NSDAP – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Thu, 13 Dec 2018 11:08:53 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.3 Überm Abgrund des Nichts https://www.tiefgang.net/ueberm-abgrund-des-nichts/ Sat, 08 Dec 2018 11:49:51 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=4589 [...]]]> Mancher war kein Nazi und buhlte doch um die Gunst der Machthabenden. Eine kritische Auseinandersetzung erfolgt nun auch mit den Bossards an ihrer Jesteburger Kunststätte.

Am vergangenen Wochenende eröffnete die Kunststätte Bossard ihre Ausstellung zu den Bossards in den 1930er und 40er Jahren. In einem ganztägigen Kolloquium diskutierten Fachleute gemeinsam mit dem Publikum das künstlerische Schaffen und die Weltanschauung des Künstlerpaars.

Fest steht nun, dass Johann Bossard zwar nie Mitglied der NSDAP war, dass er aber zwischen 1932 und Mitte 1934 mit einzelnen Inhalten der NS-Ideologie sympathisierte. In dieser Zeit versuchte er, mit Unterstützung seiner Förderer, Funktionäre der NSDAP für sein Gesamtkunstwerk zu begeistern. Diese Bemühungen blieben jedoch erfolglos. „Nach dem missglückten Besuch Alfred Rosenbergs und der Mordwelle vom Sommer 1934 (‚Röhm-Putsch‘) brach Bossard im September 1934 die Phase der vorsichtigen Fühlungnahme zu den neuen Machthabern abrupt ab“, stellte Museumsleiterin Dr. Gudula Mayr fest. „In der Folge verhielten sich die Bossards unauffällig und bewegten sich in vorsichtiger Distanz zum NS-Regime.“ Zusammenfassen lasse sich diese Haltung eines Rückzugs in die private und unpolitische Neutralität am besten mit Bossards eigenen Worten aus dem März 1937: „Die Erfolglosigkeit meiner Lebensarbeit ist kein Argument gegen den künstlerischen Wert meiner Werke. Vielleicht ist es sogar eine Gunst des Schicksals, dass wir nicht den Missbrauch guter Absichten zu erleben brauchen.“

Prof. Dr. Frank-Lothar Kroll von der Universität Chemnitz bestätigte diese Einschätzung. Er kam zu dem Schluss, dass Bossard zu jenen Vertretern gehörte, die „infolge einer begrenzten Übereinstimmung mit einzelnen nationalsozialistischen Weltanschauungsinhalten dem neuen Regime zunächst mit einem gewissen Wohlwollen, dann jedoch, und zwar sehr bald schon, mit wachsender Reserve und Distanz begegneten, sich mit ihm arrangierten, ohne sich ihm anzudienen oder sich ihm umstandslos zur Verfügung zu stellen.“

Udo Bermbach, Frank Lothar Kroll, Janina Willems, Magdalena Schulz, Maike Bruhns, Roger Fornoff, GudulaMayr, Rainer Rempe, Marion Junker und Ingo Engelmann beim Symposium. (Foto: Kunststätte Bossard)

Das Team der Kunststätte Bossard und der Stiftungsvorstand beschäftigt sich schon seit Längerem mit der Geschichte der Bossards in der NS-Zeit. Landrat Rainer Rempe resümierte im Podiumsgespräch: „Ich freue mich, dass es Frau Dr. Mayr gelungen ist, hochkarätige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für ein interdisziplinäres Forschungsprojekt zu gewinnen. Wir zeigen, dass wir transparent und kritisch mit der Vergangenheit des Gesamtkunstwerks umgehen. Die Befürchtungen einer NS-Belastung Bossards konnten so transparent und belastbar ausgeräumt werden.“ Mit dem sehr gut besuchten Kolloquium, der Ausstellung, einem begleitenden Katalog und der Edition von Bossards theoretischen Texten werden die Forschungsergebnisse der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. „Ein so aufwendiges Projekt konnten wir nur mit der großzügigen Förderung durch das niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur, die Ernst von Siemens Kunststiftung, die EWE Stiftung und den Freundeskreis der Kunststätte Bossard realisieren“, bedankte sich Museumsleiterin Dr. Gudula Mayr.

Die Ausstellung wird bis zum 5. Mai 2019 an der Kunststätte Bossard gezeigt. Die Schriftenedition kann ab sofort im Museumsshop oder telefonisch unter 04183 / 5112 erworben werden. Der Katalog mit den Kolloquiumsbeiträgen erscheint in Kürze.

Kunststätte Bossard, Bossardweg 95, 21266 Jesteburg, Tel. 04183 / 9759235 (Mo, Di, Fr), www.bossard.de

 

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Kunst der Wiedergutmachung https://www.tiefgang.net/kunst-der-wiedergutmachung/ Fri, 03 Aug 2018 22:35:50 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=3977 [...]]]> Wiedergutmachung kann man sehen. Etwa in der Kunsthalle. Dort hat ein Werk von Tobias Verhaecht, Nachfolger nach einem langen Weg seinen Platz einfach behalten.

Im Nationalsozialismus wurde viel Unrecht begangen. Auch in Sachen Kunst. Geraubt, enteignet, verhökert … es brauchte lange, bis man sich auch offen mit dieser Geschichte mancher Museumsstücke beschäftigen wollte. Jetzt aber sind erste Erfolge sichtbar., Im wahrsten Sinne des Wortes. In der Pressemitteilung der Kunsthalle Hamburg heißt es:

„Die Hamburger Kunsthalle hat das Ölgemälde Landschaft mit der Flucht nach Ägypten von Tobias Verhaecht (1561 – 1630), Nachfolger – ein namentlich nicht bekannter, in der Nachfolge und Art des flämischen Malers Verhaecht wirkender Künstler – restituiert und zurückgekauft. Die Rückgabe des Werkes an die Erbengemeinschaft nach Dr. Hanns Fischer erfolgte nach umfangreicher Forschung und in Anerkennung der Verfolgung Dr. Hanns Fischers durch das Nazi-Regime. Der Rückkauf des Gemäldes durch die Hamburger Kunsthalle sichert dessen Verbleib in der Sammlung des Museums.

Der Berliner Rechtsanwalt Dr. Hanns Fischer gehörte seit dem 30. Januar 1933 aufgrund seiner „jüdischen Abstammung“ zu dem Personenkreis, der in seiner Gesamtheit von der damaligen deutschen Regierung und der NSDAP aus rassischen Gründen verfolgt wurde (Kollektivverfolgung). Als niedergelassener Rechtsanwalt und Notar musste er unmittelbar nach Machtergreifung der Nationalsozialisten aufgrund von Boykottmaßnahmen einschneidende Umsatzeinbußen hinnehmen. Dr. Hanns Fischer war der Schwager von Prof. Dr. Curt Glaser, einem Berliner Arzt, Kunsthistoriker und Verfasser zahlreicher bedeutender kunsthistorischer Publikationen, der selbst eine umfangreiche Kunstsammlung besaß. Diesem übergab Fischer das Gemälde Landschaft mit der Flucht nach Ägypten. Glaser ließ es zusammen mit seinen Besitztümern auf der Auktion im Internationalen Kunst- und Auktionshaus am 9. Mai 1933 in Berlin versteigern. Wer das Werk auf der Auktion ersteigerte, konnte bisher nicht ermittelt werden. Die Freie und Hansestadt Hamburg erhielt das Gemälde von Max Arnolds, La Tour-de-Peilz (Schweiz), 1972 als Geschenk.

Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien: „Durch intensive Bemühungen aller Beteiligten ist es gelungen, eine für alle zufriedenstellende Lösung zu finden und das Werk für die Sammlung der Kunsthalle zu erhalten. Beispiele wie dieses verdeutlichen immer wieder die Relevanz der Provenienzforschung und der Arbeit, die basierend auf den Prinzipien der Washingtoner Konferenz geleistet wird. Es ist gut, dass die Hamburger Kulturinstitutionen so verantwortungsvoll mit ihren Aufgaben umgehen.“

Prof. Dr. Christoph Martin Vogtherr, Direktor der Hamburger Kunsthalle: „Der Verbleib des Werkes in der Kunsthalle stärkt nachhaltig unsere Sammlung der Landschaftsmalerei. Wir freuen uns über die einvernehmliche Lösung und die jetzt rechtmäßige Erwerbung des Gemäldes.“

Die Sammlung Alte Meister der Hamburger Kunsthalle zeichnet sich durch ihre große historische Spannweite vom frühen 15. Jahrhundert bis zum Ende des 18. Jahrhunderts aus. Die Landschaftsmalerei bildet dabei einen Hauptakzent sowohl innerhalb dieses Sammlungsbereiches als auch im übergreifenden Sammlungsprofil des Museums. Die Landschaft mit der Flucht nach Ägypten von Tobias Verhaecht, Nachfolger verstärkt die kleine Gruppe der frühen flämischen Landschaftsdarstellungen, die Idealansichten im Sinne von Weltlandschaften zeigen. Das Gemälde ist aktuell in der Sammlungspräsentation ausgestellt, die in drei Räumen die Entwicklung der Landschaftsmalerei den Besucherinnen und Besuchern unmittelbar erfahrbar macht. Das Werk wird zukünftig mit folgendem Zusatz beschriftet: „Bis 1933 Slg. Dr. Hanns Fischer, Berlin; Restitution an die Erben, 2018; Rückkauf von diesen, 2018″.

Die Einigung basiert auf den Prinzipien der Washingtoner Konferenz 1998 und in Umsetzung der Gemeinsamen Erklärung der Bundesregierung, der Länder und kommunalen Spitzenverbände zur Auffindung und Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgutes, insbesondere aus jüdischem Besitz, vom 14. September 1999.“

Quelle: www.hamburger-kunsthalle.de

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