Kulturpolitik Harburg https://www.tiefgang.net Tue, 30 Apr 2019 10:00:27 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1 Wie steht es in Harburg um die Kultur? https://www.tiefgang.net/wie-steht-es-in-harburg-um-die-kultur/ Fri, 03 May 2019 22:50:53 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=5206 [...]]]> Die Kultur hat es in Harburg schwer. Wird mit den Wahlen am 26. Mai alles besser? Ein Blick auf die Programme …

Es ist Wahlkampf nicht nur fürs Europaparlament sondern auch für den Bezirk Harburg. Und zuweilen wundert sich das Wahlvolk über all die Ideen, Forderungen und Versprechungen, die gemacht werden. Es lohnt sich, genauer hinzuschauen – auch bei Fragen zur Kultur. Wir haben mal die Punkte zur Kulturpolitik herausgesucht, damit geneigte Bürger*innen sich ihre kulturpolitische Meinung bilden können.

SPD Harburg zum Thema Kultur, letzter Punkt auf Seite 12:

Eine attraktive Stadt braucht Möglichkeiten, sich in der Freizeit sportlich und kulturell zu betätigen. In Harburg sorgen Sportvereine für ein vielfältiges Angebot und Einrichtungen, wie z.B. das Archäologische Museum, die Sammlung Falckenberg und die beliebten Rathauskonzerte entfalten eine Attraktivität über Harburg hinaus. (…)

Daher werden wir: Uns dafür einsetzen, dass die vorhandenen Kultureinrichtungen wie z.B. der Rieckhof gestärkt werden Uns dafür einsetzen, dass die Sammlung Falckenberg in Harburg erhalten bleibt; Dabei helfen, neue Kulturangebote vor allem innerhalb der Zentren in Harburg und Süderelbe zu schaffen.

Quelle: harburg.spd-hamburg.de

CDU Harburg zum Thema Kultur, vorletzter Punkt, Seite 10:

Kultur hat einerseits einen hohen Freizeitwert, andererseits ist sie identitätsstiftend und von erheblicher Bedeutung für das Ansehen und das Image des Bezirks. In den vergangenen Jahren ist in diesem Bereich viel erreicht worden. (…)

Wir werden hochrangige Einrichtungen, wie das Archäologische Museum Hamburg, die Falckenberg-Sammlung und den Kunstverein Harburger Bahnhof sowie das Harburger Theater unterstützen, so dass deren Erfolgsgeschichte fortgesetzt werden kann. Die attraktiven Veranstaltungen, wie Binnenhafenfest, Außenmühlenfest und Rathausfest sollen fortgeführt werden. Zur kulturellen Szene gehört allerdings auch die Stadtteilkultur. Diese kann allerdings nur fortgeführt und ausgebaut werden, wenn die Rahmenzuweisungen, bei denen Harburg seit Jahren benachteiligt wird, deutlich erhöht werden. Dafür werden wir eintreten. Anders sind die wertvollen Angebote von Kulturwerkstatt, Kulturhaus Süderelbe und Geschichtswerkstatt nicht auszubauen. Insoweit werden wir uns auch für die gesicherte und dauerhafte Finanzierung des Rieckhofs einsetzen. Es sind vielfältige Möglichkeiten vorhanden, um bei Aufgabe oder Änderung der Nutzung von Gebäuden kulturelle Möglichkeiten aufzunehmen. (…)

Ein wesentlicher Teil von Kultur ist auch die Bewahrung historischer Bausubstanz. Dieses gilt für alte bäuerliche Gebäude ebenso, wie Kirchen, zahlreiche Gebäude in Wohngebieten und außergewöhnliche Gebäudeensemble, wie zum Beispiel Am Neugrabener Markt. Letztlich müssen auch die Möglichkeiten der Darstellung von Kunst im öffentlichen Raum verstärkt werden. Hier bedarf es einer dauerhaften Finanzierung der Werke am Kunstpfad. Letztlich kann spannende kulturelle Darstellung aber nur mit Beteiligung von Kulturschaffenden gelingen. Diese sind daher verstärkt in Überlegungen der Kommunalpolitik einzubeziehen.

Quelle: www.cdu-harburg.de

Die Grünen in Harburg zur Kultur, ab Seite 8 (von 29)

„Die Dreifaltigkeitskirche wollen wir als weiteres Harburger Kulturzentrum etablieren. Die kaum genutzten Phoenix-Hallen hinter der Sammlung Falkenberg sollen urban und multifunktional genutzt werden, auch für Kulturprojekte. Hier sollen beispielsweise dringend benötigte Atelier- und Proberäume untergebracht werden. Vieles davon ließe sich leichter finanzieren, wenn Stadtteilkulturmittel entsprechend dem Bedarf und nach einem gerechten Schlüssel unter den Stadtbezirken verteilt würden. Dafür setzen wir uns gegenüber dem Senat und der Bürgerschaft ein – wie auch dafür, dass Kulturschaffende besser und direkter an der kommunalen Kulturpolitik beteiligt werden.“

Quelle: gruene-harburg.de

Die Linke Harburg zur Kultur, ab Seite 12 (von 14):

Kunst und Kultur sind kein Luxus, sondern gehören zur bezirklichen Infrastruktur wie Schulen, Kitas, Ämter oder Straßen. In den letzten Jahren wurde dieser Bereich sträflich vernachlässigt. Es braucht aber eine angemessene Würdigung der engagierten und ohnehin oft unentgeltlichen Kulturarbeit im Bezirk – egal ob in geförderten oder nicht-geförderten Strukturen. DIE LINKE. fordert:

  • Die Stärkung und Weiterentwicklung der kulturellen Aktivitäten im Bezirk Harburg, d.h. Erfassung und Auswertung von Bedarfen der Kulturschaffenden Harburgs.
  • Die Einhaltung der Hamburger Richtlinien für Stadtteilkultur (´Globalrichtlinie`), die eine aktive Gestaltung der Kulturarbeit, die Schaffung von Perspektiven für Räume und Arbeitsmöglichkeiten der verschiedenen Genres wie Tanz, Theater, Musik, Literatur oder Bildender Kunst vorsieht.
  • Unterstützung – so gewünscht – für die herausragenden Harburger Kulturevents wie den Kulturtag, die SuedKultur Music-Night, SuedLese, Keine Knete trotzdem Fete, Umsonst & Draußen etc.
  • Die Einsetzung eines Kulturbeirats samt Verfügungsfonds mit dem Recht, Empfehlungen auszusprechen! Denn Harburgs Kultur braucht eine eigene Stimme und alle profitieren der Erfahrung und dem Gestaltungswillen der Kulturschaffenden.
  • Die aktive Abhilfe kultureller Raumnot! Auch Kultur braucht bezahlbaren Platz und Räume. Hier muss seitens des Bezirks aktive Hilfe erfolgen, um eine Abwanderung zu verhindern und der steigenden Nachfrage nach Kulturangeboten gerecht zu werden.
  • Den personellen Ausbau des bezirklichen Personals für Kultur. Kultur braucht Unterstützung – auch personell und mit Know-How. Mit einer knappen Personalstelle ist eine gute Arbeit nicht leistbar.
  • Ein Harburger Kulturbüro, damit alle Menschen sich über die zahlreichen Angebote informieren und an ihnen teilhaben können.
  • Allen Menschen die Teilhabe an Kultur zu ermöglichen, insbesondere durch preisliche Ermäßigungen.

Quelle: dielinke/Bezirkswahl2019

Neue Liberale Harburg zur Kultur, letzter Punkt, Seite 34:

Kunst und Kultur sind kreativ, hinterfragen, provozieren und regen zu Diskussionen an. Sozialliberale Kulturpolitik hat den Grundgedanken “Kultur für alle”. Von der sogenannten „Hochkultur“ bis zur „Stadtteilkultur“ und der „freien Kunstszene“ finden sich viele Ausdrucksformen von Kunst und Kultur. Kultur ist nicht nur ein elitäres Freizeitvergnügen, sondern sie betrifft alle Menschen. Kultur ermöglicht persönliche Entfaltung und ein kulturelles Miteinander. Kultur und Kunst sind wichtig für die Entwicklung einer demokratischen Gesellschaft. Die Auseinandersetzung mit Kunst trägt zur Aufklärung des Menschen bei, denn menschliches Urteilen gründet sich nicht nur auf rationale Erkenntnisse, sondern auch auf sinnliche Wahrnehmungen. Auch Harburg zeichnet sich durch seine kulturelle Vielfalt aus. Wir wollen sie erhalten und weiter beleben. Durch Einsparungen der Kulturbehörde werden primär große Einrichtungen gefördert. Die vielen kleinen Events, Einrichtungen, Initiativen und Ateliers sollen einen Platz im Bezirk haben. (…)

Wir Neue Liberale halten Kulturförderung für ein zentrales Anliegen und wollen die kulturelle Teilhabe im Bezirk Harburg verbessern. Dazu gehört auch eine bessere Transparenz bei der Vergabe von Geld für Projekte und Initiativen. Wir Neue Liberale wollen:

  • Die Stadtteilkultur in Harburg stärker fördern. Veränderungen der Einwohnerzahl in Harburg müssen bei der Förderung besser berücksichtigt werden. Nicht nur das Bestehende, auch für neue Initiativen muss es Förderungschancen geben. Bei der derzeitigen Verteilung der Stadtteilkulturmittel in Hamburg, wird Harburg zu wenig berücksichtigt, das muss sich ändern.
  • Selbstverwaltete Strukturen, wie SüdKultur stärken, z.B. durch selbstorganisierte geförderte Zentren, die die spartenübergreifende Vernetzung und die gemeinsame Nutzung von Ressourcen ermöglichen.
  • Dass SüdKultur einen festen Etat für die Vernetzungs- und Öffentlichkeitsarbeit im Bezirk, beispielsweise u.a. für den Betrieb und die Pflege der Internetseite erhält. Wir können nicht erwarten, dass diese wichtige Arbeit immer ehrenamtlich geleistet wird.
  • Die Öffentlichkeitsarbeit von der Hamburg Tourismus GmbH soll auch für die freie Künstlerszene und die vielfältigen Kultur und Kunstprojekte in Harburg intensiviert werden. Harburg hat eine reichhaltige Kulturszene, die auch nördlich der Elbe stärker wahrgenommen werden muss.
  • Die bessere Vernetzung aller Kulturschaffenden mit den bezirklichen Gremien fördern, beispielsweise durch die Schaffung eines Beirats für Kulturschaffende, der seine Empfehlungen an den Kulturausschuss der Bezirksversammlung aussprechen kann, und dort eine feste beratende Stimme hat.
  • Mehr Transparenz seitens der Kulturbehörde im Rahmen von Verwaltungsverfahren.
  • Dass der Riekhof als Bürgerhaus die nötige finanzielle Unterstützung für bauliche Sanierungen und zum Betrieb erhält.
  • Dass ausreichend Personalstellen im Bezirksamt für den Bereich Kultur vorhanden sind, und ein(e) Kulturbeauftragte(r) für Harburg eingesetzt wird.
  • Anträge und Förderbewilligungen sollen offen gelegt werden, wie es in anderen Bezirken schon üblich ist.
  • Antrags- und Abrechnungsverfahren für Förderungen sollen vereinfacht werden.
  • Dass die Sammlung Falkenberg in Harburg bleibt. Die Exponate von Weltrang bilden eine wichtige und identitätsstiftende Sammlung für den Kulturstandort Harburg. Der Verbleib der Sammlung in Harburg ist langfristig durch den Bezirk, die Kulturbehörde und die Deichtorhallen sicherzustellen.
  • Der Geschichtswerkstatt Harburg und Süderelbe weiterhin die Chance geben, damit sie mit ihrem ehrenamtlichem Engagement nachkommen und historisch wertvolle Arbeit leisten können. Stadtteilarchive und historische Ausstellungen sind wichtige Beiträge zur Kulturgeschichte. Jeder Bezirk sollte hier gleichermaßen bedacht werden. Das Stiftungsvermögen für Geschichtswerkstätten soll dafür gegebenenfalls angepasst werden.
  • Die Respektierung des Denkmalschutzes historischer Gebäude in Harburg, sowie die Prüfung und Einrichtung von Milieuschutzgebieten, wo diese geboten sind und dem Schutz besonderer Ensembles.
  • Dass die Harburger Kunstobjekte im öffentlichen Raum in einem vernünftigen Pflegezustand erhalten werden.
  • Dass beispielsweise Apps und Webseiten, die Kulturpunkte in Hamburg verzeichnen, auch verstärkt Harburger Kunstobjekte und Kultureinrichtungen sichtbar machen.
  • Die Wiederinbetriebnahme des Carl Ihrke Brunnens.

Quelle: liberale.hamburg

FDP Harburg zur Kultur ab S.16 (von 24):

Konkret fordern wir für die Kultur:

  • Kostenloser Eintritt ins Archäologische Museum: Das Archäologische Museum( Helms-Museum), soll allen Menschen einen kostenlosen Eintritt ermöglichen. Wir möchten, dass möglichst viele Menschen das Museum besuchen können, unabhängig von ihren finanziellen Möglichkeiten. Ausgeglichen werden sollen die Einnahmeausfälle durch ein erweitertes Angebot bei Gastronomie und Shop, mehr kostenpflichtige Zusatzangebote wie Führungen und Audio-Guides sowie Spenden und Fördermittel.
  • Kultur besser fördern: Wir möchten die Kultur in Harburg besser als bisher finanziell fördern. So sollen etwa der Kulturverein Harburger Bahnhof und die Geschichtswerkstätten institutionell gefördert werden, das Kulturhaus Süderelbe und die Kulturwerkstatt Harburg möchten wir langfristig sichern.
  • Kulturangebote sichtbarer machen: Die vielen Kulturangebote in Harburg sollen besser vernetzt und bekannter gemacht werden. So möchten wir die Außenwerbung etwa vom Rieckhof oder der Falckenberg-Sammlung verbessern. Wir möchten das Kulturangebot im Rahmen eines neuen Stadtmarketings intensiver bewerben, sowohl mit klassischen Werbeangeboten wie auch im Internet.
  • VHS und Bücherhallen solider finanzieren: Die wichtigen Angebote von Volkshochschule und Bücherhallen möchten wir erhalten und besser finanzieren. Wir möchten diese Einrichtungen auch für private Geldgeber und Sponsoring öffnen, damit sie unabhängiger von der staatlichen Finanzierung werden.
  • Vogelschießen und Schützenfeste aufwerten: Wir möchten die gelebte Kultur des Vogelschießens und der Schützenfeste im Bezirk erhalten und aufwerten. Gemeinsam mit den Veranstaltern möchten wir individuell und örtlich angepasst Maßnahmen für eine Attraktivitätssteigerung entwickeln und umsetzen.
  • Phoenix-Hallen zum kreativen Kunstort erweitern: Die Phoenix-Hallen sollen verstärkt für künstlerische und kulturelle Angebote genutzt werden. Wir möchten hier eine kreative Ecke in Harburg schaffen.
  • Einkaufs-Achse Sand-Phoenix-Center zur Kulturmeile aufwerten: Wir möchten die Innenstadt in Harburg durch mehr Kulturelle Angebote aufwerten. Dies belebt die Innenstadt und verbessert die Attraktivität des Standorts.
  • Niederdeutsche Sprache stärken: Wir möchten die Vermittlung und das Sprechen der Niederdeutschen Sprache im Bezirk stärken. Die Niederdeutsche Sprache ist ein wichtiger Bestandteil der Kultur, sie darf nicht in Vergessenheit geraten.
  • Weltkulturerbe Altes Land: Wir setzen uns dafür ein, dass das Alte Land als UNESCO-Weltkulturerbe anerkannt wird.

Quelle: fdpharburg.de

Zur AFD Harburg ist bislang kein Wahlprogramm zu finden.

TERMIN:

Am Die., 14. Mai 2019 um 19 Uhr lädt zudem der Verein Stadtkultur Hafen e.V. in Marias Ballroom, Lasallestraße 11, 20173 Hamburg-Harburg ein. Dorthin wurden Vertreter*innen aller Bezirksparteien zum Thema Kultur und Stadtentwicklung eingeladen und stehen Rede und Antwort. Der Eintritt ist frei.

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Das System Falckenberg https://www.tiefgang.net/das-system-falckenberg/ Fri, 09 Feb 2018 23:33:05 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=2950 [...]]]> Seit 2011 zählt die Kunstsammlung Falckenberg in Harburg zu den Deichtorhallen und es fließen zudem jährlich 570.000 € seitens der Stadt Hamburg. Eine Studie zeigt nun, durch welches Beziehungsgeflecht dies möglich wurde und auf was die Stadt sich da wirklich eingelassen hat.

Sie gilt als Stolz der Harburger Kulturpolitik und ihr Renommée reiche bis New York. Aber geht es hier wirklich um Kunst oder um geschickte Schachzüge eines vermeintlichen „Kunstverrückten“? Seit 2011 ist die einstige Privatsammlung des Unternehmers Harald Falckenberg als Dauerleihgabe an die Deichtorhallen Hamburg GmbH angegliedert, womit eine Förderung in Höhe von jährlich 570.000 € seitens der Stadt verbunden ist. In der Studienarbeit der Kunstwissenschaftlerin Norah Limberg „Die Sammlung Falckenberg im kulturpolitischen Raum“ wird die Sammlungsangliederung nun aus soziologischer und kulturpolitischer Perspektive beleuchtet. Und dabei wird aufgezeigt, welche Faktoren diese Angliederung befördert haben und vor allem, inwiefern in diesem Prozess die Prinzipien staatlicher Kunstförderung überhaupt eingehalten wurden. Es geht also um die Frage, ob die Macht von vermeintlichen Kunstmäzeen kulturpolitische Prozesse nicht nur beeinflusst, sondern vor allem ob dadurch ein Verlust des demokratischen Werts von Kulturförderung statt findet. Kurzum: Ist Harburgs Kunst-Leuchtturm ein Grund zum Stolz oder war es eher ein systematischer Schritt zu höherem Status? Ist es letztlich nicht gar ein Bärendienst, der der gesamten Kunstszene damit erwiesen wird?

Doch eins nach dem andern. Denn um zu verstehen, was hier passiert ist, lohnt sich zunächst ein Blick auf den Kunstmäzen Falckenberg selbst.

Er studierte Jura in Freiburg, Hamburg und Berlin, promovierte und war als wissenschaftlicher Assistent an der Universität Hamburg und der Freien Universität Berlin tätig. Seine juristische Laufbahn setzte er dann als Mitglied des Hamburger Verfassungsgerichts fort. Im Jahr 1979 trat Harald Falckenberg in die Gummi Ehlers GmbH Hamburg, heute ELAFLEX HIBY Tanktechnik GmbH & Co. KG, wo er bis zu seinem Ruhestand 2008 Geschäftsführer war. ELAFLEX ist eines der marktführenden Unternehmen in der Betankungsbranche und handelt mit Tankstellenzubehör, Zapfpistolen und Schläuchen. Kunstwerke zu kaufen beginnt er erst 1994, mit 50 Jahren. Fortan gefällt ihm offenbar der Habitus des Kunstkenners.

Posten und Positionen

Limberg: „Bereits ein Jahr nach dem der Unternehmer seine ersten Werke gekauft hatte, standen ihm mit dem alten Fachwerkgebäude „Pump Haus“ am Flughafen Hamburg größere Ausstellungsräume zur Verfügung, in denen regelmäßig öffentliche Veranstaltungen stattfanden. Nachdem die „Kulturstiftung Phoenix Art“ von Unternehmer Harald Falckenberg und der Phoenix-AG gegründet wurde, zog die Sammlung 2001 in die Phoenix-Hallen in Hamburg-Harburg. 2007 erwarb Harald Falckenberg einen Teil des Gebäudekomplexes und ließ es zu einem Ausstellungshaus umbauen. Seit der Eröffnung im Mai 2008 werden die Phoenix-Hallen für Einzelausstellungen sowie Themenausstellungen und Sammlungspräsentationen, aber auch als Depot für Exponate der Sammlung genutzt. Mit insgesamt 6200qm Ausstellungsfläche war er Besitzer des größten Privatmuseums in Deutschland.“ Und jetzt bricht der Hype los, der Status als Kunstmäzen beginnt seine gesellschaftliche Wirkung zu entfachen.

Im August 2010 wird zwischen Harald Falckenberg, der Deichtorhallen Hamburg GmbH und der Behörde für Kultur und Medien ein Kooperationsvertrag geschlossen, der die Sammlung von Harald Falckenberg als Dauerleihgabe an die Deichtorhallen Hamburg angliedert. Organisatorisch wird die Sammlung in den Phoenix-Hallen in Harburg laut Vertrag bis mindestens 2023 unter dem Namen Deichtorhallen Hamburg – Sammlung Falckenberg geführt. Unter der Leitung des Intendanten Dr. Dirk Luckow soll das Ausstellungskonzept rund um die Sammlung Falckenberg fortgesetzt und um neue Aspekte ergänzt werden, sowie Einzel- und Sammlungsausstellungen durchgeführt werden. Die erste Ausstellung unter der neuen Leitung wurde im Februar 2011 eröffnet.

Harald Falckenberg selbst wiederum ist neben den Tätigkeiten, die in direktem Zusammenhang zu seiner Sammlung stehen, öffentlichkeitswirksam durch die Annahme verschiedener Ämter im kulturellen Raum sichtbar. Er ist Mitgründer und im Vorstand der Kulturstiftung Phoenix art, die eben die Unterhaltung der Sammlung verfolgt. Zudem ist er Mitbegründer der W&F-Stiftung (W&F = Waitz & Falckenberg), die er gemeinsam mit Hans Jochen Waitz gegründet hat und führt. Die Stiftung dient der Förderung zeitgenössischer Kunst in der Hamburger Kunsthalle. Außerdem ist Harald Falckenberg im Aufsichtsrat der Hamburger Kunsthalle, Vorsitzender des Hamburger Kunstvereins und Mitglied im Freundeskreis der Hochschule für bildende Künste (HfBK), an der er zudem seit 2008 eine Ehrenprofessur im Studienschwerpunkt „Theorie und Geschichte“ innehat. Mittlerweile hat er zudem einen Sitz im Aufsichtsrat der Deichtorhallen Hamburg GmbH, deren Vorsitz die oder der Kultursenator inne hat.

Danach kaufte Falckenberg zudem noch die „Fundus“-Reihe der Europäischen Verlagsanstalt, ein auf Kunsttheorie spezialisierter Verlag. Und der Gründer des im Kunstbereich renommierten „Merve“-Verlags hat seine Anteile an Harald Falckenberg übertragen. Also auch die Medien in der Sparte Kunst kann Falckenberg seither „bespielen“.

So weit so gut. Irgendwie ja auch Privatsache, könnte man meinen. Was aber auch auf der politischen Seite passierte, zeigt die Studie ebenso akribisch auf. Denn 2011 – zum Zeitpunkt der Angliederung der Privatsammlung an die in öffentlicher Hand befindlichen Deichtorhallen – bezeichnete der damalige Kultursenator Reinhard Stuth dies als „wichtigen Erfolg für die Kulturmetropole Hamburg“. Nach jahrelangen Verhandlungen wurde der Kooperationsvertrag mit Harald Falckenberg geschlossen, der besagt, dass die Stadt Hamburg jährlich 570.000,- € – und zwar zunächst bis 2023 – berappt, um die Falckenberg-Sammlung im Rahmen der Deichtorhallen-Ausstellungen – quasi als Filiale – unterhalten. 70.000,- € davon für das Kuratorium. Und hier kommt der Aspekt der Politik zum Tragen. Ist es legitim, dass (Kultur-)Politik den Kunstdiskurs unweigerlich aus der Hand gibt? Also nicht nur dass die Privatsammlung mit öffentlichem Geld gefördert wird, sondern der Einfluss einer Einzelperson auf die Strukturen des städtischen Kunstlebens maßgeblich befördert wird? Das meint Limberg letztlich, wenn sie fragt, inwieweit Prinzipien staatlicher Kunstförderung überhaupt eingehalten wurden.

Attraktive kulturelle Teilhabe

Dabei stützt sich die Autorin Limberg auf die kunstsoziologische Theorie des französischen Soziologen Pierre Bourdieu (1930 – 2002). Dieser ging davon aus, dass gesellschaftliche Unterschiede recht feiner Natur sind. So sei nicht nur die Herkunft einer Person ausschlaggebend, sondern auch der sogenannte Habitus bestimme ihren Rang. Der traditionellen Aufteilung in Klassen stellte er ein hochdifferenziertes Modell entgegen, das vier Kapitalarten unterscheidet: das ökonomische, das kulturelle, das soziale und das symbolische Vermögen. Eine zentrale Rolle komme dabei dem sogenannten Habitus zu. Bourdieu verstand darunter Gewohnheiten, Güter und auch Lebensstil, die jemanden als Angehörigen einer bestimmten sozialen Gruppe kennzeichnen.

Auf den „Fall Falckenberg“ angewandt ist sein hohes Kapitalvolumen, insbesondere sein ausgeprägtes soziales Kapital. Ein Faktor, der im Wesentlichen zur Angliederung geführt hat. Zudem passte es gut, dass sich die Sammlung Falckenberg in die marketingstrategischen Pläne der Stadt Hamburg einbinden ließ und die Sammlungsangliederung somit auch als Instrument strategischer Kommunalpolitik war und ist. Drittens führt Limberg an, dass es zum Zeitpunkt der Angliederungsvereinbarung man von politischer Seite wohl auch den Hamburger*innen „eine attraktive Möglichkeit der kulturellen Teilhabe“ präsentieren wollte, um dadurch die kulturpolitische Entscheidungsmacht der Kulturbehörde zu legitimieren.

Neutralität gab es nicht

Das Fazit fällt hart aber völlig nachvollziehbar aus:  Die Prinzipien der staatlichen Kulturförderung wurden gebrochen, denn „Neutralität“ sei definitiv nicht gegeben gewesen. Vielmehr sei es Falckenbergs Netzwerk gewesen, von dem die Kulturpolitik sich habe treiben lassen. Letztlich eine Folge davon, dass „die Pluralität der kulturellen Landschaft Hamburgs nicht gefördert, wenn sogar noch geschwächt“ wurde. Falckenberg habe danach noch mehr Ämter und in durchaus entscheidenden Gremien auch hinsichtlich seiner eigenen Sammlung erlangt. Und so sei auch seine eigene Selbstdarstellung gefördert worden was wiederum gegen staatliche Kunstförderprinzipien verstoße. Limberg: „Was Harald Falckenberg vor Jahren selbst als „Skandal“ bezeichnete, vollzieht sich durch die Angliederung selbst: Durch die Aufwendung öffentlicher Mittel wird Falckenberg bereichert.“

Norah Limberg studierte ‚Kunst und Medien‘ und ‚Sozialwissenschaften‘ (B.A.) an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Seit 2015 ist sie in der Kultureinrichtung Werkschule – Werkstatt für Kunst und Kulturarbeit e.V. in Oldenburg tätig und studiert seit September 2016 ‚Kunst- und Medienwissenschaft‘ (M.A.), ebenfalls an der CvO Universität Oldenburg.

Die Studie „Die Sammlung Falckenberg im kulturpolitischen Raum. Von Wirkungen der Sammlungsangliederung  an eine städtische Institution auf die freie Kunstszene Hamburg“ ist als download verfügbar unter archiv.ask23.de

P.S.: das Hamburger Abendblatt (3. Feb. 2018) portraitierte vor einigen Tagen die Tocher Jenny Falckenberg, die als „Kunstexpertin“ und „Kunstagentin“ künftig eine eigene Sendung im „Hamburg Fernsehen“ moderiere.

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