüge von Kunst, Kommerz und Politik https://www.tiefgang.net/im-gefuege-von-kunst-kommerz-und-politik/ Fri, 18 Jul 2025 22:46:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12142 [...]]]> Das fünfzehnjährige Bestehen der Hamburg Kreativ Gesellschaft ist ein Jubiläum, kann und sollte vielleicht aber auch ein Moment der Reflexion über die strategische Rolle der Kultur- und Kreativwirtschaft in der urbanen Ökonomie und Gesellschaft sein.

Denn seit ihrer Gründung vor anderthalb Jahrzehnten hat sich die Hamburg Kreativ Gesellschaft als eine zentrale Säule der Kulturinfrastruktur der Hansestadt etabliert und ist, wie es der Kulturpolitik zuweilen eigen ist, zu einem Referenzmodell über die Landesgrenzen hinaus avanciert. Doch jenseits der offiziellen Feierlichkeiten lohnt sich die fundamentalen Transformationen dieser Institution im Gefüge von Kunst, Kommerz und Politik zu betrachten: was hat die Kreativgesellschaft tatsächlich bewirkt und welche Herausforderungen hält die Zukunft bereit?

Die Einrichtung der Hamburg Kreativ Gesellschaft als hundertprozentige Tochter der Freien und Hansestadt Hamburg im Jahr 2010 markierte ein frühes kulturpolitisches Bekenntnis zur wirtschaftlichen Potenz der Kreativbranche. Senator Dr. Carsten Brosda betont, dass „Hamburg früh erkannt (hat), welche Bedeutung die Kreativwirtschaft für den Wirtschaftsstandort, aber auch für die Lebensqualität in der Stadt hat. Dieser wachsende Wirtschaftszweig hat häufig ganz eigene Bedürfnisse und Bedarfe.“ Die Kreativ Gesellschaft fungiert dabei als „Motor, mit dem wir die Kreativen in der Stadt auf ihrem Weg von der Idee zum erfolgreichen Geschäftsmodell unterstützen.“ Diese Mittlerfunktion, wie sie Geschäftsführer Egbert Rühl beschreibt – eine Einrichtung, die „zudem eine wichtige Funktion als Mittlerin und Übersetzerin zwischen den jeweils sehr besonderen Milieus der Kreativen und den Anforderungen der Verwaltung, der Finanzsphäre, der Immobilienakteure, der Politik und der Kammern ein(nimmt)“ – ist in ihrer Komplexität nicht zu unterschätzen. Der Anspruch, bundesweit als Vorbild für Cross-Innovation-Programme, kreative Immobilienstrategien und Strukturförderung zu dienen, zeugt von einem strategischen Selbstverständnis, das über rein lokale Effekte hinausweist. Rühl ist da auch selbstkritisch: „Entscheidend bleibt jedoch, dass die Akteurinnen und Akteure der Hamburger Kreativwirtschaft unsere Angebote nutzen, um sich weiterzuentwickeln. Unsere Aufgabe ist es, diese Entwicklung stets neu zu ermöglichen – mit den richtigen Formaten, zur richtigen Zeit, an den richtigen Orten und immer im engen Austausch mit den Kreativen dieser Stadt.“

Wirtschaftsfaktor Kreativwirtschaft

Die Fakten der Geschäftsberichte unterstreichen die Relevanz der Kreativwirtschaft: Mit rund zwei Millionen Erwerbstätigen und 204,6 Milliarden Euro Umsatz bundesweit im Jahr 2023, sowie einer Bruttowertschöpfung, die 2022 mit klassischen Industriezweigen wie dem Maschinenbau konkurrierte, ist der Sektor ein signifikanter Wirtschaftsfaktor. In Hamburg selbst tragen über 100.000 Erwerbstätige und 11,4 Milliarden Euro Jahresumsatz zur gesamtstädtischen Wirtschaft bei. Die Hamburg Kreativ Gesellschaft hat diese Entwicklung durch rund 3.000 Einzelberatungen, über 600 Coachings und etwa 2.000 Veranstaltungen mit mehr als 100.000 Teilnehmenden maßgeblich begleitet. Die Integration von Initiativen wie nextMedia.Hamburg, Gamecity Hamburg und designxport (heute Design Zentrum Hamburg) seit 2018 zeugt von einer konsequenten Konsolidierung der Förderlandschaft, die Effizienz und Reichweite steigern soll. Brosdas Resümee: „Die Hamburg Kreativ Gesellschaft hat in den letzten 15 Jahren eine großartige Erfolgsgeschichte in und für Hamburg geschrieben.“

Das operative Wirken der Gesellschaft, aufgeteilt in acht Bereiche von Beratung & Weiterbildung bis hin zu Immobilien & Stadtentwicklung, manifestiert sich in einer beeindruckenden Zahl an Aktivitäten. Allein im Jahr 2024 wurden 339 Veranstaltungen mit über 13.500 Teilnehmenden sowie zahlreiche Beratungen und Coachings realisiert. Diese quantitativen Erfolge sind jedoch stets im Kontext der qualitativen Wirkung zu bewerten: Gelingt es, die kreativen Ökosysteme nachhaltig zu stärken und Innovationen nicht nur anzustoßen, sondern auch zu verankern?

Ein Blick auf die Innovationsfelder der Hamburg Kreativ Gesellschaft zeigt eine ambitionierte Agenda. Drei spezialisierte Inkubatoren – Media Lift, Games Lift und Music WorX – zielen darauf ab, Startups gezielt zu fördern, indem sie Mentoring, Workshops und finanzielle Unterstützung mit Branchennetzwerken verknüpfen. Das Weiterbildungs- und Netzwerkprogramm Creative Business Academy 2025–2028 bildet die nachhaltige Entwicklung von Geschäftsmodellen ab. Besonders hervorzuheben ist etwa der SPACE, der Innovationsraum von nextMedia.Hamburg, der auf 630 Quadratmetern in der Speicherstadt einen interdisziplinären Arbeitsort für die Medien- und Digitalbranche schafft. Solche physischen Räume sind zuweilen entscheidend für das Entstehen von Communities und die Förderung von Experimentierfreude – elementare Voraussetzungen für genuin kreative Prozesse.

Der 2016 initiierte Cross Innovation Hub positioniert Hamburg bundesweit als Vorreiter in der branchenübergreifenden Zusammenarbeit zwischen Kreativwirtschaft und klassischen Industriezweigen. Egbert Rühl betont: „Unsere größten Erfolge zeigen sich dort, wo unsere Arbeit Wirkung weit über Hamburg hinaus entfaltet – wenn wir bundesweit als Vorbild dienen: mit Cross-Innovation-Programmen, kreativen Immobilienstrategien und der Strukturförderung für Teilmärkte. Dass andere unsere Modelle übernehmen, ist die beste Bestätigung für unsere Arbeit.“ Die Transferleistung kreativen Potenzials in Sektoren wie Luftfahrt, Mobilität oder Gesundheitswesen, gefördert durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE), ist ein Indikator für das Verständnis der Kreativwirtschaft als Treiber für breit angelegte Transformationsprozesse. Hier verschwimmen die Grenzen zwischen Kultur- und Wirtschaftsförderung auf fruchtbare Weise, und der Wert der Kreativität wird jenseits ästhetischer Kategorien als Innovationskompetenz begriffen.

Alte Schule in der Seilerstraße

Auch im Bereich der Stadtentwicklung setzt die Kreativ Gesellschaft entscheidende Impulse. Jüngstes Beispiel hierfür ist die Anmietung der historischen Alten Schule in der Seilerstraße 41/43 auf St. Pauli. Dieses um 1888 entstandene, denkmalgeschützte Backstein-Bauwerk, das mit seinen getrennten Eingängen für „Mädchen“ und „Knaben“ und dem geschützten Innenhof eine frühere Bildungsphilosophie widerspiegelt, wird seit dem 16. Juli 2025 zu einem lebendigen Zentrum kreativen Schaffens. „Mit der jetzt geschlossenen Vereinbarung haben wir eine starke Perspektive für das Objekt im Herzen von St. Pauli gefunden“, so Finanzsenator und Sprinkenhof Aufsichtsratsvorsitzender Dr. Andreas Dressel. Dr. Carsten Brosda ergänzt: „Mit der alten Schule in der Seilerstraße können wir dringend benötigten Raum anbieten, um den Kreativen in der Stadt den Platz zu geben, um ihre Ideen erfolgreich umzusetzen – dazu gehören auch Akteure aus den Sparten Bildende und Darstellende Künste sowie Musik.“ Das sei auch ein „wichtiges Signal für die Entwicklung St. Paulis“, das den Stadtteilcharakter bewahrt und die kreativen Szenen stärkt, um „einen Ort zu schaffen, der durch den gemeinsamen Austausch zu einem neuen Maschinenraum der Kreativwirtschaft werden kann.“

Mit rund 2.282 m² Bürofläche, einer 282 m² großen Turnhalle und zusätzlichen Kellerflächen bietet die Alte Schule Raum für mehr als 50 Kreative aus vielfältigen Disziplinen. Design- und Illustrationsbüros, Modeateliers, Schmuck- und Keramikwerkstätten, Fotostudios, Einzelateliers für bildende Künstler*innen, Proberäume für darstellende Künste sowie Akteur*innen aus dem Musikbereich wie Tonstudios und Labels werden hier ein neues Zuhause finden. Egbert Rühl hebt hervor, dass dies das „16. Objekt ist, das die Hamburg Kreativ Gesellschaft aktuell im gesamten Stadtgebiet betreibt, um Arbeitsorte für die Kreativwirtschaft zu schaffen.“ Die Beendigung eines Leerstandes in zentraler Kiezlage sei „ein weiterer Beleg dafür, dass sich diese Nutzungen für alle Seiten lohnen.“ Jan Zunke, Geschäftsführer der Sprinkenhof GmbH, sieht, dass „das gesamte Areal mit seiner lebendigen Nachbarschaft nachhaltig gestärkt, indem die historische Bausubstanz kulturell belebt und weiterentwickelt wird – ein kreativer Ort, der den Stadtteil bereichern wird.“ Projekte wie „Frei_Fläche“ und die größte kreativwirtschaftliche Zwischennutzung Deutschlands, „Jupiter“ mit über 8.000 Quadratmetern, demonstrieren, wie kreative Zwischennutzungen urbane Räume beleben und neu definieren können. Der Pop-up Raum „Satellit“ und das 2024 eröffnete „Fabric – Future Fashion Lab“ in der Galleria-Passage veranschaulichen die konkrete Bereicherung des Stadtbildes und die Förderung nachhaltiger urbaner Produktion. Die Verlagerung der Aufmerksamkeit auf Erdgeschosszonen, ehemalige Einzelhandelsflächen und die aktive Beteiligung an Quartiersentwicklungen (neben der Seilerstraße auch Diebsteich, Paloma Viertel, Oberhafenquartier) zeigt, dass die Kreativwirtschaft zunehmend als integraler Bestandteil einer vorausschauenden Stadtplanung verstanden wird.

Bilanzielle Leerstelle Harburg

Doch gerade die Fokussierung auf derartige Leuchtturmprojekte und die wohlklingenden Worte der Senator*innen und der Geschäftsführung verstellen gerne auch den Blick auf die ungleichmäßige Verteilung der Kreativgesellschaft-Aktivitäten im Stadtgebiet. So bleibt der Hamburger Süden, insbesondere Harburg, von nennenswerten, sichtbar durch die Kreativgesellschaft initiierten Projekten weitgehend unberührt. Die Sprinkenhof GmbH, die nun die Alte Schule in St. Pauli einer kreativen Nutzung zuführt, ist beispielsweise auch für das seit zwei Jahren leerstehende und zentral gelegene Karstadt-Gebäude in Harburg verantwortlich. Obwohl im Kontext dieses prominenten Leerstands immer wieder die Möglichkeit einer kulturellen Zwischennutzung diskutiert wurde, prägt nach wie vor primär der Leerstand das Stadtbild Harburgs – eine Leerstelle in der ansonsten so positiv gezeichneten Bilanz der Raumentwicklung. Die dargelegten Erfolgsgeschichten und Zukunftsvisionen der Akteur*innen lassen demnach wesentliche Bereiche der Stadt abseits des Zentrums und etablierter Kulturquartiere unbeachtet.

Der Blick nach vorn ist geprägt von der Auseinandersetzung mit Schlüsseltechnologien und der strategischen Allianzbildung. Die kommende AI MEDIA LEADERS Konferenz am 27. November 2025 ist ein Indiz dafür, dass die Hamburg Kreativ Gesellschaft die Herausforderungen und Potenziale Künstlicher Intelligenz in der Branche proaktiv adressiert. Die Fortsetzung des German Creative Economy Summit 2026 unterstreicht zudem den Anspruch, Hamburg als nationalen Knotenpunkt für den Diskurs und die Vernetzung der Kreativwirtschaft zu etablieren.

Insgesamt zeigt das 15-jährige Bestehen der Hamburg Kreativ Gesellschaft also durchaus eine beeindruckende Entwicklung von einer jungen Fördereinrichtung zu einem etablierten Akteur, der maßgeblich zur Positionierung Hamburgs als Kreativstandort beiträgt. Die Herausforderung für die Zukunft wird darin liegen, die Balance zwischen wirtschaftlicher Effizienz, künstlerischer Freiheit und gesellschaftlicher Wirkung kontinuierlich zu justieren, um die Vitalität dieses dynamischen Sektors nachhaltig zu sichern. Das Engagement für „Stakeholder-Engagement“, eine robuste „Kulturinfrastruktur“ und ein lebendiger „öffentlicher Diskurs“ bleiben dabei die unentbehrlichen Koordinaten ihres Handelns, wobei die Frage nach einer gerechteren spatialen Verteilung der kreativen Impulse in der gesamten Stadt eine kritische Konstante bleiben muss.

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Archäologisches Museum Hamburg und Stadtmuseum Harburg starten Kulturangebot https://www.tiefgang.net/archaeologisches-museum-hamburg-und-stadtmuseum-harburg-starten-kulturangebot/ Fri, 21 Feb 2025 23:13:19 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=11517 [...]]]> Seit dem 20. Februar ist das ehemalige Karstadt-Kaufhaus in der Harburger Innenstadt ein kreativer Kultur-Treffpunkt.So verlautet es aus dem Senat.

Die offizielle Pressemiteilung:

„Der zur Finanzbehörde gehörende Landesbetrieb Immobilienmanagement und Grundvermögen hatte das Gebäude erworben. Das Archäologische Museum Hamburg und Stadtmuseum Harburg ist mit einer Museumsdependance in das Erdgeschoss des neuen „Planet Harburg“ eingezogen. Mit diesem Angebot kommt das Museum direkt zu seinem Publikum und lädt alle ein, in gleich mehreren Ausstellungen zur Harburger Stadtgeschichte den Hamburger Süden auf ganz neue Weise zu entdecken. Zusätzlich wird ein Multifunktionsraum für Vorträge und Veranstaltungen zur Verfügung stehen. Der Senat stellt für die Museumsdependance Investitionsmittel in Höhe von 300.000 Euro bereit. Der Eintritt ist frei, alle sind willkommen. Heute, am 19. Februar, eröffnete das Museum im Beisein des Finanzsenators Dr. Andreas Dressel und des Senators für Kultur und Medien Dr. Carsten Brosda die neue Museumsdependance im Herzen Harburgs.

Dr. Andreas Dressel, Finanzsenator: „Wir haben das Karstadt-Gebäude im Wege des Vorkaufsrechts erworben, um einen entscheidenden Impuls für die Entwicklung der Harburger Innenstadt zu leisten. Bevor langfristige Weiterentwicklungen weiter geplant werden, kehrt mit dem ‚Planet Harburg‘ schon jetzt – PopUp im besten Sinne – sehr schnell wieder Leben ein in das ehemalige Kaufhaus in der Harburger City. Wir haben uns gemeinsam mit unserem Landesbetrieb Immobilienmanagement und Grundvermögen, der Sprinkenhof, dem Bezirk, dem Archäologischen Museum Hamburg und Stadtmuseum Harburg, der Kulturbehörde und vielen anderen Beteiligten sehr intensiv darum gekümmert, das Gebäude für die Menschen im Bezirk kurzfristig zu öffnen und neue spannende Angebote zu bieten. Vor diesem Hintergrund ist das Projekt ‚Planet Harburg‘ ein toller Auftakt. Flohmärkte und viele andere Anziehungspunkte werden folgen. Harburg gewinnt!“

Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien: „Der ‚Planet Harburg‘ ist ein wunderbares Beispiel dafür, was Kultur in Hamburg bewirken kann. Einst ein Kaufhaus, wird das vormals leerstehende Karstadt-Gebäude nun ein kultureller Anlaufpunkt in zentraler Lage. Die Museumsdependance des Archäologischen Museums Hamburg und Stadtmuseums Harburg haucht ihm nun mit ihren stadthistorischen Ausstellungen neues Leben ein und bereichert damit nicht nur die Vielfalt der Kulturstadt Hamburg. Hier entsteht ein neuer, dynamischer Treffpunkt, der alle zum Austausch und Lernen über die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft einlädt – bei freiem Eintritt für alle.“

Dierk Trispel, Stellvertretender Bezirksamtsleiter Harburg: „Die Eröffnung der Museumsdependance des Archäologischen Museums Hamburg und Stadtmuseums Harburg im ‚Planet Harburg‘ ist ein bedeutender Schritt in unserer Vision, dem Gebäude neues Leben einzuhauchen und einen Ort der Kultur, des Wissens und der Begegnung für den Bezirk Harburg zu schaffen. Das Museum ist dabei ein wertvoller Partner an unserer Seite, indem es nicht nur spannende Einblicke in die Vergangenheit bietet und mit seinem Engagement den kulturellen Austausch fördert, sondern auch mit dem multifunktionalen Vortragsaal vielfältige Nutzungsmöglichkeiten für Veranstaltungen und Vorträge ermöglicht.“

Prof. Dr. Rainer-Maria Weiss, Direktor des Archäologischen Museums Hamburg und Stadtmuseums Harburg: „Mit der Dependance ‚Planet Harburg‘ schlägt das Museum erneut einen innovativen Weg ein, um ein niedrigschwelliges Angebot für alle gesellschaftlichen Gruppen zu schaffen. Es gibt in der Harburger Innenstadt kaum einen exponierteren Ort als das ehemalige Kaufhaus-Gebäude, und es freut uns besonders, dass wir hier mit einem kostenfreien Kulturangebot Besucher erreichen, die sonst vielleicht nicht ins Museum gehen würden.“

Informationen zum „Planet Harburg“

Mit diesem Ausstellungsprojekt schlägt das Archäologische Museum Hamburg und Stadtmuseum Harburg ein neues spannendes Kapitel auf: Zentral gelegen am Herbert-und-Greta-Wehner-Platz und in direkter Nachbarschaft zur beliebten Fußgängerzone Lüneburger Straße sowie dem Wochenmarkt am Sand, eröffnet das Museum ab Mitte Februar seine neuen Räume im ehemaligen Kaufhaus-Gebäude. Die Kultureinrichtung schafft so einen neuen attraktiven Anlaufpunkt im Stadtzentrum.

Das Archäologische Museum Hamburg und Stadtmuseum Harburg verfolgt bereits seit vielen Jahren konsequent den Ansatz, durch immer neue und unterschiedlichste Formate seine Vermittlungsarbeit breit aufzustellen. Schon mit dem ArchäoMobil, dem „Mini-Museum auf Rädern“, zeigt das Haus auf vielfältigen Veranstaltungen in und um Hamburg, wie viel Spaß ein Museumsbesuch machen und zum Erlebnis werden kann. Mit dem Projekt „Planet Harburg“ geht das Haus nun erneut innovative Wege, um Barrieren abzubauen und neue Zielgruppen anzusprechen. Das Museum kommt direkt zu den Menschen und vermittelt auf neue Art und Weise die Harburger Stadtgeschichte. Und das Beste: Dieses Kulturangebot ist für alle kostenfrei.

Harburger Stadtgeschichte neu inszeniert

Auf 400 Quadratmetern im Erdgeschoss des einstigen Kaufhauses zeigt das Museum zum Start gleich mehrere Sonderausstellungen zur Entwicklung der bis 1937 selbständigen Stadt Harburg und erzählt anhand von historischen Fotos und Dokumenten die spannenden Geschichten, die hinter diesem Wandel stecken.

Das Konzept hinter der Zwischennutzung

Das leerstehende Karstadt-Gebäude ist seit 2023 im Besitz der Freien und Hansestadt Hamburg. Das Konzept „Planet Harburg“ bietet einen idealen Raum für frische Impulse in der Harburger Innenstadt: Ob Ausstellungen, Veranstaltungen oder PopUp-Stores – mit kreativen Ideen für die Zwischennutzung soll sich das Gebäude zu einem attraktiven Standort entwickeln. Die Eröffnung der Ausstellungen des Archäologischen Museums Hamburg und Stadtmuseums Harburg bildet den Startschuss für die Zukunft des prestigeträchtigen Gebäudes und die Entfaltung neuer Potentiale in der Harburger Innenstadt.

Der „Planet Harburg“ feiert am 19. Februar seine Eröffnung. Alle Interessierten haben danach ab dem 20. Februar die Gelegenheit, die neuen Ausstellungsräume des Museums zu erkunden. Der Eintritt im „Planet Harburg“ ist kostenlos.

Adresse: Planet Harburg, Herbert-und-Greta-Wehner-Platz, 21073 Hamburg-Harburg

Öffnungszeiten: ab 20. Februar 2025: Mittwoch und Donnerstag, Samstag und Sonntag, jeweils von 10:00 bis 17:00 Uhr“

 

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Wortspiele am Leerstand https://www.tiefgang.net/wortspiele-am-leerstand/ Fri, 17 Jan 2025 23:22:04 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=11438 [...]]]> In Harburg steht das ehemalige Karstadtgebäude leer. Nun wird es ein leuchtendes Wortspiel.

Mitten im Zentrum Harburgs steht seit Juni 2023 das große Kaufhaus leer. Die Stadt hat es gekauft. Und nun geht das große Gerangel um große Räumlichkeiten los.

„Wir, die Gruppe „Interurban“, installieren derzeit ein beleuchtetes Wortspiel in der obersten Fensterreihe im leer stehenden Karstadtgebäude“, so Flo Tampe vom Verein „inturban“, der mit Claudia Kulenkampff (eldeich e.V.) das Projekt angeschoben hat. Auftakt der Installation ist Mittwoch, den 22.1.2025 um 19.00 Uhr

Die Aussage der Sätze werden variieren und wortspielerisch Bezug nehmen auf aktuelle Diskussionen um die Stadt. Wie zum Beispiel: wer ist die Stadt, wer sind wir, sind wir für alle, ist die Stadt für alle, etc.

„Das benötigte Material, das wir zum Bau der Buchstaben benötigten, haben wir aus recyceltem Material nutzen können, indem wir ehemalige Werbeschilder aus der Schauwerbeabteilung von Karstadt verwendet haben. Die Sätze werden nur in der Dämmerung und Dunkelheit, jeweils 3 Stunden pro Tag, über 3 Monate zu sehen sein“, so Claudia Kulenkampff.

Mal sehen, was die Aktion von der Gruppe Interurban und des Elbdeich e.V. im Stadtbild auslösen wird.

Die Gruppe Interurban bespielt Orte für und mit den Bürger*innen aus Harburg mittels künstlerischen Medien und erforscht auf diesem Wege Themen zur Stadtentwicklung. So war sie auch beim Pavillon am See gegenüber des Möbeölhauses Mömax schon aktiv. Darüber hinaus will die Gruppe mit ihren Installationen Räume und Gebäude beschreiben, die viel Interpretationsspielraum für die Bürger*innen zulassen. „In diesem Fall interessiert uns aus aktuellem Anlass das leerstehende Karstadtgebäude“, so Tampe.

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Schau-Fenster der Stadtentwicklung https://www.tiefgang.net/schau-fenster-der-stadtentwicklung/ Fri, 25 Oct 2024 22:33:18 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=11277 [...]]]> Wegschauen oder hin? Die Frage stellte sich beim leerstehenden Karstadt-Kaufhaus in Harburg. Nun wurde das Ergebnis präsentiert.Harburg Marketing setzte passend zum Herbst ein kreatives Zeichen: Während in dem ehemaligen Karstadt-Gebäude die Vorbereitungen für eine neue Nutzung auf Hochtouren laufen, erstrahlen 43 künstlerisch gestaltete Schaufenster im Zentrum der Harburger City. Die farbenfrohen Blickfänge kaschieren nicht nur den temporären Leerstand, sondern laden vor allem zum Flanieren und Entdecken ein. Die Harburger Schaufenstergalerie: Eine Hommage an Harburgs Geschichte und Zukunft Die Harburger Schaufenstergalerie erzählt Geschichten über die Vergangenheit, stellt Projekte der Gegenwart dar und lässt die innovative Zukunft Harburgs erahnen.

Sie fungiert als Wegweiser für Bürger*innen, Besucher*innen und Tourist*innen, die den Bezirk (neu) erleben möchten. Die Motive sind so platziert, dass sie die Orientierung im Stadtgebiet unterstützen, beispielsweise führen Hafenmotive in den Norden, während Rathaus, Museum und Sammlung Falckenberg Richtung Innenstadt weisen. Mit beeindruckenden Bannern, die teils bis zu 6 x 2,50 Meter groß sind, werden insgesamt 25 Themen präsentiert. Diese reichen von bekannten Wahrzeichen wie dem Harburger Bahnhof, der Lüneburger Straße, dem Wochenmarkt am Sand, dem Binnenhafen und den Harburger Rathäusern – die im Laufe der Zeit an drei verschiedenen Standorten standen – bis hin zu Geheimtipps wie dem Kunstpfad und dem Audio Walk „Hamburg can dance“. Auch Transformationen von Gebäuden und Plätzen werden beleuchtet, darunter die ehemalige Gummiwarenfabrikhalle, die heute die Kunstsammlung Falckenberg beherbergt oder der ehemalige Wartesaal des Bahnhofs, der inzwischen als Kunstverein dient. Alle Beteiligten dieses Projektes kommen aus Harburg, was die lokale Verankerung zusätzlich unterstreicht. Während die Grafik und inhaltliche Gestaltung von Sabine Schnell (reflexblue) umgesetzt wurden, hat der Hamburger Stadtmaler Ralf Schwinge zahlreiche Illustrationen beigetragen. Die Montage wurde von Michael Rusch (McCon Werbetechnik) übernommen.

Die feierliche Eröffnung fand am 25. Oktober statt. Rund 70 Gäste aus verschiedenen Branchen nahmen an der Veranstaltung teil und lauschten den Reden der Vertreter*innen Dr. Andreas Dressel (Finanzsenator), Dr. Ralf Grote (Vorstandsvorsitzender des Harburg Marketing e.V.), Prof. Dr. Rainer-Maria Weiss (Vorstand des Harburg Marketing e.V., Direktor des Archäologischen Museums Hamburg) sowie Dr. Anke Jobmann (Sozialdezernentin) und Antonia Marmon (Geschäftsführerin des Harburg Marketing e.V.). Dr. Dressel hob erneut hervor, dass das ehemalige Karstadt-Gebäude als Filetstück der Harburger Innenstadt gilt und der Kauf deshalb eine weitsichtige Entscheidung war. Die Schaufenstergalerie unterstreiche zudem eindrucksvoll, dass es nun mit großen Schritten vorangeht. Bis eine dauerhafte Lösung für die Nutzung des Gebäudes gefunden ist, bleibt die einzigartige Schaufenstergalerie ein lebendiger Beitrag zur Verschönerung der Harburger Innenstadt. Das Projekt wurde vom Harburg Marketing e.V. realisiert und finanziell maßgeblich vom Bezirksamt Harburg unterstützt.

Großer Bahnhof zur Eröffnung der Schaufenster-Galerie (Foto: Harburg Marketing e.,V.)

Citymanagerin Antonia Marmon: „Mit der Schaufenstergalerie beleben wir den Leerstand sichtbar und verwandeln das ehemalige Kaufhaus in einen lebendigen Teil der Stadt. Sie zeigt nicht nur die Geschichte Harburgs, sondern regt auch dazu an, über den ständigen Wandel unserer Stadt nachzudenken. Unser besonderer Dank gilt den kreativen Köpfen, den engagierten Geldgebern und allen, die an der Umsetzung dieses Projekts beteiligt waren.“
Sabine Schnell: „Die grafische Idee war die Transformation von Gebäuden in Harburg aufzuzeigen. Harburg verfügt über zahlreiche Gebäude, die zum Zeitpunkt der Erbauung eine gänzlich andere Funktion innehatten als heute. Diese Transformationen von ursprünglicher Nutzung zur heutigen optisch darzustellen, kann inhaltlich Impulse zu einer nötigen und fortwährenden Diskussion über die Gestaltung von Innenstädten geben. Es macht gegenwärtig, dass Transformationen immer schon stattfanden und häufig die spätere oder aktuelle Nutzung denkbar weit entfernt von naheliegenden Ideen sein kann. Die optische Darstellung sollte sich ins Gesamtbild eines lebendigen Einkaufszentrums einfügen. Zugleich geht es darum eine Geschichte des Wandels bildhaft zu erzählen.“
Der Hamburger Stadtmaler Ralf Schwinge: „Es war eine besondere Freude, Teil dieses Projekts zu sein und Harburgs Geschichte künstlerisch zu beleben. Die Schaufenstergalerie zeigt eindrucksvoll, wie sehr sich unser Stadtbild im Laufe der Jahre gewandelt hat und welche Potenziale für die Zukunft in diesem Wandel stecken. Kunst kann Menschen verbinden und Orte neu definieren – und genau das sehen wir hier in Harburg!“
Sozialdezernentin, Dr. Anke Jobmann: „Das ehemalige Karstadt-Gebäude spielt eine zentrale Rolle in der Weiterentwicklung der Harburger Innenstadt. Dieser Ort wird zu einem Symbol für den Wandel unseres Bezirks. Die Schaufenstergalerie zeigt nicht nur die Transformation unseres Bezirks, sondern lädt auch ein, aktiv über unsere Geschichte und die Möglichkeiten der Zukunft nachzudenken. Gemeinsam können wir etwas Neues und Inspirierendes schaffen, das unsere Vielfalt und die Geschichte unserer Harburger Stadtgesellschaft widerspiegelt.“

Zm Konzept

Die Grundidee, lokalen Institutionen je ein Schaufenster zur eigenen Gestaltung und eigenen Sichtbarmachung anhand zu geben, hat zwar einen interaktiven  harme des gemeinsamen Wirkens, kann aber durch eben ihre Unterschiedlichkeit bei der Anzahl und Größe der Fensterfassaden schnell unruhig, unbeholfen und
schlimmstenfalls störend in einer sonst von eher klassischen Werbeformaten geprägten Einkaufsstraße wirken.
Und so stellt sich generell die Frage: soll eine Folierung allein Leerstand kaschieren, in dem man über die Großflächen hinwegschaut? Oder kann eine Folierung die Funktion des Schau-Fensters auch durch andere als Warenwerbung erfüllen? Also Hin-Schauen statt Weg- oder Über-Schauen. Bei der Größe und Menge an Schau-Fenstern sprach vieles für Hin- statt Weg-Schauen. Zugleich stellt der hiesige Leerstand des Gebäudes natürlich auch stadtplanerische Fragen. Abriss, Umnutzung
zu Wohnungen (ohne die für Ladenzeilen wichtigen ebenerdigen Schau-Fenster) oder welche gänzlich anderen Nutzungen sind abseits eines Kaufhauses denkbar? Ein Gebäude und ein ganzes Einkaufszentrum also im Prozess der Transformation. Das braucht Diskussion, Impulse und Ideen.
Am Anfang stand also die Frage, wie die leeren Schaufenster zu einem lebendigen Teil der Stadt werden können. In zahlreichen Brainstormings entwickelten die Grfaikerin Sabine Schnell mit der Agentur Kulturspinnerei verschiedene Ideen, bis schließlich die Idee einer historischen Zeitreise durch Harburg geboren war. „Der Arbeitstitel „Schau-Fenster der Geschichte“ schien uns hier passend“, so Sabine Schnell.

Die Idee war die Transformation von Gebäuden in Harburg aufzuzeigen. Harburg verfügt über zahlreiche Gebäude, die zum Zeitpunkt der Erbauung eine gänzlich andere Funktion innehatten als heute. Die TU Hamburg nutzt eine alte Pionierkaserne, die Kunstsammlung Harald Falckenberg eine alte Gummifabrik, ein altes Handelskontor oder eine alte Fischhalle sind zu Kulturorten geworden. Diese Transformationen von ursprünglicher Nutzung zur heutigen optisch darzustellen, kann inhaltlich Impulse zu einer nötigen und fortwährenden Diskussion über die Gestaltung von Innenstädten geben. Es macht gegenwärtig, dass Transformationen immer schon stattfanden und häufig die spätere oder aktuelle Nutzung denkbar weit entfernt von naheliegenden Ideen sein kann.
Man kann also die Schau-Fenster nutzen, um
a) die Geschichte von Transformationen Harburgs darzustellen
b) die Anregungen können zugleich Impulse zu Ideen der konkreten Neunutzung des Kaufhaus-Gebäudes geben,
c) regen Diskussion unter Passant*innen und Einwohner*innen an und
d) eben bestenfalls den Weg zu einem sogenannten stadtplanerischen „Third Place“ als Gegenpol zu Arbeits- und Wohn-Gegend: ein frequentierter Ort des Treffens, der Bildung und Kultur und des Gemeinsamen als belebender Ort.
Kurzum: Hin- statt Weg- Gucken. Arbeitstitel: Schau-Fenster der Geschichte Harburgs!

Fragen der Umsetzung

Die optische Darstellung sollte sich ins Gesamtbild eines lebendigen Einkaufszentrums einfügen. Zugleich geht es darum eine Geschichte des Wandels bildhaft zu erzählen. Die Betrachtenden werden unmittelbar mit den Bildern konfrontiert. Vorkenntnisse aber auch textliche Erläuterungen sollten also weitestgehend vermieden werden um eine möglichst breite Wirkung zu erzielen. Die Frage ist die einer bildlichen Ästhetik, die zur Betrachtung einlädt und nicht einfordert.
Rein grafisch steht den konzeptionellen Ideen nun die Frage nach der Qualität der einzusetzenden Bilder: 4×2,5m setzt eine enorm hohe Auflösung der Bilder voraus, die insbesondere bei historischen Motiven die Auswahl reduziert. Eine weitere Einschränkung in der Motivwahl spielt die Ästhetik: erkennt man das Gebäude? Spricht es an und ist es motivisch zentral oder Beiwerk eines eigentlich anderen Fotomotivs? Um so näher die Gebäude zum Standort des leeren Kaufhauses liegen, umso besser, da auch Menschen ohne Ortskenntnis am ehesten einen Déjavu-Effekt haben können.

Die Auswahl der Motive war eine spannende Herausforderung. „Wir haben uns für Gebäude entschieden, die einen besonderen Stellenwert in der Geschichte Harburgs haben und gleichzeitig einen Bezug zur heutigen Stadt bieten. Bei der Recherche in historischen Publikationen Harburgs, im Stadtmuseum Harburg, der Harburger Geschichtswerkstatt oder bei diversen Institutionen trafen wir eine Vorauswahl von das Stadtbild prägenden Gebäuden. Dann reduzierte sich die Auswahl durch die nötige Qualität oder Digitalisierung der Bilder. Um den Prozess der Transformation zu verdeutlichen brauchte es bestenfalls auch aktuelle Bilder aus der gleichen Perspektive. Die klassische Anwendung von schwarz/weiss für historisch und bunt für aktuell sollte aber keinen Charakter der katalogischen Gegenüberstellung bekommen. Ein alle Folien umfassender Rahmen oder Roter Faden, fließende Übergänge innerhalb der Bildmotive und spielerische Anordnungen nach ästhetischen Gesichtspunkten sorgen dann für eine ansprechende Leichtigkeit.“

Wo etwa Fotos nicht vorhanden waren, kam Stadtmaler Ralf Schwinge zum Einsatz …

Um den möglichen Impuls zu Gedanken der transformativen Veränderung vertiefen zu können, ermöglichen QR-Codes zu historischen Quellen dem Betrachtenden den aufkommenden Fragen selbst nachzugehen. So stößt er schnell auf seriöse Websites etwa des Stadtmuseums Harburg oder der des Harburger Geschichtspfads. Die Anordnung der oft örtlich naheliegenden Motive weist zudem stets nach Himmelsrichtung zum realen Ort. Motive wie die Fischhalle oder der alte Hafenspeicher also auf der nördlichen Gebäudeseite, Museum oder Rathaus eben zur südlichen Seite, wo sie auch vom Kaufhausgebäude her liegen. So steht der Betrachtende also stets dort vor einem Motiv, wo er sich umgewandt zum realen Standort begeben kann. So wird bestenfalls Bildbetrachtung und Verbindung zum Hier und Jetzt subtil verknüpft. Da wo es keine Lösungen durch Fotoauswahl gibt, können punktuell künstlerische Zeichnungen eingesetzt werden und zugleich die Bilderstrecke spielerisch auflockern.

Die Lösung

An 42 Fenstern und Folien entsteht eine in sich durchstrukturierte und abgestimmte Bildstrecke, die im Grunde einen unterhaltsamen historischen Rundgang beim Gebäuderundgang ersetzt. Die hiesige Glasfront wird zum Schau-Fenster von Harburgs Geschichte, die immer schon Veränderungsprozessen ausgesetzt war. Das einstige Kaufhaus wird selbst zum Rundgang durch Harburgs Stadtentwicklung und ist zugleich Teil desselben. Idealistisch ist die Betrachtung des leerstehenden Gebäudes durch die Bilderstrecke eine impulsgebende Wanderung durch Harburgs Stadtentwicklung und zugleich die Frage nach dem Wandel des Gebäudes selbst.
Wenn wir interessiert die Bilderstrecke ablaufen und über Transformationen sinnieren stehen wir wo?!!
Auf zu neuen Ufern!

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