Landeszentrale für politische Bildung Hamburg https://www.tiefgang.net Mon, 08 Mar 2021 14:59:03 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1.3 Der Warschauer Aufstand https://www.tiefgang.net/der-warschauer-aufstand/ Fri, 12 Mar 2021 23:55:12 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=7716 [...]]]> „Auf beiden Seiten der Barrikade. Fotografie und Kriegsberichterstattung im Warschauer Aufstand 1944“ ist der bezeichnende Titel einer Ausstellung, die die Hamburger Landeszentrale für politische Bildung nun zum 70. Jahrestag des „Warschauer Aufstands“ eröffnete.

Zum 70. Jahrestag des Warschauer Aufstands ließ die Landeszentrale für politische Bildung in Hamburg in Zusammenarbeit mit dem Arbeitsbereich Public History der Universität Hamburg, dem Museum des Warschauer Aufstands in Warschau sowie dem Verlag Leica Fotografie International eine historisch-fotografische Ausstellung unter dem Titel „Auf beiden Seiten der Barrikade. Fotografie und Kriegsberichterstattung im Warschauer Aufstand 1944“ erarbeiten. Die Ausstellung wurde am 1. Oktober 2014 im Mahnmal St. Nikolai in Hamburg eröffnet und ist seitdem an mehreren Orten in Deutschland präsentiert worden.

Ausgangspunkt für dieses Projekt war die Entdeckung, dass neben deutschen Fotografen, die den Aufstand dokumentiert haben – Mitglieder der Propagandakompanien (PK) der Wehrmacht und SS, die seit den 1930er Jahren standardmäßig mit Leica-Kameras ausgestattet wurden –, auch die Mehrzahl der Fotograf*innen unter den polnischen Kriegsberichterstatter*innen (PSW – Prasowi Sprawozdawcy Wojenni) mit einer Leica in Warschau fotografierte. Doch den Warschauer Aufstand nur auf der Ebene der technischen Ausrüstung zu betrachten, würde dem historischen Ereignis nicht gerecht werden. Das Kurator*innen-Team um Aleksandra Duralska (Museum des Warschauer Aufstands) und David Rojkowski (Leica Fotografie International) entschloss sich daher, seinen Fokus auf die Verwendung der Fotografien in der damaligen deutschen und polnischen Presse zu richten und sich kritisch den Pressefotografien als historischen Quellen zu nähern.

Durch den Aufstand wollte die polnische bürgerliche Opposition ihr Land von der nationalsozialistischen deutschen Besatzung befreien. Mit dem Vorrücken der Alliierten in Europa nach der Landung in der Normandie und der sowjetischen Truppen in Ostmitteleuropa schien der Zeitpunkt dafür geeignet zu sein. Die Lenkung erfolgte durch die Exilregierung der Republik Polen in London, die die Heimatarmee (AK – Armia Krajowa) befehligte. Eingebunden waren auch Truppenteile der westlichen Alliierten, die vor allem mit Hilfslieferungen (Waffen und Verpflegung) Warschau zu versorgen suchten.

Die brutale Niederschlagung des Aufstands durch deutsche SS- und Polizeieinheiten und die nachfolgende Besetzung Warschaus durch die Rote Armee, nachdem die Stadt von den deutschen Truppen nahezu vollständig zerstört worden war, führten zur Etablierung eines prosowjetischen kommunistischen Systems in Polen bis 1989/90.

Trotz der massiven Verluste und Zerstörungen der letzten Monate des Zweiten Weltkriegs konnte von engagierten Akteur*innen in Polen eine relativ große Anzahl an visuellen Dokumenten, Presseerzeugnissen, lebensgeschichtlichen Interviews, (Tage-)Büchern u.Ä. gerettet werden, die ein breites Spektrum zur Auseinandersetzung mit dem Thema bietet. In Deutschland ist die Materiallage zwar nicht so weitläufig, doch es existieren einige Dokumente, Zeitungen und Zeitschriften sowie vor allem Pressefotografien, da die Niederschlagung des Warschauer Aufstands einer der letzten großen militärischen „Erfolge“ des Deutschen Reichs im Zweiten Weltkrieg war und eine dementsprechend große Präsenz in deutschen Medien hatte. Diese Präsenz zeigt sich heute noch an der hohen Zahl überlieferter Fotografien zu diesem Thema im Bestand kommerzieller Bildagenturen wie zum Beispiel ullstein bild, bpk-Bildagentur oder Süddeutsche Zeitung Photo.

Der jahrelange unkritische Umgang mit (Propaganda-)Fotografien von dem Aufstand war eine weitere Motivation, sich in dieses Thema zu vertiefen und die heute verfügbaren Bildquellen kritisch zu untersuchen. Wichtig war uns als Kurator*innen, die Erwartung mancher Besucher*innen, anhand von Fotos zu erfahren bzw. zu sehen, wie der Warschauer Aufstand wirklich war, nicht zu erfüllen, sondern auf die konstruierte Darstellung des Ereignisses zu verweisen. Denn das, was die Menschen 1944 über den Warschauer Aufstand zu hören, zu lesen und vor allem zu sehen bekamen, war nur ein kleiner Teil des Ganzen: Viele der in der Ausstellung gezeigten Fotos sind, wie wir heute wissen, aus propagandistischen Gründen entstanden. Von den etwa 200.000 Toten in Warschau sind auf den veröffentlichten Fotos lediglich zwei zu sehen.[

Der Aufbau der Ausstellung

Die Ausstellung besteht aus zwei Teilen: Der erste Teil erzählt über die mediale Darstellung des Warschauer Aufstands in der – während der Erhebung in Warschau erscheinenden – polnischen Aufstandspresse und über die zum Teil darin veröffentlichten Bilder von PSW-Fotograf*innen. Im zweiten Teil stehen entsprechend die Eigenheiten der deutschen Presse bei der Berichterstattung über den Warschauer Aufstand und die darin zum Teil publizierten Bilder von Mitgliedern der Propagandakompanien der SS und der Wehrmacht im Vordergrund. Der stringente Aufbau der Ausstellung unterstreicht den Untersuchungszeitraum vom Beginn des Warschauer Aufstands am 1. August 1944 und seiner endgültigen Niederschlagung am 2. Oktober sowie dem Ende der deutschen Propaganda-Aktion im November 1944.

Darüber hinaus haben die Kurator*innen weitere Verbindungslinien zwischen den wichtigsten Motiven der Kriegsberichterstattung gezogen, die sich auf polnischer und deutscher Seite weitgehend deckten: das Kämpfen der eigenen Soldaten, das Zeigen der Waffen, das Darstellen des Feindes und die Zuweisung einer aktiven bzw. passiven Rolle für die Zivilbevölkerung – Motive, die bis heute die visuelle Berichterstattung über Kriege und bewaffnete Konflikte prägen.

Zu Ausstellung & Texten: https://bit.ly/3sWfirz

 

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Harburger Vogel(ab)schießen https://www.tiefgang.net/harburger-vogelabschiessen/ Fri, 24 May 2019 22:14:49 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=5318 [...]]]> 70 Jahre Grundgesetz – welch ein Grund zum Feiern. Auch in Harburg. Aber wer feiert hier was?

Harburg hat eine lange Tradition im Vogelschießen. Selbst Erste Bürgermeister sind jährlich aus Gründen der Wertschätzung verpflichtet, dem beizuwohnen. Leider wird man  auch Zeuge, wenn Harburg im übertragenen Sinne mal wieder den Vogel abschießt. Ein Paradebeispiel dafür hat der Bezirk jüngst und ausgerechnet zum Feiertag des Grundgesetzes präsentiert. Ein Projekt mit Modellcharakter, das „Demokratie ganz nah“ veranschaulichen sollte, missriet regelrecht ins Gegenteil.

Doch der Reihe nach:

Frühzeitig zu 70 Jahren Grundrechte rief die Bundeszentrale für politische Bildung  dazu auf, kreative Ideen zum Themas „Grundrechte“ zu entwickeln, um unterschiedliche Diskussions- und Beteiligungsformate anbieten. „Vor allem dort, wo Menschen bisher selten mit „der Politik“ in Berührung kommen können oder wollen. Die Bundeszentrale für politische Bildung stellt in diesem Band alle Projekte vor und lädt ein, den Erfahrungsaustausch über neue Methoden zu vertiefen.“

Die Harburger Anwältin und Kunsttherapeutin Ulrike Hinrichs bewarb sich und entwickelte das Projekt „Gemalte Freiheit“. Es hatte großen Zuspruch und brachte viele innovative Ideen hervor (´Tiefgang` berichtete „Die gemalte Freiheit“ vom  28. Juli 2018 wie auch  „Grundrechte sorgten für volles Haus“ vom 29. Sept. 2018).

Ein voller Erfolg hinsichtlich der Zielsetzung: das Projekt machte die Werte greifbar und nahbar, warb so für Respekt, Wertschätzung und Partizipation. Das Resultat sorgte dafür, dass die Landeszentrale für politische Bildung Hamburg derweil es gar als Modellprojekt für ganz Hamburg sieht. Wenn das mal nichts ist!

Nun aber zum oben erwähnten Vogel(ab)schießen. Pünktlich nun zum 70. Geburtstag unseres Grundgesetzes lädt der Bundespräsident eben zum Kaffeekränzchen die Akteure der Projekte aus den verschiedenen Bundesländern ein und bringt auch eine Dokumentation als praxisnahe Festschrift heraus. In der nimmt das Harburger Projekt eine relevante Stellung ein. Passend zum Thema und Projekt sinniert der Bundespräsident im Vorwort: „Demokratie ganz nah. Im Alltag erleben wir ja leider oft das genaue Gegenteil: Distanz, mal mit Fakten, mal mit Gefühlen begründet. Die repräsentative Demokratie, wie sie das Grundgesetz definiert, ist unter Druck geraten, weil sich viele Menschen in unserem Land nicht wahrgenommen oder nicht als Teil von ihr empfinden.“

(Die FridayForFuture-Demonstranten oder das aktuelle YouTube-Video von Rezo hatten als Projekte übrigens nicht teilgenommen … )

Harburg also mal ganz vorne. Doch wer fährt zum Kaffeekränzchen in Berlin samt Ehrung des Projektes? Nicht etwa Ulrike Hinrichs mit den Akteuren des Projektes. Nein. Harburgs Sozialdezernentin Dr. Jobmann findet sich ein und lässt sich mit dem Bundespräsi ablichten. Ganz offiziell, zählt ja zur Arbeitszeit. Doch damit nicht genug: stolz verkündet das Bezirksamt Harburg zudem am 22. Mai  in seiner Pressemitteilung auf der eigenen Facebook-Seite:

„Im Rahmen der Initiative „Demokratie ganz nah – 16 Ideen für ein gelebtes Grundgesetz“, die unter Schirmherrschaft von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier steht, darf der Bezirk Harburg die Freie und Hansestadt Hamburg mit dem Projekt „Gemalte Freiheit“ vertreten. Sozialdezernentin Dr. Anke Jobmann reiste dafür auf Einladung heute zur Matinee und Ordensverleihung zum 70. Jahrestag des #Grundgesetzes nach Berlin.

Das Projekt hat sich zur Aufgabe gemacht, mit Menschen unterschiedlicher Generationen, Herkunft und Milieus zusammenzuarbeiten und sich mit den im #Grundgesetz verankerten Grundrechten aller Menschen in #Deutschland persönlich und künstlerisch in historischer Perspektive auseinanderzusetzen. Der Ausgangsgedanke war, dass das Grundgesetz als wichtigster Ankerpunkt unserer gesellschaftlichen Grundwerte gerade in Zeiten neuer Problemlagen und polarisierender Wertekonflikte für die Zukunft der #Demokratie eine überragende Bedeutung besitzt.

Mit dem experimentellen Kunstprojekt waren alle Hamburgerinnen und Hamburger aufgerufen, ihren Blick auf das Grundgesetz künstlerisch zu gestalten. loesungskunst./grundrechte_kreativ“

Dr. Jobmann (links) feiert mit dem Bundespräsidenten Respekt, Anerkennung und Würde. (Foto: BA Harburg)

Fehlt was? Ja. Klar. Von wem kam noch die Idee? Wer ist die Urheberin (Achtung – Urheberrechte!) und wessen Lorbeeren stehen hier wem?

Später erst wird kommentarlos – als sei nichts gewesen – der Satz hinzugefügt: „Ein großer Dank an die Kunsttherapeutin Ulrike Hinrichs für die Initiierung und tolle Begleitung des Projektes!“

Respekt, Anerkennung, Würdigung … naja, so genau nimmt man es in Harburg eben nicht. Und überhaupt: hat das was mit dem Thema Grundgesetz zu tun?!? Kann ja mal passieren.

Nun, wenn man so lapidar mit diesem Thema umgeht, viel Geld für Themen wie Integration, Partizipation oder Diversität ausgibt, um es nachfolgend einfach „abzufeiern“, sollte man es vielleicht lieber ganz lassen. Selbst das Vogelschießen ist bei den Schützenvereinen  vermutlich besser aufgehoben.

Die Projekturheberin hat sich im Übrigen postalisch mit ihrer Ent-Täuschung ans Büro des Bundespräsidenten gewandt. Denn die Kreativen hätten sich gefreut und wären stolz gewesen, die Anerkennung entgegen nehmen zu dürfen. Und so macht Harburg  eben wieder auf sich aufmerksam. Dieser wundersame Teil der Weltmetropole Hamburgs …

Der „Werkstattbericht“ mit allen bundesweiten Projekten steht übrigens kostenfrei als download unter: demokratie-ganz-nah

Zum Thema siehe auch tiefgang/idee-des-gelebten-grundgesetzes

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Grundrechte sorgten für volles Haus https://www.tiefgang.net/grundrechte-sorgten-fuer-volles-haus/ Fri, 28 Sep 2018 22:53:24 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=4290 [...]]]> 70 Jahre Grundgesetz – was sagt uns das gerade in diesen Zeiten? Workshops und eine Ausstellung in Harburg zeigten: noch ist nichts verloren.

In der Pressemitteilung des Bezirksamtes Harburg heißt es:

„Am 23. September hat das Projekt „Gemalte Freiheit“ dem Publikum in der ehemaligen Dreifaltigkeitskirche erstmals seine Werke gezeigt. Trotz Regen, verkaufsoffenem Sonntag und vielen alternativen Angeboten in Harburg, besuchten rund 160 Besucherinnen und Besucher die Ausstellung in der 3falt.

Alle Harburgerinnen und Harburger, besonders solche in schwierigen Lebenslagen, waren aufgerufen sich an diesem Kunstprojekt zu beteiligen. Die Aufgabe: Einen ganz persönlichen Blick auf das Grundgesetz künstlerisch darzustellen.

Für den musikalischen Rahmen der Ausstellung sorgte Rike Reichert mit selbst komponierter Musik zum Grundgesetz. Die Vielfalt der Kunstwerke reichte beispielsweise von einer deutsch-arabischen Live-Performance, über einen Patchwork-Wandteppich der Flüchtlingsgruppe „Komm wir nähen“, bis hin zum interaktiven Fotoprojekt „Ich steh (dr)auf!“ von Andrea und Lena Hinrichs.

Weitere Informationen zum Projekt finden Sie hier: www.grundrechtekreativ.de

Das Projekt „Gemalte Freiheit“ unter der Leitung der Kunsttherapeutin Ulrike Hinrichs wird unterstützt und gefördert von der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg, den Lokalen Partnerschaften Harburg sowie dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und dem Bezirksamt Harburg.“

Quelle: www.hamburg.de/harburg

Ulrike Hinrichs führt ins Thema ein. (Foto: Olaf Shröder)

Und so beschreibt die Initiatorin Ulrike Hinrichs ihre Eindrücke:

„Die Botschaft des Projekts ist über die Kunst angekommen, das hat mich sehr fasziniert. Das war ja ein Experiment und bei Experimenten weiß man nie, ob sie auch wirklich funktionieren. Wir haben tolle Rückmeldungen von den Besuchern bekommen. Das interaktive Fotoprojekt von Andrea und Lena Hinrichs „Steh (dr)auf!“ fasst unsere Botschaft wunderbar zusammen. Viele haben sich diesem Bekenntnis vor Ort angeschlossen und sich fotografieren lassen. Auch unsere Sozialdezernentin Frau Dr. Jobmann, die ebenso wie der stellvertretende Direktor der Landeszentrale Herr Dr. Hüttmann ein berührendes Grußwort gehalten haben, war sehr angetan von der Ausstellung. Das ehemalige Kirchenschiff hatte auch seinen ganz besonderen Charme dabei. Besonders gut kam beim Publikum auch der Dialog mit den Künstler und Künstlerinnen an. Das freut mich auch sehr. Und ja, einiges hat auch nicht geklappt, aber Perfektion ist bekanntlich der Feind von Kreativität und Mut. So haben uns aufgrund des Besucherandrangs, mit dem wir in diesem Ausmaß nicht gerechnet hatten, mangels mobilem Mikrofon bei den Ansprachen nicht alle bis in die letzte Reihe verstanden. Aber Worte waren bei dieser Ausstellung auch eher unwichtig, gezählt hat die Sprache der Kunst.“  

Reges Interesse an den Grundrechten … (Foto: Rike Reichert)

Zur Projektidee: 

„Unser Grundgesetz repräsentiert unsere gesellschaftlichen Grundwerte. Sie sind ein großer Schatz, den es gerade in Zeiten starker gesellschaftlicher Spannungen mit polarisierenden Wertekonflikten zu hüten gilt. Zahlreiche Menschen fühlen sich nicht mehr gehört und sind demokratieverdrossen. Wir nähern uns den Grundrechten künstlerisch. Der künstlerische Ausdruck verdichtet und versubjektiviert ein normiertes Wertesystem. Die Kunst schafft und respektiert Vielfalt. Wir begegnen uns und kommen in einen kreativen Dialog. Das Projekt greift damit die Idee des Harburger Leitbilds „Zusammenleben in Vielfalt“ auf und knüpft an das Projekt grundrechte_kreativ an, das wir in 2017 gestartet haben.“

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