Neuenfelde https://www.tiefgang.net Wed, 22 Nov 2017 17:37:17 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1.3 Im Arbeitslager erschlagen https://www.tiefgang.net/im-arbeitslager-erschlagen/ Fri, 24 Nov 2017 23:20:14 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=2545 [...]]]> Beruflich selbständig, charakterlich lieb. Auch das konnten die Nationalsozialisten nicht ändern: Wilhelm Buchholz.

Der Tischlermeister Wilhelm Buchholz wurde am 16. Sept. 1888 in Hasselwerder (Kreis Jork) geboren, und zwar im Haus mit der heutigen Adresse Tiefenstraße 10 im Stadtteil Neuenfelde, wo er bis zu seiner Festnahme im Winter 1944/45 lebte. Die Gemeinden Hasselwerder und Nincop wurden 1929 zu Neuenfelde vereinigt. 1935 wurde Neuenfelde an den Landkreis Harburg abgetreten, und nach dem Groß-Hamburg-Gesetz von 1937 wurde es hamburgisch.

Tier- und kinderlieb

Aus alten Fotoalben ist ersichtlich, dass Wilhelm Buchholz ein sehr kinder- und tierlieber Mensch gewesen sein muss. Er musizierte gern, gehörte einer Neuenfelder Musikkapelle an und spielte auf Schützenfesten und anderen Feiern. Seine Tochter schildert ihn als humorvoll und zu Streichen aufgelegt.

Hobbyfotograf

Wilhelm Buchholz besaß als einer der ersten in Neuenfelde einen Fotoapparat. Es existieren viele Passfotos, die er von Neuenfeldern gemacht hat. Fotografie war sein Hobby, er entwickelte die Filme selbst. Er war aber auch ein politischer Mensch und Gegner der Nationalsozialisten. Deswegen stritt er oft mit seinem Sohn, der Hitler-Anhänger war. Außerdem wird erzählt, dass er bei Festumzügen und anderen feierlichen Anlässen nicht die Hakenkreuzfahne herausgehängt hatte.

„Bummelant“

Im Winter 1944/45 nahm die Gestapo ihn fest und lieferte ihn ins „Arbeitserziehungslager“ (AEL) der Gestapo in Wilhelmsburg am Langen Morgen ein. Die Gestapo unterhielt etwa 200 solcher Lager. Das Wilhelmsburger AEL war das einzige auf hamburgischem Gebiet. Die Insassen waren dort wegen angeblichen „Bummelantentums“ (besonders in Betrieben, die als kriegswichtig erklärt waren), aber auch wegen unliebsamer politischer Äußerungen, Abhörens von „Feindsendern“ oder nach Verbüßung von Strafhaft eingeliefert worden. Im Unterschied zum KZ war die Haft auf 56 Tage befristet, sie konnte aber verlängert worden. Besonders betroffen waren Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter. Das Lager am Langen Morgen war für 800 Gefangene eingerichtet, aber ständig überbelegt. Eine Frauenbaracke sollte 250 Frauen aufnehmen, zeitweise mussten hier bis zu 600 zusammengepfercht leben. Die Straße Langer Morgen war eine Parallelstraße des Eversween. Reste sind heute noch zwischen Bahngleisen sichtbar.

Selbständiger Tischler

Warum Wilhelm Buchholz in dieses Lager kam, wissen wir nicht mit Sicherheit. Entweder hat ihn ein Nachbar bei der Gestapo angeschwärzt oder er hatte sich geweigert, in der Kriegsproduktion zu arbeiten. Nachdem Joseph Goebbels im Berliner Sportpalast am 18. Februar 1943 den „totalen Krieg“ ausgerufen hatte, sollte nur noch das produziert werden, was nach Meinung der Nationalsozialisten kriegswichtig war. Wilhelm Buchholz betrieb als selbstständiger Tischler eine eigene Werkstatt. Es wird erzählt, dass er es ablehnte, diese zu schließen und in der Kriegsproduktion auf der Deutschen Werft zu arbeiten.

Die Häftlinge vom Lager Langer Morgen wurden nach dem Morgenappell nach Wilhelmsburg oder in das Hafengebiet geführt, wo sie unter steter Gefahr durch Luftangriffe arbeiten mussten. Wie in allen Lagern wurden sie völlig unzureichend ernährt. Die hygienischen Verhältnisse spotteten jeder Beschreibung. Es gab nicht einmal Seife zum Waschen, der „Gestank des Lagers Langer Morgen“ ist sprichwörtlich geworden.

Von Wachleuten erschlagen

Am 12. Februar 1945 kam Wilhelm Buchholz im Lager ums Leben. Es heißt, er wurde von den Wachmannschaften erschlagen. Er wurde 58 Jahre alt. Der Leichnam wurde nach Neuenfelde überführt. Seine Tochter, die den Sarg in Augenschein nehmen wollte, fand jedoch eine Frauenleiche vor. Dennoch hoffen seine Angehörigen, dass Wilhelm Buchholz auf dem Neuenfelder Friedhof bestattet wurde.
© Hans-Joachim Meyer

(leichte Überarbeitung für ´Tiefgang` v. Heiko Langanke)

Quellen: Lotfi, Gabriele: KZ der Gestapo. Arbeitserziehungslager im Dritten Reich, Stuttgart/München 2000; VVN-BdA Harburg (Hrsg.), Die anderen, S. 271ff.; Literatur über die Arbeitserziehungslager; alle Angaben zu Wilhelm Buchholz verdanken wir der Kirchengemeinde Neuenfelde, Verwandten oder Nachbarn, besonders seinen Enkelinnen Anna Köster und Gunda Neumann-Henneberg.

Weiterführende Links: stolpersteine-hamburg.de, www.gedenken-in-harburg.de

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Keep cool im Großstadtpfuhl https://www.tiefgang.net/keep-cool-im-grossstadtpfuhl/ Sat, 17 Jun 2017 06:00:31 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=1327 [...]]]> Die Großstadt bietet alles was das Herz begehrt – nur Ruhe eher selten. Ausgerechnet ein „Refugium“ in Airbus-Nähe soll dies nun ändern …

Wer wünscht es sich nicht? Alle Vorteile einer Metropole mit Einkauf-, Kultur-, Freizeit- und Sport-Angeboten noch und nöcher und am Besten alles direkt vor der eigenen Haustür.  Dumm nur, wenn diese viele andere Menschen auch nutzen und es zu Staus, Gedrängel, Lärm und Hektik kommt. Aber passt das Idyll des ruhigen Dorfs mit der Metropole zusammen? Stadtplaner, Umwelt-, Kulturaktivist und SuedKulturler Mathias Lintl sagt ja.

Seine Planung: das „Refugium für urban gestresste Menschen“. Ort: leerstehende Häuser in der Hasselwerderstraße 146 & 147 in Neuenfelde. Plan: der Prototyp des urbanen Dorfes von Morgen.

Und er- und geforscht hat er auch schon. Dafür gibt es den Verein „Stadtkultur Hafen e.V.“.

Von März bis August 2016 hat dieser zusammen mit dem „Büro für Kunst Bauen Stadtentwicklung üNN“ (üNN steht für die maritime Abkürzung „ über NormalNull“) auf eigene Initiative die zwei Häuser in der Hasselwerder Straße in Neuenfelde ausgiebig erkundet. Es handelte sich um gut 120 Jahre alte Häuser, die seit einem Jahrzehnt aufgrund der Airbus Landebahnverlängerung leer standen. Und Leerstand interessierte Mathias Lintl schon immer. Insbesondere die Eigenarten der Häuser, die Baussubstanz und der hübsch verwilderte Garten galt es zu erkunden.

Gedacht, geforscht, gefeiert

Es wurde gedacht, geforscht, diskutiert, gefeiert und sich mit Menschen aus Neuenfelde und Hamburg Gedanken gemacht, ob dieser Ort das Zeug hat, Heimat für ein „Refugium für urban gestresste Menschen“ zu werden.  Die Forschungsthemen klangen verrückt, brachten aber Erstaunliches zutage: Der Musiker und Künstler Harald Finke zum Beispiel ließ im Sommer 2016 „Pflanzenmusik“ im Rahmen des jährlichen stadtweiten Musikfestivals „blurred edges“ erklingen. Musiker und Pflanzen jammten zusammen. Alte Tapeten wurden ebenso erforscht, wie die Brauchbarkeit alter Hammond-Orgeln oder eines Bäckerei-Ofens.

 

Klingt abstrus? Von wegen. Philip Gaedke, Designer und Inhaber von Gaedke Tapeten, wurde gleich neugierig: „Eine wahre Fundgrube sind diese leeren Häuser in Bezug auf Geschmack und Einrichtungs-Stile vergangener Zeiten. Von besonderem Interesse natürlich die alten Tapeten“, heißt es auf seiner website, auf der er auch Überreste diverser Tapetenmuster aus Neuenfelde zeigt und als neu gestaltet Tapeten auch zum Kauf anbietet.  „Unabhängig davon, ob die Muster gefallen oder nicht, wurde hier im ersten Schritt eine kleine Dokumentation des Bestands erstellt.  Als kleine Fingerübung werden einige Muster nachgebildet, variiert und dienen dann auch als Inspiration für Neues.“

Rarität: Tapete im Bauhausstil. (Foto: Gaedke)

Das Konzept fruchtet also und stößt auf Nährboden. Mathias Lintl: „Schnell wurde klar: Wir müssen weiter, komplexer und größer denken.“

Und so könnte es vor allem ein Rückzugsort für Kreative werden. Lintl: „Viele Hamburger schätzen die Stadt als Lebens- und Wohnort. Doch oft vermissen sie Rückzugs- und Erholungsorte, an denen sie frei von Konsumzwang sich entspannen und Kraft tanken können. Da geht es Künstler*innen und Kulturschaffenden nicht anders als allen Anderen.“

Neue Art Lebenskultur

Daraus entstanden ist nunmehr ein Konzept, das die beiden Häuser als Kern hat, aber auch das Ganze mitdenkt. Ob Nahversorgung & Mobilität, Fahrradtourismus & Hostel, Backkultur & lokale Ökonomie, Wasservitalisierung & Gemeinschaftsgärten, Abriss & Neubau….

Ziel soll es nun sein an die SAGA als Hauseigentümerin zu treten, um zu sehen, ob man den vorübergehend „evakuierten“ Zustand nicht neu beleben kann und ohne Neubau eine neue Art der Lebenskultur etabliert. Urban gestresste Menschen sollten zumindest zu diesem Aspekt hell wach bleiben.

Weitere Infos unter:

refugium-neuenfelde.de

(13. Jun. 2017, hl)

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