Oper https://www.tiefgang.net Wed, 23 Aug 2023 14:54:24 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1 Kultur zum Kicken https://www.tiefgang.net/kultur-zum-kicken/ Fri, 25 Aug 2023 22:27:29 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=10204 [...]]]> Hamburgs Obere sind besessen vom Tourismus. Da passt es gut, dass auch Spiele der Fußball-Europameisterschaft in Hamburg ausgetragen werden. Und ein Touch von Kultur macht es coller. Zumal es andere bezahlen …Die Pressemeldung dieser Tage:

„Anstoß und Vorhang auf: Rund um die Fußball-Europameisterschaft 2024 findet in Hamburg ein vielfältiges Kulturprogramm statt. Die Hansestadt ist einer der Austragungsorte der UEFA EURO 2024. Bevor vom 14. Juni bis zum 14. Juli 2024 insgesamt fünf Spiele im Volksparkstadion stattfinden, zeigen verschiedene Hamburger Kulturveranstalter und -veranstalterinnen Projekte, die Fußball und Kultur verbinden, darunter Tanz, Performance, Musik, Oper. Dank einer Förderung durch die gemeinnützige Stiftung Fußball & Kultur EURO 2024 können zahlreiche Projekte realisiert werden. Einen Überblick über die Kulturveranstaltungen in Hamburg zur UEFA EURO 2024 gibt es unter www.kulturstadt.hamburg/uefaeuro2024. Die Seite wird laufend aktualisiert und erweitert.

Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien: „Ob wir im Fußballstadion oder im Zuschauerraum eines Theaters sitzen, eines ist gleich: Wir erleben in Gemeinschaft besondere Ereignisse. Sport und Kultur verbinden Menschen, schaffen Emotionen und Anlässe zum Austausch. Sie stärken den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft. Zur EURO 24 kommt in der Kulturstadt Hamburg nun beides zusammen. Viele Hamburger Kulturinstitutionen haben kreative Projekte entwickelt, die Lust auf die Spiele machen und zeigen, wie vielfältig und überraschend die Verbindungen zwischen Kultur und Fußball sind. Ich danke der Stiftung Fußball und Kultur für die Förderung der Hamburger Projekte.“

Andy Grote, Senator für Inneres und Sport: „Unter dem Turniermotto ‚United by Football‘ laden wir alle Hamburgerinnen und Hamburger ein, dabei zu sein und diese Europameisterschaft mitzugestalten. Wir wollen die verbindende Kraft des Sports nutzen, um in einer immer diverseren Gesellschaft das Gemeinsame in den Mittelpunkt zu stellen und als Land enger zusammenzurücken. Mit einem breiten Rahmen- und Kulturprogramm tragen wir den Geist der Europameisterschaft weit über die Stadien hinaus. Die UEFA EURO 2024 wird so zu einem großen Fußball-Fest für alle.“

Bernhard Gutowski, Geschäftsführer Stiftung Fußball & Kultur EURO 2024 gGmbH: „Auf Beschluss des Deutschen Bundestages wird es ein gefördertes Kunst- und Kulturprogramm zur UEFA EURO 2024 geben. Nach Abschluss der drei Förderrunden freuen wir uns auf insgesamt 58 Einzelprojekte, die bundesweit vor allem im Vorfeld der Fußball-Europameisterschaft stattfinden werden. Sämtliche Kulturgenres profitieren davon: Die Bandbreite geht von Ausstellungen über Musik und Tanz, Literatur und Film, Theater und Oper bis hin zu Veranstaltungen aus den Bereichen Bildung und Soziales.

Hamburg präsentiert sich dabei als besondere Kulturhochburg. Bereits in der Antragsphase haben uns eine Vielzahl sehr guter Projektanträge erreicht, von denen letztlich acht das Kunst- und Kulturprogramm bereichern. Mit Spannung blicken wir nun auf diese Events und freuen uns darauf, gemeinsam mit den Kulturschaffenden in Deutschland die Begeisterung auf die EURO zu entfachen. Das Kribbeln wird immer stärker!“

Oke Göttlich, Präsident FC St. Pauli und Programmbeiratsmitglied der Stiftung Fußball & Kultur EURO 2024: „Der Fußball gehört zur Kultur und die Kultur zum Fußball, das gilt insbesondere für den FC St. Pauli. Wir wollen Kulturveranstaltungen zur EURO24 gerne unterstützen beziehungsweise im oder rund um das Millerntor mit Partnern wie Kampnagel veranstalten. Unser Verein ist eng verbunden mit dem Stadtteil und der Kultur um Viertel, dazu kommt die Lage im Herzen von Hamburg, diese Stärken wollen wir einbringen, um so ein lebendiges Kulturprogramm zu fördern. Sowohl beim Sport als auch der Kultur geht es um Horizonterweiterung und die integrativen Kräfte, um viele unterschiedliche Menschen zusammenzubringen.“

Amelie Deuflhard, Intendantin Kampnagel Hamburg: „Die Verbindung von Kunst und Fußball ist für Kampnagel kein neuartiges Konzept, sondern vielmehr Konsequenz unserer bisherigen Arbeit. Eindrucksvoll zeigen dies bereits die Performances und Theaterstücke, welche derzeit im Rahmen des Internationalen Sommerfestivals umgesetzt werden. Es ist abermals ein Schritt in Richtung gesellschaftlicher Verständigung, ein Bau von Brücken, ein Blick auf das, was uns eint, anstatt das, was entzweit. Die Welt der Avantgarde und die des Sports sind sich nicht so fremd, wie es vielleicht scheinen mag und dass wir dies nun durch partnerschaftliche Zusammenarbeit in mehreren Projekten deutlich werden lassen können, erfüllt mich mit Zuversicht und großer Vorfreude!“

Gundula Hölty, Geschäftsführerin Fundus Theater: „Unsere Theaterberater:innen, eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen mit internationalen Familiengeschichten, haben die Idee zum FC FUNDUS entwickelt. Jetzt freuen wir uns darauf, dieses Projekt, das Zugänge zu Sport und Theater gleichermaßen schafft, umzusetzen und mit unserer eigenen Fußballmenschaft in Aktion mit Schüler:innen zu treten. Der gemeinsame Spaß am Spiel und die Lust, Regeln zu verhandeln und zu verändern, stärkt das soziale Miteinander in den von Diversität geprägten Schulen.“

Den Beginn macht Kampnagel Hamburg: Die Kulturfabrik hat mit „Football moves people“ einen Programmschwerpunkt zum Thema Fußball konzipiert. Die ersten Produktionen werden aktuell bereits beim Internationalen Sommerfestival gezeigt, weitere folgen im Laufe der Spielzeit 2023/24.

Kampnagel kooperiert außerdem für ein Projekt mit dem FC St. Pauli: Gemeinsam holen sie Ende Mai 2024 Juste Debout nach Hamburg, das bedeutendste Hip Hop Stand-up-Battle der Welt.

Der FC St. Pauli wird außerdem gemeinsam mit dem Reeperbahn Festival ein Projekt mit dem Elektronikkünstler Matthew Herbert realisieren. Im Rahmen dies Projekts wird Herbert eine Komposition für zwei Ensembles schaffen, die parallel zu einem Fußballspiel live aufgeführt werden soll.

Das Opernloft verbindet den Sport mit der Musik und wird eine Fußball-Oper auf die Bühne bringen, die natürlich 90 Minuten dauern soll.

Den Kindern hat das FUNDUS THEATER etwas zu bieten: Die Performerinnen des FC FUNDUS werden in Schulen gehen und dort mit Schülerinnen und Schülern über performative Fußballspiele in Dialog zu Rassismus- und Diskriminierungserfahrungen treten.

Die Altonale/STAMP bringt die Stadtteilinszenierung 24 Tore – gelebt und berührt nach Altona. 24 Kurzinszenierungen im gesamten Stadtteil, ein Hip-Hop-Battle und eine Nachtparade – alle im öffentlichen Raum – sind Teil dieses Projekts

Der Verein Football Supporters Europe wird die Ausstellung „Fan.Tastic Finals 2024“ zeigen, die auf der erfolgreichen Fan.Tastic Females-Ausstellung basiert und weibliche Nationalteam-Fankultur in Europa zum Thema hat.

Viva con Agua ist mit dem Projekt „Eleven Walls“ dabei: Insgesamt werden elf Murals künstlerisch gestaltet, um die Europameisterschaft 2024 und das Thema Wasser aufzugreifen. Die Murals sollen in zehn verschiedenen deutschen Städten, darunter Hamburg, umgesetzt werden.

Noch stehen nicht alle Veranstaltungsorte und -daten fest. Im Laufe der kommenden Monate werden die Kulturveranstaltenden ihre Projekte weiter planen. Informationen zu allen Projekten gibt es unter www.kulturstadt.hamburg/uefaeuro2024, ein Veranstaltungskalender wird ergänzt, wenn die Veranstaltungsdaten feststehen.

Nicht zuletzt schlägt die Gruppenauslosung („Final Draw“) für die Spiele in den insgesamt zehn Ausrichterstädten eine weitere entscheidende Brücke zwischen Fußball und Kultur: Sie findet am 2. Dezember 2023 in der Elbphilharmonie statt. Der „Final Draw“ legt die sechs Vierer-Gruppen fest, in denen die 24 besten Teams Europas im Sommer 2024 gegeneinander antreten. Erst dann wissen die zehn Ausrichterstädte des Turniers, welche Nationen bei ihnen spielen.

Die Stiftung Fußball & Kultur EURO 2024 gGmbH

Die Fußball-Europameisterschaft 2024 findet in Deutschland in zehn sogenannten Host Cities (Berlin, Dortmund, Düsseldorf, Frankfurt am Main, Gelsenkirchen, Hamburg, Köln, Leipzig, München, Stuttgart) statt. Für den Bund eine ideale Gelegenheit, um auf die gesellschaftlichen Werte Deutschlands in Europa hinzuweisen und die Begeisterung für die UEFA EURO 2024 zu entfachen. Daher fördert die Bundesregierung Kunst- und Kulturprojekte im Rahmen dieses kontinentalen Sportereignisses und möchte damit auch der kulturellen Vielfalt in Deutschland eine Bühne bereiten.

Für die Koordination, der auf Beschluss des Deutschen Bundestags bereitgestellten Fördermittel in Höhe von insgesamt 13,2 Mio. Euro, wurde die Stiftung Fußball & Kultur EURO 2024 gGmbH mit Sitz in Frankfurt am Main ins Leben gerufen. In drei Förderrunden von Herbst 2022 bis Frühjahr 2023 wurden gut 270 Anträge gestellt. Bundesweit sind 58 Einzelprojekte, nach Prüfung und Empfehlung seitens eines unabhängigen Programmrates, vom Aufsichtsrat bewilligt worden.

Entsprechend des Leitmotivs „Vom Fußball berührt“ richtet sich das Kunst- und Kulturprogramm nicht nur an kulturell Interessierte, sondern an ein breites Publikum – quasi an alle, die sich vom Fußball berührt fühlen.

Im Mittelpunkt der Veranstaltungen werden Werte wie Zusammenhalt und Gemeinwohl stehen, die sowohl für den Fußball als auch für die (deutsche) Kultur prägend sind. Besonderer Wert wurde bei der Auswahl auf Partizipation und Diversität, auf Nachhaltigkeit und auf Barrierefreiheit gelegt. Drei Themenschwerpunkte setzen die inhaltlichen Leitplanken: Deutsche Fußballkultur im europäischen Kontext, Politik und Gesellschaft in Europa sowie Vermittlung kultureller Bildung.“

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Millionen Zuschüsse und doch nur Mindestlohn! https://www.tiefgang.net/millionen-zuschuesse-und-doch-nur-mindestlohn/ Sun, 15 Jan 2017 14:14:57 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=435 [...]]]> Wer Theater mag, kann sich in Hamburg nicht beschweren. Über 60 Theater gibt es und es werden eher mehr. Aber geht es Ihnen auch gut?

Nehmen wir mal das Zahlenspiel vorweg: Das Schauspielhaus erhält jährlich rund 25 Mio. €, Das Thalia-Theater ca. 20 Mio. €, die Staatsoper 55,2 Mio. € und die Kulturfabrik Kampnagel ca. 5,7 Mio. €. Dazu kommen 7,9 Mio. € feste Zuschüsse zu den zahlreichen Privattheatern und nochmal Projektmittel von rd. 220.000,- €. Weitere Zuschüsse für Theatergruppen und –projekte in den Bezirken und Stadtteilen müsste man im Grunde auch noch erfassen, ist angesichts der bisherigen Zahlen aber hier mal vernachlässigt. Summiert man allein die genannten Zahlen, kommt Hamburgs Theater-Förderung auf jährlich etwa 114 Mio. €.

Klingt viel, ist viel. Aber ist es das auch wert?

Die jährlichen Steuereinnahmen des Bundeslandes Hamburg liegen derzeit bei rd. 12 Milliarden €. Demnach macht die Theaterförderung keinen Prozentpunkt aus. Genau genommen 0,95%!

Das allein ist keine Rechtfertigung, höre ich schon die Haushaltsexperten schreien. Aber beim Rückkauf einer Infrastruktur der Stromnetze in Höhe von 600 Mio. € (befürchtet wurde 1 Mrd.) oder angesichts einer – wenn auch „nur“ – anteiligen Belastung durch die HSH-Nordbank in Höhe von mehr als 18 Mrd. € (Die Welt vom 13. Jan. 2017) kann man auch getrost nach den wahren Werten der Theaterwelt suchen.

Um das Leben der Theater wird seit eh und je aus zweierlei Hinsicht ein „Kampf der Kulturen“ geführt. Zum einen führen die Intendanten mancher Theater gerne den inneren Streit öffentlich in den Feuilletons aus. Dazu später noch mehr. Es gibt aber auch den ewigen Streit mit den politischen Entscheidern, die regelmäßig am Geldhahn drehen. Selten auf, meistens zu. Und da sind die Theaterreihen wiederum geschlossen: Theaterwelt gegen Rotstift-Fraktion.

Auch hier werden gerne Zuschauerzahlen, Kosten, Zuschüsse ins Feld geführt, die aber den Wert der Kulturleistung nicht annähernd beschreiben. Gerne wird auch hier das Zahlenspiel aufgemacht, wieviel Zuschuss je Zuschauer gezahlt werde und damit im Übrigen auch ein wenig suggeriert, die Theatermachenden müssten letztlich dankbar sein, dass sie gegen Lohn arbeiten dürfen. Über eine kulturelle Infrastruktur samt notwendigen Kosten liest man dazu eher nicht. Also schauen wir mal genau auf die Zahlen.

Nach Recherche des „Hamburger Abendblattes“ sah dies für 2016 in etwa so aus:

„Jeder der 352.992 Besucher in der Staatsoper (Zuschuss: 52,55 Millionen) wurde zuletzt mit knapp 149 Euro subventioniert. Im Schauspielhaus (Zuschuss: 25,3 Millionen) lag der Wert bei 115 Euro, im Thalia (21,38 Millionen/278.493 Besucher) bei knapp 77 Euro und in der Kunsthalle (6,2 Millionen/332.000) bei 18,75 Euro.“ Aber man bedenke: je geringer der Ticketpreis, desto mehr Besucher, desto geringer der Pro-Kopf-Zuschuss. In Frankfurt wurde dies unter dem nun nach Berlin wechselnden Schauspiel-Intendanten Oliver Reese zumindest erkannt: umso mehr Kulturinteressierte Theatervorstellungen nutzen, je gefüllter auch die Ränge bei komplexeren Themen und Darbietungen. Hat man also erstmal Theater verstanden, bekommen viele wohl auch hier Lust auf mehr. Bildung im eigentlichen Sinne. (Dazu auch interessant der Artikel aus der „Welt“ mit dem Titel: „Viele Zuschauer zu wenig Zuschüsse“.)

Eintritte machen nur 20% des Etats aus

Aber auch so: der Eintritt macht oft gerade mal 20% des Gesamtetats aus. Daher ist die Diskussion über höhere Eintrittspreise zur Kostendeckung irreführend. Denn über Eintritte ist sie nicht erreichbar.

Und man muss sich vor Augen halten, über was man redet, wenn man über Theater redet. Vom Begrifflichen beschreibt Theater ja erst einmal das Schauspiel an sich. Dazu zählt aber neben dem Sprechtheater eben auch das Musiktheater mit Oper, Operette oder heute eben Musical. Und das Tanztheater mit z.B. Ballett. Wo alles zusammen betrieben wird, ist es dann ein Mehrspartentheater. Allen gemein sind die „Bretter“, die vermeintlich die Welt bedeuten und latent schwingt das Live-Erlebnis mit. Also das unmittelbare, direkt Stattfindende.

So unterschiedlich die Theaterformen, so unterschiedlich sind die Zahlenspiele. Denn auch die Anforderungen und so auch Kostenstrukturen sind nur sehr bedingt vergleichbar. So haben die Landes- oder Stadttheater in ihrer langen Tradition recht klare organisatorische und Kosten-Strukturen. Der organisatorische Bereich um Intendendanz und Direktor hat den tariflich gebundenen Personalbereich zu verwalten, meist schon mit zwei Jahren Vorlauf eine Spielzeit inhaltlich, personell und finanziell vorausplanen. Dann gibt es einen aufwendigen aber notwendigen Bereich an Technikern. Bühnenbildner, Gewandschneiderei, Regie und Regieassistenten, Maskenbildnerei, Komparsen, Licht- und Tontechnik und so weiter und so fort. Pressearbeit, Werbung, Abendkasse, Garderobe – als das schafft viel Arbeit, aber auch Arbeitsplätze.

„Harte Arbeit, die gut bezahlt werden sollte“

Aber wie sehen die eigentlich aus? Das Institut für Soziologie an der Universität Münster hat sich dies vor einiger Zeit genauer angeschaut und musste feststellen, dass zwei Drittel aller Schauspieler auf ein Jahresgehalt von unter 30.000,- € kommen. Brutto wohlgemerkt. Der Unterschied vom Brutto- zum Nettogehalt liegt durchschnittlich bei 40%.  Will heißen: 18.000 € im Jahr oder 1.500,- € im Monat ist das durchschnittliche Schauspielergehalt netto bei 240-300 Arbeitsstunden im Monat.

Reich werden auch sie nicht durchs Schauspiel: Susanne Bard u. Jörg Schüttauf in „Abraham“, Harburger Theater (Foto: Bo Lahola)

 

Und es kommt noch schlimmer: das schauspielende Personal hat zu über 70% befristete Arbeitsverträge. Entweder auf die Spielzeit oder auf einzelne Produktionen befristet. Das wiederum führt häufig dazu, dass zum Ende der Verträge meist nicht mal die gesetzliche Mindestdauer einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung erreicht wurde, um beispielsweise Arbeitslosengeld I zu erhalten.

Dafür erwartet sie ein fordernder Job, der nicht nach Stechuhr läuft und zuweilen nicht mal den Anforderungen des Mindestlohnstandards entspricht. (Vgl. Hamburger Abendblatt, 03. Dez.2016) Und ob man es glaubt oder nicht: wie in vielen künstlerischen Genres stellen auch hier Studien immer wieder fest: die meisten Schauspielenden sind arm aber glücklich.

Und das wiederum macht es selbst der Gewerkschaft schwer. Die Gewerkschaft ver.di kritisiert die Arbeitsbedingungen in der Theater- und Opernlandschaft, die sich bei den freien Theatern meist noch katastrophaler darstellt. Faire Bedingungen fehlten überall. Sie stellt aber auch fest: am meisten fehle ein gesellschaftliches Bewusstsein dafür, dass Kunst und Kultur nicht einfach so aus dem Ärmel geschüttelt werden könne, sondern harte Arbeit ist, die gut bezahlt werden sollte. Hier ist aus Sicht der Gewerkschaft neben politischer Arbeit auch Bewusstseinsarbeit bei den Betroffenen selbst notwendig. Denn bedauerlicherweise stehen Leiden- und Leidens-Schaft der Betroffenen nah beieinander: Zigtausende Hospitanten stehen Jahr für Jahr bereit, um in Dramaturgie, Kostüm oder in der Technik hart zu arbeiten, ohne dafür angemessen entlohnt zu werden. (die Zeit)

Man mag also über die Art eines jeden Theaters nach eigenem Geschmack befinden, ob es Volks-, Tanz-, Unterhaltungs- oder politisches Theater ist. Die Bedingungen aber sind immer gleich katastrophal und das wahre Drama.

Motor für Ästhetik, Ethik und Moral

Und wie steht es um die gesellschaftliche Relevanz? Denn Theater steht eben auch für die anfangs erwähnten internen Streitereien. Und das gerne und mit aller Leidenschaft. Es wird gestritten über Werte, Moral, Politik, Geld und Anstand. Das mag sie manchmal selbst in die Ecke treiben, so dass die weniger intellektuell Herangehenden das Theater als das wahre Drama betrachten und dem ganzen einen (Rot-)Strich drunter setzen wollen. Aber es ist nun mal eine der Eigenarten zumindest der Sprechtheater eben Argumente verbal und theatralisch auszutragen. Und das wiederum befähigt sie dazu, zu einem erheblichen Teil zum offenen Diskurs einer Gesellschaft beizutragen – auch wenn ein Großteil eben dieser Gesellschaft dem Schauspiel nicht beigewohnt haben mag. Theater konnte und kann immer noch Themen – so grenzwertig sie auch seien – eben spielerisch thematisieren, verbildlichen, in ihrer Einordnung helfen. Die darstellende Kunst ist ein wesentlicher Motor für das zeitgemäße Verständnis von Ästhetik, Ethik und Moral. Das ist eine der kreativen und künstlerischen Leistungen, die Theater vermag.

Denn das Schauspiel schafft es, uns der realen Welt zu entrücken. Uns in Dramen und Komödien zu entreißen. Realität anders darzustellen und so das Kriterium „anders“ auch zu vermitteln. Theater bricht Tabus, spielt mit Vorurteilen und Themen, ohne dass man es als aufdringlich empfinden muss. „Es ist ja nur ´gespielt`“.

Und doch: es sind eben häufig diese Theatermachenden, die uns Diskurse überhaupt erst ermöglichen und über die Feuilletons der Zeitungen in die Welt tragen. Sei es Amelie Deuflhard vom Kampnagel-Theater, die schon 2014 das Thema Flüchtlinge stark in den Fokus rückte und den sogenannten „Lampedusa-Flüchtlingen“ in Hamburg Obdach auf Kampnagel anbot. Dafür fing sie sich eine Strafanzeige der AfD-Partei ein. (Vgl. die Zeit v. 05. Mai 2015) Aber auch Schauspielhaus-Intendantin Karin Baier schloss sich der Initiative an und so schufen sie eine Öffentlichkeit und einen politischen Diskurs, der 2015 insofern nicht folgenlos war, als Argumente der Menschlichkeit bereits entwickelt und transportiert waren.

Oder erinnern wir 2008 an das Stück „Marat, was ist aus unserer Revolution geworden“ unter dem damaligen Schauspielhaus-Intendant Friedrich Schirmer und inszeniert von Regisseur Volker Lösch. Das Thema von Armut und Reichtum endete dort in der Verlesung der reichsten Hamburger Persönlichkeiten samt Angabe ihres Wohnsitzes durch einen Chor realer Arbeitsloser. Reichtum wurde so quasi aus dem Anonymen ins Persönliche transformiert und so anfassbar, nah, erlebbar. Zu real, fanden manche. Und so erwirkten einige der verlesenen Reichen rechtlich eine einstweilige Verfügung und Unterlassung. Die damalige Senatorin von Welck versuchte noch Minuten vor der Aufführung Einfluss auf den Intendanten auszuüben. Der ebenso verlesene Immobilienunternehmer Vogel stellte stellvertretend die eigentliche Frage: „Was hat so was im Theater zu suchen?“ Wo denn sonst?!? (Hamburger Abendblatt vom 27. Okt. 2008).

Denn genau hier zeigt sich der Wert des Theaters und seiner Themen auch für die Gesellschaft. Kunst und Kultur konfrontiert uns eben, lässt zweifeln, schafft eine Auseinandersetzung, die anderswo kaum denkbar wäre. Oder würden Sie das Thema etwa im Wirtschaftsteil Ihrer Zeitung erwarten?

(14. Jan. 2017, hl)

 

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Was ist eigentlich der „Wert der Kultur“? https://www.tiefgang.net/was-ist-eigentlich-der-wert-der-kultur/ Fri, 06 Jan 2017 19:46:24 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=384 [...]]]> „Kultur rechnet sich nicht, aber sie zahlt sich aus!“ Schön wär´s, denken Sie? Lassen Sie uns mal schauen, wie es denn so ist mit Museen, Theatern, Konzertsälen und Clubs …

Diesen alten Leitspruch von der 1999 verstorbenen Kultur-Ikone August Everding, gerne auch „Cleverding“ genannt, mag man oberflächlich betrachtet als lustig-provokant wahrnehmen. Aber es lohnt sich, den Gedanken mal im Detail zu verfolgen und zu prüfen. Denn selten wurde Kultur derart an Zahlen gemessen wie heute. Doch halten diese Zahlen wirklich Stand? Was sollen sie uns sagen und was sagen sie uns wirklich?

Ich werde es in einer lockeren Folge prüfen und dabei auch manch Erstaunliches zutage fördern. Denn so einfach wie manch selbsternannter oder wirklicher Finanzexperte und Wirtschaftsberater es darstellt, ist es nicht. Nicht nur, dass ein Theater ganz andere Erfordernisse und Ausgaben hat als ein Museum, eine Oper etwas anderes ist als ein Musical, ein Musikclub mit Gastronomie und am Eintritt bemessenen Gagen anders zu rechnen ist als ein Sinfonieorchester mit fest angestellten Musikern. Nein, es geht und muss auch immer um den gesellschaftlichen Wert von Kultur gehen. Aber kann man den eigentlich rechnen? Und wenn wie? Und worin liegt er denn genau?

Vielleicht ist es kein Zufall sondern sogar begründbar, dass eben dieser August Everding den Ausspruch wagte, Kultur sei „kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit!“ und damit ins gleiche Kulturhorn stieß wie der einstige und 2015 gestorbene Bundespräsident Richard von Weizsäcker: „Kultur ist kein Luxus, den wir uns leisten oder auch streichen können, sondern der geistige Boden, der unsere eigentliche innere Überle-bensfähigkeit sichert.“

Und es steht vorab auch fest: dies ist ein Diskurs ohne klares Ende. Aber warum ihn dann aber überhaupt führen? Weil der Diskurs, der Austausch der Argumente, unser Denken, Bewusstsein und letztlich Handeln bestimmt, nicht das Ergebnis! Und daher ist es logischerweise ein immer wieder neu zu führender Diskurs. Ein Ringen um den zeitgemäßen Umgang mit dem „Wert“ der Kultur. Und es ist ein immer neu zu bestimmende Erfordernis, diesen Wert der Kultur in unserem gesellschaftlichen Miteinander zu bestimmen. Wer macht Kultur, wer bewertet sie und für wen ist Kultur?

So wie die Regelsätze der sozialen Grundsicherung, die Renten, die steuerlichen Freibeträge oder auch die politische Mandatsbezüge von Abgeordneten alle Jahre wieder mit neuen Argumenten und neuen Mindeststandards begründet werden, so ist auch Kultur immer wieder aufs Neue einer Wertbe-stimmung ausgesetzt. Sie muss nur aufpassen, dass nicht andere allein über sie entscheiden. Sie darf ihre ureigenen Argumente nicht aufgeben, sie nicht vergessen oder sich im Munde verdrehen zu lassen. Denn sie sind ihre wichtigsten: die kulturellen Inhalte!

Und daher ist dieser Diskurs an Sie als Lesenden gerne auch als Einladung zum Mitstreiten zu verstehen. Diskutieren Sie im angebundenen Facebook-Chat mit! Er- und begründen Sie weitere Argumente im Diskurs über den Wert der Kultur und werden Sie selbst wieder zu einem Teil der dringend notwendigen Streit-Kultur!

(06. Jan. 2017, hl)

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Mit Tristan gegen die Tristesse https://www.tiefgang.net/mit-tristan-gegen-die-tristesse/ Mon, 02 Jan 2017 09:45:16 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=337 [...]]]> Über Musik zu schreiben oder zu reden, soll ja ähnlich sein, als wolle man zu Architektur tanzen. Aber so absurd ist es nun wieder nicht …

So gibt es bereits seit einer ganzen Weile eine lose Reihe von aufgelockerten Vorträgen im Kulturcafé „Komm Du“, die neben dem Hören von Musik sich auch mit Hintergründen der Komponisten und ihrer jeweiligen Zeit befasst. Und auch im Jahr 2017 kann man diese sogenannten „klassischen Abende“ nutzen, um Musik, Wissen und Unterhaltung gut miteinander zu vereinen.

Initiator und Vortragender ist ein gewisser Marc-Enrico Ibscher, Jahrgang 1966 und leidenschaftlicher Klassik- und Opern-Fan. Und das seit seiner Kindheit: “Mein Wagner-Leben begann durch die Freundschaft meiner Eltern mit Rudolf Schock“, erinnert Ibscher. „Dabei hörte ich erstmals die Gralserzählung aus ´Lohengrin` und ´Morgenlich leuchtend` aus den ´Meistersingern von Nürnberg` von der Schallplatte.“

1976 war es dann ausgerechnet eine Zeichentrickserie im ZDF, die das Wagner-Interesse erneut anstieß: sie hieß „Geschichten aus der Geschichte Die Nibelungen“ und dort trat die Trickfilmfigur Wagner als emsiger Komponist auf. Er wollte die Nibelungen als Oper komponieren und suchte dafür in lustigen Anekdoten dargestellt Sänger für die Uraufführung.

Es folgten die Lektüre des Opernführers von Ibschers Mutter, natürlich und speziell mit dem Kapitel Richard Wagner. In der 7. Klasse im Musikunterricht wurde dann Sentas Ballade aus dem „Fliegenden Holländer“, also aus der Zeit um 1978/1979, durchgenommen. Und dort entstand dann auch Ibischs erster Vortrag: „ich habe mir die Handlung des Holländers aus dem Opernführer erarbeitet und in der Klasse vorgetragen“.

1980 bekam er dann seinen ersten Querschnitt vom „Fliegenden Holländer“ auf einer Musikcassette (für die Jüngeren – der Vorgänger eines MP3s) geschenkt.

Ab 1981, also als 15jähriger, war Ibscher dann schon durch und durch Wagner-Fan und schleppte alles Taschengeld in diverse Plattenläden, um Wagner-LP’s zu kaufen. Nach und nach füllte sich das junge Archiv mit allen Musikdramen und als LP oder Cassette, zu Weihnachten, zum Geburtstag, von seinen Eltern oder selbst beschafft.

Seinen ersten Opernbesuch erlebte Ibscher – noch heute gut erinnernd –  am 5. Mai 1981, „Der fliegende Holländer“ in der Hamburgischen Staatsoper mit René Kollo als Erik und Norman Bailey als Holländer („authentische Besetzung meiner ersten MC!!!“). Ab 1983 wurde er zudem Statist an der Hamburgischen Staatsoper, im April 1985 als Ritter im Lohengrin. Sein (vorerst) letzter Statisten-Auftritt kam erst 1999 in „Turandot“.

„Zufällig erfuhr ich von der Existenz des Richard-Wagner-Verbandes und trat dem Verband im März 1992 bei. Aus beruflichen Gründen lebte ich zu dieser Zeit in Flensburg und trat auch dort sofort trat dem Flensburger Richard-Wagner-Verband bei und unterstützte die Vorsitzende, indem ich ihr Ideen für Veranstaltungen lieferte und Hamburger Referenten abwarb oder engagierte.“

1993 überließ sie ihm zum ersten mal Karten für Bayreuth (Tannhäuser und Holländer).

Eine jahrelange Zusammenarbeit rund um das Thema Wagner sorgten für Aufsätze in Fachzeitschriften und Vorträge zu Bruckner und Wagner, in den Folgejahren dann über Schumann und Schubert. Nach dem Tod der langjährigen Vorsitzenden wurde Ibscher – trotz mittlerweile wieder nach Hamburg verlegten Wohnsitzes erster Vorsitzender und ist es bis heute.

Kurzum: Ibscher ist Fachmann von Wagner und Opern allgemein. Er hielt zahlreiche Vorträge nicht nur in Flensburg, sondern auch in Hamburg, Helgoland, Düsseldorf, Münster, Graupa (Pirna/Dresden) und München über Themen wie Johann Strauß, Josef Strauß, Wilhelm Kienzl, Anton Bruckner, Friedrich von Flotow und Schumann in Verhältnis zu Wagner oder auch Rudolf Schock als Wagner-Sänger. Neuerdings gibt er auch eine Einführung in ein völlig unbekanntes, nur fragmentarisch erhaltenes Bühnenwerk Wagners.

Eines aber sei besonders erwähnt: ein Schwerpunkt seines Musikinteresses sind Musikerpersön-lichkeiten in Wagners Umfeld, aber nicht nur Freunde sondern auch Gegner wie Brahms und Schumann. „Dazu interessieren mich auch sehr seine Wurzeln, d.h. Mozart, Haydn und Gluck. Zu allen diesen Persönlichkeiten existieren Vorträge, oder sind (Haydn) noch in Arbeit.“

Seine Vorträge sind biographisch gestaltet, d.h. anhand des Lebensweges der Personen und der Entstehungsgeschichte ihrer bekanntesten oder auch unbekannteren Werke. Dazu erklingen Musikbeispiele, die etwa ein Drittel bis 40 % der Dauer des Vortrages ausmachen, neuerdings auch begleitet durch Powerpoint Präsentationen von Bildern der Komponisten und ihrer Lebens- und Wirkungsstätten. Angst vor zu viel Gerede und zu wenig Entertainment ist also unbegründet.

Ibscher füllt damit im Übrigen eine kulturelle Lücke in Harburg. Denn lange Jahre hab es die Reihe „Musik im Gespräch“ des einstigen Kulturredakteurs der „Harburger Anzeigen & Nachrichten“, Ernst Brennecke, der wöchentlich über musikalische Themen referierte und stets um die 60-70 Zuhörende in seinen Bann zog. Zuletzt gastierte die Reihe im „Stellwerk“ und wurde 2012 eingestellt. Gut nun, dass diese Tradition auf eine andere Art und Weise wieder Einzug hält.

Und wen´s interessiert, sollte sich folgende Termine im Kulturcafé „Komm Du“ (Buxethuder Straße) im Kalender notieren:

  • Am Do., 26. Jan. um 20h:“Anton Bruckner – Musikant Gottes auf Erden“

In einem Alter, das mancher seiner berühmten Kollegen, wie etwa Schubert und Mozart, nicht einmal erreichen durften, wurde Anton Bruckner (1824-1896) erst hauptberuflicher Komponist. Der Wagnerianer Bruckner, ein tiefreligiöser Sonderling und europaweit gefeierter Orgelvirtuose, wurde in seiner zweiten Lebenshälfte mit den großen Sinfonien gegen seinen Willen von der konservativen Wiener Musikkritik zu einer Art Gegenpapst zu Brahms aufgebaut. Der Vortrag zeichnet Anton Bruckners Lebensweg mit zahlreichen bekannten und unbekannten Musikbeispielen nach.

Weitere Informationen vorab:

 zu Anton Bruckner (1824 – 1896):
Anton Bruckner im Netz

Zum Reinhören: Anton Bruckner – Symphonie Nr.3 in d-moll „Wagner-Symphonie“ (1877 fassung)
Bruckner als Hörbeispiel

  • Am Do, 27.04.2017: „Friedrich von Flotow“
  • Am Do., 26.10.2017: „Joseph Haydn“

Der Eintritt ist übrigens frei, gegen eine Spende aber nichts einzuwenden!

(29. Dez. 2016, TG)

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